Orientierungsloser Orientierungstext. Ein Zwischenruf zum Synodalen Weg

Wem gehört diese Kirche?
Ist es die Kirche der Kardinäle und Bischöfe?
Nein, sie gehört uns Menschen!
Und es wird Zeit, dass wir sie in Besitz nehmen!
(Maria Mesrian und Lisa Kötter, in: Entmachtet diese Kirche, 2022)

Die Initiatoren des Synodalen Wegs (SW) haben sich viel vorgenommen. Voller Mut steckten sie die Hoffnungen so hoch, wie tief in Deutschland die römisch-katholische Kirche gesunken ist. Das Projekt soll der katholischen Kirche eine neue Zukunft eröffnen, indem es die Fragen aufarbeitet, die sich aus den Missbrauchsskandalen ergeben.

Im Dezember 2019 begann die offizielle Arbeit, nach zwei Jahren sollte sie vollendet sein. Doch die Pandemie verzögerte den Fortgang. Das hat die Arbeit nicht erleichtert und den Eindruck des Stillstands verstärkt, denn noch immer folgt eine Schreckensmeldung nach der anderen. Jedes Gutachten, jeder spektakuläre, angebotene oder vollzogene Rück- und Austritt, jedes bischöfliche Fehlverhalten, jeder dramatische Hilferuf und jeder Suizid löst neue Schockwellen aus. Dabei sprach Kardinal Marx im vergangenen April noch leichtfüßig von „Rezepten“, die einen Ausweg bringen sollen. Diese Wortwahl zeigt, dass man immer noch in Kategorien von verzeihlichem Fehlverhalten denkt. Wann endlich werden die Verbrechen ernstgenommen und die Reformschritte konkret?

In Teil I dieses Beitrags gehe ich auf die gravierenden Mängel des SW, insbesondere seines Orientierungstextes ein und schlage in Teil II ein Gesprächsprofil vor, das mir sachgemäßer erscheint. Wer gerne ergebnisorientiert liest oder in die Diskussionen des SW weniger eingeweiht ist, kann sich auf Teil II konzentrieren.

I. Konfliktscheu, harmoniesüchhtig und machtorientiert

Halbierte Synodalität
Schon das Schicksal der Würzburger Synode (1971-1975) hätte eine Warnung sein müssen. Auch damals ließ sich die Situation nicht mit gut gemeinten Texten und Beschlussvorlagen sanieren. Rom blieb schlicht stur und eine loyale Bischofsriege saß am längeren Hebel; dieses Verhaltensmuster hat sich kaum geändert. Von 2011-2015 erlebten wir einen „Gesprächsprozess“. Er geriet ebenfalls zum Fiasko, denn die hoch engagierten Frauen und Männer wurden missachtet, die Zusammenkünfte zu Quasselbuden deklassiert. Wenigstens jetzt, beim dritten nachkonziliaren Anlauf, hätte man ein widerstandsfähiges, rechtlich abgesichertes Konzept erarbeiten und einfordern müssen. Allmählich wächst die Furcht, dass sich die Geburtsfehler des Beginns nicht mehr ausgleichen lassen, denn neben Kardinal Woelki, Bischof Voderholzer und ihren Kampfgenossen haben sich weltweit Widerstände formiert. Neuerdings soll sich Papst Franziskus, von tendenziösen Berichten beeinflusst, die böse Bemerkung geleistet haben, man brauche „keine zweite Evangelische Kirche“, ganz als ob wir noch seine reaktionäre Kurie bräuchten. So wird immer unklarer, wie man die selbstgesteckten Ziele erreichen will und welche Mittel dafür einzusetzen sind. Sind die vorgesehenen ehrgeizig genug oder zu wenig durchdacht?

