Was ist Klerikalismus?

Der Kampfbegriff „Klerikalismus“ wurde im 19. Jahrhundert im Streit um das Verhältnis von Staat und Kirche geprägt. Er zielte auf die öffentlichen Macht- und Rechtsansprüche kirchlicher Institutionen, die von den Klerikern vorgetragen wurden. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff auf innerkirchliche Verhältnisse ausgeweitet. In diesem Fall zielt er auf die kritisierte Vorherrschaft von Klerikern gegenüber den Nichtklerikern, die im Kirchenrecht noch immer „Laien“ genannt werden.

Aufbau

I. Ein vieldeutiger Kampfbegriff

I/1    Der staatspolitische Streit
I/2    Die reformpolitische Absicht
I/3    Der skandalöse Kontext
I/4    Ein analytischer Blick

II. Wie Männerbund und Klerikalismus zusammenhängen

Baustein 1:  Sich Legitimationen verschaffen
Archaische Kampfstruktur – Apostolischer Ursprung
Baustein 2:  Besondere Funktion übernehmen
                     Elitäre Überordnung – Klerus und „Laien“
Baustein 3:  Sakrale Macht
Heiligkeit schafft Unterordnung – Sakrale Ämter
Baustein 4: Geschlossen und intransparent kommunizieren
Esoterisches Herrschaftswissen – Kultur kirchlicher Geheimhaltung
                    Exkurs: Vertuschung der Missbrauchsfälle
Baustein 5: Traditionen schaffen
Identitätsstiftende Erzählung – Schrift und Tradition
Baustein 6:  Ein Selbstbild erzeugen
Auffällige Selbstdarstellung – Überbordende Pracht
Baustein 7: Verselbständigung des Rechts
Ein- und Unterordnung – Strategie des absolut gesetzten Rechts
Baustein 8: Störfaktor Sexualität
Feudaler Männerbund – Der „reine“ Klerikalismus
Baustein 9: Überforderungen und Ausgleich
                    Verzicht auf den Genuss – Gottgegebene Sexualphobie
                   Exkurs: Erniedrigung von Frauen und fatale Selbstbestätigung

III.       Überwindung eines destruktiven Systems

III/1 Vorbehaltlose Kritik
III/2 Kluge Strategien
III/3 Der Ernst der Lage
III/4  Kann ein Papst die Kirche retten?

Ohne die zeitraubende und inspirierende Unterstützung des niederländischen Religionssoziologen Dr. Ad Krijnen, Berkel-Enschot, hätten diese Überlegungen nicht ihre gegenwärtige Gestalt erreichen können. Ihm gebührt herzlicher Dank.

Text

I.        Ein vieldeutiger Kampfbegriff

Schon das 2. Vatikanische Konzil nahm diese Vorherrschaft zwar klar, doch im Grunde erfolglos ins Visier.[1] Neuerdings kommt Papst Franziskus auf Klerikalismus im Zusammenhang mit den Missbrauchsdebatten zu sprechen. Er geißelt die für ihn typischen Untugenden eines Klerus, der träge und selbstsüchtig geworden ist, allen Reformen Widerstand leistet und sich weigert, zu den Bedürftigen an die Ränder der Kirche zu gehen. Doch seine weiteren Ausführungen bleiben recht vage. Ähnlich wie Kardinal Reinhard Marx und andere Bischöfe zieht er sich auf moralisierende Kategorien wie Egozentrik, Eitelkeit und Machtgier zurück. Natürlich spielen Macht und Überlegenheit im Rahmen sexueller Gewalttaten eine große Rolle. Wie aber kommen sie zustande, wie zeigen sie sich und wie können wir sie analysieren? Die genaueren Hintergründe bleiben unbestimmt. So lässt sich mit Klerikalismus zwar trefflich polemisieren, doch droht er, zu einem inhaltsleeren Schimpfwort zu verkommen. Man projiziert mit ihm Sündenböcke an die Wand, lenkt aber von den Ideen und Strukturen ab, aus denen sich der Klerikalismus speist. Solange sie nicht konkret benannt und verändert werden, ist auf keine Besserung zu hoffen. Gehen wir dem Begriff „Klerikalismus“ deshalb genauer nach.

I/1      Der staatspolitische Streit

Im 19. Jahrhundert erscheint der Klerikalismus als ein staatspolitischer Kampfbegriff.[2] Liberale, Sozialisten und andere kirchenkritische Gruppen kämpfen gegen das Bestreben der katholischen Kirche, in Staat und Gesellschaft ihren Einfluss zu erhalten und ihre Überzeugungen durchzusetzen. In Frankreich lautet der klassische Gegenbegriff Laizismus (laïcité), der seit 1910 das Verhältnis zwischen Kirche und Staat offiziell definiert, indem er jeden Einfluss der Kirche auf den Staat strikt unterbindet. In Preußen und im späteren deutschen Kaiserreich werden die klerikalen Interessen der Kirche im Kulturkampf (1871-1878) zurückgedrängt. Konjunktur hatte der Begriff später in der Weimarer Republik (1918-1933), als die katholische Zentrumspartei für die Interessen der katholischen Kirche kämpfte. Je mehr aber der katholische Klerikalismus bekämpft wurde, umso konsequenter wurde innerhalb der Kirche der Vorrang des Klerus vor den „Laien“ gestärkt.

Nicht zu vergessen sind auch die späteren, oft sublimen Formen eines staatspolitischen Klerikalismus nach 1945, als offiziell-kirchliche Kreise im Schatten eines kirchenfreundlichen Konkordats ihre Beziehungen zu den politischen Eliten knüpften. Ein gutes Beispiel dafür sind auf Bundes- und Länderebene noch heute die „Katholischen Büros“ mit ihrer einflussreichen Lobbyarbeit bei Regierungskreisen.

Auch in ökumenischen Diskussionen des späten 19. und des 20. Jahrhunderts warfen protestantische Kreise der katholischen Kirche Klerikalismus vor. Sie selbst verstanden sich als antiklerikal, verbanden mit dieser Polemik allerdings keine politische, sondern eine theologische Zuordnung; denn jetzt wurde die protestantische Lehre vom „Priestertum aller Gläubigen“ der katholischen Lehre vom Amtspriestertum entgegengesetzt.

Diese politischen und konfessionellen Bedeutungen von Klerikalismus sind weitgehend verblasst. Doch sollte diese Geschichte nicht vergessen werden, denn sie prägt noch heute das klerikale Kampf- und Selbstbewusstsein des deutschen Katholizismus.

I/2      Die reformpolitische Absicht

Inzwischen wurde der Begriff in der katholischen Reformdiskussion wiederbelebt. Jetzt signalisiert er weniger die „Grenzüberschreitung des Klerus in weltliche, vorwiegend politische Handlungsfelder“ (R. Bucher), sondern ungerechtfertigte Macht- und Überlegenheitsansprüche von Klerikern oder klerikalen Gruppen gegenüber den „einfachen“ Mitgliedern der eigenen Kirche, die offiziell „Laien“ genannt werden. Papst Franziskus fügte ihm als erster eine selbstkritische Qualität hinzu. Sein Sprachgebrauch hat vermutlich befreiungstheologische Wurzeln. Doch inzwischen gibt er diesem Kampfbegriff eine ethische und psychologische Qualität. Er identifiziert Klerikalismus mit Eitelkeit, einem narzisstischen Machtmissbrauch, dem Verrat an der christlicher Verkündigung und mitmenschlicher Solidarität.

Doch könnte diese Kritik schnell zu einem stumpfen Schwert werden. Denn genau besehen enthüllt sich der real existierende Klerikalismus als ein hochkomplexes Phänomen. Wer ihm wirksam zu Leibe rücken will, muss neben den historischen und abstrakt theologischen auch strukturelle und allgemein soziologische Zusammenhänge analysieren. Und nur mit komplexen Gegenstrategien lassen sich die Missstände wirksam überwinden.

I/3     Der skandalöse Kontext

Durch die aktuellen Missbrauchsdebatten hat die Klerikalismuskritik einen neuen Höhepunkt erreicht. Seit 2010 wurde der Skandal immer offenkundiger. Zahllose römisch-katholische Kleriker haben abhängige Kinder und Jugendliche gedemütigt, vergewaltigt und ihnen lebenslange seelische Wunden zugefügt. Ihre Vorgesetzten in Bistümern, Orden und Internaten, in Kinder- und Jugendheimen haben diese Untaten vertuscht und kaum für Abhilfe gesorgt. Das öffentliche Ansehen kirchlicher Institutionen genoss unbedingten Vorrang. Erst allmählich tritt auch das Schicksal vergewaltigter, oft geschwängerter Nonnen ins Bewusstsein. Der Katholizismus ist weltweit von dieser Seuche kontaminiert; in unseren Breiten sind etwa 5 Prozent des Klerus in diese Skandale verwickelt. Bis vor wenigen Jahren galt die Vertuschung als selbstverständliche Regel; gegebenenfalls wurden Missetäter einfach versetzt, nur selten bestraft.

Die klerikalen Täter und Vertuscher waren Beichtväter und Seelenführer, Erzieher und Seelsorger, also spirituelle, religiöse und moralische Vertrauenspersonen, Repräsentanten einer Institution, die behauptet, im Namen Gottes zu sprechen. Von ausgesprochen zynischen Ausnahmen abgesehen führte ihr sexuelles Fehlverhalten nicht einfach zum Verfall ihrer Moral, sondern zu einer höchst selektiven Wahrnehmung ihrer Opfer. Nur in wenigen Fällen lassen sich ihre Verbrechen auf besondere sexuelle Prägungen, etwa auf Pädophilie reduzieren. Bei vielen wird eine unreife, durch den Zölibat unterdrückte Sexualität konstatiert. Es gibt keine Tradition von Supervisionen, vielmehr eine Tradition des Schweigens und Verschweigens. Zu fragen ist also: Welche konkreten Bedingungen begünstigen dieses Fehlverhalten so massiv, dass alle Basisregeln eines gegenseitigen Respekts außer Kraft gesetzt werden?[3]

Neuere Diskussionen nehmen neben den vital-sexuellen Antrieben die Machtstellung der Kleriker in den Blick, die gegenüber jungen Menschen ein übergriffiges Verhalten begünstigt. Solche Kleriker[4] handeln als die physisch Erfahrenen und Stärkeren, als die intellektuell und mental Kompetenten und als moralische Vorbilder. Sie können perverse Situationen herbeiführen, die die Betroffene noch nicht durchschauen und denen sie sich nicht entziehen können. Gegebenenfalls erfahren die Betroffenen den Übergriff zunächst als das Privileg eines intimen Vertrauens, das sie mit den Gewalttätern teilen, für das sie sich bald schämen und über das sie schweigen.

Natürlich können sich solche Situationen auch außerhalb religiös bestimmter Kontexte ereignen; denn sexuelle Verhaltensweisen zwischen Menschen sind immer Beziehungshandlungen, können also immer in asymmetrische Machtverhältnisse eingebettet sein. Doch auf das Phänomen des Klerikalismus wirft diese Tatsache ein besonderes Licht. Ursprünglich, so könnte man meinen, hat Klerikalismus ja nur wenig mit Sexualverhalten zu tun, denn die Stellung der Kleriker erklärt sich gemeinhin aus ihrer ideellen Vorrangstellung in Kirche und Welt. Gemäß einem Bericht der Apostelgeschichte fiel dem Matthias das Apostelamt durch den Entscheid eines Loses zu (= klhros, Apg 1,26). Dieses Los tat der Gemeinde den göttlichen Willen kund. Seit dem 2. Jahrhundert bürgert sich das entsprechende lateinische Wort clerus als Standesbezeichnung der kirchenleitenden Amtsträger ein. Gemäß dieser Erinnerung bildet der Klerus einen eigenen Stand, der sich auf Gottes besondere Erwählung berufen kann und sich von dem rein negativ bestimmten Stand der „Laien“ unterscheidet. Die Zölibatspflicht der römisch-katholischen Kirche hat den Klerus noch mehr erhöht, wie wir sehen werden, aber die Problematik dieses Lebensmodells nur noch verschärft.

I/4     Ein analytischer Blick

Auf den ersten Blick klingt Klerikalismus nach einem religiös motivierten Sachverhalt, der sich durch mehr Glauben und Selbstdisziplin in gute Bahnen lenken lässt. Doch das ist nicht der Fall. Wer den Klerikalismus verstehen will, muss die Lebensform begreifen, die den Klerikern schon vorgegeben ist. Dabei zeigt sich schnell das Phänomen der Männerbünde. Es taucht nicht nur in einfachen, sondern auch in höher organisierten, zumal in neuzeitlichen Gesellschaften auf. In patriarchal organisierten Kulturen erweist es sich als sehr stabil und in der römisch-katholischen Kirche wird es schließlich als ein Alleinstellungsmerkmal der Kirchenelite hoch in Ehren gehalten.

Helmut Waldmann fasst die Ergebnisse der Forschung zum Phänomen der Männerbünde schon 1988 in einem Artikel zusammen.[5] Er beschreibt sie als Elitegruppierungen mit einer sittlichen Ausnahmestellung, einer strengen inneren Gehorsamsstruktur, frauenfeindlichen Praxis und Mentalität sowie mit dem Bewusstsein göttlicher Auserwählung. Oft beziehen sie ihren Lebensunterhalt aus Schutzgeldern und Steuern.[6] Bis 1945 zog man in Deutschland gerne das preußische Militär als vorbildliches Beispiel heran; heute werden in ihm eher die typischen Perversionen viriler Verhaltensweisen entdeckt. Historisch lässt sich ihre Entstehung schon in indogermanischen Bünden sowie in gnostisch-dualistischen Systemen der Antike verorten. Inzwischen ist, wie schon gesagt, der Klerikalismus in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Gewiss, seine Regeln haben in den untersten Rängen der katholischen Priesterschaft viele Konturen verloren, umso hartnäckiger halten sie sich in den höheren hierarchischen Rängen, also in den Kreisen der Bischöfe und Bischofskonferenzen, der übergeordneten Kardinalsgremien und in der römischen Kurie.

Es fällt auf, dass dieser Klerikalismus in seiner universalkirchlichen Makrostruktur das gesamte katholische System überwölbt. Er gilt für die vielen kirchlichen Teilsysteme (Bistümer, Orden, Priestergruppen, religiöse Gemeinschaften) als Norm. Es dringt selbst in die individuelle Glaubenspraxis vieler loyaler Christen ein. Die klerikale Großstruktur der Kirche baut sich als Pyramide von unten her auf. Über dem „Volk“ erhebt sich der Stand der Diakone und Priester. Darüber thronen die Bischöfe in verschiedenen wohlgegliederten Rangstufen. An ihrer Spitze steht schließlich der Papst mit der Kurie als einem universalkirchlichen Machtorgan. Diese Superstruktur ist im Blick, wenn im Folgenden – vorgängig zu aller Bewertung ‑ von klerikalen Strukturen und von Klerikalismus gesprochen wird.

