Überweltlich

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Der Papst fordert eine entweltlichte Kirche

Was für ein Thema und welch eine Gelegenheit! Da spricht der Repräsentant einer weltweit vernetzten Glaubengemeinschaft zur wichtigsten Frage, die Christen heute bewegt: Wie sollen wir uns in einer hochkomplizierten, orientierungslos gewordenen Welt verhalten? Was haben Christen in diesem mörderischen Chaos zu sagen? Wie koordinieren wir in dieser Weltsituation Glauben und Handeln, Aktion und Spiritualität, Weltgestaltung und hoffendes Gebet? Das innere Gleichgewicht vieler Kirchen droht an dieser Frage zu zerbrechen. Was also antwortet der Papst? Doch der Repräsentant sinniert, auf edlem Stuhl mit Papstwappen thronend, über die Entweltlichung der Kirche an sich. Offensichtlich meint er eine prinzipielle Freiheit von der Welt, einen mentalen und materiellen Rückzug aus ihr, denn „durch die Ansprüche und die Sachzwänge der Welt“ werde „die Botschaft relativiert“. Wir müssten uns von der „menschlichen Umwelt“ tief unterscheiden, mehr nicht. Ähnlich wie im Reichstag hinterließ er eine ratlose Hörerschaft. Thema verfehlt, eine einzigartige Chance vergeben?

Vielschichtige Faszination

So einfach ist die Frage nicht zu beantworten, denn für spirituell Interessierte entfaltet dieses Schlüsselwort eine vielschichtige Faszination. Es kann eine archaische Sehnsucht nach Rettung und Heil wecken. Nach Johannes sind die Glaubenden schlicht „nicht von dieser Welt“ und Paulus ruft zu drastischer Weltdistanz auf: Wer eine Frau hat, verhalte sich so, als habe er keine, denn die Zeit sei kurz. Doch kann dieser einschichtige Weltverzicht, später „Abtötung“ genannt, nicht unser Programm sein, denn ein apokalyptisches Weltende ist nicht unser Problem. Zu kurzschlüssig denkt auch die Gnosis, die den Leib zum Seelengrab erklärt und die Restwelt vergeistigen will. Zu zwiespältig reagiert schließlich Augustinus, dessen Jenseitssehnsucht die Wahrheit in einer unvergänglichen Überwelt ansiedelt. Das Mönchstum steigerte die Weltdistanz schließlich zur Weltflucht; Simeon, der Säulensteher, wollte dem Himmel geradezu physisch näherkommen. Mit der jesuanischen Botschaft von der Ankunft des Reiches hat auch dies nur wenig zu tun. Im Gespräch dagegen bleiben die Mystiker und die Meister der Innerlichkeit, die es in allen christlichen Perioden gibt. Sie verankern sich im Grunde ihres eigenen, zum Göttlichen hin offenen Geistes, können der Welt aber sehr nahe sein. Man sollte sich dies Eine aber merken: Ohne Verunsicherung an der Welt ist eine lebendige Religiosität auch heute kaum zu denken.

Bei Papst Benedikt, dem Platoniker und Augustinisten, dem Kenner existentialistischen Denkens, dem Freund des Gebetes und einer meditierenden Theologie haben all diese Entwicklungen ungeklärte Spuren hinterlassen. Umso unlösbarer wird die Frage, was er denn mit der Entweltlichung der Kirche meint. Seine Andeutungen sind sparsam, selbst (wie Heidegger sagen würde) entweltlicht. Deshalb wirken sie simplifizierend und nach rückwärts gewandt. Die katholische Kirche solle sich von materiellen und politischen Lasten befreien: Meint er damit die Kirchensteuer, staatliche Gelder oder weltlichen Besitz? Nur so könne diese Kirche unbefangen dem Nächsten dienen: Kritisiert er soziale und karitative Aktivitäten? Sie müsse sich von bloßer Taktik entfernen und totale Redlichkeit suchen: Findet er sie zu sehr in politische und andere Kalküle verstrickt oder soll die Theologie aus den Universitäten ausziehen? Klare Konsequenzen werden kaum sichtbar, kohärente Zusammenhänge und Auswirkungen nicht dargestellt. So bleiben die wenigen Hinweise des Papstes zufällig und flach. Auch nicht andeutungsweise stellt er die Gegenfrage, was die Welt für Christen wirklich bedeutet und wie denn eine verarmte Kirche aussähe. Von dem als großen Theologen und Philosophen Gepriesenen hätte man mehr als das erwarten können. Oder hat er etwas Anderes gemeint?