Das Problem beginnt mit dem hochgesteckten, geradezu poetisch klingenden Titel „Synodaler Weg“. Er soll wohl den Eindruck vermitteln, auf dem Weg stelle sich die Lösung von selbst ein, man müsse nur intensiv miteinander reden. Das ist eine Täuschung. In Wirklichkeit machte man um den kirchenrechtlich eingehegten Begriff der „Synode“ einen Umweg und prompt haben sich vatikanische Allergien, deutsche Intrigen und päpstliche Warnungen darauf eingeschossen. Rom kann und darf eben mit laikal gefassten Beschlüssen nichts anfangen. So leben die Worte „Synode“ oder „synodal“ (mit den Attributen partizipativ, transparent und demokratisch) nur in halbierter, kaum lebensfähiger Form weiter, denn die Geschäftsordnung des SW gesteht den Bischöfen in allem eine Sperrminorität zu, ohne dass sie ihr Nein begründen müssten. Schon jetzt reden sich die purpurnen Häupter auffallend oft auf mögliche Blockaden durch Rom oder die Gesamtkirche heraus, das sind aber keine überzeugenden Argumente.

Gewiss, viele Erneuerungswillige verstanden dieses laikale Zugeständnis als einen großzügigen Vertrauensvorschuss und als Erweis kirchlicher Gesinnung, auf die ein wohlgesonnener Episkopat doch großmütig antworten müsse. Dieser Großmut ist aber fehl am Platz, denn die Bischöfe haben nicht freundlich auf gute Beziehungen zu reagieren, sondern dogmatische Vorgaben durchzusetzen, und bekanntlich gelten diese als unverrückbar. Dennoch lässt man sich von der Illusion leiten, die Probleme ließen sich mit einigen strukturellen und ermahnenden Regelungen bewältigen, auch wenn man sie mit dem Modewort „systemisch“ charakterisiert. Sie würden schon nicht ans wirklich Eingemachte gehen. Das aber kann kaum funktionieren. Der Kirchenjurist Norbert Lüdecke (Die Täuschung, Darmstadt 2021) hat mit seiner massiven Kritik an den Absprachen recht und wird von seinem Kollegen Bernhard Anuth mit unterkühlten Statements unterstützt: Rom ist zu keinerlei rechtlichen, gar dogmatischen Zugeständnissen bereit. An diesem Punkt halbiert auch Papst Franziskus die gepriesene Synodalität, wenn er 2023 auf der Bischofssynode das Kirchenvolk zwar hören will, ihm aber Beschlussrechte verweigert. Es wird zwar gehört, hat aber nichts zu sagen.

Ein harmoniesüchtiger und machtstützender Text
Andererseits entdeckte man später, welch existenzbedrohender Ernst auf dem SW lastet. Da reicht keine schnelle Eingreiftruppe, die der mehrköpfigen Hydra über Nacht und für immer die Köpfe abschlägt, ohne dass neue nachwachsen. Also schob das Präsidium einen „Orientierungstext“ voran (vgl. https://www.synodalerweg.de/dokumente-reden-und-beitraege#c6472). Allerdings entspricht er kaum den gebotenen Anforderungen. Das möchte ich im Folgenden begründen.

Innerhalb kurzer Zeit entstand dieser Text, der von Beteiligten in höchsten Tönen als made in Germany gelobt wurde. Struktur und Gesamtduktus des Dokuments sind allerdings nicht neu. Sie gehören zur Grundausstattung eines jeden katholisch-theologischen Grundkurses und erinnern stark an das Papier der vatikanisch-internationalen Theologenkommission „Theologie heute: Perspektiven, Prinzipien und Kriterien“ (2012). Damit ist er vor offizieller Kritik abgesichert, doch genau das ist sein Problem. Man kann wohl kaum gegen einen Missstand angehen, der die Kirche geradezu zerreißt, indem man die bekannten formalen Konsensprinzipien einfach wiederholt und zugleich die internen Brüche verschweigt, von denen die real existierende Kirche nahezu zverrissen wird. Schließlich hat dieses Kriteriensystem ohne Ecken und Kanten auch früher die zu bekämpfenden Grundübel nicht verhindert, sondern eher gefördert.