Im Kern, so meine These, kopieren die katholischen Kirchenstrukturen den Grundtypus des Männerbundes. Sie überhöhen ihn mit religiösen Theorien, stützen ihn mit biblischen Texten und nehmen dabei manche Verfälschung in Kauf. Man muss weder christlich sozialisiert noch theologisch beschlagen sein, um diese Zusammenhänge zu entdecken. Fragen wir also: Welche Rolle spielen die zahlreichen theologischen Argumente, mit denen die Kirche ihre klerikalen Strukturen schützend umgibt? Wie konnte es dazu kommen, dass ausgerechnet diese fragwürdige Lebensform zu einer privilegierten Sonderform christlicher Existenz erhoben wurde? Und wie gehen wir damit um?

II.      Wie Männerbund und Klerikalismus zusammenhängen

Anhand von neun Bausteinen möchte ich zeigen, wie Männerbünde und der Klerikalismus zusammengehören und für die aktuelle Kirchenkrise entscheidend sind. Diese Bausteine lauten:

(1) Selbstlegitimation, (2) besondere Funktion, (3) sakrale Macht, (4) Intransparenz, (5) Tradition, (6) Selbstdarstellung, (7) Recht und Ordnung, (8) Sexualität. Um es hier schon klar zu sagen: Sie bieten nicht nur Freiräume für ein klerikales Fehlverhalten, sondern fördern auch eine Struktur, die ein egozentrisches Machtverhalten bis hin zu sexuellem Missbrauch fördert und (9) schließlich die Beziehungen zu den Untergebenen vergiften kann.

II/1    Baustein 1: Sich Legitimationen verschaffen

Fundament 1: Archaische Kampfstruktur

Auf den ersten Blick stellen Männerbünde eine sehr menschliche Gemeinschaftsform dar. Sie bilden ihre eigene Logik aus, fühlen sich dem alltäglichen Lebens- und Weltbewusstsein überlegen und tendieren auf ihren Handlungsgebieten dazu, sich zu verselbständigen. Es können primitive Kriegerhorden oder Räuberbanden sein, mittelalterliche Ritterbünde, neuzeitliche Vereinigungen von Freimaurern, Studenten oder Militärs, die zeitgenössischen Fangemeinden von Fußballclubs. Sie scharen sich um bestimmte Ziele, erfüllen begeistert ihre Aufgaben, fühlen sich oft von höheren, vielleicht überlebenswichtigen Aufgabe aufgerufen oder gar zu einer besonderen Sendung auserwählt. Dafür nehmen sie wie selbstverständlich Machtprivilegien in Anspruch und kämpfen gegen den Untergang ihrer Gruppe oder ihres Ideals. Dieses Elitebewusstsein hat sich auch in vielen Adelskreisen erhalten.

Dabei bilden sie unverwechselbare Lebensstile und Verhaltensweisen aus. Wie von selbst entsteht eine eigene Art der Kommunikation und Kommandostruktur. Dazu gehören eine straffe Hierarchie und eine mentale Gleichschaltung. Auffällig ist die Kontrolle des sexuellen Verhaltens. In verschiedener Intensität immunisieren sie sich gegen hetero- und homosexuelle Irritationen, da sie auf ihre Lebensweise anarchisch wirken. Gerne stärken sie den Zusammenhalt durch eigene Rituale und eine uniformierte Kleidung. Die so stabilisierte Identität wird in unerschütterlich resistenten Idealen verankert, für die die gesamte Gruppe als geschlossene Einheit steht. Deshalb genießen die klar definierten Verhaltensregeln immer unbedingte Priorität gegenüber abweichenden Tendenzen; der Dissident wird nicht geduldet. Diese nach außen dokumentierte Eindeutigkeit wirkt für junge, suchende, innerlich vielleicht unsichere Männer anziehend: „Ich möchte einer werden, so wie die“ (Reulecke). In patriarchal geprägten Gesellschaften gibt es viele Vorformen, wenn auch in abgeschwächter Form; man denke an das klassische Beamtentum deutscher Prägung.

Soweit die umfassende Charakteristik dieser autoritären Lebensform. Sie ist von einer archaischen Kampfmentalität geprägt und funktioniert nur durch die gemeinsame Präsenz und Interaktion ihrer einzelnen Elemente. Erst gemeinsam schaffen diese Bünde einen stabilen, in sich stimmigen, dann aber äußerst resistenten Mechanismus. Selbst die Moderne mit ihren starken Tendenzen zu Individualisierung, Pluralisierung und Entzauberung konnte dieses magische Phänomen der Männerbünde nicht auflösen. Zu nennen sind zivilisationskritische Jugendverbände, die gerne Jugendlager abhielten und marschierten, aber auch antidemokratische Bewegungen wie der Ku-Klux-Klan[7] oder die aktuellen, faschistischen und rechtsextremen Gruppen auf allen Kontinenten, mafiöse Geheimbünde[8] und neuerdings fundamentalistische islamistische Bewegungen. Sie alle reagieren auf den Verfall von Machtstrukturen und gesamtgesellschaftlichen Orientierungen. Widerstände und befürchtete Auflösungserscheinungen scheinen diese Strukturen nur zu stärken.

Schon diese Beispiele zeigen: In der Gegenwart haben sich Bedeutung und Akzeptanz von Männerbünden tiefgreifend verändert, aber nicht aufgelöst. Ihr Bild von Mensch und Welt stehen im Widerspruch zu den Menschenrechten und einer demokratischen Gesellschaft. Demokratische Grundtugenden und Impulse kommen in diesen Bünden nicht vor. Deshalb wirken sie heute als Bedrohung demokratischer Strukturen und höchstens als eine folkloristische Ergänzung für Bedürfnisse, die in einer hochdifferenzierten Gesellschaft zu befriedigen sind. Damit sei massive Gesellschaftkritik nicht ausgeschlossen, wenn sie politisch, ethisch oder spirituell begründet ist. Auch muss der Gedanke einer Kontrastgesellschaft erlaubt bleiben, aber diese Modelle müssen alle demokratisch vermittelt und als die bessere Verwirklichung der Menschenrechte begründet werden.

Klerikaler Überbau 1: Apostolischer Ursprung

Die Existenz von Männerbünden in der römisch-katholischen Kirche ist offenkundig; nach kirchlichem Selbstverständnis werden sie alle im maßgebenden Elitebund der Bischöfe grundgelegt. Auch er hat eine Sprache entwickelt, der ihm seine eigene Legitimation verschafft. Die katholische Glaubenssprache formuliert es so: Die Kirche ist von Jesus Christus gestiftet und auf dem Fundament der Apostel erbaut (vgl. Eph 2,20). Genau besehen ist dies keine historische Information, sondern der metaphorische Ausdruck einer inneren Legitimation: Die Kirche und ihre Grundstruktur verdanken ihre Existenz der Botschaft und dem Lebensgeschick Jesu. Sie weiß sich für immer so auf Christus verpflichtet, wie sie von den Aposteln den Bischöfen als deren Nachfolgern überliefert wurde. Das gilt als eine unverzichtbare Bedingung ihrer Identität. Diese Behauptung muss nicht unbedingt falsch sein, doch der spätere Klerikalismus hat diese Ur-Überzeugung mehrfach verkürzt: Sie macht aus der Gründung der Kirche durch Jesus Christus ein historisches Ereignis und definiert die „apostolische Nachfolge“ der Bischöfe als eine rechtlich verbürgte Vollmacht, die durch lückenlose Ketten von Handauflegungen weitergegeben wird. Schließlich blendet sie konsequent die wohlbekannten historischen und kulturellen Kontexte aus, die dieses Modell relativieren. Dazu gehört das von Paulus präsentierte Gegenmodell einer charismatischen Kirchenordnung, die gerade kein Amtsmonopol zulässt, sondern aus der funktionalen Interaktion verschiedenster Kompetenzen lebt (1 Kor 12, 13). Das charismatische Modell lebt ja aus der Überzeugung, dass alle Organisationsformen von Kirche und Gemeinden kontingent sind. Keine kann sich unmittelbar auf die Einsetzung durch Jesus Christus berufen. Insbesondere ist daran zu erinnern, dass in der Spätantike zum Modell der Bischofskirche noch die Wahl- und Kontrollrechte durch die Gemeinden gehörten.

Heute sind sie aus gültigen Kirchenordnungen eliminiert. Stattdessen haben sich streng autoritäre Elemente durchgesetzt und die theologischen Argumente wurden entgegen jeder historischen Einsicht bis hin zum 1. Vaticanum (1870) massiv überhöht. Heute gilt – ganz nach Art von Männerbünden ‑ ein Mythos vom göttlichen Ursprung des bischöflichen und selbst des päpstlichen Amtes; er wird mit dem Begriff „apostolisch“ umschrieben. Zunächst war damit die Treue gegenüber der ursprünglichen biblischen Lehre gemeint, die man durchaus kontrollieren konnte. Heute verleiht dieser Ehrentitel den Bischöfen, den „Nachfolgern der Apostel“, eine unberührbare Würde; er ist von einem Kriterium zu einem Machtanspruch mutiert. Ein archaisch männerbündisches Denken hat die ursprüngliche Idee verfälscht und den Sieg davongetragen.

Gegen diesen totalitären Ansatz setzte das 2. Vatikanische Konzil ein kritisches Gegengewicht; in seiner Kirchenkonstitution ging es im 2. Kapitel vom „Gottesvolk“ aus, fiel im folgenden Kapitel aber ungerührt auf die alten Vorstellungen von einer hierarchisch autoritären Kirchenstruktur zurück. An diesem Widerspruch leidet die Kirche bis heute. Mehr noch: unter dem reaktionären Furor des Wojtyła- und des Ratzinger-Papstes setzte sich ein Regierungsstil durch, der an der Basis geradezu Angst verbreitete. Trotz seines Scheiterns gilt Benedikt XVI. für viele noch heute als inspirierende Figur eines Kirchenmodells, das von seinem klerikalen Charakter keinen Fingerbreit abgeben will. Zum Schaden einer für Zukunft und Gesellschaft offenen Kirche zeigen vor-rationale männerbündische Tendenzen nach wie vor eine zähe Stabilität.

II/2    Baustein 2: Besondere Funktion übernehmen

Fundament 2: Elitäre Überordnung

Männerbünde begründen ihre außerordentlichen Verzichtleistungen (Gehorsam, absolute Hingabe an ein Ideal, besondere Anstrengungen) damit, dass sie zu einer außerordentlichen Aufgabe berufen sind. Dazu gehören der Schutz oder die Errettung einer Gemeinschaft oder eines Volkes, die Verwirklichung eines Ideals, die Bewachung eines Heiligtums oder die Wahrung eines wichtigen Gelöbnisses. Diese Berufung geschieht durch eine höhere Macht, die den Männerbund zugleich unangreifbar macht und über andere erhebt.

Diese außerordentlichen existentiellen Einschränkungen und Verzichte gelten für die Legitimität der Sendung als unverzichtbar. Oft wird der Status, der zu erreichen ist, als Vollkommenheit oder als Reinheit umschrieben. Übertretungen müssen bekannt und gesühnt werden. Das lässt sich exemplarisch am Mythos von Parzival zeigen, unter anderen Bedingungen auch im (spätmittelalterlichen) Ideal der Ritterlichkeit und im Ehrenkodex des Adels, der in vielen Kreisen bis heute noch gilt.[9] Zwar ist seine Existenz in einer demokratischen Gesellschaft nicht mehr plausibel, dennoch führt dieser Sinnhorizont zur Überzeugung, der eigene Stand sei etwas Besonderes, von normalen Menschen Unterschiedenes und ihnen überlegen. Wie selbstverständlich entwickeln sich Sonderbefugnisse, auch wenn sie vom Staat immer wieder beschnitten werden. Nach Möglichkeit wird ein Sonderwissen kultiviert, das eine außerordentliche Autorität rechtfertigt. Es kommt zu Gemeinschaftsbildungen, Ehrbezeugungen und Machtverhältnissen, die stark in Emotionen verankert sind, funktional aber kaum reflektiert sind. Gerade deshalb widerstehen sie einer jeden Kritik.

Genau diese höchst undemokratische Zweiteilung der Gesellschaft in Eliten und eine „normale Gesellschaft“ ist in Verruf geraten. Gewiss benötigt eine hoch differenzierte und technisierte Gesellschaft mehr denn je politische, moralische, wissenschaftliche und künstlerische Eliten und faktisch wird es zum Wohl der Gesamtheit immer Machteliten, Bildungseliten und Leistungseliten geben. Aber der Anspruch, zu einer Elite zu gehören, ist funktional, durch Kompetenz und Leistung zu begründen.

Klerikaler Überbau 2: Klerus und „Laien“

Man kann es durchaus verstehen: Die junge Kirche breitete sich in kürzester Zeit im ganzen römischen Imperium aus. Sie brauchte starke Strukturen, sonst hätte sich ihre Einheit bald im Chaos verschiedenster Rituale, Überzeugungen und ethnischer Sitten aufgelöst. Doch schon bald konnte der „Klerus“ eine starke Amtsstruktur etablieren, die die Kernidentität dieser neuen Großgemeinschaft erkennbar und stabil machte. Schon im 2. Jahrhundert ist vom „Klerus“, also einer Klasse von Amtsträgern die Rede, dem die „Laien“ (die zum Volk Gehörigen) gegenüberstehen. Im Laufe der Jahrhunderte führt diese Zweiteilung in der Kirche zu einer elitären Gruppe und dem gemeinen Volk zu einem erstrangigen Faktor ihrer Stabilität.[10]

Natürlich sollten wir dieses mittelalterliche Ordnungsmodell nicht zu schnell mit der aktuellen klerikalen Struktur vergleichen. Denn wie wir schon sahen: Bis ins frühe Mittelalter hinein gab es noch starke demokratische Strukturen; außerdem fielen auch den „Laien“ mit ihren säkularen Ämtern immer wieder besondere Aufgaben innerhalb der Kirche zu, gleich ob es Fürsten oder feudale Herren, Wissenschaftler oder die Repräsentanten wissenschaftlicher oder karitativer Institutionen waren. Doch seit dem Hochmittelalter wurde der Klerus im Sinne einer Ständegesellschaft auch von seiner hervorragenden gesellschaftlichen Stellung her definiert. Um 1140 spricht das Decretum Gratiani von „zwei Arten von Christen“. Die einen nennt es „Geistliche“ und beschreibt sie als „Könige“, die sich selbst und die anderen regieren. Die anderen sind die „Laien“, denen die Heirat zugestanden ist.[11]

Seit dieser Zeit funktioniert die katholische Kirche mit und auf Grund dieser Bruchlinie. Faktisch wurde der Elitegedanke der feudalen Männergesellschaft übernommen. Mit der Ordination zum Bischof (oder Priester) wurden jetzt besondere Vollmachten übertragen, die den funktionalen Auftrag etwa zur Gemeindeleitung oder zur Leitung einer Ordensgemeinschaft deutlich überragten. Innerkirchlich verblasste die Taufe gegenüber der Ordination und neue Rechtsregelungen bestimmten wie selbstverständlich die Mentalität; man hielt gegenüber den „Laien“ zusammen. In der spätantiken Kirche (genauer: gemäß Kanon 6 des Konzils von Chalkedon, 451) war wenigstens noch klar: Amtsträger konnten nur für eine bestimmte Diözese oder Gemeinde ordiniert werden; ihre Wahl durch die Betroffenen wurde vorausgesetzt. [12] Die 3. Lateransynode (1179) hebt diese Bestimmung faktisch auf. Jetzt wird man nicht mehr zum Leiter eines Bistums oder einer Gemeinde, sondern zum Priester an sich geweiht: „Das Paket ist geschnürt; der Geweihte wartet nur noch darauf, wo ihn sein Bischof als Priester einsetzt.“[13] Tertullian (gest. nach 220) konnte noch erklären, dass bei Abwesenheit von Ordinierten ein Laie die Eucharistie feiern kann. Die 4. Lateransynode (1215) legt hingegen fest, dass nur diese geweihten Priester die Eucharistie gültig feiern können.[14] Diese Haltung hat die Mitglieder des Klerus nahezu unangreifbar gemacht. Wir mussten den Umgang von Bischöfen mit klerikalen Kinderschändern zur Kenntnis nehmen.

