Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden

Ein Gott, eine Welt, viele Religionen

Vortrag am 1. Juni 2017 in Weilheim (Obb.)

Einleitung: Religion, ein politischer Faktor

„Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“ Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass dieses Motto so brisant werden könnte, wie es nach dem 11. September 2001 geworden ist, als die Twin Towers in New York zusammenstürzten! Nicht nur der Islam, auch andere Religionen wurden inzwischen wieder als hochpolitische Faktoren zur Kenntnis genommen. Weiterlesen

Glauben und zweifeln, Grenzen bedenken

Was wir von den Weltreligionen lernen können

Vor wenigen Wochen wurde ich auf ihn aufmerksam, als das Fernsehen einen Film über ihn zeigte. Der Titel lautete: Das Ende ist mein Anfang; es ist zugleich der Titel seines letzten Buches, in dem er seinem Sohn Folco seine spannende Lebensgeschichte erzählt. Weiterlesen

Fundamentalismus – Schatten aller Religionen

Gegen den fremden und den eigenen Fundamentalismus

Der 7. Januar 2015, der Tag der Pariser Attentate, muss kein historischer Einschnitt sein, aber er verbietet es dem Islam und dem Christentum im west-östlichen Spannungsfeld endgültig, weiterhin die komplexen Probleme und Fragen zu verdrängen, die unser gegenseitiges Verhältnis vergiften und uns von Katastrophe zu Katastrophe schlittern lassen. Die Zeit der konstruierten Feind- und Idealbilder ist vorbei. Zwischen uns stehen reale Fragen, die wir schon längst miteinander, nicht gegeneinander hätten lösen müssen. Weiterlesen

Wahr ist, was uns für die Anderen öffnet

Klarstellungen zu Ökumene und Weltethos

Einleitung: Was ist Wahrheit?

Angesichts der Weltsituation erscheinen das Projekt Weltethos und der innerchristliche und interreligiöse Dialog als eine nicht zu leugnende, dringliche Notwendigkeit. Wie aber kann ein ernsthafter Dialog entstehen, wenn die Partner sich der eigenen Wahrheit sicher und der Unwahrheit anderer religiöser Denkweisen gewiss sind? Gibt es nur die eine oder mehrere Formen der Wahrheit, und wie lässt sich Wahrheit im Dialog entdecken? Weiterlesen

Christen, Muslime und der eine Gott

Noach als Prophet unserer gemeinsamen Friedensarbeit
Einige Grundgedanken zum Bedenken und zur Diskussion

1. Die Menschheit – eine Familie Gottes

Die drei prophetischen Religionen Judentum, Christentum und Islam glauben ausdrücklich nicht nur an den Einen, sondern auch an denselben Gott, gleich ob wir ihn Allah, Jahwe oder den Gott Jesu Christi nennen. Verglichen mit den anderen Weltreligionen ist diese gegenseitige Verwandtschaft einzigartig. Weiterlesen

Versuchung Fundamentalismus

Gemeinsames Weltethos als Ausweg?

Fundamentalismus ist ein typisches Antiprodukt der Moderne und in allen Religionen zu spüren. Kann das Konzept eines umfassenden Weltethos wenigstens ein Gegengift bieten, auch wenn es den Fundamentalismus nicht einfach ausrotten kann? Weiterlesen

Glaube zwischen Schrecken und Faszination

Zur Rolle von Leidenschaft und Gewalt in den Religionen

I. Gewalt im Vormarsch

Auf unserer Welt, in den politischen Auseinandersetzungen und kulturellen Entwicklungen, selbst im religiösen Denken ist Gewalt im Vormarsch. Vorbei sind die Hoffnungen, die uns beim Zusammenbruch der kommunistischen Systeme begleitet haben. Wir dachten, jetzt sei die Ära der Konflikte endlich zu Ende gegangen. Weiterlesen

Theologe über die Religionen und ihr Verhältnis zur Gewalt

Hermann Häring im Gespräch mit Philipp Gessler

In dem Moment, in dem Religionen politische Macht gewinnen, kann ein Primat der Gewaltlosigkeit oftmals nicht aufrechterhalten werden, sagt der emeritierte Theologieprofessor Hermann Häring. Dies zeige sich beispielsweise bei den Vertreibungen von Muslimen durch Buddhisten in Birma. Weiterlesen

