Wie wird die Kirche von morgen aussehen?

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Die Kirchen Europas werden zwei gefährlichen Entwicklungen überrollt. Die Ökumene löst sich ins Nichts auf und die religiös-spirituellen Maßstäber haben sich grundlegende geändert. Deshalb reicht es nicht mehr, sich in Institutionen und Medien als Hort der Wahrheit zu inszenieren.

Zur neuen Ökumene in einer säkularen Gesellschaft

Viele Vertreter der Presse und der kirchlichen Öffentlichkeit sahen im Weltjugendtag von Köln im August 2005 einen Wendepunkt von Kirche und Religion in der westeuropäischen Kultur. Die Jahre der Resignation und des Niedergangs seien vorbei: Gott, Religion und Kirche seien wieder positiv im Gespräch. Dieses wachsende Interesse, das da konstatiert wird, hatte sich während der Krankheit, des Todes und der Beerdigung von Johannes Paul II. vorbereitet. Die öffentliche Aufmerksamkeit während dieser Ereignisse war in der Tat erstaunlich.

Allerdings gibt es auf evangelischer wird auf katholischer Seite auch zurückhaltendere und differenzierte Stimmen. Bringen solche Großereignisse dem kirchlichen Leben eine spürbare Erneuerung? Unleugbar hat sich dieser neue Enthusiasmus im alltäglichen Gemeindeleben nicht niedergeschlagen. Dekan Steiger aus Rottenburg schreibt an Pfingsten 2006 im Schwäbischen Tagblatt: „Fraglich bleibt für mich, ob damit etwas gewonnen ist, ob damit also für Gott etwas herausspringt oder ob die Macht der Bilder, die Demagogie der großen Gesten und Worte nur unseren Sinn trübt. Begeisterung von außen ist eine Sache. Der Geist, der sich dahinter verbirgt, eine andere.“ Überwältigender Erfolg auf Arenen besagt noch nichts.

Wichtige Gegensignale sollten nicht übersehen werden; ich nenne nur eines, das uns im Augenblick alle bewegt: Gegenwärtig bricht in den deutschen Diözesen die Seelsorge, wie wir sie durch Jahrhunderte hin gekannt haben, unter offizieller Mitwirkung der Kirchenleitungen zusammen. Seelsorgliche „Betriebseinheiten” werden von oben herab konstruiert, die Gemeinde in das Prokrustesbett des Priestermangels gezwungen. Statt die Gemeinden endlich in ihre eigene Verantwortung zu überführen, werden sie entmündigt. Weniger dramatisch vollziehen sich vergleichbare Entwicklungen in den evangelischen Landeskirchen.

Was ist los in der Kirche? In der Kirche Deutschlands? Und da die weltweite Ausdehnung der katholischen Kirche für uns eine so wichtige Rolle spielt: Was ist los in der Weltkirche, also im römischen Katholizismus und im Weltrat der Kirchen? Der Wandel, der zur Zeit – nicht nur in Europa geschieht, ist tiefgreifender und risikoreicher denn je. Er kommt nicht von ungefähr, sondern hat seine innerkirchlichen Gründe. Zum andern ist er Ausdruck eines allgemeinen gesellschaftlichen Wandels, den die Kirche gerne von sich weist. Sie übersieht aber, dass auch sie in vieler Hinsicht von diesem Wandel geprägt ist. Über die Gründe des Wandels möchte ich heute Abend mit Ihnen nachdenken, bevor ich eine Vision der zukünftigen Kirche entfalte. Zunächst also die Frage, wie sich die gegenwärtigen Gegensätze erklären lassen.

I. Die Last der Situation

Religiöse Hypes einerseits, das Ausbluten der Kirchen sowie der Verlust der christlichen Tradition andererseits. Vielleicht sind das nur gegensätzliche Symptome für ein und denselben Prozess. Ich versuche die Gründe des Wandels an Hand von drei Stichworten zu analysieren. Sie lauten:

  • Institutionelle Globalisierung
  • Religiöse Pluralisierung
  • Eine sich ausbreitende Medien- und Eventkultur

1.1 Institutionelle Globalisierung

1.1 a) Kontinuierliche Stabilität

Im westlichen Kulturraum leben wir in einer ungewöhnlich langen Periode des Friedens und des Wohlstands. Gut vierzig, vielleicht fünfzig Jahre lang ging es uns gut, haben wir unsere Stabilität an die Maßstäbe des Wohlstands gebunden. In der Öffentlichkeit haben wir das Weinen verlernt, die Weinenden nicht mehr ernst genommen. Klagen wirken in der Regel nicht überzeugend.

Eine solche Wohlstandskultur ist einer Religion nicht förderlich: nicht etwa, weil nur die Not beten lehrt, sondern deshalb, weil die Frage nach „Gott” immer mit Grenzüberschreitungen, mit dem Unerwarteten, mit ungelösten Problemen oder unerwartetem Glück beginnt. Dagegen konnten sich Institutionen, welcher Art auch immer, enorm stabilisieren, ihre Notwendigkeit erweisen, sich bei den Menschen unentbehrlich machen. Dieses Phänomen der unentbehrlichen Institutionen ist uns zur zweiten Lebensform geworden, – dies umso mehr, als wir ohnehin in einer sehr rationalisierten Form des Christentums leben. Die Neuzeit, die Aufklärung zumal hat intensive Arbeit geleistet.

Unsere Kirche hat sich dieser Entwicklung gerne angeschlossen. Sie hat ihre Institutionen umso intensiver stabilisiert, als sie demokratischem Denken ohnehin fremd gegenübersteht. Die Institution der katholischen Kirche in Deutschland hat einen enormen organisatorischen Apparat aufgebaut, der sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in Rom breit macht, und sich außereuropäischen Belangen aufdrängt (vgl. Misereor, Adveniat, Brot für die Welt, Missio …). All diese Apparate üben Kontrolle aus und uniformieren kirchliches Handeln. Sie begegnen persönlicher Initiative mit Misstrauen, errichten ein kollektives Gedächtnis für Preis- und Strafwürdige. Verdienste und Fehlverhalten vergisst ein solche System nicht. Was vorbildlich und was kritikwürdig ist, wird gemäß institutionellen Interessen standardisiert. Meist wird auf intellektuell hohem Niveau gearbeitet, das ist neidlos zuzugeben. Aber oft genug werden auf diesem Wege spontan menschenfreundliche Handlungen ebenso ausgehebelt wie unvorhersehbares religiöses Verhalten im Prinzip. Kontinuierliche Stabilisierungsprozesse führen unweigerlich zu Verhärtungen. Menschliche Bedürfnisse und kirchliche Aktivitäten werden unbemerkt instrumentalisiert. Kontinuierliche Organisation perfektionieren sich. Sie werden immer stärker. Das alles hat mit dem Geist Gottes nichts mehr zu tun.

1.1  b) Prozesse der Globalisierung

Zu diesen langzeitigen Stabilisierungsprozessen addieren sich, wie wir alle wissen, Prozesse einer intensiven Globalisierung. Globale Prozesse sind wirkmächtiger als lokale. Sie lassen sich nur schwer steuern. Sie führen oft in Prozesse der Selbststeuerung hinein, in denen das eine das andere unterstützt. In der katholischen Kirche wirkt sich die Globalisierung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse besonders deutlich aus. Die katholische Kirche ist ohnehin ein global player. Sie bewegt sich immer schon in weltweiten Kontexten. Sie hat schon seit Jahrhunderten globale Kommunikationsnetze ausgebaut. Die neuen Kommunikationsmittel, die räumliche Abstände praktisch neutralisieren, helfen ihr, ihr globales Handeln effektiv zu verwirklichen. Dies gilt für die katholische Gesamtkirche ebenso wir die zahllosen Netzwerke, die im Rahmen des Weltkirchenrats entstanden sind.

