Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden

Ein Gott, eine Welt, viele Religionen

Vortrag am 1. Juni 2017 in Weilheim (Obb.)

Einleitung: Religion, ein politischer Faktor

„Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“ Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass dieses Motto so brisant werden könnte, wie es nach dem 11. September 2001 geworden ist, als die Twin Towers in New York zusammenstürzten! Nicht nur der Islam, auch andere Religionen wurden inzwischen wieder als hochpolitische Faktoren zur Kenntnis genommen. Weiterlesen

Die Botschaft Jesu jenseits von Konfession und Religion – Thesen

Schon lange geht die exegetische Forschung davon aus, dass Jesu Botschaft und Lebensprojekt den Rahmen der späteren Kirche weit überschreiten. Deshalb tun die Kirchen und Konfessionen in einer säkularisierten Epoche gut daran, sich neu an diesem vorkirchlichen Jesus zu orientieren. Die hier abgedruckten Thesen dienten als Grundlage für ein Referat in einer Pastoralkonferenz. Weiterlesen

Glaube in einer säkularisierten Epoche – Über die Möglichkeiten einer Gemeinde, sich selbst zu gestalten

Kirche und christliche Gemeinden begreifen die allgegenwärtigen Säkularisierungsprozesse nicht als Chance, sondern als Gefahr. Damit verurteilen sie sich zur gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit, statt eine zukunftsgerichtete Dynamik zu entwickeln. Jesu Botschaft vom Reich Gottes könnte sie eines Besseren belehren. Weiterlesen

Wenn jemand eine Reise tut …

Predigt zu Christi Himmelfahrt

1. Wenn jemand eine Reise tut , dann kann er was erzählen

Dieses Motto gilt nicht nur für unsere Urlaubsreisen, vielleicht über den Atlantik, nach Fernasien oder aus alter Gewohnheit ans sonnige Mittelmeer, nach Italien oder Griechenland. Das Motto gilt auch für die Lebensreisen, die wir allein oder zusammen mit anderen unternehmen. Genauer müsste man sagen: Wenn jemand eine Reise getan und sie abgeschlossen hat, dann ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Dann hat sich eine Lebensgeschichte gerundet und geht in die Erinnerung der Nachkommen ein. Ich möchte etwas über die Hoffnungen und Schicksale unserer Lebensreisen sagen. Den Anlass dazu gibt mir das Fest der Himmelfahrt Christi, das wir heute feiern. Weiterlesen

Glauben und zweifeln, Grenzen bedenken

Was wir von den Weltreligionen lernen können

Vor wenigen Wochen wurde ich auf ihn aufmerksam, als das Fernsehen einen Film über ihn zeigte. Der Titel lautete: Das Ende ist mein Anfang; es ist zugleich der Titel seines letzten Buches, in dem er seinem Sohn Folco seine spannende Lebensgeschichte erzählt. Weiterlesen

Ein dialogfähiger Papst hat den richtigen Ton gefunden

Die Umweltenzyklika Laudato si‘ im Kreuzfeuer von Wirtschaft, Politik und Religion

 „In jedem Laut dieser Welt ein Geheimnis“ (Al Khawwas)

Einleitung: Eine andere Enzyklika

Was für ein Dokument! 1968 schrieb Walter Jens zu einem aufsehenerregenden Artikel von Hans Küng: „Dieser Glücksfall! … Kühn in die Lüfte steigend eine Rakete, abgefeuert in helvetischen Marken, nun über Tübingen kreisend … und die Frage auslösend: sollte der Papst kein Leser von ATTEMPTO sein – wie können wir ihm unsere Zeitschrift zugänglich machen?“ Jetzt haben sich die Zeiten geändert. Der Papst selbst feuert eine weithin leuchtende Rakete ab, die über der ganzen Welt kreist und mich fragen lässt: Sollte nicht alle Welt diese Enzyklika lesen? Wie können wir den Regierenden diesen Text zugänglich machen? Doch keine Angst, sie werden ihn lesen. Weiterlesen

„Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ (Ps 127,2) – Religionen und Sexualität, ein brisantes Verhältnis

Alle Weltreligionen haben zur Sexualität ein prekäres Verhältnis. Einerseits wird sie in höchsten Tönen gepriesen, andererseits eifersüchtig kontrolliert, bisweilen sogar verteufelt. Es ist höchste Zeit, den Gründen dieses ambivalenten Verhaltens auf die Spur zu kommen. Einige Thesen sollen dafür eine erste Richtung weisen. Weiterlesen

Rivalität als Lebenselixier von Menschen und Religionen?

Über Werteverlust, Wertewandel und Gewalt

Der Ursprung der Gewalt und die Hoffnung auf deren Überwindung haben die Religionen  schon immer beschäftigt. Haben sie auch Antworten gefunden? Dieser Frage geht der Referent in Auseinandersetzung mit René Girard nach. Weiterlesen

Wahr ist, was uns für die Anderen öffnet

Klarstellungen zu Ökumene und Weltethos

Einleitung: Was ist Wahrheit?

Angesichts der Weltsituation erscheinen das Projekt Weltethos und der innerchristliche und interreligiöse Dialog als eine nicht zu leugnende, dringliche Notwendigkeit. Wie aber kann ein ernsthafter Dialog entstehen, wenn die Partner sich der eigenen Wahrheit sicher und der Unwahrheit anderer religiöser Denkweisen gewiss sind? Gibt es nur die eine oder mehrere Formen der Wahrheit, und wie lässt sich Wahrheit im Dialog entdecken? Weiterlesen

Wir gehören zusammen

Zur Meditation

Liebe Anwesende,
gleich, ob Sie sich gläubig oder Suchende nennen oder einfach hier sind, um für eine halbe Stunde zu sich zu kommen. Hier und jetzt bindet uns dieser Raum zusammen. Wir bilden eine Einheit, auch wenn sie in wenigen Minuten wieder vergeht. Der Augenblick zählt. Weiterlesen

„Das Netz ist zerrissen …“ (Ps 124,7)

Vom Glück und der Schwierigkeit, mit anderen zu teilen

 

Psalm 124
Ein Wallfahrtslied Davids.

Hätte sich nicht Jahwe für uns eingesetzt
– so soll Israel sagen -,
hätte sich nicht Jahwe für uns eingesetzt,
als sich gegen uns Menschen erhoben,
dann hätten sie uns lebendig verschlungen,
als gegen uns ihr Zorn entbrannt war.
Dann hätten die Wasser uns weggespült,
hätte sich über uns ein Wildbach ergossen. Weiterlesen

Christen, Muslime und der eine Gott

Noach als Prophet unserer gemeinsamen Friedensarbeit
Einige Grundgedanken zum Bedenken und zur Diskussion

1. Die Menschheit – eine Familie Gottes

Die drei prophetischen Religionen Judentum, Christentum und Islam glauben ausdrücklich nicht nur an den Einen, sondern auch an denselben Gott, gleich ob wir ihn Allah, Jahwe oder den Gott Jesu Christi nennen. Verglichen mit den anderen Weltreligionen ist diese gegenseitige Verwandtschaft einzigartig. Weiterlesen

Weisheit – notwendiger denn je

Zur aktuellen Bedeutung einer religiösen und zugleich staatsbürgerlichen Tugend

1. Ein Weisheitsideal, das sich aufgelöst hat

Im September 1949, also vor über 63 Jahren, betrat ich zum ersten Mal die Heimschule Lender. Über dem damaligen Haupteingang las ich das Motto der Heimschule Initium Sapientiae – timor Domini. Die Worte konnte ich übersetzen, wirklich verstanden habe ich sie nicht. Weiterlesen

Auf Ostern hin leben

Osterpredigt am 31. März 2013 in St. Eberhard, Stuttgart

Ostern 2013, wir feiern dieses Fest nach einer überraschungsreichen Fastenzeit. Benedikt XVI. zieht sich aus der Last seines übermenschlichen Amtes zurück und Papst Franziskus schreibt vom ersten Tag an Geschichte. Schon zuvor fordert er, die Kirche müsse hinaus an die Peripherien gehen, an die Grenzen der menschlichen Existenz: des Schmerzes, der Ungerechtigkeit und des Elends. Wir sollen uns nicht in uns selbst verkrümmen, sagt er, unseren theologischen Narzissmus hinter uns lassen. Eine um sich selbst kreisende Kirche, in der die einen die andern beweihräuchern, müsse aufgebrochen werden. Nur so werden wir eine Kirche des Lichtes Christi. Weiterlesen

Versuchung Fundamentalismus

Gemeinsames Weltethos als Ausweg?

Fundamentalismus ist ein typisches Antiprodukt der Moderne und in allen Religionen zu spüren. Kann das Konzept eines umfassenden Weltethos wenigstens ein Gegengift bieten, auch wenn es den Fundamentalismus nicht einfach ausrotten kann? Weiterlesen

Glaube zwischen Schrecken und Faszination

Zur Rolle von Leidenschaft und Gewalt in den Religionen

I. Gewalt im Vormarsch

Auf unserer Welt, in den politischen Auseinandersetzungen und kulturellen Entwicklungen, selbst im religiösen Denken ist Gewalt im Vormarsch. Vorbei sind die Hoffnungen, die uns beim Zusammenbruch der kommunistischen Systeme begleitet haben. Wir dachten, jetzt sei die Ära der Konflikte endlich zu Ende gegangen. Weiterlesen

Weltethos – ein Beitrag zum Weltfrieden?

Zur Eröffnung der Weltethos-Ausstellung

I. Egoismus als Leitidee der Gegenwart

Auf die Bitte, zur Eröffnung der Weltethos-Ausstellung zu sprechen, gab ich wohlgemut eine Zusage; Routine-Angelegenheit, dachte ich. Doch am späten Abend des 21. Februar war es mit dieser Gelassenheit vorbei. „Sind wir auf dem Weg in die Ego-Gesellschaft“, lautete das Thema bei Reinhold Beckmann, Gesprächsgegenstand war ein Buch von Frank Schirrmacher mit dem Titel „EGO. Weiterlesen

50 Jahre II. Vatikanisches KonzilErgebnisse – Blockaden – Visionen

Das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) gilt noch immer als der wichtigste Bezugspunkt der Reformbemühungen in der römisch-katholischen Kirche. Was hat dieses Konzil gewollt, was hat es erreicht und wie ist es ihm ergangen?
Weiterlesen

Freiheit im Haus des Herrn – Zur Zukunft einer gemeinsamen Kirche

Trotz massiver römischer Widerstände ist der Ruf nach einer Entklerikalisierung der römisch-katholischen Kirche unüberhörbar. Inzwischen ist sie ökumenisch unfruchtbar und in der Öffentlichkeit unglaubwürdig. Doch wirksame Reformschritte müssen komplex sein. Weiterlesen

Zwischen Wahrheitsanspruch und Relativismusangst – Zum Dilemma des modernen Katholizismus

Seit dem 19. Jahrhundert sucht der Katholizismus für den Umgang mit Irrtum und Wahrheit nach realistischen Regeln. Sein Unfehlbarkeitsmodell, das 1870 dogmatisiert wurde, verabsolutierte die Institution und geriet spätestens 1970 in die Krise. Weiterlesen

Gottesrede zwischen Rechthaberei und Profilverlust

Kann christliche Ökumene noch überzeugen?

Zu meinen geliebten Kindheitserinnerungen gehört eine Reparaturwerkstatt für Fahrräder und technische Apparaturen, die man in meinem Heimatdorf benötigte. Später kamen Mofas und Motorräder, schließlich Autos dazu. Für mich als kleinen Jungen war das ein Paradies. Weiterlesen

„Er nahm das Feuer und das Messer in die Hand“

Predigt zum Opfer Isaaks durch Abraham (Gen 22, 1-19)

1. Die Geschichte

Die Geschichte vom verhinderten Opfer Isaaks durch seinen Vater Abraham entfaltet ein fürchterliches Szenario: Ein Vater besteigt einen einsamen Berg, mit einem Messer bewaffnet und Feuer bei sich tragend. Was führt er im Schilde? Weiterlesen

Die Zwei Gesichter der Religionen

(C) H. Echelmeyer

Im vergangenen Jahrhundert hat man die ethischen und politischen Einflüsse der Religionen auf ihre Kulturen massiv unterschätzt. Seit 2001 gelten die Religionen als unerschöpfliche Quellen von Hass, Fanatismus und kriegerischer Gewalt. Die Zeit der Religionskriege ist zwar vorbei, aber bei vielen Krisenherden der Weltpolitik hängt es nicht zuletzt von religiösen Faktoren ab, wie sie verschärft oder befriedet werden können. Weiterlesen

Volk Gottes – Vom Zeitgeist verderbt oder vom Heiligen Geist begabt?

