Reform wohin? Zum Umgang mit der verfahrenen Situation der Kirche

Etwas läuft schief in der römisch-katholischen Kirche. Der Unmut ist gewaltig. Gewiss, seit 2013 setzt der neue Papst belebende Impulse. Doch nur bedingt löst sich die Angst vor den Kirchenleitungen auf und zu lasch wird über eine neue Glaubenswirklichkeit nachgedacht. Viele, die zuvor ängstlich schwiegen, formulieren jetzt laute Kritik. Die Schwächen von Franziskus werden weitgehend geschont. Gewiss, während die sexuellen Gewalt- und Vertuschungsskandale ans Licht kamen, wurden die Reformgruppen international vernetzt, die Eckpunkte einer überfälligen Grundsanierung profiliert und endlich die Stimmen der Frauen mit ihren erfrischenden Forderungen gestärkt; inzwischen fühlen sich sogar Bischöfe zur Selbstkritik herausgefordert. Doch die erneuernden Stimmen haben noch keine Linie gefunden, die den Herausforderungen der Gegenwart gerecht wird.

Gliederung

I. Wie Struktur- und Glaubensfragen zusammenhängen

  1. Kaspers Kritik
  2. Das Schein-Risiko der Spaltung
  3. Probe aufs Exempel

II. Gestaltende Vision: Ein weltweit lebenswertes Leben

  1. Ausgangspunkt: Tiefgreifender kultureller Umbruch
  2. Folgen: Außerhalb der Welt kein Heil

III.  Freiheit als Mut zu klarer Orientierung

  1. Ausgangspunkt: Freiheit in/durch Solidarität
  2. Folgen: Geliehene Autorität

 IV. Heiligkeit der Menschenwürde, der leiblichen Liebe, der Solidarität

  1. Ausgangpunkt: Tiefgreifende Verschiebung
  2. Folgen: Neue Fakten schaffen

V. Vertrauen aus der Erfahrung eines gelingenden Lebens

  1. Ausgangspunkt: Ohne Vertrauen kein Leben
  2. Folgen: Gegenseitige Teilhabe

Schluss: Dringliche Strukturreform

Text

Im März 2019 kündigte Kardinal Marx in Absprache mit dem ZdK einen „synodalen Weg“ an und mit ihm soll sich alles ändern. Doch seine vagen und jetzt schon umstrittenen Ankündigungen erinnern an den „Gesprächsprozess“, der 2011-2015 stattfand. Trotz hohen publikumswirksamen Aufwands gebar er nicht einmal eine Maus. Schon jetzt lässt sich voraussagen, dass auch der neue Weg keinen epochalen Durchbruch erreichen wird. Besprechen will man (1) die innerkirchliche Machtstruktur, (2) die Sexualmoral, (3) die priesterliche Lebensform und (4) die Rolle von Frauen in der Kirche. Ganz gegen einen synodalen Geist hat Marx schon mal Bischöfe zu Vorsitzenden der entsprechenden Arbeitskreise eingesetzt. Sollen uns die Mächtigen erneut über ihre Dominanz, Ehelose über das Geheimnis der Sexualität, Zölibatäre über die Vorteile des Zölibats und auserwählte Männer über die Würde der Frau aufklären!? Mit einer Verzögerung von gut fünf Monaten wurden endlich noch „Laien-Vertreter“ (drei Frauen und ein Mann) als Mit-Vorsitzende hinzugefügt.

Das alles klingt absurd und nichts daran ist innovativ, denn die Kernpositionen sind jetzt schon bekannt und die Leitplanken wurden nicht versetzt. Bei den Machtfragen wird man die moralische Integrität und den Dienstcharakter der Hierarchen beschwören. Die noch immer vormoderne Sexualmoral wird mit einem abstrakten Lobpreis der Sexualität und dem Hinweis abgefedert, die Sünder (Homosexuelle und Wiederverheiratete eingeschlossen) seien zu lieben. Neuregelungen zur priesterlichen Lebensform wird man von der Zustimmung Roms abhängig machen. Frauen werden wieder einmal nicht erreichen, was ihnen wirklich zusteht. Zu diesem Pessimismus zwingen schon jetzt die zahlreichen bischöflichen Verlautbarungen über den Fahrplan sowie der päpstliche Brief vom 29.06.2019, der die strukturellen Krisensymptome relativiert. Dieses pessimistische Urteil wird durch die römischen Verlautbarungen von Mitte September nur bestätigt. Sie haben die deutschen Pläne nicht „missverstanden“, wie Kardinal Marx unterstellt, sondern genau jene Punkte benannt, die dem deutschen Projekt, offiziell entgegenstehen.

Auch andere innerkirchliche Spaltungen lassen auf keine Durchbrüche hoffen, denn sie haben sich stabilisiert. Schon lange sind die Stellungnahmen der Bischöfe ebenso vorhersagbar wie die der Reformgruppen, auch ihre Methoden sind bekannt: Die Bischöfe belehren das Gottesvolk, als sei es historisch und theologisch unterbemittelt; und die Reformorientierten beißen sich wie immer an den Bischöfen fest: sie fragen, appellieren, kritisieren möglichst freundlich und verfassen Petitionen. Tatsächlich machen sie sich so von den Hierarchen abhängig.

Stabilisiert haben sich auch die Lager innerhalb der Purpur- und Zinnoberträger und ich verstehe nicht, warum man sich so aufregt über Hardliner wie die Kardinäle W. Brandmüller, G. Müller, W. M. Woelki oder die Bischöfe K. Zdarsa und R. Voderholzer. Schließlich vertreten sie höchstoffizielle Positionen, ohne diese beschwichtigend zu „verwässern“. Ihre Warnung: Vorsicht, die Lehre nicht verwässern! Klingt allerdings unhistorisch und rein defensiv. Neue Zukunftsvisionen, spannende gesellschaftspolitische Schwerpunkte und die Suche nach einer systematischen Grundlegung bleiben aus.

Die Wurzeln dieser zähen Verweigerungskunst reichen Jahrhunderte zurück und trotz großer Begeisterung konnte das 2. Vatikanum sie nicht auflösen. Schwerwiegender noch: Bis heute werden seine Reformeffekte überschätzt. Schließlich ließ es das überhöhte privilegierte Hierarchiesystem, das vormoderne Erlösungsdenken und das irreformable Lehrgebäude vollständig intakt. Der Qualitätsvorrang der Kleriker vor den „Laien“ blieb bestehen, die Unfehlbarkeitsthese wurde noch breiter angesetzt, als sein Vorgängerkonzil (1870) es tat, und klaglos hat sich das gesamte Konzil in der entscheidenden Kirchenkonstitution der „erläuternden Vorbemerkung“ von Paul VI. gebeugt, die alle hierarchischen Bischofsprivilegien bestätigte sowie den Vorrang des Papstes in ungewohnter Schärfe klargestellt hat: „Der Papst als höchster Hirte kann seine Vollmacht jederzeit nach Gutdünken ausüben, wie es von seinem Amt her gefordert ist.“ Für diese Feststellung wäre kein Konzil nötig gewesen.

Doch damit waren die innovativen Ansätze gründlich relativiert und es hatte seine Gründe, wenn schon damals zwischen vertrauenswürdigen und anderen loyalen Theologen unterschieden wurde und am Konzilsende einige Bischöfe in die Katakomben auswichen, um dort ihren zukunftsweisenden Pakt zu schließen. Hans Küng begann schon während des Konzils mit seinem Buch Die Kirche (1967) eine biblisch inspirierte Antwort auf verpasste Chancen zu schreiben.

Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, befindet sich dieses Kirchenschiff in gefährlichen Gewässern. Ist dies die schwerste Krise seit der Reformation, gar eine Jahrtausendkrise, oder erleidet sie die Geburtswehen eines neuen Paradigmas, das sich von seinen Ursprüngen her neu durchbuchstabieren muss? Dabei bilden die sattsam bekannten ökumenischen Herausforderungen noch das geringste Problem. Vielmehr steht die rigide Rechtsgestalt des römisch fixierten Apparates zur Diskussion, ebenso der hellenistisch geprägte Bekenntnisstand und die Grundgestalt der zerfallenden Volkskirche. Eine Gesamtentwicklung der Lehre steht auf dem Prüfstand. Der intensive Versuch vieler, bei der (noch kirchenfreien) jesuanischen Lebenspraxis Anschluss zu finden, hat nicht nur wissenschaftliche, sondern auch spirituelle Gründe. Sogar die Bruchlinien zwischen der paulinischen und der jesuanischen Botschaft enthalten Sprengstoff, der aufgearbeitet werden muss. Hinzu kommen neue Grundlagenfragen, so nach dem Verhältnis zwischen dem Christentum und anderen Religionen sowie zur Frage, was Religion und Religiosität in einer säkularisierten Gesellschaft bedeuten.

Diese Anhäufung von Perspektiven stürzt auch die Reformszene in Verwirrung. Auch sie muss neu und gründlich über ihre Strategien nachdenken. Reformoffene Katholiken versuchten bisher, in ihrer Glaubensgemeinschaft als loyale Mitglieder zu agieren, dabei Spaltungen zu vermeiden und immer eine friedfertige Sprache zu pflegen. Jahrzehntelang wurden wichtige Reformen als Bitten oder verbindliche Forderungen vorgetragen, Verweigerungen milde als Missverständnisse kaschiert, die oberste Leitungsbefugnis von Bischöfen nur in Ausnahmefällen, die formale Autorität des Papstes nie in Frage gestellt. Man berief sich auf das 2. Vatikanische Konzil oder seinen Geist, verdrängte jedoch die tiefe Ambivalenz seiner von Kompromissen oft entstellten Texte. Klar, dass sich so viele Erneuerungen legitimieren ließen, doch gegenteilige Positionen konnte man genauso gut begründen.

In der Dauer von gut fünf Jahrzehnten resignierten allmählich die Reformkräfte. Teilweise verließen sie ihre Kirche oder gerieten in erfolglose Endlosschleifen. Dies führt zur Frage: Welche Fehlentwicklungen haben sie unreflektiert übernommen und warum ließen sie es (vielleicht aus falsch verstandener Restloyalität) an Konsequenzen fehlen? Eine Rückbesinnung auf die spirituellen Grundlagen von Christsein und Kirche zeigt ein Dreifaches:

– Faktisch haben sich die kirchlichen Führungseliten in erschreckender Weise von ihrem ursprünglichen Auftrag und vom Kirchenvolk entfremdet.

– Aus falsch verstandener Loyalität haben die kritischen Reformkräfte ihren Auftrag zur Erneuerung nicht radikal genug in Angriff genommen.
– So haben beide dazu beigetragen, dass die christliche Botschaft für partikulare Interessen missbraucht, zum eigenen Vorteil instrumentalisiert und in der öffentlichen Wahrnehmung verfälscht wurde.
Dies alles sind wesentliche Gründe für die  binnenkirchliche Erosion.

Wie gehen wir mit dieser erschütternden Erkenntnis um?
Inzwischen hat sich die innerkirchliche Gesamtstimmung geändert. Papst Franziskus bringt nachdrücklich moralische, klerikalismuskritische und spirituelle Gesichtspunkte ins Gespräch, ohne die unsere Glaubensbotschaft noch mehr austrocknen würde. Doch diese erneuernden Impulse reichen nicht aus für eine hochinstitutionalisierte Weltkirche, einen multikulturellen global player von 1,3 Milliarden Menschen, der jährlich um mehr als 1% wächst.

Für ihr Überleben müssen auch die Glaubenslehre, das Rechtssystem und die Führungsstruktur verbindlich saniert werden. Pastorale Aufrufe reichen dazu nicht aus. Wer grundlegende Reformen für nötig hält, kann sich nicht mit einer neuen Fassade begnügen; wer die Glaubensbotschaft kritisch in Augenschein nimmt, die Grundmauern abklopft und die alte Baumasse untersucht, stößt im Kern auf vermoderte und vormoderne Zustände, die noch immer geprägt sind von einer gestrigen Wissenschaftsangst, einem vorgestrigen Überlegenheitskomplex gegenüber dem Protestantismus sowie einer archaisch standeskirchlichen Distanz zwischen „Laien“ und den Klerikern, die ihre Vorrangansprüche zu einem Glaubensgut hochstilisiert haben.

I. Wie Struktur- und Glaubensfragen zusammenhängen

Doch die konkrete Gesamtdiskussion ist hochkomplex und lässt sich auf wenigen Seiten  nur skizzenhaft besprechen. Deshalb beschränke ich mich auf ein Diskussionsprofil, das Kardinal Walter Kasper wiederholt vorgegeben hat. Kasper, in vielen Reformkreisen wohlgelitten, gilt als vermittelnd und liberal. Zugleich gilt er als fähig, sich notfalls gegen konservative Positionen zu stemmen. In früheren Jahrzehnten hat er dies wiederholt gegenüber Kardinal Ratzinger getan. Ferner veröffentlichte er schon 1993 (damals noch Bischof von Rottenburg-Stuttgart) zusammen mit seinen Bischofskollegen von Freiburg und Mainz ein Hirtenwort zur Zulassung von konfessionsverbindenden Ehepaaren zur gemeinsamen Kommunion und reichte in Rom – wenn auch erfolglos – eine entsprechende Petition ein. Das verdient noch heute Respekt.

I/1.    Kaspers Kritik

Doch sein Reformwille hat klare Grenzen, die sich ebenfalls dokumentieren lassen. Zwischen 1970 und 1980 bezog er ‑ im Streit um die Unfehlbarkeit sowie später um den Entzug der Lehrerlaubnis von Hans Küng ‑ dezidiert Stellung gegen seinen Kollegen. Auch in seiner römischen Rede vom 20. 02. 2014 zur Zulassung von Geschiedenen zur Kommunion vermied er eine dogmatisch durchreflektierte Stellungnahme; in den darauffolgenden Jahren erwies er sich mit wachsender Entschiedenheit als Kritiker von Bemühungen um eine strukturelle Kirchenreform. Eine detaillierte Einzelkritik war ihm nicht so wichtig, wohl aber die Kritik an Strukturfragen überhaupt.

Dabei bringt er an anderer Stelle ein Argument vor, das allgemeines Misstrauen sät und den vielfachen Reformbemühungen ihre Seriosität abspricht. Statt sich in zweitrangigen[!] Strukturfragen zu verzetteln, so Kasper, sollten wir uns lieber dem Glaubensverlust der Gegenwart, also den zentralen Fragen nach Gott, Lebenssinn und Spiritualität zuwenden. Im Rahmen wachsender Säkularisierung seien sie viel wichtiger. „Die Strukturdebatten, das sind Insiderprobleme, da dürfen wir uns nichts vormachen, als ob wir die Menschen überzeugen könnten mit diesen innerkirchlichen Debatten, die wir machen müssen, aber wir müssen nach außen wirken. … Das ist der Punkt, wo ich Probleme habe mit manchen Anliegen, die hier so geäußert werden. Ich sage nicht, dass das keine Probleme sind, aber das Grundproblem ist die Gottesfrage, dass es irgendwie Gott gibt. Nehmen wir das ernst, dass es Gott ist?“[1]

Wie recht er hat! Natürlich wirkt der wachsende Glaubensverlust viel schwerer als die Frage nach innerkirchlichen Strukturproblemen. Doch Kasper instrumentalisiert diesen Zusammenhang zu reaktionären Zwecken, indem er ein Motiv unterschlägt, das für kirchliche Strukturreformen entscheidend ist. Denn genau diese intensiv diskutierten Fehlentwicklungen der Kirche verfälschen Geist und Inhalt der christlichen Botschaft bis ins Mark und erschweren massiv einen Zugang zu den Grundlagen des Glaubens. Damit überblendet Kasper auch seine eigene Rolle. Auch er ist, ob er es will oder nicht, ein hervorragender Repräsentant jener Kirchenelite, die diese Missstände stabilisiert und nachdrücklich verteidigt. Niemand hat ihn zum Bischofs- oder Kardinalsamt gezwungen. Vermutlich versteht er seine Karriere als Belohnung einer intensiven Glaubenspraxis, doch hierarchische Ämter stehen heute einem engagiert gelebten Glauben im Wege. Deshalb sollten er und seine Kollegen in der Kirchen- und Bistumsleitung sich in aller Demut mit der aktuellen Strukturkritik auseinandersetzen, bevor sie andere belehren.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen hat die offizielle Kirchenelite ihre prekäre geistliche Lage noch nicht durchschaut. Doch ungewollt sitzen auch Reformbegeisterte diesem Irrtum auf, wenn sie sich – gewiss unbewusst – diese hochkonservativen Regeln und Grundhaltungen zu eigen gemacht haben. Unbesehen übernehmen auch sie bei Gottes- und Christusfragen die spätantiken, meist platonisch geprägten Denkweisen, die niemand mehr versteht. Sie verteidigen mittelalterliche Standards zum Sakraments- und Amtsverständnis, haben sie bei der eucharistischen Gegenwart Christi oder ihrem Verständnis von Auferstehung verinnerlicht und fürchten noch immer, eine überfällige Dogmenkritik könne eine Kirchenspaltung provozieren.