Auffällig ist auch, dass der Orientierungstext die vier Themenfelder der installierten „Foren“ nur als gegebenes Faktum benennt. Faktisch reagieren diese nur auf weithin quantitative Studienergebnisse und spiegeln allenfalls die sparsamen Hinweise auf ein klerikalistisches Kirchenbild wider. In die Diskussion aufgenommen wurden die kirchlichen Machtstrukturen (Klerikalismus), die priesterliche Lebensform (Pflichtzölibat) und eine vorgestrige Sexualmoral. Das alles klingt nach ersten Notmaßnahmen, nach keiner Fundamentalsanierung, die auch an die theologischen Wurzeln geht. Er bemüht sich nicht darum, den „retrospektiv-deskriptiven“ und den „epidemiologischen“ Ansatz der MHG-Studie (Sexueller Missbrauch an Minderjährigen, A.1) theologisch zu erweitern. Zu einer theologisch reflektierten Auswahl und Kohärenzanalyse der vier Kernthemen gibt es keine Hinweise. Keine innere Systematik lässt auf eine grenzerweiternde Suche schließen; nicht einmal einige Tiefensonden werden in den Boden getrieben, die wenigstens vorläufig geklärt hätten, wie alles zusammenhängt. Wie zufällig die Wahl der ungleichen Themenfelder ausfiel, zeigt sich auch in der Tatsache, dass die kirchliche Nichtrolle der Frau erst nachträglich hinzukam.

Gewiss, gegenüber den vielfältigen und „wilden“ Oberflächenanalysen der vorhergehenden und weiter wuchernden Diskussionen verspricht der vorliegende Orientierungstext (Fassung vom Februar 2022) einen beruhigenden und ordnenden Zusammenhang. Allerdings lässt er von der inneren Skandaldramatik nichts erkennen und seine beschwichtigende Tendenz wird durch die Tatsache verstärkt, dass die hoch engagierte, von Empathie, Leidenschaft und Reformwillen geprägte Präambel abgetrennt wurde. Stattdessen präsentiert er – weit weg vom aktuellen Pulverdampf ‑ eine auf Harmonie bedachte Kriterienliste der altehrwürdigen katholischen Theologie mit ihren normativ gedachten Auskunftsinstanzen von Schrift, Tradition, Glaubenssinn, Theologie und authentischem Lehramt. Kann dieser autoritäre Ansatz weiterhelfen? Höchstens erzreaktionäre Gestalten könnten sich von ihm distanzieren, weil er ihnen nicht autoritär genug ist. Faktisch legitimiert er die Amtspraxis der Kirchenleitungen sowie die Praxis lehramtlicher Unterwerfung.

Konfliktvermeigung
So dient dieser Ansatz einer vorschnellen Beruhigung, die von den Problemen eher ablenkt und der Verdrängung hilft. In der Tat kommt das Dokument wiederholt zu inhaltsleeren Verhältnisbestimmungen, die ein gut geöltes Räderwerk suggerieren. So heißt es nahezu sinnfrei: „In der Tradition erschließt sich der Sinn der Schrift, in der Schrift der Sinn der Tradition. Deshalb gilt es, die Heilige Schrift im Licht der Tradition und die Tradition im Licht der Heiligen Schrift zu lesen und zu deuten.“ (15) Damit kommen wir jedoch keinen Schritt weiter. Wie soll ich denn den Abendmahlsbericht im Sinne der Transsubstantiationslehre erschließen oder den Bericht von der Feigheit des Petrus bei Jesu Verhaftung im Lichte des päpstlichen Unfehlbarkeitsdogmas, die Schonung der Missbrauchstäter im Lichte des Jesusworts vom Mühlstein oder das Wort von der Gleichheit zwischen Mann und Frau im Lichte des Verbots, Frauen zu ordinieren? In diesen Fällen dürfte kein sinnübergreifendes Einverständnis, sondern ein unlösbnarer Widerspruch zum Tragen kommen.