Auch hier lässt sich zeigen: Das Neue Testament, auch die Paulus- und Pastoralbriefe zeigen eine gegenläufige Tendenz, und Martin Luther wies nachdrücklich darauf hin. Es gibt kein besonderes, sondern nur ein gemeinsames Priestertum. Die religiösen Kernfunktionen blieben den Gemeinden und religiösen Gemeinschaften vorbehalten. Zwar nahm das 2. Vatikanische Konzil diesen Gegenakzent wieder auf. Dennoch akzeptiert es auch die traditionelle, biblisch kaum begründbare Aussage: Kleriker und Laien unterscheiden sich „nicht nur dem Grade, sondern dem Wesen nach“. (Lumen Gentium 10) Dies war den von Rom dominierten Kirchenleitungen Grund genug, an ihrer Dominanz festzuhalten, und bis heute ist es den Bischöfen gelungen, sich unreflektiert als „die Kirche“ zu präsentieren und das „Gottesvolk“ zu Befehlsempfängern zu degradieren.

Warum hat sich diese Vorherrschaft der Kleriker so massiv halten können? Ich vermute auch hier: Unkritisch und selbstbezogen hat eine Elitetruppe die Dynamik eines Männerbundes übernommen und dessen Vorteile für sich selbst gerne akzeptiert. Gerade der nachreformatorische Katholizismus hat gezeigt, wie machtvoll innerhalb des Katholizismus dieses Denken die Wirklichkeit von Kirche und Glauben bestimmt. Gerade in Krisensituation rückten die Kirchenleitungen immer mehr in den Mittelpunkt.

II/3    Baustein 3: Sakrale Macht

 Fundament 3: Heiligkeit schafft Unterordnung

In der Regel widmen sich Männerbünde einer „heiligen“ Aufgabe, die allen weltlichen Zusammenhängen überlegen ist. Oft unausgesprochen führt sie zur Unantastbarkeit der Männerbündler und entrückt sie, Gralshütern vergleichbar, in unnahbare Höhen. Diese Eigenart ist besonders wichtig, denn sie macht die Entscheidungen und das Verhalten dieser Herren in ihrem eigenen Bewusstsein unangreifbar. Schließlich können sie, die Hüter gesellschaftlicher Ordnung über Gut und Böse, Erlaubt und Verboten, Heil und Unheil entscheiden. Die Heilssituation ganzer Menschengruppen konnte von ihnen abhängig sein. Sie können (physisch) verteidigen, vor dem Bösen schützen, im Namen Gottes richten oder vergeben, Heil vermitteln oder vorenthalten. In vormoderner Zeit war weltliche Macht immer schon mit sakralen Ansprüchen verbunden. Dies gilt für das spätantik-byzantinische und das mittelalterliche Kaisertum ebenso wie für die König- und Fürstentümer bis zur Wende zum 20. Jahrhundert. Kein Wunder, dass es in den Kirchen, wie wir sehen werden, auch seine Spuren hinterließ.

Dieser Hintergrund kann auch verdeutlichen: In der Regel wird die Bedeutung der Sakralität für das gegenwärtige Zusammenleben unterschätzt.[15] Sakrale Hintergründe werden meist verschwiegen; sie äußern sich als Tabus, d.h. als Überzeugungen, über die man nicht sprechen darf. Eklatant wurde dies in der Nacht vom 14. zum 15. April 2019 beim Großbrand von Notre-Dame in Paris. In ganz Paris, der säkularisierte Stadt schlechthin, brachen Gefühle auf, die seit Jahrzehnten verbannt waren, gleich ob man diese Kathedrale jetzt beschrieb als das Herz von Paris, das Symbol für die große Nation, oder als den Brennpunkt des französischen Christentums. Für diesen Augenblick setzte sich das Gespür für ein Heiliges durch, das jetzt in den unreflektierten Tiefen der französischen Identität zu Hause war. In einer solchen Situation können esoterische Geheimbünde und Geheimlehren des Heiligen neu gedeihen.

Klerikaler Überbau 3: Sakrale Ämter

Im frühen Christentum herrschte zunächst ein anderer Ton. Paulus beschrieb die kirchlichen Ämter noch recht nüchtern, in säkularen Kategorien, und bezog sie auf bestimmte, durchaus menschliche Kompetenzen. In der frühen Kirche bildeten sich kollektive, bald auch individuelle Ämter der Gemeindeleitung heraus, gleich ob sie nach jüdischem Modell als Älteste (Presbyter) oder nach hellenistischem Modell als Aufseher (Episkopen/Bischöfe) agierten. Diese Gemeindeleitung koordinierte und integrierte alle innerkirchlichen Aufgaben. Natürlich gehörte dazu auch die Leitung liturgischer Feiern, insbesondere der Eucharistie.

Ein Umschwung trat wohl gegen Ende des 4. Jahrhunderts ein, als die kirchlichen Leitungsämter stärker auf den Vorsitz in der Eucharistie bezogen wurden.[16] Bischofs- und Priesteramt wurden sakralisiert; jetzt ist die Rede vom priesterlichen Amt sowie einer damit verbundenen sakralen Würde. In der Kirche des Westens ändert sich spätestens seit dem 11. Jahrhundert auch das Verständnis der Eucharistie. Jetzt geht es nicht mehr um den „mystischen“, sondern um den „realen“ Leib Christi, in den der Priester das Brot und den Wein auf eine geradezu physische Weise verwandelt (die Theologie spricht von „Transsubstantiation“). Damit kommt dem Bischof und dem Priester eine geradezu übernatürliche Vollmacht zu, die ihn himmelweit vom Laien unterscheidet. Jetzt steht nicht mehr der Eucharistie vor, wer in das Amt der Gemeineleitung gewählt ist. Vielmehr kann der Bischof nur eine Person zum Gemeindeleiter ernennen, die zuvor schon zum Priester geweiht ist. Diese Umkehrung der ursprünglichen Verhältnisse ist gängige Praxis bis heute. Zum Schaden der späteren Entwicklung weist das Konzil von Trient Luthers biblisch begründete Kritik auch an diesem klerikalen Missstand zurück.

Zu nennen ist ferner ein Hintergrundfaktor, der diese Entwicklung nachhaltig unterstützt. Seitdem die Bischöfe an der sakralen Macht des byzantinischen Kaisers teilhaben (bis heute tragen sie den imperialen Purpur des kaiserlichen Hofes), treiben sie ein Bild vom Heiligen voran, das stark an politische Hoheit und Macht gebunden und schließlich davon bestimmt wird. Die Dynamik dieser Verfälschung wirkt bis heute in einem triumphalistischen Kirchenbild nach. Im Grunde macht sie es unmöglich, dass sich das Gottesvolk als Einheit verwirklichen kann.

Die Folgen für Glauben, Frömmigkeit und Kirchenbild sind enorm. Denn die Überordnung des Klerus über die Glaubensgemeinschaft hat auch eine spirituelle Komponente, die bis heute das Leben traditioneller katholischer Gemeinden bestimmt. Nichtordinierte Christinnen und Christen sind der Klasse der Priester qualitativ unterlegen. Vielerorts gelten die Priester noch als Verkörperung Christi, denen die Laien zu ehrfürchtigem Gehorsam verpflichtet sind. Priester werden nur zaghaft kritisiert. Der ihnen geleistete Vertrauensvorschuss ist enorm und die ihn kontrollierenden Kräfte sind noch immer geschwächt. Nach dem Konzil kam diese männerbündische Überlegenheit zu erneuter Blüte, weil die „Laien“ ihr nichts Gleichwertiges entgegensetzen konnten.

Auch hier haben der Wojtyła- und der Ratzinger-Papst die erneuernden Impulse des 2. Vatikanischen Konzils enorm geschwächt. Die auf dem Konzil entdeckte Polarität von Wort und Sakrament wurde zurückgedrängt und das Kirchenbild wurde wieder auf den sakramentalen und eucharistischen Charakter der Kirche fixiert. Mehr denn je verschlossen sich die hierarchischen Teilsysteme (Ordinariate, Bischofskonferenzen und Bischofssynoden, römische Kurie) dem Willen und den Erwartungen des geistlich abhängigen Kirchenvolks. Dem Klerikalismus standen kaum noch spirituelle Widerstände gegenüber und viele Betroffene reagierten mit innerer oder äußerer Resignation. Wie sehr diese geheiligte Macht das respektvolle Verhältnis von Klerikern zu „Laien“ untergräbt, wird noch zu besprechen sein.

II/4    Baustein 4: Geschlossen und intransparent kommunizieren

Fundament 4: Esoterisches Herrschaftswissen

Die Sonderbefugnisse und das Sonderwissen eines Männerbundes führen zu einem internen Austausch von Wissen, Erfahrungen und Handlungsmodellen, der abgeschirmt, intern gesteuert und auf die Gruppe begrenzt ist. Männerbünde räumen ihrem Insiderwissen, ihren eigenen Überzeugungen und Denkstrukturen unbedingte Priorität ein. Oft stärken sie ihre Identität durch geheime Rituale der Initiation. Dadurch entsteht gegenüber den „unerleuchteten“ Vorstellungen der Außenseiter ein Gefühl der Überlegenheit. Seit der ägyptischen Antike gibt es esoterische, insbesondere hermetische Traditionen, die bis in die Gegenwart hinein gepflegt werden, etwa bei Freimaurern und Rosenkreuzern.[17] Oft geht es dabei um ein Heils- und Erlösungswissen, dessen Bedeutung in der Moderne umstritten ist. Umso mehr Faszination können sie bei solchen entwickeln, die dem rationalen Geist der Moderne distanziert gegenüberstehen.

Dieser ständige Einschluss in eigene Zirkel führt zu geschlossenen, wenn nicht gar verschlossenen Gesprächskulturen. Eine interne Selbstbestätigung und eine zirkelhafte Selbstverteidigung bekommen die Oberhand. Die Bereitschaft zur Rechenschaft nach außen zur Korrektur nach innen wird massiv reduziert. So entstehen Resonanzräume der Selbstbestätigung. Diese Räume sind nicht nur faktisch, sondern prinzipiell nach außen schalldicht und nach innen nur schwer zu durchdringen. Männerbünde verstehen sich als Geheimnisträger und dies erfahren sie als einen Selbstwert, der zu einer enormen Intransparenz führen kann.

Geheim- oder Sonderwissen gibt es heute mehr denn je, nur wird es heute nicht mehr von seinen Wissensträgern definiert. Die Wissenschaften gehen schon immer mit der Erfahrung um, dass sie mehr wissen als ihre Umwelt. Das hängt mit dem ständigen Wissenserwerb und einem allgemeinen Bildungsgefälle zusammen. Aber niemand ist mehr fähig, den gesamten Wissensstand einer Kultur, gar der gesamten Welt zu übersehen. Geheimwissen kann da geboten und sinnvoll sein, wo die Privatsphäre von Personen zu schützen ist. Doch ist heute eine auf Transparenz bedachte dynamische Gesellschaft dazu verpflichtet, einen verantwortbaren Ausgleich zwischen Geheimnisschutz und Geheimniskontrolle zu finden.

Angesichts der Digitalisierung der Gesellschaft hat ein ausgewogenes Verhältnis von vertraulichem und öffentlich zugänglichem Wissen eine hohe Bedeutung erreicht. Einerseits ist die private Sphäre von Menschen streng zu schützen. Das gilt für biografische Angaben, persönliche Beziehungen, Angaben zu Verhalten und Gesundheit von Menschen. Schließlich haben sich die Ausmaße von unkontrolliertem Herrschaftswissen stark erweitert, qualitativ verlagert und eine hohe politische Brisanz erreicht. Andererseits stehen zivile Gesellschaft, Politik und Wissenschaften unter einer enormen Pflicht zu Transparenz. In Wissenschaft, gesellschaftlichem und politischem Handeln hat sie eine neue Dringlichkeit erreicht. Denn was die Wissenschaften denken und planen, welche Machträume sie besetzen und wie sie mit äußeren Bedrohungen umgehen, das alles muss zum öffentlichen Wissen werden, weil es alle Menschen betrifft. Offensichtlich besteht die Gefahr der „künstlichen Intelligenz“ nicht in der Tatsache, dass Maschinen intelligenter werden als Menschen, sondern in der Tatsache, dass sie übermenschliche Wissensmengen speichern und verarbeiten können. Heute gehören also nicht nur der Schutz der persönlichen Sphäre, sondern auch die konsequente Veröffentlichung von digital erworbenem (wissenschaftlichem, gesellschaftlichem, politischem) Wissen zu einem demokratischen Prozess.

Auf dieser Ebene verlassen wir die traditionellen Regeln von Geheimhaltung und Offenheit, verschwinden die Attitüden des klassischen Männerbundes oder verschworener Gruppen. Denn mehr als traditionell geschlossene Zirkel können das Herrschaftswissen und eine intransparente Kommunikation heute eine ungeheure politische Brisanz entfalten. Umso wichtiger ist es, dass die Tugend der Transparenz schon im Vorfeld von gefährlichen Akkumulationen des Wissens eingeübt wird. So gesehen entfalten Männerbünde für unsere Zeit fragwürdige Gewohnheiten.

Klerikaler Überbau 4: Kultur kirchlicher Geheimhaltung

Geheimhaltung spielt in klerikalen Kreisen eine enorme Rolle. Die Hierarchie versteht sich kraft ihrer Amtsgnade als eine Gruppe, die in besonderer Weise vom Hl. Geist erleuchtet ist. Ihre Überzeugung lautet: Letztlich können nur wir die christliche Lehre, die Lebensregeln der Kirche und die Kritik an unseren Entscheidungen gültig beurteilen. Zwar werden wir unsere Meinung zu diesen Kernbereichen unablässig propagieren, erklären und Loyalität einfordern, doch wir sind zu keiner Rechenschaft verpflichtet. Als die deutschen Bischöfe von 2011-2015 mit dem Kirchenvolk einen umfassenden (übrigens erfolglosen) „Gesprächsprozess“ organisierten, wurde der anspruchsvollere Begriff des Dialoges sorgfältig vermieden; man stand mit denen da unten nicht auf einer Stufe.

