Was ist Klerikalismus?

Klerikalismus ist ein Kampfbegriff, auf den die Kirchenkritik schon oft zurückgegriffen hat. Seitdem ihn Papst Franziskus in seinen Wortschatz aufgenommen hat, ist dieses streitbare Wort auch bei kirchlichen Insidern hoffähig geworden. Kardinal Marx hat ihn bei seinen Stellungnahmen zu den epidemischen Missbrauchsskandalen übernommen. Franziskus kann konkreter werden.

I.                      Ein vieldeutiger Kampfbegriff
1.1                   Ein visionäres Ziel
1.2                   Staatspolitisch
1.3                   Reformpolitisch

II.                      Männerbünde: Merkmale
2.1                   Archaische Kernstruktur
2.2                   Besondere Aufgabe und Legitimation
2.3                   Sakralisierung
2.4                   Geschlossene Kommunikation und Intransparenz
2.5                   Traditionsbildung
2.6                   Problem Sexualität
2.7                   Selbstdarstellung
2.8                   Ein durch und durch menschliches Phänomen

III.                    Klerikalismus: Theologische Legitimationen
3.1                   Apostolischer Ursprung (Baustein 1)
3.2                   Klerus und „Laien“ (Baustein 2)
3.3                   Sakrales Amtsverständnis (Baustein 3)
3.4                   Kultur der Geheimhaltung (Baustein 4)
3.5                   Verrechtlichung (Baustein 5)
3.6                   Schrift und Tradition (Baustein 6)
3.7                   Ausschluss der Frauen und Zölibat (Baustein 7)
3.8                   Prachtentfaltung (Baustein 8)

IV.                    Schluss: Überwindung eines destruktiven Systems
4.1                   Klerikalismus unter Kritik
4.2                   Kluge Strategien
4.3                   Der Ernst der Lage
4.4                   Kann ein Papst die Kirche retten?

Was ist Klerikalismus?

I.      Ein vieldeutiger Kampfbegriff

Klerikalismus ist ein Kampfbegriff, auf den die Kirchenkritik schon oft zurückgegriffen hat. Seitdem ihn Papst Franziskus in seinen Wortschatz aufgenommen hat, ist dieses streitbare Wort auch bei kirchlichen Insidern hoffähig geworden. Kardinal Marx hat ihn bei seinen Stellungnahmen zu den epidemischen Missbrauchsskandalen übernommen. Franziskus kann konkreter werden. Mit „Klerikalismus“ geißelt er die für ihn typischen Untugenden eines Klerus und einer Hierarchie, die träge und selbstsüchtig geworden sind, die sich nicht mehr reformieren wollen, nicht mehr zu den Bedürftigen an die Ränder der Kirche gehen und dadurch ihre Ziele als innerkirchliche Elite verfehlen.

Dennoch klingen die weiteren Ausführungen dazu recht vage. Kardinal Marx und andere Bischöfe scheinen damit keine handfesten Vorstellungen, allenfalls zu viel Machtgier und Egozentrik zu verbinden. So lässt sich mit diesem Begriff zwar trefflich streiten, er droht jedoch zu einem populistischen, meist unkritisch verwendeten Schimpfwort zu verkommen. Man sucht mit ihm die Sündenböcke, die im Augenblick für den miserablen Zustand der römisch-katholischen Kirche verantwortlich gemacht werden.

1.1  Ein visionäres Ziel

In der Tat haben in der katholischen Kirche in übergroßer Mehrheit zölibatär lebende und mit heiliger Weihevollmacht ausgestattete Kleriker gegenüber Kindern und abhängigen Jugendlichen übergriffig gehandelt, sie gedemütigt, vergewaltigt und ihnen oft lebenslange seelische Wunden zugefügt. Und in der Tat haben Verantwortungsträger in Orden, Bistümern und Kurie blamabel versagt, indem sie über die Untaten hinwegsahen, sie vertuschten und kaum für wirksame Abhilfe sorgten. Aus aktueller Perspektive ist das alles unerträglich. Die Charakterisierung „Klerikalismus“ deutet auch auf die moralisch verrottete Haltung einer signifikanten Anzahl von Klerikern hin.

Doch ist dieses polemische Urteil viel zu simpel, denn es wird den konkreten Einzelsituationen und Gesamtkonstellationen nicht gerecht, die ein solches Verhalten ermöglichten. Man muss es moralisch verurteilen. Was aber heißt moralische Verwahrlosung? Die Täter, Dulder und Vertuscher galten in der Regel als Personen mit hohen Idealen, einem außerordentlichen pastoralen Engagement und einer hohen Anerkennung in ihren kirchlichen Gemeinschaften. Es fällt auf: Von ausgesprochen zynischen Ausnahmen abgesehen führte ihr sexuelles Fehlverhalten nicht einfach zum Verfall ihrer Moral, sondern zu einer höchst selektiven Wahrnehmung. Viele haben unter den bisweilen zwanghaften Verlockungen gelitten, ohne sich davon befreien zu können. Auch lassen sich ihre Verbrechen nicht einfach auf besondere sexuelle Prägungen, etwa Homo- oder Pädophilie reduzieren. Zu fragen ist also, welche konkreten Bedingungen (Strukturen, Weisen der Kommunikation und des Verhaltens, theologische Erziehung, Ausbildung und Selbsteinschätzung, Selbstdarstellung) dieses Fehlverhalten so massiv begünstigen, das doch dem Kosmos christlicher bzw. kirchlicher Ideale und Zielvorgaben massiv widerspricht.

In neueren Diskussionen wird neben den vital-sexuellen Antrieben meist auch eine zweite entscheidende Bedingung genannt und von Bischöfen zugegeben. Es ist die Machtstellung, die den Klerikern die Möglichkeit zu ihrem übergriffigen Verhalten gibt. Sie handeln als die Überlegenen, Kompetenteren und als solche, die die perversen Situationen herbeiführen, sich auf lange Dauer absichern, ihre Übergriffe vertuschen, und ihre Opfer zum Schweigen verdonnern können.

So erstaunlich ist das nicht, denn sexuelle Verhaltensweisen zwischen Menschen sind Beziehungshandlungen, in Machtverhältnisse eingebettet, von Aktion und Reaktion bestimmt, deshalb von Asymmetrie bedroht. Auf das Phänomen des Klerikalismus wirft diese Tatsache aber ein besonderes Licht. Der Begriff „Klerikalismus“ hatte ursprünglich ja nur wenig mit dem Sexualverhalten von Klerikern zu tun, sondern erklärte sich aus ihrer ideellen Vorrangstellung in Kirche und Welt. Gemäß einem Bericht der Apostelgeschichte fiel dem Mathias das Apostelamt durch den Entscheid eines Loses (= κληρος) zu (1,26). Dieses Los tat der Gemeinde den göttlichen Willen kund. Seit dem 2. Jahrhundert bürgert sich das entsprechende lateinische Wort clerus als Standesbezeichnung der kirchenleitenden Amtsträger ein. Der Klerus bildet einen eigenen Stand, der sich auf Gottes besondere Erwählung berufen kann und sich von den rein negativ bestimmten „Laien“ unterscheidet.

Übrigens haben auch andere Religionen heilige Stände ausgebildet: Priester, Schamanen, Seelenführer, Weisheitslehrer oder aszetisch lebende Mönche. So außerordentlich sind das Phänomen der Kleriker und eines Klerikalismus also nicht. In diesem Beitrag soll es um den Klerikalismus gehen, wie er sich speziell in der römisch-katholischen Kirche herausgebildet hat. Ein Blick in die Geschichte enthüllt ihn als ein hochkomplexes Phänomen, das sich nicht ‑ falls nötig ‑ durch moralische Beschwörung, sondern nur durch eine komplexe Strategie steuern oder überwinden lässt.

1.2   Staatspolitisch

Zunächst erscheint Klerikalismus im 19./20. Jahrhundert in westeuropäischen Ländern als staatspolitischer Kampfbegriff. Liberale, Sozialisten und andere Gruppen, die eine laizistische Staatsform vertreten, kämpfen gegen das Bestreben und den Anspruch vor allem der katholischen Kirche, ihre Überzeugungen und Interessen in Staat und Gesellschaft umzusetzen, deren Einfluss aufrechtzuerhalten und nach Möglichkeit zu steigern. In Frankreich lautet der klassische Gegenbegriff Laizismus (laïcité), der seit 1910 offiziell das Verhältnis zwischen Kirche und Staat definierte, indem er den staatlichen Einfluss der Kirche strikt unterband. In Preußen und im späteren deutschen Kaiserreich werden die klerikalen Interessen der Kirche im Kulturkampf ausgefochten. Konjunktur hatte der Begriff auch in der Weimarer Republik, als die katholische Zentrumspartei für die konkreten Interessen der katholischen Kirche kämpfte. In innerkirchlichen, aber auch philosophischen, politischen und gesellschaftspolitischen Debatten wird der Begriff dementsprechend ausgeweitet.

Nicht zu vergessen sind auch die oft sublimen Formen eines staatspolitischen Klerikalismus, wenn offiziell-kirchliche Kreise etwa einflussreiche Beziehungen zu politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Eliten knüpften. Ein gutes Beispiel dafür sind noch heute die „Katholischen Büros“ auf Bundes- und Länderebene mit ihrer einflussreichen Lobbyarbeit bei Regierungskreisen. Laizistische und klerikal[istisch]e Strömungen stehen sich regelmäßig gegenüber. Teilweise werden sie in bestimmten Parteien gepflegt.

In der ökumenischen Diskussion des späten 19. und des 20. Jahrhunderts gab es protestantische Strömungen, die der katholischen Kirche Klerikalismus vorwerfen und sich selbst als antiklerikal verstehen. Mit diesen Begriffen treten die protestantische Lehre vom „Priestertum aller Gläubigen“ und die katholische Lehre vom Amtspriestertum einander gegenüber. Das ist einer der Gründe, weshalb Bismarcks Kulturkampf gegen die katholische Kirche gerichtet war und von Kreisen der evangelischen Kirchen und Theologie nachhaltig unterstützt wurde.

