Luther für morgen! (Thesen)

(Last Updated On: 21. September 2017)

Was können wir von der Reformation lernen?

These 1:
Wie Luther vor 500 Jahren stehen wir am Beginn einer neuen Epoche, deren Verlauf noch nicht absehbar ist. Als Erneuerer des christlichen Glaubens hat Luther für die Neuzeit maßgebliche Impulse gesetzt.
Reformation heute heißt: Die Herausforderungen der heraufziehenden Epoche sind mit derselben Entschlossenheit aufzuspüren, öffentlich anzunehmen und zu bewältigen.

These 2:
Die berechtigte Kritik an Luthers Antijudaismus, Antiislamismus, Teufelsglauben und autoritärem Staatsverständnis trifft nicht nur die reformatorische, sondern auch die katholische Tradition.
Reformation heute heißt: Gemeinsamer Kampf gegen diese noch wirksamen Fehlhaltungen in unserer Gesellschaft.

These 3:
Luthers enorme Wirksamkeit war begründet in
(1) einer vorbehaltlosen Zivilcourage,
(2) einer schonungslosen Auseinandersetzung mit der Schrift,
(3) der Kraft einer authentischen Sprache und
(4) der unaufhörlichen Suche nach umfassenden Zusammenhängen.
Reformation heute heißt: Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft mit diesen Waffen; sie sind aktueller denn je.

These 4:
Richtig verstanden ist die Rechtfertigungslehre für Kirche und Gesellschaft erneut von enormer politischer Sprengkraft, weil sie die unantastbare Freiheit und Würde der Menschen gegenüber allen seelischen Manipulationen und kollektiven Zugriffen verteidigt.
Reformation heute heißt: Das Gewissen der Menschen ist keiner menschlichen Instanz untertan und findet seine Entfaltung in solidarischer Geschwisterlichkeit.

These 5:
Mehr denn je steht die römisch-katholische Kirche in der Pflicht, ihre kirchlichen Leitungsämter gemäß biblischen Vorgaben zu erneuern. Nur so kann sie ein zukunftsfähiges und demokratisches Verständnis von Macht und Institutionen inspirieren.
Reformation heute heißt: Kirchliche Ämter müssen ihre sakralen und undemokratisch installierten Vollmachten verlieren. Die Taufe darf als Basis aller Geschwisterlichkeit in und zwischen den Kirchen nicht länger beschädigt werden.

These 6:
Durch die Aufwertung des menschlichen Individuums und seines Gewissens hat Luther die profanen Lebensformen des Menschen (Beruf und Ehe) und seine Welt aufgewertet und der kirchlichen Kontrolle entzogen.
Reformation heute heißt: Die Welt ist nicht nur als Objekt des menschlichen Handelns, sondern zuvor noch als Ort der Gottesbegegnung, des „Reiches Gottes“ wahrzunehmen.

These 7:
Das gegenwärtige Umfeld von Glauben und Kirchen ist gekennzeichnet durch Säkularisierung und Interreligiosität. Dies verlangt eine tiefgreifende Umgestaltung der aktuellen Glaubensformen.
Reformation heute heißt: Neuentdeckung von Mensch und Welt und ein geschwisterliches Verhältnis zu den Religionen.

These 8:
Die neuzeitliche Umformung der westlichen Kirche zu Konfessionen hat zu deren massiver Egozentrik, Isolation und Weltfremdheit geführt. Aus den Polen von sakral und profan sind Gegensätze geworden.
Reformation heute heißt: Gemeinsam mit anderen Religionen sind Menschen, Gesellschaft und Welt als der primäre Ort von Heil und Gottes Gegenwart ernstzunehmen.

These 9:
Unbemerkt hat sich der Schwerpunkt der neuzeitlichen Glaubenspraxis einseitig auf das Jenseits verlagert. Dies war die Folge einer intensiven Verinnerlichung, die nur noch die Alternative von Glauben und Unglauben zuließ.
Reformation heute heißt: Konsequenter als bei Luther ist der Schwerpunkt der Glaubenspraxis auf die diesseitige Zukunft von Mensch und Welt zu verlagern.

These 10:
Die Zeit ist reif, die jesuanische Vision einer in Gerechtigkeit und Frieden versöhnten Menschheit neu zu entdecken. Sie ist der ursprüngliche Kernimpuls des Glaubens, der die Suche nach dem gnädigen Gott relativiert. Das bedeutet für die katholische und die evangelischen Kirchen eine enorme Herausforderung.
Reformation heute heißt: Die christlichen Kirchen gewinnen ihre Bedeutung für eine säkularisierte Gesellschaft, wenn sie primär zu prophetischen Kirchen, also zu einer glaubwürdigen Vorhut für Gerechtigkeit und Frieden werden.
Wer diese prophetische Radikalisierung als einen Bruch in Glauben und Kirche erfährt, wiederholt nur Luthers Gotteserfahrung in einer neuen Zeit.

(Diese Thesen lagen einem Vortrag vom 18.01.2017 zugrunde.)