Rivalität als Lebenselixier von Menschen und Religionen?

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Über Werteverlust, Wertewandel und Gewalt

Der Ursprung der Gewalt und die Hoffnung auf deren Überwindung haben die Religionen  schon immer beschäftigt. Haben sie auch Antworten gefunden? Dieser Frage geht der Referent in Auseinandersetzung mit René Girard nach.

Eine aktuelle Einleitung: Von Gewalt überflutet

Freitag, 24. April 2015, 20.00 Uhr:

  • Die Tagesthemen berichten von der Unfähigkeit bzw. dem mangelnden Willen der EU, einen wirksamen Dienst zur Rettung Tausender von Mittelmeerflüchtlingen einzurichten; sie spiegeln ihrerseits nur die Gewaltexplosionen in Nordafrika und im Nahen Osten.
  • Es entbrennt eine Alibi-Diskussion zur Frage, wie man dieses Übel „an der Wurzel“ packen könne. Was aber ist diese Wurzel?
  • Die Finanzminister der EU-Staaten waren in Riga versammelt und verhandelten erfolglos über die Reformprogramme Griechenlands. Enttäuschung macht sich breit. Die Situation eskaliert; Varoufakis wird buchstäblich beschimpft.
  • Ausführlich wird über das 100-jährige Gedenken an den Völkermord in Armenien berichtet. Das Unrecht von damals ist noch nicht bewältigt. Der Staatspräsident und der Ministerpräsident der Türkei reagieren empört darüber, dass Bundespräsident Gauck das damalige Geschehen „Völkermord“ nannte. Das türkische Parlament will diese Beleidigung nie und nimmer vergessen.
  • Der immer noch schwelende Konflikt in der Ukraine wird nur nebenbei erwähnt.
  • 50 Uhr wurde in Kulturzeit (3SAT) auf drei dokumentarische Filme hingewiesen. Sie handeln von der konkreten Situation der griechischen Bevölkerung, von der aufkommenden Bewegung „Podemos“ in Spanien und von Georgien, dessen Volkswirtschaft sich ihrem Absturz nähert: Drei Völker, die – in unterschiedlicher Weise – durch wachsende Verarmung, Enttäuschung und latente Gewalt auseinanderzubrechen drohen.

Wo stehen wir? Warum gelingt es nicht, der großen und der kleinen Quellen von Gewalt Herr zu werden?

I. Rivalität als Motor der Kultur. Die prophetische Theorie von René Girard

These 1:
Die Kultur der Menschen besteht im unaufhörlichen Versuch, die tödliche Gewalt einzudämmen, die sie selbst produziert; dabei spielen die Religionen eine zentrale Rolle.

1.1 René Girard

Geboren 1923 in Avignon, lehrt an der Stanford-University (Kalifornien). Er entdeckt in der Literatur des 19. Jahrhunderts die zentrale Bedeutung der Rivalität, weitet diese Entdeckung zur einer Kulturtheorie, dann zu einer Theorie der Religionen aus und kommt zum Schluss: nur in der biblischen Tradition, speziell in der Jesuserinnerung, wird der unselige Gewaltmechanismus des Begehrens (mimesis) durchbrochen. Ein Forscherleben lang baut er diese Theorie zu einer umfassenden Verteidigung des christlichen Glaubens aus. Ob seine exklusive Verteidigung des Christentums überzeugt, sei dahingestellt. Beeinflusst hat er die Kulturtheorien mit seiner Theorie vom Begehren.

1.2 Begehren – Nachahmung – Rivalität

These 2:
Menschen streben Idealen und Vorbildern nach. Daraus entsteht immer eine ehrgeizige, oft leidenschaftliche Konkurrenz

Die Botschaft der Literatur: 1961 schrieb Girard ein Buch mit dem bezeichnenden Titel Mensonge romantique et vérité romanesque – Romantische Liebe und romanhafte/fiktionale Wahrheit [Figuren des Begehrens]. Er analysiert Romane von u.a. Stendhal, Flaubert, Dostojewski und Proust mit ihren Dreiecksbeziehungen, den damit verbundenen Lügen und unaufrichtigen Lösungen. Lebenslügen werden konstruiert und gewalttätige Katastrophen inszeniert; offensichtlich gehört das unlösbar zum menschlichen Leben.
Für Girard sind das keine Signale romantischer Dekadenz, sondern lebenswichtige Botschaften, die er ebenso in den griechischen und anderen Mythen wiederfindet. In den letzten Jahren integrierte er Ergebnisse der Verhaltenswissenschaften und der Neurologie (etwa die Entdeckung der Spiegelneuronen).
Überall findet er dieselbe Grundstruktur, die er in den Begriffen „Begehren“ (désir) und „Nachahmung“ (mimesis) zusammenfasst. Man spricht bald von der mimetischen Theorie.

1.3 Was eine Kultur zusammenhält

These 3:
Menschen streben Idealen und Vorbildern nach. Daraus entsteht immer eine ehrgeizige, oft leidenschaftliche Konkurrenz, die – im Unterschied zur Tierwelt – zur Selbstzerstörung führen kann.

Beginnen wir mit einem Blick in die Welt der Primaten. Sie schaffen Grundordnung des Zusammenlebens durch das Recht des Stärkeren, der durch die Kämpfe von Rivalen ermittelt wird. Er übernimmt die Führung der Herde, die Zeugung von Nachkommen, gegebenenfalls die Zuweisung von Nahrung. Sobald die Ränge ermittelt sind, flauen die Kämpfe ab, bis (etwa in Jahresfrist) die Rangordnungen neu zu ermitteln sind. Eine friedliche Welt, möchte man sagen, weil die Auseinandersetzungen funktional bestimmt und zeitlich begrenzt sind.
Anders beim Menschen, deren triebhafte Instinkte nicht verschwunden, aber entgrenzt und damit orientierungslos geworden sind. Die konkret geleitete Begierde mündet in ein unbegrenztes Verlangen, in eine Sehnsucht ein. Wovon aber wird dieses unbegrenzte Verlangen geleitet? Die traditionellen Antworten sind bekannt. Wir verlangen nach einem Sinn unseres Handelns, nach einer Identität mit uns selbst, nach einer unendlichen Erfüllung.
Nicht schlecht, sagt Girard, aber wir alle sind gemeinschaftsbezogene Wesen; diese Antworten übersehen die Rolle der Mitmenschen. Die Haupt-Triebfeder eines jeden menschlichen Handelns ist die Mimesis, die Nachahmung, der Ehrgeiz. Wer etwas erreichen will, folgt Beispielen, also Idealen nach, die er bei anderen gelernt hat. Je mehr jemand erreichen will, umso mächtiger wirkt die Rivalität mit Konkurrenten. Das ist die klassische Botschaft der Kain-Abel-Geschichte oder des Mythos von Ödipus. Ohne Nachahmung und Rivalität keine Selbstwerdung; Rivalität ist das Urproblem der Menschheit schlechthin. Früher hätten Christen von der Erbsünde gesprochen.

1.4 Kultur – Selbstzerstörung wird eingedämmt

These 4:
Die erste kulturelle Tat einer Gemeinschaft besteht in der Bändigung dieser Selbstzerstörung. Die [vermeintliche] Ursache des Unheils wird ausgemerzt.

Doch geht es nicht darum, diese Rivalität gleich als Sünde oder Verfehlung zu charakterisieren. Aber sie ist hochgefährlich und explosiv, ein Sprengstoff, der ganze Gesellschaften zerstören kann. Mit dieser Lebensgefahr beginnt menschliche Kultur, die Girard im Ödipusmythos veranschaulicht sieht. Symbol für diese Lebensgefahr ist die Pest, von der Theben befallen wird. Das Unheil der Rivalität explodiert, ein jeder wird eines jeden Feind, eine Gemeinschaft transformiert sich zu einem marodierenden Mob (Hobbes: homo homini lupus).

Die erste, grundlegende und vorrangige kulturelle Tat dieser Menschen ist der Versuch, dieser Bedrohung Herr zu werden. Man sucht nach dem Grund dieses Unheils (das im Mythos die Götter verhängt haben) und findet ihn mit Vatermord und Mutterinzest des Ödipus. Er muss die Stadt verlassen. Es ist, modern gesprochen, die Suche und die Bestrafung des Schuldigen; noch heute eine unvermeidliche, geradezu archaische Reaktion nach jedem Unheil.

Wie tief dieses Trauma im Gedächtnis der Menschheit verankert ist, zeigen zahllose Mythen in allen Kulturen der Menschheit. Immer wird die Existenz einer Gemeinschaft bedroht und immer geht es darum, dass dafür jemand bestraft oder geopfert wird, dass Blut fließt.

Die erste kulturelle Tat einer jeden Gemeinschaft besteht darin, dass der Schuldige oder jemand gesucht wird, der die Schuld für das Unheil auf sich nimmt. René Girard bezieht sich auf die klassische Stelle in Lev. 16,21: Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen, und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen. Das ist ein schönes Bild. Wie aber können wir es analysieren und warum ist es für Girard so wichtig?

II. Brauchen wir einen Sündenbock?

These 5:
Die antiken Religionen beschränkten Gewalt auf einen rituellen Raum (Schuldige, Opfertiere, Opfergaben) und entlasteten so den Rivalitätsdruck der Gemeinschaft.

2.1 Der Mechanismus vom Sündenbock und seine Täuschung

These 6:
Im Sündenbockdenken steckt eine Lüge. Sie legitimiert eine Selbstgerechtigkeit, aus der immer neue Gewalt entsteht.

Brauchen wir einen Sündenbock? Mit einem Buch dieses Titels eröffnete Raymund Schwager 1978, also vor 37 Jahren, eine wichtige theologische Diskussion. Sofort war sie auch von allgemeiner gesellschaftspolitischer Bedeutung, denn diese Metapher spielt in jeder Gemeinschaft eine Rolle.

Bislang ist (oder war?) der Sündenbock für eine jede Kultur überlebenswichtig. Kultur beginnt, wie ich zeigte, mit Rivalität, nämlich mit allgemein gültigen Idealen, denen viele zugleich nacheifern, bei deren Erfüllung sie einander ausstechen wollen. Bei der Verwirklichung von Werten und Normen sind immer Rivalität, Konkurrenz und Wetteifer im Spiel, die überhand nehmen und die eigene gemeinsame Grundlage zerstören kann.

Für Girard ist z.B. die Pest in Theben nur das mythische Symbol für diese Selbstzerstörung. Wir kennen solche Situationen. Es sind Zeiten der Revolution und Zeiten, in denen sich alle Aggression in Selbstzerstörung ausweitet. Solche Zeiten retten sich dadurch, dass sie einen gemeinsamen Feind entdecken, in dem sie ihn sich konstruieren. Wir denken an die Zeiten der Kriegsbegeisterung am Beginn des Ersten und des Zweiten Weltkriegs mit dem europäischen Erbfeinden, an die Nazibegeisterung in vielen Teilen Deutschlands mit dem Bolschewismus als der großen Bedrohung, an den geduldeten Abtransport von Juden, die sich gegen unsere Kultur verschworen hatten, die Verrohung der Waffen-SS im Kriegsgeschehen und in den Konzentrationslagern, deren Feindbilder alle moralischen Grenzen zerstörten. Wir denken an das aggressionsbesessene Weltbild des selbsternannten IS-Kalifats, das durch seine brutalen Terrorvideos sogar noch junge Menschen locken kann, weil sie den Feind der Wahrheit ausgemacht haben.

Menschen suchen nicht nur Ideale, denen sie nachfolgen, bis sie bestimmte Ziele erreichen, sondern das Verlangen der Nachahmung kann einen in sich stehenden Eigenwert gewinnen: es verselbständigt sich. Man will im Wettstreit der Ideale gewinnen, schlägt gegebenenfalls aufeinander ein. Man erfährt die vermeintlich befreiende Wirkung der Zerstörung und des Mordens bis – ja, bis wann?

Bis es gelingt, die wirklichen oder die vermeintlichen Schuldigen der Situation zu finden. In Theben war es Ödipus, und in der Johannespassion sagt Kajaphas: Bedenkt, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. (11,50) Das Opfer mag zufällig sein. Hauptsache, eine Person oder eine Personengruppe wird zum Zielpunkt aller Aggression; dies kann die anderen entlasten und den Frieden wieder herstellen.