Das Problem besteht also in der kontinuierlichen Kommunikation zwischen „oben“ und „unten“ und kommunikative Blockaden dienen den Interessen der elitären, sich apostolisch nennenden Klasse. Denn alles exklusive Wissen und alle exklusiven Beschlussfassungen, alle Kenntnis privater Tatbestände und Problemlagen bedeutet hierarchisches Herrschafts- und Kontrollwissen. Natürlich lässt sich eine Kommunikation nicht mehr verweigern; in einer demokratischen Gesellschaft lässt sich das nicht mehr durchsetzen. Doch in der Regel kommuniziert die Hierarchie eines Landes nur unter den Bedingungen ihrer eigenen, bereits vorgefertigten Sprache. So propagieren die Bischöfe etwa seit Frühjahr 2019 einen „synodalen Weg“, ohne dieses höchst vage Wort näher zu erläutern. Umgekehrt werden die Impulse der Basis zunächst in die hierarchische Begriffswelt übersetzt und damit entmündigt. Dies ist in allen aktuellen innerkirchlichen Streitfragen der Fall. Wer die Bischöfe verstehen will, müsste schon einige Jahre ihr theologisches Denken studiert haben.

Faktisch führen die geschlossenen Resonanzräume, in die sich die Hierarchie ständig zurückzieht, zu einer hohen Intransparenz. Die Teilnahme an den Diskussionen und Vorbereitungen von Beschlüssen, an der Ernennung von Bischöfen und anderen wichtigen Ämtern, also eine inhaltlich nachvollziehbare Partizipation ist praktisch unmöglich. Die bislang erfolglosen Versuche von Papst Franziskus, zahlreiche Mauern der Selbstabschließung zu durchbrechen, bestätigen vorläufig diese Regel.

Exkurs: Vertuschung der Missbrauchsfälle

Einen hohen Stellenwert hatte das Ausmaß der Vorgänge, die unter die vielfältigen Siegel der Verschwiegenheit gestellt sind. Gemeint sind Eide, die das Kirchenrecht mit unterschiedlichen Strafen, bis hin zur Strafe der Exkommunikation versah. In der Regel wurden angehende Kleriker zu Spezialisten des Schweigens und Verschweigens erzogen Wie schwer sich die Hierarchen mit einem offenen Umgang getan haben und wahrscheinlich immer noch tun, zeigt das hartnäckige Schweigen der Bischöfe und Roms in Sachen Missbrauch. Hunderte, wenn nicht gar Tausende von straffälligen Priestern wurden seit den 1950er Jahren in neue Gemeinden versetzt, ohne die Öffentlichkeit über die Vorgänge zu informieren. Ab 2010 ließ Joseph Ratzinger alle Missbräuche der Weltkirche unter höchstem Siegel der Verschwiegenheit nach Rom melden, ohne selbst aktiv zu werden. Hätte ein Bischof offen geredet, wäre er automatisch exkommuniziert gewesen. So waren Mauern des Schweigens, der Missachtung und der Furcht vor dem offenen Wort entstanden. Die Nachwirkungen sind jedoch noch nicht überwinden. Bis heute überwiegt bei vielen Klerikern die Angst, man könne die Ehre der klerikalen Klasse beschmutzen, statt für die Würde und die Rechte von missbrauchten Abhängigen aufzukommen. Mit christlicher Menschenfreundlichkeit hat das wenig, mit menschenfeindlichem Klerikalismus sehr viel zu tun.

Bis heute können die Hierarchen nicht ermessen, welche Anmaßung und welches Maß an Gesprächsverweigerung und Menschenverachtung in dieser Unfähigkeit zu einer offenen Kommunikation steckte. Diese Unfähigkeit war tief verwurzelt und richtete undurchdringliche Vertrauensbarrieren auf. So waren die deutschen Bischöfe z. B. nicht bereit, der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs aus ihren Archiven auch nur ein Dokument zur eigenen Auswertung auszuhändigen, überall wurden Häme und mangelnde Loyalität vermutet. Mit unabhängiger Arbeit hatte diese Bevormundung nichts zu tun und niemand weiß, wie viele aufschlussreiche Informationen der Öffentlichkeit bis heute vorenthalten wurden oder endgültig verloren gegangen sind. Bislang ist diesem System von klerikalen Männern ein letztes Misstrauen angeboren.

Zur Tabuisierung dieser verabscheuungswürdigen und strafrelevanten Vorgänge kommen weitere Tabus hinzu: innerkirchliche Finanzverhältnisse, die Ernennung von Pfarrern, die Vorbereitung von Bischofsernennungen, die Ablehnung der Berufung auf theologische Lehrstühle, die gesamte Personalpolitik einer Diözese. Doch am verletzlichsten bleibt die Hierarchie wegen des oft legitimen, bisweilen strafrelevanten Sexualverhaltens von Bischöfen und Priestern. Dieses Indiz zeigt, dass die Sexualfeindlichkeit des Klerikalismus seinen verletzlichsten Punkt bedeutet und am engsten mit ihrer spezifischen Machtausübung verkoppelt ist. Deshalb schwächt in den vergangenen Jahrzehnten seinen Einfluss nichts so sehr wie der dramatische Rückgang von Beichten, über die der Klerus seine Macht über Seele und Leib geltend machen konnte.

Dass Franziskus das am 17.12.2019 das „päpstliche Geheimnis“ (secretum pontificium) für sexuellen Missbrauch durch Geistliche aufhob, wird allgemein anerkannt. Jedes Mitglied des geistlichen Standes ist jetzt verpflichtet, alle eventuell strafwürdigen Fälle unverzüglich bei den gefugten Instanzen seines Landes zu melden. Damit hat der Papst das seit Gregor VII. (1073-1085) gültige (im Grunde männerbündische) Feudalitätsprinzip durchbrochen, demzufolge jemand nur durch Seinesgleichen, also durch Angehörige seines eigenen Standes zur Rechenschaft gezogen werden kann. Franziskus unterstrich diese Aufhebung auch gleich, indem er eine Frau (die in kirchlichen Verhältnissen doch zum dritten Stand gehört) auf eine sichtige Position im Staatssekretariat berief.

II/5    Baustein 5: Traditionen schaffen

Fundament 5: Identitätsstiftende Erzählung

Alle großen geistigen Bewegungen der Welt, die Weltreligionen eingeschlossen, leben aus Erinnerungen und Gründungserzählungen, in denen die Identität von Menschen beschlossen liegt. Hier sei dahingestellt, ob sich diese Erinnerungen nachweislich auf chronologisch Vergangenes richten oder „nur“ auf elementare Grunderfahrungen, die in vergangene Ereignisse, Geschichten, Mythen oder Symbole projiziert werden, in denen sich fundamentale Grundorientierungen verdichten. In den religiösen Erinnerungen zumal der monotheistischen Religionen vermischen sich Geschichte und höchste Aktualität auf untrennbare Weise.

Dies gilt auch für die Männerbünde. Sie alle leben aus Geschichten, auf die sie sich beziehen und die sie sich immer wieder vergegenwärtigen.

Auch die Gründungserzählungen von Männerbünden greifen immer zurück auf vergangene Ereignisse, die ihren besonderen Auftrag begründen. Damit legitimieren diese Bünde ihr eigenes Verhalten. Oft mögen diese Erinnerungen in bestimmen Symbolen geronnen sein; man denke an Winkelmaß und Zirkel der Freimaurer, die eine ausufernde Deutung erfahren. [18] Sie spiegeln das Denken von Höhlenbewohnern, von chinesischer und ägyptischer Weisheit, lenken das Gedächtnis auf große Baumeister und Bauzeugnisse von Mittelalter, Renaissance und Barock, gelten ‑ gemäß der Interpretation von Freimaurern ‑ als „Werkzeuge des freien Menschen“, der seine Lebensräume vermessen kann. Sie erinnern an Himmel (Zirkel) und Erde (Winkelmaß). Es sind die Zeichen für lebensnotwendige Erinnerungen, die das kirchlich verketzerte Wissen als „esoterisches“ Wissen (= „Geheimwissen“) tradieren bis in eine Gegenwart hinein, die arm an Weisheit und Tugend geworden ist.

Gleich aus welchen Gründen und in welchen Kontexten solche Erinnerungen entstanden sind, in ihnen werden wichtige Gewohnheiten, Normen, Haltungen als orientierende Traditionen erzählt. Selbst der arische, geschichts- und ruchlose Rassismus wurde in germanische Urzeiten verlegt und zynisch mit der altehrwürdigen Swastika tabuisiert. Immer gilt ein urreligiöses Gesetz: Was heute gilt, muss schon gewesen sein. Aus diesem Grund spielen Tradition und Traditionen bis heute auch in den Religionen eine so wichtige und normschöpfende Rolle. Neuerdings wurde ihre enorme weltpolitische Bedeutung wieder in Diskussion gebracht.[19]

Diese Traditionsbildungen können ungeheuer elastisch sein und stark differierende Identitäten integrieren. Deshalb erfreuen sie sich als Identitätsstifter und Regelgeber auch bei Männerbünden einer großen Beliebtheit. Doch wissen wir auch, dass sie sich missbrauchen lassen. Im Valle de los Caïdos (der bisherigen Grabstätte Francos) lassen sich bei den Kolossalstatuen des Erzengels Michael Kreuz und Schwert nicht mehr unterscheiden. Der Apostel Jakobus, zu dem heute Hundertausende aus ganz Europa in friedlicher und versöhnlicher Absicht nach Santiago pilgern, galt im Mittelalter als der Schlachtenhelfer im tödlichen Kampf gegen die Türken. Nur Wenige denken beim Besuch der Zauberflöte an die weltanschaulich tiefsinnigen Hintergründe dieser Mozartoper. Durch historisch aufklärende und ideologiekritische Rückblicke sind viele identitätsstiftende Traditionen in die Krise geraten. Auch Traditionen sind kein unantastbares Vermächtnis; auch sie werden „gemacht“. Dennoch sind sie für die Identitätsbildung von Kulturen und innerhalb ihrer unverzichtbar. Die Männerbünde haben sich diese Funktion zunutze gemacht.

Klerikaler Überbau 5: Schrift und Tradition

Angesichts der Reformation und unter dem Druck historischer Erkenntnisse ist der „apostolische“ Glaube, wie die katholische Kirche ihn versteht, in Kritik geraten. Die klerikale Handschrift des zentralisierten Kirchensystems mit einem kontrollierenden, gegebenenfalls unfehlbaren Lehramt führt zur Frage: Darf eine christliche Kirche die biblischen Grundaussagen des christlichen Glaubens nach eigener Einsicht ändern, ergänzen oder ignorieren? Darf sie also Traditionen eine bleibende Gültigkeit zusprechen, die von der Schrift her nicht gerechtfertigt sind?

Sehen wir einmal von einer allgemeinen (und gewiss unbiblischen) Berufung auf den Heiligen Geist ab, erschöpft sich die offizielle Antwort der Hierarchie in der Weigerung, sich bedingungslos auf kritische Argumentationen einzulassen. Faktisch hütet die klerikale Elite ihre Lehrvollmacht als ihren wertvollsten Augapfel, denn das Zugeständnis von Lehrkorrekturen würde zu einer tiefen klerikalen Erschütterung führen. Aus Gründen der Selbsterhaltung besteht sie auf ihrer uneingeschränkten Lehrkompetenz. Meistens wird dabei als Grund angeführt: „Wir haben es schon immer so getan“ (vgl. Lumen Gentium 25). Dafür seien nur einige neuere Beispiele genannt: gibt es in der offiziell gültigen Doktrin zahllose Beispiele.
– das strenge Verbot der künstlichen Geburtenregelung (vgl. Humanae Vitae, 1968),
– das strikte Ordinationsverbot von Frauen (vgl. Ordinatio Sacerdotalis, 1994),
– der Ausschluss der nichtkatholischen Ehepartner/innen von der Kommunion (vgl. Argumentation auf den Bischofssynoden 2014/15),
– die schriftfremde Transsubstantiationslehre, weil sie 1215 auf der 4. Lateransynode definiert und 1551 auf dem Konzil von Trient offiziell bestätigt wurde,
– auf die Unauflöslichkeit der Ehe, weil sie 1563 in Trient vermeintlich definiert wurde,
– die Verurteilung homosexuellen Handelns als sündig eingestuft, weil dies der klerikalen Lehre früherer Jahrhunderten so entspricht.

So ist die offiziell gültige katholische Dogmenhermeneutik faktisch zu einer Maschinerie klerikaler Selbstbestätigung verkommen. Nie wird die Frage gestellt, unter welchen Voraussetzungen solche Definitionen zustande kamen. Der Glaubenssinn des Volkes bleibt ausgeblendet, stattdessen höchstens als religiöses Unwissen oder kirchliche Unbotmäßigkeit diskriminiert.

Diese klerikale Selbstbezogenheit kann auch erklären, warum sich die Glaubenssprache der Kirche immer mehr von der Erfahrung der Menschen entfernt hat. Diese Erfahrung und ihr Orientierungswissen kommen schlicht und einfach nicht vor. Auch ist kein Ringen um eine unmittelbare Begegnung mit der Wirklichkeit zu spüren. Wie auch diese Beobachtungen zeigen, ist die männerbündische Tendenz des Klerikalismus zur Selbstläuferin geworden; die Hierarchie hat sich ihren Resonanzraum gebildet (vgl. 2.5). Vor diesem Hintergrund kann man sich über den dramatischen Relevanzverlust der katholischen Kirche nicht wundern. Vermutlich erliegen andere Kirchen vergleichbaren Mechanismen.

II/6    Baustein 6: Ein Selbstbild erzeugen

Fundament 6. Auffällige Selbstdarstellung

Gleich, ob Männerbünde sich als Geheimbünde oder als offen agierende Gemeinschaften verstehen, in der Regel sind sie es gewohnt, ihre Identität durch Kleidung oder Uniformen, durch genaue Rangordnungen, besondere Titel und Abzeichen zu zeigen. Zunächst deutet das auf die Nostalgie für eine Zeit, in der sich eine Gesellschaft noch in Ständen präsentierte. Genauer besehen versuchen solche Bünde noch heute, sich nach außen von anderen abzugrenzen und – werbend oder drohend – ihre Bedeutung zu demonstrieren. Man denke an martialisch auftretende Motorradbands oder die exotisch gekleideten Fans von Fußballclubs.