Einleitung: Zwischen Ratlosigkeit und Ungehorsam

Zum zweiten Mal blickt die katholische Kirche Deutschlands auf ein hochdramatisches Jahr zurück. 2010 raubten uns die Fälle von Missbrauch und deren Vertuschung den Atem; die Affäre Mixa würgte ihn vollends ab. Kirchenaustritte waren die Folge. Weiterlesen

Weltethos, Weltverantwortung, Weltleidenschaft

Können globale Ethosprojekte noch erfolgreich sein?

Das Projekt Weltethos verdankt sein internationales Interesse einer klaren Konzeption, einem hohen Versöhnungspotential zwischen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen und seinem Rückgriff auf elementare Grunderfahrungen des menschlichen Zusammenlebens. Weiterlesen

Wie können wir als Kirche Vertrauen zurückgewinnen?

Das WORT ergreifen in der Krise der Zeit

Einleitung

Die Idee des Gesprächsprozesses ist geboren aus der Glaubwürdigkeitskrise des vergangenen Jahres. Sie hat nicht nur einige erschreckende Abgründe in der eigenen Kirchenwirklichkeit aufbrechen lassen, sondern auch gezeigt, dass die Kirche nur schwer mit ihren eigenen Abgründen umgehen kann. Es gab Vertuschungen und es gibt Vertuschungsversuche bis heute. Nach meinem Urteil hängt dieses Problem – katholisch oder evangelisch – mit der Selbstbezogenheit der kirchlichen Eliten zusammen. Man bewegt sich in geschlossenen Gesellschaften und wie in allen solchen Gesellschaften gibt es Täter und Opfer und viele, die sich dazwischen bewegen. Man kann auch von „Klerikalismus“ sprechen. Für mich lautet deshalb die Frage, die den Anlass zum vorgesehenen Gesprächsprozess gibt: Wie kann die Kirche ihre – durch Jahrhunderte gewachsenen – Mechanismen der Selbstproduktion, der Selbstbestätigung, der Selbstbeurteilung überwinden? Ich verstehe diese Bemerkung aber nicht als die gängige, oft klischeehaft vorgetragene Katholizismuskritik. Die evangelischen Kirchen Deutschlands sitzen vermutlich in derselben Falle, – eine Art unsichtbarer Maulwurfsfalle, die dem westlichen Christentum tief eingegraben ist. Vorteil der katholischen Kirche ist, dass diese Mechanismen ungenierter formuliert sind, offener zu Tage liegen und direkter ausagiert werden. Das macht es uns möglich, die Fragen unvermittelter anzupacken.

Wir haben – wie ich vermute – in der Diözese Rottenburg-Stuttgart noch einen weiteren Vorteil. Bislang steht der gesamtdeutsche „Gesprächsprozess“, wie ich meine, unter keinem guten Stern. Die offizielle Themenstrukturierung ist lieblos. Der Start in Mannheim war unverbindlich und – wie ich meine – manipuliert. Nahezu die Hälfte der Bischöfe glänzte durch Abwesenheit und sofort wurde klar gestellt, was alles „nicht verhandelbar“ ist. Daraus kann nichts werden. Dagegen klingen die Anfangstöne in unserer Diözese entschiedener, entschlossener, vielleicht auch offener: „Dialog“ wird als eine „Haltung“ umschrieben, als „die Bereitschaft, in ein unvoreingenommenes und vorbehaltloses Gespräch einzutreten und sich von diesem Gespräch verändern zu lassen“. Auch lebe ein wirklicher Dialog „vom Respekt vor der anderen, möglicherweise gegensätzlichen Meinung“. Weiter heißt es im Grundsatzdokument: „Eine – bewusste oder unbewusste, ausdrückliche oder unausgesprochene – vorweggenommene Festlegung auf bestimmte Ergebnisse oder die Tabuisierung bestimmter Themen widerspricht dieser Haltung. Ein solcher Prozess verlangt auch in dem Sinne Offenheit, dass in seinem Verlauf Erkenntnisse wachsen und Ergebnisse entstehen können, die am Beginn noch nicht im Blick sind. Jeder Dialog ist der Wahrheit verpflichtet.“ Das sind jedenfalls gute Worte, auf die man sich gegebenenfalls berufen kann.

Deshalb lohnt es sich, das Projekt „Dialog- und Erneuerungsprozess“ voranzutreiben. Ob das Ziel lauten muss: „Glaubwürdig Kirche leben“, lasse ich vorerst dahingestellt. Mir wäre es wichtiger, dass wir es lernen, unser Christsein glaubwürdig zu leben. Aber darüber später.

Und ein Letztes möchte ich gleich jetzt schon sagen, also ein wenig Wasser in die Freude schwäbischer Selbstbegeisterung gießen: Strukturen und Strukturierungen eines solchen Prozesses sind wichtig. Wir laufen Gefahr, dass am Schluss irgendwelche Gremien, welcher Art auch immer, die Steuerung zum Nachteil offener Dialog übernehmen. Ein Bischofsordinariat z.B. ist ein Verwaltungsapparat und hat hier nichts zu suchen. Sobald die Gremien ganz unten (z.B. Gemeindeversammlungen und ad hoc sich treffende Gruppen) das Gefühl haben, dass sie nur Vorarbeit leisten können, wird man nicht viel von ihnen erwarten können. I.ü. ist das ganze Unternehmen schon jetzt kopflastig, beginnend mit Diözesanen Gremien, mit Beratungen auf Regional- und Dekanatsebene. Dialog muss unten beginnen und unten bleiben. Er muss von den Gemeinden und einzelnen Verbänden in die Diözesen, von den Diözesen in die deutschsprachige katholische Kirche getragen werden. Formal kann dieser Dialog auch zu keinem Abschluss kommen. Denn das bisherige Problem war ja, dass Dialog ständig gesteuert, marginalisiert, verunmöglicht wurde. Das unterschwellige Ziel des gegenwärtigen Dialogprozesses muss sein, dass er sich als Dauerinstitution etabliert. Dasselbe gilt für die „Erneuerung“, die – so der offizielle Eindruck – in einigen Jahren erreicht sein soll.

Wenn wir das aktuelle Unternehmen also wirklich ernst nehmen, stellt es uns in eine Alles-oder-Nichts-Situation. Es ist die große Chance für Gruppen, die sich die Erneuerung ohnehin auf die Fahnen geschrieben haben. Wir beginnen einen Prozess, der 1965 schon offiziell hätte beginnen müssen. Umso besser, dass er jetzt – natürlich unter anderen Umständen – zustande kommt.

I. Die Situation

Der Auslöser des Dialogprozesses heißt Vertrauensverlust. Dieser Vertrauensverlust hat viele Namen, denn die aktuelle Kirchensituation ist äußerst komplex. Deshalb wähle ich nur drei Namen aus. Sie sollen zeigen, welche Mechanismen uns bei einem offenen Dialog vermutlich immer wieder blockieren, einer gemeinsamen Erneuerung im Wege stehen. Die Namen lauten:

  • Selbstfixierung,
  • Überweltlichung und
  • Flucht in die Präsentation.

1.1 Selbstfixierung

Das westliche Christentum hat gut eineinhalb Jahrtausende die zentralen Codes seiner Kultur mitgeprägt, ist als normgebende Instanz aufgetreten und hat ein eigenes Wahrheitssystem entwickelt, das heute noch nachwirkt. Allerdings war dieses System bis weit in die Neuzeit hinein noch offen, aufnahmefähig für neue Impulse. Albertus der Große hat im Namen der Theologie noch naturwissenschaftliche Studien betrieben, Thomas von Aquin den Aristotelismus rezipiert, der Priester und Mönch Gregor Mendel noch im 19. Jahrhundert wichtige Erbgesetze, die sog. Mendelschen Gesetze, entwickelt. Wir hatten es – einem gesunden Organismus vergleichbar – mit einem dynamischen Verhältnis von bleibender, sich unmerklich verändernder Identität und ständiger Interaktion mit der Außenwelt zu tun. Diese Dynamik ist in der katholischen Kirche spätestens seit 1870 zerbrochen. Theologiegeschichtlich sprechen wir vom Antimodernismus: soweit irgendwie möglich, werden die Brücken zur Moderne gekappt und gilt alles als unchristlich oder verdächtig, was sich modern nennt. Eines der häufigsten Klischees in den bischöflichen Verlautbarungen der vergangenen Jahrzehnte ist die Warnung vor Anpassung.

Nun sind alle Institutionen, wenn sie überleben wollen, irgendwie auf sich selbst bezogen, also „autoreferentiell“ und „autotelisch“. Selbstbezogen sind vor allem Kunstwerke; ihr Zweck ruht in ihnen selbst. Dies macht unmittelbar verständlich, dass und warum diese Selbstbezogenheit auch den Religionen nahe ist. Auch Religionen stellen etwas Ungreibares dar, indem sie sich selbst darstellen.

Das Problem der aktuellen offiziellen katholischen Kirchentheorie ist die Tatsache, dass sich ihre Selbstbezogenheit zu beherrschenden Mechanismen verselbständigt hat. Sie geriert sich als Selbstzweck, als keiner Korrektur von außen bedürftig. Die Reformation hatte dieses Problem erkannt und der Kirche die Schrift als ihr Anderes gegenübergestellt. Umso mehr hat die Kirche – in Furcht vor ihrem machtverliebten Autonomieverlust – genau diese Polarität nach Kräften zugedeckt. Die Schrift wird engstens mit der Tradition verkoppelt, der gelebte Glaube konsequent dem Lehramt unterstellt; Papst und Bischöfe verstehen sich in massiver Form als „Stellvertreter Christi“. Benedikt XVI. sagt „Glaube“ und denkt „Katechismus“. „Fest soll mein Taufbund immer stehen, ich will die Kirche hören. Sie soll mich allzeit gläubig sehen und folgsam ihren Lehren.“ Dieses Phänomen der Selbstfixierung hat sich in der Lebens- und Denkform des Klerikalismus niedergeschlagen. Das ist eine Gruppe von Männern, die sich darstellt als nicht zu korrigierende Machtelite, als nicht zu belehrende Wissenselite, als nicht versagende Heiligungselite, also als eine Elite, die dem Anderen prinzipiell kritisch gegenübersteht. Wir kennen die Schlagworte von der falschen Anpassung, der Diktatur des Relativismus.

Deshalb ist darauf zu achten, dass wir beim Dialogprozess die unbewussten kirchenzentrierten Steuermechanismus außer Kraft setzen. Binnenkirchliche Fragestellungen sind wichtig, aber sie sind kein Selbstzweck, weil Mittel zum Zweck. Es darf nicht um Diakonie, Liturgie und Zeugnis als den letzten Bezugsrahmen gehen. Der aktuelle Vertrauensverlust wurde durch die Missbrauchsfälle nicht verursacht, sondern vielleicht ausgelöst. Er entsteht aus dem Gespür, dass die Kirche – so guten Willens sie auch sei – letztlich nur für sich selbst da ist und sein will.

Im Mannheimer Treffen vom 8. Juli wurden am Schluss 37 Kernwünsche herausdestilliert. Dabei geht es um eine junge Kirche, das Allgemeine Priestertum, um Partizipation, Akzeptanz der Vielfalt, Gleichberechtigung von Frauen. Die Kirche muss zur Vorhut und transparent werden, den Menschen im Scheitern nahe sein, eine neue Verantwortungskultur und eine neue Sexualmoral entwickeln, angstfrei werden, offen und interessiert an der Welt werden. Eine jede dieser Forderungen ist zu unterstreichen, aber sie alle wollen eine bessere Kirche. Nur drei oder vier Forderungen zeigen einen anderen Horizont. Eingefordert werden das Wort Gottes als Nahrung der Kirche, der Blick auf „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen“, ein radikaler Neuaufbruch, der gelebt statt gefeiert wird.