Später heißt es, die Tradition (welche denn?) sei „untrennbar mit dem Glaubenssinn des Volkes Gottes … verbunden“ und im Glaubenssinn des Gottesvolkes kämen Schrift und Tradition zur Geltung. „Der Glaubenssinn seinerseits schreibt die Tradition der Kirche in jeder Gegenwart fort, indem er am Zeugnis der Heiligen Schrift Maß nimmt und die Zeichen der Zeit deutet.“ (34) Welche Zeichen denn? Harmoniesüchtiger und konfliktvergessener geht es nicht. In Wirklichkeit verhielten sich diese Erkenntnisorte doch nie konfliktfrei zueinander. Im Gegenteil, nur aus ihrer Reibung und dem handfesten Streit ergab sich Erneuerung.

Zudem werden neuere Entwicklungen schmerzlich vermisst. Man denke an eine zeitgemäße, an konkreten Interessen und Sprachformen interessierte Hermeneutik, Linguistik und Rhetorik, an die prinzipielle Deutungsoffenheit und innere Analogie religiöser Texte oder an die allseits fällige Dekonstruktion vielschichtiger Texte, nachdem der kirchlichen Sprachwelt ohnehin ihr mythisch-geheimnisvoller Glanz genommen ist. Aktuell wären zudem die Macht und die Definitionskompetenz der Agierenden zu verhandeln, die sich allzu gerne (und je nach Bedarf) auf Schrift, Tradition, Glaubenssinn und das Lehramt berufen, sie gelegentlich wie Steinbrüche behandeln. Wer achtet kritisch auf störende Kontexte und veraltete Standardinterpretationen, auf das notwendige Abschälen überholter Formen und Formeln von einem neu gewachsenen Kern und auf die Möglichkeiten einer neuen Sprachwelt, die die säkulare Welt ewndlich ernst nimmt? Dagegen gibt der Orientierungstext nach kirchenoffiziellem Vorbild mal wieder Forderungen als Tatsache aus, obwohl sie ständig verletzt werden. Pontifikales Reden hat schon immer so funktioniert. Bis in die Abgründe des Missbrauchs hinein verstand man es, auf diesem Weg die lästige Wirklichkeit wenigstens auf ein erträgliches Maß hin abzublenden.

Romantisches Erbe
Diese Diskussionen erinnern mich an die erfrischende Kampfschrift von Ernst Käsemann, Der Ruf der Freiheit (1968). Sie warnte davor, mit feinen Harmonisierungen der uneinholbaren Dynamik der jesuanischen Botschaft den Stachel zu nehmen; Hans Küng hat dies in Christ sein in großem Stil versucht. Der Orientierungstext verliert kein Wort darüber, dass Jesu Reich-Gottes-Botschaft (in Gleichnissen und Bergpredigt formuliert) auch alle Kirchenbegeisterung durchkreuzt. Sie nimmt nämlich der Kirche das Recht, sich mit ihren Amts- und Sakramentstheorien geradezu blasphemisch an Jesu Stelle zu setzen (in persona Christi zu handeln), sich also gottähnliche Relevanz anzumaßen. Solche Grenzziehungen wären das Mindeste, das man in einem krisenorientierten Grundlagentext hätte thematisieren müssen.

Stattdessen setzt sich diese Harmonieillusion in den Verhältnisbestimmungen zwischen Theologie, hierarchischem Lehramt und den anderen Instanzen  fort: „Der Glaubenssinn nährt sich aus den Quellen der Schrift und der Tradition; er deutet die Zeichen der Zeit und ist bereit auf das Lehramt zu hören. Das Lehramt wiederum setzt den Glaubenssinn des Gottesvolkes voraus und inspiriert ihn. Die Theologie fördert ihn durch Analyse und kritische Reflexion.“ (47) Eine Insel der Seligen wird hier projiziert, als ob nicht (etwa zwischen 1978 und 2013) gerade das römische Lehramt das Handeln und Ansehen von kirchlich engagierten Personen geradezu in Dauerkriege verwickelt und schließlich vernichtet hätte. Warum? Weil sie sich nicht dem Gusto von höchsten vatikanischen Behörden oder einflussreichen Bischöfen beugten, die sich entgegen solch hehren Behauptungen um den Glaubenssinn des Gottesvolkes herzlich wenig scherten. Hat das nichts mit der aktuellen Kirchenkrise zu tun?