Ist damit ein Fortschritt erzielt, die Zukunft einer Gemeinschaft wirksam gesichert? Es gehört zu den größten Leistungen menschlicher Kulturen, dass sie das Zusammenleben ihrer Menschen immer wieder stabilisieren und die Kräfte ihrer Selbstzerstörung zähmen können. Dies gelingt ihr durch eine Vielzahl von Institutionen (Sprache, Gebote und Verbote, Staaten und Rechtssysteme offizielle Handlungs- und Verhaltensziele, Religionen) und ist eine erste elementare Tat, in der eine Kultur ihre Zukunft schützt und sichert. Doch diese Zähmung von Zerstörung und Selbstzerstörung stößt immer wieder an ihre Grenzen; sie bleibt zerbrechlich und muss selbst noch einmal stabilisiert werden, wie oft Staudämme noch einmal zu stützen sind, damit sie nicht nachgeben. Bedrohliche Ideen, Instanzen oder Personen müssen deshalb ausgemacht, zum Feind der Gemeinschaft erklärt und nach Möglichkeit ausgerottet werden. Dies ist die zweite, die entscheidende elementare Tat, durch die eine Kultur ihre Zukunft schützt und sichert.

Nach Girard und Schwager ist an diesem Punkt von den antiken Opferreligionen zu reden, weil sie die heilende Funktion des Sündenbocks geradezu zelebrieren. Es sind die Opferreligionen, die – in offiziell staatlicher Funktion – die Stiftung des Friedens übernommen haben. In der Tat, so wie alle großen Religionen tabuisieren sie die Gewalt in der Gemeinschaft; man danke an die zentralen, in allen Religionen gegenwärtigen Verhaltensregeln: Lebensschutz, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und gegenseitige Treue. Aber schon diese antiken Opferreligionen wusste, dass reine Verbote nichts nützen oder gar das Gegenteil bewirken, weil sie Gegenaggressionen bewirken und weil die Besseren immer zum Feind des Guten werden. Also schaffen sie eine wichtige Entlastung, und das ist ihre geniale Leistung. Sie verbieten Gewalt im Alltag ihrer Gesellschaft, lassen tödliche Gewalt aber im eng begrenzten Raum ihres religiösen Handelns zu. Das Opfer zieht alle Aggressionen auf sich. Der Opfergedanke ist in allen Religionen zu Hause. Gemäß ihrer Logik braucht die Menschheit immer wieder Sündenböcke, um die in ihr aufkommende Gewalt zu binden. Der Sündenbock darf der gesellschaftlichen Lynchjustiz zum Opfer fallen; er darf nach ritualisierten Regeln vernichtet, ausgestoßen oder getötet werden: Erst waren es blutige Menschenopfer, dann Tieropfer, dann – im Prozess fortschreitender Humanisierung ‑ vielleicht das blutfreie Ritual des Sündenbocks.

Die Botschaft ist also deutlich und für die Selbsterkenntnis der Menschheit nicht angenehm. Religionen leben aus diesem Wissen: Keiner Kultur kann es gelingen, den Keim von Aggression, Gewalt und Zerstörung einfach auszulöschen. Dies gilt auch für die Gegenwart. Wir leben in einer Epoche, in der die Vulkane einer mühsamen gezähmten Gewalt an vielen Orten neu aufbrechen. Es wäre naiv, einfach auf eine unbeschwert friedliche Zukunft zu hoffen. Plötzlich nimmt Gewalt in fragilen Staaten überhand, sei es im Irak oder in der Ukraine, in Nigeria oder Somalia. Sie explodiert innerhalb muslimischer Staaten in selbstzerstörerischer Weise und führt zu Prozessen endloser Selbstzerfleischung. Zu nennen sind Syrien und der Jemen, Libyen oder andere Staaten, die den arabischen Frühling erlebten. Wir erleben das selbsternannten IS-Kalifat mit seiner Zerstörung um der Zerstörung willen, dies bewusst in brutaler und sinnloser, menschen- oder kulturverachtender Weise. Wir Christen erinnern uns an unsere destruktiven Phasen, den irrationalen Rausch der Kreuzzüge oder den Dreißigjährigen Krieg, in dem christliche Konfessionen bis zur totalen Erschöpfung versuchten, sich gegenseitig auszurotten. Wir kennen den Holocaust und den erbitterten Hass, mit dem der Staat Israel die Palästinenser bekämpft.

Brauchen wir erneut einen Sündenbock? Angesichts der globalen Dimensionen gegenwärtiger Vernichtungsmaschinen stößt die Rolle des Sündenbocks endgültig an seine Grenzen. Natürlich müssen wir dem Verhalten und den Machtansprüchen nach wie vor Grenzen setzen. Menschliche Kulturen müssen nach wie vor zwischen gut und böse unterscheiden, das eigene Leben und das Leben anderer verteidigen, also moralische Verbote aufstellen. Das System der Bestrafung hat aber seine Grenzen, weil es sich im globalen Maßstab zu einem System nie endender gegenseitiger Rache aufschaukelt. Auch die entlastende Suche nach Sündenböcken kann uns nicht zu einer Versöhnung führen, auf die wie mehr denn je angewiesen sind.

Kenner der biblischen Schriften, insbesondere des Neuen Testaments, erinnern sich in diesem Zusammenhang an das paradoxe Jesuswort: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ (Lk 10,18). Satan gilt in der späteren Tradition als das Geheimnis der Bosheit schlechthin. Gemäß diesem Jesuswort ist die Bosheit jetzt überwunden; dies kommt einer kontrafaktischen Behauptung gleich, von der noch nichts zu spüren ist. In der früheren biblischen Tradition (z.B. Ijob 1,6-12) gilt Satan als derjenige, der vor Gottes Thron die Menschen wegen ihrer Verfehlungen anklagt. Er sorgt also für eine ausgleichende Gerechtigkeit. Vor diesem Hintergrund bekommt dieses Jesuswort eine höchst aktuelle Bedeutung. Es spricht die Sehnsucht danach aus, dass die endlosen Ketten von Verfehlung und Rache, dass auch der endlose Sog nach Sündenböcken und gegenseitiger Verteuflung endlich durchbrochen wird. Dies wäre eine Sehnsucht danach, dass alle Mechanismen des mimetischen Verlangens erlöst, von ihren destruktiven Wirkungen befreit würden. Wie können wir mit dieser Sehnsucht umgehen?

 

2.2 Der Sündenbock, ein unschuldiges Opfer

These 7:
Die neutestamentlichen Zeugnisse entlarven den Mechanismus des Sündenbocks als Lüge. Jesus wird zum unschuldigen Opfer.

Wie ich zeigte, werden Sündenböcke in der Regel gefunden, um Gemeinschaften von ihrer Selbstzerstörung und ihrer Lynchpraxis zu entlasten. Doch werden sie auch gerne erfunden, um verselbständigte Gewalt zu rechtfertigen. Die Geschichte des Antisemitismus und seine Auswirkungen sind dazu ein erschreckend entlarvendes Beispiel. Was beim Mechanismus des Sündenbocks, bei der Selbstentlastung durch Sündenopfer fehlt, ist die notwendige Selbstkritik. Sündenböcke sind immer das Ergebnis von Projektionen, also von unbewussten, blinden Vorgängen, deren Tiefenwirkung wir nicht durchschauen.

Girard versucht, dies an alten Mythen zu verdeutlichen. Die Helden sind in der Regel Fremde, Krüppel, Außenseiter. Sie werden getötet. Über das Unrecht ihrer Vernichtung wird nicht nachgedacht, vielmehr werden sie zu rettenden Helden, Heroen, Halbgöttern erhoben. Plötzlich wird ihre Tötung zur Folge eines höheren Planes, der die Betroffenen rettet. Verdrängt werden dabei das Unrecht, das dem Opfer angetan wird, und das Unrecht, in das sich die mordende Gesellschaft verstricken lässt. Diese Mythen sprechen von uns allen. Kein Individuum, keine Kultur und keine Religion ist von diesem Mechanismus frei. Selbstgerechtigkeit, Selbstentschuldigung und das Vergessen der Opfer gehören zum Menschsein. Wir ertragen unsere eigene Wahrheit nicht; unsere „Familiengeheimnisse“, unsere kollektiven Abgründe sind zu fürchterlich.

Deshalb spricht Girard – im Anschluss an seine literarischen Analysen – von der verborgenen Lüge, die in einer jeden Opferreligion und in einer jeden kollektiven Schuldzuschreibung steckt. Diese Reaktion des Selbstschutzes übersieht nämlich die Unterseite des rivalisierenden Begehrens, dass nämlich ein jedes Subjekt an jedem rivalisierenden Kampf irgendwo mit-agiert. Wer Schuld auf andere projiziert, verdrängt seinen eigenen Anteil daran. Wie können wir diesem Mechanismus entgehen?

An diesem Punkt führen René Girard (und Raymund Schwager) seit den 1970er Jahren ihre neue These in die Diskussion ein. Je nach Standpunkt kann sie eine biblische Ur-Intention neu zum Leuchten bringen oder die spätere christliche Tradition zutiefst erschüttern. Die biblische Erinnerung an das Schicksal Jesu hat – durchaus im Anschluss an jüdisch-biblische Impulse – in die traditionelle Opferpraxis einen neuen Aspekt eingetragen. Denn zum ersten Mal in der Religionsgeschichte wird die selbstgerechte Unehrlichkeit der Opferpraxis entlarvt: Jesus gilt als ein unschuldiges Opfer, dem das Gewaltpotential der politischen, gesellschaftlichen und religiösen Verhältnisse zu Unrecht aufgeladen wurde. Die Funktion des Opfers kommt ihm also zu Unrecht zu. Er wurde von Menschen, nicht kraft eines aktiven göttlichen Planes, sondern aus Gründen gesellschaftlicher Stabilisierung, nicht zur gottgewollten Sühne für eine Beleidigung Gottes umgebracht. So kam etwas zum Bewusstsein, was ansonsten in der bisherigen Geschichte von Gewalt und Gewaltverhinderung, auch in deren religiöser Aufarbeitung unbewusst blieb. Paradox an dieser Entwicklung ist nur: Jesus selbst hat Gewalt überwunden, indem er sich freiwillig in die Rolle des unschuldigen Opfers fügte.

Die Folgen dieser neuen Position sind an vielen Orten des Neuen Testaments zu spüren: Jesus nimmt konsequent Abstand vom zürnenden Gott. Dem Reich Gottes, dessen Nähe er ankündigt, muss keine große Strafe mehr vorangehen. Jesus nimmt überhaupt Abstand von der Fiktion eines übermenschlichen bösen Prinzips; der Satan hat ausgespielt. Warum sind in den neutestamentlichen Texten solche Aussagen möglich? In Erinnerung an Jesu Geschick hat man den Kern des Bösen in der Unfähigkeit der Menschen entdeckt, dessen Ursprung in ihrer eigenen Rivalität zu erkennen, also die eigenen Mechanismen der Leugnung und der Verdrängung offenzulegen. Menschen wollen gegenüber sich selbst nicht ehrlich sein.

 

2.3 Haben Christen die rettende Weisheit gefunden?

These 8:
Diese Entlarvung des Sündenbockmechanismus ist von enormer religionsgeschichtlicher Bedeutung. Doch ist das Christentum nicht daran gehalten.