1.2 Überweltlichung

Papst Benedikt hat bei seiner Rede im Freiburger Konzertsaal die Frage der Entweltlichung ins Spiel gebracht und damit viel Verunsicherung ausgelöst. Was meinte er damit? Simple Weltferne kann wohl nicht gemeint sein, wohl auch nicht die protestantische Version dieses Ideals, von dem in den sechziger Jahren die Lehrbücher und Schriftkommentare noch voll waren. Dort ging es darum, für diese Welt die wahren Maßstäbe zu finden. Der Papst fordert Entweltlichung, würde sich aber gegen den Vorwurf wehren, er werte die Welt ab; schließlich ist sie Gottes Schöpfung. Was also meinte er? Er wollte, denke ich, darauf hinweisen, dass die Kirche – nach seiner eigenen Überzeugung – als Geschöpf Gottes und Trägerin allen Heils über der Welt steht. Genau diese Konzeption trifft ein unausgesprochenes Modell, das noch in vielen katholischen (und evangelischen) Köpfen herumgeistert. Die Kirche ist eine göttliche Institution, vom Gottmenschen gestiftet. Sie ist der „fortlebende Christus“, wie Möhler sagte. Gut platonisch lebt sie – als „heilige Kirche“ in einem Jenseits als die unberührbare, unbefleckte, die als solche von keinem Versagen getrübt sein kann.

Eine Institution aber, die so in der Ewigkeit verankert ist, kennt im Grunde keinen Wandel in Inhalt und Sprache. Neuerung muss von Übel sein. Dann aber kann sich auch die Sprache nicht ändern. Wenn sie nicht verstanden wird, ist dies das Problem der Menschen und nicht der Kirche. Für diese Haltung – und darauf ist zu achten – bedeutet „Erneuerung“ nur Rückkehr in die alte Wahrheit, eben noch intensiver, noch eifriger, noch moralischer. Ich habe den Eindruck, dass manche Kirchenleute „Erneuerung“ auch im gegenwärtigen „Erneuerungsprozess“ verstehen. Von daher können sie von vornherein sagen, was nicht verhandelbar ist und dass Dialog im Hören besteht.

Vermutlich wird niemand von den Anwesenden die Kirche in diesem strikten Sinn als überweltliche Entität verstehen; selbst Walter Kasper hat dagegen Einspruch erhoben. Aber schon die überstarke Institutionalisierung des internationalen Religionsapparats der Römisch-katholischen Kirche übt eine ungeheuer hemmende, unbewegliche Wirkung aus. Sie liegt wie ein schwimmender Koloss wie ein mächtiger Überseedampfer im Wasser, allerdings ohne Schiffsschraube, Motoren und ein effektives Steuerruder. Faktisch versteht sie sich noch immer als die bestimmende Mitte des Weltdenkens und des Weltgeschehens.

Menschen spüren diese Immobilität und diesen unbewussten Selbstanspruch intuitiv, bei jedem Anblick einer Gruppe von Hierarchen, bei jeder Diskussion um Kunst, Sinnfragen oder Sexualmoral. Und ich bin davon überzeugt: viele sind schlicht und einfach deshalb weggegangen, weil diese Weltferne eine endlose Langeweile auslöst. Die Welt, ihre Fragen und möglichen Zukunftsantworten sind hier nicht zu Hause. Eines der Standardkritiken lautet in diesem Zusammenhang Sprachlosigkeit. Es ist eine Sprache, von der man nicht einmal mehr weiß, ob man sie versteht. Sie wirkt verschwommen, lässt Worthülsen zurück, kann nur noch belehren, hat jede Bodenhaftung verloren. Vielleicht liegt der Grund darin, dass sie sich wirklich nicht mehr um die Menschen kümmert, auf ihre Situationen eingeht, nicht mehr mit den Menschen redet.

Vor fünfzig, sechzig Jahren war im Gefolge von Bultmann der Begriff „Kerygma“ en vogue. Er meinte: die christliche Botschaft spricht Menschen an, trifft und bewegt sie, wirkt wie ein heißes Feuer oder ein Schwert. Sie erschöpft sich gerade nicht in inhaltlichen Mitteilungen. Das war ein autoritäres Modell, gemäß dem die Prediger sich als die sprühenden Verteiler göttlichen Feuer fühlten. Übrigens ist das auch heute noch möglich, aber nicht die Standardsituation. Die Standardsituation müsste eben der Dialog sein, die Glaubensbotschaft als Angebot, dessen Inhalt und Wirkung sich erst im Hin und Her, in Frage und Antwort, im sokratischen Hebammenprozess herausarbeitet. Wort Gottes in einem säkularisierten Kontext muss immer neu erarbeitet werden, erweist sich gerade in der Kommunikation, nicht darin, dass uns uralte Weisheiten übergestülpt werden.

Diese Überweltlichkeit vollzieht sich noch unbewusster als die besprochene Selbstfixierung. Sie hat für mich viel mit dem hohen Grad der institutionellen Etablierung von Kirche zu tun und mit der eingespielten Überzeugung, dass die Kirche in jedem Fall weitergeht: wenn nicht hier in Europa, dann eben in anderen Ländern. Die Befreiungstheologie hat uns darüber das Notwendige gesagt; der Katakombenpakt vom 16. November 1965 mit seinen 13 Selbstverpflichtungen ist für unsere gegenwärtige Situation ein Lackmustest: leben wie die Menschen um uns herum, Verzicht auf teure Kleidung und kostbare Amtsinsignien, auf Konten und reiches Mobiliar, auf besondere Titel, auf besondere Ehrung für Spenden und Wohltaten, auf gepflegten Umgang mit besseren Kreisen. Absolute Transparenz im Finanzgebaren, entschiedener Einsatz für eine wirksame Sozialpolitik, Aufbau einer international effektiven kirchlichen Sozialarbeit. Das Leben mit allen Menschen teilen, „so dass wir vom Heiligen Geist inspirierte Animateure werden, statt Chefs nach Art dieser Welt zu sein“. „Nach der Rückkehr in unsere Diözesen werden wir unseren Diözesanen diese Verpflichtungen bekanntmachen und sie darum bitten, uns durch ihr Verständnis, ihre Mitarbeit und ihr Gebet behilflich zu sein. Gott helfe uns, unseren Vorsätzen treu zu bleiben.“

Dazu ist nichts zu sagen. Es geht nicht darum, diesen Katakombenpakt einfach nachzumachen, sondern in seinem Geiste Entsprechendes zu tun und zu leben. Ich will mich hier nicht mit bloßen Vorwürfen hervortun, sondern zugleich sagen, wie beelendet ich mich fühle, wenn ich diese Worte lese und ich mich fragen muss, was meine Generation – von Einzelnen abgesehen – daraus gemacht hat. Zugleich weiß ich von vielen, die seelsorglich tätig sind, wie sehr sie sich von diesem Geist der Mitmenschlichkeit und Präsenz für die Anderen prägen ließen. Wir sollten sie in unserer Mitte ausfindig machen und ihnen in diesem Prozess eine prominente Rolle einräumen.

1.3 Flucht in die Selbstpräsentation

Lassen sie mich einen dritten Namen nennen, ein heißes Eisen, von vielen als erfolgversprechend gerühmt, von anderen als höchst zwiespältig beäugt – gerade deshalb, weil wiederum die Sache selbst mit der eigenen, das eigentliche Ziel mit dem Mittel verschmilzt. In der Zeit Johannes Pauls II. hat eine unerwartete Entwicklung eingesetzt. Die Kirche erlangte ein hohes mediales Interesse, die Weltreisen des Papstes wurden zu internationalen Medienereignissen. Rom hat schnell gelernt; jeder Medienprofi könnte heute im Vatikan fruchtbare Lehrjahre verbringen. Wie ist diese erstaunliche Entwicklung zu verstehen?

Zum einen hat diese Entwicklung mit der Säkularisierung zu tun; darauf komme ich noch einmal zurück. Die Religion wurde manchen so unbekannt, dass sie schon wieder interessant wurde. Etwas unfreundlicher gesagt: eine Generation wuchs heran, die nicht mehr ihre religiösen Neurosen überwinden musste, die sie in ihrer Jugend erworben haben. In der Tat gibt es seitdem eine neue Unbefangenheit, wenn auch eine neue Oberflächlichkeit.

Zum andern hat diese Entwicklung mit der großen Wende vom Wort zum Bild zu tun, die sich in unserer mediengeleiteten Kultur vollzieht. Die Fähigkeit, in geistiger Konzentration theoretischen Diskursen zu folgen, nähert sich dem Nullpunkt. Die Bereitschaft hingegen, sich dem Glanz, der Verführung, auch der Wahrheit von Bildern hinzugeben, ist enorm gewachsen. Wer seine Botschaft in große Bilder, in überwältigende Inszenierungen, in grandiose Aufzüge gießen kann, hat gewonnen. Die Päpste haben mit ihren Weltreisen, vor allem mit ihren Weltjugendtagen Maßstäbe der Ikonographie gesetzt. Allerdings weiß man schon lange: unabhängig vom guten Willen der Akteure ist das Medium schon lange zur Botschaft geworden. Mag der Herr sagen, was er will, schön und toll und grandios und überwältigend ist es allemal.

An diesem Punkt setzt die theologische Überlegung ein, an die die römisch-katholische Tradition anknüpfen kann. Klassischer- (und vorkonziliarer)weise versteht sich die katholische Kirche als Kirche des Sakraments mit allen Vorteilen, die damit gegeben sind: die starke Ritualisierung, dadurch die emotionale Bindung und das Gewicht der volkskirchlichen Elemente. Das sind Elemente, die einer Medienkultur in die Hand arbeiten und umgekehrt. Darauf gehe ich nicht näher ein; sie alle wissen da einiges aus Ihren Auseinandersetzungen mit der Frage des Sakraments. Allerdings greift hier noch einmal der Gesichtspunkt der Selbstfixierung einer auf sich selbst bezogenen Institution. Je mehr nämlich die reformatorische Tradition darauf bestand, dass das Wort – die Überlegung, die Differenzierung, die Frage nach Ziel, Zweck und Vermittlung – zu einem differenzierten Sakramentsverständnis führte, umso massiver hat die katholische Kirche auf dem selbstwirksamen Akt des Sakraments als solchem insistiert. Sie kennen den Automatismus: durch das Aussprechen bestimmter Worte durch eine befugte Person wird – unabhängig von allen anderen Umständen – Jesus Christus in den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig gesetzt.

Der Barock hat dieser Mentalität eine wirksame Nuance hinzugefügt, die lautet: Gezeigt wird durch das kirchliche Handeln (Gotteshäuser, Riten, Prozessionen) der Triumph der Gnade Christi. Die modernen Medien haben dem Barock gerade noch gefehlt. Jetzt lässt sich dieser Triumph in unaussprechlich perfekter Weise organisieren, inszenieren und in die ganze Welt ausstrahlen. Diesem Denken kann zur Verbreitung von Christi Gnade und Herrlichkeit nichts Besseres passieren, als wenn z.B. die Wandlungsworte dieses Einen Herrn über Millionen und Abermillionen Fernsehapparate in die ganze Welt ausgestrahlt werden, in Wohnzimmern gegenwärtig sind, wenn Gläubige und Ungläubige davon Zeugen werden. Diese naive, zugleich aber völlig undifferenzierte Haltung trifft sich perfekt mit dem Sakramentalismus von Papst Benedikt, für den Kirchesein und Christi Gegenwart in diesem sakramentalen Geschehen in eins fallen. Die Gleichung kann aber nur deshalb funktionieren, weil zwischen Kirche und der Gnade Christi kein Unterschied mehr gemacht ist. Für dieses Denken ist Christus präsent, weil eben die Kirche präsent ist, und wird der Glanz göttlicher Gnade umso offenkundiger, je mehr Brokat und Kardinalsrot, je mehr Bischofshüte und Messgewänder erscheinen, je triumphaler sich der Papst mit seinem Gefolge vom heiligen, ihn umringenden Cordon von Bischöfen, Priestern und einfachem Fußvolk abhebt. In dieser Gliederung steckt für ihn nichts Autoritäres, weil sich in dieser hohen Gliederung nur himmlische Hierarchie der Engelchöre widerspiegelt, nur mit dem einen Unterschied, dass Christus noch kein Christamobil von Mercedes fährt.