Zugleich meinen Reformer, sie könnten mit freundlichen Worten und vielen Unterschriften hochdogmatische Positionen (Verbot der Frauenordination, Vorrang des Klerikerstandes) ins Wanken bringen. Sie halten Kirchenführer in Ehren, die sich durch Freundlichkeit oder eine verbindliche Sprache hervortun, auch wenn diese ihre glanzvolle Karriere für keinen einzigen Reformschritt in die Waagschale werfen würden. Wieder andere fürchten zu viel Aufklärung statt gebotener Frömmigkeit, hängen noch einer transzendental-spekulativen, strukturell aber folgenlosen Theologie an oder der liturgischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts. In dieser Gemengelage verhindert ihre theologische Unsicherheit jede theologische Klärung ebenso wie eine eindeutige Vision vom Reich Gottes, das der Kirche vorangeht.

I/2.    DasSchein-Risiko der Spaltung

Dabei lassen sich Reformprozesse nie genau steuern. Zum einen verhalten sich spirituelle Ziele und soziale Wirklichkeit immer asymmetrisch. Zum andern entwerfen historische Entwicklungen ihre eigengesetzlichen Wege. Dies musste sogar Jesus erfahren, der seiner jüdischen Tradition treu bleiben wollte und deren prophetisches Erbe nur neu interpretierte. Das Erbe seiner Vorfahren hat er mit größter Sorgfalt behandelt. Dennoch wurde er aus jüdischer Sicht zum Häretiker, gegen seinen Willen sogar zum Begründer einer neuen Weltreligion, was zu den größten Absurditäten der Religionsgeschichte gehört. Vergleichbares ist wiederholt auch in der Kirchengeschichte passiert. Die Reformer hat man faktisch zu Spaltern und Häretikern gemacht und der Begriff res novae (= Neuerungen) wurde später zum Inbegriff der Revolution. So verhärtete sich der Kirchenteil, der sich den Neuerungen widersetzte, immer wieder zum Hort der Unbeweglichkeit. Die römisch-katholische Kirche lässt sich weitgehend aus solchen Reformverweigerungen definieren.

Solche Erfahrungen bewirken noch heute Ängste und führen häufig zu einer Selbstzensur, die oft gefährlicher ist als die hierarchischen Anordnungen selbst. Nur wer aus den Glaubensgrundlagen heraus absolut klare Konsequenzen zieht, kann zielführend unterscheiden zwischen vertretbarer und irreführender Kirchentreue.

Oberste Priorität genießt immer eine bedingungslose Loyalität gegenüber dem prophetischen Jesus-Impuls. Das einzig Unerträgliche ist die Untreue ihm gegenüber (1 Kor 12,2). Reformbewegungen müssen sich dieses Vorrangs mehr denn je bewusst werden, weil heute das Alles oder Nichts einer christlichen Zukunft auf dem Spiel steht. Dieser Maxime haben sich auch hierarchische Ämter unterzuordnen.

In diesem Sinn steht eine intensiv und verantwortlich erarbeitete Strukturreform einem spirituell vertieften Engagement nicht im Wege, sondern ist dessen Folge. Die Alltagspraxis katholischer Kirchengemeinden zeigt täglich: Die real existierende, von der Hierarchie nachdrücklich verteidigte Kirchenstruktur behindert empfindlich den Glaubensvollzug. Wer die Gewohnheit stört, macht sich verdächtig; diese aktuelle Misere lässt sich nicht übersehen. Zahllose Menschen haben die katholische Kirche nicht aus innerer Gleichgültigkeit, sondern wegen der skandalösen Zustände in ihr verlassen.

Diese Situation ist zu ändern. Jesus hat keine Kirche gewollt oder gegründet. Sie kann ihre Existenz nicht durch ein übernatürliches Mandat rechtfertigen, sondern muss durch ihr christliches Glaubensengagement überzeugen. Natürlich ist zu verstehen, dass und warum sich die Anhänger/innen Jesu nach seinem Tod zusammengeschlossen haben. Sie wollten ein neu erfahrenes Leben miteinander fortzusetzen, ihr Zusammenkommen ist der Gründungsakt der Kirche. Sie haben es aber getan, um Sache und Auftrag Jesu weiterzutragen und nicht, weil sie sich als legitime Vollmachtträger verstanden und auf diese Vollmacht pochten. Es lässt sich auch nachvollziehen, dass schon die frühen Generationen den charismatisch entstandenen und fest installierten Leitungsämtern mit hohem Respekt begegneten. Doch kann man auch leicht erkennen: Im Verlauf von nahezu 2000 Jahren haben sich Ämter und Institutionen eigenwillig herausgebildet; im Lauf der Jahrhunderte legte sich um sie Legitimationsschicht um Legitimationsschicht. Bald war sie historisch, sakral und juridisch überbestimmt, von autoritären, höfischen Gesellschaftsmodellen geprägt, strukturell verhärtet, ästhetisch selbstverliebt und theologisch umstritten.

I/3.    Probe aufs Exempel

Im Folgenden wird sich auch zeigen: Eine spirituelle Neujustierung der Reformziele wirft auf Bischofs- und Papstamt noch schwerere Schatten; dies lässt deren Umgang mit ihnen nicht unberührt. Zwar sind Christ/innen auf eine in Frieden versöhnte Gemeinschaft von Gleichgesinnten angewiesen, wenn sie ein christliches Lebenskonzept realisieren wollen. Unbestritten kann eine christliche Gemeinschaft auch als Beginn von Gottes Reich wirken. Aber die spirituellen Grundlagen zwingen uns dazu, die Handlungsziele und Strukturen der christlichen Kirchen von dieser Vision her zu relativieren. Sie sind auf das Reich Gottes hin ausgerichtet. Jeder kirchliche Narzissmus bedeutet Verrat am Erbe Jesu. Dies zwingt die Führungseliten zur Bekehrung und die Reformorientierten zu einer schonungslosen Kritik.

Hier sei die Probe aufs Exempel gewagt.
Im Folgenden stelle ich vier Grundfragen zur christlichen Spiritualität und konfrontiere sie mit den aktuell diskutierten Strukturfragen. Was folgt aus der jesuanischen Vision von einem in Gerechtigkeit und Frieden versöhnten Zusammenleben (Teil II)? Aus welchen Quellen wird die christliche Freiheit gespeist, die nach christlicher Überzeugung die Mächte der Zerstörung und des Verderbens überwindet (Teil III)? Wo und wie wird die Heiligkeit erfahrbar, die uns Respekt vor dem Unverfügbaren/Göttlichen abfordert (Teil IV)? Und wie gelingt es, jenes vorbehaltlose Vertrauen zum Sinn des Lebens und der Wirklichkeit zu entwickeln, die auch vom Tod nicht zerstört werden kann (Teil V)?

Daraus ergeben sich Folgerungen zum kirchlichen Loyalitätsproblem, zur beunruhigenden Asymmetrie von Kirche und Reich Gottes, zur Unverträglichkeit zwischen christlicher Freiheit und kirchlicher Autorität, zu einem kirchlich legitimen Umgang mit dem Heiligen sowie zur Frage, unter welchen Voraussetzungen die Kirche wieder zum Ort christlichen Vertrauens werden kann.

II. Gestaltende Vision: Ein weltweit lebenswertes Leben

II/1.  Ausgangspunkt: Tiefgreifender kultureller Umbruch

Wir leben als engagierte Bürger/innen mitten in Europa. Eine erdrückende Geschichte liegt hinter, eine risikoreiche Zukunft vor uns. Wir wissen um die ökologischen und ökonomischen Probleme der Welt sowie um die besonderen politischen und sozialen Herausforderungen Europas. Angesichts unserer hohen wissenschaftlichen, technischen und finanziellen Standards akzeptieren wir zugleich unsere weltweite Verantwortung vor allem für diejenigen, die auf unsere Solidarität angewiesen sind. Es reicht nicht, nur gelegentlich für sie etwas zu tun, sondern wir müssen uns mit ihnen auf den Weg machen, damit uns gemeinsam eine menschenwürdige Zukunft in möglichst globalem Maßstab gelingt.

Auch das europäische Christentum befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch; seine zukünftige Gestalt steht uns noch nicht klar vor Augen. Deshalb sind wir Lernende und Hoffende zugleich, gemeinsam mit allen Menschen zu einem lebenswerten Leben unterwegs. Wir kooperieren mit den Angehörigen anderer Religionen und allen Menschen guten Willens.

So widerstehen wir mit all unseren Kräften der weltweit wachsenden Gewalt und schreienden Ungerechtigkeit, einer grassierenden Verlogenheit und Korruption, dem systematischen Missbrauch der Medien sowie dem Verfall der zwischenmenschlichen Beziehungen auf Grund zerstörerischer Machtverhältnisse und Strukturen. Wir sind bereit, zusammen mit Anderen ein lebenswertes Leben aufzubauen, in dem Gerechtigkeit herrscht und Menschen einander vertrauen können. Zahllose Mitmenschen sind säkularen oder anderen religiösen Traditionen verpflichtet. Wir setzen darauf: Die meisten von uns eint ein humanes Ethos, im Sinn der Goldenen Regel, die uns allen ins Herz geschrieben ist.

Als Christ/innen wissen wir uns insbesondere der Botschaft Jesu von Nazareth verpflichtet. Über nahezu zwei Jahrtausende hin hat sie verschiedenste Epochen und Kulturräume mitgestaltet. In den gegenwärtigen Umbrüchen und Suchbewegungen tun wir gut daran, unser Glaubensverständnis von hinderlichen Verkrustungen und autoritären Missbildungen zu befreien, die Botschaft Jesu in neuer Unmittelbarkeit zu verstehen und unsere christliche Lebenspraxis konsequent an ihr auszurichten.

Klar muss dabei sein: Für uns lassen sich Religionen und Religiosität nicht in private Räume verdrängen. Recht verstanden stellen alle Weltreligionen eminent lebenspraktische, ethisch anspruchsvolle und öffentlich relevante Lebensformen dar. Sie beschränken sich weder auf Privatsphären noch auf subjektive Erfahrungen, weder auf bloße Innerlichkeit und Weltabgeschiedenheit; auch lassen sie sich weder rein ethisch auf Verhaltensregeln verengen noch rein pädagogisch auf Bildungsziele, kulturelle Werte oder sozialpolitische Ziele reduzieren. Religionen agieren ganzheitlich und durchdringen alle genannten Sektoren. Sie sind innerlich und zugleich gesellschaftspolitisch, erfahrungsbezogen, aber auch an Welt- und Menschheitszielen orientiert. Neben den existentiellen sind ihnen allen auch gesellschaftspolitische Ziele vorgegeben, für deren Verwirklichung sie zu kämpfen haben.

Ebenso klar muss sein: Als Christ/innen haben wir im öffentlichen Gespräch von Gesellschaft und Welt die Stimme zu erheben. Wir bauen auf die öffentliche Geltung der christlichen Botschaft, können uns nach allen Seiten verständlich machen und in Kooperation mit anderen Zukunftsvisionen entwickeln, die uns einen. Dabei ziehen wir nicht einfach die Konsequenzen dessen, was wir ohnehin schon wissen. Vielmehr lernen wir in und durch die säkulare Weggemeinschaft. Dabei fühlen wir uns anderen Religionen und Weltanschauungen nicht überlegen, fühlen uns aber stark genug, auch von ihnen Impulse zu übernehmen und sie zu unterstützen. Zu den Voraussetzungen für diese Vorhaben gehört das konstruktive gegenseitige Gespräch.

Aus christlicher Sicht erschöpfen sich diese Vorgaben nicht in theoretischen Modellen. Wir lassen uns vom prophetischen Geist Jesu inspirieren. Er war von der prophetischen Tradition seines Volkes getragen, die sich immer am Unfrieden mit konkreten Verhältnissen entzündete. Die neuen Impulse Jesu versetzten alle Zukunftserwartungen in die Gegenwart. Anders als der Täufer Johannes drohte Jesus nicht mit neuen Bestimmungen, Regeln oder apokalyptischen Strafen. Vielmehr ließ er sich darauf ein, dass das Reich Gottes, also Versöhnung, Ausgleich und Frieden hier und jetzt beginnen können: Für ihn war das Reich „gekommen“ (Mk 1,15), angebrochen.

So sehen wir eine zukunftsfähige, in Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung versöhnte Menschheit vor uns,. Es geht um eine Gesamtorientierung, die nach dem umfassenden Wohl der Menschheit strebt. Dieses Programm beginnt vor Ort und wird vor Ort erprobt, um dann in kontinentale und globale Dimensionen umgesetzt zu werden. Dabei dürfen die Zwecke nie die Mittel heiligen; die zielführenden Methoden sind uns nur bedingt vorgegeben. Wir wissen uns zusammen mit anderen Menschen auf einer universalen Spur.

Wir übernehmen Jesu unbedingte Bereitschaft zum Beginn. Zukunft und Gegenwart sind keine Alternativen mehr, weil die Liebe selbst keine Grenzen kennt, selbst den Tod überwinden kann. Deshalb erscheint die Auferstehung in den Evangelien nicht als eine abgetrennte oder noch ausstehende, sondern als eine Zukunft, die schon begonnen hat. „Wer glaubt, ist schon auferstanden und wird nicht sterben“ (Joh 11, 25f.). So erfahren die Jünger in Galiläa den Jesus, obwohl er am Kreuze starb, in ihrer eigenen Gegenwart. In dieser Mystik der Auferstehung zeigt sich die Begegnung mit dem ungreifbar Göttlichen, das sich nie sehen lässt.

Auferstehung bedeutet keine strahlend lichtvolle Gegenwart (wie etwa Matthias Grünewald nahelegt), die durch tägliche Gegenerfahrungen widerlegt werden kann. Sie zeigt sich im Paradox der Leeren Grabes, das jetzt einsehbar wird, also im offenen Ertragen des Misserfolgs. Gott zeigt sich als die Unterbrechung (J.B. Metz) oder als das Fehlen (la manque, M. Certeau), also in der Erfahrung dessen, was uns abgeht. Das Göttliche kann schon in der unsterblichen Sehnsucht der Menschen nach Bejahung und Anerkennung zu Hause sein und diese Sehnsucht der Menschen, zumal der Marginalisierten und der Schwachen, bildet unsere große, unerschöpfliche Kraft. So wird unser Leben zum unüberwindlichen Protest gegen alles vordergründige und egozentrische Interessen- und Machtdenken.

II/2.  Folgen: Außerhalb der Welt kein Heil

Diese Vision von Gottes Reich, also einer in Frieden und Gerechtigkeit versöhnten Menschheit, die sich einer nicht geschändeten Erde erfreuen kann, setzt keine Kirchenmitgliedschaft voraus. Wir erinnern uns, dass die Grenzen der Kirche immer schon in Bewegung waren. Die Alte Kirche kannte neben den gültig Getauften, vollgültigen Kirchenmitgliedern auch die Katechumenen, die sich auf die Taufe vorbereiteten, ferner die „Empfänger“ der Blut– oder der Begierdetaufe, die für Christus ihr Leben gaben oder sich heiß nach der Taufe sehnten. Heute wissen wir um die Menschen guten Willens, die ebenfalls das Heil erlangen und von K. Rahner etwas unglücklich anonyme Christen genannt wurden.

Kirchenmitgliedschaft war immer schon graduell. Augustinus erklärte, es gebe viele Menschen, die scheinbar innerhalb der Kirche, in Wirklichkeit aber draußen sind. Umgekehrt gebe es viele Außenseiter, die im Grund drinnen sind. Alle diese Teilhabe-Konstrukte haben zum Ziel, die zum Heil verpflichtete Kirchenmitgliedschaft abzufedern und für konkrete Situationen zu öffnen; sie wollen den höchst missverständlichen Heilsanspruch der katholischen Kirche mit der offenkundigen Wirklichkeit versöhnen.

