Kirchen in säkularisierten Kontexten

In einem Essay zu Leo XIV. versuchte ich, von den Zukunftschancen einer erneuerten Kirche ein nüchternes Bild zu entwerfen.[1] Meine These lautete: Weltweit durchzieht die römisch-katholische Kirche ein dichtes und komplexes Feld von starken, geradezu unüberwindlichen Angeboten, Motiven und Strukturen der Macht. Solange wir die Beharrungskraft dieser Vorprägungen nicht ins Visier nehmen, gar neutralisieren, gibt es keine Hoffnung auf eine erneuerte Kirche, auch nicht auf die vielfach beschworene Synodalität, welche die autoritären Verhältnisse eindämmen und eine Kultur der geschwisterlichen Teilnahme ermöglichen soll. Sie sind in diesen Dispositiven festbetoniert.

1. Misstrauischer Dualismus

Wie mir nämlich scheint, sind unsere Reformgruppen vor Ort auf diese Herausforderung des Systemabbaus nicht hinreichend vorbereitet, denn nach ihrer Wahrnehmung ist gerade dieses stabile, gesellschaftlich gefestigte Kirchensystem zu seinem Ende gekommen. Die Zeit der kulturellen Weltsynthese, welche die Kirchengemeinschaften durch ihre Geschichte trägt, ist unwiderruflich abgelaufen.

Aus ihrer Perspektive haben sie recht, denn schon seit Jahrzehnten erfahren unsere westeuropäischen Kirchen das Gegenteil, einen massiven und wohl unwiederbringlichen Relevanzverlust. Man denke an die massiv sinkende Anzahl der Kirchenmitglieder, den schwindenden Besuch der sonntäglichen Gottesdienste, den geringen Empfang der Sakramente, das erschlaffte katholische Vereinsleben, das ruinierte Ansehen der gesamten Institution angesichts der Missbrauchsverbrechen sowie die massiv sinkende Anzahl von Priestern, Ordensleuten und solchen, die einen pastoralen Beruf anstreben bzw. Theologie studieren.[2] Die Frage stellt sich, ob Gott in unserer Kultur nicht überhaupt verschwindet, weil er schlicht vergessen wird.

Doch welche Konsequenzen lassen sich daraus ziehen? Ich möchte hier keine spirituellen oder pastoralen Ratschläge geben; dazu fehlt mir die Kompetenz. Stattdessen beschränke ich mich auf den theologischen Fachdiskurs, der von der aktuellen Diskussion um Synodalität und Partizipation ausgelöst wurde. Dabei konzentriere ich mich auf die beiden Stichworte Kontext und Säkularisierung. Sie könnten für weitere Reformschritte fruchtbare Perspektiven eröffnen. Dabei sollen zunächst spannende, doch weithin ungeklärte kulturelle und soziale Unterschiede in den Blick kommen, welche die Kommunikation in unserer Weltkirche massiv belasten. Noch gravierender sind die tiefgreifenden Friktionen zwischen den Kirchen, die sich in religiös vitalen Kulturräumen aufgehoben wissen[3], und den anderen, die in weithin säkularisierten Kulturräumen zu Hause sind[4] Gewiss hat kirchenweit über diese Unterschiede eine intensive Reflexion eingesetzt. Doch meistens bleibt sie an der Oberfläche haften, so kommen die Darstellungen und Analysen kaum über die faktischen Differenzen und deren gegenseitige Kritik hinaus.

Das ist erstaunlich, denn alle Seiten bemühen gerne den relativ jungen Begriff der „Unterscheidung“, den Papst Franziskus in den Diskurs eingeführt hat. Doch faktisch bringt diese neue Wortwahl nichts Neues, denn sie ist in der traditionell dualistischen „Unterscheidung der Geister“ des Ignatius von Loyola stecken geblieben. Zwar leitet sie dazu an, die eigene Motivwelt differenziert zu beobachten, doch letztlich kennt sie nur einen guten oder einen bösen Geist, der diese Impulse steuert. Ignatius schildert auf der einen Seite das geordnete Heerlager Christi (dem ich zugehören soll), auf der anderen Seite den wilden Kriegshaufen (der in seinem endgültigen Kampf auf Satan hört). In dieser Tradition kann ich also nur zwischen christlichen und satanischen Antrieben wählen. Dabei kommen die jeweils Andersdenkenden immer in den Verdacht, den wahren Glauben zu verraten. Wer bei dieser Konstellation nicht zu Tische sitzt, landet auf der Speisekarte. In seiner Relativismusphobie hat etwa der Chefkoch J. Ratzinger diesen Mechanismus mit Eifer vorangetrieben.

Doch angesichts der zahllosen Kulturen und Welterfahrungen, denen wir heute intensiver denn je begegnen, sowie angesichts der unseligen Folgen von Rassismus, Imperialismus und Sexismus, sollten wir diese gewaltträchtige Unterscheidung endlich überwinden. Es geht darum, die fälligen Unterscheidungen nicht alternativ, sondern unter kontextuellen und säkularen Gesichtspunkten programmatisch zur Kenntnis zu nehmen. Alles andere führt (auch in den Kirchen) zu einem destruktiven Fanatismus.

