50 Jahre II. Vatikanisches KonzilErgebnisse – Blockaden – Visionen

Das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) gilt noch immer als der wichtigste Bezugspunkt der Reformbemühungen in der römisch-katholischen Kirche. Was hat dieses Konzil gewollt, was hat es erreicht und wie ist es ihm ergangen?

Für noch lebende katholische Christinnen und Christen, jung oder alt, gilt das II. Vatikanische Konzil als das Großereignis der römisch-katholischen Kirche schlechthin seit dem Konzil von Trient (1545 und 1563). Als wichtig gilt vielleicht noch das I. Vatikanische Konzil (1869/70). Doch wegen der politischen Wirren und des Verlusts des Kirchenstaats wurde es vorzeitig abgebrochen. Nicht nur die Kirche, sondern auch die ganze westliche Welt sah sich am Beginn einer neuen Epoche. 1945 standen wir vor dem Trümmerhaufen nationaler Machtpolitik, 1958 ging das Pontifikat Pius’ XII. zu Ende. Dann wiesen die Zeichen auf Zukunft. Es war Johannes XXIII., der die Herausforderung erkannte und – für viele unerwartet und auf Grund einer Eingebung, wie er sagte – kurz nach seinem Amtsbeginn im Jahr 1959 das II. Vatikanische Konzil einberief. Nach intensiven, z. T. überstürzten Vorbereitungen dauerte es von 1962-1965. Um seine Bedeutung und um die Verwirklichung seiner Impulse wird noch bis heute gestritten. Man kann sogar sagen: Es polarisiert die römisch-katholische Kirche noch heute. Nach 50 Jahren lohnt es sich deshalb, sich mit ihm auseinander zu setzen. Von Anfang an war es ein Konzil im Widerstreit, und man kann sich heute darüber streiten, ob wir die Diskussionen von damals nur fortsetzen oder ob es um neue Ziele geht, die wir erst während des Konzils erkannten. In jedem Fall gab es von Anfang an Anlass zu Auseinandersetzungen, Missverständnissen und unerwarteten Ereignissen.

I.  Konzil im Widerstreit

1.1 Mediales Großereignis – Angst vor der Welt

Unerwartet war schon das enorme Echo, das diese internationale Großveranstaltung von Anfang an hervorrief. Fernsehen (schwarz-weiß) gab es in Deutschland seit den fünfziger Jahren. 1953 wurde das erste Großereignis weltweit ausgestrahlt (Krönung von Elisabeth II.). Inzwischen gab es in vielen Wohnungen Fernsehapparate. Für die Kirche bedeutete das eine ungeheure Chance: Sie konnte sich als Weltorganisation mit über 2500 Bischöfen aus allen Kontinenten präsentieren. Der Einzug der „Konzilsväter“ beeindruckte die Zuschauer. Was konnten sie für den christlichen Glauben, für die Weltpolitik erreichen?

Zu gleicher Zeit war John F. Kennedy (1961-1963 Präsident der USA) der große Hoffnungsträger am Beginn eines hoffnungsvollen Jahrhunderts; ihm trat Johannes XXIII. mit seinem Charisma zur Seite. Aber diese Hoffnung war von Ängsten begleitet: 1962 erschütterte die Kubakrise die westliche Welt, eine Konfrontation der beiden Großmächte, die zu einem atomaren Weltkrieg hätte führen können. Der Kommunismus (genauer: der Stalinismus der damaligen Sowjetunion) wurde als die große Bedrohung des Westens gefürchtet und gehasst. Ganze Rosenkranz-Olympiaden wurden gegen ihn gestartet. Viele sahen die katholische Kirche als die geborene Bekämpferin und Besiegerin dieses teuflischen Systems.

Was also erwartete man vom Konzil? Dass sich viele dieser politischen Hoffnungen nicht erfüllen konnten, war jedem von Anfang an klar.

1.2 „Sprung nach vorn“ – billige Anpassung?

Ebenso unklar war vielen, was Johannes XXIII. genau wollte. Seine ersten programmatischen Ankündigungen waren zwar optimistisch, aber vage, oft mehr an die eigene Kirche als an die Welt und innerhalb der Kirche oft mehr an die Kurie als an die Gläubigen gerichtet. Wer aber sollte das durchschauen? Zur Konzilseröffnung verlangte er keine neuen Dogmen oder disziplinarischen Maßnahmen, sondern ganz allgemein einen bolzo avanti, einen Sprung nach vorn. Was wollte er damit sagen? Viele Herren der Kurie (allen voran der Präfekt der obersten Glaubensbehörde, Kardinal Ottaviani) sahen all den Aufwand überhaupt nicht ein. Die Lehre der Kirche sei eindeutig, nur noch einige Fragen zu Mariologie seien zu regeln. Sein Misstrauen wuchs, je mehr der päpstliche Aufruf zum Aggiornamento zum großen Schlagwort wurde. Was als Aktualisierung im besten Wortsein gemeint war, wurde bald als leichtfertige Anpassung diskriminiert. Es ist ein Verdacht, der bis heute noch nicht ausgeräumt ist. Immerhin, es war im Westen ein Jahrzehnt des wachsenden Wohlstands. Neben dem gütigen Gesicht des neuen Papstes prägten Marilyn Monroe und andere Stars, wenn nicht gar „Sexbomben“ (wie man sie damals nannte) die Medien. Die Welt war ein verdorbenes Pflaster. Bis heute hat sich das Weltverhältnis der katholischen Kirche nicht normalisiert. War daran das Konzil schuld oder war es nur zu schwach, um diese Ängste auszuräumen, vielleicht kreativ zu verarbeiten?

  1.3 Weltsolidarität – Verfall der Wahrheit?

Eine der nachhaltigsten, bis heute wirksamsten, aber damals recht schwachen Pflänzchen unter den vorkonziliaren und konziliaren Utopien war der Gedanke einer armen Kirche, genauer: einer Kirche, die auf Seiten der Armen und Entrechteten steht. Nur wenige haben diese Armut weltpolitisch gedacht. Man reagierte eher sozialpolitisch, vielleicht im Sinne einer gut bürgerlichen Gerechtigkeit. Aber schon damals weckten diese Äußerungen Misstrauen. Das kleine Buch von Yves Congar Für eine arme und dienende Kirche galt als Lektüre für charismatische Franziskaner. Bischöfe und Theologen waren von einem antimodernistischen, geradezu jenseitsbesessenen, am jenseitigen Heil orientierten Ideal getragen. Den bevorstehenden Paradigmenwechsel hatte man noch nicht begriffen. Umso erstaunlicher war es, dass das Konzil später die Konstitution über Die Welt der Kirche von heute (Gaudium et Spes) verabschieden konnte. Ihre Anfangssätze haben bis heute Leitcharakter für eine Haltung, die noch nicht eingelöst ist:

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute,
besonders der Armen und Bedrängten aller Art,
sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.
Und es gibt nichts Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. (GS 1)

Trotz dieses Impulses ist die Haltung Roms etwa gegenüber der Befreiungstheologie noch immer mehr als fragwürdig. Verfall der Wahrheit? Offensichtlich herrscht noch keine Klarheit über die Frage, was denn nun Wahrheit ist.

1.4 Problemabbau – Chaos ohne Orientierung?

Vielleicht sind die Gründe für die hartnäckige, untergründig schwelende und bisweilen offen ausbrechende Polarisierung viel einfacher zu verstehen. Möglicherweise war das Konzil schlicht überfordert oder man hat es nicht verstanden, die Probleme offen zu besprechen. Viele westeuropäische Theologen hatten die anstehenden Herausforderungen schon offen angesprochen. Ich nenne nur die wichtigsten:

Die katholische Kirche lebt(e) immer noch in einer anti-reformatorischen Grundstimmung. Die Bestimmungen und Lehrdefinitionen des Konzils von Trient wurden kaum kritisiert, relativiert oder von der damaligen Stimmung her verstanden. Es galt, kurz gesagt, eine antireformatorische Phase von 450-500 Jahren so zu überwinden, dass eine Annäherung an die Kirchen der Reformation wieder möglich wurde. Diese Aufgabe war hervorragend gelungen, aber waren Bischöfe und Theologen dazu schon reif? Sind wir fähig, wenigstens 2017 Luthers Thesenanschlag von 500 Jahren zuvor mit neuer Rede und selbstkritischer Einsicht zu begegnen? Manch einer der Konzilsteilnehmer wäre wohl konsterniert, wenn er die aktuelle Situation ertragen müsste.

