Konstruktive Gemeindeleitung oder sakraler Opferdienst? Zur Sanierung einer pervertierten Amtspraxis

Es ist ein katholisches Sonderproblem und nach einer Debatte von Jahrzehnten sind die Fronten verhärteter denn je. Seit der Reformation stand unser Amtssystem nie massiver unter Kritik, doch unsere Bischöfe tun so, als hätte es Luther und Calvin nie gegeben. Dabei ist der Zugang von Frauen zu den kirchlichen Kernämtern nur die Spitze eines Eisbergs, an dem die öffentliche Glaubwürdigkeit der in Purpur gekleideten Herren schon längst zerschellt ist. Für die aktuellen Sexualskandale wird noch immer das Versagen Einzelner verantwortlich gemacht und man will sie als Folge der Aufklärung, der 1968er oder teuflischer Verführung verharmlosen. Woher kommt diese Verblendung und warum fällt es so schwer, diese klerikale Festung zu sprengen? Ich möchte hier einigen Gründen dafür nachgehen. Die Gesamtentwicklung von nahezu 2000 Jahren ist äußerst komplex und lässt sich hier nur vereinfachend zusammenfassen. Jede neue Entwicklung hat verzweigte Wurzeln und ruft oft Widersprüche hervor. Dennoch lassen sich klare Linien erkennen, die mehr von zeitgemäßen Vorstellungen als von der ursprünglichen Botschaft bestimmt sind.

Die Gemeinde konzelebriert nicht mehr

  1. Von Anfang an hat man über die Organisation von Gemeinden debattiert. Das ist verständlich, weil immer Nachfragen involviert sind. Für Paulus geen keine heiligen Vorgaben, sondern im reichen Angebot der Fähigkeiten („Charismen“ genannt) Fragen der Effizienz und des Gemeindefriedens den Ausschlag. Hinzu kommt: Die Gemeinden des 1./2. Jahrhunderts wollten jüdische oder andere Priestermodelle gerade nicht übernehmen. Der einzige und letzte Oberpriester war Christus und der Leitgedanke vom Gemeinsamen Priestertum sollte jede priesterliche Heilsvermittlung ad absurdum führen. Spätestens während der Reformation, also vor 500 Jahren, hätte die römisch-katholische Kirche das neu lernen können. Aus heutiger Sicht sind die späteren Entwicklungen zu einem Amtspriestertum als Verrat an dieser urchristlich prophetischen Gemeinschaftsidee zu bewerten.
  1. Je mehr sich ‑ bis hin zum 4. Jahrhundert ‑ die spätantike Kirchengemeinschaft konsolidiert und das Bischofsamt eine zentrale Stellung erhält, umso mehr drängen sich sakrale Amtsvorstellungen in den Vordergrund. Dabei spielen die Bewunderung für die byzantinisch-sakrale Hofkultur und die allseits präsenten Opferreligionen eine prägende Rolle. Aber lange Zeit galten die Erinnerungen an Opfer und Erlösung nur als hilfreiche Metaphern. Dass die Würde der Eucharistiefeier auf die Personen zurückstrahlte, die der Eucharistiefeier und anderen Gottesdiensten vorstanden, ist nur zu verständlich. Doch bis heute bleiben die offiziellen Amtsbezeichnungen „opfer- und priesterfrei“. Es geht um Diener/innen (diakonoi), Älteste (presbyteroi) und Aufseher/innen (episkopos). Auch der Begriff des/der Apostel/in (apostolos) enthält keine sakrale Assoziation. Dieser nicht-sakralen Vorstellungswelt folgen bis heute unbeirrt die Begriffe vom Stand (ordo) und der Eingliederung in diesen Stand (ordinatio). E. Schillebeeckx[1] weist zudem darauf hin, dass das entsprechende griechische Wort zwischen dem Wahlakt der Gemeinde durch Handerheben (cheirotonia) und der amtlichen Handauflegung (cheirothesia) schwankt. Bisweilen reicht die Wahl aus, bisweilen gibt es Kooperationsmodelle. Bis zum Zusammenbruch der spätantiken Reichsordnung behalten die Stadtgemeinden das Recht der Bischofswahl. Von Einsetzung ist nur selten die Rede, denn die Gemeinden feiern in eigener Vollmacht den Gottesdienst; eine alte römische Quelle spricht von „Konzelebration“. In diesem Sinn verbietet das Konzil von Chalzedon (451) auch jede „absolute“ Ordination; es muss also immer klar sein, für welchen Ort man Amtsträger bestimmt.