Diese politischen Bedeutungen von „klerikal“ sind heute noch gebräuchlich, werden allerdings vor allem in historischen Zusammenhängen verwendet.

1.3  Reformpolitisch

In den vergangenen Jahren wurde der Begriff des Klerikalismus in der katholischen Reformdiskussion neu belebt. Einerseits meint er die „Grenzüberschreitung des Klerus in weltliche, vorwiegend politische Handlungsfelder“ (R. Bucher). Andererseits zielt er innerkirchlich auf ungerechtfertigte Machtansprüche von Klerikern oder klerikalen Gruppen gegenüber den „Laien“. Im reformpolitischen Sprachgebrauch von Papst Franziskus spielt eine starke psychologische Konnotation mit. Für ihn hat Klerikalismus mit der Eitelkeit und Selbstbezogenheit zu tun, die Kleriker von ihrem christlichen Verkündigungsauftrag und ihrer mitmenschlichen Solidarität abhält. Zum Teil hat dieser Sprachgebrauch befreiungstheologische Wurzeln, blendet aber die strukturellen, teils auch die theologischen Kontexte des Klerikalismus aus.

Um wirksame Strategien zur Überwindung des Klerikalismus zu entwickeln, reichen diese Hinweise nicht aus. Vielmehr sollten wir den soziologischen, historischen, strukturellen und theologischen Gründen dieses Phänomens auf die Spur kommen. Dabei enthüllt sich der Klerikalismus als ein hochkomplexes Phänomen. Es lässt sich nicht einfach durch moralische Appelle, auch nicht durch eine neue Besinnung auf die christliche Botschaft, sondern nur durch ebenso komplexe Gegenstrategien überwinden, andernfalls wird der Begriff bald verschlissen sein.

II. Männerbünde: Merkmale

Klerikalismus klingt nach einem Sachverhalt, den Religionen produzieren, der vor allem in der römisch-katholischen Kirche zu finden ist und der sich nach Maßgabe der christlichen Botschaft durch mehr Christentum überwinden lässt. Das ist nicht der Fall. Genau besehen liegt ihm eine spezifische Gemeinschaftsbildung zu Grunde, die in höher organisierten Gesellschaften in verschiedenen Variationen auftaucht und sich als sehr stabil erweisen kann. Sie ist unter dem Begriff des Männerbundes? bekannt. Man muss weder Christ noch Theologin sein, um seine Grundgesetze zu verstehen. Seine inneren Gesetzlichkeiten hängen nur bedingt von bestimmten religiösen oder kulturellen Konstellationen ab.

2.1   Archaische Kernstruktur

Ich beziehe mich auf einen hochaktuellen Artikel, den Helmut Waldmann schon vor 30 Jahren verfasst hat.[1] Er beschreibt Männerbünde als Elitegruppierungen mit einer sittlichen Ausnahmestellung und strengen inneren Gehorsamsstruktur, einer frauenfeindlichen Praxis und Mentalität, einem Lebensunterhalt aus Schutzgeldern und Steuern sowie mit dem Bewusstsein göttlicher Auserwählung. Bis 1933 wurde oft das preußische Militär dafür als klassisches Beispiel herangezogen. Heute ist es der römisch-katholische Klerus, auch wenn seine Regeln in den untersten Rängen der Priesterschaft an Kontur verloren haben.

Es geht, wohlgemerkt, um eine sehr menschliche Gemeinschaftsform, auch wenn sie sich zur gottgewollten erklärt. Uns muss also klar werden, welch archaische Kernstruktur uns dabei gegenübertritt. Sie hat das Zeug, sich zu verselbständigen und ihre eigene Raison auszubilden, weil sie ein vereinfachtes und anscheinend überlegenes Lebens- und Weltbewusstsein ausbildet. Da weiß sich ein Club von Männern durch Gott für eine bestimmte überlebenswichtige oder höhere Aufgabe oder Sendung auserwählt. Dafür bildet er eine besondere, unverwechselbare Form des Lebens und des Zusammenlebens aus.

Zur Erfüllung dieser Aufgabe schotten sich Männerbünde nach außen ab, vereinfachen damit ihre interne Kommunikationsstruktur und halten notfalls wie Pech und Schwefel zusammen. Ihre Mitglieder setzen einander unter mentalen Gleichschaltungsdruck, verdrängen ihre Sexualität in jeder Form. Sie erklären sich gegenüber weiblichen Irritationen und gleichgeschlechtlicher Weichheit für immun und stärken ihren Zusammenhalt durch eine uniformierte Kleidung und andere Symbole. Zwar beziehen sie ihre Identität aus einem hohen Ideal, doch zugleich gehen sie davon aus, dass es in ihrer elitären Gruppe schon vorbildlich realisiert ist. Deshalb bestimmen die klar definierten Verhaltensregeln die persönlichen Verhaltensweisen massiv.

Selbst die Moderne mit ihrer massiven Tendenz zu Individualisierung und Pluralisierung konnte in der katholischen Kirche diesen Rollenzwang nicht auflösen. Im Gegenteil, in Reaktion auf befürchtete Auflösungserscheinungen hat sie ihn eher verhärtet. Dies gibt den innerkirchlichen Männerbünden eine zusätzliche reaktionäre Basistendenz. Der glühende Konservatismus des Ratzinger-Papstes mit seinen Angstphantasien („Diktatur des Relativismus“) kann das gut illustrieren. Trotz seines offensichtlichen Scheiterns (2013 Rücktritt vom Papstamt) gilt er für Viele als inspirierende Figur. Das vor-rationale Zusammenspiel der genannten Faktoren gibt diesem Bund eine äußerst zähe, undurchdringliche Stabilität. Sie ergänzen und bestätigen einander und lassen sich von persönlichen Rivalitäten ihrer meinst ehrgeizigen Mitglieder nicht sprengen.

2.2  Besondere Aufgabe und Legitimation

Männerbünde begründen ihre Daseinsberechtigung und existentiellen Verzichtleistungen mit ihrer besonderen Berufung, die Verzicht und absolute Hingabe erfordere. Zu dieser Berufung können gehören: der Schutz und das Heil bzw. die Erlösung einer größeren Gemeinschaft oder eines Volkes, die Bewachung eines Heiligtums, die Wahrung eines heilswichtigen Gelöbnisses, die Pflege eines heiligen Geheimnisses oder die Verkündigung einer übernatürlichen Wahrheit. Die Erwählung geschieht durch eine höhere Macht, die den Männerbund zugleich unangreifbar macht.

Die Einhaltung der existentiellen Einschränkungen und Verzichte (Sexualität, strenge Unterordnung, bisweilen gemeinsames Leben) gilt für die Legitimität und den glaubwürdigen Vollzug der Sendung als unverzichtbar. Oft wird der zu erreichende Status als Reinheit oder als Vollkommenheit umschrieben. Übertretungen müssen bekannt und gesühnt werden.

Insgesamt führen ein solcher Sinnhorizont und Lebensstil zum Bewusstsein, etwas Besonderes, von normalen Menschen Unterschiedenes, ihnen im Grund überlegen zu sein. Sonderbefugnisse und Sonderwissen werden geschaffen; dies wird als besonderer Dienst, oft auch als Last erfahren. Falls diese Unterscheidung öffentlich anerkannt und mit Verehrung honoriert wird, mögen sich oft auch Eitelkeit und Machtverhältnisse einstellen, die sich verselbständigen. Oft haben Männerbünde eine tiefgreifende Entscheidungsmacht über die Menschen, die ihnen untergeordnet sind.

2.3   Sakralisierung

In der Regel widmen sich Männerbünde einer heiligen Aufgabe. Sie führt zur Heiligkeit der Männerbündler und entrückt sie, Gralshütern vergleichbar, in unnahbare Höhen. Diese Charakteristik ist besonders wichtig, denn sie macht die Männerbündler, ihr Verhalten und ihre Entscheidungen in ihrem eigenen Bewusstsein unangreifbar. Ihre Urteile und Handlungen können über Heil und Unheil entscheiden. Die Heilssituation ganzer Menschengruppen kann von ihnen abhängig sein. Sie können (physisch) verteidigen, vor dem Bösen schützen, bei Gott wirksame Fürbitte einlegen, Vergebung erwirken oder verweigern, Heil vermitteln und verleihen. Wie noch zu zeigen ist, rückte dieser sakrale Aspekt während der vergangenen Jahrzehnte offiziell ins Zentrum des katholischen Glaubensbewusstseins. Damit wurde eine frühere antiprotestantische Dynamik aufgegriffen.

So ist das offizielle katholische Kirchenbild mehr denn je sakral bestimmt, auf das Modell des Sakraments geradezu fixiert und damit engstens an Funktion und Vollmachten des Klerus gebunden. In der Regel identifizieren sich Kirchenleitungen vorbehaltlos mit der Kirche. Der Sog- und Aushöhlungseffekt dieser Vorstellung ist enorm; denn neben der Klasse der Kleriker bleibt nur noch ein entleerter, passiver, handlungsunfähiger Körper der nichtordinierten „Laien“ übrig (3.3)

2.4   Geschlossene Kommunikation und Intransparenz

Die Sonderbefugnisse und das Sonderwissen eines Männerbundes führen zu einem Austausch von Handlungsmodellen, Wissen und Erfahrungen, der abgeschirmt, intern gesteuert und auf die Gruppe begrenzt ist. Der Männerbund räumt seinem Insiderwissen, den eigenen Überzeugungen und Denkstrukturen unbedingte Priorität ein und fühlt sich gegenüber den „unerleuchteten“ Vorstellungen der Außenseiter überlegen. Seit der Antike gibt es esoterische, insbesondere hermetische Traditionen, die bis in die Gegenwart hinein (etwa bei Freimaurern und Rosenkreuzern) gepflegt werden. Oft geht es dabei um ein Heils- und Erlösungswissen, dessen Bedeutung in der Moderne umstritten ist.