Die katholische Kirche lebt(e) immer noch in einer antimodernistischen Stimmung. Wohlgemerkt: Antimodernismus ist kein Schimpfwort, sondern eine selbstgewählte Bezeichnung der römischen Theologie. Vor gut 150 Jahren kam die antimodernistische Stimmung auf. 1864 wurden die Irrtümer der Moderne offiziell aufgelistet (man spricht vom Syllabus errorum) und ca. 100 Jahre lang hat die Theologie in diesem Sinne gedacht.

Diese rigide Lehrpolitik wurde seit 1870, der Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit, von einem wachsenden innerkirchlichen Zentralismus und Autoritarismus unterstützt. Es bestand ein breiter Konsens darüber, dass diese Fehlform im Sinne kirchlicher Geschwisterlichkeit und Kollegialität zu überwinden sei.

Klarsichtigen Beobachtern war schon damals klar, dass diese vielschichtige Erneuerungsaktivität zu Problemen führt. Man kann ein Wasser nicht 90 Jahre, 150 oder gar 450 Jahre aufstauen und sich dann wundern, wenn ein Dammbruch zu Überschwemmungen führt. Aber über eine behutsame Verwirklichung dieser Aktivitäten hat niemand nachgedacht. Im Gegenteil, bis heute beherrscht die Verunsicherung von Kircheneliten die Diskussion. „Verwirrung der Gläubigen“ gilt noch immer als Standardargument, wenn man gegen Neuerungen vorgehen will.

Bis heute ist dieses Problem noch nicht gelöst. Diese Standardangst lässt sich kaum besser illustrieren als mit der berühmt gewordenen Predigt, die Joseph Ratzinger als Kardinaldekan am 18. April 2005, dem Vorabend des Konklaves hielt, das ihn zum Papst gewählt hat. Mit beredeten Worten warnte er vor der „Diktatur des Relativismus“, die uns alle Orientierung nehme und das Schiff der Kirche hilflos im Sturm schwanken lasse. Diese – im Grund unchristliche – Grundstimmung wirkt heute zwar stärker denn je, im Grunde wird die Kirche seit den Konzilstagen von ihr beherrscht und konservative Kirchenführer haben sie nach Kräften zur Verhinderung von Reformen geschürt, die ihnen nicht gefielen.

1.5 Wahrheitsproblem – Verzicht auf Monopol?

An einem Punkt möchte ich auch die konservativen Kräfte der katholischen Kirche verteidigen. Die Umwälzungen der Neuzeit, insbesondere der Moderne sind gewaltig. Viele Optimisten oder solche, die Glauben mit Naivität verwechseln, sind sich des Ausmaßes der Veränderungen kaum bewusst. Mit ihrer „kirchlichen“ Lehre haben sich die Kirchen gegen empirisches Denken abgeschottet (man denke an Galilei oder Darwin). Deshalb leben viele auch heute noch mit den Naturwissenschaften auf Kriegsfuß, allenfalls mit vorsichtiger Distanz. Warum gibt es keine Begeisterung für Wissenschaften, die mit ungeheurer Sorgfalt der inneren Struktur von Welt und Wirklichkeit nachgehen? Zu noch mehr Schwierigkeiten führen die Auseinandersetzungen mit einem geschichtlichen Denken; denn geschichtliches Denken kann gefährlich sein. Es unterläuft vieles, was uns auch innerkirchlich selbstverständlich ist, etwa die Entstehung der Kirchenstrukturen, die Wahrheitsansprüche des Papsttums, die Bedeutung von Dogmen oder die Gewaltgeschichte in der kirchlichen Vergangenheit.

Das Hauptproblem besteht darin, dass im Laufe der Jahrhunderte den Kirchen Stück um Stücke ein Lehrmonopol entrissen wurde. Je mehr sich also ein Konzil auf die Welt einlässt, umso stärker wird es in eine Gesprächssituation gezwungen, in der sich nicht mehr Lehrende und Hörende, sondern wahrheitssuchende Menschen mit verschiedenen Kompetenzen gegenüberstehen. Es mag dafür theoretische Lösungen geben, lebenspraktisch liegt noch vieles im Argen.

1.6 „Schwarze Woche“ (September 1964)

Ich spreche von diesen Spannungen, weil sie sehr konkret den Konzilsalltag bestimmten und weil sie bis heute noch nicht überwunden sind. Sie haben die Sitzungen, die Verlautbarungen und die Spannung des Konzils selbst bestimmt. Nachdem man sich auf der ersten Sitzungsperiode (1962) schiedlich friedlich zusammengefunden hatte, formierten sich die Parteien. Zunächst standen sich – grob gesprochen – Kurie und die Bischöfe der Welt gegenüber; die Kurie war von Misstrauen geplagt. Später weitete sich die Opposition auch unter den Konzilsteilnehmern aus. Sie bildete eine kleine Minderheit und agierte gegen die Mehrheit nicht immer mit edel korrekten Mittel (O. H. Pesch und H. Küng wissen darüber zu berichten). Dabei war zu spüren, wie sehr sich theologisch-kirchliche und gesellschaftspolitische Interessen berührten. Theologische Wahrheit und Kirchenpolitik, Kirchenpolitik und Staatspolitik haben sich überschnitten. Zum Symbol für die vielfachen Grabenkämpfe, Intrigen und unfairen Blockaden wurde die sogenannte „Schwarze Woche“ (oder der „Septembersturm“) während der dritten Sitzungsperiode im September 1964.

Unerwartet greifen Papst und Kurie ein; verschleiernd wird von einer „höheren Autorität“ gesprochen. Eingriffe in das Dokument zur Ökumene und in die geplante Erklärung über dieden Juden werden verfügt; aus politischen Gründen soll die Verabschiedung eines Dekrets zu den Juden überhaupt verhindert werden; dies hätte zum Skandal führen können. Später wird es nur dadurch gerettet, dass man es in das Dekret über die Weltreligionen eingefügt hat. Am meisten Aufsehen aber erregte ein Text, der auf päpstliches Geheiß der Kirchenkonstitution als „Vorbemerkung“ vorangestellt werden sollte. In ihm geht es ausschließlich um den Vorrang des Papstes selbst vor dem Konzil. Er kulminiert in dem ominösen Satz: „Der Papst als höchster Hirte kann [auch gegenüber einem Konzil] seine Vollmacht jederzeit nach Gutdünken ausüben, wie es von seinem Amt her gefordert wird.“

 1.7 Streit dauert bis heute fort – warum?

An der unversöhnten Grundstimmung hat sich bis heute nichts geändert. Schon 1961 formierte sich eine Widerstandsgruppe unter Leitung von Bischof Marcel Lefevre (gest. 1991). Sie wurde zum Ausgangspunkt der heutigen „Piusbrüder“; gegen sie weiß sich Papst Benedikt nicht zu wehren, weil er ihnen viel zu nahe steht. Das für mich Erschreckende ist, dass diese Polarisierungen heute, nach 50 Jahren noch stärker wirksam sind als damals. Die Polarisierungen sind heute (unter Einschluss von Nichtbischöfen und Nichtpriestern) stärker denn je. Was ist der Grund dafür? Man kann mehrere Gründe nennen.

Erstens: Der Widerstand der Kurie ist bis heute virulent. Bei der zentralistischen, monokratischen Struktur der katholischen Kirche übt sie eine starke Macht aus. Im Grunde kann sie alles kontrollieren und blockieren, was ohnehin in Rom abzuwickeln ist und was der Papst an sich zieht.

Zweitens: Von wenigen Ausnahmen abgesehen wurden die Bischöfe nach dem Konzil nie zu selbständigen Akteuren. Zwar hat das Konzil Bischofsweihe und Bischofsamt nachdrücklich aufgewertet und vor allem den Gedanken der Kollegialität mit dem Papst gestärkt, aber faktisch ließen sich die Bischöfe immer mehr zu Befehlsempfängern Roms degradiert. Wir hatten noch nie so unselbständige und romhörige Bischöfe wie heute. Das kann nicht im Sinne der Kirche Christi sein.