Ferner sind in der langen Kirchengeschichte nicht die zahllosen Christ/innen zu vergessen, die wegen ihrer wohlbegründeten Kirchenkritik aus der sichtbaren Kirche ausgeschlossen, verfolgt, verfemt, bisweilen getötet wurden. Man denke an die Katharer und Albigenser, anzahlreiche Ketzer und Hexen, an Giordano Bruno und Jan Hus, auch an die erschreckend lange Liste der mit unwürdigen Sanktionen belegten Theolog/innen des 20. Jahrhunderts. Bei ihrem Schicksal hat man immer vergessen, dass Jesus keine Kirchengemeinschaft, sondern die Menschheit mit Gott versöhnen wollte. Edward Schillebeeckx stellte einmal die mutige Gegenthese auf: „Außerhalb der Welt kein Heil“.

Aus dieser Erkenntnis ergeben sich nicht zwingend Austritte aus der Kirche, doch klar sollte sein: Angesichts der hochdifferenzierten Motive, die zu Kirchenaustritten führen und angesichts einer Kirche, deren Glaubwürdigkeit aus eigener Schuld rapide gesunken ist, lassen sich über Kirchenaustritte keine pauschalen Urteile mehr fällen. Für viele gelten ernste Gewissensgründe, manche gehen um eines besseren Christseins willen. Aus einem vertieften Glaubensverständnis ist zu folgern, dass aus der jesuanischen Reich-Gottes-Botschaft Jesu keine Kirchenpflicht entsteht; das gilt erst recht für diejenigen, die Jesu Bergpredigt oder Gleichnisse nie oder nie richtig kennenlernten. Deshalb muss die Kooperation mit Menschen anderer Kirchen, Religionen oder Weltanschauungen problemlos möglich sein. Im Gegenteil, unser katholisch bzw. konfessionell verankertes Handeln wird umso glaubwürdiger, je mehr es solche erweiterten Horizonte annimmt.

Dieser prophetisch erweiterte Horizont schafft unserer Arbeit eine große Freiheit und Gelassenheit. Wir können alle Ängste vor einem „unkirchlichen“ Verhalten ablegen, weil den kirchlichen Vorgaben nur eine bedingte Gültigkeit zukommt. Die von vielen verinnerlichte Allgemeinverpflichtung des Jesusglaubens auf kirchliche Institutionen ist die Spätfolge eines Staatskirchenmodells, das in der Spätantike auf den Weg gebracht wurde und in vielen Kirchengemeinschaften noch nicht überwunden ist.

Immerhin hat Augustinus die gesamte Menschheit als „verdammte Masse“ erniedrigt. Demütigung und Unterdrückungen, Strafandrohungen und stände Kontrolle waren die Folge. Die führenden Institutionen der Kirche können ihren Selbstausschluss aus der Menschheit nur heilen, indem sie sich unprätentiös in die universale Gemeinschaft der Suchenden einordnen, gleich ob sie sich als eine befreiungsorientierte Zivilgesellschaft, als eine gesellschaftpolitische bzw. ideologiekritische Kampfgemeinschaft oder als eine verschworene Gruppe von Mystikerinnen und Mystikern präsentiert, die Gottes Gegenwart in der Natur und in ihrem eigenen Inneren verstehen.

Wer das Reich Gottes mit seiner Überwindung des Todes ernstnimmt, will zum Mitglied jener großen Gemeinschaft von Kämpfenden, Suchenden und Hoffenden werden, die sich zur Kirche völlig asymmetrisch verhält. Für die christliche Botschaft wäre es ein großes Glück, wenn die klerikalistische Hierarchie einer „allein-selig-machenden“ Kirche endlich ihre Privilegien aufgeben und sich zum solidarischen Teil dieser Menschheit erklären würde. Nur unter diesen Bedingungen könnte sie – von allen schreienden Missständen abgesehen – ihre verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

III.  Freiheit als Mut zu klarer Orientierung

III/1. Ausgangspunkt: Freiheit durch Solidarität

Trotz massiver, auch kirchlicher Widerstände und neben dem Kerngedanken der rationalen Aufklärung setzte sich in der Neuzeit – im Gegenzug zum autoritären Gesellschaftsbild von Spätantike und Mittelalter ‑ schrittweise ein Grundappell zu menschlicher Freiheit und Autonomie durch. Zunächst wurde er als massive Kritik an kirchlichen Institutionen formuliert, die autoritär handelten und versuchten, die Kirchenmitglieder mit massiven Kontrollmechanismen zu überziehen. Auf katholischer und evangelischer Seite führte diese Entwicklung zu einer Entfremdung zwischen den offiziellen kirchlichen Institutionen und starken gesellschaftlichen Faktoren.

Doch inzwischen verändern sich die Fronten. Während die Kirchen versuchen, ihre Freiheitslektionen in Theorie und Praxis zu lernen, entwickeln sich in der Gesellschaft individuelle und kollektive Zwänge, offene und verborgene, die das Recht und die Bedürfnisse nach Freiheit einschränken. Ausgelöst werden diese Prozesse von politischen und ökonomischen, gesellschaftlichen und medialen Entwicklungen, auch von neuen Politik- und Regierungsstilen, die offen und schamlos die „Wahrheit“ zum eigenen Vorteil instrumentalisieren. Diese Zwänge sind allgegenwärtig und überfallen viele hinterrücks. Von diesen Mechanismen bleibt niemand unberührt und wir können den Kampf um die politische und innere Freiheit aller Menschen nicht genug betonen. Für uns als Christen gilt das Pauluswort mehr denn je: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit, darum steht fest und lasst euch nicht wieder unter ein Joch bringen, das euch knechtet.“ (Gal 5,1)

Allerdings lassen wir uns nicht problemlos von diesem siegreichen Appell zur Freiheit und Befreiung leiten. Die Gegenwart kennt kaum ein umstritteneres Wort. In Wissenschaft und Alltag erhielt „Freiheit“ tausend Bedeutungen, vom Aufruf zur Anarchie bis zur ergebenen Einsicht in die Notwendigkeit, von der Freiheit der Mächtigen und Besitzenden, die den anderen ein armseliges Leben diktieren können, bis hin zur Freiheit des einsamen Wüstenmönchs, der sich von allem freigemacht hat, den anderen aber auch nicht helfen kann. Auch in vielen theologischen Überlegungen wurde Freiheit zu einem pathetisch hochgestimmten, aber abstrakten Begriff formalisiert, der von allen konkreten Inhalten frei ist.

Der Streit über den Sinn der Freiheit, den Erasmus und Luther 1524/1525 führten, gilt noch immer als Symbol für ein abstrakt unlösbares Problem, das engstens mit dem Streit um ein befreiendes Gottesbild zusammenhängt. Ausgerechnet gegenüber einem kirchlich domestizierten Gott bleiben die Begriffe von Freiheit und absoluter Unterwerfung umstritten. Die Theologie spricht neben der Autonomie und der Heteronomie gerne von einer Theonomie; hinreichend geklärt ist dieser Begriff aber nicht.

Stattdessen verstehen wir Freiheit und Autonomie als streitbare Beziehungsbegriffe. Wir müssen uns entscheiden und es hängt von unserem konkreten Handeln ab, für welche Art von Freiheit wir uns gegenüber wem entscheiden. Wir meinen die Freiheit, die nicht von der Freiheit der Anderen zehrt, sondern diese konsequent achtet und sich in kompromissloser Entschiedenheit für sie einsetzt. Jesus hat die Nächstenliebe keinen Bedingungen unterzogen, sich bis hin zum eigenen Tod ihren Konsequenzen gestellt und dies von seinen Jüngern erwartet. Auch an diesem Punkt hat er die Tradition seiner Väter ohne Vorbehalte übernommen.

Heute haben wir erkannt, dass die Liebe zum Nächsten auch in anderen Weltreligionen zu Hause ist. Immer geht es auf allen Lebensebenen um einen Kampf für gegenseitigen Respekt und unbedingte Gerechtigkeit, für Wahrhaftigkeit, gegenseitige Treue und für die Verantwortung für eine bewohnbare Erde.

Prinzipiell ist diese Freiheitsarbeit zugunsten der Mitmenschen in der Zivilgesellschaft zu Hause, bei jungen und alten Menschen, im Einsatz für Gleichberechtigung und zum Schutz vor Gewalt, an Erziehungsstätten und an allen Konfliktherden einer Gesellschaft, zwischen Ethnien und Religionen, in der Überwindung von Extremismus, auch von religiösem Fanatismus. Im Gegenzug schaffen wir, wo immer es möglich ist, Gelegenheiten, um einander kennenzulernen und die Hände zur Versöhnung auszustrecken. Doch Versöhnung gibt es nicht ohne Befreiung.

Die Auseinandersetzung des Liebesgebotes mit den zeitgenössischen Lebensverhältnissen hat schon viele theologische und weltanschauliche Ausformungen erhalten. Wir nennen die soziale und politische Befreiungstheologie in ihren verschiedenen Formen, die feministische Theologie und entsprechende Gendertheorien, verschiedenste kontextuelle Theologien und Verhaltensanalysen, in denen die Lebenspraxis verschiedenster Kulturen interpretiert wird. Es lassen sich verschiedenste theologische Entwürfe hinzufügen, dies in Kooperation mit den Humanwissenschaften aus historischer oder soziologischer, politischer oder psychologischer bzw. psychoanalytischer Perspektive. Natürlich dürfen individuelle Freiheitsaspekte nie vernachlässigt werden, denn ohne sie ist eine freiheitliche Gesellschaft nicht zu denken. Es muss jedoch klar bleiben, dass sie immer in eine solidarische Freiheit, also eine in Frieden versöhnte Gemeinschaft münden muss.

Die Nächstenliebe, der genuine Ort christlicher Freiheit, ist immer zu verstehen als aktiver Einsatz für die Freiheit der Anderen im Widerstand gegen die Mächte der Unfreiheit. Für Jesus sind Gottes- und Nächstenliebe gleichwertig. Konkret gesagt: Die Kraft der Gottesliebe erweist sich allein in der Nächstenliebe, der Wert des Gottesdienstes an seiner Einbettung in den Dienst an den Menschen. In allen Mitmenschen begegnet uns Christus selbst und diese tiefe Gemeinsamkeit strahlt im Handeln der Solidarität und Nächstenliebe auf.

Mehr denn je verstehen wir auch, warum Jesus in einem seiner wirkungsmächtigsten Gleichnisse das Handeln des Samariters mit einer Kritik an dem lieblosen Handeln seiner eigenen religiösen Institutionsvertreter konfrontierte. Das Handeln der Nächstenliebe wird zum unverzichtbaren Gottesdienst, der seine Freiheitsimpulse aus human überzeugenden Handlungen und Orientierungen schöpft. Gott ist durch unsere Hände präsent. Von ihnen hängt es ab, ob unsere Gemeinschaft zum Zeichen und Erweis von Gottes unendlichem Reichtum werden kann.

III/2. Folgen: Geliehene Autorität

Die von Paulus proklamierte Freiheit der Christen bezieht sich auf eine fundamentale, spirituell und geistlich begründete Überwindung der Mächte und Gewalten, die in die Menschen eindringen, sie erniedrigen und in Knechtschaft halten. In unbeugsamer Konsequenz spart Paulus nicht einmal die Thora, also das unantastbare Grundgesetz seines eigenen Volkes aus, an das sich selbst Jesus hielt. So nahm er die Trennung vom Judentum in Kauf, um die Universalität seiner Reich-Gottes-Botschaft für seine Zeit zu retten.

Die aktuellen Brennpunkte einer oft gefühlten Konkurrenz zwischen Kirche und einer säkularisierten Gesellschaft sind offenkundig. Wir haben erkannt: Diese Freiheit übersteigt mit ihren durchaus dramatischen, existentiellen und sozialpolitischen Konsequenzen prinzipiell auch die institutionellen Gestalten, die die christlichen Kirchen innerhalb von nahezu 2000 Jahren ausgebildet haben. Die christlichen Kirchen genießen für uns nur eine geliehene Autorität und diese bemisst sich nach dem Freiheitspotential, das sie uns faktisch vermitteln. Dostojewskis Erzählung vom Großinquisitor (Brüder Karamasow 5/5) ist noch immer eine bedenkenswerte Warnung vor den großkirchlichen Apparaten, die sich gerne an die Stelle Christi setzen und dessen Inspirationen als lästige Störung empfinden.

Der immer noch gültige Papsttitel Stellvertreter Christi, in paradoxer Weise mit dem Titel servus servorum (= Diener der Diener) kontrastiert, zeigt die ganze Abgründigkeit der papstkirchlichen Selbsteinschätzung, die sich noch immer mit byzantinisch kaiserlichen Herrschaftsansprüchen verwechselt. Bis heute zählen Gehorsam und Loyalität gegenüber kirchlichen Amtsträgern zu den entscheidenden Kriterien des christlichen Glaubens. Das ist absurd.

Es gehört zu den peinlichen Konsequenzen des kirchenoffiziellen Verhaltens, dass dieses in der kollektiven Erinnerung unserer Kultur nicht auf der Seite der Freien, sondern auf der Seite der Unterdrücker, der Freiheitsberauber und eines Ressentiments angesiedelt ist, das den Menschen die Lust und ihr irdisches Glück missgönnt. Zwar trug diese Kirche durch nahezu zwei Jahrtausende die biblisch-jesuanischen Impulse der Freiheit weiter und dafür ist ihr zu danken. Doch diese ermutigende Erinnerung macht auch darauf aufmerksam: Die christliche Freiheit besteht nicht in einer abstrakten Autonomie, nicht in einer neuen Kirchenfrömmigkeit oder einem „Fühlen mit der Kirche“, sondern nur im unermüdlichen Kampf zugunsten der Mitmenschen. Nur so kann sie zu der überlegenen Haltung heranwachsen, die mit Christus gemeint ist. Doch entwickelte die Kirche zu Freiheit und Autonomie ein zwiespältiges Verhältnis und wurde zu einer der schärfsten Feindinnen ihrer Befreiungsdynamik. Wenn sie sich von dieser katastrophalen Fehlpositionierung befreien will, hat sie noch viel Arbeit zu leisten. Daran arbeiten wir gerne mit.

Dies setzt aber voraus, dass die Hierarchie diese Vergangenheit klar verurteilt und durch ein konsequent freiheitliches Handeln korrigiert. Sie muss zahllose Verurteilungen zurücknehmen, die nur die eigene Übermacht, das eigene Recht und die eigene Wahrheit dokumentieren sollten. Zudem werden die Kirchen erst dann zu glaubwürdigen Orten der Freiheit, wenn die Solidarität mit den in Unfreiheit gehaltenen Menschen zu ihrem Grundimpuls geworden ist. Vorher ist es wohl unmöglich, in einem abstrakten und unkritischen Erneuerungseifer als loyales und widerspruchsfreies Mitglied dieser Kirche aufzutreten, denn eine solche Mitgliedschaft wirkt im Augenblick noch wie eine Bestätigung all der Untugenden, die sich mit den offiziellen Institutionen der Kirche verbinden.

Machen wir uns nichts vor: In den vergangenen Jahrzehnten hat kaum eine kirchliche Deformation so viel Verbitterung und Resignation ausgelöst wie die hochautoritäre, in Kernfragen absolutistische Deformation des katholischen Kirchensystems. Von Papst Franziskus dazu angeregt wird sie seit einigen Monaten unter dem Stichwort des Klerikalismus diskutiert. Allerdings ist ihre psychische und existentiell moralische Problematik in unangemessenen Strukturen und deren Legitimationen verankert. Die kirchliche Machtpyramide ist streng hierarchisch gegliedert und demokratische Elemente werden strikt verdrängt. Es verwundert nicht, dass loyale Hierarchen diese innere Verzerrung akzeptieren. „Das zentralistisch übersteuerte, patriarchale und höfische System ist reformbedürftig. Und Franziskus hat den Weg zur Diskussion auch der sog. heißen Eisen freigegeben.“ (Leo Karrer)

Trotz massiver Kritik sind die katholischen Machtapparate immer noch Horte der Intransparenz. Die Bestimmungen des Konzils von Basel zur Überlegenheit des Konzils über den Papst wurden in den Folgejahren schlicht hintertrieben; dies ist eine der Ursünden des neuzeitlichen römischen Katholizismus. Das 2. Vatikanum hat noch einmal behauptet, dass ein Konzil ohne den Papst schlicht handlungsunfähig sei. Der Begriff des „Laien“ ist zum Inbegriff für Nichtwissen, Nichtkönnen und Nichtdürfen verkommen und die Vorgänger von Papst Franziskus haben dieses autoritäre Verhalten perfektioniert. So nahm die innere und die äußere Emigration dramatisch zu. Noch heute haben viele kirchlich engagierte Männer und Frauen (gleich ob in Seelsorge, Diakonie oder Theologie) mehr Angst davor, sich kritisch zu äußern als den Mut, sich vom Geist der Freiheit beleben zu lassen. Vom Geist des biblischen Freimuts ist nur wenig zu spüren.