Nun wissen wir inzwischen, dass Globalisierung höchst komplizierte und dialektische Prozesse in Gang setzt. Die weltweite Globalität hat Ängste freigesetzt und den lokalen Behauptungswillen gestärkt. Ortsgebundenheit, die kleinen Sprachen, Dialekte, örtliches Volkstum blühen neu auf. Natürlich gilt dies auch für die katholische Kirche. Es gibt in unserer Kirche viele solcher Entwicklungen. Die Bedeutung der örtlichen Gemeinden ist gestiegen. Mehr denn je wird in kleinen Gruppen gearbeitet. Aber die katholische Kirche hat aus diesen Funken der Lokalisierung kein Feuer geschlagen. Im Gegenteil, viele Entwicklungen wurden stark hintertrieben, theologisch heruntergespielt; der Bischof Müller von Regensburg wagt es sogar, die lokalen Strukturen der Kirchengemeinde – Frucht des 2. Vatikanischen Konzils – auszuhebeln, ohne dass ihm die Bischofskonferenz oder Rom das Handwerk legt. Zwar wurden die nationalen Bischofskonferenzen gestärkt, (sub)kontinentale errichtet, und alle fünf Jahre tagt in Rom die „Bischofssynode“, um den Papst von den nationalen Belangen her zu unterstützen. Aber diese Gremien haben keine Autorität, keine eigene Beschlusskraft, bisweilen nicht einmal das Recht der Einberufung, der Tages- oder der Geschäftsordnung. Diese Gremien wurden für eine allgemeine Monopolisierung konsequent instrumentalisiert. Noch nie in der ganzen Kirchengeschichte fand in Rom eine solch enorme Konzentration kirchlicher Steuerung, Kontrolle und Beschlussvollmacht statt. So spielen die Globalisierungsprozesse dem römischen Zentralismus in die Hände.

1.1  c) Verselbständigung der Institutionen

Dies alles lässt sich unter dem Begriff „Verselbständigung der Institutionen“ zusammenfassen. Was ist damit gemeint. Verselbständigung bedeutet: Mehr und mehr machen sich solche Institutionen von äußeren Einflüssen unabhängig; mehr und mehr geraten sie zum Selbstzweck. In der Kirche werden sie in zunehmendem Maße sakralisiert. Sogar kritische Beurteilungen gelten als ungehörig. Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist die Tatsche, dass die Zahl der Gemeinden inzwischen der Mängelzahl verfügbarer Priester angepasst wird, dass Rom darauf besteht, alle Bischöfe der Welt zu bestimmen, örtliche Willensbildung also auszuhebeln, dass wir bei der Selbstdarstellung der Hierarchie einen wachsenden Triumphalismus erleben. Ist das alles moralisch verwerflich? Ich meine: ja. Aber ein solches Urteil hilft nicht weiter, solange wir nicht den allmählichen, vielfältigen und beinahe naturnotwendigen Weg zu solchen Entwicklungen erkennen. Dazu gehört, dass wir in der Regel – ohne es zu wollen – daran mitwirken.

Diese Verselbständigung hat aber für alle, die einmal unter dem Reformprogramm des Vatikanischen Konzils angetreten sind, dramatische Folgen. Seit dem II. Vatikanischen Konzil waren wir davon überzeugt, dass sich unsere Kirche zu erneuern habe. Wir verstanden darunter, dass sich unsere Kirche auf eine gesprächsoffene Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, also von Freunden, hin entwickle. „Ich habe euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe.“ (Joh. 15,15) Vergleichbare Hoffnungen kennen die evangelischen Landeskirchen, seitdem sie nach 1945 mit der Bekennenden Kirche konfrontiert wurden und das berühmte Stuttgarter Schuldbekenntnis aussprachen, das seinerseits zur Bedingung ihres Beitritts zum Weltrat der Kirchen wurde.

Bei genauerem Hinsehen stellten sich diese vielfältigen Hoffnungen jedoch als Irrtum heraus:

  • Die Institutionen sind stärker und gesprächsunfähiger denn je.
  • Stärker als früher werden sie in die Sphäre des Sakralen
  • Bischöfe und Papst haben sich eine noch nie gekannte Position erworben, ohne sich von der Gemeinschaft her zu legitimieren. Auffällig ist auch der Autoritätszuwachs der leitenden Instanzen in den evangelischen Kirchen.
  • In Deutschland und von Deutschland aus wurde diese Entwicklung durch starke finanzielle Absicherungen sowie durch eine günstige politische Konstellation unterstützt.

Insgesamt müssen wir deshalb zugleich von einer bisher unerhörten Selbstisolierung dieser Institutionen sprechen. Mit dem Gedanken einer Glaubens-, mit einer Feier- und einer Handlungsgemeinschaft (communio fidelium) ist diese Entwicklung kaum zu vereinbaren. Allerdings wäre es falsch, die Schuld für diese Entwicklung einfach dem Eigensinn einiger Hierarchen auf der oberen Etagen in die Schuhe zu schieben. Wir alle – besser: die Mehrheit der deutschen/europäischen Katholiken selbst haben diese Entwicklung zugelassen, im Grund unterstützt. Denken Sie an die kollektive Begeisterung für Johannes Paul II., an die innere Anteilnahme an Kardinalsernennungen, an die Suche nach großen, öffentlichkeitswirksamen Symbolen. Man baut auf den sakramentalen Dienst. Wir haben kaum andere Gottesdienstformen entwickelt. Unsere Gemeinden sind von Glaubenswächtern, geheimen Informanten und hoch konservativen Funktionsträgern durchsetzt.

Die große Gefahr einer solchen Entwicklung beseht im Zusammenbruch dieser Institutionen auf Grund ihres eigenen Übergewichts. Sie implodieren an ihrer Fixierung auf sich selbst. Wollen wir einen Ausweg finden, dann müssen wir nach weiteren Zusammenhängen suchen.

1.2 Religiöse Pluralisierung

Zunächst beschreiben die Prozesse der Globalisierung nur die institutionelle Oberfläche der Veränderungen. Die Frage bleibt ja: Warum sind sie so erfolgreich? Warum gelingt es nicht, dagegen Widerstand zu erheben? Warum entstehen keine Gegenbewegungen, die die Globalisierungsprozesse sozusagen ausgleichen und wieder ins Gleichgewicht bringen? Ein wichtiger Grund dafür ist eine andere Entwicklung, die in die Tiefe unseres Glaubens und religiöser Erfahrung reicht. Ich umschreibe sie mit religiöser Pluralisierung und beschreibe im Folgenden einige Indizien.

1.2. a) Präsenz anderer Religionen

In unserem Lebensraum sind andere Religionen präsenter denn je. Tagtäglich begegnen uns Anhänger des Islam, vielleicht des Buddhismus oder hinduistischer Religionen. Diese Entwicklung hat ihre Wurzeln spätestens in den achtziger Jahren. Am 11. September wurde uns klar, welche politische Brisanz diese Präsenz entwickeln kann. Damit wir uns aber klar verstehen: Niemand hat uns diese Entwicklung aufgedrängt. Sie entspricht den Erwartungen, genauer: den politischen Erwartungen unserer Länder. Wir haben „Gastarbeiter“ ins Land geholt, industrielle und ökonomische Kontakte geknüpft. Hinzu kommt, dass wir – auch aus Langeweile an der eigenen religiösen Tradition – zugleich ein inhaltliches Interesse an diesen Religionen entwickeln.

Ist die eigene Botschaft also wirkungslos und ausgelaugt? So weit würde ich nicht gehen, aber unsere Gesellschaft ist gegenüber der christlichen Tradition von einer tiefen Unsicherheit gezeichnet. Die Kirchenleitungen und eine als traditionelles Buchstabensystem überlieferte „Lehre“ haben – bei Intellektuellen, bei engagierten Glaubenden – ihre Glaubwürdigkeit verloren. Die ständigen politischen und moralischen Forderungen, die schlagwortartigen Formeln zur Ehemoral, zur Familie, zu Fragen wie Geburtenregelung und Homosexualität, die endlosen Zensuren gegenüber missliebigen Theologen, die Blockade in der Ökumene, sie alle haben den Eindruck eines provinziellen, rechthaberischen Systems entstehen lassen. Es gelingt dieser Kirche nicht mehr, die religiösen Bedürfnisse junger Menschen an sich zu binden.