Wir müssen die gefährliche, wenn nicht gar tödliche Dialektik dieser Selbstrepräsentation sehen, die für den Augenblick die Emotionen von Menschen binden kann, sie einen Tag später aber allein zurück lässt, weil diese Bilder in keiner Weise verarbeitet, sondern von den Kontexten ihres sonstigen Alltagslebens, von ihren autoritären Erfahrungen und von ihren Triumphträumen absorbiert werden. Dann erfahren sie zugleich wieder eine Kirche ohne Triumph, eine Kirche in aller Menschlichkeit, d.h. auch Niedrigkeit und Schwäche.

II. Säkularisierung als Chance

Nun könnte man sagen: In dieser Weise hat die katholische Kirche schon immer funktioniert, und lange Zeit ist sie damit gut gefahren. Nun, sie fährt damit schon lange nicht mehr gut, denn die großen Papa-Shows führen kaum zu einer Erneuerung kirchlichen Lebens und übersehen wird, dass wir in einem tiefgreifenden epochalen Umbruch leben, der vielleicht nur mit dem zwischen Antike und Mittelalter vergleichbar ist. Gefragt ist nach dem rechten Wort in der Krise dieser Zeit. Zu sprechen wäre von dem großen Einbruch, der sich seit ca 50 Jahren anbahnt.

Ich meine den großen Vertrauenseinbruch, den die Moderne erlitten hat, die sich einer strengen Rationalität, einer konsequenten Verwissenschaftlichung und Industrialisierung verdankt. Wir sprechen meistens von der Postmoderne mit ihrer neuen Hochschätzung der Irrationalität und der Individualität, des „Anderen“.

Gesprochen werden müsste von den tiefgreifenden politischen Umbrüchen, der der Mentalität des Imperialismus und der Kolonialisierung mit ihrem Eurozentrismus ein Ende bereitete, – einem Eurozentrismus, der auf dem 2. Vatikanum noch gegenwärtig war und den Benedikt XVI. in seiner Privilegierung des Hellenismus noch hochhält.

Gesprochen werden müsste schließlich von den sozialen Verwerfungen, die sich seit dem Einbruch der neuen Globalisierungswelle ungehindert ausbreiten und dabei sind, unser gesamte Wirtschaftssystem zu ruinieren: Der Kapitalismus frisst seine Kinder.

Ich greife hier greife hier nur einen Punkt heraus, der die Gestalt von Religion und Kirche direkt berührt, aber in einer umfassenden Analyse mit den genannten Aspekten zu verkoppeln wäre. Ich spreche von der Säkularisierung.

Säkularisierung bedeutet, wie sich in den letzten Jahren zeigt, nicht einfach den Verlust, das Verdampfen von Religion und Religiosität, sondern dessen tiefgreifende Transformation. Religion verschwindet nicht. Sie verschwindet nicht einmal aus der Öffentlichkeit, wie wir bei herausragenden Ereignissen immer wieder sehen (Tod von Lady Di [1997], von Johannes Paul II. [2005] oder von Bundeswehrsoldaten, Amoklauf in Erfurt [2002], Katastrophe von Duisburg [2010]). Aber Religion und Religiosität wandeln sich so sehr, dass die klassischen religiösen Agenturen diesem Wandel nicht mehr nachzukommen scheinen. Es ist ein Umbruch, so meine These, der die klassischen Religionen, etwa die katholische Kirche, genau an den Schwachstellen ihre Selbstbezogenheit, ihres überweltlichen Anspruchs und ihrer Selbstdarstellung trifft.

2.1 Entlarvung religiöser Formen

Der Begriff „Entlarvung“ ist hier keineswegs negativ besetzt. Kein menschliches Individuum und kein religiöser Vollzug bestehen in sich, klar, sozusagen unvermittelt und nackt. Zur Person gehört immer ein Gesicht, in dem sie sich zeigt, gehören in unseren Breiten die Kleider (die, wie bekannt, Leute machen). Das gilt auch für Religiosität und die christliche Religion. Christliche Religion lebt wie andere Religionen von einem unheimlich dichten und komplizierten Geflecht von Praktiken, Gesten, Riten, Symbolen, Vorstellungen, Interpretationen und Lehren. Wir tun uns mit diesem Sachverhalt besonders schwer, weil unsere griechische und zugleich römische Herkunft uns solche Gedanken lange verboten hat. Wir wussten uns von der reinen, absoluten Wahrheit geführt. Die Kirche hat sie – getreu bis in den letzten Buchstaben geschützt: „Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt, …der wird im Himmelreich der Kleinste sein.“ (Mt 5,19) Sind wir nicht einem hoffnungslosen Relativismus ausgeliefert? Wir sind in der Tat fundamentalen Umorientierungen ausgeliefert. Deshalb gehört es heute zu den vornehmsten Aufgaben der Kirche, der Zeit eine Nase voraus zu sein und ich meine: Mit der Bibel in der Hand, mit der jesuanischen Praxis vor allem, können wir Suchenden immer eine Nase voraus sein.

Wir werden dann spüren: Die vielen Entlarvungen (die mit Religionskritik, Theologie- und Kirchenkritik schon im 19. Jahrhundert begonnen haben), haben uns gut getan. Viele Formen des Atheismus haben uns zu besseren Gottesbildern geführt. Der Verlust eines garantierten politischen und gesellschaftlichen Einflusses hat der Glaubwürdigkeit von Kirche und christlicher Botschaft in der Regel genützt. Dasselbe gilt für die innerkirchliche und innertheologische Kritik, etwa durch die historisch-kritische Exegese, die Benedikt XVI. so verabscheut und geißelt, wo er nur kann.

Wer heute einen Dialog offen angeht, kann dies ohne Angst tun. Bislang habe ich – jedenfalls in meiner persönlichen Biographie – noch keine Situation erlebt, in der ernst gemeinte Kritik der Sache des Glaubens nicht zugutegekommen wäre. Wir selbst können die Reichweite und die Radikalität solcher Entlarvungsprozesse nie voraussehen; die Geschichte erlaubt uns nur so weit zu sehen, als es ihre Umstände erlauben. Nur, oft sind es gerade andere, vielleicht weniger Geschulte und weniger Betriebsblinde, die diese neuen Blicke entdecken. So bleibt auch hier nur zu sagen: Sobald Fragen auftauchen, sollten wir nachfragen, reden, erspüren, oft auch unseren Intuitionen folgen, die von der Sympathie zu anderen Menschen getragen sind.

Daraus folgt auch nicht, dass alle religiösen Formen einfach zusammenbrechen, auch nicht, dass die Gottesrede im Unsagbaren zusammenbricht, auch nicht, dass am Schluss nur noch eine Mystik der absoluten Innerlichkeit übrig bleibt. Nein, solange wir Menschen handeln, zusammenleben, miteinander kommunizieren und uns über den Gang des Lebens bis hinein in unsere letzten Ängste und Hoffnungen verständigen – so lange werden auch religiöse Formen immer wieder ihre Bedeutung haben.

2.2 Elementarisierung religiösen Verhaltens

Allerdings möchte ich einen zweiten Gesichtspunkt hinzufügen.Wir sind Erbinnen und Erben einer hoch entwickelten und hoch komplizierten religiösen Kultur. In sie sind vielfältige jüdische, viele griechisch-hellenistische, römische, germanische, schließlich neuzeitliche Elemente eingegangen. Die ständige Konkurrenz mit der reformatorischen Tradition hat ein Übriges getan. Ich habe den Eindruck, dass dieses hoch komplizierte Gefüge von Kulturelementen auseinander bricht. Ich spreche deshalb von einer Elementarisierung des religiösen Verhaltens. Man kann diese Elementarisierung auch in der religiösen Jugendkultur beobachten. Das beginnt mit dem eingängigen Gesang und der eindringlichen Einzelgeste (man erhebt die Hände, man ruft einfache Worte), mit der Neuentdeckung der Ekstase und dem einfachen Kniefall, mit dem Tanz, dem Schrei, in jedem Fall mit einem wachsenden Unverständnis komplexer Abfolgen und Zusammenhänge.

Wir machen gerade in kirchenreformerischen Gruppen die schmerzliche Erfahrung, dass junge Menschen fern bleiben. Ich fürchte, dass wir den Mut zu dieser Elementarisierung noch nicht verstanden haben. Einen Aspekt möchte ich noch hinzufügen. Mit dieser Elementarisierung hängt dies zusammen: Wir sind oft mit einer Rekonstruktion von Religion und Religiosität konfrontiert, die „vor“ dem Bekenntnis zu Jesus Christus und die „vor“ einer biblischen Basis beginnt. Der Erfurter Weihbischof Hauke ist m.W. die einzige prominente Person, die dieses Problem anpackt. Mit größtem Erfolg organisiert er religiöse „Jugendweihen“, religiöse, aber vor-christliche „Kinderweihen“, Gottesdienste zum Totengedenken. Kurz, er nimmt die religiösen Bedürfnisse von Menschen auf einer ganz elementaren Stufe ernst – und erntet bei den Betroffenen große Dankbarkeit. Die Schwelle in eine christlich normierte und integrierte Glaubensgemeinschaft wäre ihnen viel zu hoch gewesen.

2.3 Reich Gottes als biblisches Leitmodell

Macht das im Rahmen einer christlichen Glaubensgemeinschaft alles Sinn? Im Zusammenhang der Missbrauchsaffären wurde ich um einen Beitrag zur Rolle der Kinder im Neuen Testament gebeten und mir ging bei der Vorbereitung etwas auf, das ich schon lange hätte wissen müssen. Genauer gesagt: formal wusste ich es, aber der Groschen war noch nicht gefallen. Wir kennen alle die schönen Stellen von Matthäus 18 und 19 über die Kinder: „Wer eines von diesen Kleinen zum Bösen verführt …“ (18,6), oder „Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht. Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.“ (19,14) In der Regel übersehen wir die kirchenkritische Spitze dieser Stellen. In diesen Kapiteln geht es um innerkirchliche Probleme, etwa den Rangstreit der Jünger, die Verantwortung für die Geschwister im Glauben, um Vergebung, um Reichtum und Nachfolge. Hier lässt Matthäus Jesus nicht im Namen der Nachfolge, der Jüngergemeinschaft gar der Kirche auftreten, sondern im Namen des Reiches Gottes. Das Reich Gottes fungiert im Neuen Testament als die große Gegenmetapher zu einer selbstbezogenen Glaubensgemeinschaft. Angekündigt ist Gottes Reich, eben nicht die Kirche. Wir sind ermächtigt zu einem vorbehaltlosen Beginn, nicht weil eine Kirchengemeinschaft dies erlaubt, sondern weil das Reich nahegekommen ist.

Zudem gibt es Hinweise, die es uns erlauben, selbst mit Paulus, dem großen Gründer der christlichen Kirche, durchaus kritisch umzugehen. Wenn wir Meinrad Limbeck und anderen Exegeten glauben dürfen, liegt der kritische Punkt des Verhältnisses zwischen Jesus und Johannes dem Täufer an folgendem Punkt:
– In guter biblischer Tradition ging Johannes davon aus, dass vor allem Reichbeginn der Zorn Gottes über die Bosheit der Menschen noch zu besänftigen und zu sühnen sei; die große Abrechnung muss deshalb beginnen. Der Schlangenbrut ist jetzt ein Ende zu machen: „Die Axt ist schon an die Wurzeln der Bäume gelegt“ (Mt 3.10).
– Ganz unerwartet trennt sich Jesus nach seiner Tauferfahrung von Johannes, und ganz anders als seine Lehrer erklärt er, das Himmelreich könne hier und jetzt beginnen, es sei nahe, weil und sofern Menschen damit eben beginnen (Mt 4,17). So spielt zwar der Solidaritätsgedanke bei ihm eine große Rolle, aber der Sühnegedanke ist bei ihm, in der Bergpredigt, im Vaterunser und in den Gleichnissen völlig verblasst.