So erstaunt es auch nicht: Viele reformorientierte Männer und Frauen, die sich formal auf den Geist der Freiheit berufen, bieten dem autoritär geführten Apparat Roms weder kompromisslosen Widerstand noch möchten sie sich von den inneren Entlastungen lösen, die sie in Abhängigkeit halten. Sie leben im schützenden Kokon eines vormodernen Systems, das tausend Handlungsmodelle vorgibt, ihr Gewissen steuert und Entscheidendes für sie regelt. Sie schätzen noch immer den pontifikalen Prunk, sind glücklich, wenn der Bischof sie lobend erwähnt, und vermeiden alles, was ihn erzürnen könnte.

Oft ist nicht nur ihr politisches, sondern auch ihr spirituelles Sensorium schwach entwickelt. Sie spüren nicht, wie sehr sie mit ihrem angepassten Verhalten ein repressives System unterstützen, in dem die Freiheit der Kirchenführer alles, die innere Freiheit des Kirchenvolkes aber nichts gilt. Noch immer identifizieren sie sich mit dem Lehr- und Hirtenamt und stufen sich selbst in die Kategorie der Hörenden herab. Aus spiritueller Perspektive verachten sie frühere Kirchenepochen, in denen von allen zu entscheiden war, was alle betraf. Sie stehen in Gefahr, die christliche Botschaft zu verraten, die in repressiver Gestalt schlicht zur unglaubwürdigen Farce geworden ist.

Dies ist umso bedenklicher, als die Theologie in den vergangenen Jahrzehnten für einen Kurswechsel viele Argumente neu entdeckt und angeboten hat. Dabei könnten auch die Kirchenleitungen, wenn sie nur wollten, für einen Kurswechsel viele seriöse Gründe finden. Man denke an das paulinische Konzept einer charismatischen Kirchenordnung, an die spätantike Tradition der Bischofwahl oder an die urdemokratischen Strukturelemente, die sich die alten Orden noch bewahrt haben. Zudem ging die frühe Kirche mit ihrer Gemeindeordnung noch pragmatisch um, übernahm problemlos außerchristliche Modelle und beurteilte die Ämter nach funktionalen Gesichtspunkten. Sakrale Elemente tauchen erst später auf (s. Teil IV).

Um des Geistes der Freiheit und um der Glaubenskraft willen, die aus innerer Freiheit erwächst, sollten wir uns einen jeden begründungsleer formalen Kirchengehorsam verbieten und uns nur eine Solidarität mit den Kirchenleitungen angewöhnen, wenn sie im geistlichen Freiheitsimpuls zu Hause ist. Es reicht nicht, dass ein Kirchenleiter freundlich ist, gewinnend zu reden weiß und Sympathie ausstrahlt. Gerne setzen wir uns konstruktiv mit überzeugenden Handlungsvorschlägen und Glaubensentwürfen auseinander. Ansonsten sind wir nicht mehr bereit, den jesuanischen Geist der Freiheit, der Machtkritik und der gegenseitigen Dienstbereitschaft auf bloße Appelle zu beschränken. Dies verbietet uns unser tiefer Respekt vor der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, die in der Gestalt Jesu erschienen ist. Vielmehr wenden wir uns unvermittelt den Fragen, Sehnsüchten und Vorschlägen der Gemeinden zu. Unser oberstes Ziel muss es sein, die innere Freiheit des Gottesvolkes zu fördern, die eine Frucht des Reiches Gottes ist.

Dazu sagte Magnus Striet am 25.09.2019: „Freiheitssehnsucht und Gottesglaube lassen sich nicht gegeneinander ausspielen.“ Freiheit als Selbstbestimmungsrecht bedeutet, Glaube müsse nicht „lehramtskonform“ sein. Die Gottesfrage habe Konsequenzen für die Strukturen der Kirche, denn Gott ist „hoffentlich ein Gott der Gerechtigkeit“. So wirft die Gottesfrage die Frage auf, „wie der Gott, der an der Kirche sichtbar werden soll, es wohl mit Freiheit und Würde hält“.

Zu erinnern ist auch an die Eingangssätze der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute. „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nicht wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ Das sind stolze Worte, in denen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen. Mehr denn je haben reformorientierte Christ/innen das Recht und die Pflicht, das kirchenamtliche Handeln konsequent und kompromisslos an ihnen zu messen. Es gibt keine christliche Freiheit in einem autoritären Kirchensystem, sondern höchstens in harter Konfrontation mit ihm.

IV. Heiligkeit der Menschenwürde, der leiblichen Liebe, der tätigen Solidarität

IV/1. Ausgangpunkt: Tiefgreifende Verschiebung

In aller Regel gelten die Religionen als Hüterinnen des Heiligen. Sie setzen es gegenwärtig in ihren Götterbildern und Tempeln, in brennenden Kerzen und Opfergaben, in prunkvollen Altären, Statuen und wertvoll ausgestatteten Räumen, in brausenden Festen und Ritualen sowie mit – würdevoll oder schrecken-gebietend gekleideten – Priesterinnen und Priestern. Die monotheistischen Religionen zeigen das Heilige vorrangig in erhabener Einzigkeit, Hoheit und Macht sowie mit wertvoller, geradezu imperialer Prachtentfaltung. Als heilig gelten viele Regeln, die Respekt einflößen und zur Unterwerfung stimulieren, das Handeln der Menschen steuern, sowie mit Macht ausgestattete Amtsträger, die das Verhalten und den Glauben der Menschen kontrollieren. So sind bei den traditionellen Religionen Glaube und Frömmigkeit mit Gehorsam und Unterwerfung verkoppelt.

In demokratisch geprägten und organisierten Gesellschaften sind diese Formen des Heiligen in die Krise geraten. Das öffentliche Ansehen religiöser Würdenträger schmilzt dahin, die Gotteshäuser leeren, religiöse Traditionen und Lebensstile verflüchtigen sich. Auf den ersten Blick ist dieser Wandel mit schweren kulturellen und religiösen, vielleicht auch moralischen Verlusten verbunden, doch auf den zweiten Blick lässt sich dieser Wandel verstehen. Seine Gründe sind jedoch nicht einfach in der Demokratisierung unserer Gesellschaft zu suchen, sondern in umfassenderen kulturellen Umwälzungen.

Beginnend mit dem 18. Jh. hat sich die hoheitliche, sich überlegen gebende und machtaffine Symbolik des Heiligen allmählich gewandelt[2]. Heute entdecken wir das Heilige in der unantastbaren Würde des Menschen (Immanuel Kant), in der Unbedingtheit der Menschenrechte[3], im fordernden Blick der Mitmenschen (Emmanuel Levinas), in der intensiven und leidenschaftlichen Liebesbegegnung von Menschen, in der innigen Umarmung des Kindes durch seine Eltern, in der unverbrüchlichen Solidarität zwischen Menschen angesichts des drohenden Todes.

Diese gewaltige Verschiebung, die vielleicht den Kern aller Säkularisierungsprozesse ausmacht, ist lautlos geschehen. Die Religionen interpretieren sie als Glaubensverlust, weil ihre eigenen Symbole und Riten ihre Bindekraft verloren haben. Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Säkularisierung gerade nicht als Verlust, sondern als eine tiefgreifende Metamorphose des Heiligen. Deshalb kann die Zuwendung zum Säkularen zur neuen Spurensuche nach einem Heiligen werden, das noch nicht hinreichend entdeckt ist.

Natürlich bringt der wachsende Relevanzverlust traditioneller Institutionen und Glaubensformen auch schwere Verluste. Zusammen mit den traditionellen Gottesdiensten und Verkündigungsformen verdunsten auch die Kenntnis der Bibel und ein unverzichtbares Wertesystem. Sakramente verlieren ihre bisherige Funktion und für viele wird die Gotteserfahrung zur lähmenden und irreführenden Chimäre. Deshalb gilt es, diese Transformationen bewusst zu verstehen und zu bearbeiten, damit aus der Vergangenheit eine neue Kontinuität entstehen kann.

Meine These lautet: Diese neue Spur – die Zuwendung zu den Mitmenschen, die Erfahrung seiner unendlichen Würde sowie das undurchdringliche Geheimnis der leiblichen Nähe, die tiefste Verbindungen und Bindungen zu schaffen weiß und die tätige Solidarität‑ wird prägend für eine neue religiöse Leidenschaft, mit der wir auf andere Menschen zugehen und kraft derer wir an einer menschenfreundlichen, gottgemäßen Zukunft arbeiten können.

Im konstruktiven Umgang mit dieser Säkularisierung haben wir die Botschaft Jesu hinter uns. Den Propheten vergleichbar lehnte er den öffentlich organisierten Tempel- und geistlosen Thorakult nicht einfach ab, aber er stand ihnen distanziert gegenüber, weil er sie am Wohl des Menschen maß, das ihm noch heiliger war. Zum Ärger der damaligen Glaubenshüter wandte er sich den Menschen, auch den Kindern zu, ließ sich „Fresser und Säufer“ nennen und pflegte öffentlich einen (für die „Frommen“ ärgerlichen) Umgang mit Frauen. In seinen Gleichnissen thematisierte er den Umgang von Menschen miteinander, ihre Enttäuschung und Vergebung, ihr Weglaufen und ihre Integration. Die Hochzeit wurde ihm zum großen Bild der Gottesreichs. In diesem Hochfest menschlicher Sexualität und Körperlichkeit, wurde Wasser zu Wein.

Von diesen Erinnerungen beseelt suchen wir die Nähe zu Menschen, gehen auf sie zu und verwahren wir uns gegen jede Diskriminierung und jeden Ausschluss, gegen jede Geringschätzung von Frauen gegenüber den Männern, gegen jede Abwertung der Leiblichkeit gegenüber dem erhabenen Geist. Das Heilige lösen wir nicht mehr als etwas Jenseitiges ein, das sich feiern lässt in wohlgeordneten Ritualen und geregelten Transzendenzverweisen, in juridisch überbestimmten Sakramenten und Bekenntnisakten. Wir feiern vielmehr seine menschlich fordernde und beschenkende, seine leibliche und liebende Gegenwart. Damit feiern wir nicht die Hoheit, sondern die stete Veränderlichkeit und Vergänglichkeit, die Zerbrechlichkeit und Hilfsbedürftigkeit von Menschen, die sich zugleich beschenken können und nur in Gemeinschaften stark sind. Als neues Merkmal der Liebe entdecken die Säkularen in erster Linie den Wandel, die Wandelbarkeit, nicht mehr die Bindekraft der Treue.

Zugleich protestieren wir gegen die Instrumentalisierung der Menschen zu materiellen, kommerziellen oder vermeintlich höheren Zwecken, für Ideologien und eine selbstzufriedene sowie machtgierige und durch Macht korrumpierte Religiosität. Nicht das Erhabene, sondern das Mitmenschliche, nicht das Mächtige, sondern die Begegnung, keine Unantastbarkeit, sondern das Mitfühlen, vielleicht die mystische Versenkung und gelegentliche Ekstase sind der neue Raum für heilige Ereignisse.

Mit dieser Neuentdeckung des Heiligen hängt auch die Neuentdeckung von Spiritualität und Mystik zusammen. Sie suchen und finden eine Nähe, die die Grenzen des Gegenständlichen übersteigt. Sie verankern Menschen in einer Tiefe, die von Bedrohungen viel weniger erschüttert wird. Sie verhelfen dazu, das Göttliche als den Kern von Menschen und menschlichen Begegnungen wahrzunehmen. Deshalb können Spiritualität und Mystik zu Faktoren von höchster politischer, auch kirchenpolitischer Brisanz werden.

Täglich machen wir die Erfahrung: Das Heilige begegnet uns sowohl in den Mitmenschen, die uns nahestehen, als auch in solchen, die wir stärken und ermutigen können, aber auch in denen, auf deren Hilfe wir angewiesen sind. Wer diese neue, alltäglich erfahrene und höchst vitale Heiligkeit in die liturgischen Zusammenkünfte unserer Sonn- und Feiertage einbringen will, sollte sich dessen bewusst sein: Christus begegnet uns in allen Menschen, mit denen wir in Beziehung treten.

Nur wenn der sonntägliche Gottesdienstbesuch nicht mehr isoliert und sakramentalistisch zu „Quelle und Mittelpunkt“ der Gotteserfahrung hochstilisiert wird, kann er zum Ort einer bewusst gefeierten Gottesnähe werden und uns dazu befähigen, unser Alltagshandeln an unseren Jesuserinnerungen zu spiegeln. Dann sind wir auch im Gottesdienst allen Menschen nahe, die Gott in keinem platonischen Jenseits mehr, sondern gut biblisch im konkreten Diesseits suchen. In dieser Spiritualität der Menschennähe liegt vielleicht der entscheidende Schlüssel eines zukunftsfähigen Christseins in unserem Kulturraum. Auf diesem Weg kann uns ein „heiliges Mysterium“ gelingen, das aus sich heraus die Kirchenmauern wie selbstverständlich durchbricht und auch andere Menschen zur Gemeinschaft einlädt.

IV/2. Folgen: Neue Fakten schaffen

Der epochale Bedeutungswandel des Heiligen im westlichen Kulturkreis löst im Christentum einen tiefgreifenden grundlegenden Gestaltwandet und die wohl tiefste und komplexeste der aktuellen Irritationen aus. Auch bei den gängigen Reformbewegungen kann er gefährliche Missverständnisse auslösen. Oft versuchen sie, die überlieferte Gottesdienstpraxis durch lautere Aktivitäten, neueres Liedgut und mehr Beteiligung der Teilnehmer zu beleben. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch die Wirkung dieses Handelns darf nicht überschätzt werden.

Die Kirchenleitungen begreifen nur schwer, dass sie ihr Monopol auf Erfahrung und Gestaltung des Heiligen verloren haben. Auch sie müssten in Welt und Gesellschaft lernen, wo die neuen Begegnungsorte des Heiligen sind, und werden sich lange Zeit in einer Art Niemandsland bewegen. Konservativ gestaltete Gottesdienste berühren viele Menschen nicht mehr, andere vermissen in neu gestalteten Feiern die Erfahrung des Heiligen. Lernprozesse sind äußerst schwierig, denn zur Debatte stehen ganzheitliche Erfahrungen, bei denen unterschiedlichste Wirklichkeitsbereiche beteiligt sind.

Bis weit ins 20. Jahrhundert blieb die Formen- und Symbolsprache des Heiligen von einer vielschichtigen Tradition geprägt. In sie gingen spätantike, mittelalterliche und neuzeitliche Elemente ein und sie wurde von komplizierten, hoheitlich verordneten Elementen gesteuert. In ihr kommt die Erfahrung zeitgenössischer Menschen kaum mehr zum Ausdruck. Zudem lebt diese Liturgie mehr als 1600 Jahre lang aus ihrer Verschwisterung mit der politischen Macht. Dies führte dazu, dass die Kernfunktionen eines Gottesdienstes in Priester oder Bischof monopolisiert und damit verarmt wurden.

Man denke auch an die Kirchenkunst, die liturgische Kleidung, den Reliquien- und Opferkult sowie den erhabenen Baustil romanischer, gotischer oder barocker Kirchen, die im 19. Jahrhundert nicht immer kreativ repetiert wurden. Dabei herrschte bis zum Sturz der Monarchien in der Symbolik eine Symbiose von politischer und kirchlich-religiöser Macht, in der sich selbst Napoleon wohlfühlte. Die Kirchen in unserem Kulturraum müssen begreifen, dass diese machtaffin heilige Symbolik der Vergangenheit angehört. Sie müssen die Gründe dafür selbstkritisch akzeptieren. Die machtaffine Symbolsprache des Heiligen hat ihre Bindekraft verloren und kann die wahre Jesusgeschichte, die von Tod, Vergänglichkeit und verletzlicher Liebe zeugt, nicht mehr zur triumphalen Siegergeschichte uminterpretieren.

Nach dem 2. Vatikanum initiierte die katholische Kirchenleitung in hilfloser Gegenwehr gegen die globalen Verschiebungen eine restaurative Gegenbewegung. Das konziliare, durchaus ökumenische Bewusstsein, dass Wort und Sakrament zumindest eine dialektische Einheit bilden, wurde zugunsten eines neuen Sakramentalismus zurückgedrängt. Inzwischen prägt nichts so sehr die offizielle Identität der katholischen Kirche wie eine sakramentale Wirklichkeit, die in der Eucharistie kulminiert. „Die Kirche lebt von der Eucharistie“ (Ecclesia de Eucharistia) lautet der höchst einseitige und restaurative Titel einer Enzyklika des Wojtyła-Papstes vom April 2003. Diese massive Verkürzung des biblischen Kirchenbildes ist scharf zu kritisieren.