Zwischen Wahrheitsanspruch und Relativismusangst – Zum Dilemma des modernen Katholizismus

Seit dem 19. Jahrhundert sucht der Katholizismus für den Umgang mit Irrtum und Wahrheit nach realistischen Regeln. Sein Unfehlbarkeitsmodell, das 1870 dogmatisiert wurde, verabsolutierte die Institution und geriet spätestens 1970 in die Krise. Weiterlesen

Die Zwei Gesichter der Religionen

(C) H. Echelmeyer

Im vergangenen Jahrhundert hat man die ethischen und politischen Einflüsse der Religionen auf ihre Kulturen massiv unterschätzt. Seit 2001 gelten die Religionen als unerschöpfliche Quellen von Hass, Fanatismus und kriegerischer Gewalt. Die Zeit der Religionskriege ist zwar vorbei, aber bei vielen Krisenherden der Weltpolitik hängt es nicht zuletzt von religiösen Faktoren ab, wie sie verschärft oder befriedet werden können. Weiterlesen

Leidenschaft zwischen Schrecken und Faszination

Die Dynamik des Heiligen in den Religionen

Einleitung: „Das ist mir heilig“

Seit einigen Monaten veröffentlicht die Wochenzeitung DIE ZEIT wöchentlich einen kleinen Beitrag unter der Rubrik: „Das ist mir heilig“. Autorinnen und Autoren jedweder Couleur kommen zu Wort, darunter viele, die sich nicht religiös nennen. Umso erstaunlicher ist es zu lesen, was diesen Männern und Frauen wirklich heilig ist. Weiterlesen

Leonardo Boff, Tugenden für eine bessere Welt

Unter den Stichworten (1) Gastfreundschaft, (2) Zusammenleben, Respekt und Toleranz, sowie (3) Tischgemeinschaft und ein Leben in Frieden legte legte der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff im Jahr 2009 eine umfassende Monografie zu einem ökologischen und friedfertigen Umgang mit der Erde vor. Das Buch hat große Beachtung gefunden. Weiterlesen

Abrahams Kinder

Zum schwierigen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen

Abrahams Kinder – Juden, Christen und Muslime also – haben es schwer miteinander, schwerer denn je. Judenhass ist in unserer Öffentlichkeit zwar tabuisiert, schwelt aber untergründig weiter; Erinnerungen an die Kreuzzüge oder an die Judenpogrome des Mittelalters rufen immer noch Emotionen hervor und nicht alle haben die moralische Katastrophe der Schoah begriffen. Islam- und Türkenschelte sind schon eher akzeptiert und spätestens seit 2001 treibt die Islamophobie neue Blüten. Weiterlesen

„… und wie soll es weitergehen?“

Religionen als Hoffnungsstifter

Einleitung

Nichtchristliche Religionen in Deutschland: eine Schreckens- oder eine Hoffnungsvision? Religionen in einer säkularen Gesellschaft: haben sie noch eine Funktion? Globale Zusammenarbeit der Religionen zum Wohl der Menschheit: ist das Utopie oder eine überlebensnotwendige Unternehmung? Weiterlesen

Predigt: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt …

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht.“
(Joh 2,20-26 )

Liebe Gemeinde, Brüder und Schwestern in Christus!

1.Wir haben im Evangelientext soeben ein ernstes Wort gehört: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht.“  Dieses Wort handelt von Verderben und Fall. Es geht um ein Weizenkorn, das nicht aufblühen kann, es sei denn, es fällt in die Erde. Zunächst ist es dem Tod geweiht. Dabei besteht – wenn man die ganze Perikope hört – zu diesem Ernst keinerlei Anlass. Denn da kamen Griechen, so erzählt der Evangelist Johannes, Ausländer also, die zusammen mit den Juden zum großen Pesachfest nach Jerusalem hinaufziehen, um dort Jahwe, den Gott Israels anzubeten. Mehr nicht: Sie sind auf der Höhe der Zeit, haben sogar von Jesus und seinem kometenhaften Aufstieg gehört. Ihn möchten sie sehen.