Es verwundert nicht, wenn manche Exegeten Paulus doch wieder einen Rückfall in vorjesuanisches Denken vorhalten, weil bei ihm Gottes Zorn und der Sühnegedanke wieder eine zentrale Bedeutung erhalten. Solche Einsichten relativieren das traditionelle christliche Gebäude von Sühne und Erlösung, von christlicher Heilsvermittlung und von der Heilsfunktion des Christentums und anderer Religionen fundamental. Vielleicht sind wir doch nicht so wichtig, wie wir uns vorkommen. Unserem Dialogvorhaben tut es jedenfalls gut, wenn es sich von der kirchlichen Selbstverliebtheit nachdrücklich löst.

III. Dialog und Dialogprozess

Ziehen wir einige Folgerungen zu Dialog und Dialogprozess, denn sein Erfolg und seine Glaubwürdigkeit, schließlich die Wiedergewinnung des verlorenen Vertrauens hängen von den konkreten Bedingungen ab, unter denen sich der Dialogprozess entfalten und in der Gemeinschaft der Diözese durchsetzen kann.

These 1:
Ein Dialog verdient diesen Namen nur, wenn der vorbehaltlos geführt wird. Der initiierte Dialogprozess muss deshalb in Themenwahl und Ergebnisfindung autonom sein.

Das Grundsatzpapier sagt: „Dialog ist nicht zuerst eine Methode, sondern eine Haltung.“ Den Initiatoren des Dialogprozesses ist vermutlich nicht bewusst, wie sehr sie sich mit ihrem Projekt auf urreformatorischen Boden begeben. Indirekt erkennen sie an: Der Sakramentalismus, der gegenwärtig in der katholischen Kirche propagiert wird, ist angesichts der gegenwärtigen Existenzkrise nicht fähig, seine eigenen Grundlagenfragen zu lösen. Dazu bedarf es in doppelter Weise des Wortes:
(a) Es bedarf der klärenden Rede, die im Hin und Wider die Menschen zum Sprechen, zum Nachdenken, zur Selbsterkenntnis, zur Wahrheit der Gegenwart und zu sich selbst bringt.
(b) Es bedarf der Rückfrage an die eigenen Grundlagen, die es uns ermöglichen, die Wahrheit des christlichen Glaubens im Blick auf die Gegenwart zur Sprache zu bringen.

Nur wenn diese beiden Netze – gegenwärtige Wahrheitserkenntnis und offene Erinnerung – funktionieren und ineinandergreifen, können biblische und menschliche Wahrheit einander finden. Deshalb ist es unabdingbar, dass wir diesen Dialogprozess als neue Offenheit zum WORT der christlichen Botschaft begreifen.

These 2:
Ein Dialog muss frei geführt werden, andernfalls führt er zu Instrumentalisierungen und zu Frustrationen.

Das Grundsatzpapier sagt: „Alle getauften und gefirmten katholischen Christen sind Akteur/innen des Dialogprozesses.“ Diese These ist einfacher formuliert als realisiert, denn natürlich lassen sich die organisatorischen und strukturellen Zwänge einer sinnvollen Dialogführung nicht ignorieren. Zu Recht spricht das Rottenburger Grundsatzpapier nachdrücklich von einzuhaltenden Methoden.

Dennoch: Die Fruchtbarkeit und das Engagement bei diesem Prozess (der in Deutschland manche frustrierende Vorläufer kennt) hängen davon ab, ob es wirklich gelingt, diese innere Freiheit der Akteurinnen und Akteure durchzuhalten. Deshalb ist von Anfang an leidenschaftlich auf diesem Geist der Freiheit ohne alle Entfremdung zu bestehen. Nur wenn dieser Geist der Freiheit in unerwarteten Erkenntnissen und Beschlüssen erfahrbar wird, kann der Dialogprozess zum erwarteten neuen Vertrauen führen.

Man könnte auch sagen: Jeder Dialog fängt unten an und wird an der Basis geführt. Die Mannheimer Eröffnungsveranstaltung hat den Eindruck erweckt, als führten die Delegierten einen Dialog mit der Hierarchie. Diese Sicht der Dinge stellt die wahren Verhältnisse auf den Kopf. Wenn schon, dann haben die Hierarchen endlich einen Dialog mit der Basis zu führen, den sie jahrzehntelang verweigert haben, also auf den Geist der Gemeinden zu hören.

Die Bischöfe sind Sachwalter ihrer Diözesen, nicht umgekehrt. Deshalb ist die Festsetzung des Grundsatzpapiers problematisch: „Auftraggeber des Prozesses“ sei „der Bischof. Er verantwortet und leitet den Prozess.“ Der Bischof ist nicht Auftraggeber dieses Dialogs, denn es findet kein Dialog im Auftrag des Bischofs statt. Gemäß seiner Aufgabe ist der Bischof allenfalls Koordinator und Beschützer des Dialogs. Er hat kein Recht, Dialoge zu verhindern und die Garantie dafür zu übernehmen, dass der initiierte Prozess in Ablauf und Konsequenzen ernstgenommen und nicht beschädigt wird. Es ist unabdingbar, dass dieser Dialog im Geiste der Freiheit der Kinder Gottes, also in christlichem Freimut (2 Kor 3,12) geführt wird.

These 3:
Der initiierte Dialogprozess sollte anknüpfen an den Dialogangeboten und -ergebnissen, die bisher von den reformorientierten Gruppen vorangetrieben wurden.

Das Grundsatzpapier ordnet den jetzt initiierten Gesprächsprozess nicht in die vielen Dialoge und Gesprächsangebote ein, die bislang vor allem in reformorientierten Gruppen vorangetrieben und erarbeitet wurden. Dieses Versäumnis schwächt den Dialogbeginn, denn ein lebendiger Dialog beginnt weder am Nullpunkt noch dient er einfach als Reparaturwerkstatt des erfahrenen Glaubwürdigkeitsverlusts. Für eine fruchtbare Einordnung des Prozesses in die gegenwärtige Kirchen- und Gemeindewirklichkeit kann der aktuelle Problemstand nicht ignoriert werden. Die Absicht des Grundsatzpapiers, die „verbindliche Umsetzung bereits realisierbarer Erneuerungsschritte – auch schon während des Prozesses“ einzuleiten, ist auszuweiten auf die Umsetzung bereits diskutierter und weithin akzeptierter Erneuerungsschritte, die einer breiten Diskussion nicht mehr bedürfen. In jedem Fall muss sich der Dialogprozess ernsthaft mit dieser Forderung auseinandersetzen.

Zu diesen Ergebnissen gehören Minimalforderungen, deren theologische Legitimität unbestreitbar und deren unmittelbare Umsetzung realistisch ist. Sie gereicht der Kirche nicht zum Schaden, sondern erhöht deren Glaubwürdigkeit und Überlebenskraft. Sobald diese Forderungen verwirklicht sind, kann sich die Römisch-katholische Kirche den eigentlichen Fragen der Gegenwart öffnen. Wie Paulus entschlossen den Übergang der christlichen Botschaft in die hellenistische Kultur vorangetrieben hat, ist heute der Übergang in eine Kultur voranzutreiben, die ganz neue Herausforderungen der Säkularisierung, der Globalisierung und der interreligiösen Begegnungen zu bewältigen hat.

These 4:
Der initiierte Dialogprozess kann nicht absehen von den neuen Entwicklungen einer von der Schrift und vom zeitgenössischen Wissensstand inspirierten Theologie.

Unter den besonderen Akteuren des initiierten Dialogs wird die Katholisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen genannt. Sie sollte stellvertretend stehen für die neuen nachkonziliaren und vom Konzil geleiteten Entwicklungen der Theologie. Zugleich sollte sie dafür Sorge tragen, dass der humanwissenschaftlich relevante Wissensstand anderer Wissenschaften angemessen berücksichtigt wird.

Diese Hinweise sind besonders wichtig, weil im Augenblick die Theologie selbst nicht so geschlossen agiert, dass sich ihre Positionen einfach abrufen und auf kirchliches bzw. christliches Handeln übertragen ließen. Insbesondere ist das vorherrschende hierarchische Selbstverständnis auf seine theologische und biblische Begründbarkeit hin zu befragen. Dies könnte der heikelste Punkt des gesamten Gesprächsprozesses werden. Wenn er sich lösen lässt, lassen sich auch die Spannungen zwischen lokalen und gesamtkirchlichen Positionen bzw. Interessen lösen.

Die damit verbundenen Gespräche könnten zum Test für die Frage werden, wie ernst die Botschaft der Schrift für die Erneuerung der Kirche genommen wird. Wenn sie sich nicht befriedigend lösen lässt, wird der Prozess insgesamt scheitern.

These 5:
So wie der Dialog nur als autonomer Prozess denkbar ist, muss der initiierte Dialog aus sich heraus seine eigene Verbindlichkeit entwickeln. Diese kann ihm unter keinen Bedingungen verweigert werden.

Vielfältige inhaltliche Vorgaben machen den gesamtdeutschen Gesprächsprozess von der lehramtlichen Zustimmung der Bischöfe abhängig. Im Faltblatt zum Prozess der Diözese heißt es etwas vorsichtiger, aber deutlich genug, keine Fragen sollten „von vornherein ausgeschlossen werden. Auch wenn jeder weiß, dass es vom kirchlichen Lehramt geklärte Positionen gibt, die nicht einfach zur Disposition gestellt werden können. Wir sind ja hineingestellt in den großen Zusammenhang der lebendigen Überlieferung des Glaubens in unserer katholischen Kirche. Wo auf Ebene der Ortskirche Erneuerung stattfinden kann, werde ich diese angehen. Was nicht auf der Ebene der Ortskirche möglich ist, möchte ich zur Besprechung in die Bischofskonferenz mitnehmen.“

An diesem Punkt wäre eine theologische Reflexion erforderlich, die den autoritären und rationalistischen, zur Interpretation unfähigen Charakter der offiziell geschützten katholischen Theologie durchschaut. Hier sind Konflikte oder Halbierungen der Gesprächsidee zu erwarten. Allerdings übersieht das „Lehramt“, dass es seine Lehrfunktionen nur in subsidiärer Funktion zur Gesamtgemeinde wahrnimmt. Sie steht in der „apostolischen Sukzession“ in dem Maße, als die Gemeinde insgesamt in dieser steht. Zunächst tragen nicht die Bischöfe, sondern die Kirche als ganze den Ehrentitel der Apostolizität; die dem Petrus in Mt 16,18 übertragene Binde- und Lösegewalt wird zwei Kapitel später der Gemeinde als ganzer übergeben. Leider wird dieser unausweichliche Konfliktpunkt von den Gesprächsplanungen nicht ins Auge gefasst. Dieser Konflikt mag auch der Grund dafür sein, dass Papst Benedikt bei seinem Deutschlandbesuch – trotz genauester Informationen – den Gesprächsprozess in keine Weise erwähnte.

IV. Das WORT ergreifen

Realistisch gesehen wird der Gesprächsprozess in seiner geplanten Form zu keinen förderlichen Resultaten führen. Dennoch wäre es der Mühe wert, wenn sich Gemeinden und Verbände mit hoher Intensität an dem Prozess beteiligten. Denn wie die Entwicklung der nachkonziliaren Jahre zeigt, haben die Gemeinden – gerade wegen ihrer wachsenden Schriftkenntnis und ihrer Gesprächskultur – qualitativ eine neue Stufe erreicht; sie sind – sofern ein Globalurteil erlaubt ist – zu mündigen, zu rede- und argumentationsfähigen, zu schriftkundigen Christen geworden. Es besteht die Chance, diese Mündigkeit erneut zu erproben, zu vertiefen und einem Test zu unterziehen. Zum Abschluss dazu drei Gesichtspunkte:

4.1 Das Wort als Kommunikationsform der Kirche

Gemeinschaften haben viele Formen der Kommunikation entwickelt. Zu Beginn sind es Zeichen und Gesten, Geben und Nehmen, Tausch, Drohung und Versprechen. In Staaten sind es Befehl und Widerstand, Strafe und Belohnung, gesprochenes und allgemein gültiges Recht. Immer dient das Wort dazu, Gemeinschaften zu erhalten. Die Religionen und Philosophien haben das Wort in einer höheren Stufe erhoben. In ihnen geht es um Wahrheit, d.h. um Weltdeutung, um Zusagen zur Frage, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen, wer uns hilft, worum es letztlich geht.