Vergleichbares gilt für die Theologie. Auch Theologen (in der Mehrheit noch Männer) sind mehrheitlich einem falschen Gehorsam verhaftet und werden bisweilen zu einem falschen Gehorsam gezwungen. Der epochale Konflikt zwischen Rom und den Bischöfen Deutschlands in Sachen Schwangerschaftskonfliktberatung hat dies klar gezeigt. Nicht einmal Bischof Lehmann wagte den offenen Widerspruch gegen Rom, obwohl ihn sein bischöfliches Gewissen dazu hätte verpflichten müssen.

Schließlich folgte man nach dem Konzil allenthalben einer Strategie der Beschwichtigung. Man wollte warten, bis die Zeit reif sei und meinte, zu deutliche Worte würden nur Widerstand provozieren. So formulierte man zahme Memoranden und wurde trotzdem nicht gehört. Die Forderung für das Frauendiakonat ist für diese wirkungslose Zurückhaltung ein gutes Beispiel. Das Diakonat der Frau soll zunächst vorsichtig eine Tür öffnen, die man später vielleicht voll bis zur Ordination von Frauen durchschreiten kann. Diese Strategie wird nur wenig nützen. Stattdessen sollte man endlich lernen: (a) Vorsicht wurde von Rom nie honoriert, (b) Rom reagiert nicht auf Grund willkürlicher Meinungen, sondern auf Grund klarer theologischer Prinzipien. Es hat also keinen Zweck, auf freundliche Ausnahmen zu warten (auf die offiziell in Rom unterbreiteten Desiderate der Würzburger Synode [1971-75] kam bis heute keine Antwort). Vielmehr kommt es darauf an, die ungeschichtlichen, unbiblischen, von Angst und Misstrauen getriebenen Prinzipien selbst aufzugreifen.

II. Leitimpulse und Ergebnisse

Kommen wir zum Konzil selbst. Es ist leicht, im nachhinein an allem Kritik zu üben, das nicht nach Wunsch und Erwartung verlief. Angesichts der massiven Spannungen und Meinungsverschiedenheiten, die im Konzil ausgetragen wurden und die Arbeit in destruktiver Weise blockierten, ist es umso erstaunlicher: Das Konzil hat auch gute Arbeit geleistet, Maßstäbe gesetzt und sich in den 1960er Jahren deshalb weltweite Achtung erworben. Die Gläubigen wurden aktiviert, die Ökumene nahm einen unerwarteten Aufschwung und viele Impulse haben sich bis heute erhalten. Deshalb lohnt es sich, einen Blick auf die konziliaren Leitimpulse zu werfen und die Ergebnisse zu würdigen.

 2.0 Vorbemerkung:

Zur sachlichen Erinnerung in Inventur: Das Konzil hat 16 verbindliche Dokumente verabschiedet, nur wenige müssen heute als überholt oder als vergessen gelten. Wichtig waren und blieben alle
vier Konstitutionen (Konstitutionen sind Dokumente von höchstem, feierlich verbindlichem Rang): Sie handeln von (1) der Liturgie, (2) der Kirche, (3) der Offenbarung und (3) von der „Kirche in der Welt von heute“. Über sie wird heute noch studiert, nachgedacht und gestritten.

Hinzu kommen
neun Dekrete (Dekrete sind Dokumente von niedrigerem Rang, dennoch als Konzilsdokumente verbindlich). Sie handeln über (1) die Kommunikation, (2) die Ostkirchen, (3) den „Ökumenismus“, (4) die Bischöfe, (5) die Ausbildung der Priester, (6) das Ordensleben, (7) das Laienapostolat, (8) das Leben der Priester und (9) die Mission. Das wichtigste dieser Dekrete handelt vom Ökumenismus (3). Faktisch wird es wie eine Konstitution behandelt.

Bleiben noch
drei Erklärungen über (1) die Christliche Erziehung, (2) die Nichtchristlichen Religionen [einschließlich Judentum] und (3) die Religionsfreiheit. Mit ihrem lapidar feststellenden Charakter haben die beiden letzten Erklärungen geradezu eine epochale Bedeutung erreicht; die Kirche kann hinter sie nicht mehr zurück.

Ich versuche nun, die Leitimpulse (einschließlich ihrer Ergebnisse) in sechs Punkten zusammenzufassen:

2.1 Aggiornamento

Aggiornamento (Verheutigung, Aktualisierung, Konfrontation mit der Gegenwart), das große Leitwort Johannes’ XXIII., wirkte wie ein Fanfarenstoß und hat die Erwartungen der Katholiken weltweit in einer zwar unklaren, aber hochemotionalen Weise vereint.

Negativ formuliert: Alle, die die katholische Kirche und ihre Glaubenverkündigung für überholt, reformbedürftig, autoritär oder intellektuell unbefriedigend hielten, konnten sich in dieser Losung finden.

Positiv zum Ausdruck gebracht: Alle, die in irgendeiner Weise auf die Zukunft dieser Kirche setzten und fanden, dass sich der Einsatz lohne, waren jetzt zur Stelle. Innerhalb der Konzilsaula und außerhalb ihrer führte das zu einer Bündelung der zukunftsorientierten Kräfte, auch wenn man damit unterschiedliche Erwartungen verband. In den deutschsprachigen Ländern waren die Erwartungen stark von reformatorischen Ideen geprägt. Es ging um Ökumene, mehr Nähe zur Schrift, mehr aktive Teilnahme in den Gemeinden und um eine lebendige und verständliche Liturgie. Das alles waren Themen, die in der späteren Konzilsarbeit ihren Niederschlag fanden.

Der Impuls der Losung ist bis heute lebendig geblieben und verband sich mit dem altehrwürdigen Theologenwort: Ecclesia semper reformanda (die Kirche ist immer zu reformieren). Der Ruf zum Aggiornamento entspringt also nicht einer undisziplinierten Unruhe, sondern dem urchristlichen Impuls zur Gestaltung von Kirche und Welt. Zugleich fasst er bis heute das ganze Unbehagen zusammen, das die Reformwilligen durchdringt, sobald sie nur auf Ausflüchte, Blockaden und unglaubwürdige Verweigerung stoßen: Es kann doch nicht sein, dass die Lebenspraxis der Nachfolge Jesu (die wir meisten mit dem Begriff „christlicher Glaube“ umschreiben) immer wieder in die Vergangenheit zurücksinkt, also zur Lebensform der Gestrigen und Vorgestrigen wird.

Vielleicht haben Theologen mit dieser Losung ihre Schwierigkeiten, denn Aggiornamento ist kein analytischer Begriff. Doch mit ihm verbinden sich hohe prophetische Qualitäten. Die Losung erinnert uns daran, dass christlicher Glaube aus starken prophetischen Impulsen lebt. Unsere theologisch fixierten Kirchenleiter scheinen dafür wenig Gespür zu haben. In keinem Fall sollten wir dies vergessen: Der Ruf zum Aggiornamento hat in unserer Kirche ein neues Bewusstsein für eine schöpferische Beteiligung und für die Offenheit zur Welt geschaffen. Wir alle partizipieren an allem, was in der Kirche, aber auch an allem, was in der Welt geschieht. Deshalb wird die Kirche von allen gläubigen Frauen und Männern gemeinsam gestaltet. Dabei sind die Kirchenleitungen nicht unwichtig. Welche Gemeinschaft von diesem weltweiten Ausmaß könnte denn ohne Leitungsfunktionen bestehen? Aber sie haben eine dienende, keine alles beherrschende Funktion.

 2.2 Wanderndes Gottesvolk

Noch ausdrücklicher blieb der zweite Impuls vor allem bei reformorientierten Gläubigen im Bewusstsein. „Gottesvolk“ ist ein alteingebürgerter Begriff der westlichen Kirchentheorie, er wurde aber seit dem Mittelalter überlagert vom Bild des mystischen Leibes. Dieser „mystische Leib“ erhielt 1943 durch Pius XII. einen neuen Aufschwung (Ezyklika Mystici Corporis). Allerdings interessierte sich dieser Papst vor allem für die sakramentale Struktur und den Autoritätscharakter der Kirche, weniger für die Glieder als vielmehr für das eine Haupt und dessen irdische Stellvertretung, das man das „sichtbare Haupt“ nannte. Plötzlich machte der Begriff vom Gottesvolk zur Freude all derer Karriere, die zuvor eben nur „Volk“ gewesen sind. Es herrschte ein Hauch von „wir sind das Volk“, wie wir Deutsche das aus Zeiten der Wiedervereinigung  (1989) kennen. Doch betrachten wir die schon genannte Kirchenkonstitution „Licht der Welt“ (Lumen Gentium) mit ihrem Modell vom Kirchenvolk im Rahmen der ergänzenden oder korrigierenden Aussagen, die das oft euphorisch verwendete Bild in einen nüchternen Rahmen einordnen.