Aus all diesen Gründen haben die Botschaften anderer Religionen, der östlichen zumal, eine unerwartete Tiefenwirkung, eine dramatische Erweiterung der Horizonte, dies umso mehr, als die vielen sorgsamen Hinführungen und Einführungen in andere Religionen von den Kirchenleitungen nicht unterstützt, sondern geradezu blockiert werden.

1.2.  b) Marktsituation – was ist Wahrheit?

Nun hat diese faktische Pluralisierung eine wichtige, für das kirchliche Selbstverständnis dramatische Folge. Wie Sie wissen, gehört es zum Glaubensverständnis der christlichen Botschaft hinzu, dass Gott nur einer ist; deshalb kann es im Grunde nur einen Glauben geben. Anders gesagt: Der Glaube bildet ein Orientierungswissen, das andere Orientierungen ausschließt. Wer glaubt, verschreibt sich diesem Glauben mit Haut und Haaren. Doch ist dies – unbewusst jedenfalls – schon lange nicht mehr der Fall. Schon in den siebziger Jahren kam das Wort von der Marktsituation auf, das seit den neunziger Jahren mit Händen zu greifen ist. Gehen Sie in eine Buchhandlung mit geistigem Anspruch. Sie bietet uns ganze Buchregale mit religiösen Angeboten. Sie finden Bücher zu den großen Weltreligionen, zu Meditationspraktiken, oft gekoppelt mit Gesundheits- und Wohlfühltechniken. Junge Leute finden nicht mehr die Kirche als einzige Sinnvermittlerin. Sie finden Angebote in Buchhandlungen, im Fernsehen, im Internet. Um es in abstrakter Soziologensprache auszudrücken: neben den christlichen Kirchen haben sich viele andere Sinnagenturen etabliert.

Diese Marktsituation hat das Verhältnis vieler junger Menschen zur Religion dramatisch verändert. Nicht mehr der Respekt vor der einen, vielleicht geoffenbarten Wahrheit bestimmt sie, sondern das eigene Urteil. Es experimentiert, schmiedet zeitliche Koalitionen, klopft Vor- und Nachteile bestimmter Orientierungssysteme ab. Es kombiniert, setzt nach eigenem Urteil zusammen. Gut, mag man sagen, bleibt zu hoffen, dass eine Entscheidung letztlich am christlichen Glauben hängen bleibt. Aber so einfach ist es nicht, denn gerade die schärfste Waffe christlicher Disziplinierung, nämlich der Anspruch der einzigen Wahrheit, ist stumpf geworden. Wir werden, wenn wir gewinnen wollen, glaubwürdig, menschlich und menschenfreundlich, gemeinschaftsfähig werden müssen. Wir werden die Konkurrenzsituation gegenüber anderen Religionen nicht mehr abstreifen können. Wir werden unsere eigenen solidarischen, spirituellen, wenn Sie so wollen: mystischen Kräfte wecken müssen. Damit ist die Wahrheitsfrage – „die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit!“ – in unerwarteter Weise relativiert. Es ist die Frage, die die katholische Kirche seit der Zeit der Reconquista so stark gemacht hat. Sie muss nun dem Kriterium der Weisheit, der Liebe, der Menschlichkeit weichen. Es ist zugleich die späte Rechtfertigung eines neuen Christusbildes, das nicht mehr die dogmatische Zwei-Naturenlehre in den Mittelpunkt stellt, sondern die Frage der Nachfolge.

Ich bin davon überzeugt, dass dieser Umschlag zur Erneuerung aller unserer Kirchen führt, aber Erneuerung bedeutet zunächst wahrscheinlich den Preis dramatischer Verluste, über die man in den oberen Etagen unserer Kirche noch nicht nachgedacht hat. Wie nämlich stellen sich Kirchenleitungen und Gläubige zu diesem Umschwung? Es ist zu befürchten, dass die Angst vor Glaubensverlust zunächst zunimmt, dass sich die innerkirchlichen Polarisierungen verschärfen und erweitern. Fundamentalismus wird sich einer gesprächfähigen Offenheit entgegenstellen, die Angst vor einem Identitätsverlust, der Lust also, die Identität täglich in neuen Situationen zu bewähren. Die Kirche wird sich anstrengen müssen, eine neue Höhe angemessener Auseinandersetzung zu erreichen. Andernfalls gehört sie – langfristig und in jedem Fall – zu den Verlierern.

1.2.  c) Diktatur des Relativismus?

In seiner letzten Predigt vor dem letzten Konklave hat Joseph Ratzinger die Stimmung der Kirchenleitung und vieler Glaubenden auf eine eindrucksvolle, wenn auch völlig irreführende Formel gebracht. Er warnte vor der „Diktatur des Relativismus“. In sich, so meine Überzeugung, ist das ein unsinniger Begriff. Relativisten diktieren nicht, denn sie wissen nicht, was sie diktieren sollen. Aber der Begriff bringt die Angstprojektion auf den Punkt, der heute – katholisch wie evangelisch, denken Sie an die vielen evangelikalen Bewegungen – in unseren Kirche herumgeistert. Es ist die Angst, ein große Gleichgültigkeit könne sich in Kirche und Gesellschaft ausbreiten. Zwar gibt es dazu Anzeichen, aber das gegenwärtige Gefühl der Bedrohung wird solchen Relativismus nicht zulassen. Nein, mit „Relativismus“ meint der gegenwärtige Papst die Wende zu einem vergleichenden, auf Wahrhaftigkeit setzenden, in der Liebe zu bewährenden Wahrheitsbegriff.

Deshalb käme alles darauf an, dass wir diesen Umschwung produktiv bewältigen: durch das Kennenlernen der großen Religionen, durch die Begegnung mit den Anhängern anderer Religionen, durch eine versöhnungsbereite Haltung gegenüber ihnen, denen wir Unrecht angetan haben.

1.2.  d) Der Reichtum von Vielfalt und Kooperation

Christlich gesehen muss uns ein produktiver Umgang mit religiöser Vielfalt in unserer Identität keineswegs verunsichern. Wir können von anderen Religionen lernen, uns mit ihnen vergleichen, denn die christliche Tradition lebt ja nicht aus dogmatischen Sätzen, sondern von einer Geschichte, einer gelebten, in jeder Epoche neu gestalteten Erinnerung. Christsein ist ein Lebensprojekt, das um ein Geheimnis kreist. Es kann Koalitionen mit Ideen und Kulturen eingehen: mit der antiken griechischen Kultur, aber auch mit der arabischen, der mongolischen oder indonesischen Kultur. Es kann afrikanische Riten und afrikanischen Umgang mit Menschen aufnehmen, die alten Wurzeln lateinamerikanischer Kosmologie und Verehrung der Erde aufnehmen. Es kann – vor allem – im Blick auf die Menschheitszukunft mit anderen Religionen zusammenarbeiten und aus dem Provinzialismus der vergangenen 2000 Jahre heraustreten. Es kann und muss wohl in einer jeden Generation einen angemessenen, politisch und sozial durchdrungenen Lebensstil entwickeln und immer neue Weg zu den spirituellen Tiefen der Gottesverehrung finden. So gesehen bedeutet Zusammenbruch Fortschritt, Verunsicherung wird zum Exodus zu neuen Zielen, innere Konflikte motivieren zu neuer Gemeinschaft. Christen haben keine Lebensrezepte und keine fertigen Wahrheiten. Im Gegenteil: vieles spricht dafür, dass gerade unser Unwissen, dass gerade das Schweigen Gottes, dass gerade die hohe Sensibilität für ein unergründliches Geheimnis den Kern einer Glaubensgemeinschaft bildet: wir müssen täglich über das Unergründliche reden; wir müssen täglich das Angebot der Gnade in Menschengestalten hinein übersetzen; gerade weil vom Endgültigen niemand, auch kein Hierarch und kein Chef der Glaubensgemeinschaft (auch keiner, der sich „Stellvertreter Christi“ nennt) auch nur einen kleinen Zipfel kennt, sind wir eine geschwisterliche Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Freunden.

