Die Häresie von der heiligen Macht. Wie sich die katholische Kirche neu erfinden muss

Am 1. April 2022 verbreitete Wir sind Kirche folgende Eilmeldung: „Wie wir aus speziellen Quellen erfuhren, hat Kardinal Reinhard Marx, München-Freising, sich soeben entschlossen, seinem Ruf als Reformbischof durch deutliche Taten gerecht zu werden. Angesichts der personellen Engpässe will er die Potentiale all seiner pastoralen Mitarbeiter*innen zugunsten der Gemeinden nun nutzen. Es ist ab sofort allen in der Pastoral Mitarbeitenden erlaubt, zu taufen, Eheschließungen zu assistieren, in Eucharistiefeiern zu predigen, zu beerdigen und in besonderen Fällen, die Krankensalbung zu erteilen. Um eventuell notwendige kirchenrechtliche Änderungen wird er sich dann nachträglich in Rom bemühen.“ Es war ein Aprilscherz mit doppelt entlarvender Wirkung. Zum einen wurde genannt, was selbst gemäß strenger kirchlicher Dogmatik möglich wäre. Zum andern verschwieg selbst Wir sind Kirche die noch entscheidenderen Mängel, dass nämlich zahllose ordinierte Priester unter uns leben, denen aus Gründen der Prüderie und Misogynie die Ausübung ihres Amtes verboten ist und dass zahllose kompetente Frauen unter uns leben, die in dieses Amt berufen werden könnten.

Doch unsere Bischöfe lassen die Gemeinden lieber vor die Hunde gehen und degradieren die noch amtierenden Seelsorger lieber zu Sakramentsautomaten, zu mysteriösen Magiern, als dass sie in ihren Bistümern noch retten was zu retten ist. Sie importieren lieber afrikanische und indische Priester, die kaum ein Seelsorgegespräch führen können, als die gut ausgebildeten Männer und Frauen des eigenen Landes diesen Dienst tun zu lassen. Wie blind sind diese Herren, dass sie die ihnen anbefohlenen Gemeinden sehenden Auges in die Katastrophe schicken? Dieses selbstmörderische Verhalten ist schlicht unbegreiflich und nur noch als pathologisches Phänomen zu analysieren. Die Implosion der römisch-katholischen Kirche ist in vollem Gange. Bischof Overbeck erklärte vor einigen Wochen: „Wir stehen mit der Katholischen Kirche nicht nur am Abgrund, sondern sind bereits weit in den Abgrund geraten.“ (BENE, im März 2022)

Gliederung

1. Implosion der Kirche?
    1.1 Akkumulation von Krisen
1.2 Unfähigkeit zur Reform
1.3 Suche nach „Rezepten“
1.4 Die sündige Menschheit
2. Macht – kirchliche DNA
    2.1 Verselbständigte Macht
2.2 Geheiligte Macht
2.3 Die Erfindung des Sündenbocks
2.4 Das unheilige Dreieck
3. Toxisches Menschenbild
    3.1 Ein jüdisch-christlicher Streit
3.2 Verachtung des Leibes
3.3 Erfindung der Erbsünde
3.4 Kollektive Traumatisierung
4. Holzwege und Auswege
    4.1 Aufklärung und Spiritualität
4.2 Überzeugung und Diplomatie
4.3 Exodus und Neubeginn

1. Implosion der Kirche?

Was wir aktuell erleben ist ja ein verwirrendes Doppelschauspiel, einerseits das laute Spektakel der Sexual- und Vertuschungsskandale, sowie einer unsäglichen Sturheit der Hierarchie, die bis in die höchsten Ränge hinein noch immer nichts begriffen hat, andererseits der unspektakuläre Exodus von Tausenden enttäuschter Frauen und Männern, die außerhalb dieser Institution ihre Wege suchen. Ihnen reicht es. Warum? Weil die Summe der Einzelskandale inzwischen ihr Vorstellungsvermögen übersteigt und sie sich nicht einmal diese Skandale erklären können.

1.1  Akkumulation von Krisen

Die Sexualskandale sind allgegenwärtig, nicht nur im dekadenten Westen, sondern auch im strenggläubigen Süden, nicht nur im säkularisierten Westeuropa, sondern auch im religiös gesättigten Lateinamerika, in Afrika und den hochkonservativen östlichen Ländern zu finden. Wir entdeckten sie in Klosterschulen und kirchlichen Internaten, auf Jugendlagern und in Meditationsräumen, in Sakristeien, Beichtstühlen und Sakristeien, Klöstern und Pfarrhäusern, bischöflichen Villen und erzbischöflichen Seminaren. Opfer dieser Skandale wurden Kinder und Jugendliche männlichen und weiblichen Geschlechts, Erwachsene, zu hetero- oder homosexuellen Beziehungen genötigt, bisweilen kurzfristig und vorübergehend, sehr oft aber in verbrecherischen Beziehungen, die über Jahre dauerten.

Um sie herum lagerten sich verwandte Skandale an. Es gibt nicht nur den brutal sexuellen, sondern auch den spirituellen Missbrauch, der den körperlichen Missbrauch erst ermöglichte. Mehr noch, es gibt eine Kultur dieser Übergriffigkeit, die eine lange, lange Tradition hat. Es gibt – zumal in Frauenklöstern – oft schleichende Übergänge vom Seelsorgegespräch zu einer übergriffigen Beichtpraxis und es gibt Berichte über skandalöse Beziehungen zwischen Frauenklöstern und den Studienhäusern von jungen Theologen, die die Qualifikation eines „Bordells“ erlauben. Ich beziehe mich jedenfalls auf eine Dokumentation, die im TV wiederholt gezeigt werden konnte.