Hinweis 1: Das einleitende Kapitel nennt die Kirche Sakrament, unterlegt diesem Begriff aber einen bescheidenen Sinn; die Kirche sei (nicht mehr als) „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott“ (Nr. 1). Damit wird – von Jesuiten, wie manche vermuten – ein nüchterner Ton vorgegeben, der den weiteren Verhandlungen gut getan hat. Für viele Vertreter der vorkonziliaren Kirchenfrömmigkeit mit ihren teils triumphalistischen, teils verinnerlicht mystischen Ansätzen konnte dies als Schock wirken; manche haben ihn wohl nie überwunden. Um das zu verstehen, lese man nur etwa das damals weit verbreitete Buch von Henri de Lubac Meditationen über die Kirche. Man wird später versuchen, diesem 1. Kapitel möglichst wenig Beachtung zu schenken.

Hinweis 2: Ganz ließ sich das nicht vermeiden, denn wenigstens eine Teilaussage sollte die Gemüter bis heute erregen. Zum Abschluss von Kapitel (Nr. 8) werden die bisherigen Aussagen in einer dialektischen Gedankenfolge zusammengefasst. Die Kirche, so der Tenor, fasse Sichtbares und Geistliches, Irdisches und Himmlisches in einer „komplexen Wirklichkeit“ zusammen. Das ist ein echter Kompromisstext, über den man nur glücklich sein kann. Dann aber kippt im Text selbst die Stimmung um. Man spürt, dass sich jetzt die Hardliner zu Wort melden. Sie wollen genau wissen: Wo befindet sich die wahre Kirche Christi, über die hier die Rede ist? Nur in der römisch katholischen Kirche oder auch in anderen Kirchen? Angesichts der zerstrittenen Lage wird eine kluge Antwort gefunden: Diese Kirche Christi, so die Antwort, „subsistiert“ (= existiert) in der katholischen Kirche. Wer damals die Diskussion hörte und heute die Protokolle liest, kann gut erkennen, dass man die Ergänzungsfrage einfach offen ließ und niemand darf heute ausschließen, dass die wahre Kirche Christi auch in anderen Kirchen zu Hause ist. Niemand darf das, außer offensichtlich Kardinal Ratzinger, der im Jahr 2000 in Dominus Iesus trotzdem erklärt, im eigentlichen Sinne seien die evangelischen Gemeinschaften keine Kirche. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch unstatthaft, Gift für die ökumenischen Beziehungen bis zum heutigen Tag.

Hinweis 3: Kapitel II schlägt den entscheidenden Pflock ein, indem er die Metapher vom Volk Gottes einführt und dem Kapitel III über die Hierarchie voranstellt. Kirche ist kein jenseitiges Ereignis, sondern eine diesseitige Wirklichkeit, kein statischer Block, sondern eine wandernde Gemeinschaft, nicht in einem überzeitlichen System verankert, sondern in die Geschichte der Menschen eingebettet, selbst ein Stücke dieser – sich immer ändernden, immer voranschreitenden – Geschichte. Ferner ist dieses Volk eine Gemeinschaft von Gleichen. Ihnen allen ist das Gemeinsame Priestertum gegeben und sie alle sind berechtigt und aufgerufen, am Leben der Kirche (an ihrem Handeln, Feiern und Verkünden aktiv, nicht nur in schierer Passivität) teilzunehmen.

Gewiss, eine paternalistische Grundhaltung und einen elitären Sprachgestus hat dieses Dokument noch nicht überwunden. Doch jeder akzeptierte, dass es sich um ein Übergangsdokument handelte, das seine Folgerungen erst selbst noch begreifen musste. Das entscheidende Problem (das sich nach dem Konzil dramatisch auswirkte) liegt in Kapitel III, das über die Hierarchie handelt. Es hat aus dem Vorgängerkapitel keine Konsequenzen gezogen, schreibt also über die Bischöfe, als ob den Gläubigen keine neue Würde zuerkannt wäre. Alte Definitionen, Würden und Vorrechte werden unbesehen übernommen, bisweilen sogar ausgeweitet (so etwa bei der „ordentlichen Unfehlbarkeit“, die den Bischöfen insgesamt auch außerhalb eines Konzils zukommt). Nach dem Konzil werden sich Päpste und Bischöfe diesen Fehler zunutze machen. Bei der Interpretation der Konstitution wird von Fairness keine Rede sein.

Papst Benedikt wundert sich bisweilen darüber, dass sich Reformkräfte so nachdrücklich auf den Geist des Konzils berufen. Reformer werden wohl antworten: Wir haben keine andere Wahl, denn bei jedem Neuanfang (der nie ganz ausformuliert ist) achtet ein sorgsamer Textinterpret darauf, was genau der Autor oder die schreibende Gemeinschaft erreichen wollte. Die Asymmetrie zwischen einem inspirierend initiativen Text (Kap. II) und einem Text, der nur Recht und dogmatische Positionen wiederholt, muss die Frage provozieren, was genau damit gemeint sei. Aus der Perspektive der Reformer machen sich die Kirchenleitungen an diesem Punkt der Missachtung des Geistes schuldig. Man wundert sich.

Umso besser, dass zur Resignation dennoch kein Grund besteht; die Wirkungsgeschichte des Konzils ist noch nicht zu Ende. Das Bewusstein vom „Gottesvolk“ (von Teilhabe, von eigener Würde und dem Geist der alle Getauften durchdringt, auch von geschichtlicher Dynamik) hat seine Hörerinnen und Hörer gefunden. Angesichts der aktuellen Situation besteht auch kein Zweifel: sie haben den längeren Atem. Dass sich die katholische Kirche nämlich mit ihrer eigenen Geschichte und mit der Weltgeschichte konfrontieren muss, dass sie ferner ihre kulturellen Kontexte lernen muss, das lässt sich – dank des Konzils – inzwischen nicht mehr leugnen.

 2.3 Neuentdeckung der Offenbarung

Ein dritter Impuls springt weniger ins Auge. Umso intensiver wirkt er unterschwellig, weil er in vielen Aktivitäten, Motivationen und Zielsetzungen gegenwärtig ist. Es ist eine neue Hochachtung vor der Schrift. Der Titel der Konstitution „Über die Offenbarung“ klingt recht abstrakt. Konkret geht es ihr um die Mutter der Reformen, ein neues Hören auf die christliche Botschaft in ihrer ursprünglichen, normgebenden Form. Die Konstitution vermittelt eindeutig ihre Grundüberzeugung: Die Schrift nicht kennen heißt, Christus nicht kennen. Deshalb muss die Theologie (ähnlich wie das kirchliche Leben) „die Schrift atmen“.