Krisen-Desorientierung
So wird verständlich, warum dieser Orientierungstext gegenüber der aktuellen Krise geradezu stumm bleiben muss. Wissenschaftstheoretisch formuliert: Er geht ideologiekritischen Fragen konsequent aus dem Weg. Kontextuelle Zusammenhänge werden zwar erwähnt, aber nicht durchgearbeitet. Diese ideologiefreie und obrigkeitsfreundliche Hermeneutik ist im Grunde ein Kind der Romantik. Sie reicht bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts hinein (wird z.B. im Namen der katholischen Tübinger Schule von W. Kasper und gleichgesinnten Kollegen propagiert) und rechtfertigt alle offiziellen kirchlichen Entwicklungen, weil sie so sind, wie sie sind. Die Kirche wird als „fortlebender Christus“ [sic!] und als untrügliche Trägerin des Geistes begriffen. Lange konnte man sich noch auf F. Schleiermacher, in begrenztem Maße auch auf H.-G. Gadamer berufen. Doch seit 50, wenn nicht gar 80 Jahren haben sich ernüchternde Diskurse hinzugesellt, auch das katholische Selbstbewusstsein von unten her umgemodelt. Ich nenne die historische Bibelkritik, die keinen obrigkeitsfreundlichen Stein auf dem andern ließ, die entsprechende Sprach- und Mythenkritik, den wachsenden Einfluss von Sprachwissenschaften, die anarchische Logik des Erzählens und der Symbole sowie die emanzipatorischen Theologien, die feministisch/gendertheoretisch und/oder politisch, befreiungstheologisch, weltethisch, kontextuell und kulturell orientiert sind. Eine öffentliche Geltung können theologische Überlegungen nur noch erreichen, wenn sie sich solchen Ansätzen stellen.

Ein Blick auf diese Entwicklungen zeigt: Der Orientierungstext verstummt vor der Gegenwart, weil er in der Illusion gefangen ist, er könne und müsse ein abstraktes Konzept, eine Art theologischen Algorithmus entwickeln, aus dem sich dann zwingende Folgerungen für alle anstehenden Fragen errechnen und ableiten lassen. Diese Illusion verfälscht die vielfältigen, dynamischen, spirituell inspirierenden, von Leidenschaft erfüllten, bisweilen mystischen und poetischen, oft auch einseitigen und engstirnigen, immer wieder überraschenden Texte, Gewohnheiten und Lebensstile, die unsere Kirchen prägen. Er versteckt sie hinter illusionären Kollektivbegriffen, um sie dann inhaltsfrei und möglichst global als Wirkung des Geistes zu feiern. Doch in Wirklichkeit gibt es im Weltverstehen kein objektives Wahrheitssystem und keine apriorische Berufung auf den Heiligen Geist, keine universale Messlatte, die die aktuellen Probleme aufgreifen könnte. Dieses System bliebe ein Herrschaftsinstrument, das sich vom Lehramt erneut für seine Zwecke instrumentalisieren lässt.