Im Zentrum dieses Konzepts steht erneut das priesterliche Amt, das ‑ Taufe und Ehe ausgenommen ‑ zur Spendung der Sakramente befähigt: von Firmung, Eucharistie, Sündenvergebung, Krankensalbung und Priesterweihe. Es reproduziert das traditionelle, auf kirchenamtliche Institutionen fixierte Bild von einer höchst offiziell, geistlich und überirdisch legitimierten Heiligkeit. So wird versucht, die Definitionsvollmacht über das Heilige zurückzugewinnen und es den kirchlichen Verwaltungs- und Erlösungspraktiken zu unterwerfen, obwohl es aus dem Machtverbund von Kirche und Staat schon längst ausgewandert ist.

In der katholischen Kirche hat diese Restauration noch immer massive Auswirkungen auf den Umgang mit Leiblichkeit und Sexualität. Dies zeigt sich in der Stellung von Frauen in ihr. Zudem zeugt diese Entwicklung von der bekannten ökumenischen Unbeweglichkeit. Auch 53 Jahre nach dem Konzilsschluss hat sie von der zentralen reformatorischen Erkenntnis nichts gelernt: die Kirche lebt zunächst von einem Wort, das der blinden Sakralisierung kirchlicher Ämter entgegensteht. Deshalb schadet eine neue Stärkung des kirchlichen Weiheamts der kirchlichen Erneuerung mehr, als sie nutzen könnte.

Ein Blick in die frühe Kirchengeschichte kann diese Beobachtung bestätigen. In den ersten Jahrzehnten ging es ja um das Leitungsamt einer Gemeinde und um begleitende Gemeindefunktionen. Sie wurden nicht sakral, sondern funktional umschrieben und auf das Gesamtwohl der Gemeinde hin ausgerichtet. Bei Paulus (1 Kor 12,1-11, 28-31) ging es um Dienste und Kräfte, die Vermittlung von Weisheit und Erkenntnis, um Krankenheilung und Wunderkräfte und die Unterscheidung der Geister, um Zungenrede und deren Deutung. Wichtig war die gar nicht sakrale Trias von Aposteln, Propheten und Lehrern. Dabei lag es auf der Hand, dass die Leiter/innen ihrer Gemeinde auch vorstanden, wenn sie gemeinsam das Brot brach. Jemanden zur Gemeindeleitung im Allgemeinen oder zum Vorsitz in der Eucharistiefeier zu ordinieren, wäre absurd gewesen und war deshalb verboten.

Doch seit dem 4. Jh. gerieten die Bischöfe in den Schatten einer imperialen und purpurgewandeten, byzantinisch konnotierten Sakralität. Bald waren die Formensprache politischer und kirchlicher Macht engstens verschränkt. Zum Beispiel ging der kaiserliche Titel „Stellvertreter Christi“ erst später in die bischöfliche und päpstliche Titulatur über. Selbst der bescheidene Papst Franziskus hat ihn übernommen.

Eine zweite Akzentverschiebung hat diese Sakralisierung von der Leitungsfunktion auf die Ebene der Sakramente hin intensiviert. Über die frühe funktionale bzw. theologische Unterscheidung zwischen Bischof und Presbyter (= Priester) wissen wir wenig. Doch wurde sie beim Übergang von der Spätantike zum Mittelalter mit der wachsenden Differenzierung zwischen Stadt- und Landbevölkerung fassbar. Vereinfacht gesagt: Die Priester wurden als Helfer der Bischöfe aufs Land geschickt, um dort Messen zu lesen und Sakramente (Taufe und Sündenvergebung) zu spenden. Diese Verlagerung der priesterlichen Aufgaben fügte ein zweites Ungleichgewicht hinzu[4], dessen Ergebnis zur Jahrtausendwende vorliegt. Zur Sakralisierung durch öffentliche Macht tritt die Magisierung eines heiligen Geschehens hinzu.

Ein neuer Berufsstand der Sakramentenspendung hatte sich herausgebildet und unversehens wurden die Zusammenhänge zwischen Gemeindeleitung und Sakramentenspendung umgekehrt. Jetzt wurde nicht mehr der in aller Form gewählte Leiter einer Gemeinde in sein Leitungsamt eingesetzt (= „ordiniert“), um dort natürlich auch der Eucharistiefeier und anderen Zusammenkünften der Gemeinde vorzustehen. Vielmehr wurden „Älteste“ (= presbyter) mit allgemeinen Weihevollmachten ausgestattet, um dann in bestimmte Gemeinden geschickt zu werden. Schrittweise wurde die Bindung der Ordination an eine bestimmte Gemeinde unterlaufen, denn die absolute Vollmacht zur Spendung der Sakramente, also die globale Sakralisierung einer Person, hat jetzt alle Einzelbedingungen von Wahl und konkreter Amtseinsetzung überrollt. Mit seinen wahlunabhängigen Vollmachten ließ er sich ja überall verwenden, wo es galt, die Sakramente zu verwalten.

Mit dieser massiven Magisierung der ländlichen Leitungsämter, kombiniert mit der politischen Sakralität der Bischöfe, musste es zur unheilvollen und hochaktuellen Diskriminierung der Frauen und zur Zölibatsfrage kommen, die hier nicht weiter zu besprechen sind. Vor dem Hintergrund einer neu erfahrenen Heiligkeit zeigen diese Entwicklungen: Eine Strukturreform, die das „Weiheamt“ reformieren will, wäre kontraproduktiv und kommt zu spät, denn die Figur des Weiheamts ist selbst schon eine Deformation. Sie perpetuiert eine von weltlicher Macht infizierte Sakralität, fördert ein magisches Heilsverständnis und zerstört erneut den christlichen Geist der Geschwisterschaft. Sie ist für die jüngste Kulturgeschichte blind.

Was aber ist zu tun?
Im Sinn frühchristlicher und durchaus zeitgemäßer Spiritualität ist eine nüchterne Erneuerung der Leitungsämter einzuleiten. Sie dürfen nicht mehr sakral isoliert, monokratisch überhöht und von archaischen Tabus belastet sein. Gemeindeleitende Personen, gleich ob Frauen oder Männer, verheiratet oder zölibatär, sind keine Weihebeauftragten, deren Vollmacht in irgendwelchen Opfer- oder Wandlungswundern kulminiert. Es ist die Gemeinde, also die Gemeinschaft der „Heiligen“ selbst, die miteinander feiert und in deren Mitte sie Christus weiß. Sie ist nicht nur der „mystische“, sondern nach Paulus der wahre Leib Christi, die das Mysterium von Christi Tod und Auferstehung feiert. Die Erfahrung des Heiligen beginnt nicht mit hehren Ritualen, sondern im gegenseitigen Dienen, der schon außerhalb der Gemeinde geschieht. „Was ihr den Geringsten meiner Geschwister getan habt, das habt ihr auch mir getan.“ (Mt 25,40). Was gibt es für Christ/innen Höheres, als Christus in den Nächsten zu begegnen, deren Qualität an keine Kirchengliedschaft gebunden sein muss! Das Heilige braucht keine amtlichen Kontrolleure und Verwalter.

Gewiss, diese Umorientierung vom Weihe- zum Leitungsamt kann eine spirituelle Lücke hinterlassen. Denn nach wie vor haben Gemeinden und einzelne Christ/innen das Recht auf spirituelle Nahrung und Führung, auf Orte des inneren Nachdenkens und der geistlichen Erneuerung. Es ist deshalb wichtig, spirituell begabte Frauen und Männer zu suchen und ihnen in den Gemeinden entsprechende Funktionen zuzuweisen. Erinnert sei an die Entstehung der “Ohrenbeichte“. Ursprünglich war sie nicht Sache der Priester. Vielmehr trat man an geistlich hoch respektierte Personen (meist Mönche oder Nonnen) heran. Sie hatten die innere Kraft, den Menschen im Namen Gottes Vergebung zuzusprechen, Trost zu spenden und Orientierung zu geben. Dass es auch heute solche gottbegnadete Männer und Frauen gibt, steht außer Zweifel.

Die zutiefst verbindliche, uns alle belebende Erfahrung wahrer Heiligkeit im Vergänglichen, Hilfsbedürftigen und Zerbrechlichen beginnt, wie schon gesagt, in der Begegnung mit Menschen. Der Ort wahrer Heiligkeit ist in der Welt und ihrem Alltag zu Hause. Dadurch sollten Gottesdienste nichts an ihrer Würde verlieren. Es muss aber klar sein: Die in ihnen gefeierte Heiligkeit Gottes kommt nicht aus dem amtlichen Handeln der Vorsitzenden, die mit großen oder kleineren mit Machtpotenzen und -symbolen ausgestattet sind. Sie kommt aus jeder engagierten Begegnung mit Menschen, die schon außerhalb des Tempels geschehen ist.

Zwar kann sich diese Erfahrung in der Feier des Abendmahls verdichten, aber sie muss zuvor schon im Leben der Feiernden gegenwärtig sein. Heiligkeit zu erfahren und erfahren zu lassen, liegt deshalb nicht in der Regie von Kirchen oder Religionen, sondern im Verhalten und Erleben von Menschen. Bischof Kohlgraf erklärte einmal, die Menschen müssten die Kirche als lebensdienlich erfahren. Diese Aussage wiegt schwer, lässt keinen praktischen Widerspruch mehr zu. Deshalb wäre es unerträglich, sollte sich derselbe Bischof einer Ordination von Frauen widersetzen.

Was sollte ihn daran hindern, in seinem Bistum Frauen zu vollgültigen Gemeindeleiterinnen zu ernennen (was in der Schweiz schon geschieht)? Glaubt denn ein Bischof, es käme je Bewegung in diese höchst sensible Frage, in der die Anerkennung oder Demütigung von Frauen zur Debatte steht, wenn nicht endlich überfällige Fakten geschaffen werden!? Übrigens sind diese Fakten schon geschaffen. Einerseits walten an vielen Orten offiziell geweihte Priesterinnen und Bischöfinnen ihres Amtes, andererseits wird an ungezählten Orten der Welt das Abendmahl ohne priesterliche Assistenz gefeiert. Die Heiligkeit dieses Geschehens zeigt sich beim gemeinsamen Mahlhalten und nicht in der magischen Wirkung priesterlicher Worte.

V. Vertrauen aus der Erfahrung eines gelingenden Lebens

 V/1.  Ausgangspunkt: Ohne Vertrauen kein Leben

Angst geht um, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Ökologische Standards lösen sich auf, globale Sicherheitssysteme zerbröckeln, ökonomische Weltbeziehungen werden in Frage gestellt und skrupellose Staatsführer gewinnen an Einfluss. Ungezügelt kapitalistische und autoritäre Strukturen schaffen neben wenigen Gewinnern mehr und mehr Verlierer. Diese werden von unseren Gemeinschaften ausgeschlossen und an den Rand gedrängt, und so um ihre Bildungs- und Existenzmöglichkeiten betrogen.[5]

Auch in wohlsituierten Kreisen macht sich Angst breit. Kann ihnen unsere Gesellschaft noch eine menschenwürdige und freundliche Zukunft versprechen? In dieser prekären Situation wird es oft schwer, das natürliche Lebensvertrauen von Kindern zu behüten, zu stärken und so zu unterstützen, dass es sich in den Heranwachsenden zu einer gereiften und widerstandfähigen Vertrauenshaltung entwickelt, die im Erwachsenenalter persönliche und kollektive Krisen überstehen kann.

Im Widerspruch dazu leben alle Weltreligionen aus einem vitalen Vertrauen darauf, dass unser Leben von Sinn umgeben ist und selbst im Tod nicht zu einer lächerlichen Vision zerrinnt. Ihr Vertrauen auf Gott oder das Göttliche bietet ihnen dafür eine hinreichende Garantie. Diese paradoxe Kernüberzeugung besagt quer durch alle Religionen: Wir müssen uns nur auf diese Hoffnung einlassen, denn sie wird uns nicht enttäuschen. Ist das wirklich der Fall?

Natürlich geht es um kein naives Vertrauen, so legt den Glaubenden das Christentum selbst schwerste Prüfsteine in den Weg. Man denke an das Scheitern Jesu, der aus Angst Blut schwitzte und dessen Gottverlassenheit das Matthäusevangelium schilderte. Dennoch hält gerade das christliche Lebensmodell an einem unzerstörbaren Überschuss an Vertrauen fest. Allerdings muss es ein Leben lang erkämpft und wachgehalten werden. Es reicht nicht, auf äußerlich verfügbare Werte oder Erfolge zu bauen. Vielmehr kommt es darauf an, das Leben ‑ in einer „inneren“, also von innen her verstehenden Rationalität (Hans Küng) ‑ aus einem letzten Geheimnis heraus zu verstehen. Kann es gelingen? Genau das ist ein Teil des großen Geheimnisses vom menschlichen Leben.

Zugleich können wir sehen, dass dieses Vertrauen vielen Menschen gelingt. Offensichtlich nährt es sich aus den täglichen Erfahrungen und Begegnungen, Überraschungen und Überschreitungen an der Grenze, auch aus dem täglichen In-sich-gehen im gegenseitigen Gespräch, in Gebet und Meditation. Dieses durch und durch menschliche, zerbrechliche und zugleich unzerstörbare Grundvertrauen, das bruchlos in eine christliche Glaubenspraxis übergeht, verbindet uns mit den Angehörigen anderer Religionen.

Mit ihrer unglaublichen kulturellen Kreativität gelingt es auch ihnen in unterschiedlichsten Glaubensformen, einen unbedingten Vertrauensvorschuss in den Sinn des Lebens zu schaffen. Es entspricht dieser geradezu allgegenwärtigen Erfahrung, unbedingt angenommen zu sein vom Lebenssinn, von der Weltordnung, vielleicht einer ausgleichenden Harmonie oder einer letzten und unzerstörbaren Instanz. Vielleicht können Menschen dieses Lebensgefühl ohne ausdrückliche Glaubenserfahrungen nur schwer nachvollziehen, obwohl es auch bei ihnen aus dem fundamentalen Vertrauen ihrer Kindheit erwachsen kann. Die Weltreligionen haben diesen Grundgedanken in zahllosen Erzählungen, Symbolen und Erwartungen grundgelegt. Wir Christen möchten alle Menschen daran teilhaben lassen, nicht indem wir sie belehren oder moralisch drangsalieren, sondern indem wir sie für ihr eigenes Leben stärken. Dieses Angebot und dieses Teilgeben gehören zur spirituellen Grundausstattung einer christlichen Lebenspraxis.

Deshalb kann keine Religion, auch kein Christentum bei sich selbst bleiben. Sie alle leben von einer universalen Perspektive, von der schon die Rede war (II): der gemeinsamen Harmonie, des Erfüllt-seins, des universalen Hochzeitsmahls oder der Völkerwallfahrt zur Stätte des Heils, in der allen das Licht aufgeht. Aus dieser überschäumenden Erwartung und Zuversicht kommt auch die Kraft zur Versöhnung und Vergebung. Zumal in der aktuellen Globalisierungsdynamik sollte diese prophetische Vollendungsdynamik eines großen Vertrauens neue Konturen gewinnen. Ohne ihre Grundlage werden auch hochstehende Religions- oder Kirchensysteme ihre Relevanz verlieren.

V/2.  Folgen: Gegenseitige Teilhabe

Gemäß dem Johannesevangelium bietet Jesus den Jüngern eine bedingungslose Freundschaft an: „Ich habe euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (15,15) Diese Zusage Jesu gewährt den Gläubigen eine breite Vertrauensgrundlage und unbedingte Transparenz; sie sind von ihm vorbehaltlos angenommen. Wie schon gezeigt wurde, müssen ohne dieses gegenseitige Vertrauen auch hochreflektierte Kirchensysteme versagen; ihr Überleben hängt davon ab. Gelegentlich erweckt die katholische Liturgie den Eindruck, Jesus habe diese Freundschaft nur geweihten Würdenträgern zugesagt. In dieser Unterstellung zeigt sich das Grundproblem einer Kirche, die sich als Klassengesellschaft von Priestern und „Laien“, also als Paradigma eines halbierten Vertrauens präsentiert.