Auf dieser Ebene und in diesem Zusammenhang hat die christliche Tradition, haben die Kirchen ihre eigene Wortkultur entwickelt. Der Beginn des Johannesevangeliums („Im Anfang war das Wort“) hat darin eine außerordentlich wichtige Funktion. Ich habe in den sechziger Jahren, also in einer Zeit studiert, in der die evangelische Theologie eine einzigartige Worttheologie ausgebildet hat und die sich – leider – seit den 68ern nicht mehr weiter entwickelte. Es war dieser Theologie klar, dass das Wort die eigentliche Kommunikationsform des Glaubens ist. Die Kirche ist ein Geschöpf des Wortes und das Wort ist fähig, Konflikte und Auseinandersetzungen gewaltlos in gegenseitigem Frieden zu regeln. Konzilien waren und sind gewaltige Unternehmungen, um die gegenseitigen Vorwürfe, Fragen und Anliegen gewaltfrei und zum gegenseitigen Nutzen zu regeln.

Es fällt deshalb auf, dass autoritäre Strukturen – in und außerhalb der Kirche – das Wort immer fürchteten und die Furcht vor dem freien, offenen Wort in der Kirche nach wie vor groß ist. Die Kirche ist deshalb das einzige legitime und wirksame Mittel, Störungen des Friedens, der Gemeinsamkeit und des gegenseitigen Einverständnisses in kirchlichen Gemeinschaften zu lösen. Schon deshalb lohnt es sich, Gesprächskulturen zu stärken und sich in das offene Wort (parresia) einzuüben. Nach meiner Erfahrung öffnen sich auch viele Kirchenleitungen den Fragen und Problemen, über die in der Zeit ihrer Jugend und ihres Studiums offen und engagiert gesprochen wurde. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass sogar die Institution des Papsttums mit seinen traditionellen Ansprüchen die längste Zeit existierte bzw. akzeptiert wurde. Wer Glauben vermitteln will, kann dies nicht tun ohne Hilfe des Wortes, der Deutung und Interpretation und des gemeinschaftsstiftenden Wortes.

4.2. Vom gesprochenen zum realisierten Wort

Allerdings ist eine Präzisierung hinzuzufügen, denn wir kommen aus einer hoch rationalisierten Kultur, die das Wort zum Informationsträger trainiert, aber auch verengt hat. Wenn die Theologie etwas umständlich immer darauf hinweist, die Offenbarung Gottes sei als dessen „Selbstmitteilung“ zu verstehen (früher galt Offenbarung schlicht als Mitteilung bestimmter göttlicher oder nur Gott bekannter Inhalte), dann will sie etwas zum Ausdruck bringen, das in der Linguistik heute eigentlich selbstverständlich ist. In erster Linie teilen Sprachen und Worte nicht bestimmte objektivierbare Inhalte mit, sondern sie sind lebendige Handlungen; Wort ist zunächst Praxis. Nur haben wir die fatale Fähigkeit, Worten diese inhärente Lebensnähe zu entziehen. Wir können lügen, zum Spaß etwas Inhaltsleeres daher sagen oder eben objektive Informationen weitergeben, aus der Performance eine Information herausdestillieren.

Deshalb ist für den religiösen Sprachraum die Erkenntnis unabdingbar, dass das Wort dort Leben weitergibt, verspricht und Zusagen macht, Liebe oder Hoffnung zum Ausdruck bringt, Leiden und Verzweiflung hinausschreit oder auch tiefste Überzeugung weitergibt, aus denen man selbst lebt. Um dieses Wort im vollen, performativen Sinn des Wortes geht es. Erst in diesem lebensnahen, von Leben, von Angst und Hoffnung, von prophetischem Anspruch und von Gesellschaftswillen getränkten Zusammenhang wird es möglich, das Wort zur Metapher Gottes zu machen. Wer also im religiösen Raum spricht, tut gut daran (sofern er das Göttliche nicht beleidigen will), hinter seinem Wort zu stehen, also dafür zu sorgen, dass er selbst in seinem Wort gegenwärtig ist, sich selbst im Wort verpfändet, denn Menschen spüren, ob dies der Fall ist. In diesem Zusammenhang werden die Inhalte sekundär, denn die metaphorischen oder symbolischen Bezüge, die Verweise auf unaussprechliche Geheimnisse des Lebens oder Gottes erklären sich aus sich selbst.

Wir sollten im Gesprächsprozess darauf achten, dass wir unsere Worte nicht zu technischen, objektiven, rein informativen Worten verkürzen. Glaubwürdig ist nur eine Kirche, die den Mut zur Worthandlung aufbringt und hat. Menschen nehmen eine jede Person ernst, die – mit ihrem Leben – hinter ihren Worten steht.

Leider verkommt das rituelle Wort oft zum gesagten, zum nichtssagenden Wort. Deshalb hängt viel davon ab, ob wir dieses rituelle Wort mit unserem eigenen Leben füllen, zum performativen Geschehen machen, wie es ja im sakramentalen Wort der Fall sein soll. Aus dieser Erfahrung heraus ist heute die Grenzziehung zwischen dem amtlich gesprochenen und dem nicht amtlich gesprochenen Wort des Abendmahls unscharf geworden.

4.3 Das Wort als Gegenwartsform Gottes

Grundsätzlich gilt für die christliche Tradition eine Fundamentalentscheidung: Das in der Schrift niedergelegt Wort gilt als das verbindliche Wort, das in Konflikten entscheidet, in der Not rettet, die Wege zu Verderben und Rettung definiert. Luther hat es – in einer Zeit kirchlicher Krise – machtvoll in die Waagschale geworfen. Man sage nicht, die katholische Kirche nehme die Schrift nicht ernst. Über bislang 1900/1950 Jahre hat sie dafür gesorgt, dass die Schrift treu überliefert wurde.

Das Problem liegt darin, dass die katholische Tradition diesen Schritt an kritischen Punkten entschärft, zu Gunsten ihrer eigenen Überzeugungen vernachlässig. An diesem Punkt ist Lern- und Nachholbedarf. Am Grad, wie die katholische Kirche in den kommenden Jahren die Schrift ernst nimmt, zeigt sich, ob und wie sie den aktuellen Herausforderungen standhält. Also werden wir um der Kirche, nicht um unserer eigenen Ideen willen nachhaltig dafür kämpfen können, dass das Wort der Schrift nicht als Schrift der Kirche domestiziert, sondern als Wort Gottes neu ernstgenommen wird.

George Orwell schrieb einmal: „Die Wahrheit zuzeiten des Universalbetruges zu sagen, ist eine revolutionäre Tat.“ Ich denke dabei nicht an die Kirche, sondern an unsere Gegenwart. Die Versuchung der Kirche ist nicht der Universalbetrug, wohl aber die Universalbeschwichtigung. Da es aber im Glauben um alles geht, kommt diese Beschwichtigen dem Betrug oft sehr nahe.


Thesen zum Dialog und Dialogprozess

These 1:
Ein Dialog verdient diesen Namen nur, wenn er vorbehaltlos geführt wird. Der initiierte Dialogprozess muss deshalb in Themenwahl und Ergebnisfindung autonom sein.

These 2:
Ein Dialog muss frei geführt werden, andernfalls führt er zu Instrumentalisierungen und Frustrationen.

These 3:
Der initiierte Dialogprozess sollte anknüpfen an den Dialogangeboten und Dialogergebnissen, die bisher von den reformorientierten Gruppen vorangetrieben wurden.

These 4:
Der initiierte Dialogprozess kann nicht absehen von den neuen Entwicklungen einer von der Schrift und vom zeitgenössischen Wissensstand inspirierten Theologie.

These 5:
So wie der Dialog nur als autonomer Prozess denkbar ist, muss der initiierte Dialog aus sich heraus seine eigene Verbindlichkeit entwickeln. Diese kann ihm unter keinen Bedingungen verweigert werden.

(Vortrag, 14.11.2011)

 

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Vergebung der Sünden (Predigt)

 Joh. 3, 1-15:

[1] Es war ein Pharisäer mit namens Nikodemus, ein führender Mann unter den Juden. [2] Der suchte Jesus bei Nacht auf und sagte zu ihm: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. [3] Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. [4] Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, er schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden? [5] Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. [6] Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. [7] Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. [8] Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist. [9] Nikodemus erwiderte ihm: Wie kann das geschehen? [10] Jesus antwortete: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? [11] Amen, amen, ich sage dir: Was wir wissen, davon reden wir, und was wir gesehen haben, das bezeugen wir; und doch nehmt ihr unser Zeugnis nicht an. [12] Wenn ich zu euch über irdische Dinge gesprochen habe und ihr nicht glaubt, wie werdet ihr glauben, wenn ich zu euch über himmlische Dinge spreche? [13] Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn. [14] Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, [15] damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat.

Schwestern und Brüder in Christus!

Es sind große und starke Symbole, die hier im Johannesevangelium zur Sprache kommen. Mit ihnen sollte die christliche Tradition eine ganze Symbolkosmos entfalten, der heute noch seine Geltung hat. Dazu gehören Geburt und Wiedergeburt, Wasser, Fleisch und Geist, Sturm, Aufstieg und Abstieg, Himmel und Menschensohn, Schlange, Erhöhung und Ewiges Leben. Im Leidensbericht wird diesen Symbolen neben dem Tod noch das Blut hinzugefügt; sie bilden den ernsten Hintergrund dieses Nachtgesprächs, zu dem Nikodemus, der Wahrheitssucher, Jesus aufsucht, und der beim Tod Jesu wieder zur Stelle sein wird: „Jener“, wie das Evangelium sagt, „der Jesus bei Nacht aufgesucht hatte“ (19,39). Von der Wiedergeburt handelt der Bericht; gemeint ist zugleich und hintergründig eine Geburt „von oben“, wie es der Doppelsinn des griechischen Wortes „anōthen“ (anwqen) zum Ausdruck bringt. Eine paradoxe Vorstellung also, die Johannes dadurch einlöst, dass er eine „Wiedergeburt“ im übertragenen und doch sehr realen Sinne für möglich hält: eine Wiedergeburt, in der Gott seine Hand im Spiel hat, in der gottgegebenes Leben beginnen kann. Zugleich aber weiß Johannes, dass über dieses Neue erst nachzudenken ist; es provoziert Missverständnisse, wie ja auch Nikodemus es nicht verstand. „Wundere dich nicht“, sagt Johannes, was im Grunde heißt: „Es ist der Mühe wert, genauer darüber nachzudenken“.

Nachdenken sollten wir auch deshalb, weil diese Begebenheit des Johannesevangeliums eine wichtige Praxis der frühen Kirche spiegelt. Denn wenn das Glaubensbekenntnis sagt (und wenn Christen aller Konfessionen und Kirchen dies sonntäglich bekennen), dass wir der+ „Vergebung der Sünden“ glauben, dann gehört dies – ganz offensichtlich –zu den Kernüberzeugungen einer christlichen Glaubenspraxis, die wir nicht aus den Angeln heben sollen, ganz offensichtlich deshalb, weil ihr Vergessen dem christlichen Glauben ein Element rauben würde. Wir wissen nämlich, worauf das Glaubensbekenntnis hier zu sprechen kommt. Gemeint ist mit dieser „Vergebung der Sünden“ die Praxis der Taufe, die – neben dem Gebet, der Verkündigung des Wortes und der Feier des Abendmahls – zu den grundlegenden Zeichen der christlichen Gemeinde gehört. Aber als Kern dieser sakramentalen Handlung gilt hier nicht die Aufnahme in die kirchliche Gemeinschaft, wie wir auf den ersten Blick sagen würden, sondern ein Geschehen, das mit Sünde und Schuld zu tun hat. Umso erstaunlicher, dass das später auch von einer Säuglingstaufe gelten soll, die ja sicher noch keine Sünden abzuwaschen hat, oder wie sollen wir hier den Begriff der Sünde und der Sünder verstehen? Offensichtlich haben sich einige Begriffe verschoben; vielleicht bedarf unsere Taufpraxis einer Erneuerung. Was meint also die Schrift mit Sünde, Schuld und Vergebung? Könnten wir – zusammen mit Nikodemus – versuchen, Missverständnisse auszuräumen und falsche Widerstände zu beheben?