Manche Männerbünde verstehen sich als Geheimbünde. Sie waren irgendwann verboten oder möchten ihr Wissen und ihr Handeln einem befugten Zugriff entziehen. Es gibt eine lange Geschichte esoterischer Strömungen, die die Perlen ihrer Weisheit nicht den Schweinen vorwerfen wollte. Anderen Bünden liegt es daran, ihre Macht und ihre Dominanz in der Öffentlichkeit darzustellen, man denke an die Parteiorganisationen des Faschismus oder aktuelle rechtsextreme Organisationen. Der Ku-Klux-Klan versteht sich zwar als Geheimbund, um sich vor staatlichen Zugriffen zu schützen. Zugleich gehören furchterregende öffentliche Auftritte zu seinem Programm. Die systematisch eingesetzten Terrormethoden des „Islamischen Staates“ haben, so zynisch es klingt, weltweit Erfolg.

Klerikaler Überbau 6: Überbordende Pracht

Natürlich sollten der römisch-katholischen Kirche keine Absichten des Terrors oder der Bedrohung in die Schuhe geschoben werden. Doch ähnlich wie die östlich orthodoxen Kirchen steht der Klerus der katholischen Kirche in einer hoch kultivierten Tradition der Darstellung und der Pracht. Im römischen Barock wollte man den „Triumph der Gnade“ demonstrieren. Die Kirchen haben immer einen öffentlichen Auftrag erfüllt, mit subjektiv besten Absichten dafür Sorge getragen, dass die christliche Botschaft verkündet wird. Dieses missionarische Interesse erklärt bis heute viele Facetten der notorischen katholischen Prunkentfaltung, sei es im liturgischen Gottesdienst oder bei Prozessionen, bei den feierlichen Konzelebrationen im Petersdom, dem Pomp der Kardinalsernennungen und der Beerdigung von Päpsten, bei Weltjugendtagen und päpstlichen Weltreisen, in Deutschland sogar bei jedem offiziellen Treffen etwa der Bischofskonferenz, bei Bischofsweihen, bischöflichen Geburtstagen und Sterbefällen. Seit Johannes Paul II. hat Rom eine hohe Kunst der medialen Wirksamkeit entwickelt. Dabei steht der „höhere Klerus“ (Bischöfe, Kardinäle und Papst) in Purpur, zinnoberrot oder in strahlendem Weiß, bisweilen in höchst kostbaren Gewändern, mit Mitren und Bischofsstäben bewehrt wie selbstverständlich im Mittelpunkt des Geschehens.

Es würde zu weit führen, die zahlreichen Kleidungsstücke und -vorschriften darzulegen, die von Größe und Befugnissen ihrer Ämter zeugen. Man sieht dies an den genau austarierten Schattierungen von dunklerem Purpur bis Scharlachrot, an den Machtinsignien, am bischöflichen Ring und dem Pallium der Erzbischöfe bis hin zu im Glanz überbordenden Chormänteln, zu Mitra und Stab (den Hoheitszeichen kaiserlicher Gesandter) und purpurroten Käppchen, die während der Liturgie einem ständigen Wechsel von Aufsetzen und Abnehmen unterliegen, den kunstvoll geklöppelten Spitzenhemden und leuchtenden Kurzumhängen (Mozettas), dem Tragen von farbigen, schwarzen oder farbig bordierten Talaren, der Präsentation von wertvollen Brustkreuzen samt glitzernden Brustketten und dem uniformierten Auftritt ganzer Bischofsriegen bei gegebenem Anlass. Selbst Papst Franziskus scheint sich allmählich dem Druck dieser Selbstdarstellung zu beugen. Wie gnädige Fürsten schreiten sie segnend durch das Volk. Insgesamt vermute ich bei dieser sorgsamen Präsentationspflege mehr feudale Eitelkeit als Sachhingabe. In jedem Fall fördert solcher Aufwand nicht die Glaubwürdigkeit dessen, was sie verkünden.[20]

Das wurde von den Adressaten dieser Inszenierungen nicht immer so wahrgenommen, weil sich auch weltliche Machthaber mit feierlichen Hoheitszeichen schmückten. Die wachsende Ambivalenz dieser Darstellungskunst hängt wohl mit den Entwicklungen der Moderne und der Postmoderne zusammen, deren Zugang zu Symbolen sich gewandelt hat.

Natürlich wird die römisch-katholische Kirche noch immer für ihre Liturgiefähigkeit gerühmt. Sie kann wunderbare Gottesdienste feiern, die Erhabenheit der Musik, den Rausch von Farben und die Verführung der Düfte einsetzen. Der feierliche Pontifikalgottesdienst in einer Kathedrale, eine Osterfeier oder die Installation von Kardinälen in Rom lässt niemanden unbeeindruckt. Aber es sind Zweifel angebracht, ob solch selbstgefälliges Auftreten heute noch die Botschaft des einfachen Mannes aus Nazareth wiedergibt. Das Medium ist dabei, die Botschaft zu pervertieren. Der Antrieb zur Selbstdarstellung überbietet in der Regel den Drang, Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit zu feiern. Sie verdirbt die biblische Botschaft, statt sie zur Geltung zu bringen.

Papst Franziskus ist diesem Prunk nicht zugetan. In dieser übermächtigen Tradition haben sich die Dominanz der Männlichkeit und der machtvollen Posen, eine pervertierte Darstellung des Heiligen in gnadenloser Weise durchgesetzt. Hat Papst Franziskus die Kraft, diese übermächtige Tradition zu zähmen und einer menschennahen Gotteserfahrung die Wege zu ebnen?

II/7    Baustein 7: Verselbständigung des Rechts

Fundament 7: Ein- und Unterordnung

Jede Gemeinschaft, die sich an bestimmten ideellen oder gesellschaftspolitischen Zielen orientiert, um diese zu erreichen, muss sich eine bestimmte Struktur geben. Sie hat für Männerbünde eine besondere Bedeutung, denn diese verstehen sich als gesellschaftliche Eliten und wollen effektiv sein. Deshalb sind ihre Gewohnheiten und Verhaltensweisen genau zu definieren, Befehlslinien sowie Strukturen der internen Kommunikation und Unterordnung klar festzulegen. Befehl und Gehorsam spielen, wie schon gesagt, eine herausragende Rolle. Dazu gehören die genaue Aufteilung und Abgrenzung von Machtbefugnissen, ein Katalog von Sanktionen und Absprachen über den notwendigen Ausschluss von Dissidenten aus der Gemeinschaft. Als herausragende Beispiele dienen das (preußische) Militär, das sich als Staat im Staat etabliert hatte, und mafiöse bzw. kriminelle Organisationen, die sich ihr eigenes Recht schaffen und dieses gnadenlos durchsetzen.

Je mehr sich ein Männerbund staatlichen Organisationen annähert oder einen öffentlichen Anspruch erhebt, umso klarer bildet er ein eigenes Rechts- und Ordnungssystem aus. Es ist dann eine Frage der Staatstreue, ob sich das konkurrierende elitäre System durchsetzt. Die Existenz von parallelen Rechtssystemen gibt es immer wieder. Dies zeigt nicht nur ein Blick in revolutionäre Epochen, in denen oft elitäre Eliten ein neues Rechtsystem schaffen, sondern auch ein Blick auf das Verbandsrecht, das modernen Staaten, Verbänden und Vereinen ihre eigenen Regelungen zugesteht.

Klerikaler Überbau 7: Strategie des absolut gesetzten Rechts

Schon in der Spätantike spielte das Recht in den damaligen Staatskirchen eine wichtige Rolle: teilweise ist es in östlich-orthodoxen Kirchen noch heute mit dem staatlichen Recht verwoben. Auf das komplizierte Wechselspiel von weltlichen und kirchlichen Kräften ist hier nicht näher einzugehen. Von höchster Bedeutung ist später für die westliche, also die römisch-katholische Kirche die Gregorianische Reform (11./12. Jh.) –, die das Gesicht der Kirche grundlegend änderte. Gregor VII. (1073-1085), durch den Gang nach Canossa (1076/77) weithin bekannt, sorgte für ihre Unabhängigkeit gegenüber den mittelalterlichen Feudalherren, indem er den Papst zum obersten Richter aller (weltlichen und geistlichen) Macht erklärte. Außer beim Glaubensabfall dürfe er von niemandem gerichtet werden.[21] Diese Bestimmung war schon früher bekannt, jetzt aber wird sie konsequent durchgesetzt. Er ist also der oberste Gesetzgeber und Ausführer der Gesetze. Zugleich verändert sich das Bild von der Kirche grundlegend, denn unter dem Einfluss des römischen Rechts wird sie jetzt im Kern zu einem wohl geordneten Rechtssystem. Die damals erscheinenden Abhandlungen über die Kirche sind juristische Traktate.

Jetzt lässt das kanonische Recht ihre dienende Funktion zum Schutz gerechter Verhältnisse hinter sich, denn im Machtstreit mit den „weltlichen“ Mächten erhält es einen von Gott gesetzten Selbstwert und bildet die übermächtige Leitperspektive, in der die Kirchenleitungen nach innen und nach außen handeln und ihre Machtansprüche durchsetzen. Unbemerkt werden bestehende Sitten und Gebräuche zu rechtlich fixierten Normen. Eine gewaltige Dynamik und Tiefenwirkung setzt ein, die sich im Grunde bis zum 2. Vatikanischen Konzil fortsetzt: Die Kirchenstruktur wird bis hin zur Monokratie zentralisiert. Die Sakramente werden konsequent juristischen Kategorien unterworfen, über die die Kirchenleitung verfügt, und damit dem Kirchenregime unterstellt. Jetzt tritt das Amt der Gemeindeleitung endgültig hinter dem Priestertum zurück und man begreift die Eucharistie von einer geradezu magischen Wandlungsvollmacht her. Selbst die Erlösungslehre mit ihren paulinischen Wurzeln wird seit Anselm von Canterbury (1033-1109) als ein feudales Rechtsgeschehen dargestellt.[22] Da verwundert es nicht, dass der Klerus langfristig zu einem Apparat verkommt, dessen höchste Würde es ist, kanonisch festgelegte Vollmachten auszuüben.

900 Jahre lang wird dieser hoch autoritäre Ansatz ausgebaut und verschärft. Die Privilegien des (höheren) Klerus werden abgesichert, in Beichtpflicht und konkreter Beichtpraxis wird die Kontrolle des Kirchenvolks bis in intime Bereiche hinein intensiviert; ein ausgefeiltes System von Ehehindernissen unterstellt das Ehesakrament dem kirchlichen Belieben. Diese Transformation vollzog sich für die Beobachter unmerklich. Dem Buchstaben nach blieben alte Strukturen, kirchliche Praxen und Glaubensüberzeugungen in Geltung, deshalb konnte sich der Klerus auf Kontinuität berufen. Doch der Geist ihrer Verwirklichung wurde massiv formalisiert und auf eine gehorsame Repetition des Vorgeschriebenen verkürzt.

Vom Augenblick der Gregorianischen Reform an ging die westliche Kirche ihren eigenen Weg, der sie in Grundhaltung und Geist von den östlich-orthodoxen Kirchen zutiefst entfremdete, mystische und spirituelle Impulse in Misskredit brachte und dazu führte, dass die zahlreihen Reformversuche konsequent abgeblockt wurden. Man denke an die Verbrennung von Jan Hus (1370-1415), die Verurteilung der konziliaren Beschlüsse des Konstanzer Konzils (1414-1418), die Verketzerung Martin Luthers (1483-1546) sowie die antimodernistische Manie der Theologenschelte, die in den 1860er Jahren einsetzte.

Allmählich wuchsen die schon existierenden Bausteine des Klerikalismus zu einem höchst wirksamen, typisch westkirchlichen Gesamtphänomen zusammen. Bis zum 2. Vaticanum bildet ein klerikal fixiertes Kirchenrecht die entscheidende Klammer der so hoch gerühmten Einheit, derer sich die katholische Kirche erfreute. Es bietet der hierarchischen Elite ein unerschütterliches Selbst- und Erfolgsbewusstsein, den Nicht-Klerikern aber die Hinführung zu einer tief eingeprägten Untertänigkeit. Alle klassischen Ämter der Bischöfe (Lehr-, Priester-, Hirtenamt) degenerieren zu erzwingbaren Rechts-, Kontroll- und Sanktionsmitteln und immer unbarmherziger wurden sie eingesetzt. Das augustinische Sündenbewusstsein, über dessen Ambivalenz man vorher noch streiten konnte, gibt der Unterwerfung der Laien eine geradezu toxische Qualität. Zur Kehrseite gehört jetzt die stetige Selbstentmündigung des gehorsamen, sich unterwerfenden und stets um Vergebung bittenden Volks.

Angesichts dieser tief eingegrabenen Gewaltgeschichte verwundert es nicht, dass die befreienden Gegenimpulse des 2. Vatikanischen Konzils noch heute auf enormen Widerstand stoßen. Die Dynamik des klerikalen Männerbundes hat die charismatischen und geschwisterlichen Impulse der biblischen Tradition endgültig überrollt.

Nur aus diesem Kontext heraus ist eine letzte Entwicklung zu erklären, die in der antimodernistischen Zeit in Gang gesetzt wurde. Das Lehramt der Theologie, das unverzichtbar zum kirchlichen Lehramt gehörte, wurde faktisch entmachtet. Geläufig ist heute die Rede von dem einen authentischen Lehramt, das von Bischöfen und Papst ausgeübt wird. Diese atemberaubende Monopolosierung, die allen Prinzipien von Kirche und Kirchlichkeit Hohn spricht, wurde von Pius IX. (1846-1878 Papst) vorangetrieben. Per Handstreich degradierte er kraft päpstlicher Vollmacht den Glaubenssinn des Volkes ebenso wie er die unbestreitbare Lehrkompetenz der Theologie vom Tisch fegte. Dann war der Weg zur Definition eines unfehlbaren Lehramtes (1870) frei, das ebenfalls in juristischen Kategorien zum Ausdruck kommt. Der lehrenden Hierarchie stand nur noch das hörende Gottesvolk gegenüber. Sie stemmt sich gegen der wachsenden Kenntnisstande Wissen von Wissenschaft und moderner Kultur.

So erhält die männerbündische Neigung zur Selbstisolierung bei der hierarchischen Elite einen neuen kämpferischen Schub und baut deren Vorrang gegenüber den aufmüpfigen „Laien“ zu einem Privileg aus, das keinen Dialog mehr zulässt. Das Lehramt rückt in ein antimodernes Licht. Es präsentiert sich im Widerstand gegen neue Wissenskompetenzen und eines neuen politischen Laizismus. Der Nachfolger der Apostel widersteht dem immer bösen Zeitgeist. So entwickelte sich der Klerikalismus zum größten Feind einer menschenfreundlichen Gemeinschaft der Schwestern und Brüder, die Jesus von Nazareth zu folgen bereit sind.

II/8    Baustein 8: Störfaktor Sexualität

Männerbünde entstehen in männerzentrierten Gesellschaften und reproduzieren diese Eigenart mit besonderem Nachdruck. Sie führen in Männergesellschaften vor, wie das geht. In keinem anderen der hier besprochenen Gebiete rücken Gesellschaft und männliche Dominanz so eng zusammen.