1.3 Medien- und Eventkultur

1.3  a) Die Situation

Wir haben im ersten Teil von der harten Schale gesprochen, die unsere Gemeinschaft strukturiert und nach außen handlungsfähig macht. Im zweiten Teil ging es um die Metamorphose einer inneren Haltung zur Wahrheitsfrage, die jetzt nicht mehr als die eine und unveränderliche Richtschnur erscheint, sondern als ein reiches Sinnangebot. Um die gegenwärtige Situation zu verstehen, ist noch ein dritter Aspekt zu betrachten. Ich meine unser Verhältnis zur uns umgebenden Kultur, zur Gesellschaft, zu dem also, was wir Öffentlichkeit nennen. Darüber wäre viel zu sagen. Deshalb beschränke ich mich auf eine Dimension, die in Art und Intensität jungen Datums ist und auf die sich die Kirche noch nicht eingestellt hat. Im Gegenteil, möglicherweise sind die offiziellen Kirchen ihr schon so massiv verfallen, unterliegt sie so sehr der Verführung dieser Kommunikationsart, dass eine Besinnung zur Umkehr keinen Aufschub duldet. Ich meine die Medien. Werden wir von den neuen Medien getragen oder überrollt? Um es gleich zu sagen: Die neue Entwicklung, die ich hier Medien- und Event-Kultur nenne, umfasst die ganze Gesellschaft, bisweilen in einem globalen Ausmaß sogar die Welt.

Ich nenne dazu zwei Voraussetzungen:
(1) Unsere Gesellschaft hat sich ungeheuer differenziert; junge Menschen leben immer schneller und mit immer mehr Reizen. Langfristige Bindungen haben sich deshalb in kurzfristige Erlebniswelten verwandelt: Großveranstaltungen mit überwältigenden Strategien. Wir kennen die Rockkonzerte, sportliche Großereignisse; religiöse schließen sich an.
(2) Die Medien haben einen technischen Höchststand erreicht. Ton, statische und bewegte Bilder können weltweit versandt, vervielfältigt und intensiviert, mit ungeheurer Virtuosität modelliert werden, dass sie überall präsent sind: in Küchen, Wohn- und Schlafzimmern, auf den Schulwegen und in Kaufhäusern, allmählich auch in Kirchen und kulturellen Zentren.

Was sind die Folgen?
Manche sagen, im Grunde haben die Medien nichts verändert, sondern nur eine urmenschliche Tendenz verstärkt. Wir haben uns und unsere Wahrheit schon immer dargestellt und inszeniert. Jede Liturgie ist nichts anderes als eine große Inszenierung eines Gedankens oder einer Erinnerung. Allerdings, so sagen andere, haben die Möglichkeiten der Inszenierung ein solches Maß und solche Techniken erreicht, dass Raum, Zeit, die Grenzen der Vergangenheit in hohem Maße zu neutralisieren sind. Die Welt selbst ist zum Spektakel geworden. Das sehen Sie in der Reklame, in der Politik, im täglich laufenden Televisionsprogramm.

Wie intensiv und wie wirksam dies ist, wie sehr diese Techniken die Wirklichkeit, die Stimmungslagen, das Verhalten einer ganzen Nation ändern können, haben wir zwischen dem 9. Juni und 9. Juli in dramatischer Weise erlebt. „Public Viewing“ hieß das Zauberwort. Ganze Städte tobten, jubelten, bebten. 100.000e auf der „Fan-Meile“ in Berlin, ungezählte Tausende auf dem Schlossplatz in Stuttgart, Massen von Menschen in den zu Schauplätzen umfunktionierten Arenen von Paris, nach Schätzungen in Deutschland insgesamt 16 Millionen, in Berlin allein insgesamt 8 Millionen öffentliche Leinwand-Teilnehmer. Man konnte dort Spielverläufe genauer und detaillierter sehen als an den Spielstätten selbst; die Spiele wurden zu Auslösern des wahren Geschehens heruntergestuft. Die Re-produktion wird zur eigenen Wirklichkeit, das Medium wird zur Botschaft, wie D. Soelle schon vor Jahrzehnten schrieb. Dabeisein am Potsdamer Platz ist interessanter als der Gang zum Stadion. Der Star muss da sein, gleich ob er Ballack, Klinsmann, Pelé oder Beckenbauer heißt. Letzterer wird umjubelt, auch wenn er zehn Minuten redet, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

Fragen wir uns vor dem Hintergrund der vergangenen vier Wochen nach den kirchlichen Großereignissen, die uns zuvor so beeindruckt haben. Sie relativieren sich enorm. Wir erinnern uns an die wachsende Medienpräsenz Johannes Pauls II.: Zeichen seiner charismatischen Begnadung? Vielleicht. Aber schon die Trauerhysterie beim Tode von Lady Diana hätte uns skeptisch machen müssen. Es stellt sich die Frage, wie eine solche Bewegung, ein solches globales Trauerbedürfnis zustande kommt. Junge Menschen suchen Gemeinschaft (und sie sind enorm mobil geworden); sie haben keine Gelegenheiten mehr, ihre Trauer auszuagieren. Denken wir zurück an die Krankheits- und Sterbetage des vergangenen Papstes, an die emotionalen Ausbrüche bei seiner Beerdigung, an das ungeheure Erstaunen über den „Erfolg“ des Weltjugendtages in Köln im August 2005. War das alles außerordentlich? Ein Bischof soll damals zum Seelsorger von Schalke 04 gesagt haben: „Du, dieses Ereignis war außerordentlich beeindruckend!“ Der Seelsorger habe geantwortet: „Stimmt, Ihr habt das einmal in vielleicht vier Jahren. Ich mache das an jedem Wochenende mit.“

Wenn solche emotionalen Zustände von den Großmedien inszeniert, ausagiert und angeheizt werden, wenn die Jugend auf den Konsum solcher Ereignisse trainiert wird, dann reden wir von einer Event-Kultur. Neben einer sportlichen, musikalischen und vielleicht kulturellen Event-Kultur kennen wir inzwischen eine religiöse Event-Kultur, auf deren Inszenierung sich die römischen Instanzen gut verstehen. Es bleibt nur die Frage, wer bei solchen Ereignissen Täter, wer Nutznießer, wer vielleicht ein Opfer wird, ausgenützt, ohne dass es selbst diese Instrumentalisierung bemerkt. Vielleicht lassen sich Täterschaft und Opfersein gar nicht mehr unterscheiden, weil die Medien und die katholische Kirche im Sinne Roms einander brauchen. Vergessen wir nicht, dass die römisch-katholische Kirche, wie sie sich nach der Reformation gefunden, erneuert und stabilisiert hat, ihre Wurzeln in der Zeit des Barock mit seinen hochtheatralischen Inszenierungen hat. Rom hat in Fragen der Selbstinszenierung eine hohe Meisterschaft erworben. Hat die Kirche also die Medien, von welchem Augenblick an haben die Medien das kirchliche Geschehen in der Hand? Entscheiden Sie selbst.

1.3  b) Was macht die Event-Kultur mit der Kirche?

Es fällt auf, wie nahtlos die Symbiose von Medien und katholischer Selbstdarstellung in den vergangenen Jahren gelungen ist. Das hat seine Gründe. Wie schon gesagt. Religionen leben von Darstellung und Inszenierung. Ich nenne die Sakramente, deren Grundprinzip die Wiederholung und Erinnerung im gegenwärtigen Handeln (Spiel?) ist. Ich nenne das barocke Rom, St. Peter mit seinen liturgischen Mega-Events allen voran. Ich nenne – als qualitativen neuen Schritt das vergangene Pontifikat, in dessen Fußspuren sich das Neue zu stellen scheint.

