Worte zur Corona-Krise 9: Unsere Zukunftsträume

Liebe Freundinnen und Freunde
In der Erwartung besserer Zeiten

Das Corona-Virus hat seine Wirkung getan und wirkt noch weiter. Der Luftverkehr ist zusammengebrochen, die meisten Jets stehen eingemottet auf Abstellplätzen, die Düsenmotoren mit einem Wetterschutz abgedeckt, die Eingangsluken verschlossen und die Blinklichter erloschen. Die Rümpfe und Flügel wirken wie ein eng verzahntes und unbewegliches Linienkonstrukt. Nahezu fünf Monate dauerte der Lockdown mit seinen blockierten Gaststätten, geschlossenen Kaufläden und stillgelegten Betrieben. Beinahe vergessen blieben die zu Hause eingeschlossenen Kinder und Jugendlichen. Wir wissen jetzt, wie sich ein Homeschooling anfühlt, das täglich mit dem Homeoffice der Eltern kollidierte, noch immer kollidiert und sie an den Rand ihrer Kräfte brachte.

1. Orientierungsmangel und Projektionen

Auf diesen Schock waren wir nicht vorbereitet. Die deutsche Politik reagierte zwar tatkräftig, brauchte aber einige Wochen, bis sie orientierende Worte fand, die Kirchen vielleicht noch länger. Stabilisierende Alltagsstrukturen brachen weg. So reagierte irgendwann die Volksseele mit oft chaotischen, oft aggressiven Demonstrationen. Die einen forderten auf verzweifelte Art ihre Menschenrechte ein, die anderen verbreiteten irrationale Verschwörungsgeschichten und fanden Gehör. Warum? Weil viele Alltagsstrukturen weggebrochen, uns Grundorientierungen zum Tagesablauf in Familie und Freizeit entglitten sind. Schlimmer noch: die Losungen von Fortschritt und Wohlstand klangen plötzlich hohl. Manche unter uns wurden depressiv, andere leugneten die Realität: Es gebe überhaupt keine Pandemie, nur die jährliche Grippewelle, oder: Wir müssten nur den üblen, uns belügenden Menschheitsfeinden das Handwerk legen, gleich ob sie Wladimir Putin oder Donald Trump heißen, Xi Yinping oder Bill Gates, ob es G5-Funkmasten oder mal wieder die Juden sind. Nur die AfD wusste nichts zu sagen, denn die Asylsuchenden konnte man beim besten Willen nicht verantwortlich machen.

Ich bemühte mich, diese Reaktionen zu verstehen und entwickelte Verständnis für die Hilfeschreie mancher, bei denen nackte Zukunfts- und Existenzängste aufgebrochen sind. Aber es gab auch die anderen, die destruktive Botschaften entwickelten und nach dem Motto „Haltet den Dieb!“ damit gewaltbereite Botschaften verbanden. Sogenannte Querdenker und Leute vom „Widerstand“ fühlten sich menschenrechtswidrig eingeengt. Politiker befürchteten schon, daraus könne sich eine neue Bewegung im Stil von Pegida entwickeln. Doch ab Mitte Mai mischten auch reaktionär-katholische Kreise mit. Auch sie sahen das Böse und eine verborgene Weltregierung am Werk, sie spintisierten von Impfstoffen, die man aus Embryos herstelle und versuchten ihrerseits, in Rom ihrer ersehnten Herrschaft näher zu kommen. Für den inneren Zustand der katholischen Kirche war das ein erschreckendes Alarmzeichen, aber sie erwies sich schlicht als ein Teil unserer Gesellschaft. Jetzt wurde der Lockdown auch unter religiösen, vor allem katholischen Menschen zum irritierenden Symbol für eine orientierungslose Haltung und Mentalität. Aus war es mit einem gesicherten und komfortablen Leben, das sich berechnen und beherrschen ließ. So hatten nur wenige Wochen gereicht, um unsere viel gepriesene wirtschaftliche, medizinische und mentale Sicherheit zu zerstören, auf die wir – 75 Jahre nach Kriegsschluss – so stolz waren.