Die Selbstbeschränkung bzw. Selbstüberschätzung von Gruppen, die sich zu Besonderem berufen fühlen, führt ‑ auf der Basis solchen Wissens ‑ zu geschlossenen, wenn nicht gar verschlossenen Gesprächskulturen. Interne Selbstbestätigung und zirkelhafte Selbstverteidigung bekommen die Oberhand, und die Bereitschaft zur korrekturbereiten Rechenschaft nach außen wird massiv reduziert. So entstehen Resonanzräume der Selbstbestätigung. Diese Räume sind nicht nur faktisch, sondern aus Prinzip schalldicht nach außen und nur schwer durchdringlich nach innen. Männerbünde verstehen sich als Geheimnisträger und dies erfahren sie als einen Selbstwert, was zu einer enormen Intransparenz führen kann.

Geheim- oder Sonderwissen gibt es mehr denn je, nur wird es heute nicht mehr von seinen Wissensträgern definiert. Die Wissenschaften gehen schon immer mit der Erfahrung um, dass sie mehr wissen als ihre Umwelt. Das hängt mit dem ständigen Wissenserwerb und einem allgemeinen Bildungsgefälle zusammen; niemand ist mehr fähig, den gesamten Wissensstand einer verwissenschaftlichten Kultur, gar der gesamten Welt, zu übersehen. Geheimwissen kann auch dort geboten und sinnvoll sein, wo die Privatsphäre von Personen zu hüten und brisantes Wissen vor vorzeitigem Missbrauch zu schützen ist. Notwendigerweise sammeln sich enorme Ausmaße von Geheimwissen bei staatlichen Organen an. Eine auf Transparenz bedachte dynamische Gesellschaft sieht sich heute verpflichtet, ständig einen verantwortbaren Ausgleich zwischen Geheimnisschutz und Geheimniskontrolle zu finden.

Angesichts der Digitalisierung der Gesellschaft haben sich die Ausmaße von Herrschaftswissen und deren vorsorglicher Geheimhaltung enorm erweitert, qualitativ verlagert und eine hohe politische Brisanz erreicht. Offensichtlich gehört heute nicht nur die mediale Recherche, sondern auch die Abschöpfung von digitalem Wissen zu einem demokratischen Prozess. Auf dieser Ebene verschwinden die Grenzen des klassischen Männerbundes hin zu verschworenen Gruppen, die sich bestimmten Zielen verpflichtet wissen. Sie konstituieren sich dort, wo Wissen und eine geschlossene Kommunikation politische Brisanz entfalten und so das Machtgefüge von Gesellschaften massiv beeinflussen können.

2.5  Traditionsbildung

Alle heute bekannten Weltreligionen leben aus Erinnerungen und Gründungserzählungen, in denen die religiöse Identität beschlossen liegt. Hier sei dahingestellt, ob sich diese Erinnerungen nachweislich auf chronologisch Vergangenes richten oder „nur“ auf elementare Grunderfahrungen, die in vergangene Ereignisse, Geschichten oder Mythen projiziert werden. In der Erinnerung an Jesus etwa vermischen sich Geschichte und höchste Aktualität.

Auch die Gründungserzählungen von Männerbünden greifen immer zurück auf vergangene Ereignisse, die ihren besonderen Auftrag begründen. Damit legitimieren diese Bünde ihr eigenes Verhalten. Gleich aus welchen Gründen und in welchen Kontexten sie entstanden sind, werden wichtige Gewohnheiten im Laufe der Zeit zu normierenden Traditionen stilisiert. So wird das jeweils Neue in unvordenkliche Zeiten zurückverschoben: Was heute gilt, muss immer schon gewesen sein. Aus diesem Grund spielen Tradition und Traditionen in der katholischen Kirche, wie wir noch sehen werden, eine so wichtige und normschöpfende Rolle.

Diese Traditionsbildung kommt der Identitätssuche von Menschen und Gemeinschaften durchaus entgegen. Deshalb erfreuen sie sich als Identitätsstifter und Regelgeber auch bei Männerbünden einer großen Beliebtheit. Zudem kann sich eine größere Gemeinschaft von einem so traditionsbewussten Bund oft bruchlos repräsentiert und vertreten fühlen. Allerdings sind identitätsstiftende Traditionen in die Krise geraten, seitdem sie auf ihre historischen und ideologischen Inhalte hin kritisch untersucht werden. Auch Traditionen sind kein verfügtes Vermächtnis. Auch sie werden „gemacht“.

2.6   Problem Sexualität

Männerbünde sind keine künstlichen Produkte, sondern wiederholen in männerzentrierten Gesellschaften angesichts außerordentlicher gesellschaftlicher Herausforderungen eine Form elitärer Gemeinschaft. Sie übernehmen die vorgegebene Androzentrik, um sie in verschärfter Form zu reproduzieren. Männer sind es, von denen außerordentliches Heil zu erwarten ist. Deshalb gilt es, den Störfaktor Sexualität zu neutralisieren.

Für zeitgenössische Analysen des Männerbundes bildet dieser hohe Stellenwert einer problematisierten Sexualität das größte Problem. Sie wird immer als Problem erfahren, gleich ob ein radikaler Sexualitätsverzicht im Sinn des Zölibats oder einer aszetischen Keuschheit verlangt wird, oder ob man nur darauf achtet, dass bei der Ausübung spezifischer Aufgaben die Gegenwart von Frauen unterbunden wird. Beiden Fällen liegt prinzipiell ein gespaltenes, menschenfeindliches Menschenbild zu Grunde. Die Berufenen erwarten von der Verdrängung der eigenen Sexualität einen ungehindert reinen Zugang zu ihrer höheren Aufgabe, ihren höheren Erkenntnissen und einer tieferen Erfahrung des Heils. Der Umgang mit Frauen führt sie in innere Gefahrenzonen, die sie von ihrer Aufgabe bzw. vollen Identifizierung damit ablenken.

Warum aber ausgerechnet sexuelle Enthaltung? Der heilige Auftrag, so eine oft gehörte Erklärung, verlangt eine unbedingte Konzentration auf die heilige Sache bzw. auf den heiligen, alles fordernden Gott, bis hin zur gegenseitigen Vereinigung. Auf den ersten Blick lassen sexuelle Beziehungen dies nicht zu, denn sie fordern die unbedingte Konzentration auf eine Person, die tiefst mögliche, leiblich erfahrene Vereinigung mit ihr. Diese personale Begegnung aktiviert vitale Zuwendung, Emotionen, Leidenschaft und eine Hingabe, in der ich alle rationale Kontrolle verlieren kann.

Wer diese Hingabe als Behinderung einer Begegnung mit dem Heiligen denunziert oder zu erfahren meint und sich dennoch vorbehaltlos einer heiligen Sache verschreiben will, muss seine sexuellen Bedürfnisse prinzipiell am Zügel halten. Letztlich führt dies zu einer kategorischen Menschendistanz, weil sie Gott nicht abstrichlos im Nächsten, sondern nur in Gottes geistigen Dimensionen finden will. Manichäische Tendenzen wurden nie wirklich überwunden.

Heute sind Ehelosigkeit und (eng damit verbunden) Homophobie als sinnvolle Lebenspraxis der Kleriker massiv in Kritik geraten. Das hat nicht nur zeitbedingte Gründe. Vermutlich reicht es angesichts der weltweiten Missbrauchsepidemie auch nicht, mehr Selbstdisziplin anzumahnen. Nachzudenken ist über die Vorstellung von Sexualität und körperlicher Liebe, die dieser männerbündischen Lebenspraxis zugrundeliegt.

Ob und inwieweit die männerbündische Option einem biblischen Menschenbild entspricht, sei hier nicht diskutiert, aber sie erklärt die oft menschenfeindlichen, von Fanatismus beseelten Grundhaltungen einer männerbündischen Vollkommenheit. Das prinzipielle Nein zu sexueller Begegnung (zu unbedingter Treue, zu Vaterschaft und zu bindenden Familienbanden) ist der Vorbote zu einer prinzipiellen Menschendistanz, die Gott nicht im Nächsten, sondern „nur“ in geistigen Bezügen finden will. Damit sei nicht behauptet, alle Kleriker hätten eine solche Entscheidung ausdrücklich getroffen. Mit Recht würden sich viele Betroffene gegen diese Unterstellung wehren. Doch faktisch haben sie sich in ein männerbündisches, frauendistanziertes Lebenskonzept eingefügt. Und solange sie dieser ihrer Berufung treu bleiben, können sie das biblische Konzept von zwischenmenschlicher Liebe vermutlich nur bedingt leben.

2.7  Selbstdarstellung

Solange Männerbünde sich nicht als Geheimbünde verstehen (vgl. die Freimaurer), sind sie es gewohnt, ihre Identität durch Kleidung oder Uniformen, durch Abzeichen und Rangordnungen zu zeigen. Offenkundig ist dies auch bei den verschiedensten Orden und Kongregationen der katholischen Kirche. Sie alle achten darauf, dass sie nicht nur spezifischen Statuten und einer strengen inneren Sonderordnung folgen, sondern auch nach außen hin von anderen unterscheidbar sind.

Manche Männerbünde verstehen sich als Geheimbünde. Sie waren irgendwann verboten oder möchten ihr Wissen und ihr Handeln einem unbefugten Zugriff entziehen. Es gibt eine lange Geschichte esoterischer Strömungen. Ganz anders verhält es sich beim Klerus der katholischen Kirche sowie der östlich-orthodoxen Kirchen. Diese Kirchen haben immer einen öffentlichen Auftrag erfüllt bzw. dafür Sorge getragen, dass die christliche Botschaft bekannt wird. Dieses missionarische Interesse erklärt viele Facetten z. B. der katholischen Prunkentfaltung, bei der höhere Kleriker (Bischöfe, Kardinäle und Papst) wie selbstverständlich in der Mitte stehen. Von außen lässt sich oft nicht entscheiden, ob sie ihre Sache oder sich selbst feiern, ob sie wirklich die Botschaft des Herrn verkünden oder ihrer eigenen Eitelkeit frönen. Das war nicht immer so und diese gefährliche Ambivalenz hängt wohl mit Entwicklungen der Moderne und der Postmoderne zusammen, deren Zugang zu Symbolen sich gewandelt hat.