Fundament 8: Feudaler Männerbund

Wie Michel Foucault zeigt, hat schon die Antike den Problemkreis von Liebe, Lust und Sexualität reflektiert, wenn auch ausschließlich aus männlicher Perspektive. Der Genuss und das Wohlsein des Mannes, nicht der Frau, stehen im Mittelpunkt. Wichtig wird die Schule der Stoiker, insbesondere ihr prominenter Vertreter Epiktet (50-138), der Ausgeglichenheit und emotionale Gelassenheit, Seelenruhe und innere Freiheit propagiert.[23] Der Mensch muss über seine Affekte und Leidenschaften herrschen. Dieses ausgesprochen männliche Ideal der Herrschaft über den Leib wirkt stark auf das spätantike Christentum, insbesondere auf Augustinus ein. Für den Stoiker wird die Sexualität mit ihren anarchischen Begleiterscheinungen (Leidenschaft, Versuchung, weiblicher Einfluss) zum Störfaktor.

Das führt zu konfliktreichen Situationen, denn im Regelfall lassen sich das sexuelle Begehren und seine Folgen weder abschalten noch ignorieren. Deshalb gehen – je nach Idealen und Zielvorgaben ‑ Männerbünde unterschiedlich damit um. Bewahrt bleibt in allen Fällen der männliche Vorrang, den ja auch der gesellschaftliche Kontext nicht in Frage stellt. Schlimmstenfalls kann er als pure Herrschaft: zügellos als Demonstration von Macht und Unterwerfung ausgelebt werden. Nach Paulus kann selbst die Ehe diesen Zweck erfüllen: „Es ist besser zu heiraten, als vor Begierde zu brennen.“ (1 Kor 7,9) Damit wird die Partnerin zum sexuellen Objekt, deren eigene Subjektivität spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass aus sexuellen Augenblicks- oder Dauerbeziehungen keine späteren Verpflichtungen entstehen, die das höher vorgegebene Ziel stören, sei es gegenüber der benutzten Frau, gegenüber gezeugten Kindern oder einem betrogenen Ehemann. A-moralische Praktiken sind in anarchischen Männerbünden Alltag. Es ist gut zu wissen, dass er im unbewussten Begehren auch der edelsten Männer als Gefahr und Versuchung gegenwärtig bleibt.

Anspruchsvollere Männerbünde, die sich – philosophisch, politisch, kraft adliger Abstammung oder religiös – als Elite in den Dienst des Gemeinwohls stellen, übernehmen (im Idealfall) ihr männliches Begehren im Rahmen ihrer öffentlichen Rolle.[24] Seit dem Mittelalter werden der öffentliche und der private Sektor streng unterschieden. Sie sehen als Hauptpflicht die Sorge für ihre Familie und die Erhaltung des Erbes, dem großen Stabilisator in einer feudalen Gesellschaft. Gegebenenfalls verzichten sie auf eine verbindliche Liebe und Sexualität; denn sie erfahren, dass die oft praktizierten „Zwischenlösungen“ (Affären, außereheliche Beziehungen) zu schweren Komplikationen führen können. Angesichts solcher Risiken geht eine begrenzte Minderheit den sichersten Weg. Sie erfährt Frieden und Erfüllung in einem Leben, das sich aller sexuellen Betätigung enthält. Oft wird dieser Rigorismus mit einem moralischen Rigorismus gegenüber Dritten kompensiert, der dem Zusammenleben wenig förderlich ist.

Zu den fruchtbarsten Lösungen führen aber Lebensentwürfe, die ihre konsequente Selbstdisziplin mit einer intensiven Liebe zu Frau und Kindern oder mit einer reifen Empathie gegenüber anderen Menschen vereinbaren können, die in der christlichen Tradition dann „Nächstenliebe“ genannt wird. Im Prinzip überwinden diese Männer schon die Grenzen eines männlich orientierten Lebensstils, auch wenn sie die Rolle eines Familienvaters, eines Ordensmannes oder eines Einsiedlers ausfüllen; natürlich waren sie sich dieser Grenzüberschreitung noch nicht bewusst. Doch ist das eine anachronistische Bewertung.

So viel scheint klar zu sein: Wenn das mittelalterliche Christentum etwas kontinuierlich weiterführte (das auch von der biblischen Tradition gefördert wurde), dann war es die Androzentrik einer Gesellschaft, die ihrerseits schon von einer männerorientierten Elite, also dem Adel geführt wurde, der sich im karolingischen Raum bildete. Auch in ihm galt es, den Störfaktor Sexualität kontrollierbar zu machen und zu einem Faktor zu transformieren, der die aufkommende Kultur stabilisierte.

Die anarchische, deshalb zu kontrollierende unbändige Kraft des sexuellen Begehrens bildet auch für das heraufziehende Mittelalter ein großes Problem. Im Prinzip gibt es auch jetzt kein ausreichendes Mittel der Kontrolle. Dabei macht es keinen Unterschied, ob ein radikaler Sexualitätsverzicht oder eine kontrollierte Mäßigung gefordert wird. Deshalb konstatiert Foucault zwischen der antiken und der beginnenden mittelalterlich-christlichen Kultur eine starke Kontinuität. Beiden Ausprägungen liegt ein gespaltenes, frauenkritisches Menschenbild zugrunde; die Frau wird zum großen Störfaktor und zur Projektionsfläche vieler Übel, zu der ein ungezügeltes Verhalten führen kann. Auch jetzt war das Problem des sexuellen Begehrens nicht gelöst.

Doch nach Foucault verändern die wachsenden christlichen Einflüsse allmählich den Umgang mit Sexualität. Ziel ist jetzt nicht mehr eine sexuelle Kontrolle, sondern die sexuelle Reinheit. Sexuelles Begehren schafft nicht einfach Verwirrung, sondern es beschmutzt. Dabei ist es unvermeidlich, dass auch die Quelle des Schmutzes in die Frau projiziert wird. Sie ist die Quelle der Unreinheit, die Quelle des Bösen; mit Eva, einer Frau, hat das Unheil der Welt begonnen.

Eine weitere Verschärfung kommt hinzu: Jetzt kommen dem sexuellen Begehren der Männer nicht nur weltliche Belange, sondern auch der Wille und die Güte Gottes in die Quere. Das augustinisch manichäische Sündenbewusstsein und seine Lehre von der Erbsünde haben zu diesem Umbruch beigetragen. Letztlich führt diese Forderung nach sexueller Reinheit nicht zu einer Menschenkontrolle, sondern zu einer kategorischen Menschendistanz, denn im sündigen Nächsten lässt sich Gott nicht mehr vorbehaltlos finden. Die wirklich Frommen finden ihn nur in Gottes eigenen geistigen Dimensionen, in Gebet und Meditation, in den Sakramenten und kirchlichen Gottesdiensten.

Die Studien von Georges Duby zum 11.‑13. Jahrhundert in der Welt des französischen Adels bieten dazu konkreten Anschauungsunterricht. Schon seit dem 9. Jahrhundert zeichnet sich eine epochale Wende ab. Zwei Rahmensysteme treten einander gegenüber. In der aufkommenden feudalen Gesellschaft schützt das weltliche Modell, ganz vom Feudalismus geprägt, das Erbe der herrschenden Elite. Seinetwegen wird die Familie (Vater, Mutter, Kinder) zur zentralen Agentur gesellschaftlicher Stabilität. Sie ist die Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Intimität und sie regelt die Nachfolge, die Verheiratung der Töchter und die Abfindung der Söhne so, dass das Erbe, also der Machtbereich des Hauses, nicht beschädigt wird. Im Blick auf diese Ziele gelten die Regeln einer ehelich monogamen Treue nur relativ. Gewiss, in öffentlicher Geltung kann es nur einen Mann und eine Frau geben, die den Machtraum repräsentieren. Aber jugendliche Ausrutscher, männliche Seitensprünge, Mätressen, uneheliche Kinder oder die Schwangerschaft von Mägden bringen keine öffentliche Schande. Verpönt sind dagegen die Seitenwege von Frauen. Eheschlüsse, in der Regel noch am Kirchenportal vollzogen, sind nicht als Zeichen eines persönlichen Ehebundes wichtig, sondern weil so die neuen Erbverhältnisse vertraglich geregelt und öffentlich bekundet werden.

Allmählich wird dieses weltliche von einem kirchlichen Modell unterlaufen. Es setzt, wenn man will, tiefer und radikaler an, davon fühlen sich viele angezogen. Asketische Strömungen haben ihre Wirkung. Dieses Modell neigt zur Diskriminierung der Ehe. Lange gilt auch noch der kirchlich legitimierte Sexualakt als (lässliche) Sünde. Doch unter den weltlichen Bedürfnissen (Zeugung von Nachkommen und Wahrung der Stabilität) gilt die Ehe als das kleinere Übel, das akzeptiert werden muss. Um dieses Übel, soweit möglich, zu reinigen, wird eine ausufernde Ehemoral entwickelt. Aller sexuelle Genuss als solcher ist zu unterbinden. Die aufkommende Beichtpraxis perfektioniert die Kontrolle des Standes der „Kämpfer“ und „Arbeiter“ (später spricht man vom Wehr- und vom Nährstand). Sie geschieht durch den Stand der „Beter“ (der Priester und Seelsorger). Jetzt erhalten die schon genannten Regeln einer geordneten, auf die Ehe beschränkten Sexualität eine absolute Bedeutung. Ausnahmen werden bekämpft, im Prinzip nicht mehr geduldet. Schließlich wird der Eheschluss selbst sakralisiert, indem man ihn zum 7. Sakrament erhebt. Im 11. Jahrhundert wird der Eheschluss unter priesterlicher Zeugenschaft ins Innere der Kirche verlegt und damit auch öffentlich-zeichenhaft der absoluten kirchlichen Kontrolle unterstellt. Das kirchliche Modell überlagert das weltliche.

Damit geht eine bemerkenswerte Entwicklung einher: Diese Moralisierung und kirchliche Kontrolle bis in intimste persönliche Bereiche hinein macht die Eheführung allmählich zu einem Zeugnis des Glaubens. Im eigenen Gewissen ist sie je persönlich vor Gott zu verantworten und in der Beichte zu rechtfertigen. Dies führte zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel, der die Ehe von ihrer feudalen Fixierung auf Besitz- und Erbschaftsfragen befreite. Im Kirchenrecht setzte sich das Prinzip des Konsenses durch. Bis heute lautet das kanonische Rechtsprinzip: „der Konsens macht die Ehe“. Verheiratet konnte also nur sein, wer aus eigenem Wissen und Gewissen dem Ehepartner die Treue schwor. Natürlich werden für die Eliten dadurch die (feudale) Bedeutung der Ehe und die Führungsrolle des Mannes nicht überwunden; rechtlich bleibt sie bis ins 21. Jahrhundert bestehen. Doch an diesem Kernpunkt, an dem sich eine Ehe konstituiert, war die alleinige Fixierung der Ehe auf den Mann durchbrochen.

Klerikaler Überbau 8: Der „reine“ Klerikalismus

Kommen wir nach diesem notwendigen Umweg auf die Hauptfrage zurück: Welche Auswirkungen hatte diese Entwicklung auf die klerikale Struktur und Mentalität der römisch-katholischen Kirche? Meine Kurzformel lautet: Je mehr im weltlichen Bereich der Fokus auf die Vorherrschaft der Männer gemildert wurde und Männerbünde Konkurrenz erhielten, umso schärfer wird innerhalb des weltlich funktionierenden Kirchenverbandes unter römischer Führung die Fixierung auf Mann und Männlichkeit vorangetrieben. Test und Zeuge dafür ist die Priesterehe, deren Ende bevorstand und durch die Lebensform einer solitären Ehelosigkeit, den Zölibat, ersetzt wurde.

Innerkirchlich war die Kritik an Priesterehen schon lange vorbereitet und sie verschärfte sich, sobald der Priester, statt primär als Gemeindeleiter zu agieren, in der Hl. Messe das Kreuzesopfer und eine magische Wandlung vollzog. Auf allen Ebenen, die soeben skizziert wurden, blieben die sexual- und frauenfeindlichen Strömungen der früheren Jahrhunderte präsent, ihre unbiblischen Elemente mit eingeschlossen. Seit dem 4. Jahrhundert tauchten ehefeindliche Beschlüsse auf. Doch das menschliche Begehren der Kleriker, auch der frommen unter ihnen, kannte eine andere Sprache. Hatte ein keusches Leben keine Heimat in den Orden und in den Klausen der Einsiedler gefunden? Und war es nicht zutiefst menschlich, dass auch solitär lebende Priester eine Familie gründen konnten?

Die Angst vor legitimen Priestersöhnen, die feudale Erbforderungen erheben konnten, gab schließlich den Ausschlag. Jetzt, da die hierarchische Rechtsetzung im Zuge der Gregorianische Reform (Baustein 7) absolute Gültigkeit erhalten hatte, fasste 1139 die 2. Lateransynode folgende Beschlüsse: 1. Höhere Kleriker, „die geheiratet haben oder eine Konkubine halten“, verlieren Amt und Pfründe. 2. Messen von Priestern, die eine Ehefrau oder Konkubine haben, dürfen nicht mehr gehört werden. 3. Die Priesterweihe bildet ein trennendes Ehehindernis (also ein Hindernis, das einen Eheschluss bedingungslos nicht nur verbietet, sondern ungültig macht). Seitdem ist vor dem Forum der geistlich allmächtigen Kirche – von später verfügten Ausnahmen abgesehen – jede priesterliche Ehe ungültig.

Die Tragweite dieser letzten Entscheidung und ihrer Gültigkeit bis in die Gegenwart lässt sich kaum überschätzen. Denn mit der zölibatären Lebensform wird den Priestern nicht einfach eine Lebensform aufgezwungen, die man wie ein Kleid an- und ausziehen kann. Mit dem Zölibat rücken die beschriebenen klerikalen Elemente den Klerikern in all ihren Dimensionen buchstäblich auf den Leib, sie werden zu einer fleischlichen Wirklichkeit. Dieses sexualfeindliche Ideal zwingt seine Träger dazu, ihm sich mit Haut und Haaren auszuliefern oder an ihm zu zerbrechen. Erst jetzt erreichen die klerikalen Strukturelemente der Kirche eine ungeheure fleischliche Intensität und sie tragen das ganze Gewicht dieser auf Männer zentrierten Tradition mit. Die zölibatären Kleriker liefern sich ihrem besonderen Auftrag bis hin zum Verlust ihrer inneren Freiheit aus. Man kann diese Lebensform nicht mit der Behauptung rechtfertigen, die Kandidaten des Priesteramts hätten sich freiwillig zu dieser Lebensform entschieden, denn bis heute können die Betroffenen in der Regel die lebenslangen Konsequenzen nicht übersehen. Normalerweise möchten sie sich in den Dienst der christlichen Botschaft stellen; das ist eine Botschaft, die die zölibatäre Lebensform weder fordert noch nahelegt.