Haben sie es verdient? Philippus und Andreas tragen Jesus diesen Wunsch vor. Wir wissen nicht richtig, wie Jesus darauf reagiert hat. Wir hören Jesus nur mit großem Ernst sagen: „Die Stunde ist gekommen, da der Menschensohn verherrlicht wird.“ Und wir fragen uns: Was für eine Stunde, was für eine Verherrlichung ist denn gekommen’, und: Wie können wir diese rätselhafte Aussage in unsere Zeit übersetzen? Jesus, das wissen wir inzwischen, hatte seine Stunde und er hat sie im Namen Gottes ergriffen. Aber wir nehmen dieses Wort offensichtlich nur ernst, wenn wir zugleich unsere Stunde wahrnehmen und erkennen.

Gewiss, es gibt viele Gebote der Stunde; vielleicht können wir sie nach Belieben aneinander reihen. Deshalb ist es wichtig, dass wir solche Gebote sichten und unsere Wahlen treffen. Diese Kirchengemeinde denkt in dieser Fastenzeit über ein Gebot der Stunde nach, das keinen Aufschub duldet. Es ist die Stunde der gefährdeten Erde. Die Stunde dieser Erde ist wirklich gekommen. Wir alle kennen die Signale. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, greifen wir massiv ein in das Gleichgewicht des Klimas, beuten wir die Ressourcen der Erde so massiv aus, dass für unsere Kinder und Enkel nichts übrig bleibt. Die Stunde ist gekommen.

2. Offensichtlich können wir diese Stunde der bedrohten Erde nicht der Wirtschaft oder Industrie, auch nicht einfach der Politik überlassen. Ihre wohlgemeinten Versuchte stolpern von Misserfolg zu Misserfolg. Der wohl richtige Versuch, die Bedrohungen weltweit zusammenzurechnen und eine gemeinsame Reaktion zu entwickeln, stolpert von Scheitern zu Scheitern. Statt am gemeinsamen Strick zu ziehen, brechen in den großen Weltkonferenzen – zuletzt in Kopenhagen – sie wieder auf: Die alten Konkurrenzen und Machkämpfe, die tiefen Verletzungen, die gerade die mächtigen und reichen Nationen der schwachen und armen Völkern zugefügt haben und täglich zu fügen. Von einem „Imperium der Schande“ spricht der engagierte Weltbeobachter Jean Ziegler, wenn er die gnadenlose Macht- und Interessenpolitik der vergangenen Jahrzehnte beschreibt. An einem Punkt sind die bislang unterlegenen Staaten nicht besser also diejenigen, die die Tagesordnung der Welt diktieren. Ein jeder rechnet auf, keiner gibt nach, die Zirkel des Heimzahlens und der Aggressionen drehen sich wie ein Kreiselkompass täglich schneller. Einige drohen damit, diese ewigen Bewegungen durch gewaltsame Eingriffe zu durchbrechen. Aber sie selber wissen, dass Kriege und Waffengewalt eben nichts stoppen, sondern nur noch dramatischer steigern. Wie lange soll das weitergehen? Wann wird die Erde ihr Gleichgewicht verlieren? Wann werden die Fische endgültig ausgerottet, die Meere und die Luft endgültig vergiftet sein? Wann hat die Atmosphäre ihre Schutzschichten verloren? Wann werden die apokalyptischen Folgen dieses gnadenlosen Kreislaufs den Punkt erreicht haben, an dem es kein Zurück mehr gibt?