Statt einer Gemeinschaft, die von gegenseitiger Teilhabe geprägt ist, stoßen wir auf Kleriker und „Laien“, die sich ihrem Wesen nach unterscheiden. Überdies zeigt der klerikale Oberteil, einem autoritären Strukturdenken tributpflichtig, reiche Untergliederungen. Allen sichtbar steht oben der Papst mit dem erlauchten Kreis von Kardinälen. Ihm folgen die Bischöfe. Sie sind in Patriarchen, Kardinäle und Metropoliten, Erzbischöfe, Bischöfe und Hilfsbischöfe (in Deutschland „Weihbischöfe“ genannt) unterschieden und ihre unmittelbare Gefolgschaft wird gerne mit phantasievollen, teils kostspieligen Ehrentiteln geschmückt. Sie alle sind durch päpstlichen Entscheid ins Amt gekommen. Ihnen untergeordnet sind die Priester in verschiedensten Funktionen, durch ihre „Oberhirten“ ernannt. Dann kommt die große Trennungslinie zu den „Laien“, um deren Aufwertung man sich heutzutage halbherzig und etwas hilflos müht. Diese Trennungslinie bestimmt die gesamte Kirchenwirklichkeit und macht die Laien – auch die mit Sonderaufgaben betrauten ‑ in entscheidenden Dingen zu Stimmlosen und Außenseitern. Die Kleriker bleiben mit dem Glanz unantastbarer Würde umgeben.

Oft bildet diese Trennungslinie auch eine Grenzlinie des strukturellen, auch des persönlichen Vertrauens. So verschließt sich die römisch-katholische Kirche, einem banalen Männerbund vergleichbar, der entscheidenden Qualität, die eine Religion und religiöse Institutionen auszeichnen sollte: einem fundamentalen Vertrauensimpuls, der zunächst einmal alle umfasst. Entgegen aller historischen Erkenntnis wagt sie es sogar, sich dafür auf den Stifterwillen Jesu zu berufen. Das ist ein Skandal ersten Ranges, weil er die Grundregeln des Christseins von Grund auf verfälscht.

Man mag entgegenhalten, eine jede Institution benötige ordnende Elemente und keine größere Gemeinschaft komme ohne Kontrolle aus. Wo aber der Geist des Vertrauens herrscht, geschieht solche Kontrolle in offener Transparenz und nimmt die Meinung aller Kirchenmitglieder ernst, statt diese zu verfälschen. Selbst diese skandalöse Weigerung wird oft durch irreführende Äußerungen verdeckt und so von den Kritikern akzeptiert.

Ein Musterbeispiel bildet die stolze Aussage der Kirchenkonstitution „Die Gesamtheit der Gläubigen … kann im Glauben nicht irren.“ (Nr. 12). Das ist eine für Reformbewegungen wichtige Aussage. Doch der Folgesatz stellt klar, dass diese Übereinstimmung auch die Bischöfe umfassen muss. Die Gesamtaussage lautet deshalb: Ohne die Hierarchie könnt ihr trotz klarsten Konsenses irren. Zudem erklären andere Passagen der Konstitution, dass Irrtumslosigkeit auch ohne die „Laien“ je nach Umständen ein Sonderprivileg von Konzil, Bischöfen oder Papst sein kann. Dennoch wird die genannte Passage häufig als Plädoyer für ein außerordentliches Wahrheitsprivileg des Gottesvolks zitiert; das verkennt die tiefe Ambivalenz eines zentralen Konzilstextes.

Wie sind solche Missverständnisse auch bei anderen Konzilstexten möglich? Sehr viele Texte sind in extremer Weise von Kompromissen und inneren Widersprüchen durchzogen.[6] Progressive und Reaktionäre können sich auf jeweils ihre Passagen berufen. Die nachkonziliaren Spaltungen resultieren nicht aus tendenziösen Textinterpretationen, sondern spiegeln nur, was die „Konzilsväter“ in ihren ungelösten Streitpositionen programmierten. Bis zum Jahr 2013 haben die drei maßgeblichen nachkonziliaren Päpste ein perfektes System des Misstrauens und geheimer Kontrollmechanismen intensiviert, sozusagen ein Kartell des Misstrauens installiert, dies mit dem Ziel, die große „Kontinuität“ des Glaubens zu wahren.

Wer auf die fundamentale Spiritualität des religiösen Vertrauens baut, muss dem letzten Konzil und der nachkonziliaren Epoche jede Zustimmung entziehen, denn der Schaden für die Vertrauensbotschaft des christlichen Glaubens war und ist noch immer enorm. In einem Interview nennt es W. Kasper einen schwerwiegenden Skandal, dass die Kirche von heute von vielen als unbarmherzig betrachtet wird. Man kann ihm nur zustimmen, muss aber hinzufügen: In erster Linie ist diese Unbarmherzigkeit ein Produkt der Kirchenleitungen und von Kirchenstrukturen, wogegen die Reformbewegungen bislang erfolglos angegangen sind. Übrigens hat auch das päpstliche Jahr der Barmherzigkeit (2015/2016) zu keinen strukturellen Reformen geführt. Es ist eben keine erfolgversprechende Strategie, unbarmherzige Glaubensregeln prinzipiell zu akzeptieren und sie in einem zweiten Schritt barmherzig auszulegen.

Statt sich weiterhin in Hoffnung und Enttäuschung auf die Kirchenleitung zu fixieren, sollte es zu unserer Leidenschaft werden, Vertrauen in unsere Gesellschaft zu tragen und deshalb die christlichen Gemeinden zu Vororten eines Vertrauens zu machen, das die Grenzen der Kirche überschreitet.

Angesichts der offiziellen Situation ist es ganz erstaunlich, wie intensiv sich der Geist der Freundschaft und der gegenseitigen Treue trotz allem in vielen Gemeinden gehalten hat. Sie ließen ihre Vertrauenshaltung nicht von einer hierarchischen Misstrauenskultur zerstören. Deshalb sollten die Reformbewegungen dazu entschlossen sein, diesen Geist der Freundschaft in allen ihnen zugänglichen Lebensräumen durchzusetzen, auch wenn dies zu Konflikten führt. Natürlich gilt es, realistisch zu sein, denn im real existierenden, weltweit agierenden Katholizismus wird sich der Geist des Misstrauens, der moralischen Gängelung und der Glaubenskontrolle noch lange halten. Doch der Geist des geschwisterlichen Vertrauens vereint auch viele, die die katholische Kirche verließen oder nie ihre Mitglieder gewesen sind. Das Reich Gottes ist immer größer als selbstdefinierte Grenzen. Genau das schafft uns auch eine innere Freiheit und die Überzeugung, dass die Botschaft Jesu alle Grenzen übersteigt; seine Worte und sein Verhalten überzeugen aus sich selbst.

Schluss: Dringliche Strukturreform

Die Besinnung auf die geistigen und spirituellen Grundlagen unseres Glaubens sowie auf die schwindende Gegenwart Gottes in unserer Gesellschaft hat die strukturellen Reformfragen der römisch-katholischen Kirche nicht relativiert, sondern noch dringlicher gemacht. Schärfer denn je kann heute eine spirituelle Besinnung zeigen, wie diametral der katholische Kirchenapparat und der Geist christlichen Glaubens einander entgegenstehen. Wir vermissen in dieser kirchlichen Organisation konkrete Visionen, den prophetischen Geist Jesu und eine Lebensbejahung, die den Tod überwindet. Stattdessen lähmt noch immer eine Kultur der Kontrolle, der Unterdrückung und Todes allen Mut zur Freiheit, den uns der Einsatz für unsere Nächsten schenkt. Wir suchen das Heilige noch immer in einer machtaffinen und weltlosen Heiligkeit und haben die Orte wahrer menschlicher Heiligkeit vergessen. Als schlimmsten Mangel erfahre ich den tief eingefleischten Geist des Unfriedens, des Misstrauens und der Kontrolle, die für ein jedes Vertrauen tödlich sind.

Deshalb sollten Reformgruppen ihre Strategien ändern. Primär interessieren das Reich Gottes und nicht die Kirche, stehen also die Nöte und Bedürfnisse unserer Lebensräume, unserer Gesellschaft und der Welt im Zentrum unserer Leidenschaft. Deshalb muss alle Kraft den Mitmenschen und nicht der kirchlichen Institution gelten. Gerade eine neue innere Freiheit gegenüber der Hierarchie setzt viele Zukunftskräfte frei, die bis jetzt nutzlos gebunden waren. Wir suchen unseren Frieden nicht mehr im Arrangement mit der Kirche, sondern in der Solidarität mit unseren Mitmenschen. Wir kämpfen dafür, dass die kirchlichen Gemeinden autonom und innerlich frei werden. Das muss zu keiner Trennung von der Hierarchie führen. Aber die Hierarchie muss endlich um Gottes Reich wissen, um unsere Suche nach Gerechtigkeit vor Ort und um zeitgemäße Profile des christlichen Glaubens, die sich von der Säkularisierung nicht erdrücken lassen, sondern belebt werden. Wenn sich die Bischöfe vom Geist Jesu nicht korrigieren lassen, dann sei das ihr Problem, dann nämlich trennt sich die Hierarchie von den Gemeinden, nicht umgekehrt.

Der kritischste Punkt ist wohl der tiefgreifende Gestaltwandel des Heiligen, in dem wir dem Göttlichen begegnen. Wir suchen es nicht mehr in den traditionellen, oft nostalgischen Symbolen unserer Vorfahren, sondern in den vitalen Begegnungen, Erfüllungen und Frustrationen unserer Mitmenschen und im Wissen, dass wir in den Geringsten Christus selbst begegnen, unabhängig von seiner kirchlichen, christlichen oder religiösen Gesinnung. Nur dieser Ausgangspunkt kann langfristig auch zu einer erneuerten und zeitgemäßen Gottesdiensterfahrung führen. Sie lässt sich nicht mehr von einer sakramentalistischen, priesterlichen oder machtaffinen Symbolik leiten, vielmehr misst sie ‑ gemäß dem Wort Jesu ‑ alles menschliche und kirchliche Handeln am Vertrauen und inneren Frieden, der dadurch gefördert wird.

Dadurch ändern sich auch die innerkirchlichen Reformziele. Wir begleiten nicht mehr das hierarchische Handeln, sondern entwickeln im Gespräch mit den Gemeinden unsere eigene Kreativität. Wir kämpfen mit der Hierarchie nicht mehr um Erlaubnisse oder umfassende Grundsatzentscheidungen, sondern ermutigen die Gemeinden dazu, ihren eigenen Inspirationen zu folgen, also auf ihre eigene charismatische Kraft zu vertrauen. Wir verzehren unsere Kräfte nicht mehr im Kampf um geweihte Ämter und den gleichberechtigten Zugang von Frauen, sondern wählen in aller Sorgfalt solche Personen aus, denen wir eine segensreiche, kollegial begleitete Gemeindeleitung zutrauen. Zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden sehen wir keine trennenden Unterschiede mehr.

Wir erwarten umso weniger Schwierigkeiten, als die Hierarchie uns nicht mehr mit Priestern alten Stils versorgen kann. So hoffen wir auf die Zeit, in der wir alle anstehenden Fragen wieder offen, angstfrei und transparent auch mit den Bischöfen besprechen können. Aber sie müssen wissen: Für uns sind nur Gespräche verbindlich, die auf gleicher Augenhöhe, von der Sache Jesu inspiriert, argumentativ und in der Möglichkeit der Gegenrede geschehen. Der Wesensunterschied zwischen Klerikern und Laien ist – zumal in einer demokratischen Gesellschaft – keine christliche, sondern eine feudale und männerbündische Fiktion.

In all ihren Vorhaben ermutigen wir die Gemeinden dazu, weltoffen, klug und bedachtsam zu handeln. Sie sollen dies immer im Geist der Freiheit tun und sich nie zum Misstrauen verleiten lassen. Denn Vertrauen, Freundschaft und klare Visionen, aus diesen Quellen kann der christlichen Botschaft auch in unserem Kulturkreis eine neue Zukunft erwachsen. Es muss nur gelingen, das „Volk Gottes“ nicht erneut zum Befehlsempfänger einer übergeordneten Führungsschicht zu erniedrigen.

Bevor Kardinal Kasper die Reformkräfte erneut zu einer vertieften Spiritualität ermahnt, sollte er bedenken, welch massiven Frevel die kirchliche Hierarchie noch immer an ihr betreibt.

Anmerkungen:

[1] Interview mit Domradrio am 06. 06. 2013, https://www.domradio.de/themen/Ökumene/2013-06-12/kasper-das-grundproblem-ist-die-gottesfrage.

[2] Als Schlüsselwerk betrachte ich Hans Joas, Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung, Berlin 2017.

[3] Meilensteine sind die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung (1776), die Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789) sowie die Menschenrechtscharta der UNO (1948).

[4] Diesen Prozess, der wohl mit den Völkerwanderungen (4./5. Jh.) eintrat, skizziert kurz und anschaulich Hubert Wolf, Zölibat. 16 Thesen, München 2019, S. 38-40.

[5] Die wütende Klage der Greta Thunberg (16) beim Klimagipfel der Jugend in New York ist programmatisch: „Wie könnt ihr es wagen? Mit euren leeren Worten habt ihr meine Träume und meine Kindheit gestohlen… Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Beginn einer massenhaften Auslöschung. Und alles wovon ihr reden könnt, ist euer Geld, sind eure Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum. Wie könnt ihr es wagen!“ Eine ganze Generation habe versagt, den Planeten zu schützen.

[6] Dazu O. H. Pesch, Das Zweite Vatikanische Konzil. Vorgeschichte – Verlauf – Ergebnisse – Wirkungsgeschichte, Kevelaer, 32011.

 

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Seit dem 19. Jahrhundert sucht der Katholizismus für den Umgang mit Irrtum und Wahrheit nach realistischen Regeln. Sein Unfehlbarkeitsmodell, das 1870 dogmatisiert wurde, verabsolutierte die Institution und geriet spätestens 1970 in die Krise. Weiterlesen

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Bei all seinen intellektuellen Leistungen muss sich J. Ratzinger an der Frage messen lassen, ob er den Kern der christlichen Botschaft in einen säkularen Diskurs übersetzt, oder ihm die Gottesfrage nur vorwurfsvoll entgegenschleudert. Gibt er auf die großen Erwartungen und Hoffnungen der Menschheit eine konstruktive Antwort? Weiterlesen

„Er nahm das Feuer und das Messer in die Hand“

Predigt zum Opfer Isaaks durch Abraham (Gen 22, 1-19)

1. Die Geschichte

Die Geschichte vom verhinderten Opfer Isaaks durch seinen Vater Abraham entfaltet ein fürchterliches Szenario: Ein Vater besteigt einen einsamen Berg, mit einem Messer bewaffnet und Feuer bei sich tragend. Was führt er im Schilde? Weiterlesen

Sprechen von den Abgründen der Welt – Ein Essay über das Böse als Reflexionsbegriff

Mit der Krise der klassischen metaphysischen Theologie ist auch die Rede vom Bösen in eine tiefe Krise geraten. Die neue Deutung des Schöfungsberichts durch Ellen van Wolde kann einen Ausweg bieten: Jahwe hat weder die Welt noch das Böse geschaffen. Vielmehr kämpft er immer gegen das Chaos an, ohne es definitiv zu besiegen. Weiterlesen

Leonardo Boff, Tugenden für eine bessere Welt

Unter den Stichworten (1) Gastfreundschaft, (2) Zusammenleben, Respekt und Toleranz, sowie (3) Tischgemeinschaft und ein Leben in Frieden legte legte der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff im Jahr 2009 eine umfassende Monografie zu einem ökologischen und friedfertigen Umgang mit der Erde vor. Das Buch hat große Beachtung gefunden. Weiterlesen

„Großer Baum und winziges Senfkorn“ – Neuere Bücher zu Benedikt XVI.

Die Literatur über Joseph Ratzinger, den Theologen, Kardinal und jetzigen Papst, ist immens. Sie reicht von populistischen Lobpreisungen über opulente Bildbände bis zu theologischen Auseinandersetzungen. Ausgewählt seien hier sechs Publikationen, die einen wissenschaftlich theologischen Rang beanspruchen und eine umfassende Vision über Ratzingers Theologie und Wirken entwickeln. Weiterlesen

Vom Kosmos der Dinge zum Sinn der Welt

Thesen zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und Theologie

Die Postmoderne hat zu einem neuen Verhältnis zwischen Wissenschaft und Theologie geführt. In der Postmoderne  baut sie Brücken zwischen religiösen Symbolwelten und säkularer Rationalität.  So kann die Theologie innerhalb der Religionen auch zur Verteidigerin der modernen Naturwissenschaften und werden. Weiterlesen

Tugenden für eine bessere Welt

Schon lange fordern die Vordenker der Menschheit einen ökologisch verantwortlichen Umgang mit der Erde. Auch Theologinnen, Theologen und kirchliche Amtsträger treten dafür ein. Warum aber hat sich un unerem Verhalten so wenig geäündert? Es kommt darauf an, dass dieser Paradigmenwechsel nicht nur den Katalog unserer Pflichten, sondern auch unsere religiösen Haltungen und Tugenden verändert.