Es wäre dringend an der Zeit, dass die Hierarchie darauf reagiert und für Klarstellungen sorgt. Aus konservativer Sicht wäre der radikale Verzicht auf eine klerikale Selbstdarstellung wahrscheinlich nicht ratsam, denn genau diese anspruchsvolle Ästhetik der Liturgien, die große Inszenierung von Feierlichkeit und die konstante Erinnerung an eine gelungene Vergangenheit werden von zahlreichen Mitgliedern der Kirche sehr geschätzt. Die Frage ist nur, ob die männerbündischen Elemente einer sinnvollen Selbstdarstellung ‑ autoritär hoheitliche Auftritte, altehrwürdige Kleidung, unverständliche Symbolwelt ‑ noch sinnvoll sind.

2.8   Ein durch und durch menschliches Phänomen

In Teil II wollte ich einige grundlegende Merkmale von Männerbünden herausarbeiten und diese Merkmale in einen breiten Zusammenhang bringen. Natürlich hätte dieser Teil von Soziologenhand ganz andere Konturen erhalten und ich verhehle nicht, dass die Ausführungen schon von der kirchenkritischen Frage nach dem Sinn der kirchlichen Hierarchie gesteuert waren, wie der folgende Teil zeigt. Zunächst aber wollte ich zeigen: Alle kirchlichen, theologisch so intensiv bearbeiteten Merkmale der katholischen Hierarchie bieten eine durch und durch anthropologische und soziologisch analysierbare Basis. Sie funktionieren und stabilisierten sich auf Grund menschlicher Zusammenhänge.

Deshalb ist unser Ansatz legitim. Wir müssen die oft diskutierte Frage nach Sinn und Grenzen, Heil und Unheil des kirchlichen Klerikalismus im Blick auf humane Gesichtspunkte klären, denn auch die Grenzüberschreitungen, die wir bei klerikalistischem Verhalten beobachten, sind zunächst von menschlichen, wahrscheinlich defizitären Beweggründen gesteuert. Von daher sind sie zu kritisieren, gleich mit welchen theologischen Argumenten man das Phänomen unterbauen und verteidigen will. Der real existierende männerbündische Klerikalismus meint immer eine inhumane Fehlform des Verhaltens, das von Macht und Übergriffen, Hochmut, Eitelkeit und selbstverschuldeter Eitelkeit verdorben ist. Aus binnenkirchlich theologischer Perspektive missbraucht er seine Verantwortung für die Kirche, um deren Lehre zu überwachen, deren Gottesverehrung zu fördern und deren Solidarität zu ermöglichen.

Alle theologischen Argumente, die Teil III hinzufügen wird, sind deshalb nur Aufbauargumente, die ohne ihre anthropologische Basis unverständlich sind. Manche weisen auf zutiefst christliche Zusammenhänge hin, andere versuchen nur, erstaunliche Entwicklungen theologisch zu rationalisieren, wieder andere versehen die bestehenden Phänomene mit ernsten Fragezeichen. So pathetisch und erhaben sich diese Kirche auch gibt, ihre Struktur und Selbstdarstellung folgen zutiefst menschlichen, also auch zutiefst ambivalenten Bedürfnissen.

In den vergangenen Monaten hat dies niemand genauer signalisiert als Papst Franziskus, der den Klerikalismus als ein gefährliches und gefährdendes Phänomen der katholischen Kirche darstellt. In Teil III muss sich auch zeigen, nach welchen Kriterien wir den real existieren Klerikalismus beurteilen können und was an seine Stelle treten kann. Denn eines ist jetzt schon klar: Jesus war kein Kleriker oder Hierarch, und vermutlich wollte er, wenn überhaupt, keine Kirche von Klerikern. Deshalb gilt es zu zeigen, wie die katholische Kirche auf ihren Klerikalismus verzichten kann, ohne sich einfach aufzuheben. Viele Kritiker halten das für unmöglich. Ich gehe davon aus, dass die christliche Botschaft die aktuellen massiven Engpässe lösen kann.

III.    Klerikalismus: Theologische Legitimationen

In den vergangenen Wochen wurde das Phänomen der Männerbünde im Zusammenhang mit der Missbrauchsfrage von verschiedenen Seiten thematisiert. Papst Franziskus spricht, wie schon gesagt, ganz offen vom Klerikalismus als einer Gefahr für die Kirche. Die bisherigen Ausführungen stellen den Männerbund als ein durchaus menschliches Phänomen dar.

In Teil III gilt es darzulegen, dass sich der Klerikalismus als eine christlich- kirchliche Verwirklichungsform, als eine fromme Verbrämung des Männerbundes erklären lässt. Doch in der langen Geschichte der Kirchen wurde er mit einem Netzwerk von theologischen Argumenten legitimiert, geradezu zu einer Sonderform christlicher Existenz erhoben. Ich beschränke mich hier auf die römisch-katholische Kirche. Sie kennt viele einzelne männerbündische Gruppieren, die sich letztlich als Teil eines großen Systems erweisen. Denn sie alle werden inspiriert und überwölbt von der hierarchischen Makrostruktur der Gesamtkirche, die hier zur Diskussion stehen soll. Gemeint ist die wohlbekannte Pyramide, die sich von unten her aufbaut und von oben her funktioniert: Diakone, Priester, Bischöfe in verschiedenen Rangstufen sowie als Oberhaupt der Papst mit Kurie und Kardinälen. Diese Makrostruktur ist im Blick, wenn es im Folgenden um klerikale Strukturen geht, in die viele prägende Elemente eines unangemessenen Klerikalismus eingetragen sind.

Wie wird diese klerikale Großstruktur heute verstanden und begründet? Im Interesse der Transparenz greife ich nahezu vollständig auf den systematischen Aufbau von Teil II zurück.

3.1  Apostolischer Ursprung (Baustein 1)

Gemäß allgemeiner christlicher Überzeugung ist die Kirche von Jesus Christus gestiftet und auf dem Fundament der Apostel erbaut. Genau besehen sind dies keine historischen Informationen, sondern offene Symbolisierungen eines konstitutiven Sachverhalts: Die Kirche verdankt ihre Existenz der jesuanischen Botschaft und weiß sich für immer auf die ursprüngliche Botschaft verpflichtet, die uns von den Aposteln überliefert wurde. Das ist eine unverzichtbare Bedingung ihrer Identität.

Der spätere Klerikalismus hat diese Ur-Überzeugung in dreifacher Hinsicht verengt, wenn nicht gar verfälscht:

(1) Die Gründung der Kirche durch Jesus Christus wird zu einem historischen Ereignis hochstilisiert.
(2) Die „Apostolische Nachfolge“ (Sukzession) der Apostel wird instrumentalisiert zu einer lückenlosen und formal definierten Kette der Amtsübertragungen. Neue Bischöfe erhalten also in einer juridisch definierten, durch Handauflegung bezeugten Delegation ihre eigene Vollmacht zu verbindlicher Kirchenleitung, Kirchenlehre und sakramentaler Heiligung; kraft sakramentaler Wirkung werden sie unwiderruflich zu Priestern, Hirten und Lehrern.
(3) Die wohlbekannten Kontexte und Bedingungen, die dieses Modell relativieren, werden konsequent ausgeblendet.

Kraft dieser verengten Interpretation kommt den Bischöfen eine herausragende Berufung mit nahezu unbegrenzten innerkirchlichen Vollmachten zu. Einen Teil ihrer Vollmacht geben sie an Priester weiter. Sie funktioniert als Basislegitimation für den gesamten aktuellen Klerikalismus. Doch übersieht sie wenigstens drei Aspekte, die ursprünglich dieser Basislegitimation mitgegeben waren:

(1) Biblisch gesehen ist die „Stiftung“ der Kirche durch den Auferstandenen Herrn (Mt 16,18) kein historischer ergangener Rechtsakt. Sie gibt vielmehr der Überzeugung Ausdruck, dass sich die Kirche insgesamt auf das jesuanische Erbe berufen kann und konstitutiv daran gebunden bleibt. Gemäß den neutestamentlichen Zeugnissen ist die Kirche an Pfingsten als Wirkung des Heiligen Geistes entstanden (Apg 2,1-4).
(2) Die Ämterstruktur der Frühen Kirche ist vielfältig und bleibt lange, ohne endgültige Klärung, in einem offenen Prozess. Das Modell der von Aposteln geleiteten Kirche setzt sich erst allmählich durch. Vermutlich kannte selbst Rom anfänglich keinen Bischof, geschweige denn einen Papst. Wichtiger noch ist die Tatsache, dass die frühe Kirche noch eine ganze Reihe anderer Ämter kennt. Das große umfassende Gegenmodell ist gemäß Paulus eine charismatische Kirchenordnung, die kein Amtsmonopol zulässt, sondern aus der Interaktion verschiedenster Kompetenzen lebt (1 Kor 12, 13).
(3) Die frühen Gemeinden haben ihre Leitungsmodelle aus ihren kulturell vorgegebenen Kontexten übernommen. Man kann also kein Leitungsmodell als das spezifisch christliche anderen vorziehen. Vielmehr gelten ‑ wie schon bei Paulus ‑ immer Regeln der Funktionalität, die mit urdemokratischen Elementen (Wahl und Kontrollrechte) aufgenommen waren.

Zudem setzte das 2. Vatikanische Konzil mit seiner Theologie vom Gottesvolk einen starken antiklerikalen Akzent, der in den vergangenen Jahren aus klerikalen Interessen wieder zurückgedrängt wurde.