Von der Gegenwelt zur Überwelt

Die australische Theologin Tracey Rowland gibt einen wichtigen Hinweis: Statt Begriffe genau zu analysieren, arbeite der „Expressivist“ Ratzinger lieber intuitiv mit allgemein orientierenden Symbolen. Zudem habe er in Sachen Modernität und Politik nie eine geschlossene Theorie entwickelt. In der Tat, dort, wo es um Welt und Freiheit, alltägliches Handeln und Moral geht, neigt Papst Benedikt zu Negation und Ressentiments; man vergleiche seine Relativismusangst oder die ständige Warnung vor einer Anpassung an die Welt. So gesehen baut er, der alle Neuerungen als Verweltlichung begreift, nur ein konservatives Kirchenprogramm aus. Seit dem ökumenefeindlichen Vatikandokument DOMINUS IESUS (2001) wissen wir: Für ihn ist die (katholische) Kirche im eigentlichen Sinn von über-weltlicher Qualität. Das neue Programm der Entweltlichung meint also gut augustinisch: Die Kirche darf ihren über-weltlichen Rang nicht aufgeben. Man muss schon genau lesen: Formal wertet Ratzinger die Welt nie ab, deshalb fühlt er sich beim Vorwurf der Weltverachtung falsch verstanden. Aber er errichtet über ihr ein weiteres Stockwerk, ordnet ihr die Kirche also über. Wahre christliche Praxis, so heißt das dann in seiner Sprache, ergebe sich nicht aus der Solidarität und Denkgemeinschaft zwischen Mensch und Mensch, nicht aus der fundamentalen Option für die Armen, sondern aus dem Austausch (dem „commercium“, wie er in seiner Rede sagt) zwischen Mensch und Gott. Für ihn gilt diese vertikale Linie, alles andere bleibt ihr nachgeordnet. Die Welt an sich ist nicht schlecht, aber in einem „tiefen Sinn“ der Kirche unterlegen und durch die Sünde verdorben. Es gilt, diese unterlegen verdorbene Welt vom heiligen und unbeschmutzten Standpunkt der Kirche aus in den Blick zu nehmen und ihr göttliches Heil anzubieten.

So gehe ich hier gar nicht auf die eigentliche Frage ein, ob Ratzingers Kirchenkonzept haltbar ist und warum es dem biblischen Gedanken vom beginnenden Gottesreich widerspricht. Ich stelle nur fest: Gut vormodern und ohne jeden Selbstzweifel hält der Papst an einem statischen, vertikal geordneten Weltbild fest. So kämpft er seit vierzig Jahren gegen Windmühlen. Zur Debatte steht in unseren Tagen überhaupt keine Welt an sich, denn objektiv können wir sie nie in den Blick bekommen. Materie, Leiblichkeit, Welt, Kulturen oder unsere Gesellschaftssysteme stehen uns nie äußerlich gegenüber. In ihnen begegnen wir, wie wir täglich in den Nachrichten hören, nur uns selbst. Es gibt keine menschenfreie Natur oder Gesellschaft. Deshalb ist auch das Modell einer überweltlichen Kirche ebenso absurd wie die Illusion von ihrer Entweltlichung.