Girard hat seine These zu einer großen Apologie des Christentums ausgebaut. Ohne Not legt er damit seiner eigenen These einige Steine in den Weg. Girard hat recht mit seiner Feststellung, dass die neutestamentlichen Zeugnisse diesen Mechanismus durchschaut und bloßgelegt haben. Doch gilt dies nur mit einigen Einschränkungen:

a) Zu schnell wird behauptet, dies sei ausschließlich die Leistung des Christentums, denn diese Erkenntnis ist schon in der Tradition Israels vorbereitet. Schwager weist darauf hin, dass schon zwei Drittel der jüdischen Psalmen das Schicksal der Unterlegenen in den Mittelpunkt stellt. Hinzu kommen prophetische Texte. Die eindrücklichsten sind vielleicht die „Gottesknechtlieder“ bei Jesaja mit ihrer Botschaft der Gewaltlosigkeit.
Im ersten Gottesknechtslied ist vom Beginn einer neuen, gewaltlosen Rechtspraxis die Rede: Seht, mein Knecht, den ich stützte, mein Erwählter, an dem ich mein Wohlgefallen habe! Ich lege meinen Geist auf ihn, dass er den Völkern die Wahrheit verkünde. Er wird nicht schreien und nicht lärmen, noch lässt er auf den Straßen seine Stimme hören. Ein geknicktes Rohr zerbricht er nicht, und einen glimmenden Docht löscht er nicht aus. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er wird nicht ermatten und nicht zusammenbrechen, bis er das Recht auf Erden begründet; denn die Inseln harren auf seine Weisung. (Jes 42,1-4)
So deutlich spricht das vierte Gottesknechtlied, dass es geradezu als eine Vorhersage Jesu gedeutet wurde: 2Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. 3Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht 4Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. 5Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jes 53,2-5).

b) Girards Analyse taugt nicht zur Selbstverteidigung des Christentums, denn ausgerechnet die spätere christliche Tradition hat sich an diesen neuen Impuls nicht gehalten. Bald rückte der antik-religiöse Opfergedanke wieder ins Zentrum christlicher Erlösungsvorstellungen. Die Eucharistiefeier wurde zum Opfermahl umgedeutet. Die traditionelle Theologie von der Erlösung durch Jesu Tod liest sich geradezu wie der Racheplan eines sadistischen Gottes, der seinen eigenen Sohn opfert. Bis heute gelten in der katholischen Kirche noch Ablässe, Sühnepraktiken und eine Beschreibung von Sakramenten, die auf den antiken Opfermechanismus ausgerichtet sind. Wenn sich die heutige Glaubensverkündigung doch endlich an seine eigenen Ursprünge hielte!

c) Genau genommen ist die Entlarvung der Sündenbocklüge keine spezifisch religiöse, sondern eine menschlich rationale Erkenntnis. Wer etwas von moderner Psychologie versteht, kann sie problemlos nachvollziehen.

Exkurs:

Mit einer bewundernswerten Monomanie arbeitet René Girard seit 1960, also seit 55 Jahren, an seiner faszinierenden These von der Entlarvung des Sündenbockdenkens. Immer mehr Aspekte und Disziplinen integriert er in sein Gesamtkonzept, das er als wissenschaftlich analysiert und als bewiesen ansieht. Die Leistung der christlichen Botschaft ist für ihn einzigartig und von welthistorischer Bedeutung. Es ließ ihn zum Anhänger der katholischen Kirche werden, und weltweit tritt er als der große und leidenschaftliche Verteidiger der christlichen Religion auf.

Dies alles verdient große Anerkennung, doch erfährt er neben verständlichem Widerspruch auch engagierte Vorschläge zu Differenzierungen, Teilkorrekturen und zu einer Erweiterung des theologisch-religionswissenschaftlichen Horizonts. Die theologische Fakultät Innsbruck führt das Erbe von Girard-Schwager nach Kräften und unter erweiterten Vorzeichen weiter. Darauf ist hier nicht weiter einzugehen. Im Blick auf unsere Thematik stellt sich der aktuelle Diskussionsstand für mich wie folgt dar:

(1) Ohne Ideale, ohne Vorbilder und den ständigen Wettbewerb um deren Nachahmung (mimesis) können menschliche Gemeinschaften keine Identität und keine Zukunft entwickeln. Wettbewerb und Rivalität sind ihre unverzichtbaren Motoren. Welche Konsequenzen daraus die herrschenden Wirtschaftsmodelle und Auseinandersetzungen zum Problem des „Kapitalismus“ ziehen, verlangt eine eigene und differenzierte Diskussion.

(2) Doch erzeugt dieser lebensnotwendige Wettbewerb zugleich Kräfte der Zerstörung und Selbstzerstörung. Zu deren Zähmung entwickeln die Kulturen vielfältige wirksame Gewohnheiten, Rituale und Institutionen auf persönlicher, gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene, auf deren (immer labiles) Gleichgewicht immer neu zu achten ist. Bei einem differenzierten Modell zur Zähmung der Gewalt wären Funktionen, Interaktion und Grenzen dieser Institutionen genau zu analysieren und zueinander in Beziehung zu setzen.

(3) Unter diesen Voraussetzungen erhält das hier vorgetragene Modell einer ‑ aufbauenden und zugleich zerstörenden, weil konfliktträchtigen ‑ Mimesis ebenso seinen Sinn wie das korrespondierende Modell vom Sündenbockopfer, das die Einheit einer Gemeinschaft wiederherstellen kann. Dann lässt sich auch die Tragweite der Erkenntnis ermessen, dass selbst die Opferpraxis der Religionen nicht zur letzten Wahrheit vordringt, weil auch sie die letzten Zusammenhänge nicht entschlüsselt. Denn mit ihren Opferpraktiken schaffen Religionen rituell geschützte Räume, in denen Gewalt legitimiert  und Aggression kanalisiert, aber nur nach außen abgeleitet und nicht wirklich überwunden werden.

(4) Diese Entlarvung wird in der Jesusgeschichte unübertrefflich geleistet. Jesus lässt sich, wie Girard und Schwager zeigen, zum Opfer degradieren, ohne mit Gegengewalt zu reagieren; dadurch entlarvt er den lebensfeindlichen Abgrund der Gewalt. Dies war ihm nur auf Grund seines jüdisch-prophetischen Weltbildes möglich. Unter der zentralen Perspektive der Opfer hängen christliche und jüdische Tradition also eng miteinander zusammen.

(5) Bei einer weitergehenden Überlegung wird diese Entlarvung auch von anderen Weltreligionen geleistet, wie sie sich seit der „Achsenzeit“ (K. Jaspers) zwischen dem 8. und 2. Jahrhundert vor Christus entwickelt haben. Sie alle relativieren ihre Opferpraktiken und entwickeln eine Mentalität, die nicht mehr das gewaltfreundliche Sündenbockdenken, sondern eine menschenfreundliche Empathie fördert. Im Projekt Weltethos wurde dies an Hand einer religiösen Kernethos herausgearbeitet: In allen Weltreligionen spielen vier Tabus eine fundamentale Rolle: das Verbot [1] der Tötung, [2] des Diebstahls, [3] der Lüge und [4] der Gleichberechtigung. Positiv gewendet geht es um
[1] den Respekt und die Unantastbarkeit menschlichen Lebens,
[2] die Sorge für Gerechtigkeit und Fairness,
[3] eine Kultur der Wahrhaftigkeit und des gegenseitigen Vertrauens,
[4] die gebotene Gleichberechtigung und Treue Mann und Frau, Kinder und Eltern, Starken und Schwachen, bis hin zu den großen staatlichen Zusammenschlüssen.
Eine jede menschenfördernde Kultur muss von diesen vier Maßstäben durchdrungen und von Institutionen durchzogen sein, die diese Werte nachhaltig schützt. Letztlich ergeben sie sich alle aus der Goldenen Regel, die in allen Weltreligionen ausformuliert wird. Eine religiöse Opferpraktik, die diesen Weisungen unterworfen wird, entlarvt sich von selbst.

(6) Recht hat Girard mit seinem emphatischen Hinweis: Trotz schützender Institutionen stoßen diese Werte immer dort an ihre Grenzen, wo der Gewaltstrom der Rivalität diese Schutzdämme durchbricht und eine Gemeinschaft (einschließlich ihrer Religion) zerstört. Die Entlarvung der Gewaltquelle läuft dann ebenfalls ins Nichts, wenn niemand daraus lebenspraktische Konsequenzen zieht und die Gewaltketten faktisch durchbricht. In der so verstandenen Nachfolge Jesu entsteht dann eine Vorbildwirkung ganz anderer Art, weil sie sich nicht mehr im Konkurrenzneid zwischen Guten und Besseren erschöpft. Allerdings gilt genau besehen auch hier: Auch Siddartha Gautama oder andere Vorbilder einer menschenfreundlichen Gewaltlosigkeit können zum nachahmungsfähigen Vorbild werden. Es kommt nur darauf an, dass aus der Erkenntnis jemand die lebenspraktischen Konsequenzen zieht. In dieser Perspektive bleibt Jesus eine der großen und maßgebenden Gestalten der Religions- und Menschheitsgeschichte.

Ende Exkurs

III. Rivalität in einer Zeit des Wertewandels und Werteverlusts

These 9:
Die gegenwärtige Gewalt verlangt eine mehrschichtige Deutung. Ohne vorschnelle Schuldzuweisung haben sich alle in das Netz der Täter und Opfer einzuordnen.

3.1 Aktuelle Anlässe von Verunsicherung verheerender Gewalt

Wir leben, wie schon gesagt, in einer Epoche explodierender Gewalt und brutalsten Terrors, der bisweilen auch Westeuropa erreicht. Neue Faktoren, mit denen wir umzugehen haben, sind dabei die neue Konkurrenz zwischen christlichen und muslimischen Kulturräumen, die Politisierung der Religionen und deren neue Funktion in einer säkularisierten Kultur. Welche Erkenntnis sollen wir aber aus dieser Erkenntnis ziehen? Wir leben ja in einer massiven inneren Verunsicherung. Offensichtlich befinden wir uns in einem tiefgreifenden Wertewandel, wenn nicht gar Werteverlust. Der Ruf nach Neuorientierungen und nach neuen oder nach den guten alten moralischen Regeln ist groß, wer aber bekennt sich aktiv zu ihnen? Viele haben den Eindruck, wir taumelten in ein Chaos grandiosen Ausmaßes. Anderen fällt es immer schwerer, sich mit der Bundesrepublik Deutschland, gar mit der Europäischen Union zu identifizieren. Viele sehen in der aktuellen politischen Griechenlandkrise das Ende einer unaufgebbaren politischen Einheit. Pegida und die verwandten Bewegungen projizieren ihre Ängste in eine Überfremdung Deutschlands oder Europas durch den Islam oder in eine allzu tolerante Asylpolitik. Kennzeichnend für diese Bewegung sind das diffuse Spektrum von Meinungen und Gefühlen sowie ein abgrundtiefes Misstrauen gegen die deutsche Politikerkaste. Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Signalisiert Pegida eine reale Gefahr für unsere Gesellschaft, stellt sie selbst eine solche Gefahr dar? Ist es nicht endlich Zeit, die Gefahr des Islam zu erkennen und sich gegen ihn vorzusehen, oder stoßen wir durch eine wachsende Interreligiosität und Interkulturalität in ein Chaos der Werte, das uns schließlich eine jede Identität raubt? Diese Fragen sind alle wichtig. Doch letztentscheidend ist die Frage, ob und wie wir uns selbst ‑ ohne falsche Schuldzuweisung ‑ in das Netz der Täter und Opfer einordnen.

 3.2 Die zähmende Rolle von Institutionen

These 10:
Auch Religionen lassen sich zu Gewalt missbrauchen. Vor einer apokalyptischen Menschheitsvernichtung können auch sie sich nicht schützen.

 Ich bin weder Politiker noch Jurist oder Soziologe. Aber mit Ihnen zusammen (wie ich hoffe) bin ich der Meinung: Gemäß unserer politischen und juridischen Ordnung ist weder in Deutschland noch in Europa Gewalt, in welcher Form auch immer, zu dulden. Wir haben auch keinen Grund, an den Grundwerten zu zweifeln, die in unseren Verfassungen und in unserem Rechtsbewusstsein verankert sind; sie haben in den Menschenrechtskatalogen der UNO (1948) und der Europäischen Union (2000) ihren klassischen Ausdruck gefunden und sind in das Grundgesetz der Bundesrepublik eingegangen.