Man könnte die Variationen des Grauens weiterführen. Ich weiß von afrikanischen Priestern, die wegen ihrer Homosexualität Suizid begingen und von anderen, die noch nach Jahrzehnten schwer traumatisiert sind, weil sie sich homosexuellen Mitbrüdern verweigerten und ausgerechnet von diesen wegen ihrer Homosexualität gedemütigt werden. Dieses Phänomen des homosexuellen Selbsthasses in kurialen Kreisen ist ja anschaulich beschrieben. Es sind nicht die Einzelfälle, die mich ratlos machen, obwohl auch sie furchtbar sind. Noch verwirrender ist die Allgegenwart einer Korruption, einer allseits vergifteten Beziehungskultur, zu der nach meiner Erfahrung auch eine konstitutionelle Unaufrichtigkeit, die oft egozentrische Fixierung auf die eigene Lebenssituation gehören, Folge einer Sondererziehung und eines vermeintlichen Sonderstandes, den man diesen Herren vom Beginn ihrer Seminaristen- oder Seminarzeit an eingebläut hat.

Zum Symbolträger dieser unsäglichen Perversionen wurde für mich der mexikanische Priester Marcial Maciel Degollado (1920-2008), Ordensgründer der höchst erfolgreichen Kongregation Legionäre Christi und Gründer der Laienbewegung Regnum Christi, Papstverehrer und im Vatikan gern gesehener, weil spendenfreudiger Gast, dreimal aus Seminaren entlassen, später Plagiator eines Buches, morphinabhängig, deshalb auf hohen Finanzerwerb bedacht. Erzeuger von mehreren Kindern (ungenannte Zahl), Schänder von mindestens 60 Kindern und Jugendlichen, auch von Seminaristen, darunter zweier eigener Söhne, Lebensgefährte von mindestens zwei Frauen; von einer ließ er sich auch bei Rombesuchen ungeniert begleiten. Schon diese Lebensführung ist skandalös. Noch skandalöser ist die Tatsache, dass er den Anschein eines vorbildlichen Ordensgründers über viele Jahre durchhalten konnte. Die ersten Vorwürfe wurden schon 1943 nach Rom gemeldet. Unter Kardinal Ratzinger wurden zwei formelle Untersuchungen ergebnislos niedergeschlagen, – eine hierarchische Beißhemmung, die sich bis heute durchhält. Wie viele interne Gefühle der Solidarität und Empathie müssen da am Werk sein? Wie sehen denn die Biographien der nachsichtigen Verhandlungsführer aus? Warum hat bislang noch kein einziger Bischof über seine eigene Geschichte, vielleicht auch Nähe zu solchen Untaten gesprochen? Ich werfe keinem etwas vor, doch sie können mir nicht weismachen, dass sie selbst von solchen Neigungen nie affiziert waren oder solches bei ihren Freunden vermuten mussten. Diese Frage muss gestellt werden.

Die Akkumulation der Skandale deutet auf deren unterschwellige Allgegenwart in Neigungen, Phantasieren und Annäherungen hin; mancher Seminarschüler könnte auch darüber einmal berichten.

1.2  Mangelnde Reformen – Unfähigkeit oder mangelnde Bereitschaft?

Vor diesem Hintergrund verwundert mich auch nicht ein weiterer Skandal: Auch nach 10 Jahren heftigster Debatten, Vorwürfe, Zugeständnisse, offizieller Reporte und herzerweichender Zusagen wurden noch immer keine wirklichen Durchbrüche erzielt. Ich möchte die genannte Alternative nicht entscheiden, psychologisch ist ihr das Problem vermutlich vorgelagert. Aber es kann doch nicht sein, dass sich Geschädigte und schwer Traumatisierte in schöner Regelmäßigkeit über die Erfolglosigkeit neuer Bemühungen und über ihre Retraumatisierung erneut beklagen müssen.

Allerdings verstehe ich, dass keine Erneuerung möglich ist, solange man noch im Nebel der Diagnosen stochert. In anderem Zusammenhang bin ich auf insgesamt 9 Ansätze gestoßen, die die aktuelle Selbstfesselung erklären könnten. Ich nenne nur die Stichworte: (1) klerikale Selbstdarstellung, (2) kirchliche Zweiklassengesellschaft, (3) die Gruppendynamik eines Männerbundes, (4) die Konfessionalisierung des Katholizismus, (5) der absolutistische Herrschaftsanspruch Roms, (6) ein unterschwellig wirksamer Antimodernismus, (7) eine mythisch überzeitliche Einheitsidee, (8) ein durch Leitungs- und Opfervollmacht geheiligtes Amt sowie (9) eine Gottes- und Christuslehre, die durch Hoheit und Macht geprägt sind.

Wer wirksam für Abhilfe schaffen will, muss in diese verwirrende Vielfalt erst einmal Ordnung bringen, den inneren Zusammenhang dieser Phänomene klären und die entscheidenden Knoten aufspüren, die dieses krisen- und verbrechensanfällige System zusammenhalten, ohne für viele seine religiöse Faszination zu verlieren.