Heilige Funktionen statt effizienter Führung

  1. Mit der demokratiekritischen vermischt sich seit Beginn des 4. Jahrhunderts eine sakralisierende Tendenz. Unter byzantinischem Einfluss gehören beim Bischof (= Leiter der Stadtgemeinden) Macht und heilige Würde mit Machtinsignien zusammen. Dazu kommt eine zweite Triebkraft, die bei „einfachen“ Gemeindeleitern (etwa außerhalb der Städte) immer stärker wird. Diese „Presbyter“ sind von den bischöflichen Großaufgaben (amtliche Verkündigung, Beurteilung der Lehre, Sorge für disziplinäre Regelungen) weitgehend entlastet und die Feier des sonntäglichen Gottesdienstes wird zu ihrer Kernfunktion, zu einer heiligen Handlung aufgewertet. Wer an ihr teilnimmt, wird zum Heilsempfänger und die alten Metaphern von Heilopfer und Heilsvermittlung geraten zur unvermittelten Realität. Zudem müssen sich diese Presbyter, jetzt weitgehend auf sich gestellt, an vorgegebene Rollen anlehnen; sie entwickeln keine eigene Spiritualität. So geraten sie mit wechselnder Akzentsetzung in die Nähe der Mönche, der Asketen, alle aber in den Sog sexueller Tabus, die aus platonischer, stoischer oder augustinischer Leibfeindlichkeit ihre Kraft ziehen. Wenigstens in der Nacht, vor der ein Priester den Gottesdienst hielt, musste er enthaltsam sein. Wenn er öfter, gar täglich die Messe las, wurde das zum Problem. Deshalb ist der Pflichtzölibat schon längst vorbereitet, bevor er 1139 aus Gründen des Erbrechts amtlich verfügt und durchgesetzt wird. Jetzt dürfen und können die Priester nicht mehr heiraten.
  1. Der gewaltige Rollenwandel von der Gemeindeleitung zum Priestertum liegt auch im radikal veränderten Kirchenbild begründet, das beim hochkomplexen Übergang von der Spätantike zum Mittelalter entsteht. Die Kirche des Westens etabliert sich als selbständige und rechtlich straff organisierte Institution; sie kann Erlösung und Heil vermitteln oder vorenthalten. Die Sakramente (Eucharistie, Beichte und Ehe) werden zu strengen Mitteln kirchlicher „Seelsorge“ (cura animarum), die immer mehr in Intimbereiche eindringt. Das Heil wird sichtbar und verfügbar gemacht. Jetzt erscheint der Auferstandene im verklärten Leib (vgl. Matthias Grünewald), werden Brot und Wein real in Christi Fleisch und Blut verwandelt, wird Christus in der Monstranz gezeigt und das Opfer von Golgota unblutig wiederholt. Der Gemeindeleiter wandelt sich vollends zum Priester mit einer magischen Macht der Wandlung und Sündenvergebung und das christliche Leben der „Laien“ wird im 2. Jahrtausend vom priesterlich-sakramentalen Handeln beherrscht. Im 19. Jahrhundert bringt der Pfarrer von Ars diese geradezu abstruse Situation auf den Punkt: „Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? … Nach Gott ist der Priester alles!“ Es sind Worte, die Benedikt XVI. im Jahr 2009 noch zustimmend zitiert hat.