2. Reparatur oder Erneuerung?

Wie wird es weitergehen? Vorläufig konfrontiert der Corona-Schock mit unerwarteten Spannungen, die jetzt auszutragen sind. Einerseits verlangen viele, die um ihre Existenz bangen, nach einer globalen und schnellstmöglichen Reparatur von Industrie, Gewerbe, Digital- und Verkehrswesen. Zerbrochene Lieferketten sind zu reparieren und neue Gewinnspannen aufzubauen. Die Bildungs- und Gesundheitssysteme rücken mal wieder in die zweite Reihe. Andererseits verlockt eine unwiederbringliche Chance. Wir könnten unsere politische Steuerung dazu nutzen, bestehende Schieflagen zu korrigieren, soziale Ungleichheit abzubauen und die Förderung von Ökologie und Klimaschutz endlich voranzutreiben. Wie aber kann die Politik einen solchen Kurs durchhalten? Bringen wir die Kraft dazu auf, auch Konzepte zu realisieren, deren Nutzen sich vielleicht erst in zehn oder zwanzig Jahren zeigt?

Doch über wirtschaftliche Stärke, Finanzkraft und Kreditwürdigkeit hinaus braucht eine solche Politik mehr, auf das sie sich stützen kann. Das sind nachhaltige Werte, Respekt vor der Natur, ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit und Gemeinschaft, sicher auch zivile und religiöse Leitlinien, aus denen unser Zusammenleben schöpfen kann. Schon deshalb hat es sein Gutes, einmal vom Trott der alltäglichen Routine wegzukommen und die Schleier etwas zu lüften, hinter denen sich die Mechanismen gedankenloser Selbstsorge, unstillbarer Gewinnmaximierung und unbarmherziger Wirtschaftszwänge verstecken. Denn eine vom Kapital getriebene Gesellschaft, die sich gutbürgerlich verkleidet, verschüttet langfristig unsere Lebensquellen und lässt uns allmählich verkümmern.

Leonard Bernstein sagte einmal: „Was haben wir Künstler mit Öl und Wirtschaft, mit Überleben und Ehre zu tun? Die Antwort ist: Alles. Unsere Wahrheit, wenn sie von Herzen kommt, und die Schönheit, die wir aus ihr hervorbringen, sind vielleicht die einzigen wirklichen Wegweiser, die einzigen klar sichtbaren Leuchttürme, die einzige Quelle der Erneuerung der Vitalität der menschlichen Weltkulturen.“ Was er von der Kunst sagte, gilt genauso für unser ziviles Handeln, für Moral und Religion. Gerade bietet mir mein Internet zwei Optionen an: „Zukunftsplan für eine soziale und ökologische Transformation“ oder „Gelb- oder weißfleischige Pfirsiche zum Sensationspreis von 1,11 €/kg“. Wir müssen nur wählen.

3. Sündenbock oder Grundvertrauen

Doch stellen Skeptiker eine wichtige Frage: Hat unsere Gesellschaft, haben unsere Parteien, weltanschaulichen Gruppierungen und Kirchen, hat Religion überhaupt noch die Kraft dazu, zukunftsfähige Ideen zu entwickeln, sie gar in die Tat umzusetzen? Beginnen wir mit der schockierenden Verunsicherung, die viele von uns in eine tiefe Orientierungslosigkeit gestürzt hat. Wo bislang auch für unsere Kirchen eine rationale, von Wissenschaft und Technik abgestützte Ordnung herrschte, schwankt der Boden und die Suche nach Sündenböcken hat sich erneut gezeigt. Das ist nicht neu, denn auch zu früheren Zeiten ließ das Christentum Verdächtigungen und Verteufelungen zu. Mit Unbehagen erinnere ich mich an Anneliese Michel, eine junge und zukunftsoffene Studentin, die sich im Sommer 1976 von ihren Eltern und einem Exorzisten in einen tödlichen Besessenheitswahn treiben ließ. Diese Zeiten sind inzwischen vorbei, werden Sie sagen. Dennoch tauchen, wie wir gesehen haben, genau solche Schuldzuweisungen wieder auf. Zwar haben die Dämonen jetzt andere Namen, aber in unseren tiefsten Seelenschichten treiben sie noch ihr Unwesen und tauchen prompt wieder auf, sobald unsere Vernunft die Kontrolle verliert. Irrationale Reaktionen schlummern immer in uns und wir müssen ‑ im buchstäblichen Wortsinn ‑ höllisch aufpassen, dass sie uns in unbedachten Augenblicken nicht überrollen. Zu einer religiösen Grundhaltung gehört gerade nicht, dass wir uns diesen irrationalen Gefühlen überlassen, sondern dass wir sie bändigen.