II. Den Krisen nicht aus dem Weg gehen – Konfliktfähiges Gesprächsprofil

Deshalb müsste eine aktuelle Situationsanalyse zumindest den Kriterienkatalog umkehren, also mit einer (vorläufigen) Gegenwartsanalyse der anstehenden Krise beginnen. Dabei würde sich sofort zeigen: Die aktuelle (weltweite) Lawine von Skandalen bringt den Stand der Kleriker (der die Bischöfe einschließt) nicht deshalb in eine prekäre Situation, weil sie unethisch handeln, sondern weil man ihnen eine religiöse Würde und Unberührbarkeit zuspricht, die ihnen nicht zusteht. Sie sind Opfer (und oft Täter) einer falschen Theologie. Diese falsche Theologie ist vielfach mit dem traditionellen Menschen-, Kirchen- und Gottesbild verkoppelt. Dies zeigen gleich mehrere Faktoren, die sich in der aktuellen Unheilsgeschichte verknoten. Ein neuer Orientierungstext könnte etwa diesen Hypothesen folgen:

(1) Kleriker sind ebenso wenig gegen Missbrauchsverbrechen gefeit wie andere Menschen, obwohl ihnen eine besondere Amtsgnade zugesagt ist; diese Selbstversicherung ist widerlegt.

(2) Kraft ihrer sakramentalen Vollmachten kommt ihnen über die (prinzipiell sündigen) Menschen, also über die Seelen der „Gläubigen“ eine überragende Macht zu, die in säkularen Gesellschaften Ihresgleichen sucht. Diese theologisch ausführlich legitimierte Macht begünstigt auf körperlicher und geistiger Ebene eine übergriffige Haltung gegenüber allen Menschen, die sich ihnen anvertraut bzw. unterworfen wissen. Die Zusammenhänge sind umfassend und überzeugend analysiert. Dennoch wurden ihnen keine wirksamen Sicherungsmechanismen entgegengesetzt. Diese zur Schau getragene empathiefreie Selbstsicherheit hat zu einem Glaubwürdigkeitsdebakel der Institution Kirche geführt, über das man sich jetzt nicht in Selbstmitleid ergehen sollte.

(3) Über Jahrzehnte hin haben Bischöfe und übergeordnete Behörden die pastoralen Missbrauchsverbrecher bewusst und allgemeinverbindlich geschützt, die Geschädigten hingegen gnadenlos ihren persönlichen Katastrophen überlassen. Verbrecher konnten ihre Straftaten ungehindert fortsetzen. Diese konsequente Verweigerung von Sanktionen kann als ein Verbrechen zweiter Ordnung gelten, das den Zynismus der elementaren Verbrechen qualitativ übersteigt.

(4) Das einvernehmliche, zum skandalösen Standard gewordene Verhalten der bischöflichen (und römischen) Instanzen zeigt: Offensichtlich und unstreitig wird die sakramentale Würde von priesterlich-seelsorglichem Handeln der geschändeten Würde betroffener Menschen übergeordnet. Was taugt ein solches Sakrament? Die Entstehung des Priestertums und seine theologische Legitimation stehen ebenso zur Diskussion wie das Konzept von Heiligkeit, das sich in dieser Rolle verbirgt.

(5) Inzwischen hat sich gezeigt: Die aufgedeckten sexuellen Missbrauchsverbrechen stehen stellvertretend für zahllose andere, körperliche, sexuell oder sadistisch konnotierte, aber auch für geistige, oft langfristig angelegte Übergriffe, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Pfarreien, Orden, Säkulargemeinschaften, Internaten und Klöstern demütigen. Dabei spielt das Schicksal zahlloser Ordensfrauen in allen Ländern eine herausragende Rolle. Offensichtlich ist der Respekt von Menschen prinzipiell zerstört (vgl. M. Pflaum, Für eine trauma-existentiale Theologie, 22021). Der Grund für diese kriminelle Grundhaltung muss im kirchlichen Menschenbild begründet sein.

(6) Die augustinische Erbsündentheorie bündelt die zynischen Überzeugungen in einen toxischen Knoten. In ihm verbinden sich menschliche Sündigkeit, göttliche Übermacht, eine wuchernde Opfer- und Sühnetheologie, Frauenverachtung sowie eine klerikale Theologie der Heilsvermittlung, die zu einer unvergleichlichen „Pastoralmacht“ (M. Foucault) führen. (https://www.hjhaering.de/die-haeresie-von-der-heiligen-macht-wie-sich-die-katholische-kirche-neu-erfinden-muss/; vgl. Th. Großbölting, Die schuldigen Hirten, 2022). Ihre dogmatische Auflösung vorzubereiten, wäre Aufgabe eines orientierenden Grundtextes gewesen.