Wie alle Religionen enthält auch die christliche Tradition starke Elemente der Imagination. Die Phantasie, Hoffnungsbilder, Träume des Heils werden angeregt. „Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, eure Alten werden träumen“ (Apg 2,17). Eine ideale, blühende Phantasie inspiriert den Alltag, wird als gegenwärtige Wirklichkeit oder Möglichkeit zur Darstellung gebracht. Die Eucharistie gilt in den orthodoxen Kirchen geradezu als Herabstieg, als die Gegenwart des Himmels, in den westlichen Kirchen als angebotene Gemeinschaft und Versöhnung mit Mensch und Natur. Leuchtende Gewänder, eindrucksvolle Gesten und Hoheitszeichen, in Jahrhunderten entstanden, uralte Ritualisierungen haben einen ganzen Kosmos von Symbolen entstehen lassen: Licht, Musik, Wein und Brot, Wasser, Feuer, Tod und Auferstehungswelten tauchen da auf. Rom sollte nicht vergessen, dass dieses Universum von Symbolen gerade in einer Zeit eine hohe suggestive Kraft entwickelte, als es noch keinen Funk, kein Telefon, keine Tonverstärker und Datenträger für Stimme und Musik, als es noch keine elektrischen Lichtquellen verschiedenster Art, noch keine Verbundtechniken über Sendemasten und Satelliten gab. Die Wirksamkeit vergangener Symbolwelt muss also andere Gründe gehabt haben als die reine, überdimensionierte laute, helle, ungeheuer schnelle, kontrastreiche, auf Starpräsenz fixierte Überwältigungstechnik, von denen deren Wirksamkeit heute abzuhängen scheint. Es ging um elementares Geschehen, um fundamentale Einfachheit, um das – oft sehr stille und nüchterne – Zusammenspiel von Heilserwartung und deren fragmentarischer, immer wieder unterbrochener Erfüllung.

Spätestens mit der Reformation kam ja eine andere Entwicklung in Gang. Im Gegensatz zur mittelalterlichen Prachtentfaltung und im Konflikt mit der Neuentdeckung von Schrift und Wort hatte sich eine ganz neue Ästhetik entwickelt, die aber in der Mitte auseinanderbrach und zu zwei Konfessionen führte. Es ist einerseits die zurückgenommene Ästhetik des Hörens einer hochdisziplinierten Musik und der Wortauslegung, der Konzentration auf die eine Sinnmitte der Welt, über die nachzudenken ist. Es ist andererseits, wie schon gesagt, jene Ästhetik der äußeren Pracht. Beide haben einander nicht mehr korrigiert, sondern im Spiegel des Gegenteils verstärkt. Schlüsselwort des barocken Katholizismus war und bleibt der Triumph: Triumph der Gnade, Triumph Christi, allerdings und darin verschränkt Triumph der Kirche und ihrer Ämter, die uneigentliche Hierarchie und das Zinnoberrot der Kardinäle, die Prunkattitüde der Fronleichnamsprozessionen, die Prachtgräber die Päpste ihn Rom (im flämischen „Prahlgrab“ genannt). Überall diese Triumphidee als treibender Motor?

Ging es im Protestantismus nicht auch um den Triumph von Gottes Gnade? Ja, aber der – auch für die Gegenwart entscheidende – Unterschied lag in der Differenzierung:
* Um des Triumphes der Gnade und Christi willen haben Menschen, so die protestantische Antwort, ihren Triumph abzulegen, zu reduzieren, Bescheidenheit zu artikulieren.
* Um des Triumphes der Gnade und Christi willen dürften und sollen auserwählte Menschen (d.h. die Hierarchie) fürstlichen Triumph ausstrahlen, vielleicht auch Leben. Die Kirche darf sich als Leib Christi feiern. Ihre staatliche Machtposition ist so legitimiert, ihre Heilsfunktion bestätigt. Bislang kenne ich keinen Papst, der einem Triumphzug auswich. Er schädigte ja nicht, er unterstützt damit den Triumph Gottes.

Triumphalismus ist deshalb die Falle, die eine Event-Kultur der Kirche anbietet. Mit ihm hat die Kirche eine unakzeptable Grenze überschritten. Es verlangt zunächst den Mut, die Symbiose von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI. als naiven und unerlaubten Triumphalismus anzuprangern. Dazu gehört auch der Versuch, eine Theologie der Medien zu entwickeln, das dieses Problem zu lösen hilft. Dies sei noch kurz erläutert.

1.3  c) Ein neues Innen und Außen

Fragen wir, in welche Situation die – durch Medien in Gang gehaltene – Event-Kultur die Kirche bringt. Was lässt Kirche in diesem Kontext mit sich machen? Worin täuscht sie sich? Ganz offensichtlich schafft die Medien- und Event-Kultur ein neues Verhältnis von Innen und Außen; in diesem Veränderungsprozess wird auch den Gläubigen ein neuer Platz zugewiesen. Es gibt kein räumlich bestimmtes Innen und Außen mehr, das dem Innenraum eine verbindliche Glaubens- und Wahrheitsgemeinschaft zuwies, dem Außenraum eine säkulare Gegenwart, die sich auf die moralischen Regeln der Kirche beschränkte. Die Medien stülpen das Innen nach außen: Ich kann die Predigt im Radio hören, in meinem Wohnzimmer den römischen Ostergottesdienst mitfeiern, eine Mahlfeier wird in die absurde Umkehrsituation eines hierarchischen Schauessens umfunktioniert. Das Problem zeigt sich darin: Die Kirchenleitungen deuten eine Massendemonstration von 800.000 Menschen als Zeichen des kirchlichen Glaubens.

Man hat noch nicht begriffen:
(a) Diese nach außen gewendete Innenseite (man stellt ja dar, praktiziert aber nicht) vergisst oder überschlägt das Kriterium der Glaubwürdigkeit, der Authentizität, der verbindlichen Teilnahme. Um Nachfolge geht es da nicht. Die Jugend, die anwesend zu sein scheint, bleibt in Wirklichkeit draußen, so wie ich auf der Fanmeile in Berlin beim Fußballspiel zu sein scheine, in Wirklichkeit aber draußen bin. Hier ist keine Kommunikation möglich. Es geht nicht mehr um Lernfähigkeit, geschweige denn um Bekehrung, auch nicht mehr um Innerlichkeit, um spirituelle Innerlichkeit, die Stille, Zeit, kleine Gruppen nötig hat.
(b) Mehr noch: Die Kirche wendet sich in unserer Medienkultur auf intensive Weise nach außen. Man könnte an einen missionarischen Impuls im besten Sinne der Wortes denken. Christen sind es, die an die Straßen und Zäune gehen. In Wirklichkeit geht es um Überwältigung. Wahrheitsfragen werden nicht besprochen, statt dessen findet Verführung und Überredung statt, wo Kommunikation, der Austausch von Fragen und Zweifeln, die persönliche Lebenshilfe vor Ort nötig wären. Die Kirchenväter sprechen vom Glanz auf den Schuppen der Schlange. Man hat vergessen, dass es auf elementare Authentizität ankommt.
(c) Schließlich erliegt eine medienverfallene Kirche einem großen Irrtum. Die Medien greifen auf das visuelle Angebot der Kirchen gerne zurück. Streng genommen benutzen sie es als Unterhaltungswert. Nachdem die Kirchensendung abgelaufen ist, werden ein Boxkampf oder die Tour de France zum Unterhaltungsinhalt. Die Kirchen sind sich überhaupt nicht bewusst, wie sehr sie sich selbst relativieren. Anders gesagt, Medienpräsenz bedeutet für die Kirchen immer noch: Monopolanspruch in Sachen Religion. Sie haben ihre Verpflichtung zu einer religiösen, auch multireligiösen Offenheit noch nicht gelernt. Die Kernbotschaft lautet immer noch: Monopol der Priesterschaft, Monopol von Bischöfen und Kardinälen, triumphaler Anspruch der Päpste.
Sollte sich dieser Trend fortsetzen, dann würde die Kirche – ohne es zu bemerken – ihre eigene Botschaft aushöhlen. Können wir dagegen etwas tun?