3.2     Klerus und „Laien“ (Baustein 2)

Nicht leugnen lässt sich dagegen, dass die Leitungsstrukturen im hellenistischen bzw. römischen Raum beim schnellen Wachstum von christlichen Gemeinden starke Konturen annehmen. Schon im 2. Jahrhundert ist vom Klerus die Rede, dem die „Laien“ gegenüberstehen. Zudem sorgte die Analogie zu den Herrschaftsstrukturen des Imperiums für deren herausragende Bedeutung und bald bewirkte die spätere Sakralisierung der Leitungsämter auch eine unterschiedliche Wertung (vgl. Baustein 3). Später verblasste im innerkirchlichen Leben die Taufe gegenüber der Ordination, weil diese bleibend in den Stand der Kleriker erhob. Dies ist eines der stabilsten Strukturelemente, die den Klerikalismus bis heute stärken.

Dabei zeigt das Neue Testament eine gegenläufige Tendenz. Es kennt ‑ wie Luther zu Recht erkannte ‑ kein besonderes, sondern nur noch ein gemeinsames Priestertum mehr. Das 2. Vatikanische Konzil nahm diesen Gegenakzent auf, indem es die Stellung der Getauften stärkte. Dennoch blieb es bei der grundsätzlichen, biblisch kaum begründbaren Aussage: Kleriker und Laien unterscheiden sich „nicht nur dem Grade, sondern dem Wesen nach“. Dies war dem Klerus (konkret: der von Rom dominierten hierarchischen Kirchenleitung) Grund genug, ihre Dominanz unter dem Vorwand einer Krisensituation zu behaupten und mit neuen Mitteln auszubauen.

3.3  Sakrales Amtsverständnis (Baustein 3)

In der frühen Kirche bildete sich wie selbstverständlich ein Amt der Gemeindeleitung heraus, gleich welchen Namen es ursprünglich trug. Es konnte von Männern oder Frauen begleitet werden. Umringt von anderen Ämtern und kontrolliert vom ganzen Kirchenvolk integrierte es alle Einzelfunktionen, die zur Gemeindeleitung gehörten.

Natürlich gehörte dazu die Leitung der sonntäglichen Eucharistiefeier. Doch mit Beginn der Staats- und Volkskirche erhielt dieses Amt eine sakrale Würde; der Gemeindeleiter musste wie selbstverständlich Priester sein, um seine sakramentalen Vollmachten ausüben zu können. Zu ihnen gehört in erster Linie die Feier der Eucharistie, er selbst wurde also zur sakramentalen Quelle. Ab dem 11. Jahrhundert heißt das: Er kann Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi verwandeln. Jetzt steht nicht mehr der Eucharistie vor, wer in das Amt der Gemeineleitung gewählt ist. Vielmehr kann der Bischof nur eine Person zum Gemeindeleiter (Pfarrer) ernennen, den er zuvor zum Priester geweiht hat. Diese Umkehrung der ursprünglichen Verhältnisse ist (von wenigen Ausnahmen abgesehen) gängige Praxis bis heute. Zum Schaden der späteren Entwicklung weist das Konzil von Trient Luthers biblisch begründete Kritik an diesem klerikalen Missstand zurück.

Die Folgen für Glauben, Frömmigkeit und Kirchenbild sind enorm. Denn jetzt erhält die fragwürdige Überordnung des Klerus eine spirituelle und mystische Komponente, die bis heute Leben und Selbstverständnis der katholischen Gemeinden bestimmt. In vielen Teilen der Kirche und unabhängig von den Impulsen des letzten Konzils wissen sich die nicht-ordinierten Christinnen und Christen der Klasse der Priester unterlegen. Je nach Tradition stilisieren sie sich als die Verkörperung Christi („Ein Priesterherz ist Jesu Herz“) und die „einfachen Gläubigen“ wissen sich zu einem ehrfürchtigen Gehorsam gegenüber den Priestern verpflichtet. Der Priester wird nur zaghaft kritisiert und ihm ist nicht zu widersprechen. Der ihm geschuldete Vertrauensvorschuss ist enorm und die ihn kontrollierenden Kräfte sind stark geschwächt. Trotz massiver Widerstände kam diese männerbündische Überlegenheit nach dem Konzil zu erneuter Blüte, denn dieser sakral-sakramentalen Vollmacht der Priester und Bischöfe haben die „Laien“ nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.

Auch hier wurden die erneuernden Impulse des 2. Vatikanischen Konzils durch den Wojtyła und den Ratzinger-Papst enorm geschwächt. Das Konzil hatte die Polarität von Wort und Sakrament neu entdeckt. Später hat sich das Kirchenregime der genannten Päpste wieder ganz auf den sakramentalen Charakter der Kirche fixiert. Das Wesen der Kirche wurde ausschließlich von der Eucharistie hergeleitet. Dies hatte für die Überhöhung des Klerus enorme Folgen, deren Nachwirkungen bis heute zu erkennen sind; der Klerikalismus konnte sich schwunghaft entfalten. Mehr denn je schlossen sich die hierarchischen Teilsysteme der katholischen Kirche (Ordinariate, Bischofskonferenzen und Bischofssynoden, römische Kurie) gegenüber einem geistlich abhängigen Kirchenvolk zu hermetischen Gremien ab. Dem Klerikalismus stehen keine spirituellen Widerstände mehr gegenüber.

3.4  Kultur der Geheimhaltung (Baustein 4)

Geheimhaltung spielt in klerikalen Kreisen eine enorme Rolle. Die Hierarchie versteht sich kraft ihrer Amtsgnade als eine Gruppe von Erleuchteten, vom Geist Geleiteten, die dem Wissen der „Laien“ im Prinzip überlegen ist. Dabei wird nicht die christliche Glaubenslehre als hermetisches Wissen betrachtet. Im Gegenteil, die Hierarchie drängt darauf, es in der Verkündigung zu veröffentlichen und auf dessen Einhaltung zu bestehen. Deshalb wird sich die Hierarchie immer gegen den Vorwurf hermetischer oder esoterischer Lehren wehren.

Das Problem besteht in der kontinuierlichen Kommunikation zwischen „oben“ und „unten“. Alles Wissen, zumal die Kenntnis privater Tatbestände, Problemlagen und Schwierigkeiten ist mögliches Herrschaftswissen, mit dem sich Menschen notfalls kontrollieren, lenken und erpressen lassen. In wohl abgesteckten Grenzen mögen sich die Angehörigen des Klerus zu Recht für den Austausch von Wissen und Überzeugungen interessieren; schließlich liegt das auch im Interesse engagierter Christinnen und Christen, doch in der Regel übersetzt die Hierarchie Mitteilungen von außerhalb nur unter den Bedingungen ihrer eigenen vorgefertigten Sprache in ihren angestammten Diskurs.

Damit werden Impulse, Anregungen und Kritik systematisch entschärft, meistens ihrer Kernintentionen beraubt oder zu nebensächlichen Vorschlägen relativiert. Wirkliche Gespräche kommen so nicht zustande. Das war z. B. während der Gesprächsprozesse der deutschen Bistümer (2011-2015) zu beobachten. Zu erkennbaren Ergebnissen haben sie nicht geführt, sogar der Begriff „Dialog“ wurde vermieden, weil der klerikale Männerbund den Verlust seines privilegierten Status befürchtete.

Gegenwärtig führen die geschlossenen Resonanzräume (2.4) zu einer hohen Intransparenz. Diözesane Bischöfe samt Verwaltungen und die römische Kurie sammeln enorm viel Wissen, doch umgekehrt sind sie alles andere als mitteilsam. Sie tragen ihre internen Beschlüsse mit normativem Anspruch nur formal, als wohl formulierte und ausdiskutierte Beschlüsse nach außen. Teilnahme an den Diskussionen und Vorbereitungen von Beschlüssen, also eine inhaltlich nachvollziehbare Partizipation an ihnen ist praktisch unmöglich. Die Versuche von Papst Franziskus, diese Mauern der Selbstabschließung zu durchbrechen, bestätigen vorläufig nur noch die Regel.

Ganz außerordentlich ist das Ausmaß all der Vorgänge, die unter eines der vielfältigen Siegel der Verschwiegenheit gestellt sind, sowie der Eide, die das Kirchenrecht mit unterschiedlichen Strafen, bis hin zur Strafe der Exkommunikation vorsieht. Wie schwer sich die Hierarchen mit einem offenen Umgang tun, zeigt das hartnäckige Schweigen der Bischöfe und Roms in Sachen Missbrauch. Hunderte von straffälligen Priestern wurden in neue Gemeinden versetzt, ohne die Verantwortlichen über die Vorgänge zu informieren. Zehn Jahre lang ließ Joseph Ratzinger alle Missbräuche der Weltkirche unter höchstem Siegel der Verschwiegenheit nach Rom melden, ohne selbst aktiv zu werden. Hätte ein Bischof offen geredet, wäre er automatisch exkommuniziert gewesen. So entstehen Mauern des Schweigens, der Missachtung und der Furcht. Bis heute überwiegt bei vielen Klerikern die Angst, man könne die Ehre der klerikalen Klasse beschmutzen, statt für die Würde und die Rechte von missbrauchten Abhängigen aufzukommen. Mit christlicher Menschenfreundlichkeit hat das wenig, mit menschenfeindlichem Klerikalismus sehr viel zu tun.

Bis heute können die Hierarchen nicht ermessen, welche Anmaßung und welches Maß an Gesprächsverweigerung und Menschenverachtung in dieser Unfähigkeit zu einer offenen Kommunikation steckt. Sie ist tief verwurzelt und richtet undurchdringliche Vertrauensbarrieren auf. So waren die deutschen Bischöfe z. B. nicht bereit, der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs aus ihren Archiven auch nur ein Dokument zur eigenen Auswertung auszuhändigen, als ob schon die Hände eines Laien diese von Bischöfen behüteten Papiere beschmutzen könnten. Mit unabhängiger Arbeit hat diese Bevormundung nichts zu tun und niemand weiß, wie viele aufschlussreiche Informationen der Öffentlichkeit vorenthalten wurden. Bislang hat das noch kein Bischof bedauert und letztlich ist das aktuelle Gutachten aus diesem Grund kaum belastbar. Ein letztes Misstrauen wird bleiben und bleibt dem klerikalen System angeboren.