3. Gibt es kein Zurück? Rennen wir also unaufhaltsam, wie Lemminge, in einer weltweit ausweglosen en Prozession in den Abgrund? Lassen wir dieser schicksalhaften Lawine – in der sich Hilflosigkeit und Dummheit, eine selbstsüchtige Intelligenz und beleidigte Herrschaftsphantasien miteinander verquicken – ohnmächtig ihren eigenwilligen Lauf oder können wir eingreifen? Die Antwort scheint mir bestürzend einfach: Wir können nur eingreifen und die Richtung dieser Bewegung umkehren, indem wir die Konfrontation eben akzeptieren, eingreifen wo einzugreifen ist und die Richtung eben umkehren. Aber wie? Wie kommen wir zu diesem schwierigen und zugleich einfachsten Schritt der Welt? Wer kann dies tun? Im Grunde können wir es alle, sofern wir den Gang der Welt beeinflussen können. Aber die Welterfahrung zeigt auch: im Grunde ist genau dies den Religionen zu eigen. Sie bieten und Weltinterpretationen und sie helfen uns mit ihren Mythen und Erzählungen, die uns zur einer Weltdistanz verhelfen, aus der zugleich eine tiefen Weltliebe entspringt. Und in allen großen (wahrscheinlich auch in den kleinen) Religionen zeigt sich diese Erkenntnis, von der Jesus in der gehörten Perikope spricht. Sie lautet nicht: wir müssten und wir müssen endlich etwas tun, das wäre nur der Moralismus, der alle ernstmeinenden Menschen vereint. Religionen leben aus einer letzten und verbindlichen, aus einer unaufschiebbaren Dringlichkeit, die uns sagt: „Die Stunde ist gekommen“. Sie alle geben ihre Stunde an, in der Entscheidendes geschehen ist. Sie alle haben den Mut, vom Zusammenbruch der Erde und von diesem Ende der Zeiten und der großen Implosion zu sprechen, nach dem es kein Zurück mehr gibt. Sie alle demonstrieren uns vor Augen, dass der Beginn des Unwahrscheinlichen auch wirklich geschehen kann.

Irgendwann ist Buddha eben nicht mehr in die Paläste seines Vaters zurückgekehrt, sondern er begann mit den Pfaden des Heils. Der Hinduismus zeigt uns, dass alle Wege der Habsucht und des Egoismus, des Genießens und der Gewalt zu keinem guten Ende führen werden. Wer aber die Botschaft des endgültigen „Nirwana“ – dieses Nichts, dass zugleich alles umgreift – verstanden hat, kann sich aus der Umklammerung des Todes lösen. Zusammen mit diesen großen Religionen üben auch die chinesischen Weisheitsströme die Kinder Ihres Kulturraums in die tiefe und sorgsame Achtsamkeit gegenüber Erde und Leben, in das rettende Gleichgewicht ein, das uns schützend auffangen und in großer Güte bewahren kann. Die Eingeborenenreligionen von Mittel- und Südamerika berichten uns von der mütterlichen Macht der Pacha mama, der mütterlichen Erde, die uns alle in ihren Schoß aufnimmt, wenn wir sie nur nicht täglich schänden. In ihren Riten lehren sie uns: Es ist nicht das Ziel des Menschen, nach oben zu kommen. Ihre Altäre stehen nicht wie bei uns vorn, an der erhabensten Stelle ihres liturgisch-kosmischen Raums, sondern immer in der Mitte, ganz unten, – dort nämlich, wo sie dem Schoß der Erde am nächsten sind. Alle aber üben uns in ihren Feiern und Liturgien in den Augenblick ein, an dem die Umkehr der Menschheit beginnt und Gott (die Göttin, die Weisheit, das unendliche Geheimnis) selbst zu unserem Heil erscheinen; sie gehen mit uns einen neuen Weg gehen.