Auch für die katholische Kirche ist das nicht neu; die Schrift war schon immer die „normierende Norm“. Doch man fand Mittel und Wege, dieses Prinzip zu entschärfen. Luther hat die Schrift wieder zur „höchsten Richterin“ gemacht; die katholische Kirche hat mit ihren Mittel gekontert: Eine Schrift gebe es nicht ohne eine Kirche, die sie schon immer ausgelegt hat. Das eine könne man vom andern nicht trennen. Luther konzentriert sich auf Fälle, in denen die Kirche – Interpretation hin oder her – eindeutig von der Schrift abirrte. Die katholische Kirche weicht den Konfliktfällen eher aus, gibt etwa ausweichende und besänftigende Antworten allgemeiner Art und verhindert so eine klare Antwort auf die uns gestellt Frage. Wer sich die Mühe machen will, lese den folgenden Text mit seiner bildreichen, aber etwas verharmlosenden und wiederum hierarchiefreundlichen Antwort. Der letzte Satz stammt vom Konzil von Trient, ist also älteren, antireformatorischen Ursprungs. Offiziell weicht man allen selbstkritischen Konsequenzen aus. Schlüsselpassagen sind unterstrichen.:

Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu. Denn die Heilige Schrift ist Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet wurde. Die Heilige Überlieferung aber gibt das Wort Gottes, das von Christus dem Herrn und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut wurde, unversehrt an deren Nachfolger weiter, damit sie es unter der erleuchtenden Führung des Geistes der Wahrheit in ihrer Verkündigung treu bewahren, erklären und ausbreiten. So ergibt sich, dass die Kirche ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft. Daher sollen beide mit gleicher Liebe und Achtung angenommen und verehrt werden. (Nr. 9)

Nach Überzeugung vieler löst dieser Kompromiss die Sachfragen nicht. Die Diskussion aber geht weiter, denn niemandem können wir – etwa bei einer Amtsanmaßung – die einfache Frage verbieten: Steht das in der Schrift? Hätte Jesus so gehandelt? Die Fachleute unter uns wissen, dass die Diskussion über diese Konstitution, wenn auch mit verdeckten Karten, in den Jesusbüchern des Papstes weitergeführt wird. Dennoch ist auch hier die frohe Kunde zu vermitteln: Seit dem Konzil ist in katholischen Gemeinden und bei einzelnen katholischen Gläubigen ein neues Schriftbewusstsein erwacht. Um die Folgen dieser Kompetenz brauchen wir keine Angst zu haben. Sie wird zu einem neuen, selbstbewussten und verantwortlichen Christsein führen, das von hoher Selbständigkeit, eben der „Freiheit der Kinder Gottes“ geprägt ist.

2.4 Ökumenische Annäherung

Kein Thema hat im Deutschland der 1960er Jahre so viel Euphorie ausgelöst und so viele Hoffnungen geweckt wie das „Ökumenismusdekret“. Ein Deutscher, Kardinal Bea, wurde zum großen Anwalt der ökumenischen Sache. Er hat hart und theologisch kompetent gearbeitet. Im Dekret, über das ausführlich und erbittert gestritten wurde, steckt ein großer Elan. Dass so viel erreicht wurde, ist sein außerordentliches Verdienst. Denn vielleicht der größere Teil der bischöflichen Konzilsteilnehmer hatte noch keinen Protestanten in seinem Bekanntenkreis. Aber der Wille zum Durchbruch war bei Bea und seinen Mitstreitern eisern.

Immerhin gelang es, die Kirchen der reformatorischen Tradition prinzipiell zur Kenntnis zu nehmen, ihren guten Willen und ihren Glauben, ihre Leidenschaft für Christus anzuerkennen. Für heutige Leser unerwartet ist der gesellschaftliche Hintergrund, der eine ökumenische Verständigung verlangt; ich halte den Text für wichtig, weil es aus dem Rahmen fällt. Hier waren Männer am Werk, die von der Welt etwas verstanden.

Da in heutiger Zeit die Zusammenarbeit im sozialen Bereich sehr weit verbreitet ist, sind alle Menschen ohne Ausnahme zu gemeinsamem Dienst gerufen, erst recht diejenigen, die an Gott glauben, am meisten aber alle Christen, die ja mit dem Namen Christi ausgezeichnet sind.
… Diese Zusammenarbeit, die bei vielen Völkern schon besteht, muss mehr und mehr vervollkommnet werden, besonders in jenen Ländern, wo die soziale und technische Entwicklung erst im Werden ist. Das gilt sowohl für die Aufgabe, der menschlichen Person zu ihrer wahren Würde zu verhelfen, für die Förderung des Friedens, für die Anwendung des Evangeliums auf die sozialen Fragen, für die Pflege von Wissenschaft und Kunst aus christlichem Geiste, wie auch für die Bereitstellung von Heilmitteln aller Art gegen die Nöte unserer Zeit, wie gegen Hunger und Katastrophen, gegen den Analphabetismus und die Armut, gegen die Wohnungsnot und die ungerechte Verteilung der Güter. (Nr. 12)

Herausragend finde ich auch den nachdrücklichen Aufruf zur Reform und Selbstkritik, denn sie findet man in Konzilstexten nicht allzu oft. Wichtig ist auch der Gedanke von der „Hierarchie der Wahrheiten“. Zwar wurde der Gedanke nie in die Praxis umgesetzt; aber jedem Dogmatismus war damit der Riegel vorgeschoben. Es gibt eben „Wahrheiten“, die wichtiger und die vielleicht (mit Verlaub) unwichtig sind.

Die ökumenische Öffnung der katholischen Kirche gehört zu den wirksamsten Erneuerungen. Sie hat in Deutschland (wie in der Schweiz und in den Niederlanden) zu greifbaren Ergebnissen geführt – so greifbar, dass inzwischen Ermüdungen eintreten. Umso ärgerlicher und unverantwortlicher, dass der Papst im September 2011 gegenüber unseren evangelischen Geschwistern in Erfurt stumm blieb; alle Verantwortung dafür hat er buchstäblich auf Gott selbst abgeschoben. Konziliar war dieser Geist gewiss nicht.

2.5 Annäherung an die Welt

„Die Kirche in der Welt von heute“, das ist der epochemachende Titel des längsten Konzilsdokuments. Meist wird es unter den Buchstaben „GS“ (Gaudium et Spes) zitiert. GS ist das umfassendste und offenste Dokument des Konzils. In ihm griff der Wagemut am weitesten; man traute sich in ein vielfältiges, vielleicht vermintes Gelände. Dennoch hat dieses Dokument 50 Jahre in Ehren und mit viel Erfolg überlebt und ist in seiner Art bahnbrechend, denn zum ersten Mal versuchte die Kirche auf breiter Ebene mit der „Welt“, das heißt mit der Kultur und der Gesellschaft, mit gesellschaftlichen Gruppen und gesellschaftlichen Sektoren ins Gespräch zu kommen.

Natürlich zeigt gerade dieser Versuch, wie sehr sich die Kirche noch in einem Anfangsstadium, in einer Übergangsituation befand. Man könnte von einer verletzlichen Übergangssituation sprechen. Immerhin wurde das Dokument in einem Jahrzehnt geschrieben, das sehr optimistisch begann und dramatisch endete. Darauf war das Konzil nicht vorbereitet.

Aber lateinamerikanische Theologen zogen Konsequenzen. Im Gefolge von G. Gutiérrez entwickelten sie die Befreiungstheologie. Erst jetzt zeigte sich, dass Rom von diesem Dokument rein gar nichts begriffen hatte. Man reduzierte Menschenrechtspolitik und Solidarität mit den Entrechteten auf Macht- und Konkurrenzfragen, fürchtete Atheismus hinter jedem Protest und ging mit Mitbrüdern um, als hätte man sie nicht gesehen. Dennoch blieb das Dokument der Türöffner für zahlreiche nachkonziliare Bewegungen, unter ihnen die Feministische, die Schwarze Theologie und viele Kontextuelle Theologien, die bald nachfolgten und auf dem Recht ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe und ihrer eigenen Kultur bestanden.

 2.6 „Kirche, was sagst du von dir selbst?“

Wie wir sahen, hat sich das Konzil mit verschiedensten Fragen beschäftigt: dem Kirchenvolk, der Ökumene, der Schrift, der Liturgie und der Welt. Diese Aufzählung täuscht, denn abgesehen von der „Welt“ geht alles um innerkirchliche Themen, selbst der Aufruf zum Aggiornamento ist von einem innerkirchlichen Interesse getragen. Karol Wojtyła, damals noch Kardinal in Krakau, hat das Thema des Konzils auf die Formel gebracht: „Kirche, was sagst du von dir selbst?“ Er hat das als einen Höhepunkt kirchlichen Denkens gedeutet, und die Älteren unter uns erinnert dieses Wort an einen Ausspruch von R. Guardini: „Die Kirche erwacht in den Seelen“.