Ich fasse zusammen:

Das also sind die Lasten der aktuellen Situation. Es wird an uns sein, sie zu schultern und abzutragen. Ich halte das, was gegenwärtig geschieht, für eine außerordentlich prekäre Situation. Sie ist uns noch zu nahe, als dass wir genau und zielgerichtet mit ihr umgehen könnten. Die Institutionen haben sich verselbständigt und können auf die Gegenwart kaum reagieren. Das innere Glaubensverständnis ist im Augenblick im Umbruch begriffen. Zugleich wächst ein neues Außenverhältnis an, mit dem nicht bewusst und abgewogen umgegangen wird. Die Verehrung von Amtsträgern hat sich intensiv gesteigert (Päpste werden zu Stars). Fundamentalismus ist hoffähig geworden (Verketzerung und innere Spaltung sind in vollem Gange). Triumphalismus wird als etwas Gutes akzeptiert (Massenaufläufe gelten zum Maß wahren Glaubens), dies alles als vermeintlicher Ausweg aus dem aktuellen Niedergang, der die Seelsorge zusammenbrechen lässt, die Verkündigung in eine Krise treibt, die Gläubigen wieder zu Wahrheitsempfängern degradiert.

Wo also stehen wir? Wir stehen im Übergang, der Auszug aus liebgewordenen Gewohnheiten, zugleich Einzug in ein neues, zwar fruchtbares, aber noch unkultiviertes Land bedeutet. Darüber sei noch einiges gesagt.

II. Drei Visionen

Als glaubender Mensch, aber auf Grund vielfältiger Beobachtungen halte ich den christlichen Glauben für zukunftsfähig, die Kirche für so zukunftsfähig, als sie sich dem christlichen Glauben öffnet. Wir sollten nicht nur unsere Ideale der Geschwisterlichkeit und unteilbaren Menschenrechte, sondern auch eine offene Beziehungsfähigkeit und den Abbau des kirchlichen Standesdenkens propagieren. Wir müssen zu Spezialisten in Erkennen und Diagnose all jener Signale werden, die den Koloss und Global-Player zu zementieren drohen. Die katholische Kirche umfasst etwa 1,2 Milliarden Anhänger. Es wäre gelacht, wenn sich nicht einige Tatkräftige finden ließen. Vergessen wir nicht: Gott ist immer ein Gott der Zukunft; sein Heil ist immer, ist definitionsgemäß im Kommen. Ich nenne drei diagnostische Felder, die diese Hoffnung illustrieren sollen. Ich setze voraus, dass es bei allem Niedergang und dass es bei allen Risiken immer engagierte Menschen gibt, die in elementarer Weise die Sache des Glaubens ergründen.

2.1 Gemeinschafts- und lernfähige Kirche

2.1  a) Durch Veränderungen überfordert

Wie ich sagte, öffnet sich nicht nur unser Verständnis von Glauben, sondern klaffen auch kirchliche Innen- und Außenkultur immer mehr auseinander; zugleich verlieren die kirchlichen Institutionen an Flexibilität. Die meisten Christen wissen die hochkomplexen Glaubensinhalte nicht mehr nachzuvollziehen, gleichzeitig werden sie mehr denn je darauf festgenagelt. Ein wichtiger Grund mag dafür sein, dass die Neuansätze der sechziger Jahre (2. Vatikanisches Konzil, beginnende Ökumene, Neuentdeckung des Schrift, Entwicklung außereuropäischer Theologien) viele, vor allem die Kirchenleitungen überforderten (nachweislich überfordert war z.B. Joseph Ratzinger). Zum ersten Mal prallten nicht nur inhaltliche Differenzen, sondern ganze Sprach- und Denkwelten aufeinander.

Beispiele sind:
biblische Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie;
Handeln Gottes, ohne dass er in die Welt eingreift;
geschichtliche Bedingtheit von Glaubenssätzen und –regeln;
die Entdeckung der Schrift und ihrer Auslegung;
die Neuinterpretation von Erbsünde und Gnade, von der Bedeutung des Todes Jesu sowie seiner Auferstehung;
Abschied vom antiken Menschenbild („Seele“ und Leib);
das Recht anderer Auslegungen des Glaubens.

Konservative Christen hegen oft den Verdacht, wir hätten die Dimension des Göttlichen aufgegeben, Gnade durch Humanität ersetzt, den persönlichen Gott zu einem anonymen Etwas gemacht. Das ist zwar Unsinn, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. Inzwischen ist eine Generation herangewachsen, die unsere christliche Religionspraxis (in welcher Kirche auch immer) nur noch bedingt kennt und sich kaum mehr auf eine bleibende Verbindlichkeit ansprechen lässt. Zwar stellen sie Grundhaltungen wie Verlässlichkeit, Treue und gegenseitige Verantwortung nicht ausdrücklich in Frage, aber machen deren Verwirklichung von Situationen abhängig. Religion wird von ihrem Event-Charakter her wahrgenommen.

2.1.  b) Träume und Visionen

Wir sollten diese Entwicklung nicht einfach verurteilen, denn wahre Religiosität lebt auch vom Außerordentlichen. Ich nenne die eschatologische Hochspannung in der Zeit Jesu: „Die Zeit ist erfüllt. Gottes Reich ist nahe!“ (Mk 1,15), die Erfahrung des Außerordentlichen bei Paulus: Ekstase und Entflammbarkeit (Röm 12,11), mit Sturm und Feuerfunken (Apg 2,1-4), der Schrei nach dem Neuen, der in unseren domestizierten Übersetzungen ein „Seufzen“ genannt wird (Röm 8,26). Aber hinzu kommen tragfähige Strukturen, die Konfrontation mit Vergehen und Vergänglichkeit, die Erfahrung des Todes, die „Nacht der Seele“ (Johannes vom Kreuz). So können auch schnelle Veränderungen religionsproduktiv[1] werden. Gerade deshalb dürfen wir Events nicht zur Verlockung junger Menschen missbrauchen. Wir sollten nicht versuchen, sie damit in unsere Innenwelt hineinzulocken. Es reicht nicht, einen reichen Schatz an Selbstdarstellung und Symbolen zum Großereignis zu machen. Es bedeutet keine Hilfe, wenn wir unsere Identität auf neuen Propagandawegen verkaufen[2]. Wir finden nur dann Zukunft, wenn wir uns auf einen langen und mühsamen Lernprozess begeben, wenn junge Menschen uns die heraufkommende Zukunft deuten. Sie sind nicht immer offener, beweglicher als wir, aber sie sind sensibel für eine neue Zeit. Die Träume der Jugend haben erneuernde Kraft. Der religiöse Frühling entsteht nicht mit einer jubelnden Papa-, Giovanni- oder Benedetto-Jugend, nicht auf der Weltreise zum nächsten Jugendtreffen, sondern im Versuch, den Weg Jesu Christi aus dem Horizont junger Menschen neu zu begreifen. Dies können wir aber nicht auf Mega-Veranstaltungen leisten, sondern im alltäglichen Umgang.

2.1  c) Verjüngte Identität

An diesem Punkt knüpft meine Vision für ein verjüngtes, für ein im Herzen und im Geist junges Gottesvolk an. Es geht um eine neue und verjüngte Identität. Diese erneuerte Identität mag zwar auch den Erfolg lieben, aber ohne Erfolgszwang kümmert sie sich um die Sache selbst. Genau besehen hat die Kirche immer offene Grenzen gehabt, weil sie um den Wert des Neuen immer wusste. Das also ist eine wirkliche Vision: Kirche kann jung sein. Sie kann neu lernen, neu träumen und Zukunft entdecken. Wenn auf solchen Entdeckungsreisen dann wirklicher Jubel ausbricht, dann mögen wir auch den Spott derer akzeptieren, die sagen: „Sie sind voll süßen Weines.“ Dann können wir nämlich in aller Ruhe und wirklich prophetisch antworten „Eure Söhne und Töchter weissagen und die jungen Menschen schauen in die Zukunft, eure Alten träumen … Und ich werde Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf der Erde“ (vgl. Apg 2,13-19). Solche Zeichen werden nicht von außen herbeigerufen und nach außen präsentiert, sondern von innen her die Identität unserer Kirche neu bestimmen.