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Jürgen Habermas: Vom Kampf für eine kommunikative und wertorientierte Vernunft

Es muss ein Augenblick vermessener Selbstüberschätzung gewesen sein, als ich Ihnen Selg zusagte, in diesem Kreis einen Vortrag über Jürgen Habermas im Jahre seines 80. Geburtstags zu halten. Wie komme ich dazu? Von Beruf bin ich weder ein Philosoph noch ein Sozialwissenschaftler, noch ein kritischer Zeitgeist mit der Gabe analytischer Weltbeobachtung. Weiterlesen

Das Böse – Kehrseite der Frage nach dem Heil

Der als scharfsinnig bekannte Züricher Religionsphilosoph und Theologe Ingo u. Dalferth, legte im Jahr 2008 eine Hermeneutik des Bösen vor, die die gängige Bearbeitungen dieser komplexen Thematik an historischer Kenntnis und präziser Interpretation um ein Weites überbietet. Als Grundlagenwert sollte diese Monographie  in jeder philosophsichen und theologischen Bibliothek stehen. Weiterlesen

Kirche in der Welt – Wider die Privatisierung der Religion

In den vergangenen Tagen erreichten uns gehäuft Meldungen über eine seltsam missionarische Initiative von Atheisten. Nach dem Vorbild von London sollen jetzt auch in deutschen Städten Busse mit dem Slogan fahren: „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott.“ Die Reaktionen sind heftig; die meisten Stadtwerke lehnen die Initiative ab. Viele überzeugt Glaubende hingegen erklären, sie hätten damit keine Probleme. Weiterlesen

Schlange – Lügner – Widersacher der Menschheit

Zur vielfältigen Gestalt des Teufels in der christlichen Tradition

Der Teufel, von Philosophen längst ins Reich der Fabeln verbannt und von Theologen nur noch ungern besprochen, ist seit Jahren wieder im Schwange. Geheimzirkel und satanistische Bewegungen haben erneut auf ihn zurückgegriffen. Den Ton bestimmen Totenschädel und Gruselkabinette, Friedhöfe und Burgruinen, aber auch Sexismus und ritualisierte Perversion, Psychoterror und kriminelle Energie. Man fischt in trübsten Gewässern. Das Internet leistet selbstlos klingende Hilfestellungen, aber dahinter stecken oft kommerzielle Interessen[1]. Die vielfältigen Phänomene der Satansverehrung und Satansnachahmung sind allerdings schwer zu fassen. Weiterlesen

Auch Himmelsstürmer können irren

Unter Gläubigen hat das Buch des bekannten englischen Evolutionsbiologen Aufsehen erregt und für Unruhe gesorgt. Angekündigt wurde es als „furiose Streitschrift wider die Religion“. In Wirklichkeit kämpft es gegen ein primitives Gottesbild, das jeder augeklärte Christ hinter sich gelassen hat. Dies lässt sich im Vergleich mit Hans Küngs „Der Anfang aller Dinge“ zeigen. Weiterlesen

Die königliche Wahrheit der Christen (Christkönigspredigt 2012)

Die königliche Wahrheit von Christen (Christkönigsfest 25.11.2007)

1925 wurde das Christkönigsfest als eine triumphale Feier der Weltherrschaft Christi eingeführt. Inzwischen hat auch die katholische Kirche gelernt: Es geht nicht um keine Herrschaftsansprüche, sondern um die Wahrheit der Verlorenen, die auf Gerechtigkeit hoffen. Weiterlesen

Hiob und die Theodizee: Systematisch-theologische Perspektiven

In der Neuzeit wurde die Theodizee entwickelt; es war eine philosophische, nüchtern abwägende Denkoperation, in der das Leiden von Menschen als Kalkül neben anderen Faktoren im Weltgeschehen eingesetzt, aber nicht als unerträgliche Erfahrung ernst genommen wurde. Deshalb kann es als ein Glücksfall gelten, dass  die Hiobfrage in den vergangenen Jahrzehnten das Theodizeeproblem gesteuert und teilweise ersetzt hat. Weiterlesen

Die katholische Kirche allein

1. Neuer Schock und Beschwichtigung

Der Schock vom 7.7.07 [zur Restitution der alten Liturgie] war noch nicht verdaut, da veröffentlichte die Glaubenskongregation am 10. Juli in Gestalt eines Frage- und Antwortspiels ein seltsam kurzes, aber umso härteres Dokument [zur These, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche „subsistiert“],  Es stellt fest, die Kirche Christi existiere allein in der katholischen Kirche und den reformatorischen Glaubensgemeinschaften stehe der Titel einer „Kirche“ nicht zu Weiterlesen

Was hat Gott vor mit seiner gottlosen Welt? Theologische Überlegungen zu Harald Mulisch: „Die Entdeckung des Himmels“

Bei allem Humor und aller verspielten Erzählkunst entfaltet der Roman „Die Entdeckung des Himmels“ des niederländischen Schriftstellers Harry Mulisch eine todernste These: Gott zieht den mit Moses geschlossenen Bund endgültig zurück und überlässt die Welt ihrem Schicksal. Gründe dafür sind der promotheische Anspruch der modernen Wissenschaften und das Grauen von Auschwitz, das Mulisch aus biographischen Gründen nicht kalt lassen kann.
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Die ökumenische Situation unter dem neuen Pontifikat Benedikts XVI.

Die ursprünglich hoffnungsvolle katholisch-evangelische Ökumene wurde im Laufe der Jahre zu einer Ökumene der freundlichen Nichtentscheidungen. Dabei spielten die Theologieund die kirchenpolitischen Manöver von Joseph Ratzinger /Benedikt XVI. eine wichtige Rolle. Weiterlesen

Vergebung der Sünden (Predigt)

 Joh. 3, 1-15:

[1] Es war ein Pharisäer mit namens Nikodemus, ein führender Mann unter den Juden. [2] Der suchte Jesus bei Nacht auf und sagte zu ihm: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. [3] Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. [4] Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, er schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden? [5] Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. [6] Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. [7] Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. [8] Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist. [9] Nikodemus erwiderte ihm: Wie kann das geschehen? [10] Jesus antwortete: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? [11] Amen, amen, ich sage dir: Was wir wissen, davon reden wir, und was wir gesehen haben, das bezeugen wir; und doch nehmt ihr unser Zeugnis nicht an. [12] Wenn ich zu euch über irdische Dinge gesprochen habe und ihr nicht glaubt, wie werdet ihr glauben, wenn ich zu euch über himmlische Dinge spreche? [13] Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn. [14] Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, [15] damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat.

Schwestern und Brüder in Christus!

Es sind große und starke Symbole, die hier im Johannesevangelium zur Sprache kommen. Mit ihnen sollte die christliche Tradition eine ganze Symbolkosmos entfalten, der heute noch seine Geltung hat. Dazu gehören Geburt und Wiedergeburt, Wasser, Fleisch und Geist, Sturm, Aufstieg und Abstieg, Himmel und Menschensohn, Schlange, Erhöhung und Ewiges Leben. Im Leidensbericht wird diesen Symbolen neben dem Tod noch das Blut hinzugefügt; sie bilden den ernsten Hintergrund dieses Nachtgesprächs, zu dem Nikodemus, der Wahrheitssucher, Jesus aufsucht, und der beim Tod Jesu wieder zur Stelle sein wird: „Jener“, wie das Evangelium sagt, „der Jesus bei Nacht aufgesucht hatte“ (19,39). Von der Wiedergeburt handelt der Bericht; gemeint ist zugleich und hintergründig eine Geburt „von oben“, wie es der Doppelsinn des griechischen Wortes „anōthen“ (anwqen) zum Ausdruck bringt. Eine paradoxe Vorstellung also, die Johannes dadurch einlöst, dass er eine „Wiedergeburt“ im übertragenen und doch sehr realen Sinne für möglich hält: eine Wiedergeburt, in der Gott seine Hand im Spiel hat, in der gottgegebenes Leben beginnen kann. Zugleich aber weiß Johannes, dass über dieses Neue erst nachzudenken ist; es provoziert Missverständnisse, wie ja auch Nikodemus es nicht verstand. „Wundere dich nicht“, sagt Johannes, was im Grunde heißt: „Es ist der Mühe wert, genauer darüber nachzudenken“.

Nachdenken sollten wir auch deshalb, weil diese Begebenheit des Johannesevangeliums eine wichtige Praxis der frühen Kirche spiegelt. Denn wenn das Glaubensbekenntnis sagt (und wenn Christen aller Konfessionen und Kirchen dies sonntäglich bekennen), dass wir der+ „Vergebung der Sünden“ glauben, dann gehört dies – ganz offensichtlich –zu den Kernüberzeugungen einer christlichen Glaubenspraxis, die wir nicht aus den Angeln heben sollen, ganz offensichtlich deshalb, weil ihr Vergessen dem christlichen Glauben ein Element rauben würde. Wir wissen nämlich, worauf das Glaubensbekenntnis hier zu sprechen kommt. Gemeint ist mit dieser „Vergebung der Sünden“ die Praxis der Taufe, die – neben dem Gebet, der Verkündigung des Wortes und der Feier des Abendmahls – zu den grundlegenden Zeichen der christlichen Gemeinde gehört. Aber als Kern dieser sakramentalen Handlung gilt hier nicht die Aufnahme in die kirchliche Gemeinschaft, wie wir auf den ersten Blick sagen würden, sondern ein Geschehen, das mit Sünde und Schuld zu tun hat. Umso erstaunlicher, dass das später auch von einer Säuglingstaufe gelten soll, die ja sicher noch keine Sünden abzuwaschen hat, oder wie sollen wir hier den Begriff der Sünde und der Sünder verstehen? Offensichtlich haben sich einige Begriffe verschoben; vielleicht bedarf unsere Taufpraxis einer Erneuerung. Was meint also die Schrift mit Sünde, Schuld und Vergebung? Könnten wir – zusammen mit Nikodemus – versuchen, Missverständnisse auszuräumen und falsche Widerstände zu beheben?

1. „… kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod“

Die hebräische Bibel beginnt mit archaischen, zutiefst beeindruckenden Bildern; ihre zentrale Aussage ist einfach: Mann und Frau, von Gott geschaffen, versagen in ihrer Lebensprobe. Danach brechen Bosheit und Zerstörung (um in späteren Bildern zu reden) wie eine Lawine, wie eine große Infektion, wie die Pest über die Menschheit herein. Wie gingen die Menschen von damals – weit vor der Zeit Israels – mit diesem Fiasko um? Die Frage ist kaum von Bedeutung?+ Denn was da beschrieben wird, ist keine vergangene, sondern eine höchst aktuelle Erfahrung. Wir wissen es nur zu gut: Das meiste Unglück beginnt mit menschlicher Schuld und immer mehr wird uns bewusst, dass wir solche Schuld nicht einfach nach außen, auf die Gesellschaft, auf Mitmenschen, auf die Geschichte projizieren können. Es gibt Gründe genug, sie immer auch in den eigenen Reihen, in uns, in den eigenen Herzen zu suchen.

Wir brauchen uns also nicht lange bei der Frage aufzuhalten, wie groß der historische und wie wichtig der mythische Anteil solcher Erzählungen ist: die Ermordung des Abel, der Arroganz der Menschen, die himmelhoch hinauswollen, statt dessen nur eine babylonische Verwirrung zustande bringen, die wachsenden Katastrophen bis hin zur Sintflut. Genau diese Geschichten des Schreckens und des Versagens, genau solche Sintfluten haben in unserer Geschichte unendliche Ausmaße erreicht. Gewiss, wir Westeuropäer leben seit sechzig Jahren auf einer Insel der Seligen. Das haben wir jedoch nicht verdient, denn unser Glück kam auf Kosten anderer Länder zustande. Aber selbst was bei uns davor geschah, holt uns – in geradezu zwanghaften, wenn auch kleineren Wiederholungen – fast tagtäglich wieder ein. Vor wenigen Tagen erst sahen wir den Bischof von Rom in Auschwitz. Viele haben sein Verhalten und seine Worte aufmerksam+ so aufmerksam und so kritisch verfolgt, weil die Geschichte von damals auch die Söhne und Enkel der Opfer, aber die Töchter und Enkelkinder der Täter nicht in Ruhe lässt.

Warum aber hat uns die Vergangenheit so fest im Griff? Bevor wir den vieldimensionalen und den schwer zu fassenden Begriff der Schuld vorschnell mit einer abzubüßenden Tat oder einer sündigen Einzelhandlung identifizieren, sollten wir darüber nachdenken, wie früh sich der Begriff der Schuld schon einstellt. Schuld meldet sich als Verbindlichkeit immer schon in einem Stadium, in dem von Verfehlung noch gar nicht die Rede sein kann. Schuld meint zunächst eine Pflicht, die ich abzuleisten habe. Diese Pflicht hat noch nichts mit den Folgen einer Übeltat zu tun. Aber schon ohne mein Zutun ist die Wirklichkeit so verdreht, grausam, ungerecht, verlogen, wie sie eben ist. Das betrifft vielleicht meine Familie, meine Umgebung, die öffentliche Meinung, die große Weltpolitik. Deshalb verliert diese meine Verbindlichkeit, zu der ich mich gerne stelle, von vornherein alle Neutralität, alle Unbefangenheit, alles unbeschwerte und reine Gewissen. Von vornherein liegt über allem ein Schleier des Versagens. Das Interesse an vergangener Schuld hat mit dieser unbeantworteten, mit dieser unbeantwortbaren Frage zu tun, wie wir uns heute dem Zustand unserer menschlichen Beziehungen, zu Situation von Gesellschaft und Welt, vielleicht stellen sollen, ohne dabei immer schon zu versagen.

Hatte D. Sölle Recht, die sie vor Jahrzehnten einmal sagte, dass wir mit jeder Banane, die wir essen, die Ausbeutung einer verarmten Bevölkerung unterstützen? Fördern wir nicht schon aus Gründen des Überlebens immer wieder (wenn vielleicht auch in kleinen Teilen) Ausbeutung, Korruption und Lebensverachtung? Diese Frage ist kaum zu ein Ja oder Nein zu beantworten, und das ist kein theoretisches, sondern in zigtausend Varianten ein existentielles Problem. Zudem helfen hier keine moralischen Appelle. In erschütternder Hilflosigkeit sehen wir nur die verheerenden Folgen, die eine mangelnde Verantwortlichkeit aller und Einzelner nach sich zieht und uns alle zugleich überfordert. Ein tragisches Dilemma? Ja, wenn wir in uns nicht so etwas wie eine verantwortliche Freiheit und zugleich einen vom Lebenswillen gesteuerten Pragmatismus spüren würden. So schleift sich diese tragische Grundsituation in uns ab. Unmerklich führt sie zu einer mangelnden Sensibilität, die uns unmerklich – anonym oder benennbar – in immer dichtere Netzwerke einer Schuld einbinden kann, die immer realer und zwingender wird.

Denn vergessen wir nicht, je mehr sich unsere Welt in ihren Globalisierungsprozessen vernetzt und je differenzierter sie sich in ihren Strukturen darstellt, umso weniger werden auch Schuld und Verantwortung benennbar, in die wir hineingeraten. Abgründige Unsicherheiten und Fragen brechen auf, die keinen Sektor unseres Lebens aussparen. So fragte Günter Grass fragte vor wenigen Tagen selbstkritisch, wie sich denn die Literatur vor Verstrickungen hüten könne, gehütet habe: „Als wir uns brav ins Schweigen retteten? Ich spreche aus Erfahrung. Sechzehn zählte ich, als ich Soldat wurde. Mit siebzehn lernte ich das Fürchten. Und glaubte dennoch bis zum Schluß, als längst alles in Scherben gefallen war, an den Endsieg.“ Es ist die Sensibilität, die diese Worte so bemerkenswert macht. Gewiss, keine Schuld hat ihn getroffen, als er 18 war, war das Grauen zu Ende. Dennoch weiß er genau, wie nahe er bei den Verlockungen war, wie wenig ihm gefehlt hat, um in den Schrei der Unmenschlichkeit einzustimmen. Genau das ist, wenn wir ihm glauben dürfen, der Grund für seine spätere, durchaus schuldbewusste Wachsamkeit. „Seitdem will mir der Krieg selbst während Pausen, die Frieden heißen, nicht aufhören.“ Es gibt also nichts, das uns vor solcher Schuld, vor ihrem Beginn bewahren könnte: auch keine Religion und kein Glaube. Im Gegenteil, manchmal denke ich: Gerade Religionen, welche die Frage nach der Schuld kennen und pflegen, die vor ihr warnen und die Wege der Schuldvermeidung anbieten, gerade sie könnten unrettbarer in die Hände des Gewalt und des Fanatismus geraten als andere, die nicht um solche Schuldverflechtungen wissen und die nicht von der Leidenschaft für eine bessere Welt getrieben sind.

