Ein Laokoon, der weiterkämpft

Wer kennt den Laokoon nicht, der in den Vatikanischen Museen mit den hochgefährlichen Schlangen ringt? Politi erinnert mich daran, wenn er in hoher Dramatik den Kampf schildert, den Papst Franziskus gegen die vielen Gegner führt, die sich in der Kurie und in weltweiten Bischofskreisen gegen ihn verschworen haben. Eine überschaubare Gruppe von Wortführern lässt nichts unversucht, ihn als ruchlosen Machiavellisten zu isolieren oder als Häretiker zu diskreditieren. In die Hände spielen ihnen gesellschaftliche Entwicklungen in Italien, den USA und Europa, ganz zu schweigen von den zahlreichen innerkirchlichen Gegenschlägen, vielleicht auch Fehlentscheidungen in Sachen Sexualverbrechen (Chile), Personal- und Finanzpolitik. Der hartnäckige Widerstand gegen seine Öffnungsversuche (Umgang mit Geschiedenen und Homosexuellen) sowie die Verärgerung über die päpstliche Kurienkritik scheinen den Papst immer mehr in den „Käfig der Kurie“ einzubinden.

An allen Punkten ist das Buch detailreich und sorgfältig recherchiert. Bewundernswert ist die klare Übersicht, die er im komplexen Gewirr der Gesamtsituation schafft. Es ist von hoher Sympathie zum Papst und seinen großen Zielen getragen, verschweigt aber nicht mögliche Schwächen des oft zögernden, im Zickzackkurs vorangehenden Einzelkämpfers. Recht undurchsichtig bleibt der Umgang mit dem Zugang der Frauen zu den kirchlichen Ämtern. Spätestens an diesem Punkt zeigt sich wohl die theologische Schwäche des Papstes und bricht die Frage auf, warum er sich nicht von Anfang an mit einem aktiven Kurs von kompetenten Beraterinnen und Beratern umgeben hat. Doch klar ist für Politi auch, dass Papst Franziskus seinen Weg bei allen Fragen und Korrekturen weitergehen wird. Laokoon übersteht den Kampf.

Ich kann das Buch allen empfehlen, die an den großen moralischen Herausforderungen von Kirchen und Gesellschaft interessiert sind. Ein ergänzendes Buch müsste jedoch folgen, das die theologischen Innenseiten des Dramas ebenso kompetent und überzeugend darstellt.

Marco Politi, Das Franziskus-Komplott: Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche, Freiburg 2020; ISBN: 978-3-451-39446-1

Wirklich weiter denken!

Zum Papstbuch von Jürgen Erbacher Weiter denken. Franziskus als Papst und Politiker

Vielfältige Erneuerung

Papst Franziskus ist eine der faszinierendsten Figuren der Gegenwart, auch dann, wenn man ihn mit den großen gesellschaftlichen Veränderungen in Wirtschaft und Politik konfrontiert. Er versetzt Grenzmarken nach innen, weil er sich persönliche Eitelkeiten und belanglose Nebeninteressen verbietet. Weiterlesen

Zur Ambivalenz des Papstbriefes Amoris laetitia

Eine andere Sprache – ein anderes Gespräch

In den ersten Tagen nach Erscheinen des päpstlichen Schreibens Amoris laetitia haben die Medien meist sehr freundlich reagiert. Dafür gab es gute Gründe, denn verglichen zum rigiden Moralismus und schulmeisterlichen Ton früherer kirchenamtlicher Dokumente wirkt dieser Text wie ein verständnisvoller und empathischer Windhauch, der dem früheren Rigorismus abschwört und weitere Öffnungen verheißt. Weiterlesen

Wer setzt sich durch? – Der Papst im Clinch mit den Hardlinern

Zum Nachsynodalen Apostolischen Schreiben AMORIS LAETITIA

Wer die Enzyklika LAUDATO SI‘ gelesen hat, ist über Ansatz und Stil nicht überrascht. Papst Franziskus bemüht sich um eine anschauliche und eindeutige Sprache. Er erdet seine Themen pastoral und konkretisiert sie in vielfältigen Situationen. Es will unbefangen, „kirchentreu, ehrlich, realistisch und kreativ“ ans Werk gehen (Nr. 2). Zugleich macht er schon zu Beginn des Schreibens klar, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“ (Nr. 3). So präsentiert er sich als ein Mann nicht der päpstlichen Doktrin, sondern der pastoralen Praxis. In vielen der 325 Nummern (9 Kapitel und 188 Seiten) erweckt er den Eindruck, als wolle er auch keinen einzigen Aspekt der Thematik auslassen; das wirkt bisweilen ermüdend. Doch ähnlich wie bei LAUDATO SI‘ fordert er die Leser dazu auf, das Schreiben „nicht hastig ganz durchzulesen“. Weiterlesen