2. 2. Authentische und elementare Kirche

2.2  a) Leibgewordene Ehrlichkeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war vom Erwachen der Kirche in den Seelen der Menschen die Rede. Es war gekoppelt mit einer Erneuerung der Liturgie. Man hatte zu menschennahen, zu elementaren und ursprünglichen Vollzügen zurückgefunden. Lange Zeit bedeuteten „Öffentlichkeit“ und „Medienwelt“ für die Kirchen ein Problem, wenn nicht gar ein Trauma, denn sie beugten sich nicht mehr kirchlichen Gesetzen. Wenn sich heute – wie es scheint – diese Situation grundlegend geändert hat, wäre ein ungeschmälertes Medienvertrauen ebenso fatal. Grundlage allen Handelns muss eine authentische und elementare Kirche sein, die nach außen nichts vorspiegelt, was nach innen nicht besteht. Angesichts unsere Medienwelt hoffe ich auf eine Kirche, die leibgewordene Ehrlichkeit geworden ist, die begründete Kritik akzeptiert, die den Mut hat, auch Unsicherheit und Schwächen zu zeigen. Unter dieser Voraussetzung wird die kirchliche Medienpräsenz die Innendimension des christlichen Glaubens nicht mehr verbergen, sondern eröffnen; das Gottesvolk wird nicht mehr als Geräuschkulisse hierarchischer Selbstdarstellung dienen.

2.2  b) Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit

So zielt meine Vision auf eine Kirche, die sich zu ihrer Menschlichkeit bekennt, sich nicht in eine autoritäre Innenwelt und in eine freundliche Oberfläche spaltet. Sie muss also allen Narzissmus ablegen, in den sie geraten ist. In diesem Sinne müssen wir endlich beginnen, die wahre Herausforderung der Medien für die Kirche zu erkennen. Nicht die Kirche, nicht ein Papst, auch kein Bischof ist an der Zeitenwende erschienen, sondern „die Güte und die Menschenfreundlichkeit [die philanthropia!] Gottes“ (Tit 3,4).

2.3 Religiös offene und gesprächsfähige Kirche

2.3  a) Überlegenheit?

An den nicht-christlichen Religionen hat die Kirche in den vergangenen Jahrhunderten im Grunde kein Interesse gehabt. Eine positive Ausnahme bildet das Judentum, das nach den grausamen Erfahrungen der Schoa wieder entdeckt und meistens angemessen gewürdigt wird. Eine negative Ausnahme bildet der Islam, der uns seit dem Mittelalter als polemische Folie zur Abwehr von Unglaube und Ketzerei diente. Ich wünsche mir eine Kirche, die gegenüber den anderen Religionen keine Gefühle der Überlegenheit und Ausschließlichkeit mehr hegt. DOMINUS IESUS (2000) spricht noch eine Sprache der Angst, deshalb ist dieses Dokument aus dem Verkehr zu ziehen. Auch hier ist die Basis erheblich weiter als die Kirchenleitungen, die ihren Führungsanspruch immer noch nicht aufgegeben haben.

2.3  b) Gott in vielen Religionen

Gottes Volk kennt hingegen keine Grenzen. Zu ihm gehören alle Menschen „guten Willens“, erst recht all diejenigen, die sich – in welcher Form auch immer – auf eine letzte Wirklichkeit einlassen, ganz besonders die Anhänger monotheistischer Religionen. Auf dem 2. Kongress der Weltreligionen hat man eine solche Identität gefunden: „Wir … religiöse und spirituell orientierte Menschen, die ihr Leben auf eine Letzte Wirklichkeit gründen und aus ihr in Vertrauen, in Gebet oder Meditation, in Wort oder Schweigen spirituelle Kraft und Hoffnung schöpfen, haben eine ganz besondere Verpflichtung für das Wohl der gesamten Menschheit, aber wir vertrauen darauf, dass uns die uralte Weisheit unserer Religionen Wege auch für die Zukunft zu weisen vermag.“[3] Das ist eine nüchterne Selbstbeschreibung, in deren Zentrum der gemeinsame Horizont steht. Er lautet: Einsatz für eine versöhnte Menschheit und eine bewohnbare Erde. Vor diesem Hintergrund verschwindet die Angst vor dem Synkretismus, lassen sich sogar Buddhisten mit ins Boot holen, die sich in tiefer Ehrfurcht weigern, von „Gott“ auch nur zu reden. Meine Vision ist vor diesem Hintergrund nicht ein neues Gottesbild, sondern eine neue Zukunftshoffnung, die uns über die Mauern der eigenen Kirche hinaus zu einen vermag[4]. So muss sich unser Umgang mit anderen Religionen in der konkreten Alltagspraxis als wahr erweisen.

Zusammenfassung:

Wenn es letztlich aber auf diesen Lebensradikalismus ankommt – einen Radikalismus, der in jeder Epoche seine neuen Formen und Selbstprüfungen finden muss, dann kann sich die Nachfolge Christi nie und nimmer vorbehaltlos zum eigenen religiös institutionalisierten System verdichten. Die Grenzen der Kirche sind prinzipiell offen, entscheidender Impuls dieses Lebens ist das, was E. Schillebeeckx die immer paradoxe „Kontrasterfahrung“ nennt. „Kontrasterfahrungen“ sind Erfahrungen des radikal Anderen, einer unreduzierbaren Alterität. Es sind die ständigen Erfahrungen gerade dessen, was uns weder in den Kram, noch in unsere wohlgeordneten Lebensverständnisse passt. Für Schillebeeckx kann Heilserfahrung nur in einem solchen Rahmen in Gang kommen. Das könnte unsere dritte Vision sein, auf die es mir heute ankommt. Es ist die Vision einer wirklich offenen Kirche. Die kirchlichen Grenzen und Absprachen können und dürfen sich in keiner Weise als Grenzen für unseren Kontakt und Austausch, für unseren Einsatz für andere Menschen auswirken. Christus, der Messias, sagt am Ende der Geheimen Offenbarung: „Siehe, ich mache alles Neu!“ Diese Verheißung setzt unsere Bereitschaft zur Offenheit voraus. Deshalb ist für mich diese Lebensradikalität zugleich auch die Vision der Visionen, die uns als Gottesvolk heute weiterführen kann.

III. Von der Vision zur Realität

Spätestens seit dem 2. Vatikanischen Konzil haben wir immer neue Visionen einer erneuerten Kirche entfaltet. Waren sie realistisch? Die Enttäuschungen sind groß. Die Ziele des 2. Vatikanischen Konzils wurden in aller Form revidiert. Viele Kritiker sind ausgewandert; Resignation hat sich breit gemacht. Theologische Fakultäten trocknen aus und Seelsorgestrukturen brechen zusammen. Doch gibt es Grund und Motive genug, um dieser Gefahr zu widerstehen. Ich habe von drei Grundpfeilern gesprochen, die meine Hoffnungen begründen. Ich sprach von
(1) einer wirklich erneuerbaren, einer täglich erneuerungsbereiten Kirche, die unsere Jugend nicht belehren, sondern von ihr lernen will;
(2) einer authentischen Kirche, die sich der Kamera der Wahrheit ausliefert und weder mit Schminke noch mit Verdrängung reagiert;
(3) einer offenen Kirche, die sich für das Wohl Anderer einsetzt und nicht am scheinbaren Vorteil des eigenen Konzepts hängt.

Ich weiß aber, dass solche Visionen mit dem Realismus des Alltags zu versöhnen sind. Ihn möchte ich in acht Gesichtspunkten zusammenfassen:

3.1 Von der Volkskirche zur Kerngemeinde

Die Gemeinden in Westeuropa wachsen aus ihrem volkskirchlichen Charakter vollends heraus. In der Anzahl schrumpfen sie; sie werden zu Gemeinden von Entschiedenen werden. In hohem Maße verlieren sie ihren messbaren (politischen, kulturellen und sozialen, finanziell solide unterbauten) Einfluss. Umso deutlicher stellt sich heraus, dass sie an unserer Gesellschaft einen Dienst zu erfüllen haben. Es ist der Einsatz für die Fähigkeit zu Gemeinschaft, Solidarität und Versöhnung.