Zur Tabuisierung dieser verabscheuungswürdigen und strafrelevanten Vorgänge kommen weitere Tabus hinzu: innerkirchliche Finanzverhältnisse, die Ernennung von Pfarrern, die Vorbereitung von Bischofsernennungen, die Ablehnung der Berufung auf theologische Lehrstühle, die gesamte Personalpolitik einer Diözese. Doch am verletzlichsten bleibt die Hierarchie wegen des oft legitimen, bisweilen strafrelevanten Sexualverhaltens von Bischöfen und Priestern. Dieses Indiz zeigt, dass die Sexualfeindlichkeit des Klerikalismus seinen verletzlichsten Punkt bedeutet und am engsten mit ihrer spezifischen Machtausübung verkoppelt ist. Deshalb schwächt seinen Einfluss in den vergangenen Jahrzehnten nichts so sehr wie der dramatische Rückgang von Beichten, über die der Klerus seine Macht über Seele und Leib geltend machen konnte.

3.5  Verrechtlichung (Baustein 5)

Abweichend von der Systematik des Teils II wird hier ein zusätzlicher Baustein eingefügt, dessen Bedeutung meist übersehen wird. Es geht um die Folgen der Gregorianischen Reformen (11./12. Jh.), die das Gesicht der westlichen Kirche grundlegend änderte. Gregor VII. (1073-1085) erklärte den Papst zum obersten Richter aller (weltlichen und geistlichen) Macht und innerhalb der Kirche erhielt er einen absoluten Rechtsprimat. Die Kirchenorganisation wurde stark zentralisiert, die Kirche vorrangig als juridisch geordnet und nicht mehr als primär mystische Organisation gesehen. Selbst die Sakramente wurden in Rechtskategorien gepresst, deren weitere Ausgestaltung von jetzt ab in römischen Händen lag.

900 Jahre lang wurde dieser hoch autoritäre Ansatz bis in die Gegenwart hinein weiter ausgebaut und verschärft. Die Privilegien des Klerus wurden immer mehr abgesichert, die Kontrollen des Kirchenvolks unaufhörlich intensiviert und die innerkirchlichen Abhängigkeitsverhältnisse verschärft. Dem Buchstaben nach blieben alte Strukturen, kirchliche Praxen und Glaubensüberzeugungen erhalten, sodass sich der Anspruch auf Kontinuität immer behaupten konnte; doch der Geist ihrer Verwirklichung wurde massiv formalisiert, verhärtet und zur gehorsamen Repetition des Vorgeschriebenen verkürzt. Von diesem Augenblick an ging die westliche Kirche einen eigenen Weg, der sie in Grundhaltung und Geist von den östlich orthodoxen Kirchen zutiefst entfremdete und dazu führte, dass zahlreiche Reformversuche abgeblockt wurden.

Jetzt erst wuchsen die schon existierenden Bausteine des Klerikalismus zu einem höchst wirksamen, typisch westkirchlichen Gesamtphänomen zusammen. Bis heute bildet ein klerikal orientiertes Kirchenrecht die entscheidende Klammer der so hoch gerühmten Einheit der katholischen Kirche. Es bietet der hierarchischen Elite ein unerschütterliches Selbst- und Erfolgsbewusstsein, den Nicht-Klerikern aber die Hinführung zu einer tief sitzenden Untertänigkeit. Bisweilen trägt dies Züge der Selbstverachtung, denn die Sakramentenlehre ist tief von einem Sündenbewusstsein durchdrungen. Der Klerikalismus bezieht seine Kraft auch von der steten Selbstentmündigung des hörenden, sich unterwerfenden und stets um Vergebung bittenden Volks. Auf der Ebene der Weltkirche konnten sich die befreienden Gegenimpulse des 2. Vatikanischen Konzils kaum durchsetzen.

Nur aus diesem Kontext ist eine letzte Entwicklung zu erklären, die sich im Laufe der 1860er Jahre abgespielt hat. Geläufig ist heute die Rede von dem einen authentischen Lehramt, das von Bischöfen und Papst in unterschiedlicher Weise ausgeübt wird. Diese atemberaubende Monopolosierung, die allen Prinzipien von Kirche und Kirchlichkeit Hohn spricht, wurde von Pius IX. (1846-1878 Papst) vorangetrieben. Per Handstreich wurde kraft päpstlicher Vollmacht der Glaubenssinn des Volkes ebenso degradiert wie die unbestreitbare Lehrkompetenz der Theologie vom Tisch gefegt. Dann war der Weg zur Definition eines unfehlbaren Lehramtes (1870) frei. Der lehrenden Hierarchie stand nur noch das hörende Gottesvolk gegenüber.

Die Unterscheidung zwischen einer lehrenden und einer hörenden Kirche mochte in Epochen eines eklatanten Bildungsmangels und verbreiteten Analphabetismus damals noch plausibel sein. Doch im Antimodernismus des 19. Jahrhunderts hat dieses Lehrmonopol schon eine aggressiv reaktionäre Wendung erfahren. Man nimmt nicht einfach duldend oder mit innerer Zustimmung das Unwissen der Gläubigen wahr, sondern stemmt sich gegen das aufkommende Wissen von Wissenschaft und moderner Kultur. Das kommt einer ausgesprochenen Verachtung der „Laien“ (Männer und Frauen) gleich.

So erhält die männerbündische Neigung zur Selbstisolierung bei der hierarchischen Elite einen neuen kämpferischen Schub. Das Lehramt präsentiert sich im Widerstand gegen neue Wissenskompetenzen und eines neuen politischen Laizismus. Die Dynamik der Selbstbestätigung, die der männerbündischen Elite immer schon einwohnte, wird massiv verstärkt, verleiht Baustein 2 eine zugespitzte, geradezu aggressive Vitalität und rückt Baustein 1 in ein antimodernes Licht. Jetzt zeichnet sich der Nachfolger der Apostel dadurch aus, dass er dem bösen Zeitgeist widersteht. Er baut seinen Vorrang gegenüber den aufmüpfigen „Laien“ zu einem gemeinschafts- und dialogunfähigen Privileg aus.

3.6  Schrift und Tradition (Baustein 6)

Angesichts der Reformation und angesichts des neuzeitlichen historischen Bewusstseins war die Frage nach dem apostolischen Glauben ‑ jetzt unter den Bedingungen eines verrechtlichten und zentralisierten Kirchensystems ‑ neu zu bestimmen; zu verhandeln war das Verhältnis von Schrift und Tradition. Dabei führen die klerikalen Interessen einer juridisch geordneten, vom Lehramt geleiteten Kirche (in äußerster Knappheit formuliert) zur Frage: Darf die westlich-klerikale, kontrollierende, genau definierende und autoritär agierende Kirche die biblischen Grundaussagen des christlichen Glaubens nach eigenem Gutdünken verändern, ihr neue Elemente hinzufügen oder spätere Überzeugungen wieder zurücknehmen? Kann sie also Traditionen schaffen, die von der Schrift nicht gerechtfertigt sind, und ihnen eine irreformabel bleibende Gültigkeit zusprechen? Diese Frage spitzt sich im lehramtlichen Unfehlbarkeitsanspruch dramatisch zu.

Die offizielle Antwort erschöpft sich bislang in einer hinhaltenden Weigerung, direkt auf kritische Argumentationen und Fragen zu antworten. Die klerikale Elite hütet ihre Lehrvollmacht als ihren wertvollsten Augapfel: Lehrkorrekturen würden zu einer tiefen klerikalen Erschütterung führen. Aus Gründen der Selbsterhaltung muss sie auf ihrer uneingeschränkten Lehrkompetenz bestehen und so die Berechtigung ihres Daseins verteidigen.

Dieser doktrinale Narzissmus ließe sich an der Theologie von Walter Kasper gut demonstrieren. Bis heute bleibt er einer romantisch-harmonischen Idee von Geschichtlichkeit verhaftet, so als ob sich die christliche Wahrheit ungestört weiterentwickelte und als der problematische Klerikalismus der Kirche einen konstitutiven Anteil bilde. So werden historisch wissenschaftliche, ideologie-, kontext-, macht- und genderkritische Aspekte schlicht ausgeblendet. Diese Immunisierungsstrategie geht so weit, dass Dogmen- und Unfehlbarkeitskritik ignoriert werden.

Gemäß immer noch aktuellen Diskussionsgängen
– ist das Verbot der künstlichen Geburtenregelung gültig, weil es in der Vergangenheit galt,
– beharrt Rom auf dem Ordinationsverbot von Frauen, weil frühere Jahrhunderte darauf beharrten,
– werden nichtkatholische Ehepartner*innen von der Kommunion ausgeschlossen, weil dies früher der Fall war,
– beharrt man auf der Transsubstantiationslehre, weil sie auf einem früheren Konzil definiert wurde,
– besteht man rigoros auf der Unauflöslichkeit der Ehe, weil sie vermeintlich vom Konzil von Trient definiert wurde,
– wird homosexuelles Handeln als sündig eingestuft, weil die klerikale Lehrelite dies in früheren Jahrhunderten so getan hat.

Faktisch ist die katholische Dogmenhermeneutik zu einer Maschinerie klerikaler Selbstbestätigung verkommen. Der Glaubenssinn des Volkes bleibt ausgeblendet; er wird höchstens als religiöses Unwissen oder kirchliche Unbotmäßigkeit diskriminiert.

Zu einem großen Teil kann diese klerikale Selbstbezogenheit auch erklären, warum sich die Glaubenssprache der Kirche immer mehr von der Erfahrung der Menschen entfernt. Sie und ihr Orientierungswissen kommen darin schlicht und einfach nicht vor. Auch ist kein Ringen um eine unmittelbar Begegnung mit der Wirklichkeit zu spüren. Der Klerikalismus begegnet ja unaufhörlich sich selbst, wie das Bild vom Resonanzraum (2.5) schon zeigte. Vor diesem Hintergrund kann man sich über den dramatischen Relevanzverlust der katholischen Kirche nicht wundern. Ein relativierender Vergleich auf andere Kirchen kann nicht verfangen. Vermutlich erliegen sie vergleichbaren Mechanismen.