In der Tat war damit die Stimmung vieler Katholiken der konziliaren Vorzeit getroffen. Wir identifizierten sie mit Glaubensengagement, mit sozialer Praxis und der Bereitschaft, für den (katholischen) Glauben einzustehen. Aber dieses Interesse an der (eigenen) Kirche, diese damit verbundene Verehrung von Bischöfen und Papst und die Überzeugung, Petrus sei der moralische Fels des 20. Jahrhunderts gewesen und werde es bleiben – diese selbstbewussten Reaktionen und Verhaltensweisen haben auch etwas Ambivalentes. Die so oft gepriesene „kirchliche Gesinnung“ zeugt auch von Egozentrik und Nabelschau. Nach dem Konzil hat man genau diese Haltungen den Kirchenleitungen oft vorgeworfen, alle Reformblockaden hingen mit der Erhaltung ihrer eigenen Privilegien zusammen. Übersehen haben viele Reformwillige vielleicht, dass auch sie diese Nabelschau teilten. Auch sie haben sich massiv auf Fragen der Kirchengestalt fixiert. Teilweise sah es so aus, als würden die Reformbewegungen an dieser Frage auseinanderbrechen: die einen reformierten die Kirche, die anderen wandten sich sozialen Aufgaben in Deutschland oder in anderen Länder zu. Möglicherweise bildet diese Fixierung auf innerkirchliche Fragen auch den Grund dafür, dass Reformbewegungen keinen Nachwuchs haben.

Darüber ist nachzudenken. Wichtig ist eine heilige Unruhe, die um der Sache willen auch zur Selbstkritik fähig sein und andere Interessen in den Blick nehmen muss.

III. Blockaden

Wie sich gezeigt hat, hat das Konzil zahlreiche, äußerst interessante, fruchtbare und erfolgreiche Anstöße gegeben. Es hat sich auch gezeigt: Von Anfang an bewegte sich die Konzilsarbeit in einem starken Spannungsfeld und Konsensmangel. Inzwischen haben die reaktionären Kräfte schon deshalb eine starke Stellung, weil die Bischöfe reaktionär handeln oder ihren reaktionären Kollegen nicht widerstehen. Was sind die Faktoren, die diese Blockaden fördern und warum finden die Reaktionäre so viel Widerhall?

Benedikt XVI. als prägendes Beispiel:
Ich füge eine Bemerkung zu Benedikt XVI. als Exkurs ein. Er hat nicht die Aufgabe, eine besonders reaktionäre Person vorzuführen; das wäre nicht interessant. Ich nenne den gegenwärtigen Papst, weil er für die reaktionären Strömungen der katholischen Kirche repräsentativ ist. Seit 1981, als er zum Präfekt der Glaubenskongregation ernannt wurde, war er an der römischen Kurie eine herausragende, theologisch hoch qualifizierte Figur. Man möchte ihn konservativ und den Vertrauten eines konservativen Papstes nennen, aber er war von vielen akzeptiert. Warum?

Nicht nur, weil er den Status quo der römischen Kurie verteidigte, sondern weil er das auf Grund einer hoch respektierten Theologie tat. Er war Kenner von Augustinus und anderen Kirchenvätern. Er vertrat ein platonisch-augustinisches Weltbild, auf dem die antike Theologie erbaut wurde. Er war zudem der nouvelle théologie, also einer vorkonziliaren theologischen Strömung zugetan, die die Kirche heiß, geradezu mystisch verehrt. Offensichtlich füllte er eine Lücke aus, die man im nachkonziliaren Rom verspürte, da die konziliare Theologie noch keine Zeit hatte sich zu etablieren und ihre Inspirationen reifen zu lassen.

Erst jetzt sei hinzugefügt, dass dieser „weltfremde“ Theologe erstaunlich machtbewusst und politisch effektiv wirken konnte. Allerdings war seit jenen Jahren sein Durchsetzungswille getragen von einem großen Misstrauen gegenüber neuen Entwicklungen in der Theologie und an der kirchlichen Basis. Es ist ein Misstrauen, das bald zur Kontrollsucht führte, wie wir sie heute erleben. Ich nenne die jüngsten Entwicklungen (Missbrauchs-Vertuschungsaffären, Zusammenbruch der Pastoral und eine sich zerfleischende Kurie) tragisch, weil letztlich wir alle die Opfer sind. Ich nenne sie auch deshalb tragisch, weil in ihnen ein innerkirchlicher Sog der Selbstzerstörung aufbricht, der uns in einen extremen Glaubwürdigkeitsverlust führt. Diese aktuellen Entwicklungen lassen sich gut mit den destruktiven Entwicklungen im Konzils selbst vergleichen. Jetzt geschieht im Großen, was damals im Kleinen vorweggenommen wurde. Wer Joseph Ratzinger verstanden hat, versteht die oft bizarren Ereignisse und Entwicklungen innerhalb der nachkonziliaren Kirche.

3.1 Rückfall in die Metaphysik

Dennoch ist es hilfreich, den Gründen der aktuellen kirchlichen Selbstblockade nachzugehen. Was macht die katholische Kirche für diese Entwicklungen so anfällig? Den ersten Faktor umschreibe ich als Rückfall in die Metaphysik, d.h. in das hellenistische Denken eines Aristoteles, vor allem eines Platon, der später durch neuplatonisches Denken wieder aufgegriffen und verschärft wurde. Im Rahmen dieser Metaphysik (die uns durch unsere vorkonziliaren Theologien und Katechismen in die Wiege gelegt ist) existiert die Kirche vor aller Zeit und über den Zeiten. Was einmal dogmatisch festliegt, kann sich nicht mehr ändern. Sie ist alleinseligmachend, weil keine nichtkatholische, gar nichtchristliche Person die vorherbestimmte Gnade im Schoß dieser Kirche erreichen kann. Ihre Lehre ist objektiv wahr, deshalb durch keinen Kontext und durch keine Fragestellung beeinflussbar. Die irdische Kirche ruht also in einem Becken von unverrückbarer Konstanz und von zeitloser Gültigkeit. Man erinnere sich, das war die Überzeugung von uns allen bis in die 1960er Jahre hinein. Wir staunen, dass daran noch so viele glauben, Papst Benedikt und die Seinen können nur staunen, wie schnell wir das „vergessen“, vielleicht verdrängt oder verworfen haben.

Die Folge ist klar: Wer sich in dieser absoluten und geschichtsfernen Position gehalten weiß, der kann – bewusst oder unbewusst – auch das II. Vaticanum nur innerhalb dieser Grenzen akzeptieren. Er kann sich nicht im geringsten vorstellen, dass das Konzil selbst je etwas anderes gedacht und gewollt hätte. Für ihn kann Kontinuität kein festes Flussbett sein, das den lebendigen Fluss der Dinge in bestimmten Grenzen hält. Kontinuität muss für ihn eine Art unveränderlicher Form sein, in der die Inhalte fest eingeschlossen bleiben. Es darf nichts Neues im qualitativen Wortsinn vorkommen. Nur vor diesem Hintergrund sind die Polemik, die Verurteilungen und Verunglimpfungen zu verstehen, denen reformorientierte Mitchristen ausgesetzt sind.

 3.2 Rückzug auf Amtsstrukturen (Klerikalismus)

Der zweite Faktor diese Blockade ist der nachkonziliare Rückzug auf klerikale Amtsstrukturen. Auf die vorkonziliare, auf dem Konzil konservierte Amtstheologie ist hier nicht einzugehen. Es gilt nur festzustellen, dass sich die Kirchenleitungen in wachsendem Maß auf ihre eigenen Machtstrukturen zurückziehen. Das ist aus psychologischen Gründen verständlich, aber legt sich auch als rückwärtsgewandte Reaktion nahe. Attraktiv ist für viele das Ideal einer feudalen Epoche; nur die Bischöfe tragen noch so eindrucksvolle Gewänder und Insignien. Die Piuspäpste (Pius IX. bis Pius XII.) rufen immer noch nostalgische Erinnerungen wach. Getreu der Liturgischen Bewegung stärkt die Liturgie immer noch ein erhabenes Führerideal und die vormoderne Einheitsidee scheint immer noch Menschen zu begeistern. Die modernen Kommunikationsmittel haben diese überholte Sozialform bisweilen nicht aufgelöst, sondern verstärkt.