3.2 Von der Kleriker- zur demokratischen Kirche

Die amtlich sanktionierten Kirchenleitungen werden stark geschwächt; nach innen und nach außen gehen Einfluss und Autorität stark zurück. Das führt zu vielfachen Irritationen und Konflikten. Umso selbständiger werden die einzelnen Gemeinden und deren demokratische Strukturen. Weitgehend nehmen die Gemeinden selbst ihre Grundfunktionen in die Hand (Liturgie, Glaubenslehre, Diakonie). Dabei formen sich auch sakramentale Funktionen so um, dass sie von „Laien“, insbesondere auch von Frauen übernommen werden können. Die Beispiele anderer Kontinente gewinnen Einfluss.

3.3 Differenzierung der Funktionen

Mit dieser schwierigen Neuorientierung nach innen und nach außen (Wie organisiert sich die Gemeinde? Wer spricht für sie nach außen?) gewinnen die Gemeinden zwar nicht an messbarem Einfluss, aber an Glaubwürdigkeit. Bei flacher Organisation differenzieren sich die Gemeinden in vielfältige (stabile und aktuelle) Gruppen; sie erscheinen als ein Netzwerk von religiösen, diakonalen und anderen Aktivitäten.

3.4 Gottesdienstformen

Der sonntägliche Gottesdienst bleibt das spirituelle Zentrum der Gemeinschaft. Die Eucharistiefeier ist für die Kerngemeinde bestimmt.
Die Gottesdienstformen werden vielfältiger, gegebenenfalls nach Alter, Geschlecht und Interessen differenziert. Die Abhängigkeit von einem ordinierten Priester sinkt dramatisch. Dennoch wird deren Dienst dankbar angenommen. Interpretationshorizont allen Tuns bleibt die Frage nach Gott als dem anwesend-abwesenden Grund. Unabhängig davon bilden die Gemeinden Strukturen der Selbstverwaltung und Selbststeuerung aus.

3.5 Innerchristliche Ökumene

Innerchristliche Ökumene wird in der Gemeindepraxis zur Selbstverständlichkeit; auf der Ebene der Aktivitäten und Gottesdienste verwischen sich die Unterschiede. Daneben gewinnen Gesinnungslinien, die quer durch die Konfessionen gehen, an Bedeutung.

3.6 Nichtchristliche Religionen

Mit wachsender Bedeutung anderer Religionen öffnen sich die Gemeinden – in Gespräch, Handeln und Gebet – anderen Religionen. Die Scheu vor dem „Irrglauben“ schwindet. Dadurch wird die christliche Identität nicht geschwächt, sondern zu einer natürlichen, wenn auch oft besprochenen und bekannten Selbstverständlichkeit.

3.7 Dienst an der Gesellschaft

Mit wachsender Religionsferne und je diffuser das Wissen um Religionen in der Gesellschaft im ganzen wird, wachsen die Gemeinden in neue, bislang unbekannte Aufgaben an der Gesellschaft hinein. Es ist ein religiöser Dienst (service) an Menschen und Gesellschaft. Religion und Religiosität waren ja nie ausschließlich in den Kirchen zu Hause. Aber in der Neuzeit mussten die Kirchen immer mehr begreifen, dass sie bei der Gestaltung einer allgemeinen zivilen Religiosität einen wichtigen Dienst zu versehen haben. Sie haben dafür zu sorgen, dass Religiosität nicht verwildert, nicht inhuman oder schlicht absurd wird, nicht in destruktive Formen abgleitet (denken Sie etwas an den Satanismus mit seinen lebensbedrohlichen Auswüchsen). Diese Gefahr ist immer gegeben, denn Religionen wissen sich immer mit Gewalt konfrontiert.

Solche Dienste können sein:
– Einführungen und (unverbindliche) Informationen zu Sache Jesu und der christlichen Tradition;
– aufklärendes, gegebenenfalls ausgleichendes und vermittelndes Handeln gegenüber anderen Religionen und zwischen ihnen;
– ein allgemein religiöser Dienst gegenüber Mensch und Gesellschaft (religiöse Feiern, zumal Übergangsriten und Beerdigungen, Trost und Hilfe bei Unglücken und Verzweiflung);
– das Wachhalten der Gottesfrage in Gesellschaft und Öffentlichkeit („civil religion“).

3.8 Ortskirche und Weltkirche

Die Grundstrukturen von Gemeinden, Bistümern und Weltkirche bleiben erhalten. Faktisch verliert der Papst seine Monopolstellung, obwohl er als höchste Autorität der katholischen Gesamtkirche anerkannt bleibt. Eine kirchliche Gesamtleitung setzt in wachsendem Maße Prozesse der Dezentralisierung voraus. Gemessen wird der Papst an seinem Einsatz für
– das offene innerkirchliche Gespräch sowie den innerkirchlichen Informationsaustausch,
– den zügigen Fortschritt der christlichen Ökumene bis hin zur gegenseitigen Anerkennung kirchlicher Ämter sowie des Abendmahls,
– eine geschwisterliche Begegnung zwischen den Religionen,
– die Versöhnung der Menschheit und die Verhinderung von Gewalt.

Schluss

Dieser Vortrag stand unter dem Thema: „Wie wird die Kirche von morgen aussehen? Zur neuen Ökumene in einer säkularen Gesellschaft.“

Vielleicht finden Sie, dass die Frage der Ökumene nicht intensiv genug besprochen wurde. Aber mit Absicht wollte ich von der „neuen Ökumene“ sprechen. Mit dieser „neuen Ökumene“ meine ich nicht jene alte, sicher verdienstvolle und ganz wichtige ökumenische Bewegung, die über Jahrzehnte hin Differenzen inventarisiert, verglichen und Steine aus dem Wege geräumt hat. Sie ließ gemeinsame geistliche Erfahrungen entstehen, die sich aber immer wieder von den offiziellen Schritten und Entscheidungen der Kirchenleitungen abhängig machten.
* Neu ist in unserer heutigen Situation, dass Ökumene an vielen Orten zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Wir verstehen kaum mehr, dass und warum es eigentlich noch kirchentrennende Unterschiede geben soll.
* Eine neue Situation ist auch dadurch entstanden, dass die junge Generation (wie wir sahen) die Wahrheitsfrage in ganz anderer Weise stellt als wir wie gestellt haben.
* Eine neue Situation ist dadurch entstanden, dass Christen sich die deutsche Gesellschaft nicht mehr in einen evangelischen und katholischen Teil aufteilen. Nein, Christen sind auf dem besten Wege dazu, in dieser mehr und mehr säkularen Gesellschaft zur Minderheit zu werden. Den Luxus der inneren Grabenkämpfe sollten wir uns deshalb nicht mehr erlauben.
* Schließlich ist unsere Ökumene auch deshalb neu, weil die vielen Verluste, die wir im Augenblick erleiden, den Weg zu einer ganz neuen Form gemeinsamen Christseins eröffnen. Davor brauchen wir uns nicht zu scheuen, denn der Geist war schon immer mit den Suchenden.

(Vortrag 11.07.2006)

 

Anmerkungen

[1] Siehe: H.- J. Höhn, Gegen-Mythen. Religionsproduktive Tendenzen der Gegenwart, Freiburg 31996. Der Begriff „religionsproduktiv“ ist zwar zum Modewort geworden, aber doch erhellend. Ein erster Blick nach Google zeigt, wem alles der Begriff zugeordnet wird: dem Ästhetischen, der Gesellschaft und der Großstadt, der Moderne und der Postmoderne, der Popmusik, der Katastrophe und dem Säkularismus, ja sogar dem Internet selbst. Nur die Kirchen scheinen nicht mehr religionsproduktiv zu sein, oder grundsätzlicher gesagt: Neue Religiosität entsteht auf Kosten des Christentums.

[2] Man sollte nicht vergessen, dass der Begriff der Propaganda (des zu verbreitenden Glaubens) dem katholischen Sprachschatz entstammt.

[3] Zitiert nach H. Küng und K.J. Kuschel (Hg.), Erklärung zum Weltethos. Die Deklaration des Parlaments der Weltreligionen, München 21996, S. 21.

[4] Der weltweite Erfolg des von H. Küng entwickelten „Projekt Weltethos“ zeigt, dass dieses neue Denken von gemeinsamen und höchst praktischen Zielen her einem tiefen Menschheitsbedürfnis entspricht, von dem die aktuellen Globalisierungsprozesse begleitet sind.