Klerikalismus und Frauenhass

  1. Die geistliche Verengung, in der das mittelalterliche und neuzeitliche Priesterbild endete, ist katastrophal. Warum hat ihr niemand Einhalt geboten und warum haben sich Kritiker nicht durchgesetzt? Ein Grund liegt sicher in den langen Zeiträumen, in denen sich diese Metamorphose geradezu unmerklich vollzog. Zudem erfuhr man die wachsende Sakralisierung als faszinierenden Fortschritt und viele Priester waren aus purem Idealismus dazu bereit, den unmenschlichen Preis einer weltfernen Selbstheiligung zu zahlen. Ihr Lohn war nicht unerheblich: Die Weihe verlieh ihnen ein „unauslöschliches Prägemal“ (Trienter Konzil), vor Gott waren sie den „Laien“ übergeordnet (Vaticanum 2) und ihre priesterliche Stellung verlieh ihnen eine geistliche Macht, der die passiven Heilsempfänger ausgeliefert waren. Immerhin handelten sie in der Person Christi (aktuelles Lehramt). Ein größeres Privileg ist nicht auszudenken.
  1. Hinzu kommt als übergeordneter, das System stabilisierende Faktor der Klerikalismus. Seine Kritik ist heute erlaubt, aber er wird als individuell moralische Fehlhaltung verharmlost. In Wirklichkeit verbindet sich im „Klerikalismus“ ein ganzes Netz von strukturellen Elementen. Diese haben nichts mit dem christlichen Glauben zu tun, sondern sind schon in anderen Männerbünden vorgegeben. Stichwortartig seien hier acht Elemente genannt, die einander perfekt ergänzen. Das klerikal katholische System baut auf einer [1] archaischen Kampfstruktur auf, erzwingt eine [2] elitäre Überordnung, fördert eine [3] sakralisierte Macht, bildet ein [4] esoterisches Herrschaftswissen aus, interpretiert die [5] Tradition zum eigenen Vorteil, kultiviert eine [6] ausgefeilte Selbstdarstellung, sichert sich ab durch ein [7] verabsolutiertes Recht und schafft Bastionen gegen den allgegenwärtigen [8] Störfaktor Sexualität. Jedes dieser Elemente bildet einen eigenen Kosmos, aber alle stehen in dynamischer Interaktion. Sobald eines der Elemente gelockert werden soll, verhindern die restlichen sieben einen Aufbruch. Deshalb lässt es sich kaum reformieren. Der römisch katholische Klerus ist so sehr das perfekte Ergebnis dieses Systems, dass es auch dessen unerträgliche Paradoxien produziert.
  1. Dabei spielt der Pflichtzölibat ein besonderes Problem. Andere Männerbünde versuchen, die allgegenwärtige und immer anarchische Sexualität durch strenge Kontrolle zu regeln. Der Zölibat regelt ihn durch Verzicht, denn gemäß platonischer, stoischer und augustinischer Tradition stört die Sexualität prinzipiell das Verhältnis zu Gott. Die Spannung zwischen Begehren und dessen Leugnung wird als Weg zur Heiligung verinnerlicht. Doch in Wirklichkeit entwickelt diese Moral eine toxische Qualität, dies könnte man historisch nachzeichnen: Seit den Gregorianischen Reformen wird eine ausgesprochene Frauenphobie, eine Kultur des Misstrauens, wenn nicht gar ein systematischer Frauenhass kultiviert[2]. Dies prägt den Klerikalismus bis heute, ist eines seiner integralen Elemente. Neben Frauenverachtung bewirkt er zugleich Mechanismen der Selbstzerstörung, die in einer Art Selbsthass an diesem Elend festhalten, denn diese Verachtung geht den zölibatären Männern buchstäblich an den Leib, an ihre erfahrbare Identität. Deshalb wäre die Aufhebung des Zölibats der erste Schritt zu einem humaneren System, denn dieser würde die tief eingewurzelten Blockaden gegenüber gemeindeleitenden Frauen (und Homosexuellen) auflösen.

Innovation von unten

  1. Deshalb sehe ich nur eine Möglichkeit der Erneuerung: Angesichts der zerbrechenden Seelsorge sollten reformorientierte Mitglieder unserer Gemeinden in wohlbedachtem Ungehorsam im Geiste Jesu eine humane Gegenwelt aufbauen, in der zwischen Immigranten und Einheimischen, Armen und Reichen, Männern und Frauen nicht mehr unterschieden wird (Gal 3, 28). In dieser Wirklichkeit könnte eine neue und legitime Form von Ordination unter der einen Bedingung entstehen: Nach sorgfältiger Abwägung wählen die Gemeinden Kandidatinnen und Kandidaten aus, die sie intellektuell, spirituell und sozial für kompetent halten. Nach möglicher Rücksprache mit Schwestergemeinden wird den Gewählten das Amt in aller Form in einem religiösen Rahmen übertragen. Ihre Beauftragung durch die Gemeinde ist auf ihre einvernehmliche und konsensorientierte Führung gerichtet. Selbstverständlich gehört dazu auch der Vorsitz bei den Gottesdiensten.                                     (22.05.2019)

Anmerkungen

[1] E. Schillebeeckx, Christliche Identität und kirchliches Amt, Düsseldorf 1985.

[2] Eindrücklich schildert dies Georges Duby, Frauen im 12. Jahrhundert, Frankfurt 1999.

[Erschienen in der Zeitung von Wir sind Kirche Österreich, Zeitung Nr, 102 (Juni 2019), S. 13f.] Einzusehen über: http://www.wir-sind-kirche.at/zeitung/ausgabe-nr-102-juni-2019-vermisst-zuletzt-vor -jahrhunderten-kirchlichen-aemtern-gesehen

Letzte Änderung: 1. Juli 2019