 3.3 Konzentration auf Sakrament

Im Zuge dieser vormodernen Idealbildung gewinnt die Konzentration auf Sakrament und Sakramentalität neue Anziehungskraft. Dazu führte einerseits das Erbe der schon genannten nouvelle théologie, die spätantike Kirchenideale erneuerte. Andererseits hatte man nicht die Kraft, die dialektische Doppelforderung von Wort und Sakrament zu bewältigen, denn sie verlangt von der katholischen Theologie ein offeneres Denken, das sich nicht nur von Kirche und Kirchlichkeit leiten lässt. Ich persönlich vermute, dass eine neue Sakramentstheologie der Spannung des Prophetischen, der ständigen Selbstkritik und der Frage nach dem Sinn der Sakramente nicht mehr gewachsen ist. Wo das Sakrament vorherrscht, haben die Bischöfe das Sagen, kann eine Kirche erneut ein (vermeintliches) Heils- und Definitionsmonopol in Anschlag bringen. Aus diesem Grunde gibt sich die Hierarchie erneut als sakrosankt tabuisierte Kaste. Dies geht so weit, dass Papst Benedikt die in Selbstgerechtigkeit erstarrten Bischöfe der Piusbruderschaft ernster nimmt als den breiten Konsens von „einfachen“ Gläubigen, die ihrer Kirche loyal dienen. Selbst dem Papst und der Kurie müsste deutlich sein, wie sehr sie sich inzwischen in Selbstwidersprüche verwickelt haben.

 3.4 Neue Kontrollkultur von oben

Wie hinlänglich bekannt, verstehen es autoritäre Systeme, moderne Mittel der Kommunikation für sich effektiv zu nutzen. Nach dem Konzil hat die Bürokratie in (Teilen) der römischen Kurie Einzug gehalten; dies gilt vor allem für Nachrichtentechniken und Nachrichtensysteme. Die päpstliche Hermeneutik des Misstrauens hat zu einem straffen Kontrollsystem geführt. Allerdings hat die zur Natur gewordene Intransparenz römischer Apparate auch zu chaotischen Verhältnissen geführt. Kann es sein, dass selbst die römische Sprache unverständlich geworden ist? Bei seinem Amtsantritt nannte sich Benedikt einen „einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Er versäumte es, den Inspirator dieses Gedankens zu nennen. Bonaventura erklärte, in Zeiten höchster Bedrohung gelte in der Kirche nur noch der simplex et idiota, also der einfache und ungebildet Christ. Erst jetzt zeigt sich, welches Misstrauen gegen Bildung und Theologentum in diesem schönen, aber despektierlich verwendeten Wort steckt.

3.5 Verdrängte Verunsicherung

Dieser Faktor ist psychologischer Natur; so deute ich ihn nur an. Wir müssen den Antimodernismus des vergangenen Jahrhunderts auch als Angst vor Welt und Gesellschaft deuten. Der Klerikalismus erzeugt eine Flucht vor der Welt, Angst vor Menschen, Menschenrechten und Sexualität. In dieser Situation wird die Heiligkeit wichtiger als die Solidarität. Vor diesem Hintergrund deute ich den päpstlichen Aufruf zur „Entweltlichung“, einen Begriff und eine Haltung, die er selbst nicht klar zu deuten wusste. Das Problem dieser Verdrängung scheint mir zu sein: Weil sie nicht bearbeitet wird, löst sie sich nicht auf und lässt sich nicht durch Widerspruch oder Gegenargumente auflösen. Unter den gegebenen Umständen werden sich die aktuellen Blockaden nicht auflösen, sondern verschärfen. Den Reformorientierten bleibt nur übrig, sich diesem Druck durch Ungehorsam zu entziehen.

3.6 Polarisierung statt Gespräch

Die Folge der Entwicklung ist neben dem erneuten Gesprächsabbruch mit der Welt die weit fortgeschrittene innerkirchliche Polarisierung. Auch die Konservativen können es nicht verhindern: Die „Welt“ dringt in die Kirche ein, denn jeder Mensch, jede gläubige, sich katholisch nennende Person ist auch Welt. Je mehr eine Hierarchie zur Welt, zur Moderne, zum aktuellen Relativismus in Distanz tritt, umso mehr muss sie zum eigenen „Kirchenvolk“ in Distanz treten. Jedem Gesprächsversuch müssen eine neue Gesprächsverweigerung und neue Polarisierungen folgen. Sie multiplizieren und potenzieren sich ständig, denn als global player hat die Kirche komplexe und vielfältige Probleme zu bewältigen. So gesehen ist die Lage aussichtslos.

IV. Visionen

Im Augenblick ist die innerkirchliche Situation nicht nur polarisiert, sondern auch langfristig verhärtet. Eine Aussicht auf Änderung besteht nicht, weil sich die Kirchenleitungen mit religiösem Pathos auf eine zeitlos absolute Wahrheit und Offenbarung berufen. Allerdings übersehen sie: Mit ebenso leidenschaftlichem Pathos steht ihrer Position einer statisch autoritären Kirche die Vision eines geschwisterlichen Zusammenlebens gegenüber. Sie kann sich mit hoher Intensität und dichter Argumentation auf zentrale Zeugnisse der Schrift, auf die Praxis der frühen Kirche sowie auf aktuelle spirituelle und ökumenische Erfahrungen berufen. Diese Vision lebt unabhängig vom Verhalten der Kirchenleitungen, ist in sich stabil. Sie wird durch den offiziellen Widerstand eher gestärkt als geschwächt. Langfristig gibt das Hoffnung auf eine geschwisterliche, ökumenisch und in sich versöhnte Kirche. Hier seien fünf Aspekte dieser Vision genannt.

4.1 Praxis des Dialogs ist irreversibel

In der medialen Rezeption hinterließ das Konzil den Eindruck einer konflikt- und diskussionsfreudigen Versammlung. Enttäuschungen konnten geäußert und Hoffnungen benannt werden. Gegen die offizielle Meinung war Widerstand möglich und der Schrift wurde ein neuer Stellenwert zuerkannt. Reformorientierte Gläubige haben dies begriffen und diese Grunderfahrung des Dialogs weiter gepflegt. Dieser Wille zum Dialog ist – vielleicht ungewollt – einer der nachhaltigsten Erfolge des Konzils. Zugleich wurde schon dieser Wille zum Dialog in wachsendem Maße als Zeichen der Unbotmäßigkeit und des Widerstandes erfahren, denn im Sinne alter autoritärer Strukturen sehen sich die Bischöfe als die „Lehrer“, die den „Laien“ in der Frontalunterweisung die Wahrheit mitzuteilen haben. Dieser Konfliktstoff zeigt sich neuerdings im Tauziehen um den initiierten „Dialogprozess“, der bald zum „Gesprächsprozess“ herabgestuft wurde und auf dessen Grenzen manche Bischöfe immer wieder hinweisen.

Hinzu kommt natürlich: Von Seiten der reformorientierten Kirchenmitglieder überschreiten die Dialoginhalte ständig die vorgegebenen Grenzen. Genau dies weckt immer neues Interesse am Gedankenaustausch. Bestimmte Themen interessieren die Öffentlichkeit, während die Kirchenleitung an Transparenz oft kein Interesse hat.

Demgegenüber lässt sich feststellen, dass sich die Dialogpraxis im Kirchenvolk inzwischen durchgesetzt hat und von den Kirchenleitungen nicht mehr beherrschbar ist. Sie ist irreversibel, denn sie lebt von der Vision einer geschwisterlich verfassten und demokratisch handelnden Gemeinschaft.

4.2 Traditionelle Kirchenleitung ist geschwächt

Hinzu kommt: Die traditionelle Kirchenleitung ist in einem Maße geschwächt, wie man sich dies vor fünf Jahren noch nicht hätte vorstellen können. An sich kann niemand darüber glücklich sein, denn durch solche Führungsschwäche kann eine internationale und interkulturelle Gemeinschaft von 1,2 Milliarden Menschen auch labil und unberechenbar werden. Aber nüchtern besehen lässt sich nicht leugnen, dass diese Schwächung und selbstgesetzte Blockaden der normativen Botschaft einer christlichen Kirche widersprechen. Die Bischöfe verletzen ihre Fürsorge- und Solidaritätspflicht gegenüber den Menschen, die zu repräsentieren sie beanspruchen. In einer Epoche, in der die klassische Seelsorge zusammenbricht, bleibt den Gemeinden langfristig nur die Selbsthilfe. Wir fallen in eine Situation zurück, in der sich Gemeinden neu aus sich selbst heraus konstituieren müssen. Deshalb wird der Rückgriff auf frühchristliche Verhältnisse wieder aktuell, in denen Gemeinden – in Absprache mit den Schwestergemeinden – miteinander das Brot brachen, auf die Charismen ihrer Mitglieder achteten und für die Gemeindeleitungen selbst sorgten, dies in intensivem Kontakt mit der Gesellschaft, in der sie lebten und mit der sie sich solidarisch verbunden wussten. Die Neuentdeckung des frühkirchlichen Gemeindeprinzips lebt von der Vision einer elementar agierenden, weltoffen solidarischen und erneuerungsfähigen Gemeinschaft.