3.7  Ausschluss der Frauen und Zölibat (Baustein 7)

Gemäß 2.6 sind Männerbünde keine künstlichen Produkte, sondern wiederholen in männerzentrierten Gesellschaften angesichts außerordentlicher gesellschaftlicher Herausforderungen eine Form elitärer Gemeinschaft. Das gilt auch für den Klerikalismus, der hier zu analysieren ist. Aber er überzieht diese androzentrische Lebensform so dicht mit einem Netz von theologischen Argumenten, dass er sich als das spezifische Produkt der christlichen Botschaft darstellt und selbst seine Androzentrik als christlich geboten präsentiert. Es sollen kraft der christlichen Botschaft Männer sein, von denen außerordentliches Heil zu erwarten ist. Der Störfaktor Sexualität wird kraft göttlich auferlegten Gebotes neutralisiert. Dies ist eine große Täuschung.

Es ist schwer, den Gesichtspunkt der Sexualität ohne Verzerrungen in die Systematik des Klerikalismus einzubauen, denn ähnlich wie Baustein 5 durchzieht er mit seiner grundlegenden Interpretation von Welt und Mensch alle anderen Bausteine; unter 2.6 war schon davon die Rede. Es geht nicht darum, dass Frauen aus der Kirche insgesamt ausgeschlossen sind; das wäre ein absurder Gedanke. Dennoch kommt die real existierende Kirche diesem Defizit nahe, da die Hierarchie als umfassende normgebende Repräsentantin der Gesamtkirche gilt.

Offensichtlich weiß diese klerikale Hierarchie auch nicht, welchen Schaden sie sich damit selbst zufügt, indem sie ganze Erfahrungswelten ignoriert. Biblisch, anthropologisch, moralisch und spirituell muss das zu schweren Defiziten führen. Die Rache der menschlichen Natur folgt auf dem Fuß, da sie sich auch bei strengster Disziplin nicht unterdrücken lässt. Allzu oft führen verdeckte oder illegitime sexuelle Beziehungen zur Missachtung und Ausbeutung der Frauen und ihrer Kinder.

Damit ist schon die verwerfliche „freiwillige“ Verpflichtung der Kleriker auf den Zölibat angesprochen. Doch merkwürdig bleibt folgende Beobachtung: Zwar gilt der Zölibat nicht als Glaubensgebot. Zwingend wurde er erst 1193 durchgesetzt und heute noch könnte der Papst ihn als allgemeine Verpflichtung aufheben. Dennoch würde ein solcher Schritt bei zahllosen Klerikern ein Erdbeben verursachen. Der Grund: Sie erleben ihren Glauben und ihre Religiosität schon immer in einem entsexualisierten bzw. sexualfeindlichen Raum. Vollzogene Sexualität erfahren sie in jedem Fall als zutiefst irritierend. Unausgesprochen oder nicht, kann diese Lebensform bei katholisch sozialisierten Menschen im Laufe der Jahrhunderte zu einem gespaltenen Weltbild führen, das sich mit der biblischen Schöpfungsvorstellung kaum vereinbaren lässt. Man gibt sich sachbezogen und entfernt sich damit von den Menschen. Seit Konzilszeiten scheiterte der Versuch sieben Mal, als Basis des Kirchenrechts ein „Grundgesetz“ (lex fundamentalis) zu etablieren, das von den Menschenrechten ausgeht. Damit hat sich der Klerikalismus entlarvt.

Hier geht es nicht um die Frage, wie einzelne Personen ihre Sexualität integrieren oder vielleicht auf den Vollzug sexueller Handlungen verzichten können. Beispiele dafür gibt es viele. Doch als kollektive Regel führt eine lebenslange Zölibatspflicht bei vielen Klerikern zur Entwürdigung und lebenslang massiven Traumatisierung von Abhängigen, zur psychischen und moralischen Selbstzerstörung, schließlich zur Verhöhnung der Ideale, die sie zu dieser Lebensform motiviert haben. Bezeichnend dafür ist, dass es bis heute noch nicht gelungen ist, im kirchlichen Gesetzbuch für die vorgesehenen Strafen (Suspension und Entlassung) einen angemessenen Ort zu finden. Rechtssystematisch steht sie neben dem Verbot, die Beichte zu entehren und die Eucharistie zu schänden. „Schutz der Heiligkeit der Sakramente“ lautet die gemeinsame Überschrift. So ist die Schändung der Betroffenen noch immer nicht im Blick; die Ablenkung von den Tätern funktioniert noch immer. Das spricht für die implizite Perversität eines Weltbildes, das die Menschenliebe als Konkurrenz zur Gottesliebe erfährt (vgl. 2,6).

3.8  Prachtentfaltung (Baustein 8)

Allenthalben wird die römisch-katholische Kirche für ihre Liturgiefähigkeit gerühmt. Sie kann wunderbare Gottesdienste feiern, die Erhabenheit der Musik, den Rausch von Farben und die Verführung der Düfte einsetzen. Der feierliche Pontifikalgottesdienst in einer Kathedrale, eine Osterfeier oder die Installation von Kardinälen in Rom lässt niemanden unbeeindruckt. Geht es nicht immer darum, den „Triumph der Gnade Christi“ erfahrbar zu machen?

Zweifel sind angebracht, weil diese Liturgien überfüllt sind von alten Ritualen, teils von archaischer Tiefe, teils von überholter Machtdemonstration oder feudalem Aufwand. Der Antrieb zur Selbstdarstellung überbietet in der Regel den Drang, Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit zu feiern. Zu groß sind die Anteile klerikaler Selbstdarstellung, vor der die einfachen Gläubigen in die Knie fallen.

Es würde zu weit führen, die zahlreichen Kleidungsstücke und -vorschriften darzulegen, die von der Größe eines kirchenleitenden Amtes zeugen, die genau austarierten Schattierungen von Purpur bis Scharlachrot, die Machtinsignien, vom Ring und dem Pallium der Erzbischöfe bis hin zu im Glanz überbordenden Chormänteln, zu Mitra und Stab, die während der Liturgie einem ständigen Wechsel von Aufsetzen und Abnehmen unterliegen, dem purpurroten Käppchen, den kunstvoll geklöppelten Spitzenhemden (Rochett) und leuchtenden Kurzumhängen (Mozettas), dem Tragen von farbigen, schwarzen oder farbig bordierten Talaren, der Präsentation von wertvollen Brustkreuzen samt glitzernden Brustketten und dem uniformierten Auftritt ganzer Bischofsriegen bei Bischofskonferenzen und bischöflichen Geburtstagen, römischen Zusammenkünften oder anderen Gelegenheiten. Mehr nostalgisch feudale Eitelkeit als Sachhingabe vermute ich bei dem sorgfältigen Eifer, mit dem sich jeder neue Bischof ein Wappen mit Wappenspruch zulegt.

Das weckt die Vermutung, dass sich die Hierarchen noch immer wie in feudalen Zeiten als Personen von besonderem Stande fühlen, eine Art Fürstbischöfe zumal dann, wenn sie die einst höchstrangigen Bischofsstühle besetzen, sei es in Köln, Mainz, München/Freising oder Paderborn. Deshalb sind die letzten prunkvollen Bischofsbeerdigungen in Sachen Klerikalismus entlarvender als deren ebenfalls prunk- und anspruchsvolle Inthronisationen: Dann trägt der klerikale Aufwand in sich untrüglich die Signale seiner Selbstauflösung.

Man mag diese Hinweise für unerheblich halten. Mir sind sie wichtig, weil diese Ästhetik den Teilnehmern an einer Liturgie ein überholt hoheitliches und weltfernes Gottesbild vermittelt. Bei diesem Gott und seinem himmlischen Hofe herrscht hoheitliche Ordnung, eben die Ordnung eines Männerbundes, bei dem die gesellschaftlichen Klassen, Jung und Alt, Konforme und Aufmüpfige, Männer und Frauen genau unterschieden, vielleicht ausgeschieden sind. Diese Selbstdarstellung ist klerikaler und deshalb unchristlicher als den Selbstdarstellern wohl bewusst ist.

Ihre klerikale Kraft ist so dynamisch, dass selbst die bewusst bescheidene Dominikanerkleidung des Papstes heute als Überbietung der bischöflichen Garderobe wahrgenommen wird. Das Tragen der weißen Robe gilt nach römischer Kleiderordnung als sein einziges Privileg, das sich der emeritierte Papst angeeignet hat. Er trug noch rote Schuhe, die er inzwischen abgelegt hat. Anfang September 2018 erklärte Kardinal Marx, die Kirche brauche den Dialog mit der Welt. Unter den Bedingungen des Klerikalismus wird das nicht gelingen.

IV.   Schluss: Überwindung eines destruktiven Systems

4.1  Klerikalismus unter Kritik

Der Klerikalismus ist inzwischen in aller Munde. Sogar Bischöfe verurteilen ihn, allerdings so pauschal, dass daraus keine Selbstverpflichtung folgt. Er gerät zum Sündenbock, der in die Kirche eindringt, um sie zu verderben. Der Papst scheint einfach ein bescheidenes, aufrichtiges und konsequent christliches Verhalten einzufordern. Deutsche Bischöfe wollen den Klerikalismus beenden, rühren aber nicht an seinen theologischen Grundlagen. Der vorliegende Beitrag führt jedoch zu weiterführenden Konsequenzen:

Erstens: Auf vorreflektierter Ebene folgt der Klerikalismus noch immer der vitalen Dynamik eines Männerbundes, der sich über Jahrhunderte hin ungestört entwickeln und seine Eigengesetze christlich schmücken konnte. In einer demokratischen Gesellschaft hat dieser Männerbund jede Plausibilität verloren. Deshalb hat er auch in der Kirche nichts mehr zu suchen. In einer Weltgemeinschaft von 2,3 Mrd. Menschen bleibt er dennoch präsent.