1.3  Suche nach „Rezepten“

Ich fürchte, dass unseren Bischöfen und entscheidungsbefugten Amtsträgern (vielleicht auch Amtsträgerinnen) überhaupt das notwendige Problembewusstsein fehlt. Sie meinen noch immer, sie könnten das Problem mit einigen bürokratischen Entscheidungen, verbunden mit moralischen Appellen lösen. Am 1. April stellte Kardinal Marx in Regensburg fest, seit dem Münchner Gutachten im Januar seien die Kirchenaustrittszahlen sprunghaft angestiegen, und er erklärte vielleicht zu Recht: „Fakt ist: Die Kirche muss sich ändern, wir sind in einer großen Umbruchsituation. Vor allem die Themen Sexualmoral und Macht in der Kirche sind hier wichtige Transformations-Punkte“. Nun ja, das ist eine Selbstverständlichkeit. Wie oberflächlich er aber weiterdenkt, zeigt eine weitere Bemerkung: „Das tut weh, wir haben noch keine Lösung – sind aber auf der Suche nach Rezepten[!], wie wir die Kirche langfristig attraktiver machen können.“

Wie bitte? Der Zauberkoch sucht immer noch nach „Rezepten“ und offensichtlich reicht es, die Kirche „langfristig attraktiver“ zu machen. Diese Äußerung zeigt erneut, dass es den Bischöfen noch immer nicht nach Erneuerung, einem Umdenken, einer inneren Buße zumute ist. Genau dies ist die nahezu zynische Haltung, die ich in der Selbstverteidigung von Joseph Ratzinger und im unsäglich überheblichen Interview von Georg Gänswein spüre (DIE ZEIT, 17.03.2022). Ihnen geht es um die Rettung ihres Ansehens. Ich spüre keine Empathie für die Geschädigten, keine Bußbereitschaft und kein Gespür dafür, dass ihre Kirche grundsätzlich aus der Spur geraten ist. Was ist also das Kernproblem?

1.4  Die sündige Menschheit

Hier wäre es an der Zeit für einige selbstkritische Worte. Auch ich stocherte lange im Nebel und betrieb Symptomanalyse. Gewiss, die Machtfrage hatte ich schon lange im Visier und ich kam zur Überzeugung, dass die Machtanalysen des Synodalen Wegs doch etwas harmlos sind. Dasselbe gilt für die Sakralisierung des Amtes ‑ ein Problem, das der Synodale Weg überhaupt nicht anpackt.

Einen Schritt weiter brachte mich das Buch von Michael Pflaum, einem ausgewiesenen Traumatherapeuten und katholischen Theologen: Für eine trauma-existentiale Theologie. Missbrauch und Kirche mit Traumatherapien betrachtet (BoD Norderstedt 22021). Sachkundig und allgemeinverständlich führt er in die Werkstatt, die Probleme und Heilungswege der Traumatherapie mit Missbrauchsgeschädigten ein. Therapeuten und hilfreich Agierenden hat er Wichtiges zu sagen. Doch noch wichtiger sind für mich die Folgerungen, die der Autor ganz allgemein für ein humanes Menschenbild zieht, denn faktisch hat das Buch auch eine allgemein theologische, geradezu dogmenkritische Bedeutung. Pflaum führt das gesamte Grundkonzept seines therapeutischen Umgangs mit schwer verletzten Menschen auf die einfache Kernfrage zurück: Setzen wirksame Hilfen zur menschlichen Gesundung ein positives oder ein negatives Menschenbild voraus? Trauen wir es einem Menschen zu, dass er positive Kräfte zur Heilung, Befreiung und Autonomie in sich trägt oder gehen wir grundsätzlich von seinem Versagen, also von der Botschaft eines schuldigen und versagenden Menschen (und einer destruktiven Gesellschaft) aus? Im zweiten Fall fixieren wir uns auf die Suche nach Mängeln, Fehlern und unentschuldbarer Verantwortung und bitten als erstes um Vergebung; der Gottesdienst beginnt mit „Meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld“. So werden die Traumatisierten (und wer von uns ist nicht traumatisiert?) in eine noch tiefere Traumatisierung geschickt; im Grunde dominiert die Suche nach Fehlern, die wie beim klassischen Beichtverlauf – bitte schön – zu korrigieren sind. Doch im ersten, dem positiv gepolten Fall werden wir schwere Lebensprobleme als Folge einer Verletzung betrachten, uns überhaupt eingestehen, dass wir verletzliche Menschen sind und – gegebenenfalls mit unendlich viel Geduld – die eigenen Kräfte und Lebensquellen aufspüren.

Die Analogie zum Menschenbild der westlichen Kirchen liegt auf der Hand. Augustinus ist es, der die absurde Theorie von einer Menschheitsschuld entwickelte, die schon vor unserer Geburt existiert, uns also schon vor dem Erwachen unseres Gewissens eingeholt hat (weshalb wir nach offizieller Lehre getauft werden müssen). Jede Heilung ist also von einem Misstrauen gegenüber den eigenen Heilungskräften und den Heilungskräften anderer geleitet. Für Augustinus sind wir „Nichts und Sünde“, ohne die Heilsmittel der Kirche dem ewigen Tod ausgeliefert.

In unserer Geschichte hat ein solches Menschenbild katastrophale Spuren hinterlassen, denn es konfrontiert die von Gott erwählten Heilsspender (z.B. die Priester) mit heilsunfähigen Menschen. Dies erfordert geradezu ein übergriffiges Verhalten, denn es geht darum, eine elementare Sündigkeit aufzudecken und auszurotten und – wie Ignatius von Loyola es will – bis in die feinsten Nuancen hinein auf der Jagd nach den bösen Geistern zu sein. Dabei müssen wir uns auf das Urteil „der Braut Christi, unserer heiligen Mutter, der Kirche“ verlassen, der sich auch die sündigen Amtsträger völlig zu übergeben haben.

Man könnte an der Aktualität dieser Theorie zweifeln, denn die meisten von uns, christlich engagierten Frauen und Männern, haben sich von dieser dunklen Anthropologie und ihrer schwarzen Pädagogik schon lange gelöst. Doch Vorsicht, gerade bei linientreuen Amtsträgern, die ihrem Heilsauftrag gerecht werden wollen, wirkt sie noch nach und – schlimmer noch – die ganze Sprach- und Symbolwelt unserer liturgischen Sprache ist noch von diesem Menschenbild bestimmt und in unserem Unterbewusstsein ist sie tief verankert. Bischöfliche Reden sind noch voll von Misstrauen gegenüber dem „Zeitgeist“ und einer säkularisierten „Welt“. In traditionell katholischen Ländern feiern autoritäre Machtsysteme neue Triumphe.