Doch diese Antwort reicht nicht aus. Genau genommen stacheln uns die Religionen nicht zu einem verbissenen und fanatischen Kampf gegen diese Dämonen an, sondern bieten uns schon immer Grundvertrauen in den Sinn unseres Lebens an, den niemand zerstören kann. Die großen Weltreligionen leben aus einer inneren Glaubensdynamik, die letztlich allen Erschütterungen unseres Lebens widersteht. Wir wissen uns von einer göttlichen Macht umfangen. Allerdings erwarte ich auch bei dieser Behauptung Widerspruch, dann aus drei Gründen ist dieses elementare Vertrauen täglich neu bedroht und umso prekärer, als unser Glaube in keine Gemeinschaft von Mitglaubenden eingebettet ist.

Der erste Grund liegt in der Dynamik dieses Grundvertrauens, das uns Christen und andere Glaubende mit ihrem Glauben verbindet. Dieses Grundvertrauen ist uns Menschen nicht wie ein materielles Ding gegeben. Es lässt sich nie festhalten, sondern umgibt uns wie Wasser bei Ebbe und Flut; immer neu haben wir darauf zu hoffen. Es fällt ja nicht wie Sterntaler vom Himmel, sondern es pulsiert, baut sich in unseren Lebensläufen auf aus kleinen Bausteinen, dem Vertrauen der Eltern, der Liebe zu einem Mitmenschen, dem Erfolg im Alltag, dem Geborgensein in einer Gruppe von Freunden, vielleicht dem Wissen um einen gütigen Gott. Das alles sind zahllose Einzelfäden, wie letzthin ein Fernsehmoderator erklärte. Allmählich und unmerklich fügen sie sich zu einem fliegenden Teppich zusammen, auf dem wir allein, als Familie und als Mitglieder unserer Gesellschaft oder als Gruppe dahinschweben, Stürme und Bruchlandungen nicht ausgeschlossen.

Der zweite Grund liegt in der konkreten Einbettung dieses Vertrauens. Es gibt ja kein Grundvertrauen an und für sich, vielmehr vertraue ich immer auf bestimmte Ziele, bestimmten Instanzen und Personen. Wem und worauf vertrauen wir? Die aktuellen Verschwörungserzähler vertrauen ja auch, allerdings ihren eigenen Gurus und Heilsverheißern, und wer weiß, ob sie nach Krisenende wieder auf Einkommen, Leistung und gesellschaftliche Geltung setzen. Auch Christen sind nicht gegen Missverständnisse gefeit. Keine Glaubensformeln reichen aus, und seien sie noch so glaubwürdig, denn auch sie verbergen immer noch ein Geheimnis. Wem kann also ein elementares Vertrauen gelten? Wer sind denn in Wirklichkeit dieser Sinngrund und diese Vision, auf die wir uns letztlich verlassen können?

Der dritte Grund lautet: Dieses elementare Vertrauen wird uns nicht wie ein wohl verschnürtes Päckchen angereicht. Natürlich wird es uns geschenkt, aber gleichzeitig müssen wir es uns erarbeiten. Vertrauen ist ja wie jede Beziehung ein wechselseitiges Geschenk, das Ergebnis auch meiner Investition; ich muss darum kämpfen. Im Vertrauen gegenüber anderen Personen und Dingen begegne ich immer auch mir selbst. Deshalb kann es auch mal einschlafen oder in Atemnot geraten, seicht dahin dümpeln oder in Untiefen versinken, irren oder zerbrechen. Es bedarf also immer der Pflege.

4. Was für mich Pfingsten bedeutet

Das möchte ich an der Pfingstgeschichte illustrieren, einer zutiefst menschlichen Geschichte, die sich in Krisen- und Übergangszeiten immer wiederholen kann. In Pfingstpredigten ist meist die Rede von der göttlichen Geisteskraft und der davon ausgehenden Begeisterung, auch von der Ekstase und dem Aufbruch, die die damals versammelten Freundinnen und Freunde Jesu erfuhren, von einem Sprachenwunder, das auch heute noch eine babylonische Verwirrung aufheben kann; von insgesamt 16 Sprachgemeinschaften war damals die Rede, dies 2000 Jahre vor unserer Globalisierungs- und Fremdenangst. Doch meistens bleibt es bei diesem verkürzten Bericht, obwohl die entscheidende, die zweite Hälfte erst noch folgt, denn mit dieser Pfingstekstase hört die neutestamentliche Jesusgeschichte gerade nicht auf, sondern geht in die Geschichte dieser jungen Bewegung über, die wir heute Kirche nennen. Nach ihrem fulminanten Beginn mündet sie allmählich ein in eine Geschichte mit ganz normalen Erfolgen und Misserfolgen, Triumphen und Verfolgungen, mit Harmonie und dem gegenseitigen, oft erbitterten Streit. Man denke nur an die Auseinandersetzungen zwischen Petrus und Paulus, die die junge Kirche beinahe zerrissen hätte.