So verkörpern römisch-katholische Priester oft nur unter Schmerzen das männliche Eliteprogramm der apostolischen Kirche. Zugleich unterliegen sie den Versuchungen dieses Modells. Man sagt ihnen, sie könnten im Namen Christi handeln, sie dürften ihre Existenz von ihm her verstehen. So erfahren sie sich als Vertreter einer sakralen Macht, die allen anderen Christen überlegen ist. „Ein Priesterherz ist Jesu Herz“, beginnt ein Kirchenlied, das in reaktionären Kreisen wieder gesungen wird. Die Intransparenz und Fixierung auf narzisstische Traditionen können ihnen zur zweiten Natur werden. Dann ist es ihr höchstes Ideal, ein unfehlbares Rechtssystem statt Gottes Wort zu vergegenwärtigen.

Warum aber soll eine sexuelle Enthaltsamkeit – im Widerspruch zu biblischen Hinweisen ‑ das priesterliche Leben bestimmen? Der heilige Auftrag, so eine oft gehörte Erklärung, verlangt eine unbedingte Konzentration auf die heilige Sache bzw. auf den heiligen, alles fordernden Gott, auf dessen segnende Gegenwart man hofft. In Wirklichkeit macht diese Lebensform untertänig. Die Hoffnung auf einen Gott der Liebe wurde durch das männlich infizierte Ideal einer wohlgeordneten Schlachtreihe ersetzt.

Heute sind klerikale Ehelosigkeit und ‑ eng damit verbunden ‑ Homophobie massiv in die Kritik geraten. Auch ungezählte Kleriker haben zu dieser frühmittelalterlichen Lebensform Distanz gewonnen; das hat nicht nur zeitbedingte Gründe. Die aktuelle Epidemie von klerikaler Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Nonnen enthüllt das toxische Gemenge von interagierenden Faktoren, in denen die spirituelle Tradition von Jahrhunderten steckt. Deshalb reicht es nicht, angesichts dieser Katastrophe mehr Bescheidenheit und Selbstdisziplin anzumahnen. Nachzudenken ist über die narzisstische, männerorientierte Grundstruktur, die der hierarchischen Kirchenordnung zugrunde liegt.

Das ist keine einfache Aufgabe, denn der Klerikalismus hat den kirchlichen Grundtext so dicht mit einem ausgeklügelten Netz von theologischen Argumenten überzogen, dass die inneren Widersprüche und massiven Bruchlinien von den Betroffenen oft nur schwer offenzulegen sind. Heute präsentiert sich Rom gerne als der große Protest gegen Weltlichkeit und Welt. Man müsste dort endlich begreifen, wie unbiblisch und verweltlicht sein Gehabe auch unter dem gegenwärtigen Papst noch ist.

 II/9   Baustein 9: Überforderungen und Ausgleich

Es gibt kein normales Leben an sich, aber es gibt Lebensformen, die einen inneren Ausgleich schaffen, eine Balance zwischen Idealen und Wirklichkeit, Bedürfnis und Erfüllung, persönlicher Aufgabe und erfahrener Zuwendung. Auch dieser Ausgleich wird nie zu einem spannungsfreien, „normalen“ Zustand führen, sonst würde ihm jede Dynamik fehlen; selbst ein Herz schlägt nur, wenn es eine ständige Asymmetrie auszugleichen hat. Leben meint immer Lebensarbeit und den Versuch, über unbefriedigende Situationen hinauszuwachsen, auch mit dem ständigen Verfall von Leben fertig zu werden. Positiv und negativ erfahren wir unseren Leib als den Ort und Gradmesser für das, was uns geschenkt ist und beglückt, oder für das, was wir vermissen und uns auferlegt ist.

Diese Metaphern lassen sich auf die Kultur von Gemeinschaften und Gesellschaften übertragen. Dort bilden sich Strukturen aus, die diese Spannungen spiegeln und in stabile Bahnen lenken, im besten Fall in eine stabile Abfolge von beherrschten Energieschüben bringen. Funktionierende Kulturen lassen sich mit selbstzündenden Motoren vergleichen, die immer neu einen Überschuss üproduzieren. Zu einem statischen Ausgleich kann es nie kommen; das bedeutete nur Tod. Auf dem Gebiet der Sexualität wirken sich diese Kräftespiele besonders dramatisch aus, denn dort erhält das Spiel der Sublimierung eine hervorragende Anschaulichkeit.

Fundament 9: Verzicht auf den Genuss

Männerbünde reagieren in besonderer Weise auf solche Spannungen, die bis in das leibliche Begehren hineinreichen. Sie treiben die Chancen und Verzerrungen einer männerzentrierten Gesellschaft voran und testen die Eigenarten aus, von denen oben die Rede war. Sie definieren, was Mann und Männlichkeit zu sein haben. Das Zeugen steht einseitig dem Empfangen gegenüber, die agierende Kraft einer passiven Empfänglichkeit, die Rationalität den Emotionen. Der in diesem Sinn „normale“ Mann agiert öffentlich, steht draußen im feindlichen Leben.

Schon diese Umschreibung zeigt: Die Standards von Mann und Männlichkeit sind nicht objektiv vorgegeben, sondern immer schon kulturell ausgeformt. Hier ist die Wechselwirkung zwischen naturgegebenen und kulturbedingten Vorgaben nicht zu untersuchen, ebenso wenig die Frage, wie sich im Detail das Verhältnis der Geschlechter entwickelt hat. Der Mann ist der Held, der Hochdisziplinierte und Schlachtenherr, der Priester, später auch der Hochgebildete und Wissenschaftler. Sie hält dem Mann gegebenenfalls den Rücken frei, versorgt den Haushalt und erzieht die Kinder, bis sie zu Männern oder Frauen herangereift sind und die gealterte Mutter und Ehegattin in einer funktionalen Bedeutungslosigkeit versinkt. Gewiss, mit Königin Christina von Schweden (1626-1689), Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) und Queen Victoria (1819-1901) gibt es rühmliche, ganz erstaunliche Ausnahmen; es gibt auch hervorragende Äbtissinnen und Mystikerinnen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen. Doch im Grunde bestätigen sie die Regel. Wie aber lässt sich das Heldentum des Kriegers mit der Sehnsucht nach Geborgenheit versöhnen, wie die Todesbereitschaft mit der Zuwendung eines sorgenden Vaters zu seinen Kindern, wie die Leidenschaft des Fußballfans mit dem Begehren nach Zärtlichkeit?

Im allgemeinen kontrollieren Männerbünde die Sexualität ihrer Mitglieder, unter kirchlichem Einfluss gingen die Kontrollstrategien über zu Idealen des Verzichts. Als Beispiel können die Kreuzritter dienen. Der Eroberungszug mit dem Schwert gehört zu ihrer vorgegebenen Rolle, in die sie unreflektiert hineingewachsen sind. Viele mochten von purem Abenteurertum getrieben sein; doch bei vielen spielten christliche Motive eine entscheidende Rolle, denn es waren Päpste, Bischöfe und Mönche, die dazu aufriefen. Bernhard von Clairvaux (1090-1153) plädiert für ein geistliches Rittertum, das sich von dem verderbten „weltlichen“ Rittertum unterscheidet. In seinen äußerst wirksamen Kreuzzugspredigten verspricht er den Kämpfern einen überirdischen Lohn.

Klerikaler Überbau 9: Gottgegebene Sexualphobie

In dieser Übergangszeit wird die Spannung zwischen persönlichem Begehren und Lustverzicht allmählich verinnerlicht; jetzt ist der Lustverzicht nicht nur aus pragmatischen Gründen geboten, sondern in sich gut. Das Begehren zu leugnen erhält unmittelbar eine moralische Qualität. Es sind die Vertreter der Kirche, die die Ideale des Männerbundes verinnerlichen und auf die Bevölkerung übertragen.

Die Gregorianische Reform hat für die spätere Gestalt der Kirche eine Schlüsselfunktion. Es setzen sich durch: (1) die Herrschaft eines streng hierarchisch ordnenden Rechts, (2) durch die Sakramentalisierung der Ehe und die Intensivierung der Ohrenbeichte ein intensiver Einfluss auf die Bevölkerung sowie (3) die Disziplinierung des Klerus durch den Zölibat. Zwar geben Fragen von Erbrecht und Pfründenpolitik zu dessen Durchsetzung den Ausschlag, aber seine spirituelle Begründung war schon lange vorbereitet. Der absolute Sexualverzicht wurde jetzt für die Klasse der Kleriker erzwungen und mit der bekannten Diskriminierung der Sexualität verkoppelt. Damit enthält die Sexualdistanz eine toxische Qualität, weil das leibliche Begehren des Menschen nicht verschwinden kann. Ein zölibatäres Leben und Sexualitätsverzicht als Eigenwert leugnen die Grunddynamik einer jeden Leiblichkeit, die für die Entwicklung der eigenen Identität unverzichtbar ist.

Natürlich wird die Klasse der Zölibatären diesen Widerspruch verdrängen, denn man will auf das Priestertum nicht verzichten; Zölibat und Sexualität werden zu alternativen Tauschobjekten. Umso unkontrollierter hat diese Existenzform einen destruktiven Effekt: Das Übel der Sexualität wird auf die „Welt“ projiziert und trägt in die Kirche eine Spaltung hinein, die bis heute andauert. Zugleich gilt es, die konkrete Quelle der sündigen Sexualität auszumachen. Man entdeckt sie in den Frauen und gibt damit dem Männerbund eine theologische Legitimation, die das Verhältnis der Männer zu den Frauen vergiftet. Dass diese Lebensform zahllose Kleriker zerstört, sie in Einsamkeit und Ersatzbefriedigungen treibt und sogar sexuelle Gewalt gegenüber Kindern zu Epidemie werden lässt, muss hier nicht eigens nachgewiesen werden.

Exkurs: Erniedrigung von Frauen und fatale Selbstbestätigung

Das damalige, in der Kirche propagierte Frauenbild lässt sich eindrücklich an Hand der tonangebenden Beichtbücher des 10. und 11. Jahrhunderts illustrieren. Ihr Hauptinteresse gilt dem Verhalten von Frauen, die sich abscheulichen Praktiken hingeben. Sie verführen Männer, widrigenfalls rächen sie sich an ihnen fürchterlich. Sie befriedigen sich mit „Maschinen“, benutzen Dildos, treiben Embryonen ab, kennen sich in der Kunst der Empfängnisverhütung aus, geben Zauberkünste mit entsprechendem Zaubertrank weiter, um sich Liebe zu erschleichen oder sie in Hass zu verkehren. Sie betätigen sich als Hexen, scheuen vor dem Mord an Ehegatten oder Rivalinnen nicht zurück, ersticken oder ertränken Kinder, umgeben den Sarg von Verstorbenen mit Zauberkräften und legen zum Mahl drei Gabeln für die Parzen auf, um mit ihnen im Verbund zu handeln.

Eine besonders anschauliche Frage, die den Geist des abgrundtiefen Misstrauens dokumentiert, lautet: Hast du „deinen nackten Leib mit Honig bestrichen, Korn auf ein Leintuch am Boden gestreut, dich von allen Seiten darin gewälzt und die an dir klebenden Körner sorgfältig gesammelt, hast du sie gemahlen und dabei den Mühlstein gegen die Sonne gedreht, hast du aus dem Mehl ein Brot für deinen Ehemann gebacken und gehofft, er möge daran zugrunde gehen?“[25]. Gewiss, von Zauberei und Hexerei hat die Kirche schon lange Abstand genommen. Doch blieb unserer Kultur noch lange ein abgrundtiefes Misstrauen gegen die Labilität, Irrationalität und die dunklen Verführungskünste der Frauen eingeprägt. Sie wurden zur Projektionsfläche der Tatsache, dass die Zölibatären (die sich solche Fragen ausdachten) mit ihrem Begehren keinen Frieden finden konnten.

Projektion ist die eine Seite, die andere sind Selbstzweifel und ein verborgener Selbsthass. Angesichts dieses existentiellen, tief eingreifenden, durch nichts auszugleichenden Verzichts muss die übernatürlich-göttliche Motivation zu dieser Standhaftigkeit herausgearbeitet werden. So muss die ehelose Lebenspraxis die Betroffenen in der Überzeugung stärken, dass sie aus einer übernatürlichen Kraft leben und mit einer übernatürlichen Vollmacht belohnt werden. Sie werden die exklusiven Sündenvergeber und Verwalter der Heilsgeheimnisse, sie können Brot und Wein auf eine übernatürliche Weise verwandeln, ihr Lebensstand macht sie vor weltlichen Mächten unangreifbar.

Noch im Juni 2009 zitiert Benedikt XVI. den Pfarrer von Ars mit innerer Zustimmung: „Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? Der Priester. Wer wird sie darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen, indem er sie zum letzten Mal im Blut Jesu Christi wäscht? Der Priester, immer der Priester. … Nach Gott ist der Priester alles! … Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen.“ Dieser letzte Satz entlarvt das ganze Problem: Nichts davon ist zu verstehen, umso mehr sieht sich der Kleriker auf den Himmel verwiesen, während die „Laien“, insbesondere die Frauen der Sündigkeit der Erde verhaftet sind.

Gewiss, mag man erwidern, dass hier von einer Religiosität gesprochen wird, doch mit ihr sind weder der Zölibat noch seine toxischen Wirkungen verschwunden. Spätestens seit dem Siegeszug der Psychologie sind ganze Argumentationsgebäude zusammengebrochen. Umso verzweifelter wird die Situation von Zölibatären. Sie geben ihren Lebensstand entweder auf oder halten noch verhärteter und unbeweglicher an ihm fest. Noch immer können viele nicht unterscheiden zwischen ihrer ureigenen Lebensentscheidung und einer verpflichtenden Lebensregel. Gemäß einer Meldung von KNA (09.05.2019) erklärt der Bischof von Münster, Felix Genn: „Wir haben in unserer westlichen Kultur den Sinn für dieses innere Geheimnis eines Lebens in der Nachfolge Jesu verloren.“ Es schmerze ihn sehr, dass dieses Geheimnis seines Lebens mit Jesus unter Beschuss gerate. Man wolle ihm diesen Stachel im Fleisch nehmen. Dass dieser Bischof zölibatär lebt, ist seine Sache. Aber Widerspruch verdient seine Meinung, der Zölibat sei das innere Geheimnis der Nachfolge Jesu. Auch er legitimiert seinen Zölibat, indem er allen Nichtzölibatären faktisch die Nachfolge Jesu abspricht. Es ist genau diese Mentalität, die den Klerus gegenüber den „Laien“ auf eine qualitativ höhere Stufe stellt.

Genau diese Mentalität muss sich auch gegen eine Ordination der Frau wehren, weil sie den Kosmos dieses Männerbunds stören und zerstören würde. Der Pflichtzölibat kann seinen toxischen Kern nicht loswerden: Er ist aufzuheben und diesem Akt hat die Zulassung der Frauen zu kirchlichen Ämtern zu folgen. Sie ist nicht nur ein Akt fundamentaler Gerechtigkeit, sondern auch ein Akt, mit dem sich die römisch katholischen Kirchenleitungen exemplarisch von ihrer überholten Ideologie des Männerbundes löst.