Vielen ist dieser innere, diffus agierende Widerspruch gar nicht bewusst, vielmehr reagieren sie mit dem, was sie „Glaubenszweifel“ nennen. Eine unbewusste Diskrepanz entsteht zwischen dem, was sie wirklich denken und dem, worin sie sich verankert fühlen. Es bedarf nur noch einiger Skandale, dann verlassen sie die Kirche und nebenbei: dieses Problem des naiven Menschenbildes belastet die evangelischen Kirchen ebenso; auch bei ihnen zeichnet sich ein Exodus ab.

Meine These lautet also: die klassische Erbsündenlehre, die uns noch präsenter ist, als wir wahrhaben wollen, bildet den Knoten der katastrophalen Skandale und der Unfähigkeit, sie entschlossen zu überwinden. Sie erzeugt Angst vor Autonomie und zuckt vor Idealen der Freiheit zusammen (Kierkegaard). Ich möchte dies am Beispiel der Macht und der Heiligkeit verdeutlichen.

2. Macht – kirchliche DNA

Die römisch-katholische Kirche ist eine machtförmige Institution. Sie könnten entgegnen: Jede Institution hat ihre Sphäre der Macht, lebt in ihr und könnte ohne sie nicht handeln. Doch die Macht der römisch-katholischen Kirche hat sich im Laufe der Jahrhunderte so sehr verselbständigt, dass dieses Medium zum konstitutiven Teil ihrer Botschaft geworden ist. Sie hat die Kennzeichen von Großstaaten bzw. Imperien übernommen, die ihre Einflüsse durch Zwang aufrechterhalten, ihre Aufgaben mit Gewalt durchsetzen, belohnen und bestrafen, nach Recht und Gesetz strikt vorgehen. Aus dem Mitmenschen Jesus wurde der Allherrscher (Pantokrator) Christus, aus der Gemeindeleitung der hoheitlich, mit Stab und Siegelring auftretende Bischof, aus der Begegnung mit dem liebenden Gott ein göttliches Gericht. Was hat es mit dieser Macht auf sich?

2.1. Verselbständigte Macht

In der Regel denken wird in den Kategorien der Soziologie, deren Machtdefinition auf Max Weber zurückgeht und als die Fähigkeit beschrieben wird, das Verhalten anderer Menschen oder Gruppen zu beeinflussen. Doch in elementaren Beziehungen sind diese Einflüsse meist so selbstverständlich, dass sie gar nicht als ausgesprochene Macht wahrgenommen werden, sondern als Kraft der Überzeugung, des gewinnenden Vorbilds, von Argument und Liebe oder als Ausdruck eines selbstverständlichen Respekts oder einer vorgegebenen Autorität. Paulus setzt eine solche Selbstverständlichkeit voraus, die sich von innen her ergibt. Ich denke an das 12. Kapitel des Korintherbriefs.

Ganz anders verhält es sich in den späteren Großkirchen, der römisch-katholischen Kirche zumal. In einer Unzahl von Beschlüssen wurde und wird nicht argumentiert, sondern Autorität in Anspruch genommen. Mehr noch, bestimmte Ämter sind von ihren Machtbefugnissen her geradezu definiert. „Vollmacht“ (plena postestas) ist einer der Standardbegriffe. Der Einfluss der Soziologie hat zudem für eine Formalisierung dieser verselbständigten Machterfahrung gesorgt und im Verlauf von nahezu zwei Jahrtausenden ein hochkomplexes Netz von Begründungen erfahren. Mit jeder Begründungsschicht wurde der Widerstand gegen die Akkumulation von Machtmotiven schwieriger.

Ich zähle die dafür entscheidenden Schlüsselepochen nur auf:

    • Im 4. Jahrhundert wird die Kirche zur Staatskirche, die Bischöfe übernehmen byzantinische Machtinsignien,
    • zur selben Zeit entsteht ein imperiales Gottes- und Christusbild; Christus wird zum Pantokrator,
    • im frühen Mittelalter begreift sie sich zentral als eine von Gott so gewollte Rechtsgestalt,
    • im mittelalterlichen Reichssystem ordnen sich die Bischöfe in den Adelsstand ein und übernehmen dessen männerbündische Regeln,
    • die Gregorianischen Reformen verrechtlichten auch die zentralen spirituellen Vorgänge, insbesondere die Sakramente,
    • in Reaktion auf die Reformation wurde dieser Prozess erfolgreich verstärkt, geradezu zum katholischen „marker“, d.h. zu einer wehrhaften Identität ausgebaut,
    • 1870 wird ein absolutistisches Strukturverständnis installiert und
    • das 2. Vatikanum ist im Abbau dieser Fehlentwicklung höchst ambivalent, also ineffektiv.

Ich bin davon überzeugt, dass die katholischen Bischöfe, auch wenn sie sich menschenfreundlich und offen geben, primär in diesen dogmatisierten Rechtsstrukturen denken (müssen), auch wenn sie – naiverweise – meinen, diese könnten durch spirituelle Impulse ins rechte Lot gerückt werden. Bischof Kohlgraf etwa erklärt das kirchliche Amt großzügig als ein „Beziehungsgeschehen“, zugleich verwehrt er den Frauen die Ordination.

Natürlich wird dadurch nicht jeder Bischof zum machtbesessenen Typen, aber die Türen zu einer solchen Entwicklung sind geöffnet. Denn wirksam bleibt ihre theologische Sozialisation, die kaum jemand selbstkritisch aufarbeitet, nicht zu vergessen die regelmäßige Selbstdarstellung mit Symbolen der Macht, die ihre Prägung hinterlassen (Purpur, Mitra, Stab, Ring gegebenenfalls Pallium). Oft sind sie sich ihrer Verflochtenheit in die dichten Netzwerke und Zusammenhänge der Macht gar nicht bewusst.