Der begeisternde Anfang führt einer Abiturfeier vergleichbar, gerade nicht zur endlosen Begeisterung in einer immer glanzvollen Religion, sondern zu nachhaltiger Arbeit. Neu an Pfingsten war nur dies: Diese ersten Männer und Frauen schlossen sich nicht mehr ein, dann nämlich wären sie zur furchtsamen Sekte geworden. Vielmehr verließen sie die Häuser und begannen immer wieder, von ihren Erfahrungen mit Jesus zu erzählen. Im ständigen Umgang mit dieser Geschichte und ihren Zeitgenossen erprobten sie Stück um Stück, worin denn der Grund für ihr Vertrauen besteht, worauf sie zu achten haben, wenn sie es nicht verlieren wollten, und bei welchen Irrtümern sie sich vorsehen müssen. In diesem Umgang mit ihren Zeitgenossen galt es, diese Vision gegen alle Fehlformen zu immunisieren. Heute gilt es, sie in Kooperation mit anderen Religionen und Weltanschauungen mit neuem Inhalt zu füllen.

Deshalb heißt das in Krisenzeiten immer auch Neubeginn, wie sich jeder Frühling wiederholen, im Sommer Mühe bereiten und im Herbst zur Ernte führen muss. Die Pfingstgeschichte lebt wie jede Liebes- und Gründungsgeschichte von ihrer Wiederholung und von dem, was aus ihr folgt. Deshalb ist auch jede Liebes- und Gründungsgeschichte, wenn sie sich denn bewährt, auch ein oft anstrengendes, aber sich lohnendes Pfingstgeschehen.

Auch orientiert sich das neue Pfingsten unserer Krisenzeit nicht chronologisch am Pfingstfest, das vor vier Wochen viele von uns in großer Bedrückung feierten. Es bemisst sich an den neuen Maßstäben und an der Neuentdeckung der urmenschlichen Werte, die wir jetzt in Deutschland und in Europa durchsetzen können. Verstehen wir uns richtig: Ebenso wenig wie andere Religionen ist das Christentum für die Tagespolitik zuständig. Aber zusammen mit ihnen kann es ethische und menschliche Ressourcen schaffen, auf denen sich eine gute und menschenfreundliche Politik initiieren und stabilisieren lässt. Wir müssen uns nur mit uns selbst, mit unseren Gemeinden und mit Gleichgesinnten beraten. Unser elementares Vertrauen in Gott, Menschen und Welt zu aktivieren, bedeutet, in aller Offenheit Fehlentwicklungen und korrigierende Zielvorgaben für Instanzen und Institutionen zu besprechen, offen unsere Erwartungen für eine menschenfreundlichere Zukunft zu artikulieren, die Ängste und Sehnsüchte, die uns leiten, auszudrücken. Was sind die neuen Utopien, welches die neuen Visionen, die uns ins Offene leiten können? Müssten wir nicht zu Spezialisten der Zukunftsorientierung werden?

Christen sind keine besseren Menschen, aber man kann von ihnen erwarten, dass sie unseren Sinn- und Zukunftsfragen eine neue, wirklich verständliche Sprache verleihen, um genauer auszudrücken, was uns Christen, Muslime, Juden oder Buddhisten in unseren Religionen bewegt. Religionen dienen nicht der Verzierung und Überhöhung, sondern der Veränderung der Welt. Vielleicht müssten wir noch grundsätzlicher und gemeinschaftlicher als früher vorgehen und die gegenwärtige Welt überhaupt nach dem Sinn abfragen, den wir in ihr noch erkennen oder immer mehr vermissen. Eine große, durchaus weltoffene deutsche Wochenzeitung hat es vor einiger Zeit so ausgedrückt: „Nie mussten wir uns so aufeinander verlassen, wie heute. Das fällt vielen schwer. Wie lässt sich das kostbare Gut des Vertrauens bewahren, ohne das keine Gemeinschaft existieren kann?“