Ferner meine ich: Im Schutz menschlicher Gemeinschaften gegen ihre Selbstzerstörung spielen nicht die Religionen in sich, sondern in ihrer vielfältigen Verflechtung mit Institutionen (Ethos, Gebräuche, Gemeinschaften, Rechtssystemen und Staaten) eine wichtige Rolle. Der Begriff „Religion“ ist ja die abstrakte Verdichtung von vielfältigen Einzelelementen, die zu einer Symbiose zusammenkommen. Deshalb ist es wichtig, bisweilen die Aufmerksamkeit auf diese Einzelelemente zu lenken, darauf etwa, dass die Weltreligionen in jeweils ihren Kulturkreisen als moralische Weltagenturen handeln. Dabei stellen diese Institutionen in ihrer konkreten Verwirklichung immer Kompromisse zwischen Idealen und brüchiger Realität dar. Selbst das Prinzip der Gewaltlosigkeit kennt, etwa bei der Verteidigung gegen massive Gewalttaten und Gewaltverhältnisse, Grenzen. Religionen und ihre gut funktionierenden Institutionen sind – ebenso wie konkrete Werte – immer prozessorientiert und zerbrechen nicht so schnell. Denn jede ihrer Bedrohung zeigt auch ihre Notwendigkeit. Interessant ist ja, dass das faktische Zerbrechen von Werten in der Gegenwart auch zu einem lauten Ruf nach Werten führt. Und je mehr eine jede moralische Belehrung in Verruf kommt (Predigten sind weniger denn je gewünscht), umso nachdrücklicher wird nach einem jeden Unglück in höchster Moralität die Frage nach den Schuldigen, den Hintermännern und vermeidbaren Vorbedingungen gestellt. Wir haben das am 24. März und in den Folgetagen beim Absturz des Airbus von Germanwings in den französischen Alpen (Le Vernet bzw. Seyne-les-Alpes) erlebt.

Religionen sind kulturelle und kulturell hochkomplexe Institutionen, die vielfältigen Gemeinschaften ihre innere Identität verleihen. Sie integrieren Strukturen und Phänomene, die notwendigerweise vielfältig sind. Vor allem die Weltreligionen lassen sich nicht auf ihren Umgang mit Gewalt reduzieren. Doch scheint die Realität diesen schönen Beschreibungen zu widersprechen, was uns zur oft gestellten Frage führt: Sind Religionen, wie oft vermutet, Quellen der Gewalt oder sind die zahlreichen, religiös begründeten Gewaltexplosionen ein Zeichen dafür, dass die Religionen am Zerbrechen sind?

Zuzugeben ist, dass es zwischen Gewalt und Religionen enge Verwandtschaften gib. Religionen sind eben Orte der letztgültigen Entscheidungen. Sie können intensive Leidenschaften entfesseln, also ungeheure Energien freisetzen. Man kann sie vergleichen mit einem kerosingefüllten Tank, der ein Großflugzeug mit seinen nahezu 900 Passagieren bis zu 15.000 km weit transportieren kann. Doch kann derselbe Kerosintank ein fürchterliches Flammenmeer auslösen, wenn auch nur ein kleines brennendes Streichholz in seine Nähe kommt. Religionen können missbraucht werden und werden laufend missbraucht; ein Streichholz genügt. Dasselbe gilt für andere Großinstitutionen wie die USA, die Republik China, die ehemalige UdSSR oder Nazideutschland. Auch auf sie ließe sich die Mimesis- und Sündenbockanalysen von René Girard anwenden, weil auch diese Staaten Feinde von außen oder von innen (Andersdenkende, mit abweichenden Kulturen oder Rassenmerkmalen) zu Sündenböcken erklären und sich so zur Überzeugung versteigen können, ihre Vernichtung sei eine erlösende Handlung. Im Spiel sind immer interessengeleitete Projektionen und realitätsferne Vereinfachungen; sie lenken von den inneren, bisweilen destruktiven Problemen ab und täuschen eine friedfertige Einheit vor.

Bedarf es zur Aufdeckung dieser Fehlurteile einer Religion, gar der christlichen? Weltgeschichtlich gesehen hat die biblische Tradition zweifellos eine Vorreiterrolle übernommen, die Jesus von Nazareth unmissverständlich und widerspruchsfrei in die Tat umsetzte. Dieses Verdienst ist ihm nicht zu nehmen, und fraglos hat die Erinnerung an Jesus, dieses unschuldige und bewusst gewaltlose Opfer einer politisch gelenkten Justiz immer noch die Kraft, diesen Weg der Entlarvung voranzutreiben, weil er diesen Weg gegangen ist: „Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch noch die andere hin.“ (Mt 5,39)

Doch kann die aufklärende Funktion dieses Handelns auch an andere Institutionen übergehen. Ich denke an die westliche Philosophie, die heute eine vergleichbar entlarvende, kritische und selbstkritische Rolle übernommen hat. Wir denken an die Aufklärung und die spätmarxistische „Frankfurter Schule“; sie deckte die inneren Lügen auf, die zum Antisemitismus und Nationalsozialismus geführt haben. Auch ist an viele religionskritische Ansätze zu erinnern. Sie griffen die real existierenden Religionen gerade deshalb an, weil sie von ihren ursprünglichen jesuanischen Impulsen, etwa der jesuanischen Erinnerungen abgewichen ist. Deshalb bin ich persönlich davon überzeugt, dass das europäische Christentum seine ursprüngliche Kraft nur dann wiederfindet, wenn es religionskritische Philosophien als seine Schwestern akzeptiert. Der christliche Glaube verfügt über die letztversöhnende Kraft, die Girard ihr zuschreibt (und von ihr abfordert) nur dann, wenn sie sich nicht missbrauchen lässt und sich nicht gegenüber der Kritik an ihren politischen und ideologischen Verflechtungen verschließt.

Kurz zusammengefasst, wir sind auf viele zähmende Rollen angewiesen und das Christentum kann seine zähmende Kraft im Augenblick nur in Kooperation mit anderen kulturellen und politischen Kräften entwickeln. Die Frage bleibt aber unbeantwortet, warum es keiner Institution gelingen will, aus dieser Entlarvung wie Jesus lebenspraktische Konsequenzen zu ziehen, also die Gewaltketten der Menschheit wirksam zu durchbrechen. Konkreter gefragt: Warum wurde in unserer Geschichte ausgerechnet die christliche Religion so nachhaltig zur Quelle von Gewalt, Kriegen und menschenverachtender Zerstörung, wenn ausgerechnet sie das letzte apokalyptische Geheimnis der Bosheit entlarvt haben soll?

Antworten sind meistens komplexer als die dazu gehörigen Fragen. Im folgenden Abschnitt möchte ich auf einen Zusammenhang hinweisen, in dem ausgerechnet eine zentral kirchliche Institution nicht die Gewalt zähmt, sondern verhärtet und deren Überwindung nahezu unmöglich macht. Dies wird in der gegenwärtigen Situation des Werteverfalls und des Wertewandels besonders deutlich. Es geht um die kirchliche Glaubenslehre und um ihre Auffassung von Wahrheit.

 3.3 Das Problem der abstrakten Wahrheit

These 11:
Die christliche Glaubenslehre hat zu abstrakten „Wahrheiten“ geführt, die erneut Selbstgerechtigkeit und Gewalt, den Ausschluss der Unterlegenen legitimierten.

Warum wurde das Christentum in so vielen Situationen zur Quelle der Gewalt, nicht nur zu Gewalt missbraucht, sondern offensichtlich von seinen höchsten Repräsentanten zum Gewalteinsatz legitimiert? Seit etwa 50 Jahren hat man vielfältige Antworten auf diese Frage herausgearbeitet. Ich beschränke mich hier auf einige Hinweise, die kaum mehr bestritten werden. Spätestens seit der Konstantinischen Wende, also im Verlauf des 4. Jahrhunderts, wurde die Kirche erst staatlich geduldet, dann zur offiziellen Staatsreligion befördert und mit kaiserlichen Privilegien ausgestattet. Die Kirche wurde zur Partnerin der weltlichen Macht; noch heute zeugt der bischöfliche Purpur von dieser neuen Situation. Gewiss, diese Kirche handelte höchst erfolgreich und in guter Absicht, als sie sich mit dem machtvollen Imperium des Römischen Reichs verbündete, das sich von Vorderasien bis zur Iberischen Halbinsel, von germanischen bis zu nordafrikanischen Gebieten erstreckte. Alsbald trat diese Reichskirche als Erbin der Pax Romana, also als Garantin eines völkerübergreifenden Friedens auf und ermöglichte die wachsende innere Stabilität eines großen Kulturraums. Schön früh hatte sie für diese Aufgabe ihre mentalen Hausaufgaben gemacht. Sie verschwisterte die biblische Botschaft mit der griechischen Philosophie eines Aristoteles und vor allem eines Platon. So konnte sie sich bald als die Hüterin einer göttlich offenbarten, deshalb unveränderlichen, einer über alles thronenden Wahrheit verstehen. Später kam nur noch das Recht als der Genius Roms hinzu.

Dieser philosophische Rückhalt verlieh vor allem dem westlichen Christentum eine enorme Kraft und Selbstbehauptung, machte es aber in der Moderne und Spätmoderne zu einem angreifbaren, im Diskurs immer schwächeren Gesprächspartner. Denn gemäß diesem philosophisch-metaphysischen Denkansatz hatte es – schrittweise, aber in erfolgreicher Konsequenz ‑ seine Wahrheit in abstrakte Aussagen, letztgültige Denksysteme und Definition eingefügt. Noch heute fällt es vielen von uns schwer, drei Begrenzungen und Schwächen dieses traditionellen christlichen Wahrheitssystems zu akzeptieren.

Grund 1: Die griechische Metaphysik ist, wie wir heute wissen, nur eines unter möglichen anderen Wahrheitssystemen. Es ist weder dafür geschaffen noch dazu fähig, eine empirische Welterfassung sachgemäß, d.h. ohne Verfremdungen in sich aufzunehmen und zu garantieren. Ein latenter Objektivismus blendet alles aus, was sich verändert, von der Subjektivität des Menschen mitbestimmt ist und sich nicht auf Wesenskerne zurückführen lässt.

Grund 2: Letztlich können wir philosophische und religiöse Wahrheiten im strengen Sinn des Wortes nicht definieren. Insbesondere darf eine religiöse Gemeinschaft die Tatsache nicht ignorieren, dass diese Letzte Wahrheit (nennen wir sie „Gott“, „letzter Sinn“ oder „letzte Instanz“) immer ein unergründliches, nur in Erzählungen verschlüsselbares oder in Symbolen benennbares Geheimnis ist und bleiben muss. Genau diesen Anspruch haben die kirchliche Lehre und die von ihr gelenkte Theologie immer vermittelt. Man werfe nur einen Blick in einen der gängigen Katechismen. Der offizielle Katholizismus der katholische Kirche (1993) hat unter dem Regime von Kardinal Ratzinger die „Wahrheit“ des Glaubens auf insgesamt 816 Seiten in 2865 Nummern durchdefiniert. Ein solches Unternehmen führt sich von selbst ad absurdum.

Grund 3: Als seit dem 19. Jahrhundert geschichtliche, psychologische und empirische Zusammenhänge in Wissenschaft und Alltag immer wichtiger wurden, zeigte sich schließlich, wie rigide und unbelehrbar dieses Wahrheitssystem sein kann. ist. Schon im Mittelalter hat dieses kirchliche Wahrheitssystem mit seiner Besserwisserei und Ketzerriecherei unendlich viel Gewalt in die Welt gebracht. Noch heute wirkt es in fundamentalistischen Strömungen innerhalb und außerhalb des Katholizismus in massiver Weise nach.

Grund 4: Hinzu kommt – in Korrespondenz mit dem griechischen Wahrheitssystem – ein ebenso rigides System der Heilsvermittlung. Es erweckte den Eindruck, kraft objektiv wirksamer sakramentaler Mechanismen könne es dem Menschen den Zugang zum Heil („Himmel“ genannt) verschaffen. Taufe, Eucharistie, Sündenvergebung begründen jetzt ein System, das in erschreckender Selbstverblendung, aber mit juridischer Effizienz von sich sagen kann: „Außerhalb der Kirche kein Heil“.

In dieser Koppelung von (unabänderlicher) Wahrheit und einem harten Rechtssystem zeigt sich erneut die Dialektik, die René Girard immer wieder analysiert. Es zeigt die Kombination von extrem effizienter Konfliktbeherrschung und enormen Gewaltableitungen. Wir haben es mit einem Energiesystem zu tun, das seine Blitzableiter braucht. Dieses Überlegenheitssystem kommt ohne den Ausschluss und die Vernichtung des Anderen nicht aus. Namentlich sind die Opfer, die dieses System produzierte (die Häretikerinnen und Häretiker, die Andersgläubigen innerhalb und außerhalb des Christentums, die „Heiden“), nur zu einem geringen Teil bekannt. Sie verschwinden wie bei den archaischen Mythen aus dem Blick.