(7) Obwohl die Missbrauchsberichte spätestens vor zwanzig Jahren in die Öffentlichkeit drangen, die deutschen Missstände seit 2010 öffentlich bekannt sind und kirchenamtlich besprochen werden, verhindern wirksame Widerstände noch immer eine konsequente Aufarbeitung und den glaubwürdigen Versuch, den massiv Geschädigten möglichst gerecht zu werden. Betroffene, die auf Genugtuung hoffen, sind erneut traumatisiert. Dieser Zustand ist als Verbrechen dritter Ordnung zu werten.

(8) Die Summe und die Hartnäckigkeit dieser Skandale lassen auf eine fehlgeleitete religiöse, theologische motivierte Grundhaltung der Kirchenleitungen schließen. Unter die Lupe zu nehmen sind deshalb nicht nur das unethische Verhalten der Täter, sondern vor allem ihre häretische Auffassung von Kirche, menschlicher Existenz, Heiligkeit und Heil. Sie halten unsere Kirchenleitungen gefangen, weil diese von ihrer klerikalen Amtsideologie keinen Abstand nehmen. Solange niemand den Mut hat, die überproportionierten dogmatischen Lehrgrundlagen auf den Prüfstand zu stellen, werden wir auch weiterhin von diesen Albträumen verfolgt.

(9) Hinzu kommt in der offiziellen römisch-katholischen Kirchenlehre die geradezu peinliche Abwesenheit evangelischer Theologie, die sich auf dem SW spiegelt. Zwar wird die freundschaftliche Nähe zu den evangelischen Kirchen permanent gepriesen, doch von einer inhaltlichen Annäherung ist nur wenig zu spüren. Dies gilt für Grundfragen zu Schrift, kirchlicher Sakramentalität, Heiligkeit und kirchlichem Amt. Gegenüber dem Wort werden Sakrament und Sakramentalität erneut überbetont, geradezu mystifiziert, das katholische Amtsverständnis erneut als Alleinstellungsmerkmal begriffen und die Beantwortung von Lehrfragen nach wie vor an das authentische Lehramt gebunden. Ungewollt tappt der Orientierungstext erneut in die Falle des doppelten Lehramts, (ohne es so zu nennen), ausdrücklich werden Lehramt und Theologie aufeinander bezogen (11). Erklärt wird sogar, die Deutung der Bibel sei „nicht zuletzt Sache des Lehramts“, obwohl es die Freiheit der theologischen Forschung zu respektieren habe (27). Diese Aussagen sind nicht ausgegoren und ich vermute, dass man bei evangelischen Überlegungen vieles hätte lernen können.

Selbstverständnis und Handeln der Bischöfe stehen im Zentrum der aktuellen Krise. Sie haben in massiver Weise einen Autoritätsverlust verschärft, der sich durch hierarchisches Reformversagen schon seit Jahrzehnten angebahnt hat. Deshalb ist nicht zu verstehen, dass ausgerechnet unsere Bischöfe als Wahrer ihrer eigenen Privilegien und Interessen die Beschlüsse des SW blockieren können. Im Gegenteil wäre es angemessen, wenn sie bei den anstehenden Fragen ihre Abstimmungsrechte überhaupt ruhen ließen, denn keinem Angeklagten steht es zu, einen Urteilsspruch über sich selbst mitzugestalten oder gar zu verhindern. Im Übrigen wäre es an der Zeit, mit jedem theoretischen und praktischen Absolutismus zu brechen. Der Autor dieser Zeilen lässt sich gerne eines Besseren belehren, sofern überzeugend theologisch und nichtin erster Linie lehramtlich argumentiert wird.

Der Beitrag wurde am 19.06.2022 redaktionell überarbeitet.

Letzte Änderung: 20. Juni 2022