Für mich stellt sich zudem die grundsätzlichere Frage: Warum hat sich die katholische Kirche ausgerechnet auf diesem hochambivalenten Weg weiterentwickelt? Warum wurde ihr nicht irgendwann klar, dass sie langfristig damit auf einem Holzweg landet, der sich alles andere als christlich nennen lässt? Denn es ist nicht zu übersehen: einer der entscheidenden Begünstiger von Sexualverbrechen, Strafbehinderung spiritueller Übergriffigkeit und amtlichem Narzissmus sind die allgegenwärtigen Machtverhältnisse in der katholischen Kirche, die nicht nur allgegenwärtig sind, sondern auch als fragwürdige Problemlöser benutzt werden.

2.2  Geheiligte politische Macht

Dass sich die Macht der Institution Kirche als heilige Macht verstand, leuchtet ein. Als Religion hat das Christentum mit der Sphäre des Göttlichen zu tun. Doch auch Heiligkeit an sich ist ein formaler, inhaltsleerer Begriff. Er meint erhaben und unberührbar. Heilig ist das, was Furcht und Faszination zugleich ausübt (tremendum et fascinosum) und so zur Sphäre des Göttlichen gehört. Doch heilig können auch mächtige Bäume, aufblühende Pflanzen, Naturphänomene, Naturgewalten, die Sonne, machtvolle Tiere, der menschliche Atem oder die Kraft der Sexualität sein

Gewiss kennt auch das Christentum zahlreiche Erfahrungsorte des Heiligen: das Gebet, die Liturgie, die Stille, vielleicht die Einsamkeit, den Tempel als Kirchengebäude und das gemeinsame Mahl. Sie werden nicht aussterben und leben als geistliche Lebensquelle weiter, denn sie behalten etwas Anarchisches, je Individuelles, eine nicht fixierbare Urkraft.

Doch das reichte den neuen Zielen einer Staatskirche nicht. Deshalb mussten sie kontrolliert, in öffentliche Machtsysteme eingebunden, für etwas verfügbar Heiliges instrumentalisiert werden. So schließt sich die spätantike Kirche einer neuen hellenistischen Kollektiverfahrung an, die sich in der Pax Romana, dann im hellenistischen Imperium konstituierte. Sie garantierte großräumige Sicherheit, politische Stabilität, kollektiven Frieden; diese neuen Werte kulminierten seit dem 4. Jh. in Konstantinopel/Byzanz, dem zweiten, östlichen Rom.

Ich habe diesen Vorgang hier nicht zu beurteilen, denn die spätantike Kirche übernahm damit auch eine große kulturelle Verantwortung. Doch es lässt sich nicht leugnen, welche Potentiale der Versuchung in diesem Vorgang steckten. Die elementaren Erfahrungen der Heiligkeit wurden durch ein sakralisiertes Leitungsamt aufgesaugt. Man lese nur die Kriminalgeschichte des Christentums von Karlheinz Deschner. Seit dieser Zeit sind in den Alten Kirchen gesellschaftliche Macht und Heiligkeit verschwistert. Dass diese Geschwisterschaft zu brutalen Auswirkungen führen kann, sehen wir aktuell in der Figur des Moskauer Patriarchen, der sich noch immer als Repräsentant des Dritten (also endgültigen) Rom versteht und für dessen Interessen ganze Völker massakriert werden dürfen.

Die von byzantinischer Macht legitimierten Bischöfe, denen die Geschichte Jesu offensichtlich nicht genügte, legten sich die Heiligkeit staatlicher Macht zu. Diese Macht schuf institutionelle Klarheit, eine justiziable Lehre, Anteil am staatlichen Recht und öffentlicher Ordnung. Das zentrale Leitungsamt der römisch-katholischen Kirche nahm an dieser unberührbaren Sakralität von Anfang an teil und partizipiert daran bis zum heutigen Tag. Schon früh wurde der Titel des „Deus omnipotens“ – eines Gottes also, der „alles gemacht“ hat – zum Titel des „Allmächtigen“ umgeschrieben.

2.3  Die Erfindung des Sündenbocks

Doch eine zweite Qualität kommt hinzu, die die Kirche ebenfalls aus der spätantiken Öffentlichkeit entlehnt. Die Religionen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte korrodierten, die Stadttempel leerten sich, das Berufsbild des Priesters, der die offiziellen Opferdienste versah, wurde frei. Es war wohl ein langer, aber nur wenig erforschter Prozess, in dem sich die Presbyter dem Berufsbild der sacerdotes anglichen. Bald wurden sie Priester genannt, die das öffentliche Opfer jetzt in den christlichen Kirchen, insbesondere außerhalb der Stadtbezirke, also im Namen des Bischofs vollzogen. Martin Ebner hat die historischen Vorgänge eindrücklich dargestellt..

Diese Entwicklung lief mit einer theologischen Entwicklung Hand in Hand. Jesu Tod wurde als Sühneopfer begriffen. Gewiss, schon im jüdischen Testament ist diese Deutung grundgelegt, aber dort war sie nur eine Metapher neben anderen und diente eher der Unterscheidung als der Angleichung beider Welten. Jetzt wird das Opfer zur entscheidenden Analogie, zur Wirklichkeit von Heil und Erlösung, das in der Eucharistie (wie es in Trient später heißt) „unblutig wiederholt“ wird. Jesus wird zum Sündenbock. René Girard und Raimund Schwager haben diese Denkfigur eindrücklich analysiert und dabei gezeigt: Diese Entlastungsfigur („einer für alle“) transportiert nicht nur Sehnsüchte des Heils, sondern auch die Entlastung von Gewalttaten und sie macht Gewalt verfügbar. Man kann mit ihr umgehen. Der christliche Priester aber hat so nicht nur teil an der geheiligten Gewalt des öffentlichen Gemeinwesens, sondern auch an der heilend-jenseitigen Heilungskraft des Todes Jesu. Diese Verschränkung von Leitungsgewalt über ein Kollektiv und einer Versöhnungsmacht in Namen Christi verleiht den „geweihten“ (männlichen) Amtsträgern eine ungeheure Macht, weil sie doppelt abgesichert ist. Nicht nur äußerer Widerstand ist da untersagt, sondern auch jede innere Ablehnung wird tabuisiert. Wer seine Sündigkeit ablehnt, verurteilt sich selbst.