1. „… kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod“

Die hebräische Bibel beginnt mit archaischen, zutiefst beeindruckenden Bildern; ihre zentrale Aussage ist einfach: Mann und Frau, von Gott geschaffen, versagen in ihrer Lebensprobe. Danach brechen Bosheit und Zerstörung (um in späteren Bildern zu reden) wie eine Lawine, wie eine große Infektion, wie die Pest über die Menschheit herein. Wie gingen die Menschen von damals – weit vor der Zeit Israels – mit diesem Fiasko um? Die Frage ist kaum von Bedeutung?+ Denn was da beschrieben wird, ist keine vergangene, sondern eine höchst aktuelle Erfahrung. Wir wissen es nur zu gut: Das meiste Unglück beginnt mit menschlicher Schuld und immer mehr wird uns bewusst, dass wir solche Schuld nicht einfach nach außen, auf die Gesellschaft, auf Mitmenschen, auf die Geschichte projizieren können. Es gibt Gründe genug, sie immer auch in den eigenen Reihen, in uns, in den eigenen Herzen zu suchen.

Wir brauchen uns also nicht lange bei der Frage aufzuhalten, wie groß der historische und wie wichtig der mythische Anteil solcher Erzählungen ist: die Ermordung des Abel, der Arroganz der Menschen, die himmelhoch hinauswollen, statt dessen nur eine babylonische Verwirrung zustande bringen, die wachsenden Katastrophen bis hin zur Sintflut. Genau diese Geschichten des Schreckens und des Versagens, genau solche Sintfluten haben in unserer Geschichte unendliche Ausmaße erreicht. Gewiss, wir Westeuropäer leben seit sechzig Jahren auf einer Insel der Seligen. Das haben wir jedoch nicht verdient, denn unser Glück kam auf Kosten anderer Länder zustande. Aber selbst was bei uns davor geschah, holt uns – in geradezu zwanghaften, wenn auch kleineren Wiederholungen – fast tagtäglich wieder ein. Vor wenigen Tagen erst sahen wir den Bischof von Rom in Auschwitz. Viele haben sein Verhalten und seine Worte aufmerksam+ so aufmerksam und so kritisch verfolgt, weil die Geschichte von damals auch die Söhne und Enkel der Opfer, aber die Töchter und Enkelkinder der Täter nicht in Ruhe lässt.

Warum aber hat uns die Vergangenheit so fest im Griff? Bevor wir den vieldimensionalen und den schwer zu fassenden Begriff der Schuld vorschnell mit einer abzubüßenden Tat oder einer sündigen Einzelhandlung identifizieren, sollten wir darüber nachdenken, wie früh sich der Begriff der Schuld schon einstellt. Schuld meldet sich als Verbindlichkeit immer schon in einem Stadium, in dem von Verfehlung noch gar nicht die Rede sein kann. Schuld meint zunächst eine Pflicht, die ich abzuleisten habe. Diese Pflicht hat noch nichts mit den Folgen einer Übeltat zu tun. Aber schon ohne mein Zutun ist die Wirklichkeit so verdreht, grausam, ungerecht, verlogen, wie sie eben ist. Das betrifft vielleicht meine Familie, meine Umgebung, die öffentliche Meinung, die große Weltpolitik. Deshalb verliert diese meine Verbindlichkeit, zu der ich mich gerne stelle, von vornherein alle Neutralität, alle Unbefangenheit, alles unbeschwerte und reine Gewissen. Von vornherein liegt über allem ein Schleier des Versagens. Das Interesse an vergangener Schuld hat mit dieser unbeantworteten, mit dieser unbeantwortbaren Frage zu tun, wie wir uns heute dem Zustand unserer menschlichen Beziehungen, zu Situation von Gesellschaft und Welt, vielleicht stellen sollen, ohne dabei immer schon zu versagen.

Hatte D. Sölle Recht, die sie vor Jahrzehnten einmal sagte, dass wir mit jeder Banane, die wir essen, die Ausbeutung einer verarmten Bevölkerung unterstützen? Fördern wir nicht schon aus Gründen des Überlebens immer wieder (wenn vielleicht auch in kleinen Teilen) Ausbeutung, Korruption und Lebensverachtung? Diese Frage ist kaum zu ein Ja oder Nein zu beantworten, und das ist kein theoretisches, sondern in zigtausend Varianten ein existentielles Problem. Zudem helfen hier keine moralischen Appelle. In erschütternder Hilflosigkeit sehen wir nur die verheerenden Folgen, die eine mangelnde Verantwortlichkeit aller und Einzelner nach sich zieht und uns alle zugleich überfordert. Ein tragisches Dilemma? Ja, wenn wir in uns nicht so etwas wie eine verantwortliche Freiheit und zugleich einen vom Lebenswillen gesteuerten Pragmatismus spüren würden. So schleift sich diese tragische Grundsituation in uns ab. Unmerklich führt sie zu einer mangelnden Sensibilität, die uns unmerklich – anonym oder benennbar – in immer dichtere Netzwerke einer Schuld einbinden kann, die immer realer und zwingender wird.

Denn vergessen wir nicht, je mehr sich unsere Welt in ihren Globalisierungsprozessen vernetzt und je differenzierter sie sich in ihren Strukturen darstellt, umso weniger werden auch Schuld und Verantwortung benennbar, in die wir hineingeraten. Abgründige Unsicherheiten und Fragen brechen auf, die keinen Sektor unseres Lebens aussparen. So fragte Günter Grass fragte vor wenigen Tagen selbstkritisch, wie sich denn die Literatur vor Verstrickungen hüten könne, gehütet habe: „Als wir uns brav ins Schweigen retteten? Ich spreche aus Erfahrung. Sechzehn zählte ich, als ich Soldat wurde. Mit siebzehn lernte ich das Fürchten. Und glaubte dennoch bis zum Schluß, als längst alles in Scherben gefallen war, an den Endsieg.“ Es ist die Sensibilität, die diese Worte so bemerkenswert macht. Gewiss, keine Schuld hat ihn getroffen, als er 18 war, war das Grauen zu Ende. Dennoch weiß er genau, wie nahe er bei den Verlockungen war, wie wenig ihm gefehlt hat, um in den Schrei der Unmenschlichkeit einzustimmen. Genau das ist, wenn wir ihm glauben dürfen, der Grund für seine spätere, durchaus schuldbewusste Wachsamkeit. „Seitdem will mir der Krieg selbst während Pausen, die Frieden heißen, nicht aufhören.“ Es gibt also nichts, das uns vor solcher Schuld, vor ihrem Beginn bewahren könnte: auch keine Religion und kein Glaube. Im Gegenteil, manchmal denke ich: Gerade Religionen, welche die Frage nach der Schuld kennen und pflegen, die vor ihr warnen und die Wege der Schuldvermeidung anbieten, gerade sie könnten unrettbarer in die Hände des Gewalt und des Fanatismus geraten als andere, die nicht um solche Schuldverflechtungen wissen und die nicht von der Leidenschaft für eine bessere Welt getrieben sind.

Angesichts unseres Weltzustandes also, nicht weil wir von Geburt an böse Wesen wären, wird  alle Verantwortlichkeit zum Ungenügens, erhält es in allen Erfolgen auch die Bitterkeit des Versagens, mischt sich in verschiedensten Formen das bei, was wir in der Regel Schuld nennen.

Damit beginn in einem jeden Menschen ein fataler Prozess, dessen Bedeutung wir kaum überschätzen können:

  • Diese Schuld, die immer schon geschehen und in unsere Geschichte eingegangen ist, bindet uns an die Vergangenheit. Schuldige Menschen können sich der Gegenwart nicht zuwenden, weil sie immer mit dem Vergangenen beschäftigt sind.
  • Diese anonyme Schuldenlast isoliert uns von anderen Menschen, von Ereignissen, von Beziehungen. Sie führt zu Projektionen. Gerne sind die Anderen oder das Andere schuld. Man selbst verdrängt seine Abhängigkeiten und Einflüsse. Man steht allein und wird zum Solipsisten.
  • Eine solch deprimierende Schulderfahrung entwickelt in uns in eine Dynamik die zu immer mehr Schuld und Bosheit führt. Sie träufelt destruktive Elemente in unseren Charakter ein, die immer mehr das Böse (das vermeintlich Böse) zerstören als das Gute fördern wollen. Schuld wird zum Erbe, das sich immer mehr anhäuft.
  • Eine solch verwirrende Schuldverstrickung betriff nicht immer unser moralisches Handeln; es schränkt unsere Freiheit eher ein. Aber Schritt auf Tritt des-orientiert es unsere Zukunftsplanung. Viele Menschen, die in neuer Freiheit handeln möchten, Verfehltes vielleicht wieder gutmachen wollen, stoßen auf inneren Widerstand, denn sie kennen jetzt nur noch einen Maßstab, der heißt: Ja nichts Verkehrtes mehr tun! Oft bedeutet das den Verslust der Authentizität und der Eindeutigkeit. Zum Schluss wissen wir überhaupt nicht mehr, was wir wollen.
  • Schuld insgesamt, in welcher Form auch immer, nimmt uns schließlich unsere Freiheit und Identität. Es gibt nicht nur eine Infektion durch die Schuld, die Einzelleben und ganze Gemeinschaften zerstören kann. (Man denke an die Stadt Theben, die wegen Inzest und Vatermord von der Pest heimgesucht wird, wie es der Ödipus-Mythos beschreibt. Man denke an die verbrennenden Städte Sodom und Gomorrha). In unserer Not legen wir uns oft eine zweite Haut zu. Wir legen unsere Intentionen nicht mehr offen, lassen uns nicht mehr ins Herz schauen. Wer eigentlich können wir noch sein?

Ver-Schuldung ist also ein unmerklicher Prozess, der nicht nur Individuen, sondern Gemeinschaften vergiften kann, schon längst vergiftet hat. Wir haben das in unserer Geschichte hinreichend erlebt. Es ist Paulus, der in größter Schärfe dieses Grundgesetz menschlichen Versagens entdeckt hat. Diese Schuldfrage können wir moralisch, mit noch größerer Anstrengung und noch besseren Programmen nicht mehr beantworten oder lösen können. Der Grund liegt nicht darin, dass etwa unsere Schuld irgendwie zu groß wäre, dass sie gegen Gott gerichtet ist, oder dass Gott sie nur durch Vermittlung seines Sohnes vergeben könnte. Gerade die Thora, und das heißt: Gerade der sorgfältige und treue Wille, alles richtig zu tun,: treibt uns oft in die Katastrophe hinein. Die Sachlage ist so vertrackt; sie hat uns und unsere Gemeinschaften so sehr in ihrer Identität beschädigt, dass wir uns selbst nicht helfen können. Ganz zu schweigen davon, dass die Schuldfrage, in dieser Radikalität verstanden, gerade von den monotheistischen Religionen erkannt wird und ihnen deshalb eine besondere Verantwortung auferlegt. Wenn nun Paulus zurecht sagt, dass die „Sünde“(wie er diesen Weg in die menschliche Katastrophe nennt) mit Adam – also mit dem Menschen – begonnen und sich über die ganze Welt verbreitet hat, gibt es dann überhaupt nicht einen Ausweg? Was würde Jesus in einem Nachgespräch des Jahres 2006 sagen? Wie würde er sein Wort von der Wiedergeburt, vom Wasser und vom Geist, vom brausenden Sturm wiederholen? Was haben wir als Christinnen und Christen heute einzubringen?