Zweitens: In den Klerikalismus der römisch-katholischen Kirche sind vielfache theologisch ausgestaltete Bausteine eingegangen. Sie legitimieren die vitalen Grundtendenzen, doch machen sie den Klerikalismus zugleich zu einem komplexen Phänomen von Bestimmungen und Bedingungen, die sich nur mühsam entflechten lassen. Wer dem Klerikalismus die Stirn bieten will, hat über diese theologischen Bausteine zu befinden. Seine Überwindung geht moralischen Forderungen voraus.

Drittens: Vermutlich stößt die Überwindung des Klerikalismus auf massiven Widerstand, denn dieses Phänomen konnte sich über einen langen Zeitraum hin ohne prinzipiellen Widerspruch entwickeln, bis die feministische Theologie ihre Stimme erhob. In Theorie und Praxis standen die unterschiedlichen Bausteine in ständiger Interaktion, um eng miteinander zu verschmelzen. Zudem hat das gesamte Kirchenvolk die Selbstprivilegierung der Kleriker toleriert, obwohl es ständig degradiert, gedemütigt und missachtet wurde; unter dieser Perspektive wäre die Geschichte der Ketzer neu zu entziffern. Offensichtlich standen für diese Akzeptanz die androzentrische und feudale Struktur unserer Gesellschaften Pate. Erst nach mehreren Anläufen setzte sich in der Reformation eine theologisch nachhaltige Kritik durch. Sie berief sich in neuer Weise auf die biblischen Ursprünge und ließ sich nur schwer widerlegen. Angesichts ihres Narzissmus (3.6) ließ es die katholische Kirche auf eine Kirchenspaltung ankommen.

Viertens: Wie heute auch die Hierarchen zugeben müssten, kann trotz vieler neutestamentlicher Wurzeln und Erinnerungen keiner der genannten Bausteine einfach als schriftgemäß gelten. Alle haben ihr genuin christliches Erbgut verengt, zugespitzt, in einen unchristlichen Geist getaucht oder für die Interessen der Hierarchen instrumentalisiert. Das verleiht der Klerikalismuskritik heute ein breites Echo und eine umfassende Legitimation. Wir haben das Recht, gegen den massiven egozentrischen Klerikalismus an die Schrift zu appellieren, ohne uns an den Rand der Kirche drängen zu lassen. Eine Erneuerung der Kirche verlangt das Ende ihrer klerikalen Strukturen.

Fünftens: Bislang hat sich die Hierarchie konstant der fälligen Revision der Unfehlbarkeitsdoktrin verweigert und meist übergeht die Theologie diesen Sündenfall mit Schweigen. Dabei wäre der einfachste Ausgangspunkt zur Überwindung der gegenwärtigen klerikalen Missstände eine Unfehlbarkeitskritik. Dann stünde der Weg für eine neue unbefangene Lektüre der Schrift offen, in der die Lehrgrundlagen des Klerikalismus verdampfen würden. Die Kritiker der klerikalen Missstände produzieren keinen „Eintopf“, wie Bischof Kohlgraf wiederholt unterstellt, sondern haben die Ursünde des modernen Katholizismus durchschaut.

Sechstens: So gesehen bezahlt der katholische Klerikalismus den Preis für seine eigene Unbelehrbarkeit. Letztlich muss er in den ökumenischen Beziehungen und im Weltgespräch scheitern.

4.2  Kluge Strategien

Lässt sich der Klerikalismus auf anderen Wegen überwinden? Die simple Übernahme anderer Kirchenmodelle ist schwierig, denn klerikale Elemente sind ‑ wenn auch in gemilderter Form ‑ auch in anderen Kirchen und Konfessionen wirksam. Es reicht also nicht, kirchliche Herrschaftsmodelle auszutauschen, denn auch die östlich orthodoxen, die evangelischen oder unabhängigen und charismatischen Kirchen haben mit ihrem eigenen Klerikalismus zu kämpfen. Zudem kommt es weniger auf die faktischen Strukturen, sondern auf den Geist an, in dem sie gelebt werden. Nicht die faktischen Institutionen sind wichtig, sondern was sich konkret in ihnen ereignet. Dies ist tabufrei zu sehen und zu beurteilen.

Wenn konkrete Erneuerungsprogramme wirksam werden sollen, müssen sie ganzheitlich, also mit praktischen Entscheidungen beginnen. Dabei sollte man genau auf den Sinn und die Funktionen kirchlicher Ämter achten, Schlüsselkonstellationen herausgreifen und der klerikalen Dynamik der Hierarchie die partizipative Dynamik der Gesamtkirche entgegensetzen. Das wäre die Aufgabe reformorientierter Kirchengemeinden und Kirchenmitglieder; wir brauchen mündige und eigenverantwortlich denkende Gemeinden. Denkbar wären als erster Dreischritt die Zulassung von Frauen zum kirchlichen Leitungsamt, die Aufhebung des Zölibats und die Wahl der Funktionsträger*innen durch die jeweils Betroffenen. Nach fünf Jahren wären die Klerikalismusdebatten verstummt und die Kirche nicht wiederzuerkennen.

Ein Erneuerungsprogramm muss ferner die vitale Eigendynamik des Klerikalismus ernstnehmen und (demokratischen Prozessen vergleichbar) ihr ständig Widerstand bieten. Angesichts der globalen Größe einer Kirche von 2,3 Milliarden Menschen wird er nie verschwinden, vielmehr bleibt er dort eine ständige Gefahr, wo sich Machteliten bilden.

Schließlich muss sich ein Erneuerungsprogramm geschichts-, ideologie-, kontext-, macht- und genderkritischen Strategien stellen. Sie allein machen gegen die naive Selbstbestätigung von Amtsträgern und ihren Gremien sensibel. Dazu gehören ein Gehör auf die Humanwissenschaften, ein waches Menschenrechtsbewusstsein sowie die prophetische Hoffnung auf eine in Frieden und Gerechtigkeit versöhnte Gesellschaft.

4.3  Der Ernst der Lage

Die erschreckende Missbrauchsepidemie, das oft unerträgliche Finanzgebaren kirchlicher Institutionen, die hartnäckige Intransparenz kirchlicher Entscheidungszentren, der notorische Überlegenheitskomplex der Kirchenleitungen sowie der fanatische Widerstand gegen alle Erneuerungsimpulse von Papst Franziskus, sie alle zeigen den Ernst der aktuellen Lage. Der Glaubwürdigkeitsverlust gegenüber Priestern und Bischöfen ist enorm. Ichschwache Persönlichkeiten fühlen sich zum Priestertum hingezogen, ferner Menschen, die mit ihrer Sexualität nicht umgehen können (Ursula Gasch).

Das Ergebnis ist paradox. So geistig und entweltlicht sich der Klerikalismus auch gibt, am offenkundigsten scheitert er an seiner androzentrischen Leugnung einer Sexualität, die sich eben nicht leugnen lässt. Das führt zu zahllosen Prozessen der Vernichtung und Selbstvernichtung. Deshalb müssen die Hierarchen wissen: Wenn sie das Sexualproblem der Kleriker nicht menschlich lösen, werden sie auch nicht die neue Freiheit gewinnen, sich von ihrer Herrsch- und Kontrollsucht zu trennen. Und nur wer seine Kontrollsucht aufgibt, wird die Kirche endlich aus ihrer babylonischen Gefangenschaft entlassen. Wir brauchen charismatisch-vielfältige Strukturen mit Funkionen, die kooperieren und einander begrenzen. Der aktuelle Zusammenbruch der klassischen Seelsorge ist dafür ein unübersehbares Fanal.

4.4  Kann ein Papst die Kirche retten?

Die aktuelle Situation von Papst Franziskus zeigt die hoffnungslos verfahrene Situation einer im Klerikalismus erstickten Hierarchie. Einerseits genießt der Papst ‑ als oberster Gesetzgeber, Richter und Entscheider in einem ‑ absolute Vollmachten. Formal könnte er über Nacht das Gesicht seiner klerikal agierenden Kirche umbauen. Andererseits müsste er dabei sein eigenes Profil massiv ändern; in den Augen vieler würde er sein eigenes Amt abschaffen. Er selbst käme aus einer solchen Operation als ein Anderer heraus. Jeder grundsätzliche Schritt wäre deshalb genauestens zu reflektieren.

Deshalb bleibt ihm nur der Weg von Reformschritten, die das Kirchenprofil in Etappen verändern. Er selbst aber muss von Anfang an die anthropologischen, politischen und theologischen Zusammenhänge überschauen und eine Vision von der erneuerten Kirche entwickeln. Dazu ist er auf Berater von höchster exegetischer, historischer, soziologischer und juristischer Kompetenz angewiesen. Er kann sie weder aus dem Kreis der Kardinäle noch aus dem der Bischöfe gewinnen. Ob ihm das gelingt? Niemand beneidet ihn um diese Aufgabe. Doch er muss sie in Angriff nehmen, bevor die römisch-katholische Kirche auf eine narzisstische und der geistlichen Macht verfallene Großsekte herabsinkt.

Falls das in absehbarer Zeit nicht gelingt, hat die Basis im Geist der Schrift keine andere Wahl, als in einem Akt großer loyaler Illoyalität tiefgreifende Änderungen zu erzwingen, in eigener charismatischer Vollmacht also eine andere Kirchenwirklichkeit zu praktizieren, denn die Kirche, nicht der Klerus sollte gerettet werden. Die Basis wird gut reformatorisch die Wesensdifferenz zwischen Klerikern und „Laien“ aufheben, die einseitige Sakralisierung von Kirche und Ämtern unterlaufen und endlich klären, dass selbst in der römisch-katholischen Kirche Irrtümer möglich sind. Im Idealfall könnte sich der Papst dazu mit reformorientierten Kräften von unten verbinden. Schließlich sind im Vertrauen auf den prophetischen Geist Jesu Zeichen und Wunder nicht ausgeschlossen.

(07.10.2018)

 Fußnote

[1] Helmut Waldmann, Männerbünde, in: V. Drehsen, H. Häring, K.-J. Kuschel, H. Siemers (Hgg.), Wörterbuch des Christentums, Gütersloh/Zürich 1988, 763f.

Letzte Änderung: 11. Oktober 2018