Wie lässt sich der unbewusste, unentdeckte, umso tödlicher wirkende Fehler in diesem System so benennen, dass wir nicht immer wieder auf Girards Theorie zurückgreifen müssen? Ich will es allgemeinverständlicher formulieren: Ihm fehlt der empathische Blick auf die Grenzen des eigenen, oft interessegeleiteten Handelns und ihm fehlt der empathische Blick auf die geschändeten Rechte der Opfer. Die letzte Wahrheit einer jeden Religion, auch einer jeden nichtreligiösen Weltanschauung liegt – höchst säkular ‑ in ihrer humanen Potenz. Sie muss, wenn sie vor dem Weltgewissen bestehen soll, die Fähigkeit besitzen, den Ausschluss und die Vernichtung derer eindämmen, die nicht ins System passen, wie eben auch Jesus nicht ins System gepasst hat und deshalb von Gott und den Menschen verlassen wurde.

Ein Christ hat sich also nicht von der Wut über diejenigen (Juden oder Römer) steuern zu lassen, die Jesus damals eliminierten, um sie heute noch als Übeltäter zu brandmarken, sondern von der Zumutung, die von Jesus selbst ausging und zu seiner Vernichtung führte. Gemeint ist seine Weigerung, die Demütigung anderer Menschen, deren Marginalisierung und die Gewalt gegenüber ihnen zu akzeptieren, auch wenn sie religiös motiviert wird. In die gängige christlich-theologische Sprachwelt übersetzt: Die letzte Wahrheitsaussage Jesu lautete nicht: „Ich bin Gottes Sohn, und wer an mich nicht glaubt, ist verdammt.“ Seine letzte Wahrheit lautete: „Was ihr dem Geringsten[!] meiner Geschwister getan habt, hab ihr mir getan“ (Mt 25,40), oder: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2,27), oder: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34). Als er erklärte, das Reich Gottes könne hier und jetzt beginnen, meinte er keinen verfügbaren Tatbestand im Sinne des Thomas von Aquin, sondern eine Praxis der vorbehaltlosen Solidarität mit Unterlegenen. Der christliche Kulturkreis muss sein selbstgerecht dogmatisches Wahrheitsverständnis endlich überwinden und es ist höchste Zeit, dass das Christentum diese Verfälschung seines eigenen Erbes endlich zur Kenntnis nimmt.

Ein Anfang dieser Kursänderung (von vielen Theologen und Philosophen, insbesondere von Religionskritikern schon lange gefordert) ist bei Papst Franziskus zu spüren, auch wenn er (noch) nicht alle Konsequenzen zieht. Die Wahrheit von Mensch und Welt ist nicht in Sätzen, sondern in Lebenserfahrungen aufgehoben. Wir können sie allenfalls in Erzählungen und Symbolen zum Ausdruck bringen. Deshalb kommt wohl kein Glaubenszeugnis der Wahrheit Jesu so nahe wie die synoptischen Evangelien, die eben das Leben eines Menschen in hoher Unmittelbarkeit erzählen, also eine geschichtliche Erinnerung zur Sprache bringen. Diese Wahrheit (die Wahrheit des bewusst gewaltlosen und vergebungsbereiten Opfers gewalttätiger Verhältnisse) kann prinzipiell auch in anderen Religionen und Weltanschauungen gefunden werden. Es hat deshalb seine guten Gründe, wenn die bisherigen Forschungen zum Weltethos (s.o) einen einhelligen gemeinsamen Kern aller Weltreligionen erbrachte. Es ist zu finden in der Goldenen Regel mit ihren Auswirkungen in den modernen Forderungen nach Humanität, konkret im Verbot, (1) Mitmenschen das Leben zu rauben, (2) ihnen gemeinsame Lebensgrundlagen zu entziehen, (3) sie in ihrer Lebensorientierung zu täuschen und (4) ihnen eine grundlegende Gleichberechtigung abzuerkennen, die sich bis in die engste Gemeinschaftsbildung (Ehe, Familie, Schicksalsgemeinschaften, Staat) auswirkt. An diesen Regeln bemisst sich die ganze Wahrheit. „Denn alle Gesetze werden in einem Wort erfüllt, in dem: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘“ (Gal 5,14), denn darin „hängt das ganze Gesetz und die Propheten“. (Mt 22,14)

 

3.4. Was bedeuten Wertewandel und Werteverlust?

These 12:
Die letzte Wertekonkurrenz ergibt sich aus der Frage: Wer lebt Solidarität und Nächstenliebe am konsequentesten?

Was passiert nun beim gegenwärtigen Wertewandel und Werteverlust? Im Rahmen globaler Zeitdiagnosen werden diese beiden Worte gerne und oft verwendet. Ich persönlich rate zur Vorsicht. Jedenfalls sehe ich keinen Verlust in der bewussten Anerkennung der hier oben genannten Grundwerte. Wohl aber erkenne ich eine oft erschreckende Blindheit im Versuch, diese Werte anzuwenden, konsequent in die Praxis des eigenen Lebens umzusetzen. Es fehlt nicht an persönlichen ethischen Überzeugungen, sondern am gemeinsamen Bewusstsein ihrer Geltung. Unsere Öffentlichkeit ist einer grandiosen Maschinerie der Ablenkung und einem überschnellen Lebensrhythmus ausgesetzt, der keine Zeit mehr dazu lässt, zu sich zu kommen. Burnout ist eine Leitdiagnose unserer Tage.

An diesem Punkt hinterlässt die Religion früherer Generationen eine schmerzliche Lücke, nachdem sie an öffentlichem Ansehen weitgehend verloren hat. Sie bot einen Rahmen, in dem sich Werte und Normen besprechen und einüben ließen. Lange machte sie es auch möglich, den schleichenden Wandel von Werten so zu besprechen und zu steuern, dass er uns nicht überforderte oder orientierungslos zurückließ. Es gibt also keinen Werteverlust, sondern einen Verlust ihrer öffentlichen, gemeinschaftlich bindenden Akzeptanz und damit eine intensive Diskussion um deren konkrete Geltung in Erziehung und Ausbildung, in der Wirtschaft oder der Politik.

In diese Lücke stößt die unerwartete Gegenwart des Islam. Bei vielen Mitbürgern schafft er diffuse Ängste. Zwar können uns Soziologie und Psychologie über die Gründe dieser Ängste und über deren Überwindung aufklären. Sie können aber nicht über den entscheidenden Grund dieser Verunsicherung hinwegtäuschen; wir Christen sind uns unserer eigenen Grundlagen nicht mehr sicher.

Uns, den Verunsicherten, rücken jetzt unterschiedliche Wertewelten auf die Haut und lassen die Frage aufkommen: Können wir unter diesen Umständen überhaupt zu einem gemeinsamen gemeinverträglichen Lebensstil finden? Krasse Unterschiede sind nicht zu leugnen, etwa in der Rolle der Frau, in der Sexualmoral, in der prinzipiellen Beurteilung von Gewalt, im Umgang mit einer Kultur, die die Trennung von Staat und Kirche vollzogen hat. Zugleich können wir nicht den gemeinsamen biblischen Ursprung dieser Religionen erkennen. Zwei monotheistische Religionen stehen einander gegenüber. Beide berufen sich auf Adam und Noach als ihre Stammväter, auf Abraham als den gemeinsamen Vater ihres Glaubens, auf eine Religion der Barmherzigkeit. So unversöhnlich können die beiden Religionen also einander nicht gegenüberstehen. Zur Distanzerkundung schlage ich zwei parallele Wege vor.

  • Der konkret interreligiöse Weg sucht die gegenseitige Begegnung. Ich meine Gespräche, die von Wertschätzung bestimmt sind. Sie beginnen nicht mit den vermuteten Lücken des Andern, sondern mit den vermuteten Gemeinsamkeiten, denselben Fragen an Gott und seine Schöpfung, mit denselben Problemen aktueller Lebensführung, auch mit der hochaktuellen Frage, was denn eigentlich Barmherzigkeit in unserer gemeinsamen Lebenswelt bedeutet.
  • Der abstrakt interkulturelle Weg nimmt die Konkurrenzerfahrungen mit unseren Werten direkt aufs Korn. Dieser Weg verlangt höchstes Engagement und zugleich klarste Selbstdistanz, denn anders als festgeschriebene Normen sind Werte keine objektiven Größen. Zwar gründen sie immer in vitalen Grundbedürfnissen, auf die wir im Grunde nicht verzichten können. Zugleich erscheinen sie immer als Güter und Ideale, für die wir uns – instinktiv oder bewusst – in unserer Lebensgestaltung entschieden haben.

Oft werden diese Grundwerte von ihren kontextuellen (kulturellen, sozialen oder religiösen) Einkleidungen übertönt. Diese unterschiedlichen Codes, Lebensregeln und Geschichten sind immer präsent. Die Werte sind also immer konkret ausgestaltet, in bestimmte Sinnhorizonte eingebettet, bestimmt von einer vergehenden Beduinen-, Bauern- oder Händlerkultur, interpretiert von der mühseligen Existenz anatolischer Kurden oder von der fortschrittsgläubigen und wissenschafts-gesättigten Kultur von Silicon Valley. All diese Differenzen zusammen ergeben im konkreten Leben ein buntes Gemisch von unterschiedlichen Werteerfahrungen, deren innere Gemeinsamkeiten erst allmählich zu erkennen sind. Der Weg zur Gemeinsamkeit kostet immer Mühe.

Eine weitere Unterscheidung in der Wahrnehmung der Werte wird oft ignoriert. Ich kann sie nur primär als Pflichten gegenüber anderen oder primär als meine eigenen Rechte wahrnehmen. Religionen sprechen meistens von meinen Pflichten und Verpflichtungen. Das moderne demokratische Rechtsbewusstsein hat den Aspekt der Anspruchsrechte stark herausgearbeitet. Die Goldene Regel setzt die Ansprüche („Selbstliebe“ genannt) mit den Pflichten („Nächstenliebe“) so unmittelbar in Beziehung, dass der eigene Rechtsstandpunkt nicht mehr zur Gewalt gegenüber Anderen führen kann, der leicht zum Sündenbock für mein vermisstes Recht werden kann. In keiner Weltreligion (auch nicht im Islam) ist diese Gewaltableitung statthaft. Offen bleibt nur die Frage, ob dieser Zusammenhang immer erkannt wird und offen bleibt die Frage, wie ich mit diesen verschiedenen Werteauffassungen und Wertepraktiken umgehe.

Schon in der Aufklärung kam man diesem Problem auf die Spur und in einer spätmodernen Epoche lässt es sich nicht verdrängen. Es gibt, wie ich zeigte, auf der Ebene kultureller Codierungen nicht nur zufällig und nicht nur im ungünstigen Fall, sondern aus innerer Notwendigkeit einen Wertepluralismus. Noch immer ergeben sich daraus kritische Rückfragen an gängige muslimische, aber auch christliche Überzeugungen. Wie wird die Würde des Menschen im Alltag konkretisiert? Entspricht die Würde der Frau noch den Standards einer modernen, hochdifferenzierten Industiergesellschaft? Rückfragen sind zu stellen an die gängige Meinung auch von Christinnen und Christen: Gibt es wirklich einen unabänderlichen Kanon objektiver Werte und wann wird dieser Kanon mit bestimmten kulturellen Kodierungen verwechselt? Die Kirchenleitungen sind noch kritischer als früher zu fragen: Kann Homosexualität vom Bösen und kann Geburtenregelung moralisch wirklich verwerflich sein? Ist eine Ehe wirklich im Sinne katholische Gesetzgebung unauflöslich? Wer von solchen Voraussetzungen ausgeht, tritt prompt in die Falle der mimetischen Rivalität. Sein eigener Enthusiasmus und der Kosmos seiner eigenen Ideale treiben ihn dazu an, in diesen Spezialitäten das Spezifische seines eigenen Glaubens zu sehen.