2. „… für alle eine Gerechtsprechung, die Leben gibt“

Es ist es an der Zeit, uns vor diesem Hintergrund mit der Vergebung auseinander zu setzen. Wir selbst können uns nicht einfach durch ein besseres Leben retten, das ist nicht nur eine christliche, nicht nur eine biblische, sondern eine allgemein menschliche Einsicht. Ist es also Gottes Sache, zu vergeben, während es der Menschen Last ist, sich in die Netze der Schuld zu verfangen? Nein, kein Fatalismus hilf weiter. Wie es scheint, lohnt es sich dennoch, über sie zu sprechen. Genau besehen ist ja auch Vergebung ein vieldimensionales Geschehen. Sie ist Ereignis, Prozess, eine Haltung und Weltinterpretation. In uns wird sie real als eine menschliche, mich zutiefst prägende Situation, die alle Sektoren meines Lebens durchzieht. Sie ist das Gegenbild all dessen, was sich über unsere Schuldverstrickungen sagen lässt.

So gibt es nicht nur isolierte Taten des Vergebens wie es isolierte Taten der Sünde gibt. Wenn Vergebung eine Wirkung haben soll, dann muss sie uns – genau und in vollem Umfang – aus der verlorenen Situation holen, die unsere Geschichte zur Katastrophe macht. Letztlich geht es um Versöhnung und Versöhntsein mit der Geschichte, zwischen Menschen, zwischen Kulturen und Kontinenten. Müssen wir uns also einfach von Gott vergeben und versöhnen lassen, also wissen und vielleicht glauben, dass wir in Christus erlöst sind? Nein, so einfach kann die Lösung nicht sein. denn in vielfachen Variationen hält die Schrift daran fest: Wir Menschen sind und wir bleiben es, die bei allen Verstrickungen anderen auch vergeben, mit den Wegen der Vergebung einen Beginn machen können. Auch mitten in unserer Schuld spricht Gott uns auf unsere Freiheit an. Wir erinnern uns an die vorletzte Bitte des Vaterunsers: „Vergib uns unsere Schuld“, die Matthäus mit einer bemerkenswerten Wendung abschließt. Bei ihm steht: „…wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben“ (6,12). Ebenfalls bei Matthäus lesen wir: „Wenn du nun deine Opfergabe zum Altar bringst und dich dort daran erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar. Geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder. Dann kommt und bring deine Gabe dar!“ Das ist eine drastische, für allen Opferkult sehr kritische Aussage, denn wenn du zurückkommst, wird dein Opfer nichts mehr wert sein, weil das Blut des getöteten Tieres geronnen ist. Also, „willfahre schnell deinem Gegner, während du noch mit ihm unterwegs bist, damit dich nicht der Gegner dem Richter, der Richter dem Justizvollzug übergibt und du ins Gefängnis kommst. Wahrlich ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.“ (5,23-26) Für Matthäus ist Vergebung durch uns Menschen unabdingbar.

Hängt die Vergebung durch Gott also doch an einer Vorleistung, die der Gnade vorausgehen muss? Seit der Reformation hat diese Frage die evangelische und die katholische Tradition immer wieder gespalten. Doch weder das eine noch das andere ist, wie mir scheint, eine angemessene Folgerung. Denn beides gilt zugleich, ohne Abstriche und mit derselben Entschiedenheit gilt. Wir haben mit der Vergebung zu beginnen und dass bedürfen dazu der Hilfe Gottes, der Eingebung seines Geistes. So sehr es auch an uns liegt, Versöhnung zu gewähren, so sehr müssen uns versöhnen lassen: „Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5,20), – mit Gott und durch Gott mit unseren Mitmenschen, mit dieser Welt. Bewegen wir uns also nicht ein einem Zirkel, in dem wir uns von Gottes Vergebung abhängig machen, Gott aber unsere Vergebungsbereitschaft voraussetzt? Das ist gewiss nicht der Fall. Mit Versöhnung und unseren zerbrochenen Verhältnissen, mit Schuld und Vergebung bewegen wir uns in einer Tiefe menschlicher Erfahrung und menschlicher Freiheit, in der die Kategorien von Ursache und Wirkung versagen. Viele von Ihnen können das bestätigen. Sooft uns Vergebung gelungen ist, erfahren wir zugleich, dass Gott schon lange in uns gehandelt hat.

In unserem verantwortlichen Handeln zu erfahren, Dass Gott, der Verborgene, der Gewährende, der „Barmherzige“ (wie der Islam ihn nennt) immer schon da war, das ist ein Herzstück gelungenen Glaubens. So bin ich auch davon überzeugt, dass wir den Beginn unseres Glaubensweges in der Urgemeinde mit diesem Bild nachvollziehen können. Historisch gesprochen geht es doch einfach darum, dass die Jüngerinnen und Jünger der ersten Stunde in dem Augenblick eine unerwartete Freiheit erfuhren, als sie sich nach aller Verzweiflung wieder in der Überzeugung trafen, dass Jesu Versöhnungstat nicht umsonst gewesen sein kann. „Friede sei mit Euch“, sagte er Auferstandene: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben …“ (Joh 20 22f.). Diese Vergebungsbotschaft ist also nicht für Gestrandete und moralische Versager bestimmt, sondern – mit Blut und Tod erkauft – eine Variante der Auferstehungsbotschaft selbst, so wie sie das Johannesevangelium versteht. Denn aus freien Stücken ist dieser zu Unrecht Gekreuzigte für das Versagen der Versager eingestanden. Für die Frauen und Männer der ersten Stunde bedeutet die Auferstehungsbotschaft deshalb lebendiges Wasser, Geist und Erhöhung, Brausen des Sturmes, Wiedergeburt, Überwindung des umfassenden Schuldgeflechts. Mit ihr beginnt Neues Leben.

  • Diese neue Lebenspraxis fixiert die Glaubenden der ersten Stunde nicht mehr auf die Verfehlungen der Vergangenheit. Im Handeln Jesu, im Eingedenken an diese Geschichte, erfahren sie reine Zukunft. Diese Geschichte, aus der sie jetzt leben – und aus der wir immer noch leben -, ist so stark, sie ist eine so machtvolle, erfreuliche, geradezu unzerstörbare Botschaft, dass in ihr die ersehnte Wahrheit zur Wirklichkeit wird. Das Reich Gottes, das alle Menschen und die ganze Welt umspannt, wird als Versöhnung greifbar.
  • Sie erfahren: Ihre Isolierung zu Einzelkämpfern, zu einer kleinen Gruppe von aussichtslosen Eiferern, von übereifrigen Sektierern ist jetzt aufgebrochen, denn sie haben in Jesus erkannt, dass Versöhnung möglich ist. So werden sie zu einer neuen Gemeinschaft nicht von Dienern, Vätern und Herrn, sondern von Geschwistern fähig. In ihr können sie ihr Versagen und alle Schuldenlast besprechen. Sie erkennen in der Geschichte Jesu, dass Vergebung nicht nur als kultische Einzeltat, sondern auch als befreiende, versöhnende Lebenshaltung möglich ist. Aus diesem Grund wird die Taufe „zur Vergebung der Sünden“ zugleich zum Zeichen der neuen Gemeinschaft, die wir Kirche nennen.
  • Sie erkennen in der Auferstehungserfahrung, dass und wie plötzlich ein Neubeginn möglich wird. Die Ketten des Todes sind für sie durchbrochen, der innere Zwang zur Bosheit, der Teufelskreis von Schuld ist aufgebrochen. Jetzt erst können sie die erschütternden und zugleich wunderbaren Lieder vom „Diener Gottes“ im Buch Jesaja neu und in voller Tiefe verstehen: „Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. (Jes 42, 2f.). Wer genau dieser Diener ist, bleibt in der Auslegung offen: Es kann der Gerechte sein, Israel kann es sein. Für die junge Kirche war es ganz gewiss Jesus. Doch vergessen wir nicht: Heute sind ganz gewiss wir es, denen diese Botschaft anvertraut ist und die um diese Gnade wissen.
  • Das alles sind die Gründe, weshalb in diesem Neubeginn gläubiges Handeln eine neue Orientierung erhält: Alle Menschen können dem Kommen des Gottes Reiches entgegen gehen. Wir dürfen wissen, dass es eine reale Möglichkeit ist.
  • Schließlich wächst ihnen so eine neue Identität Es gehört (menschlich gesprochen) zu den großen Geheimnissen der Religionsgeschichte: Ausgerechnet aus dem Tod eines gescheiterten Nazareners, aus einem Ort also, aus dem ohnehin nichts Gutes kommen kann; (Joh. 1,36), ausgerechnet aus diesem Justizirrtum entsteht eine neue Religion, die trotz allen Versagens Neues über Gott und Mensch zu sagen weiß. In dieser versöhnten Freiheit gehen die ersten Christinnen und Christen jetzt einen „neuen Weg“, wie es in der Apg. 9,2 heißt.

Das also ist die Erfahrungswelt, das ist der Bezugsrahmen einer umfassend neuen Lebenspraxis, nennen wir sie eine neue Menschlichkeit, in der Vergebung zwischen Menschen möglich (nicht Pflicht, sondern Selbstverständlichkeit) und die Versöhnung der Menschheit zum großen Ziel wird. Deshalb ist es gar keine Frage, ist es völlig nachvollziehbar und verständlich, dass Christinnen und Christen damals wie heute in gleicher Weise sagen: In dieser neuen Zukunft, in dieser neuen Fähigkeit zur Gemeinschaft, im Ausbruch auf diesem Teufelskreis, in dieser neuen Gesamtorientierung und Identität wird für mich und für viele Gottes Handeln greifbar. Es ist genau jenes Handeln Gottes, das mir schon im Handeln, in der Praxis und im Geschick Jesu greifbar, in seiner Auferstehungsbotschaft bestätigt wird.

Bei allem Bezug auf Gott, dem Quell aller Güte, haben Vergebung und Versöhnung im einschränkungslosen Sinn eine zutiefst menschliche und humane Seite. Wir können sie in unsere Welt hinein übersetzen mit der Bereitschaft, andere – ohne Ansehen ihres Versagens – so anzunehmen, wie sie sind und ihnen dieselbe tiefe Freiheit zu gewähren, die wir für uns selbst ersehnen. Das heißt aber auch, dass eine solche Vergebung und eine solche Freiheit nicht das Vorrecht von uns Christen ist. Im Übergang vom Judentum zum Christentum wurde diese Tiefenstruktur des Glaubens an Gott in besonderer Weise formulierbar, seien wir nicht zuletzt Paulus dafür unendlich dankbar. Aber es ist eine Tiefenstruktur, die wir auch im Judentum und im Islam ausgesprochen finden. Es ist zudem eine Tiefenstruktur, die überhaupt eine jede religiöse Grenze sprengt, – so sehr, dass unsere gemeinsame, christlich-menschliche Orientierung nur die Versöhnung der gesamten Menschheit einschließen kann, – in der heutigen Weltsituation mehr denn ja. Wenn wir uns also vom Gedanken der Sündenvergebung, der Vergebung von Schuld und der Versöhnung leiten lassen, dann liefern wir für den Weltfrieden einen unverzichtbaren Beitrag.

So gesehen, ist die Hoffnung darauf, dass Gott uns aus den Ketten der Schuld befreit, zugleich eine höchst persönliche wie eine weltpolitische Tat. In einem ganz anderen Bild ausgedrückt: Nac dem Lukasevangelium sah Jesus den Satan „wie einen Blitz vom Himmel fallen“ (Lk 10,18). Das ist ein kosmisches Bild, das ich zum Schluss den genanten hinzufügen möchte. Wer auf Gottes Zukunft vertraut, kann und wird – ganz im Widerspruch und im Widerstand zum Gang der Welt – von dieser umfassenden Weltperspektive, von dieser umfassenden Welthoffnung, von dieser Utopie der Weltversöhnung keinen Abstand nehmen. Arbeiten wird daran gemeinsam und mit der Bitte um Gottes Hilfe.

Amen

(Predigt am 11.06.2006)

 

 

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