 III.     Überwindung eines destruktiven Systems

Der Klerikalismus ist inzwischen in aller Munde. Sogar Bischöfe verurteilen ihn, allerdings so pauschal, dass daraus keine Selbstverpflichtung folgt. Er gerät zum Sündenbock, der von außen in die Kirche eindringt, um sie zu verderben. Selbst der Papst nimmt zu den Einflüssen des Teufels Zuflucht. Zur Sanierung der Zustände scheint ein bescheidenes, aufrichtiges und konsequent christliches Verhalten zu genügen; allerdings ist es dem Papst damit ernst. Auch viele Bischöfe der Weltkirche wollen den Klerikalismus beenden. Aber auch sie rühren nicht an die theologischen und strukturellen Grundlagen, deren Änderung die bischöfliche Identität empfindlich treffen könnte. So ist noch keine Aussicht auf eine wirksame Reform in Sicht.

III/1   Vorbehaltlose Kritik

Teil II dieses Beitrags versuchte zu zeigen, wie komplex das Phänomen des Klerikalismus ist. Es setzt sich aus vielen Komponenten zusammen, tritt aber wie eine in sich geschlossene Einheit auf. Was macht die Sanierung dieses klerikalistischen Systems so schwierig? Ich nenne hier fünf Gründe.

(1) Trotz gegenteiliger Behauptungen folgt der Klerikalismus auf seiner emotional vorbewussten Ebene der vitalen Dynamik eines Männerbundes, der sich über Jahrhunderte hin in der katholischen Kirche ungestört entwickeln und seine Eigengesetze christlich schmücken konnte. In einer demokratischen Gesellschaft hat dieser Männerbund jede Plausibilität verloren. Deshalb ist es auch schwierig, den verborgenen Zusammenhängen dieser Dynamik nachzugehen. Zwar hat er in der gegenwärtigen Kirche nichts mehr zu suchen. Dennoch bleibt er im emotionalen Dunkel von Frömmigkeit und einer nostalgischen Religiosität präsent. Gerade seine Verdrängung macht ihn unbesiegbar.

(2) Der römisch katholische Klerikalismus hatte zu seiner Entfaltung die Zeit von Jahrhunderten. In ihnen konnten die verschiedenartigen Bausteine zu einer gelebten Einheit verschmelzen. Biblische und theologische Widerstände wurden abgeschliffen und stützende Argumente bis in die letzten Feinheiten ziseliert. Heute lassen sich die unterschiedlichen Aspekte und die internen Widersprüche nur schwer entflechten. In der Regel bleibt nur ein Gesamteindruck übrig, dem rational nur schwer zu begegnen ist.

 (3) Abgesehen von einzelnen prominenten Kritikern des Klerikalismus (man denke an Hans Küng oder Edward Schillebeeckx) stieß dessen Überwindung auf zähe Trägheit oder massiven Widerstand. Erst ideologiekritische Entwürfe formulierten einen ersten prinzipiellen Widerspruch. Dazu gehörten die feministische Theologie, die Befreiungstheologie und andere kontextuelle Entwürfe. Ferner haben viele Mitglieder der katholischen Kirche die Selbstprivilegierung der Kleriker toleriert. Offensichtlich standen und stehen Pate für diese masochistische Akzeptanz ein androzentrisches und autoritäres Gesellschaftsbild, das unter Christen noch immer verbreitet ist. Der Sieg über den Klerikalismus setzt den Sieg über das traditionelle Sündenbewusstsein voraus.

(4) Zugleich müssen alle Bausteine einzeln untersucht werden. Alle haben ein genuin christliches Erbgut verengt, zugespitzt, in einen unchristlichen Geist getaucht und für die Interessen der Hierarchen instrumentalisiert. Das verleiht der Klerikalismuskritik heute ein breites Echo und eine umfassende Legitimation. Wir haben das Recht, gegen den Klerikalismus an die Schrift und an ein humanes Menschenbild zu appellieren, ohne uns an den Rand der Kirche drängen zu lassen. Eine Erneuerung der Kirche verlangt das Ende klerikaler Rede- und Denkverbote.

(5) Bislang hat sich die Hierarchie einer fälligen Revision der Unfehlbarkeitsdoktrin verweigert; sie übergeht diesen Sündenfall mit Schweigen, machte es zu einem Familiengeheimnis der katholischen Kirche. Dabei wäre eine Unfehlbarkeitskritik der einfachste Ausgangspunkt für eine Revision von Kirchenbild und Kirchenwirklichkeit; denn damit stünde der Weg für eine neue unbefangene Lektüre der Schrift offen und die entscheidenden Lehrgrundlagen des Klerikalismus würden verdampfen.

III/2   Kluge Strategien

Lässt sich der Klerikalismus auch auf anderen Wegen überwinden? Die simple Übernahme anderer Kirchenmodelle ist schwierig. So reicht es nicht, kirchliche Herrschaftsmodelle auszutauschen, denn auch die östlich-orthodoxen, die evangelischen und die unabhängigen oder charismatischen Kirchen haben mit ihrem eigenen Klerikalismus zu kämpfen. Zudem kommt es weniger auf die faktischen Strukturen, sondern auf den Geist an, in dem sie gelebt werden. Nicht die faktischen Institutionen sind wichtig, sondern was sich konkret in ihnen ereignet.

Die Prozesse innerkirchlicher Erneuerung müssen ganzheitlich und mit praktischen Entscheidungen beginnen. Dabei sollte man genau auf den Sinn und die Funktionen kirchlicher Ämter achten, Schlüsselkonstellationen herausgreifen und der klerikalen Dynamik der Hierarchie konfrontativ eine synodale und partizipative Dynamik der Gesamtkirche entgegensetzen. Das wäre die Aufgabe reformorientierter Kirchengemeinden und Kirchenmitglieder. Die Erneuerung muss mit mündigen Gemeinden beginnen, die eigenverantwortlich handeln. Denkbar sind als erster Dreischritt die Zulassung von Frauen zum kirchlichen Leitungsamt, die Aufhebung des Zölibats und die Wahl der Funktionsträger/innen durch die jeweils Betroffenen. Vermutlich wären nach fünf Jahren die Klerikalismusdebatten verstummt und die Kirche nicht wiederzuerkennen.

Auch bei erfolgreichen Reformen wird die Versuchung des Klerikalismus nicht ein für allemal verschwunden sein. Deshalb ist ihm ständig Widerstand zu bieten, denn er bleibt eine ständige Gefahr, wo sich Machteliten bilden. Ein wirksames Reformprogramm muss geschichts-, ideologie-, kontext-, macht- und genderkritische Strategien entwickeln. Sie allein machen gegen die naive Selbstbestätigung von Amtsträgern und ihren Gremien sensibel. Dazu gehören ein Gehör auf die Humanwissenschaften, ein waches Menschenrechtsbewusstsein sowie die prophetische Hoffnung auf eine in Frieden und Gerechtigkeit versöhnte Gesellschaft.

III/3   Der Ernst der Lage

Die erschreckende Missbrauchsepidemie, das oft unerträgliche Finanzgebaren kirchlicher Institutionen, die hartnäckige Intransparenz kirchlicher Entscheidungszentren, der notorische Überlegenheitskomplex der Kirchenleitungen sowie der fanatische Widerstand gegen alle Erneuerungsimpulse von Papst Franziskus, reaktionäre Interventionen von unverbesserlichen Würdenträgern, dies alles zeigt den Ernst der aktuellen Lage. Der Glaubwürdigkeitsverlust gegenüber Priestern und Bischöfen ist enorm.

Dabei zeigt sich eine paradoxe Situation. Der so vergeistigte und entweltlichte Klerikalismus scheitert ausgerechnet an seiner Leugnung der Sexualität. Wie die Sexualskandale der Kleriker zeigen, lässt sie sich eben nicht leugnen. Deshalb müssen die Hierarchen wissen: Wenn sie das Sexualproblem des Klerikalismus nicht auf eine humane Weise lösen, werden sie sich auch nicht von ihrer Herrsch- und Kontrollsucht trennen können. Wir brauchen in der Kirche charismatisch-vielfältige Strukturen. Sie müssen zu Funkionen führen, die kooperieren und einander begrenzen. Der aktuelle Zusammenbruch der klassischen Seelsorge ist dafür ein unübersehbares Fanal.

III/4   Kann ein Papst die Kirche retten?

Die aktuelle Situation von Papst Franziskus zeigt die hoffnungslos verfahrene Lage einer im Klerikalismus erstickten Hierarchie. Einerseits genießt der Papst absolute Vollmachten. Wenn er denn wollte, könnte er seinen klerikal agierenden Kirchenapparat über Nacht nach eigenem Dafürhalten umbauen. Andererseits müsste er dazu sein eigenes Profil massiv ändern; in den Augen vieler würde er sein eigenes Amt abschaffen. Er selbst käme aus einer solchen Operation als ein Anderer heraus, als der er hineinging. Jeder grundsätzliche Schritt wäre deshalb genauestens zu reflektieren.

Deshalb bleibt ihm nur der Weg von Reformschritten, die das Kirchenprofil in Etappen verändern. Dazu ist er auf Berater von höchster exegetischer, historischer, anthropologischer, soziologischer und juristischer Kompetenz angewiesen. Er kann sie weder im Kreis der Kardinäle noch in dem der Bischöfe finden. Niemand beneidet ihn um diese Aufgabe. Doch er muss sie in Angriff nehmen, bevor die römisch-katholische Kirche vollends auf das Niveau einer narzisstischen Großsekte herabsinkt. Die Basis hat aber im Geist der Schrift keine andere Wahl, als in einem Akt großer loyaler Illoyalität tiefgreifende Änderungen zu erzwingen. Sie muss in eigener charismatischer Vollmacht eine andere Kirchenwirklichkeit praktizieren, denn die Kirche, nicht der Klerus, sollte gerettet werden. Im Idealfall könnte sich der Papst dazu mit reformorientierten Kräften von unten verbinden. Zeichen und Wunder sind nie ausgeschlossen.

Anmerkungen

[1] Liturgiekonstitution 27, 31, 48; Konstitution über die Kirche, Kap. II und IV; Dekret über das Apostolat der Laien; Pastoralkonstitution: Die Kirche in der Welt von heute, passim.

[2] Christopher Clark und Wolfram Kaiser (Hrsg.): Kulturkampf in Europa im 19. Jahrhundert. Leipziger Univ.-Verl., Leipzig 2003.

[3] Der Kontext anderer Religionen und evangelischer Kirchen wird hier nicht berücksichtigt. In den evangelischen Kirchen Deutschlands wird etwa ein Drittel der „katholischen“ Verfehlungen vermutet.

[4] Zur Diskussion stehen nicht nur Priester, sondern bisweilen auch andere Männer in seelsorgerlichen oder pädagogischen Funktionen, etwa Ordensleute, die im Rahmen als Präfekten in Internaten arbeiteten.

[5] Helmut Waldmann, Männerbünde, in: V. Drehsen, H. Häring, K.-J. Kuschel, H. Siemers (Hgg.), Wörterbuch des Christentums, Gütersloh/Zürich 1988, 763f. Natürlich hätte sich die Untersuchung auch an Hand von anderen Leitkategorien durchführen lassen. Vgl. dazu Ad Krijnen, Kennen binnen coördinaten. Een kennissociologische studie over de clericale elite in de rooms-katholieke kerk, Helmon 1987.

[6] Weitere Literatur: Helmut Blazek, Männerbünde. Eine Geschichte von Faszination und Macht, Berlin 1999; Ulrike Brunotte, Zwischen Eros und Krieg. Männerbund und Ritual in der Moderne, Berlin 2004; Jürgen Reulecke, „Ich möchte einer werden, so wie die …“ Männerbünde im 20. Jahrhundert, Frankfurt/NewYork 2001.

[7] Stanley F. Horn: Invisible empire. The story of the Ku Klux Klan, 1866–1871. Houghton Mifflin Co., Boston 1939.

[8] John Dickie: Omertà. Die ganze Geschichte der Mafia. Camorra, Cosa Nostra, ’Ndrangheta, Frankfurt 2013.

[9] Maria Ossowka, Das ritterliche Ethos und seine Spielarten, Frankfurt 2007.

[10] Eugen Drewermann, Kleriker: Psychogramm eines Ideals, Olten 71990.

[11] Migne, Patrologia Latina 187, 884f; Sabrina Meckel-Pfannkuche, Die Rechtsstellung der Kleriker in der Rechtsordnung der lateinischen Kirche: rechtsgeschichtliche Entwicklung, theologische Begründung und rechtliche Kontur, Paderborn 2018.

[12] „Niemand, weder ein Priester noch ein Diakon, darf auf absolute [‚losgelöste‘] Weise ordiniert werden. Falls ihm nicht – in der Stadt, auf dem Land, an einem Märtyrerort oder in einem Kloster – eindeutig eine örtliche Gemeinde zugewiesen ist, dann ist gemäß Beschluss des hochheiligen Konzils seine Handauflegung [=Ordination] null und nichtig“ (Migne, Patrologia Graeca 104, 558).

[13] E. Schillebeeckx, Kerkelijk ambt. Voorgangers in de gemeente van Jesus Christus, Bloemendaal 1980, 63.

[14] Schillebeeckx, 61.

[15] Hans Joas, Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung Berlin 2017.

[16] E. Schillebeeckx, Kerkelijk ambt. Voorgangers in de gemeente van Jezus Christus, Bloemendaal 1980, ders. Pleidooi voor mensen in de kerk. Christelijke identiteit en ambten in de kerk, Baarn 1985.

[17] Jan Assmann, Die Zauberflöte. Oper und Mysterium, Frankfurt 2008.

[18] https://freimaurer-wiki.de/index.php/Traktat:_Winkelmass_und_Zirkel

[19] Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996.

[20] Die Kritik an der römisch-katholischen Prunkentfaltung reicht bis in die Reformationszeit zurück: Hubert Wolf, Krypta. Unterdrückte Traditionen in der Kirchengeschichte, München 2015, 9-14.

[21] Decretum Gratiani, Prima Pars, dist. 40, c. 6,3: „(Papa) a nemine est iudicandus, nisi deprehendatur a fide devius.“

[22] Gemeint ist die „Satisfaktionstheorie“, die Anselm in seinem Buch Cur Deus homo entwickelt hat.

[23] Uwe Olligschläger, Epiktet und seelische Gesundheit, Berlin 2009.

[24] Zu den folgenden Ausführungen s. die einschlägige Literatur von Michel Foucault und Georges Duby. Von M. Foucault siehe die drei Bände seiner Histoire de la Sacualité:  La volonté du savoir, Paris1967, L’usage des plaisiers, Paris 1984 und Les souci de soi, Paris 1984. Von G. Duby siehe: Le chevalier, la Femme et le Prêtre, Paris 1981, Dames du XIIe siècle, Paris 1995 und Le temps des cathédrales, Paris 1967.

[25] Georges Duby, Frauen im 12. Jahrhundert, Bd III Die Sünden der Frauen, Frankfurt 1999, 425.