2.4  Das unheilige Dreieck

Doch diese Konstellation reicht nicht aus, um den gewaltigen Narzissmus des kirchlichen Amtes zu erklären. Schließlich könnte man im Gegenteil davon ausgehen, dass diese beiden Machtkonzeptionen einander in Schach halten. Die Hochschätzung von Heil und Versöhnung müsste doch dazu inspirieren, dass die sozial öffentliche Macht immer gehemmt, von innen her kontrolliert bleibt. Die Heilsfunktion der Kirchenleiter hätte die ungehemmte Machtausübung blockieren und sie hätten ihre Doppelfunktion als inneren Widerspruch erfahren müssen. Das ist ja auch ein Grundmotiv gegenwärtiger Hierarchenmacht,

Hier kommt meines Erachtens die Erbsündentheorie ins Spiel. Wer nämlich sind die „Objekte“, die Gegenpole dieser staatsheiligen und zugleich sündenerlösenden Macht? Das sind – seit Augustinus – eben keine selbstbestimmten Subjekte und keine beziehungsfähigen Partner mehr. Die Inhaber der strukturellen und der erlösenden Macht stehen Menschen gegenüber, die vor Gott macht- und rechtlos, prinzipiell schuldig, heilsbedürftig, in elementarer Weise aus dem Lot geraten sind. Im priesterlichen Handeln zeigt sich eine Macht, die qua Amt prinzipiell über den erbsündigen Menschen steht, ihnen vorgeordnet ist. Deshalb gehören sie zum Stand der Ordinierten, der Kleriker also, die sich von den Laien „dem Wesen nicht nur dem Grade nach“ unterscheiden müssen. Sie verfügen nicht nur über sakramentale Vollmachten, sondern auch über eine vom Amt gestützte Fähigkeit zur Leitung der Seelen.

In dieser Konstellation muss deshalb passieren, was immer passiert, wenn Macht auf absolute Machtlosigkeit, eine prinzipielle Verfehlung und Korrekturbedürftigkeit trifft. Gegenüber dem geborenen Sünder kann diese Macht (wenn sie im Sinne Gottes leiten und wenn sie heiligen will) nur korrigierend, sozusagen ein- und übergriffig eingreifen. Dieses sündige Menschenbild entwickelt sozusagen einen Sog auf diejenigen, denen die Heilsmittel anvertraut sind und die uns aus unserer „objektiv schweren defizitären Situation“ (Ratzinger, Dominus Iesus, Nr. 22) herausholen will. Es nützt einem aufgeklärten Menschen nichts, wenn er sich einfach auf seine Freiheit und Würde beruft. Aus der Perspektive des tiefgläubigen und kirchentreuen Heilers beweist er mit dieser Freiheitsbehauptung nur, dass er seine Sündigkeit noch nicht eingesehen hat. Exakt diese Situation des tiefsten Missverständnisses bestimmt die aktuelle Situation. Ein streng kirchengläubiger Hierarch muss diesem Freiheitsrausch kritisch gegenüberstehen. Das haben die Reformwilligen noch nicht hinreichend verstanden.

Es entsteht eine Atmosphäre, in der einer spirituellen Übergriffigkeit Tür und Tor geöffnet sind, und aus der sich – die sexuellen Überdrucksituationen eines Zölibatären eingerechnet – eine somatische Übergriffigkeit wie von selbst ergibt. Es ist diese unselige Konstellation, dieses unheilige Dreieck, in dem sich beste Absichten unversehens in eine Sargassosee wandeln, weil man in heiliger Absicht Sinnlichkeit und Leiblichkeit ignoriert, die jetzt ihre schlimmsten Blüten treiben, zu Streubomben unübersehbaren Ausmaßes werden.

3. Toxisches Menschenbild

Allerdings hat auch diese katastrophale Anthropologie der westlichen Staats- und Versorgungskirche ihre Wurzeln. Ich weiß, dass meine Analyse einigen Widerstand aufruft, aber sie muss diskutiert werden.

3.1  Ein jüdisch-christlicher Streit

Paulus stand in einer schwierigen Auseinandersetzung mit seiner eigenen jüdischen Vergangenheit. Er musste den Schwächen, vielleicht auch der egozentrischen Instrumentalisierung seiner eigenen Tradition auf die Spur kommen und thematisierte diesen Streit an Hand der Thora, die – als Gesetzeswerk – natürlich ihre Ambivalenzen hat. Er verankerte diese Ambivalenzerfahrung im heilsegoistischen Missbrauch der Thora. Gewiss, als letzte göttliche Weisung kann diese Thora nicht bestehen; sie kann und muss zur Gefahr für unsere Heilsbeziehung werden. Das weiß auch die jüdische Tradition, die selbst schon ihre Korrekturmechanismen entwickelt hat, man lese nur die Textsammlung der Propheten.

