Lasst endlich Taten sehen – Visionen und Ziele vor Ort

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Die römisch-katholische Kirche befindet sich in einem beklagenswerten Zustand. Eckpunkte einer Erneuerung sind Geschwisterlichkeit, Partizipation, gesellschaftliche Solidarität und eine offene Spiritualität.

Thesen

  1. Nach Meinung Vieler befindet sich die katholische Kirche in einem beklagenswerten Zustand. Sie ist mit Polarisierungen nach innen und einem nachhaltigen Glaubensverlust nach außen konfrontiert. Ausgerechnet in dieser prekären Situation unterlaufen die Kirchenleitungen die Reformimpulse des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65); ein Reformgespräch zwischen Basis und Bischöfen/Papst findet nicht statt. In Reaktion auf diese Verweigerung zeichnet sich ein qualitativer Durchbruch von unten ab. Doch im Sinne der christlichen Botschaft beenden die Reformgruppen die Phase der Bitten und Forderungen und gehen zu eigenverantwortlichem Handeln über. Dies wird ihnen oft als Ungehorsam ausgelegt, doch man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
  2. In der aktuellen Umbruchsphase gewinnen die Gemeinden eine neue Bedeutung. Dadurch werden die Reformgruppen nicht funktionslos (gezielte Erneuerungsimpulse, Entlarvung von Missständen, Einsatz für Geschädigte, Kampf um die eigenen Rechte), aber der Schwerpunkt des konkreten Reformhandelns wird und muss sich in die Gemeinden verlegen.
  3. Die Chance zu deren Aktivierung und Selbstermächtigung steigt, je mehr sie entmündigt werden und der Zusammenbruch der Pastoral ihre Existenzen bedroht. Jetzt kann es gelingen, die Umsetzung der vielfältigen, schon lange vorgetragenen und begründeten Desiderate zu verwirklichen. Die Gemeinden und deren aktive Mitglieder wissen am besten, was ihnen ein christliches Gewissen gebietet.
  4. Der Weg der Gemeinden in ihre Mündigkeit ist sorgfältig zu planen, von kompetenten und glaubwürdigen Menschen zu begleiten. Es geht um durchdachte Bewusstseinsbildung und entschiedene Handlungsbereitschaft, um kluge Strategien und um Handlungsträger (Gruppen), die für ihr Handeln nach innen und nach außen Verantwortung übernehmen. All dies muss eindeutig geregelt sein.
  5. Über den Einsatz für isolierte Einzelanliegen hinaus sind ganzheitliche Ansätze zu entwickeln, denn letztlich geht es um Glauben und Liturgie, um Verkündigung und karitative Praxis, um die Einbeziehung aller Altersstufen und Klassen. Solange diese breite Vielfalt nicht in die Reformarbeit einbezogen wird und sie beseelt, entsteht keine neue Kirchenwirklichkeit, die der Gegenwart angemessen ist.
  6. Das Ideal einer versöhnten und zur Versöhnung bereiten Kirche muss erfahrbar werden. Nur so wird der gute Sinn auch aller Kirchen- und Gemeindekritik sichtbar. Wir wollen uns nicht weiterhin von Nostalgie und Enttäuschung überrollen lassen.
  7. Langfristig kann es einer intensivierten Reformarbeit an der Basis gelingen, Gesicht und Strukturen von Gemeinden und Kirche zu ändern. In verstärktem Maße werden wir plurale und offene, ökumenisch und human sensible Gemeinden erhalten. Es wird die Zusammenarbeit von Kerngruppen, partiell engagierten Teilnehmern und sachorientierten Mitarbeitenden geben, die gegenseitige Ergänzung verschiedener Altersstufen und kultureller Orientierungen, das Nebeneinander u.a. von Territorial-, Personal- und Projektgemeinden. In jedem Fall wird und sollte es nicht mehr möglich sein, die Grenzen einer Gemeinde genau zu definieren. Sie sind fließend und dies entspricht dem jesuanischen Impuls vom Gottesreich, das konkret in Ereignissen der Menschlichkeit beginnt.
  8. Gemeindenahe Reformprojekte beginnen nicht am Nullpunkt. Deshalb sein die unterschiedlichen Ausgangssituationen kontinuierlich zu analysieren. Aktionen und Atmosphäre sind zu beobachten und auf die Komplexität des Geschehens ist zu achten. In steter Kommunikation ist es vom Ziel einer menschenfreundlichen Kirche her zu beurteilen.
  9. Die Gesamtaufgabe ist komplex. Von höchster Bedeutung ist deshalb die Wertschätzung aller Kompetenzen, die Gemeindemitglieder irgendwie einbringen können. Diese Fähigkeiten müssen nicht außerordentlich sein, aber der Gemeinde und ihren Zielen dienen.
  10. Neuansätze sind gefährdet, wenn sie nur von zielloser Begeisterung erfüllt sind; deshalb sollten sie von einer vitalen und umfassenden Vision mit der Frage getragen werden: Welche Kirchengestalt erhoffen wir? Dabei sind stabile feste Strukturen wünschenswert, aber sie haben streng der Nachfolge Jesu und der Gottesherrschaft so zu dienen, wie sich die ganze Gemeinschaft deren Regeln unterzuordnen hat.
  11. Eckpunkte einer solchen Vision sind Geschwisterlichkeit, Partizipation, gesellschaftliche Solidarität und eine offene Spiritualität (das meint Respekt vor Ich und Gemeinschaft, Suche nach Ganzheit und einer vergebungsbereiten Liebe). Diese Vision ist regelmäßig und gemeinsam zu thematisieren.
  12. Der Neuaufbruch an der Basis ist gegen keine Kirchenleitung gerichtet. Aber er versteht sich als ein prophetischer Beitrag; im Sinne des konziliaren Aggiornamento soll er einen neuen Glauben mitten in dieser Welt ermöglichen, der auch Kirchenleitungen überzeugen kann. Für dieses Ziel lohnt sich die Mühe des aufgezwungenen Widerstands.