So sehe ich in der erhitzten Wertekonkurrenz zwischen Christen, Muslimen und modernen Agnostikern einen Aufruf zur Selbstbesinnung. Angesichts der aktuellen weltpolitischen Situation müssen wir diese absurde Wertekonkurrenz endlich nicht nach spezifisch religiösen, sondern nach humanen Maßstäben auflösen. Lessing hat sie in Nathan der Weise klassisch formuliert: Es geht um den edlen Wettstreit gelebter Humanität und Nächstenliebe. Angesichts der immer lauernden Abgründe einer vergiftenden Sündenbockmentalität würde ich heute sagen: Es geht um den kontinuierlichen empathischen Blick auf diejenigen, die in unserer Gesellschaft – wie auch immer – zu den Leidtragenden und Marginalisierten geworden sind. Dieser Blick zeigt uns, wie wir mit der ständigen Werte- und Wahrheitskonkurrenz ohne neue Gewaltschöpfung umzugehen haben.

IV. Terror und Gewalt – apokalyptische Phänomene?

These 13:
Terror und Gewalt sind immer die Folge von komplexen Gewaltgeschichten. Ihre nachhaltige Zähmung erfordert die Mitarbeit der Gewaltadressaten.

4.1. Terror, eine vernichtungswillige Form der Gewalt, die Schrecken verbreiten will

Der Umgang mit unseren Wertekonkurrenzen zeigt uns auch eine Dimension, die wir beim Umgang mit dem Terrorismus, diesem Krebsgeschwür der Gegenwart, nicht vergessen sollten. Auch in Gestalt des Terrorismus ist die Gewalt ein hochkomplexes Problem, und ich kann hier nicht als Politiker sprechen. Wie schon gesagt, gibt es keinerlei Grund, an der Legitimität unserer rechtsstaatlichen Ordnung rütteln zu lassen; als Legitimation und Kontrolleurin der Notwehr ist sie wichtiger denn je. Kein Staat darf sich sein Gewaltmonopol entwinden lassen, auch wenn es immer demokratisch zu überwachen ist. Der Terrorismus ist eine ganz schreckliche, ausgesprochen vernichtungswillige, destruktive und selbstdestruktive Form von Gewalt. Er wird vom zusätzlichen Ziel geleitet, Schrecken zu verbreiten. In ihm hat sich – Folterpraktiken vergleichbar – Gewalt verselbständigt und kann sich bis zum ekstatischen Rausch verselbständigen. Dann bestätigt er sich selbst und kann zu einem suchthaften Handlungszwang führen. Terroristische Gewalt ist, wenn sie sich einmal etabliert hat, keinen rationalen Argumenten mehr zugänglich. Auf der Ebene des Lebensschutzes hilft nur noch Gegengewalt, auf der Ebene der Gerechtigkeit nur noch massive Bestrafung, auf der Ebene der existentiellen Orientierung nur noch Aufklärung.

4.2 Gewalt und Gegengewalt bilden Spiralen

Allerdings beginnt damit ein Problem. Ebenso wenig wie bei sublimer oder brachial entfesselter Gewalt reicht es, den drohenden Terrorismus mit wachsend harter Gegen-Gewalt in Schach zu halten, die Täter angemessen zu bestrafen und intensiv über dessen Unrechtsanteile aufzuklären. Zum andern unterliegt auch eine jegliche staatlich legitimierte Gegenwalt den Gesetzen der rivalisierenden Nachahmung. Wir können uns an hartes polizeiliches oder hartes militärisches Durchgreifen gewöhnen, uns dafür begeistern, sodass sie sich verselbständigt. Die USA liefern uns dafür eindrückliche Beispiele. Nicht nur die Geschichte des deutschen Nationalsozialismus, sondern auch die Geschichte der wichtigen Kriege nach 1945, von Korea über Vietnam bis hin zu den späteren Kriegen im Nahen Osten illustrieren das eindrücklich, um von Guantanamo und Abu Ghraib gar nicht zu reden. Wir alle drehen – bewusst oder unbewusst – immer wieder mit am Rad des gegenseitigen Ausschlusses, des Siegenwollens und der Rache. Gewalt und Terrorismus entstehen nicht nur aus den unmittelbaren Gefühlen der Rivalität und aus dem Willen zur Dominanz, sondern auch aus den unangemessen gewaltsamen Reaktionen auf diese elementaren Reaktionen.

Zum andern reichen die Wurzeln von Gewalt und Terrorismus immer in tiefere Schichten, als staatliche Gegengewalt je erreichen kann. Die Gewalt der Völker und die Gewalt zwischen den Völkern werden in Gang gehalten durch die Geschichten der Gewalt und Vernichtung, die in allen Kulturen und Religionen zu finden sind. Sie drehen sich wie Mühlräder, die endlos von Wasserbächen getrieben werden. Wer den aktuellen Terrorismus verstehen will, der vom Nahen Osten ausgeht, darf besonders die langen, sublimen und offenen Gewaltgeschichten „christlicher“ Mächte nicht vergessen. Ausgerechnet René Girard, der geradezu eintönig immer wieder auf die archaische, immer unaufrichtige mimetische Rivalität der Gemeinschaften zurückkommt, zieht seine Einsichten nicht zu einer einschichtigen Erklärung mit dem Hinweis heran, die Menschen folgten eben immer ihrer unausrottbaren Rivalitätsstruktur. Dieser archaische Gewaltimpuls gewinnt nur immer in konkret benennbaren Ereignissen seine konkrete Gestalt und Legitimation.

4.3 Faktoren der Gewalt: Rivalität – Rechthaberei – Ideologie – Rache

Vor wenigen Jahren erklärte Girard: „Terrorismus ist das Entfesseln einer lange unterdrückten Grausamkeit, unterdrückt nicht durch Christlichkeit, sondern durch die schlimmere Grausamkeit nominell christlicher Mächte. Der Terrorismus ist nur möglich, wenn die potenziellen Täter Gelegenheit haben, sich zu opfern, um andere zu töten.“ Girard gibt also eine differenzierte Antwort. Grausamkeit, so seine These, ist zwar überall dort, wo Menschen zusammenleben. Es ist nicht einfach die (1) elementare Grausamkeit des Rechthaben-Wollens und des Herrschen-Wollens, sondern auch die (2) Arroganz derer, die meinen, sie hätten auf ihrer Seite – gar unter Berufung auf eine göttliche Offenbarung – das Recht, die Lösung aller Rätsel, die einzig wahre Moral. Es ist die (3) Selbstgerechtigkeit ideologischer Rechtfertigungen, die uns klar machen wollen, sie böten die einzig überzeugende Weltinterpretation. Es ist schließlich die so genährte Überzeugung, alle Rache sei gerechtfertigt, vielleicht sogar notwendig. Diese Position übersieht ja, dass Rache immer nur Gegenrache hervorruft und so die gegenseitige Selbstzerstörung endlos potenziert. Deshalb erreicht sie immer das Gegenteil dessen, was sie zu wollen vorgibt.

So gibt es zum Beispiel am grassierenden Terrorismus des Präsidenten Baschar Al-Assad, an der weltweiten Zerstörungswut der Al-Qaida, an den destruktiven Zielen der Taliban, der Boko Haram oder am Terrorismus des IS-Regimes nichts zu entschuldigen. Ihnen ist in aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Wenn jedoch der „christliche“ Westen wirklich befriedend wirken und Gewaltzirkel deeskalieren, wenn nicht gar aufheben will, dann darf er eines nicht vergessen: Ins kollektive Bewusstsein des vorderasiatischen Islam haben sich nicht nur die Kreuzzüge eingeprägt, sondern spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch die unerträgliche Arroganz und Grausamkeit, denen die arabischen Kulturen begegneten. Wir im Westen produzierten das Bild vom zurückgebliebenen, ethisch unterlegenen, wenn nicht gar minderwertigen Islam und erklärten, er sei einer primitiven Beduinenmentalität verhaftet geblieben.

Jetzt erhalten wir diese Diskriminierungen spiegelbildlich zurück. Und siehe da, umgekehrt bestätigt diese aktuelle Rache durch terroristische Gruppen nur unser altes egozentrisches Islambild. Auch von der arabischen Gegenseite aus sind diese Zusammenhänge mimetisch, also in das Gesetz der Nachahmung eingebunden. Wer sich gegenüber einem anderen Volk in ethisch minderwertiger Weise verhält, wird zur Selbstrechtfertigung behaupten, dieses Volk sei minderwertig (was auch gegenüber dem jüdischen Volk der Fall war) und die Betroffenen werden ihre eigene Minderwertigkeit bestätigen. Wer das Verhältnis zu den betroffenen arabischen Staaten und zu deren Bevölkerung langfristig wieder ordnen will, muss diese Kreisläufe der Nachahmung kennen, um sie zu durchbrechen. Im anderen Fall und unter den Bedingungen der verfügbaren Kriegstechnik wird dieses tödliche Verhältnis irgendwann apokalyptisch enden. Terrorismus ist die moderne Realisierung apokalyptischer Phantasien.

Hat das Christentum auf diese Herausforderung eine spezifische Antwort? Ich antworte vorsichtig: Wenn es denn eine christlich politische Antwort gibt, dann lautet sie: Empathie für die Unterlegenen, Verständnis auch für ihre mentale Situation mit deren langer Vorgeschichte. Dabei reicht es nicht, den aktuell Unterlegenen materiell oder politisch einfach zu helfen. Wir müssen ihnen auch zugestehen, dass sie lange genug unsere Sündenböcke und Opfer waren. Ich denke nicht nur an die „christlich“-militärische Gewaltgeschichte, sondern auch an die unausgegorenen, im Grunde unwissenden Bilder vom Islam und der arabischen Kultur, die immer auch von religiöser Rivalität geprägt sind und sich schon in den kleinsten Reaktionen zeigen können.

Wie steht es mit unseren Fremd- und Selbstdarstellungen? Ist der Islam wirklich eine potentiell gewalttätige Religion, während wir Christen einer Religion der Barmherzigkeit folgen? Warum behaupten Muslime genau dasselbe, nur in umgekehrter Zuweisung? Die Antwort ist einfach: Beide Möglichkeiten stecken in beiden Religionen und beide sind tagtäglich reformbedürftig. Ein Christ, der sich der Kreuzzüge mit ihren Grausamkeiten bewusst ist, der sich mit dem christlich inquisitorischen Glaubensfanatismus und seinen Scheiterhaufen in Mittelalter und beginnender Neuzeit beschäftigt hat, der etwas vom Dreißigjährigen Krieg (1818-1848) mit seiner grausamen Selbstzerfleischung weiß oder die beiden Weltkriege nicht vergessen hat, wird sich gegenüber dem Islam kaum mehr überlegen fühlen. Wie sich doch die Geschichten gleichen! Wer weiß noch, dass von Südfrankreich aus im Frühsommer 1212 Zehntausende von Jugendlichen aufbrachen, um im Heiligen Land für Christus zu kämpfen? Wieso wundern wir uns darüber, dass heute junge Menschen nach Syrien aufbrechen, um für den IS-Staat zu kämpfen? Und wer den Kriegsaufruf des Bernhard von Clairvaux aus dem Jahre 1147 mit der Versicherung kennt, wer für Christus sterbe, brauche sich um sein Seelenheil nicht zu fürchten, der macht sich über die Heilshoffnung der Selbstmordattentäter nicht mehr lustig.

4.4 Lernbereiter Widerstand

Müssen Christen also in schuldbewusster Demut angesichts der gegenwärtigen Ereignisse schweigen, weil wir in früheren Jahrhunderten nicht besser waren? Darf uns ein schlechtes Gewissen eine jede kritische Reaktion verbieten? Nein, das gerade nicht. Wir können aber Dschihadisten und Salafisten, den Alawiten und den fanatischen Anhängern des neuen islamischen Kalifats aus eigener Erfahrung erklären, dass und warum ihre Methode die ganze Welt ins Verderben führen muss und mit der großen Intention des Islam auch gar nichts zu tun hat. Wir sollten das aus eigener Erfahrung tun, also ohne alle Überheblichkeit, im Wissen um die eigenen Verfehlungen und in der Bereitschaft zur verstehenden Begleitung. Die tiefgreifenden inneren Traumatisierungen und Beschämungen, denen dieser Terrorismus entspringt, sind nicht einfach von Militärs, Politikern, Juristen oder Soziologen zu lösen. Ich bin davon überzeugt, dass engagierte Christinnen und Christen ihren Teil dazu beitragen müssen. Wir brauchen in jedem Fall einen intensiven interreligiösen Dialog, der auf der Ebene der Gemeinden beginnt und angesichts unserer Geschichte eine jede überhebliche Belehrung ausschließt.