Und die monotheistischen Religionen? Sie brauchen sich hinter dieser Wahrheit und Erkenntnis nicht zu verstecken. Im Gegenteil, wie mir scheint, haben die jüdisch biblischen und die muslimischen Kernimpulse diesen Sprung in den Neubeginn noch stärker ausgeprägt. Ihr Ethos des ständigen Neubeginns wiederholt sich in vielfältigen Variationen. Man lese einmal in der jüdischen Bibel bei Abram (und Abraham), bei Moses, bei den Propheten die zahllosen Geschichten vom neuen Anfang und von der neuen Bekehrung. Man versuche einmal, im Koran die Offenbarungsgeschichten Allahs mit den Menschen zu verstehen und die Gewalt dieser Worte auf uns wirken zu lassen – ganz schwierig, gewiss, aber letztlich doch für uns zu verstehen. Und kommen wir in diesem Reigen des Neubeginns endlich an bei Jesus von Nazareth, der die Stunde seiner Sendung und seiner von Gott gestellten Aufgabe eben nicht mehr hinauszögert. Vielmehr geht er ihr entgegen: entschlossen und demütig zugleich. In biblischer Sprache reden wir von der Stunde, die jetzt da ist, von der Gegenwart des Reichs, die mit Jesus – unversehens und wie ein Dieb in der Nacht – einfach beginnt. Zugleich konfrontiert uns das letzte Buch des Neuen Testaments mit den dramatischen Inszenierungen eines apokalyptischen Endes. Sie wollen nur sagen, dass und wie diese Ereignisse des Schreckens mit Gottes Hilfe und mit der Inspiration seines Wortes vermeidbar, im Grunde aber überholbar, vielleicht sogar überholt sind.

4. Sind das neue Erkenntnisse oder unerhörte Einsichten? Eigentlich nicht, aber in einer langen, recht einseitigen Tradition von Jahrhunderten haben unser selbstverständliches, schon immer wirksames Ethos mit einer leistungsbetonten Ethik verwechselt. Wir habendem Jenseits vor dem Diesseits den Vorzug gegeben, dem überirdischen Heil den Vorzug vor der Sorge für unsere Erde, den moralischen Turnübungen unseres edlen Menschseins den Vorzug vor dem Blick in unsere Abgründe. Wir sahen lieber die Produkte unseres stolzen Heroentums als die Chance, uns in dieses Gebot der Stunde fallen zu lassen.

Aus all diesen Gründen scheint mir das Wort so wichtig, das uns heute aus dem Munde Jesu zugesprochen wird: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht.“ Für mich ist dies kein schreckliches, gerade kein todessüchtiges Wort. Es verlangt von uns nämlich nicht, dass wir uns jetzt in Todessehnsucht üben und uns in einer Selbstlosigkeit verzehren, die uns ohnehin überfordert. Dieses Wort führt uns hin zu einem grundlegenden, einem ganz tiefen Geheimnis unseres Lebens. Denn es sagt uns – ganz anders als unsere abendländischen Ideale eines freien und selbstbestimmten Lebens – dieses: Leben war und ist schon immer ein überindividueller und gemeinsamer, gar gemeinschaftlicher, ein höchst vernetzter Prozess fließender, oft stabiler, oder verletzlicher Gleichgewichte, ein ständiger Weg des Austauschs, des Nehmen und Gebens, des Werden und Vergehens, des täglichen Loslassens, auch einer Selbstvergessenheit, die sich an den gemeinsamen Aufgaben und Chancen orientiert.

Was bedeutet dies für unser menschliches Ethos? Sagen wir es mit einem Bild: Wie ein indischer Mythos erzählt, hat die Göttin Indra ein dichtes und vielfältig geknotetes Netz über die ganze Erde ausgespannt. Jeder Knoten wird von einem Kristall zusammengehalten, der n sich seinerseits alle anderen Kristalle spiegelt und wiederspiegelt. Deshalb bleibt kein Kristall allein; sie alle gehören zusammen. Das Leben und das Schicksal des Einen ist immer auch das Leben und Schicksal des Andern.

Nicht nur in Indien sieht man das so. Nach christlicher Tradition ist die Kirche – auf Grund unseres gemeinsamen Lebensgrundes – ein Leib, der Leib Christi. Aber auch die gesamte Menschheit ist ein Leib, der Leib Gottes, denn als Gottes Schöpfung sind wir alle eine Familie. Die uns von Gott gewährte Erde ist ein Haus, ein oikos. Da wir alle in Gott leben, uns in Gott bewegen und in Gott sind, bilden auch die Menschen, alles Leben und die ganze Welt, eine Einheit, die ineinander verwoben ist.