Aber Paulus agierte leidenschaftlich in einer Debatte über den „Fluch“ des Gesetzes; sie wurde nie zu Ende geführt. Diese Formel zog nicht nur eine antisemitische Geschichte nach sich, sondern im christlichen Raum auch eine Vergeistigung und heilsegoistische Verinnerlichung des Begriffs „Gerechtigkeit“, in der die Suche nach massiv menschlicher, materieller, sozialer Gerechtigkeit vernebelt wurde (so Ethel L. Behrendt). Das Christentum war keine Religion mehr, die sich leidenschaftlich für Gerechtigkeit einsetzte; eher schürte sie Heilangst vor der Verdammung und machte viele Heilkonzepte nur zu Fluchtversuchungen. Der nicht sehr menschenfreundliche Satz, dass die Sünde von Adam ausging und alle Menschen sündigten, war ab jetzt in der Welt.

3.2  Verachtung des Leibes

Die Spätantike war die große Epoche des Neuplatonismus, der streng zwischen Geist und Leib unterschied. Die Wahrheit konnte nur im reinen Geist, also ungetrübt von leiblichen Zutaten, geschaut werden. Die Stoa verurteilte jede innere Erregung. Die Seele musste ausgeruht bei sich sein. „Ataraxia“ (Unerschütterlichkeit) meint die Ruhe der spiegelglatten See, in der keinerlei Trieb, Verlangen oder Leidenschaft sein Unwesen treibt. Schon deshalb bedeutet jede sexuelle Tätigkeit eine Demütigung des Geistes. Schon früh gingen asketische Elemente der Leibverachtung in das christliche Menschenbild ein.

3.3  Manichäischer Dualismus

Der Manichäismus unterschied zwischen dem guten Geist und der bösen Materie. Augustinus widersprach ihm streng aus philosophischer Sicht, verfiel ihm umso widerstandloser im Rahmen seiner Selbsterfahrung. Er muss ein sinnlicher, sinnenfreudiger – positiv gesagt – ein höchst sensibler Mensch gewesen sein. Letztlich aber konnte er sich mit seiner Sexualität ebenso wenig versöhnen wie er seiner lebenslangen Gefährtin, der Mutter seines Sohnes nicht verzeihen konnte, dass sie eine liebenswerte Frau war; die Nabelschnur zu seiner eigenen Mutter hat er nie durchschnitten.

3.4  Der unheilvolle Knoten

Diese Verzerrung verknotete sich in der komplexen Theorie vom erbsündigen Menschenzustand, aus der uns nur die Kirche erretten konnte. Sie führte zu einer kollektiven Traumatisierung, die eine doppelte Verzweiflung stabilisierte. Zum einen bestätigte sie dieses faktische Elend als ausweglos. Zum zweiten schob sie uns für diese unverschuldete Situation auch noch die Schuld zu. Wir können neue Würde nur erlangen, indem wir unsere selbstverschuldete Würdelosigkeit bekennen. Wer aber hat sie verschuldet? Weder ich noch du, sondern Adam, wir alle also, sofern wir Evas und Adams Nachkommen sind. Das Erbsündendogma hat ein kollektives Trauma verursacht, das den Blick auf unsere wahre, unverschuldete Verletzung und Verletzlichkeit verstellt. Opfer dieses Traumas sind auch die hierarchischen Amtsträger, die kraft ihrer Amtsverpflichtung noch intensiver als „normale“ Christinnen und Christen in dieser Selbstverstrickung gefangen sind.

4. Holzwege und Auswege

Wer die Hoffnung auf eine Bekehrung dieser Kirche noch nicht aufgegeben hat, sinnt natürlich nach Auswegen. Ich habe den königlichen Ausweg noch nicht gefunden. Möchte aber in aller Kürze einige Auswege skizzieren.

4.1  Aufklärung und Spiritualität

Für intellektuell orientierte Menschen ist eine sachgemäße Aufklärung noch immer der königliche Weg einer jeden Reform, denn jede Erneuerung beginnt mit einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition. Aufklärung hat in den vergangenen 200 Jahren viel erreicht, man denke nur an ein historisch-kritisches Schriftverständnis und an viele dogmenhistorische Studien, die uns den Zugang zu neuen Wegen eröffneten. Bekannt sind auch viele soziologisch, psychologisch, sozial-, macht-, ideologie- und genderkritische Studien, die das Antlitz der Kirchen verändert haben.

Dennoch gibt es ein Problem: je fundamentaler und je archaischer die diskutierten Glaubensinhalte sind, umso zäher entziehen sich ihre Wurzeln unserem kritischen Bewusstsein. Schizophrenien stellen sich ein, vollzogenes Leben (Glaubensleben) und reflektiertes Wissen klaffen nach wie vor auseinander.

Bei meiner Erbsündenkritik stoße ich oft auf Gegenkritik, vielleicht zu Recht. Doch auch viele Kritiker des überholten Sündenbewusstseins, einer verkrampften Frömmigkeit und fürchterlichen Beichtpraxis spüren gar nicht, wie stark sie faktisch noch am überholten Schuld- und Sündenbockuniversum teilhaben. Sonntäglich beten sie noch die klassischen Liturgietexte mit, singen sie noch die alten Kirchenlieder, hören sie widerspruchsfrei die Rede vom Opfer- und Sühnetod Jesu. Als kritische Reaktion bleibt ihnen nur ein instinktives und diffuses Gefühl des Unbehagens. Sie erklären dann, dieser „Glaube“ sage ihnen nichts mehr. Sie beginnen, an ihren eigenen Glaubensüberzeugungen zu zweifeln, obwohl sie zu einem reiferen Sinn- und Selbstverständnis gekommen sind.

Andere entwickeln – unabhängig davon – ihre eigene Spiritualität und meinen, man müsse die alten Dogmen nur spirituell überhöhen. Auch Papst Franziskus gehört dazu, neben ihm auch manche und mancher der Befreiungstheologie. Doch Aufklärung erzeugt ihre Wirkung nur, wenn sie konsequent durchdacht und durchgehalten wird. Dabei hegt die katholische Kirche immer noch die Überzeugung, der christliche Glaube habe Wurzeln, die das Denken überschreiten. Das ist nicht der Fall, auch wenn das Denken irgendwann seine eigenen Grenzen, sein Geheimnis erfährt.