Angesichts unseres Weltzustandes also, nicht weil wir von Geburt an böse Wesen wären, wird  alle Verantwortlichkeit zum Ungenügens, erhält es in allen Erfolgen auch die Bitterkeit des Versagens, mischt sich in verschiedensten Formen das bei, was wir in der Regel Schuld nennen.

Damit beginn in einem jeden Menschen ein fataler Prozess, dessen Bedeutung wir kaum überschätzen können:

  • Diese Schuld, die immer schon geschehen und in unsere Geschichte eingegangen ist, bindet uns an die Vergangenheit. Schuldige Menschen können sich der Gegenwart nicht zuwenden, weil sie immer mit dem Vergangenen beschäftigt sind.
  • Diese anonyme Schuldenlast isoliert uns von anderen Menschen, von Ereignissen, von Beziehungen. Sie führt zu Projektionen. Gerne sind die Anderen oder das Andere schuld. Man selbst verdrängt seine Abhängigkeiten und Einflüsse. Man steht allein und wird zum Solipsisten.
  • Eine solch deprimierende Schulderfahrung entwickelt in uns in eine Dynamik die zu immer mehr Schuld und Bosheit führt. Sie träufelt destruktive Elemente in unseren Charakter ein, die immer mehr das Böse (das vermeintlich Böse) zerstören als das Gute fördern wollen. Schuld wird zum Erbe, das sich immer mehr anhäuft.
  • Eine solch verwirrende Schuldverstrickung betriff nicht immer unser moralisches Handeln; es schränkt unsere Freiheit eher ein. Aber Schritt auf Tritt des-orientiert es unsere Zukunftsplanung. Viele Menschen, die in neuer Freiheit handeln möchten, Verfehltes vielleicht wieder gutmachen wollen, stoßen auf inneren Widerstand, denn sie kennen jetzt nur noch einen Maßstab, der heißt: Ja nichts Verkehrtes mehr tun! Oft bedeutet das den Verslust der Authentizität und der Eindeutigkeit. Zum Schluss wissen wir überhaupt nicht mehr, was wir wollen.
  • Schuld insgesamt, in welcher Form auch immer, nimmt uns schließlich unsere Freiheit und Identität. Es gibt nicht nur eine Infektion durch die Schuld, die Einzelleben und ganze Gemeinschaften zerstören kann. (Man denke an die Stadt Theben, die wegen Inzest und Vatermord von der Pest heimgesucht wird, wie es der Ödipus-Mythos beschreibt. Man denke an die verbrennenden Städte Sodom und Gomorrha). In unserer Not legen wir uns oft eine zweite Haut zu. Wir legen unsere Intentionen nicht mehr offen, lassen uns nicht mehr ins Herz schauen. Wer eigentlich können wir noch sein?

Ver-Schuldung ist also ein unmerklicher Prozess, der nicht nur Individuen, sondern Gemeinschaften vergiften kann, schon längst vergiftet hat. Wir haben das in unserer Geschichte hinreichend erlebt. Es ist Paulus, der in größter Schärfe dieses Grundgesetz menschlichen Versagens entdeckt hat. Diese Schuldfrage können wir moralisch, mit noch größerer Anstrengung und noch besseren Programmen nicht mehr beantworten oder lösen können. Der Grund liegt nicht darin, dass etwa unsere Schuld irgendwie zu groß wäre, dass sie gegen Gott gerichtet ist, oder dass Gott sie nur durch Vermittlung seines Sohnes vergeben könnte. Gerade die Thora, und das heißt: Gerade der sorgfältige und treue Wille, alles richtig zu tun,: treibt uns oft in die Katastrophe hinein. Die Sachlage ist so vertrackt; sie hat uns und unsere Gemeinschaften so sehr in ihrer Identität beschädigt, dass wir uns selbst nicht helfen können. Ganz zu schweigen davon, dass die Schuldfrage, in dieser Radikalität verstanden, gerade von den monotheistischen Religionen erkannt wird und ihnen deshalb eine besondere Verantwortung auferlegt. Wenn nun Paulus zurecht sagt, dass die „Sünde“(wie er diesen Weg in die menschliche Katastrophe nennt) mit Adam – also mit dem Menschen – begonnen und sich über die ganze Welt verbreitet hat, gibt es dann überhaupt nicht einen Ausweg? Was würde Jesus in einem Nachgespräch des Jahres 2006 sagen? Wie würde er sein Wort von der Wiedergeburt, vom Wasser und vom Geist, vom brausenden Sturm wiederholen? Was haben wir als Christinnen und Christen heute einzubringen?

2. „… für alle eine Gerechtsprechung, die Leben gibt“

Es ist es an der Zeit, uns vor diesem Hintergrund mit der Vergebung auseinander zu setzen. Wir selbst können uns nicht einfach durch ein besseres Leben retten, das ist nicht nur eine christliche, nicht nur eine biblische, sondern eine allgemein menschliche Einsicht. Ist es also Gottes Sache, zu vergeben, während es der Menschen Last ist, sich in die Netze der Schuld zu verfangen? Nein, kein Fatalismus hilf weiter. Wie es scheint, lohnt es sich dennoch, über sie zu sprechen. Genau besehen ist ja auch Vergebung ein vieldimensionales Geschehen. Sie ist Ereignis, Prozess, eine Haltung und Weltinterpretation. In uns wird sie real als eine menschliche, mich zutiefst prägende Situation, die alle Sektoren meines Lebens durchzieht. Sie ist das Gegenbild all dessen, was sich über unsere Schuldverstrickungen sagen lässt.

So gibt es nicht nur isolierte Taten des Vergebens wie es isolierte Taten der Sünde gibt. Wenn Vergebung eine Wirkung haben soll, dann muss sie uns – genau und in vollem Umfang – aus der verlorenen Situation holen, die unsere Geschichte zur Katastrophe macht. Letztlich geht es um Versöhnung und Versöhntsein mit der Geschichte, zwischen Menschen, zwischen Kulturen und Kontinenten. Müssen wir uns also einfach von Gott vergeben und versöhnen lassen, also wissen und vielleicht glauben, dass wir in Christus erlöst sind? Nein, so einfach kann die Lösung nicht sein. denn in vielfachen Variationen hält die Schrift daran fest: Wir Menschen sind und wir bleiben es, die bei allen Verstrickungen anderen auch vergeben, mit den Wegen der Vergebung einen Beginn machen können. Auch mitten in unserer Schuld spricht Gott uns auf unsere Freiheit an. Wir erinnern uns an die vorletzte Bitte des Vaterunsers: „Vergib uns unsere Schuld“, die Matthäus mit einer bemerkenswerten Wendung abschließt. Bei ihm steht: „…wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben“ (6,12). Ebenfalls bei Matthäus lesen wir: „Wenn du nun deine Opfergabe zum Altar bringst und dich dort daran erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar. Geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder. Dann kommt und bring deine Gabe dar!“ Das ist eine drastische, für allen Opferkult sehr kritische Aussage, denn wenn du zurückkommst, wird dein Opfer nichts mehr wert sein, weil das Blut des getöteten Tieres geronnen ist. Also, „willfahre schnell deinem Gegner, während du noch mit ihm unterwegs bist, damit dich nicht der Gegner dem Richter, der Richter dem Justizvollzug übergibt und du ins Gefängnis kommst. Wahrlich ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.“ (5,23-26) Für Matthäus ist Vergebung durch uns Menschen unabdingbar.

Hängt die Vergebung durch Gott also doch an einer Vorleistung, die der Gnade vorausgehen muss? Seit der Reformation hat diese Frage die evangelische und die katholische Tradition immer wieder gespalten. Doch weder das eine noch das andere ist, wie mir scheint, eine angemessene Folgerung. Denn beides gilt zugleich, ohne Abstriche und mit derselben Entschiedenheit gilt. Wir haben mit der Vergebung zu beginnen und dass bedürfen dazu der Hilfe Gottes, der Eingebung seines Geistes. So sehr es auch an uns liegt, Versöhnung zu gewähren, so sehr müssen uns versöhnen lassen: „Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5,20), – mit Gott und durch Gott mit unseren Mitmenschen, mit dieser Welt. Bewegen wir uns also nicht ein einem Zirkel, in dem wir uns von Gottes Vergebung abhängig machen, Gott aber unsere Vergebungsbereitschaft voraussetzt? Das ist gewiss nicht der Fall. Mit Versöhnung und unseren zerbrochenen Verhältnissen, mit Schuld und Vergebung bewegen wir uns in einer Tiefe menschlicher Erfahrung und menschlicher Freiheit, in der die Kategorien von Ursache und Wirkung versagen. Viele von Ihnen können das bestätigen. Sooft uns Vergebung gelungen ist, erfahren wir zugleich, dass Gott schon lange in uns gehandelt hat.

In unserem verantwortlichen Handeln zu erfahren, Dass Gott, der Verborgene, der Gewährende, der „Barmherzige“ (wie der Islam ihn nennt) immer schon da war, das ist ein Herzstück gelungenen Glaubens. So bin ich auch davon überzeugt, dass wir den Beginn unseres Glaubensweges in der Urgemeinde mit diesem Bild nachvollziehen können. Historisch gesprochen geht es doch einfach darum, dass die Jüngerinnen und Jünger der ersten Stunde in dem Augenblick eine unerwartete Freiheit erfuhren, als sie sich nach aller Verzweiflung wieder in der Überzeugung trafen, dass Jesu Versöhnungstat nicht umsonst gewesen sein kann. „Friede sei mit Euch“, sagte er Auferstandene: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben …“ (Joh 20 22f.). Diese Vergebungsbotschaft ist also nicht für Gestrandete und moralische Versager bestimmt, sondern – mit Blut und Tod erkauft – eine Variante der Auferstehungsbotschaft selbst, so wie sie das Johannesevangelium versteht. Denn aus freien Stücken ist dieser zu Unrecht Gekreuzigte für das Versagen der Versager eingestanden. Für die Frauen und Männer der ersten Stunde bedeutet die Auferstehungsbotschaft deshalb lebendiges Wasser, Geist und Erhöhung, Brausen des Sturmes, Wiedergeburt, Überwindung des umfassenden Schuldgeflechts. Mit ihr beginnt Neues Leben.

  • Diese neue Lebenspraxis fixiert die Glaubenden der ersten Stunde nicht mehr auf die Verfehlungen der Vergangenheit. Im Handeln Jesu, im Eingedenken an diese Geschichte, erfahren sie reine Zukunft. Diese Geschichte, aus der sie jetzt leben – und aus der wir immer noch leben -, ist so stark, sie ist eine so machtvolle, erfreuliche, geradezu unzerstörbare Botschaft, dass in ihr die ersehnte Wahrheit zur Wirklichkeit wird. Das Reich Gottes, das alle Menschen und die ganze Welt umspannt, wird als Versöhnung greifbar.
  • Sie erfahren: Ihre Isolierung zu Einzelkämpfern, zu einer kleinen Gruppe von aussichtslosen Eiferern, von übereifrigen Sektierern ist jetzt aufgebrochen, denn sie haben in Jesus erkannt, dass Versöhnung möglich ist. So werden sie zu einer neuen Gemeinschaft nicht von Dienern, Vätern und Herrn, sondern von Geschwistern fähig. In ihr können sie ihr Versagen und alle Schuldenlast besprechen. Sie erkennen in der Geschichte Jesu, dass Vergebung nicht nur als kultische Einzeltat, sondern auch als befreiende, versöhnende Lebenshaltung möglich ist. Aus diesem Grund wird die Taufe „zur Vergebung der Sünden“ zugleich zum Zeichen der neuen Gemeinschaft, die wir Kirche nennen.
  • Sie erkennen in der Auferstehungserfahrung, dass und wie plötzlich ein Neubeginn möglich wird. Die Ketten des Todes sind für sie durchbrochen, der innere Zwang zur Bosheit, der Teufelskreis von Schuld ist aufgebrochen. Jetzt erst können sie die erschütternden und zugleich wunderbaren Lieder vom „Diener Gottes“ im Buch Jesaja neu und in voller Tiefe verstehen: „Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. (Jes 42, 2f.). Wer genau dieser Diener ist, bleibt in der Auslegung offen: Es kann der Gerechte sein, Israel kann es sein. Für die junge Kirche war es ganz gewiss Jesus. Doch vergessen wir nicht: Heute sind ganz gewiss wir es, denen diese Botschaft anvertraut ist und die um diese Gnade wissen.
  • Das alles sind die Gründe, weshalb in diesem Neubeginn gläubiges Handeln eine neue Orientierung erhält: Alle Menschen können dem Kommen des Gottes Reiches entgegen gehen. Wir dürfen wissen, dass es eine reale Möglichkeit ist.
  • Schließlich wächst ihnen so eine neue Identität Es gehört (menschlich gesprochen) zu den großen Geheimnissen der Religionsgeschichte: Ausgerechnet aus dem Tod eines gescheiterten Nazareners, aus einem Ort also, aus dem ohnehin nichts Gutes kommen kann; (Joh. 1,36), ausgerechnet aus diesem Justizirrtum entsteht eine neue Religion, die trotz allen Versagens Neues über Gott und Mensch zu sagen weiß. In dieser versöhnten Freiheit gehen die ersten Christinnen und Christen jetzt einen „neuen Weg“, wie es in der Apg. 9,2 heißt.

Das also ist die Erfahrungswelt, das ist der Bezugsrahmen einer umfassend neuen Lebenspraxis, nennen wir sie eine neue Menschlichkeit, in der Vergebung zwischen Menschen möglich (nicht Pflicht, sondern Selbstverständlichkeit) und die Versöhnung der Menschheit zum großen Ziel wird. Deshalb ist es gar keine Frage, ist es völlig nachvollziehbar und verständlich, dass Christinnen und Christen damals wie heute in gleicher Weise sagen: In dieser neuen Zukunft, in dieser neuen Fähigkeit zur Gemeinschaft, im Ausbruch auf diesem Teufelskreis, in dieser neuen Gesamtorientierung und Identität wird für mich und für viele Gottes Handeln greifbar. Es ist genau jenes Handeln Gottes, das mir schon im Handeln, in der Praxis und im Geschick Jesu greifbar, in seiner Auferstehungsbotschaft bestätigt wird.

Bei allem Bezug auf Gott, dem Quell aller Güte, haben Vergebung und Versöhnung im einschränkungslosen Sinn eine zutiefst menschliche und humane Seite. Wir können sie in unsere Welt hinein übersetzen mit der Bereitschaft, andere – ohne Ansehen ihres Versagens – so anzunehmen, wie sie sind und ihnen dieselbe tiefe Freiheit zu gewähren, die wir für uns selbst ersehnen. Das heißt aber auch, dass eine solche Vergebung und eine solche Freiheit nicht das Vorrecht von uns Christen ist. Im Übergang vom Judentum zum Christentum wurde diese Tiefenstruktur des Glaubens an Gott in besonderer Weise formulierbar, seien wir nicht zuletzt Paulus dafür unendlich dankbar. Aber es ist eine Tiefenstruktur, die wir auch im Judentum und im Islam ausgesprochen finden. Es ist zudem eine Tiefenstruktur, die überhaupt eine jede religiöse Grenze sprengt, – so sehr, dass unsere gemeinsame, christlich-menschliche Orientierung nur die Versöhnung der gesamten Menschheit einschließen kann, – in der heutigen Weltsituation mehr denn ja. Wenn wir uns also vom Gedanken der Sündenvergebung, der Vergebung von Schuld und der Versöhnung leiten lassen, dann liefern wir für den Weltfrieden einen unverzichtbaren Beitrag.

So gesehen, ist die Hoffnung darauf, dass Gott uns aus den Ketten der Schuld befreit, zugleich eine höchst persönliche wie eine weltpolitische Tat. In einem ganz anderen Bild ausgedrückt: Nac dem Lukasevangelium sah Jesus den Satan „wie einen Blitz vom Himmel fallen“ (Lk 10,18). Das ist ein kosmisches Bild, das ich zum Schluss den genanten hinzufügen möchte. Wer auf Gottes Zukunft vertraut, kann und wird – ganz im Widerspruch und im Widerstand zum Gang der Welt – von dieser umfassenden Weltperspektive, von dieser umfassenden Welthoffnung, von dieser Utopie der Weltversöhnung keinen Abstand nehmen. Arbeiten wird daran gemeinsam und mit der Bitte um Gottes Hilfe.

Amen

(Predigt am 11.06.2006)

 

 

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