Wer heute von Entweltlichung spricht, muss schon konkret sagen, was er damit meint. Schon Rudolf Bultmann, der sich ausführlich mit der Entweltlichung bei Johannes und Paulus beschäftigte, bemerkte dazu lapidar: „Der Glaube ist nicht Weltflucht“, sondern „die Zerbrechung aller menschlichen Maßstäbe und Wertungen.“ Es geht nicht um möglichst viel Entzug von Welt, sondern um deren menschenfreundliche Gestaltung. Zur Debatte stehen also Lebenspraxen, Maßstäbe und Deutungen, die sich im Zusammenspiel von Welt und Menschheitszukunft ergeben. Konkrete Beispiele dafür gibt es genug. Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach zählt viele Selbstbindungen und Welt-Verstrickungen unserer Kirche auf. Er spricht von der Körperschaftskirche, der Arbeitgeber- und Bürger-Kirche, der Hoch- und Kultkirche, schließlich von der hierarchisch verfassten Männerkirche. Der Papst hätte sich schon vor dreißig Jahren besser mit den Ideen und der Praxis der Befreiungstheologie beschäftigt, statt sie von einem über-weltlichen Standpunkt aus in Grund und Boden zu verdammen.

Leidenschaftliches Weltengagement

Die Folgen eines solchen Lernprozesses wären dramatisch gewesen. Der Papst könnte im Jahr 2011 die inneren Widersprüche seines Kirchenapparates nicht mehr übersehen. Er müsste sich fragen: Hat die Welt einen solchen Triumphator überhaupt nötig? Mit welchem Recht ziehe ich als Staatsoberhaupt und mit einer Prachtentfaltung ohnegleichen durch die Lande? Warum muss mich ein Triumphwagen mit Hydrid- und fluchttauglichem Fluchtmotor begleiten? Er hätte sich seine golddurchwirkten Brokatgewänder vom Leibe reißen, seine purpurroten Kalbslederschuhe in die Menge werfen, die machttriefende Tiara aus seinem Staatswappen entfernen, den purpurtrunkenen Hofstaat nach Hause schicken müssen. Und sicher nähme er den Katakombenpakt (1965) zur Kenntnis, in dem sensiblere Bischöfe in aller Form auf eigene Paläste, auf goldene Macht- und Prachtsymbole verzichteten und sich der Armut verschrieben, um wenigstens ein Zeichen für den Neubeginn zu setzen. Die gesamte Kirchenelite im Konzertsaal hätte schlagartig begriffen, was Entweltlichung heute meint. Besser noch, er wäre diesem missverständlichen, weil nivellierenden und simplifizierenden Wort gleich gar nicht verfallen. Denn die Zukunft der Kirche liegt in einer Weltvision, die – gut biblisch und gut jesuanisch – der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zum Siege verhilft. Wer über solche Weltkritik voller Weltengagement mehr erfahren will, lese die Bergpredigt.

Allerdings verlangt solches Engagement auch eine spirituell-religiöse Basis. Moderne Religiosität und moderner Glaube können nur dort wachsen, wo uns die Frage aufschreckt: In welche Katastrophen wird uns dieses gnadenlose und menschenmordende Weltsystem überhaupt noch führen? Bedarf es nicht leidenschaftlicher Visionen, um mit dieser Frage zurecht zu kommen? Dabei erinnere ich mich an das Berliner Jüdische Museum mit seinen 49, sechs Meter hohen Stelen im „Garten des Exils“. Sie sind im rechteckigen, genau vermessenen Verbund angeordnet, aus ihnen wachsen Ölbäume. Aber alle stehen gemeinsam auf schiefem Grund. „Man empfindet eine gewisse Übelkeit beim Hindurchgehen“, sagt dazu der Architekt Daniel Libeskind, „doch das ist recht so, denn so aus den Fugen geraten fühlt sich die vollkommene Ordnung an, wenn man als Exilant die Geschichte Berlins hinter sich lässt.“ Genauso aus den Fugen geraten fühlt sich die Weltordnung an, wenn man der Millionen und Abermillionen von Opfern in Vergangenheit und Gegenwart gedenkt. Nur wer sich mit voller Leidenschaft in diese Weltgeschichte hineinbegibt, gewinnt die Erfahrung dieser leidgenährten und engagierenden Distanz. Sie allerdings hat nur noch wenig mit der päpstlichen Entweltlichung zu tun, die eine überweltliche Kircheninstanz über alles Andere erheben möchte. Vielmehr nährt sie sich aus dem prophetischen Gerechtigkeitsversprechen, das die gesamte Bibel durchzieht.

(ersch. in Publik Forum 2011, 33-35)