4.2. Überzeugung und Diplomatie

Ich persönlich habe größte Hochachtung vor allen Mitchristinnen und Mitchristen, die – oft nach langen und bitteren Enttäuschungen ‑ ihren internen Kampf um eine erneuerte Kirche nicht aufgegeben haben. Ich verkenne auch nicht, dass in Einzelfällen schon manche Erfolge erzielt wurden. Auch mit dem einen Bischof oder Generalvikar kann man besser umgehen als mit den anderen. Allerdings fürchte ich, dass die wirklich großen Strukturziele (Ordination von Frauen, Reform der Sexualmoral und des Eherechts, Aufhebung des Zölibats, schriftgemäße Erneuerung der Glaubensbotschaft) durch Überzeugungsarbeit und Diplomatie nicht zu erreichen sind. An diesem Punkt übersieht auch der Synodale Weg die wahren Schwierigkeiten. Sie kämpfen vergeblich um dogmatisch festgemauerte Überzeugungen. Die Schutzbehauptungen der Bischöfe sind bekannt, bestimmte Fragen berührten den gesamten Glauben der Kirche oder sie müssten von Rom entschieden werden. Schade, dass ein großer Teil der engagierten Gremien das Spiel mitspielt. Viele haben die Schere der Glaubenszensur im Kopf und sehen nicht, wie beschränkt der Horizont ihrer Diskussionspapiere ist.

4.3. Exodus und Neubeginn

Ich unterscheide dreifach: zwischen inhaltlichem, innerlichem und äußerem Exodus. Diese drei Stufen bilden heute den klassischen Exodusweg von Katholik/innen auch der katholischen Kirche.

Inhaltlicher Exodus: Er beginnt mit der Distanzierung oder der Kritik von bestimmten Inhalten, z.B. von Mariendogmen, der Transsubstantiationstheorie, der Heilswirkung der Sakramente, der Vorstellung von Himmel, Fegefeuer und Hölle.

Innerlicher Exodus: Er beginnt mit den Grundsatzfragen zu Sinn und Funktion, zum Gesamtanspruche der Kirche. Bei diesem Exodus können andere Kirchen als Alternativen erscheinen oder ebenfalls der inneren Distanzierung verfallen.
Faktisch ist der innerliche Exodus ein weitverbreitetes Phänomen. Möglicherweise wird er den Betroffenen nicht so bewusst, wenn sie sich in Kreisen von Gleichgesinnten befinden, die auch keine institutionellen Konsequenzen ziehen.

Äußerer Exodus: Der äußere Exodus zieht aus der Summe der Distanzierungen eine abschließende Konsequenz. Man verliert das Vertrauen in diese Institution und ihre Ansprüche von Wahrheit und Heil.

4.4  Zur Wertung des Exodus:

Ich bin davon überzeugt: Die fällige Erneuerung der Kirche kann noch nicht beginnen; denn die Implosion lässt sich nicht stoppen, solange die Gründe des Zerfalls nicht an ihren Wurzeln ausgemerzt werden: einem durch und durch negativen Menschenbild, das sich in der Erbsündentheorie mit einem menschenfeindlichen Heilskonzept verknotet hat. Ich sehe im Augenblick keine Chance, die entsprechende Korrektur von innen her voranzutreiben.

Für mich bleiben nur zwei Auswege: eine innere oder eine äußere Emigration. Das sind keine billigen Auswege, den beide verlangen innere Aufrichtigkeit, Wachheit und ein hohes Maß an Optimismus.

Die innere Emigration hat sich faktisch bei vielen schon vollzogen. Dieser Weg ist mir nicht unsympathisch, aber im Grunde verlässt er das weiterführende Gespräch. Oft führt er zu einer Haltung, die dann doch zu einem Verlassen der Kirche führt. Doch neben der faktischen gibt es auch eine bewusste, reflektierte, verantwortete innere Emigration. Formal hält sie die Treue zur Kirche, vielleicht weil noch zu viele Geistesverwandte in ihr verharren und Inseln eines menschenfreundlichen Christseins bilden. Oft entwickeln sie auch eigene Liturgien und Formen der Spiritualität.

Vielen bleibt nur die äußere Emigration die für mich nichts mit dem Aufgeben der jesuanischen Glaubensbotschaft zu tun hat. Es könnte ja sein, dass die Erneuerung des Christseins endlich die antik verfasste Form von Kirche hinter sich lässt. Zudem fällt mir auf, dass viele dieser Exodusleute durch ihren Schritt eine neue Freiheit und Gelassenheit gewonnen haben. Sie haben auch kein Problem, mit „Kirchentreuen“ zu kooperieren, solange diese das Herz auf dem rechten Fleck haben. Vielleicht kann dieser Exodus sogar zum Symbol, zum Paradigma einer erneuerten Glaubensgemeinschaft werden, die sich von den überholten Formen und Formeln einer Staats- und Volkskirche verabschieden.

Denn vergessen wir nicht: Die Lehre und die Praxis von der heiligen Führungs- und Heiligungsmacht ist eine Häresie und muss – um der Glaubwürdigkeit willen – als solche gebrandmarkt werden. Die Kirche muss sich neu erfinden, indem sie sich – gut jesuanisch – zu einem positiven Menschenbild bekennt, die Menschen also nicht als Sünder, sondern als Verletzliche und verletzte, dürstende Wüstenwandernde identifiziert, denen sie gerne auf ihrem Weg zu einem jetzt schon Himmlischen Jerusalem hilft.

Vortrag vom 23.04.2022

Letzte Änderung: 8. Juni 2022