 4.3 Kompetenz der Gläubigen ist präsent

Durch ihre Selbstschwächung sorgen die Kirchenleitungen im Raum der katholischen Kirche wider Willen für die Stärkung ihrer Gemeinden; mehr und mehr stellen sie nicht nur Forderungen, sondern nehmen die evangeliumsgemäße Gestaltung der Verhältnisse in die eigene Hand. Dahinter steckt auch ein unerwarteter Erfolg des Konzils. Die biblische und theologische Kompetenz unserer Gemeinden ist enorm gewachsen, mit den Kenntnisständen der vorkonziliaren Zeit nicht vergleichbar. Trotz aller Widerstände des Alltags und trotz einer unerfreulichen Entwicklung von römischer Seite sind ökumenische Kontakte und Begegnungen zur Selbstverständlichkeit geworden. Dazu hat das intensive Engagement in Gemeinden, Vereinen und kirchlichen Körperschaften langfristig zu einer hohen spirituellen Reife vieler Gemeindemitglieder geführt. Damit sind die Bedingungen für Gemeindeleitung gegeben. In vielen Gemeinden sind geeignete Kandidaten zu finden. Auf diesen grundlegenden, äußerst segensreichen Entwicklungen gründet sich unsere Vision: eine Gemeinschaft von kompetent und verantwortlich handelnden Frauen und Männern.

4.4 Autorität wird am Inhalt gemessen

Gegen die Strategie der Kirchenleitungen spricht auch die Asymmetrie der gängigen Argumentation. Die Kirchenleitungen argumentieren immer formal. Sie berufen sich auf die Apostolische Nachfolge, auf ihre Amtsfunktionen, ihre Aufgaben als Hirten, Lehrer und Priester, den Wesensunterschied zwischen Priestern und Laien. Wer aber von Theologie und Kirchengeschichte etwas versteht, kann die Ambivalenz dieser Argumentationen durchschauen; alle Getauften und Gefirmten haben auf ihre Weise an diesen Qualifikationen teil. Das hat die katholische Kirche von den Kirchen der Reformation endlich zu lernen. Zudem kann nach alter Regel eine Leitungsautorität nur beanspruchen, wer von den Betroffenen gewählt ist.

Dagegen setzen reformorientierte Mitglieder der Kirche und ihrer Gemeinden nicht auf formale Pauschalargumente, sondern auf die Kraft inhaltlich geprägter Auseinandersetzungen, die schon längst in einem konfessionsübergreifenden Verständnis geführt werden. Künftig wird die Autorität auch der Kirchenleitungen nicht an ihren formalen, in vielem fragwürdigen Ansprüchen gemessen, sondern an den Inhalten, die sie vertreten und mit denen sie die Überzeugungen ihrer Gemeinden repräsentieren. Sie haben sich im Dialog zu ökumenisch legitimierten Inhalten zu verantworten. In diesem Sinn lassen wir uns leiten von der Vision einer in ihrem Glauben inhaltlich, d.h. biblisch und ökumenisch orientierten Gemeinschaft. Unsere Zukunft wird ökumenisch sein oder es wird sie nicht geben.

Dies zeigt ein Auszug aus der im September 2012 von prominenten deutschen Katholiken veröffentlichten Erklärung: „Wir appellieren an die Kirchenleitungen, die tatsächlichen Entwicklungen in den Gemeinden vor Ort so zu begleiten, dass die Ökumene nicht in ein Niemandsland zwischen den Konfessionen abwandert, sondern die Trennung unserer Kirchen überwindet. An die Gemeinden appellieren wir, die Ökumene voranzutreiben, kirchliches Leben miteinander zu gestalten, Räume gemeinsam zu nutzen und die organisatorische Einheit anzustreben. Als Christen im Land der Reformation stehen wir in der besonderen Verantwortung, Zeichen zu setzen und den gemeinsamen Glauben auch in einer gemeinsamen Kirche zu leben.“ (Ökumene jetzt, Sept. 2012)

  4.5 Dialog mit der „Welt“ funktioniert

Unmerklich haben sich die innerkirchlichen Blockaden und Polarisierungen durch einen weiteren Umstand verschärft: Bei den Reformdiskussionen wurde der Blick auf die Welt ausgeblendet. Man hat vergessen, dass es die Kirche nur um des Reiches Gottes willen gibt. Dafür spricht schon die Tatsache, dass sich Kirche und „Welt“ (was das auch immer sei) nie trennen ließen und mehr denn je miteinander in Kontakt treten. „Welt“ ist immer auch in der Kirche anwesend und wird sich – zumal in säkularisierten Gesellschaften – immer mehr durch ihren Dienst an der Welt, also durch ihre Solidarität mit Menschen und Gesellschaften erweisen. Aktive Mitglieder auch der katholischen Kirche werden in Zukunft Menschen sein, die sich selbst säkularisiert nennen, weil sie die Sprache einer säkularisierten Welt sprechen und deren Fragen teilen. Dies schadet einer christlichen Lebenspraxis nicht, sondern bringt sie zu sich selbst. Deshalb leben wir von der Vision einer Kirche, die in der Welt und für sie lebt.

Schluss

Die vorgetragenen Überlegungen führen uns zu einem hoffnungsvollen Ergebnis. Das II. Vatikanische Konzil war nicht umsonst, denn es hat unerwartete Wirkungen gezeigt, auch wenn seine Anliegen noch nicht eingelöst sind. Trotz aller Widerstände sind also gelassene Entschiedenheit und ein unerschüttertes Vertrauen angesagt. Die reformorientierten Kirchenmitglieder sollten allerdings noch eines lernen: Wir müssen besser, als bisher geschehen, die Reaktionen der Reaktionäre, der Enttäuschten und Verbitterten verstehen. Sie kommen oft aus einem Umfeld, das ihnen keinerlei Orientierung mehr bietet. Dieses Problem war der Generation der Konzilszeugen noch unbekannt. Wir müssen, wo immer möglich, auch mit ihnen das Gespräch suchen, dies ohne jede mentale Gewalt, aber auch bei Bischöfen und anderen Würdenträgern auf Augenhöhe. Denn auch wir wissen eine Botschaft hinter uns, mit der wir uns nicht zu verstecken brauchen. Wir stehen genau wie sie in Verantwortung für eine Weltkirche, d.h. für die Zukunft einer gemeinsamen Welt. Ein drittes Vatikanisches Konzil scheint mir dafür (noch) nicht nötig, auch wenn in den vergangenen 50 Jahre unendlich viele Fragen hinzugekommen sind.

Hans Küng stellte 2011 die Frage, ob die Kirche noch zu retten ist. Mit Thomas von Mitschke-Collande fragen wir 2012, ob die Kirche sich selbst abschafft. Immerhin, die Überlagerung verschiedener Krisen machen die Situation ausweglos. Ungelöste Fragen des Glaubens, des Vertrauens, der kirchlichen Autorität, der kirchlichen Führung und der Glaubensvermittlung blockieren sich gegenseitig, nicht aber unsere Reformarbeit. Nach wie vor machen wir den Mund auf, immer klarer handeln wie in eigenere Verantwortung; dabei gehen wir gemeinsam vor, und dies alles begreifen wir als das Erbe, das wir aus Konzilszeiten übernommen haben. Die Bischöfe werden sich noch darüber wundern, was sie mit dieser Großveranstaltung vor 50 Jahren angerichtet haben. Hans Küng erklärte ferner vor kurzem, die konziliare Freiheit klinge noch nach. Ich halte dagegen: Diese Freiheit ist inzwischen zum Selbstläufer geworden; sie wird erst aufblühen. Alle repressiven Maßnahmen der vergangenen Jahre haben engagierte Kirchenmitglieder nicht zum Schweigen gebracht, sondern zum wohlüberlegten Widerstand ermuntert. Insofern ist die wachsende Polarisierung zum Erfolgszeichen des Konzils geworden. Zum Friedhof lassen wir uns nicht degradieren.

(Vortrag vom 22.09.2012)