5. Unsere Visionen

Katholikinnen und Katholiken könnten Papst Franziskus ins Spiel bringen, dessen Echo die Grenzen der römisch-katholischen Kirche weit übersteigt. Er hat die Bewahrung der Schöpfung ebenso christlich aufgearbeitet wie die unaufschiebbare Thematik der Gerechtigkeit zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen, den Erdbesitzern und den Heimatlosen. Weltweit gibt es viele Menschen guten Willens, die die Solidarität mit bewundernswertem Engagement zu ihrem Recht kommen lassen. Wir haben von den Frauen und Männern im Gesundheits-, Pflege- und Pastoraldienst erfahren, die buchstäblich ihr Leben aufs Spiel gesetzt, bisweilen auch verloren haben. Wir sahen Papst Franziskus, der in der Karwoche auf dem leeren Petersplatz ein eindrucksvolles Zeichen des Mitgefühls setzte. Doch sollten wir auch, wie schon erwähnt, nicht vergessen, wie ausgerechnet prominente katholische Kirchenführer diese großen Visionen verraten und ohne alles Vertrauenspotential dem verzweifelten, hoffnungslosen und entmutigenden Schreckgespenst finsterer Weltmächte nachlaufen, das weiter spaltet, statt zu versöhnen, Aggressionen sät, statt zu ermutigen. Wir haben darauf zu achten, dass wir nicht ausgerechnet jetzt in die unseligen Phasen christlicher Kirchengeschichte zurückfallen, in denen wir mit Macht und Unterdrückung agierten und unser Weltbild nur wieder in Ordnung brachten, indem wir Sündenböcke projizierten.

Vielleicht sollten wir einfach an Jesus von Nazareth erinnern, der wie schon Buddha, Moses oder die großen Propheten einfach die Maßstäbe umdrehte, die Armen glücklich nannte, den Hungernden Sättigung versprach und Weinenden zeigte, wie sie wieder lachen können. Doch sollte ich mich nicht selbstgerecht über andere erheben, denn es war schon immer schwer, sich über angelernte und eingeübte Überzeugungen hinwegzusetzen. Gerade die großen Religionen haben in ihren Sternstunden Visionen entwickelt, die Geschichte machten. Dazu gehört die Vision Jesu vom Reich Gottes. Die Zeugen des ersten Pfingstfestes haben ihm voll vertraut, weil sie es als gut erkannten. Es wurde zu ihrem Traum und genau dieser Traum wurde zum Beweis des damaligen Durchbruchs, wie schon der Prophet Joel sagte:

Über alles Fleisch gieße ich aus die Kraft meines Geistes.
Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein,
eure jungen Männer und Frauen werden Visionen haben,
selbst die Betagten unter euch werden träumen

Jetzt endlich, angesichts dieser weltweiten Krise müssen wir es lernen, die Zukunft zu erahnen, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die destruktiven von den weiterführenden Tendenzen zu unterscheiden und allen zu sagen, was uns wirklich, langfristig und nachhaltig guttut. Auch Christinnen und Christen müssen wieder zu klugen und empathischen Seismographen der Welt werden. Diese Kunst wird uns geschenkt, sobald wird es lernen, Gott, Menschen und Welt – durch die Enttäuschungen hindurch ‑ wirklich zu vertrauen. Die Dichterin Ulla Hahn drückt es in ihrem Gedicht Im Märzen so aus:

Ich dachte sagt sie ich hätte nur die Wahl
die Entbehrung zu lieben
oder gar nicht zu lieben

aber wenn ich den Dingen auf den Grund ging
fand ich nichts Kümmerliches
vielmehr Fülle und

Sättigung: staubiges Riedgras
am Teichrand Tumult
von grauen und grünen Schwüren

ein ganzes Wörterbuch voller
Versprechungen alte und neue
Töne und Farben

erworben in einer langen Geschichte
der Helligkeit. Woher diese
Strenge des Monats März

der um seine Segnung kämpft
wie Jakob mit seinem Engel:
Ich lasse dich nicht …

Der Himmel unentschieden. Grisaille.
Bleiern der Teich vereist
durchsichtige Tiefe

Jakob im Morgengrauen mit verrenkter Hüfte
Aber gesegnet so wie
die Erde braun wie das Brot.

Letzte Änderung: 28. Juni 2020