5. Der brasilianische Theologe Leonardo Boff zeigt in seinem faszinierenden Buch „Tugenden für eine bessere Welt“ einen bedenkenswerten Zusammenhang: Das Leben, das ständig nimmt und zugleich gibt, das eine einen kontinuierlichen Austausch überhaupt nicht zu denken ist, konnte sich in der langen Geschichte der Evolution nur so unwiderstehlich entwickeln, weil es nach dem Prinzip der Gastfreundschaft handelte. Das gilt auch heute noch. Wo Leben gedeihen soll, muss der Tisch immer und für alle gedeckt sein: wie wir im Johannesevangelium hörten: nicht nur für die Juden und nicht nur für die Jünger Jesu, sondern auch für die Griechen, für die Fremden also, die zu uns stoßen und uns mit ihren neuen Ideen bereichern können. Aber wie es uns das Leben des Alltags zeigt: der Tisch muss auch für die Versager und Bedürftigen, für die Verzweifelten und die Schattengestalten unserer Welt gedeckt bleiben. Wir alle sind von der Großzügigkeit aller abhängig, wie die Erde – gegenüber uns in allem und immer großzügig – unserer Großzügigkeit und Gastfreundschaft bedarf.

Wer ein solches Bewusstsein in seinem Alltag und in seinem Lebensraum schärft, und wer sieht, dass die Stunde zur Neuorientierung gekommen ist, liefert zu der überfälligen Bewahrung der Schöpfung seinen Beitrag. Dass uns dies gelinge, darum bitten wir Gott, der für immer ein Gottes des Lebens ist.
Amen

(Predigt, gehalten am 14.03.2010)

 

Weltethos und Religionen im Zeitalter der Globalisierung

Es ist nicht unproblematisch, über Globalisierung zu reden, denn möglicherweise haben wir von ihr, die ein vieldimensionales Geschehen benennt, höchst verschiedene Vorstellungen. Dasselbe gilt für den Begriff des Weltethos. Er hat ebenfalls mit der Globalisierung zu tun. Aber unbeschadet der klaren Programmatik des „Projekt Weltethos“ (PW) ist durchaus noch offen, welche Schichten von Welt und Menschheit im Laufe der Jahre in ein globales Ethos eingehen werden und wie sich dieses Ethos auf seiner operativen Ebene einmal auswirken wird. Weiterlesen

Versöhnung als religiöse und politische Tugend

Die Frage nach persönlicher, gesellschaftlicher und weltpolitischer Versöhnung wird mit neuem Interesse gestellt. Denn für eine gute Zukunft der Menschheit ist Versöhnung notwendiger denn je. Dieses Referats geht den inneren existentiellen, kulturellen und politischen Zusammenhängen in differenziertere Weise nach. Weiterlesen

Abrahams Kinder – Zur Aktualität des Trialogs

Lassen sich die Konflikte zwischen Christentum, Judentum und Islam überwinden?

Der Trialog zwischen Juden, Christen und Muslimen ist mit Enttäuschungen und Hoffnungen gesättigt. Einerseits ist er unverzichtbar, andererseits stellen sich ihm massive kulturelle, soziale und politische Probleme entgegen. Im kommenden Text sollen für ihn einige Bedingungen und Ziele formuliert werden. Weiterlesen

Der Glaube der Kirchenväter? Zu den Grundlagen von J. Ratzingers Theologie

J. Ratzinger, ehemals Präfekt der römischen Glaubenskongregation und späterer Papst, hat die theologischen Geschicke der Kirche 33 Jahre lang geleitet. Der Artikel stellt die These auf, dass er sich Ratzinger eher von der griechischen Metaphysik als  von der Botschaft Jesu leiten ließ. Weiterlesen

Böse, das/der (Lexikonartikel)

 

1. Der Sprachgebrauch des Begriffs „böse“ reicht von einer undifferenzierten Alltagsbedeutung (ungesund, bedrohlich oder gefährlich) über eine religiöse Einordnung (unheilbringend) und eine spezifisch moralische Qualifikation (übelwollend) bis hin zu einer metaphysischen Erklärung der Welt aus einem guten und einem schlechten Prinzip. Weiterlesen