Schluss: Wie Gewalt überwinden?

These 14:
Die Durchbrechung von Gewaltketten ist immer neu zu leisten. Notwendig sind offensiver Gewaltpräventionen und die Fähigkeit zum Gewaltverzicht.

 Zur Zeit läuft ein Prozess gegen Oskar Gröning, geständig, einer der vielen Handlanger in der Todesmaschine Auschwitz. Er hatte die Aufgabe, den Ankömmlingen und zugleich Todgeweihten ihre letzte Habe abzunehmen und zu versorgen. Vor einigen Tagen passierte etwas Unerwartetes: Eine hochbetagte Dame, die in den USA lebende Eva Mozes Kor, Jüdin, Überlebende von Auschwitz, nahm mit ihm Kontakt auf, bot ihm Versöhnung an, besuchte und umarmte ihn. In der deutschen Öffentlichkeit erntete sie dafür ebenso wie von vielen Juden massive Kritik. Wie ist ihr Handeln zu verstehen?

 5.1 Ein Rest von nicht abgegoltener Gewalt bleibt übrig

Erinnern wir uns an das Attentat auf Charlie Hebdo vom 7. Januar 2015 in Paris. Die westeuropäische Öffentlichkeit reagiert geschockt; sie wird aus dem realitätsfernen Traum wachgerüttelt, die Welle des IS-Terrorismus lasse sich auf den Vorderen Orient beschränken. Doch das aktuelle Weltgeschehen ist nicht auf eine harmonische Zukunftsentwicklung hin programmiert. Das hat auch ein naiver Wirtschaftsliberalismus zu lernen, der auf einen anonymen Wettbewerbsmechanismus vertraut, dessen Abgründe verdrängt und deshalb konsequent den Vorrang einer human orientierten Politik zurückdrängt, die zähmend eingreift könnte. Doch würde es auch nicht reichen, sich – in der Wirtschaft wie in der Politik wie in den aktuellen Gewaltexplosionen „islamistischer“ Kräfte ‑ von Fall zu Fall auf ein aktuelles Krisenmanagement zu beschränken. Wir sollen nicht hoffen, nach der Glättung aktueller Dellen könnten wir wieder zur Tagesordnung übergehen.

Nein, wir müssen die Grundstrukturen begreifen, die immer wieder zu solchen Krisen führen können und müssen. In einer jeden vitalen, sich entwickelnden Kultur- und Weltgemeinschaft wirken verborgene Abgründe der Gewalt mit. Wenn wir nicht auf sie achten und uns ihnen ohne Selbstbetrug stellen, werden sie immer verheerendere Wirkungen erzielen. Dieses Problem ist erschreckender denn je, weil die technischen Mittel der Weltzerstörung effektiver und raffinierter denn je geworden sind. Wir verfügen über Atomwaffen, Abstandswaffen, biologische Waffen, vielfältige chemische Waffenarsenale, „intelligente“ Waffen. Die moderne Informationstechnologie kann einen jeden von uns perfekt kontrollieren und Großinstitutionen großräumig unter destruktive soziale Zwänge setzen. Wie können wir diese Abgründe kontrollieren oder gar beheben?

Hier und jetzt sollen wir uns selbstkritisch und in rückhaltloser Wahrheitsliebe gegen alle Sündenbockmechanismen wappnen und versuchen, die aktuelle, historisch gestützte Gewaltmaschinerie zu entlarven. Weder die Islamisten noch irgendwelche Terroristen sind die Sündenböcke, die unseren Anteil an den weltweiten Gewaltprozessen auslöschen können. Wir müssen endlich lernen, vor uns selbst auf der Hut zu sein. Dies ist umso dringender, wenn wir uns z.B. der bleibenden Faszination des IS-Staates und der konstanten apokalyptischen Weltbedrohung bewusst bleiben. Langfristig zahlt es sich eben nicht aus, den eigenen Beitrag zur globalen Welt- und Zerstörungsgeschichte zu verdrängen. Angesichts des Geschicks Jesu müsste das Christinnen und Christen vielleicht noch unvermittelter vor Augen stehen als den Angehörigen anderer Religionen.

Es hat auch keinen Sinn, sich nach dem nächsten internationalen Friedensabkommen wieder einmal der Illusion hinzugeben, jetzt könne mit viel gutem Willen eine innere Befriedung der Welt gelingen. Wir werden Gewalt aus unseren Kulturen und Körpern nie einfach ausrotten können. Offensive Gewaltprävention, eine intensive Gesprächs- und Ehrlichkeitskultur, ein humanes Rechtssystem und eine gewalteindämmende Politik werden nie überflüssig, aber auch nie zu Institutionen, die problemlos Gewaltfreiheit garantieren.

Der langfristig wichtigste Aspekt ist aber, dass bei allen Prozessen, die Gewalt überwinden, immer ein Rest von nicht abgegoltener Gewalt übrig bleibt. Angemessene Bestrafungen oder gar Racheakte können geschehenes Unrecht nie wieder ins Gleichgewicht bringen. Deshalb sehen sich Menschen oder Gemeinschaften in katastrophischen Schlüsselsituationen immer wieder mit einer zentralen Frage konfrontiert: Sind sie bereit, Gewaltketten zu unterbrechen, indem sie auf Gegengewalt verzichten oder zu dem para-rationalen Akt der Vergebung bereit sind? Genau dies hat Eva Mozes Kor getan. In einem Kommentar zu ihrem Handeln erklärte sie, Menschen könnten – so jedenfalls ihre Erfahrung – innerlich nur geheilt werden, wenn sie ihren Übeltätern vergeben. Deshalb will sie sich auch nicht als Opfer charakterisieren lassen. Wer sich ohne kreative Gegenaktion einfach in die Rolle des Opfers fügt, bestätigt damit einen Prozess der Entmenschlichung. Ist Frau Kor mit diesem Handeln, das so viele provozierte, einen guten Schritt gegangen? Ich persönlich möchte diese Frage aus Gründen der Menschlichkeit bejahen, obwohl mich zunächst religiöse Überlegungen dazu brachten.

 5.2 Religion in säkulare Perspektiven einordnen

These 15:
Gewaltverzicht und Vergebung sind auch außerhalb der Religionen möglich. Religionen präsentieren Weltmodelle, die Gewaltverzicht und Vergebung legitimieren.

Ich behaupte nicht, zu dieser menschenversöhnenden Leitung bedürfe es einer Religion oder religiösen Grundhaltung. Wir kennen aus der jüngsten Geschichte unseres Volkes genügend Fälle, in denen säkular denkende Menschen auf Grund ihres humanen und solidarischen Menschenbildes zum freiwilligen Gewaltverzicht, wenn nicht gar zu Vergebung und Versöhnung bereit waren und diese vollzogen haben. Denn es kommt darauf an, einen globalen Sinnhorizont, sei er religiös oder a-religiös ausformuliert, nicht als Glaubens-, sondern als Handlungsraum zu begreifen.

Genau deshalb können die Weltreligionen in diesem Prozess der Vergebung und Versöhnung eine wichtige Rolle spielen, denn letztlich stellen sie keine spezifischen Menschen- und Weltinterpretationen, sondern Handlungsanweisungen zur Verfügung. In ihnen erscheint der Verzicht auf Gegengewalt ebenso sinnvoll und heilbringend, wie sie Vergebung und Versöhnung ermöglichen. Denn Weltreligionen nehmen Einzelne und Gemeinschaften in eine umfassende Wirklichkeitskonzeption auf, die alle umgreift und den Weltfrieden zum höchsten und unübertrefflichen Wert werden lässt.

Die biblische Tradition hat den Gesichtspunkt der Gewaltüberwindung mit höchster Ausdrücklichkeit in eine weltliche Handlungsebene verlagert. Es ist die konkrete Nachfolge (mimesis) des zu Unrecht getöteten Jesus von Nazareth, der in seinem Schicksal gewaltfrei reagierte und dadurch – so jedenfalls eine christliche Grunderfahrung – vom tödlichen Rache- und Vergeltungszwang befreite. Das Handeln der Christen ist durch ihr Bekenntnis zu Jesus von Nazareth unter ein Maß eines Handelns gestellt, dessen weltpolitische Bedeutung wir gar nicht überschätzen können. Prinzipiell – das muss noch einmal betont werden – geht es nicht um die theoretische Perspektive einer Glaubenslehre, sondern um die konkrete Perspektive einer global orientierten Welt- und Lebenspraxis, nicht einer hochgestimmten Ethik, sondern eines realistischen Ethos. In diesem praktisch vollzogenen Akt geht es um das eigene Leben und letztlich um den eigenen Tod. Sie werden in unserem Kulturraum säkular begriffen und besprochen. Deshalb gibt es zwischen christlichem Handeln und säkularem Leben keinen Widerspruch.

 

5.3 Kritik, die das eigene Versagen voraussetzt und benennt

These 16:
Die Aufrechnung von Schuld ist das lebensbedrohlichste Geschäft, zu dem Menschen fähig sind. Religionen haben diese ihre Erkenntnis in eine säkulare Sprache zu übersetzen.

Menschheitsgeschichte und menschliche Gemeinschaft sind ohne Gewalt (Rivalität und Nachahmung) nicht denkbar. Deshalb ist die lebenspraktische Einsicht in die psycho-politischen Zusammenhänge unserer Rivalität notwendiger denn je. Nur wenn wir die unbewussten Sündenbockmechanismen entlarven, haben wir die Chance, unsere aktuelle Gegenwart vor dem Abgrund ihrer Selbstzerstörung zu bewahren. Konkret heißt das: Nur wer im Gesamtzusammenhang der Gemeinschaft oder der Gemeinschaften, in denen er lebt, seine/ihre eigene Rolle erkennt, kann in diesem Wirkungsfeld Gewaltketten unterbrechen und anderen bei der Unterbrechung ihrer Gewaltzusammenhänge hilfreich sein. Religionen an sich können weder Rivalitäten und deren Folgen abschaffen noch unmittelbar in die Weltpolitik eingreifen. Doch sie können ein Weltgespräch in Gang bringen, in dem die Völker einander von ihren tiefsten Verletzungen berichten und ihr Handeln immer neu miteinander versöhnen. Heute ist es die primäre, hochpolitische Aufgabe von religiös engagierten Menschen, diese ihre Erkenntnis in säkulare Sprachen zu übersetzen, um ihre Mitmenschen (gleich ob religiös oder nicht) ebenfalls zu dieser durchaus rationalen Selbsterkenntnis zu bringen. So könnte auch die enorm politische Sprengkraft der Religionen neu begriffen werden, vor allem deshalb, weil Religionen sich nicht in klugen Weltdeutungen erschöpfen, sondern erst in einer erfahrungstreuen, also durchaus säkularen Lebenspraxis zu sich kommen.

(Vortrag vom 28.04.2015)


Bücher zum Thema:

  • Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität, Auflage, LIT, Münster 2012
  • Das Heilige und die Gewalt, Fischer, Frankfurt a. M. 1994, zuletzt Düsseldorf, Patmos 2006
  • Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses. Erkundungen zu Mimesis und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort, Herder, Freiburg 2009
  • Der Sündenbock, Benziger, Zürich 1988
  • Ausstossung und Verfolgung, Fischer, Frankfurt a. M. 1992
  • Hiob – ein Weg aus der Gewalt, Benziger, Zürich 1990
  • Shakespeare: Theater des Neides, Hanser, München 2011
  • Wenn all das beginnt … Dialog mit Michel Treguer, LIT, Münster 1997
  • Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, Hanser, München 2002
  • Die verkannte Stimme des Realen. Eine Theorie archaischer und moderner Mythen, Hanser, München 2005
  • Im Angesicht der Apokalypse. Clausewitz zu Ende denken: Gespräche mit Benoît Chantre, Matthes & Seitz, Berlin 2014
  • Wissenschaft und Christlicher Glaube. Tübingen 2007
  • Gewalt und Religion. Gespräche mit Wolfgang Palaver, Berlin 2010

Ferner:

  • Raymund Schwager, Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften, München 1978
  • Raymund Schwager, Der wunderbare Tausch. Zur Geschichte und Deutung der Erlösungstheorie, München 1986
  • Wolfgang Palaver (Hg.), René Girard, Gewalt und Religion. Ursache oder Wirkung?, Berlin
  • Wolfgang Palaver, René Girards mimetische Theorie, Wien 2004

Die Thesen

These 1:
Die Kultur der Menschen besteht im unaufhörlichen Versuch, die tödliche Gewalt einzudämmen, die sie selbst produziert; dabei spielen die Religionen eine zentrale Rolle.

These 2:
Menschen streben Idealen und Vorbildern nach. Daraus entsteht immer eine ehrgeizige, oft leidenschaftliche Konkurrenz

These 3:
Menschen streben Idealen und Vorbildern nach. Daraus entsteht immer eine ehrgeizige, oft leidenschaftliche Konkurrenz, die – im Unterschied zur Tierwelt – zur Selbstzerstörung führen kann.

These 4:
Die erste kulturelle Tat einer Gemeinschaft besteht in der Bändigung dieser Selbstzerstörung. Die [vermeintliche] Ursache des Unheils wird ausgemerzt.

These 5:
Die antiken Religionen beschränkten Gewalt auf einen rituellen Raum (Schuldige, Opfertiere, Opfergaben) und entlasteten so den Rivalitätsdruck der Gemeinschaft.

These 6:
Im Sündenbockdenken steckt eine Lüge. Sie legitimiert eine Selbstgerechtigkeit, aus der immer neue Gewalt entsteht.

These 7:
Die neutestamentlichen Zeugnisse entlarven den Mechanismus des Sündenbocks als Lüge. Jesus wird zum unschuldigen Opfer.

These 8:
Diese Entlarvung des Sündenbockmechanismus ist von enormer religionsgeschichtlicher Bedeutung. Doch ist das Christentum nicht daran gehalten.

These 9:
Die gegenwärtige Gewalt verlangt eine mehrschichtige Deutung. Ohne vorschnelle Schuldzuweisung haben sich alle in das Netz der Täter und Opfer einzuordnen.

These 10:
Auch Religionen lassen sich zu Gewalt missbrauchen. Vor einer apokalyptischen Menschheitsvernichtung können auch sie sich nicht schützen.

These 11:
Die christliche Glaubenslehre hat zu abstrakten „Wahrheiten“ geführt, die erneut Selbstgerechtigkeit und Gewalt, den Ausschluss der Unterlegenen legitimierten.

These 12:
Die letzte Wertekonkurrenz ergibt sich aus der Frage: Wer lebt Solidarität und Nächstenliebe am konsequentesten?

These 13:
Terror und Gewalt sind immer die Folge von komplexen Gewaltgeschichten. Ihre nachhaltige Zähmung erfordert die Mitarbeit der Gewaltadressaten.

These 14:
Die Durchbrechung von Gewaltketten ist immer neu zu leisten. Notwendig sind offensiver Gewaltpräventionen und die Fähigkeit zum Gewaltverzicht.

These 15:
Gewaltverzicht und Vergebung sind auch außerhalb der Religionen möglich. Religionen präsentieren Weltmodelle, die Gewaltverzicht und Vergebung legitimieren.

These 16:
Die Aufrechnung von Schuld ist das lebensbedrohlichste Geschäft, zu dem Menschen fähig sind. Religionen haben diese ihre Erkenntnis in eine säkulare Sprache zu übersetzen.


Auszug aus dem Buch von W. Palaver, René Girard, Gewalt und Religion, 17-22

Die hebräische Bibel und die christlichen Evangelien sind die einzigen religiösen Texte, die eine Umkehrung dieses mythischen Schemas darstellen. Der Mob in den jüdischen und christlichen /18/ Schriften denkt und handelt genauso wie der Mob in den archaischen Mythen. Nicht die Ereignisse machen den Unterschied, sondern deren Interpretation. In den Mythen haben die Opfer tatsächlich die Verbrechen begangen, derer sie von ihren Verfolgern bezichtigt werden. In den jüdischen und christlichen Schriften wird der Mob dafür verantwortlich gemacht, unschuldige Opfer zu verfolgen.

In den prophetischen Texten der hebräischen Bibel wird die Sichtweise des Mobs verurteilt und umgekehrt. So formen die Brüder Josephs durch ihr Verhalten ihm gegenüber zum Beispiel eine Art abstoßenden Mob. Die ganze Gemeinschaft um Hiob herum verhält sich im Einklang mit dem Mob. In vielen Psalmen muss der Erzähler hilflos mitansehen, wie er vom Mob eingekreist wird, der ihm scheinbar nach dem Leben trachtet. Viele der Propheten wurden verfolgt und sogar vom feindseligen Mob ermordet. Das eindrücklichste Beispiel liefert der Mord am Leidensknecht (Jesaja 52-53), den die Evangelien mit Jesus selbst vergleichen. Die prophetische Literatur gibt Zeugnis von der langwierigen Abkehr von einem gewalttätigen gesellschaftlichen Phänomen, das offensichtlich eine enorme Rolle für die menschlichen Kulturen vor und sogar noch nach dem Entstehen juridischer Systeme gespielt hat. /19/

Auch die Evangelien folgen denselben Abläufen wie die Mythen. Auch hier steht eine große Krise am Anfang – die Krise des kleinen jüdischen Staates, der von den Römern besetzt ist -, die sich im Laufe der Zeit zum Drama eines einzelnen Opfers (Jesus) verdichtet, das vom Kollektiv ermordet und später von den Christen vergöttlicht wird. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass die Evangelien das Urteil der Menge aus den Mythen umkehren: das Opfer ist unschuldig und der Mob schuldig. Ganz besonders auffällig in den Evangelien ist der Umstand, dass die beiden Perspektiven – die des Opfers und die des Mobs – gleichwertig vorgeführt werden. Beinahe jeder pflichtet dem örtlichen Mob zu. Die Andersdenkenden sind nur sehr wenige, doch so ungewiss ihre Perspektive auf den ersten Blick zu sein scheint, so trägt sie aus meiner Sicht doch letztlich den Sieg davon: Weil sie nämlich wahr ist.

Ich bemühe hier das Wort »Wahrheit« in einem anthropologischen und gesellschaftlichen Kontext, nicht in einem religiösen. Alle rational denkenden Menschen werden ohne Zweifel darin übereinstimmen, dass der Mob ungeeignet ist darüber zu richten, was richtig oder falsch ist, besonders dann, wenn es um dessen eigene Opfer geht. Nicht die Überführung irgendeines echten Verbrechers, wie von den Mythen be- /20/ hauptet, hat diese archaischen Gesellschaften geeint, sondern gerade die Vortäuschung einer solchen Überführung. Die Gemeinschaften übertrugen alle ihre Feindseligkeit mimetisch auf ein einzelnes Opfer und wurden aufgrund der daraus resultierenden Täuschung geeint.

Wenn das Opfer unschuldig ist, worin besteht dann die Macht, der es jedes Mal aufs Neue gelingt, eine große Gruppe gewalttätiger Männer einem unbedeutendem Opfer gegenüber zu einen? Abermals lautet die Antwort: Imitation, mimetische Ansteckung.

Während sich die Mythen der mimetischen Ansteckung gegen das einzelne Opfer unterwerfen, widerstehen die biblischen Interpreten dieser Infektion und rehabilitieren das Opfer, das in der Tat ja unschuldig ist. Der biblische Widerstand gegenüber der mimetischen Ansteckung deckt die grundsätzliche Täuschung der archaischen Religionen auf, die Geisteshaltung des Mobs, von der sie beherrscht werden. Diese einzigartige Kraft, die einmütige Gewalt zu entmystifizieren, ist nicht bloß auf spezielle Opfer anwendbar, die in diesen Texten genannt werden ‑ Joseph, Hiob, Leidensknecht oder Jesus ‑, sondern potenziell gilt sie für alle ähnlichen Opfer des Kollektivs, wo immer dieses Phänomen auch auftreten mag. Um einen Mythos zu entmystifizieren genügt es, zum Beispiel die Schilderung /21/ der Kreuzigung diesem Text zu unterlegen und sie miteinander zu vergleichen.

Die (synoptischen) Evangelien stellen deutlich dar, dass alle Zeugen der Kreuzigung sich mimetisch verhalten. Die Verleugnung des Petrus ist dafür ein augenfälliges Beispiel: Sobald er sich von Leuten umringt sieht, die Jesus gegenüber feindselig gestimmt sind, beginnt er deren Feindseligkeit nachzuahmen. Seine dreifache Verleugnung ist ein mimetisches Phänomen. Pilatus steht Petrus diametral gegenüber, verhält sich aber schlussendlich doch wie der Apostel. Wenn er es persönlich auch vorziehen würde, Jesus zu schonen, so unterwirft er sich doch dem Mob; er imitiert den Mob und verurteilt Jesus ans Kreuz. Die beiden Diebe, die gemeinsam mit Jesus ans Kreuz geschlagen werden (bei Lukas ist es nur einer), sind ein weiteres, beinahe karikierendes Beispiel für die Imitation der Menge. Anstatt mit dem Mann zu sympathisieren, mit dem sie ihr schreckliches Schicksal teilen, beleidigen sie Jesus und imitieren dadurch die Menge, um sich in einer letzten und verzweifelten Anstrengung doch noch mit dieser zu vereinigen und ihre eigene Kreuzigung zu verleugnen.

Die moderne Welt erkennt diese biblische Entmystifizierung nicht, im Gegenteil. Die biblischen Texte werden häufig für Mythen gehalten, da sie in der Tat Mythen gleichen. In Wahrheit aber /22/ eröffnet die Tatsache des in ihnen überall auffindbaren Opfermechanismus die Möglichkeit, einen entscheidenden Unterschied auszumachen, sie zeugen also gerade nicht von der Gleichheit all der religiösen Lehren, die in diesen Texten wurzeln. Die Tendenz, alle Texte als mythische zu definieren, ist auf die Unfähigkeit der meisten modernen Wissenschaftler zurückzuführen, sich jenseits der Themenkomplexe und Motivkreise dieser Texte zu begeben und zu erkennen, dass es die Unterwerfung oder der Widerstand gegen die mimetische Infektion sind, die den wesentlichen Faktor bei dieser Textsorte ausmachen. Ein Text kann die Irreführung durch den Opfermechanismus verschleiern und selbst in die Irre führen, oder er kann diese Irreführung enthüllen und damit die Ungerechtigkeit des Mobs genau so herausstellen, wie das unverdiente Leid des Opfers. Die Mythologie handelt auf die eine und die biblischen Texte, ganz besonders die Evangelien, auf die andere Weise.

Das Bild der Menschenwelt, wie es der Mythos zeichnet, ist farbiger als das biblische, gerade weil es die täuschende Perspektive des Verfolgers wiedergibt und nicht die wahrhaftigere Perspektive des Opfers. Der einzige Philosoph, der erkannt hat, dass man die Position des Verfolgers übernimmt, wenn man die Mythen vorzieht, war Friedrich Nietzsche. Doch diese Entdeckung ver /23/anlasste ihn keineswegs dazu, sich nun auf die Seite der Opfer zu schlagen, sondern bestärkte noch seine Neigung zur ungerechtfertigten Gewalt, und zumindest indirekt haben seine diesbezüglichen Schriften zu einigen der schlimmsten Gräuel des 20. Jahrhunderts ermutigt.

Die prophetischen Texte der hebräischen Bibel und der Evangelien stehen in absolutem Gegensatz zur mythischen und opfernden Geisteshaltung der archaischen Religion. Viele Aussagen und Formulierungen bestätigen diese Opposition. Hosea schreibt die folgenden Worte Jahwe selbst zu: »Denn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer.« (Hosea 6,6) Jesus rät seinen Zuhörern, sich zuerst mit ihren Brüdern zu versöhnen, ehe sie ihre Opfergaben zum Altar bringen. Er warnt sie mit anderen Worten also davor, auf das Opfer als künstliches Mittel zu vertrauen, um mit ihren Nächsten in Frieden zu leben. Die Wahrheit des Opfers, die sich durch die Kreuzigung enthüllt, wird ein für alle Mal und auf lange Sicht gesehen jedes andere und weitere Opfer nichtig machen. Da es unmöglich geworden ist, der Gewalt durch das Ritual zu entgehen, wird die persönliche Versöhnung zum einzigen Mittel, um die zerstörerische Entfesselung der mimetischen Gewalt zu vermeiden.