 Genau besehen kennt eine religiöse Glaubenssprache ja keine objektiven und eindeutigen Definitionen, wie die christliche Tradition nahelegt, sondern nur gemeinschaftliche oder individuelle Zeugnisse. Natürlich wollen und sollen sie wahr sein. Aber ihre vielschichtigen Aussagen integrieren immer „Wege, Wahrheit und Leben“ (Joh 14,6). Zur Debatte steht also immer eine konkret gelebte und erfahrene, eine erhoffte, erlittene oder tröstende Wahrheit. Sie bewegt sich, wie sollte es anders sein, immer in konkreten, vielfältigen, d.h. nie eindeutigen Zusammenhängen (in der Fachwelt Kontexte genannt), die sich ändern können, je nach Situation einen anderen Bedeutungsüberschuss erzeugen und andere politische und soziale Wirkungen erzielen. Gemeint sind die ungeheuer vielschichtigen Zusammenhänge von kultureller, sozialer und historischer, aber auch biologischer und biographischer Art, die unser Leben in ihrem Alltag und in ihren Grenzsituationen bestimmen. Wer die konkrete Wahrheit solcher Aussagen also sachgemäß verstehen, nachvollziehen und deren verbindlichen Charakter erfahren will, muss diese Umfelder mit in den Blick nehmen, mit Empathie zu verstehen suchen und sich überlegen, was konkret die betroffenen Menschen mitteilen wollen, was den Menschen guttut, worauf sie hoffen und was sie zerstört. Ohne diese Kontextualität gibt es auch keine Synodalität, weil eine Teilhabe nur im Rahmen der Gesamtumstände möglich ist. Im Umkehrschluss kann es nach menschlichem Ermessen auch nicht die einzig mögliche, gar überzeitliche Aussage des Glaubens geben. Sie könnte die gebotene Vielfalt eines gelebten Lebens nur unterdrücken.

Meines Wissens hat die erste Generation der Befreiungstheologie diesen Zusammenhang zum ersten Mal in den Blick genommen und deshalb eine „kontextuelle Theologie“ eingefordert, dies als Reaktion auf ein autoritäres und monokratisches Lehramt, das nach dem 2. Vatikanum alle neuen Aufbrüche abschmetterte. Die feministische Theologie hat den Ansatz übernommen. Unterschiedliche Wahrheitssysteme, so die neue Botschaft, sind auch innerhalb der katholischen Kirche nicht nur legitim, sondern notwendig. Ich nenne diese erweiterte Unterscheidung kontextuell oder synodal.[5]

Wer in unserer Kirche also eine gesprächsoffene Kultur sucht, sollte zunächst neugierig werden und sich weltweit auf die Suche begeben nach den gelebten und erlittenen Kontexten unserer Gemeinschaften und ihren Geschichten. Sie werden sich immer wieder überschneiden, deshalb nie auseinanderfallen, stattdessen ihre eigenen Deutungen und Orientierungen ausbilden. Diese kontextuelle Horizonterweiterung entzieht dem eingefleischten, im Grunde empathielosen, doch allgegenwärtigen Misstrauen in Sachen Glaubenstreue den Boden. Für die Zukunft der christlichen Kirchen und anderer Religionen ist das bitter nötig.

2. Säkularisierte Kontexte

Allerdings hat sich zumal in westeuropäischen Kulturräumen ein Phänomen herausgebildet, das religiöse Menschen und religiös vitale Kulturen zutiefst irritierten kann. Es ist ein Kontext ganz eigener Art, und weil er Religionen und Religiosität auf eine besondere Probe stellt, löst er nachhaltige Ängste aus. Auf den ersten Blick verhält er sich zu allen Formen religiösen Glaubens wie Feuer und Wasser. Gemeint sind die Prozesse der Säkularisierung, die inzwischen alle Sektoren zumal unserer westlichen sowie der skandinavischen Gesellschaften erfasst haben.[6] Was ist da passiert?

Säkularisierung meint nicht einfach den (teilweisen oder umfassenden) Verlust von Religion und Religiosität. Gewiss, auch ihn kann es geben; schlimmer noch, viele Mitmenschen erfahren ihn nicht als Mangel, sondern als ein simples Vergessen oder als Befreiung von ideologischer Bevormundung, als Entdeckung ihrer Mündigkeit. In meiner Umgebung erfahre ich Säkularisierung als einen gesellschaftlich spürbaren Bindungsverlust von ausdrücklich (oft normierten) religiösen Gesten, Gebeten, Gewohnheiten, von Institutionen, insbesondere auch der kirchlichen Institutionen vor Ort und auf überregionaler Ebene. Deshalb unterscheide ich Säkularisierung von allen Formen einer inneren, individualisierten Religiosität, also auch einem fundamentale Vertrauen auf den Sinn des Lebens, auch wenn eine säkularisierte Umgebung diesem Vtrauen keinen Schutz mehr bietet.

Auch sind religiöse Menschen nicht einfach gläubig und die Säkularisierten einfach gottlos, denn Religiosität und Sinnerfahrung lassen sich nicht auf dingliche, eindeutig benennbare Phänomene einengen, die beziehungslos existieren. Religionen beschreiben nichts, sondern interpretieren aus transzendenten Perspektiven, und selbst religiöse bzw. sinngebende Deutungen ermöglichen nur einen indirekten, weil symbolischen, metaphorischen oder erzählenden Zugriff.

Wir müssen uns der Religiosität also vorsichtig nähern, weil jede Religion und Religiosität mit fließenden Übergängen beginnt. Da verdichten sich elementare urmenschlichen Gesten, Gebräuche, Erfahrungen und menschliche Begegnungen, Ängste und Hoffnungen, die etwas Grenzenloses anzielen (aber nie wirklich erreichen können). So gesehen sind Religion und Religiosität immer schon da, bevor wir sie feststellen und thematisieren können, so wie wir einen schwimmenden Eisberg über dem Wasser nur zusammen mit den 90% des abgetauchten Eises kennen. Gott und das Heilige sind kein „Zusatzprodukt“, das durch Religiosität einfach hinzukommt, sondern reine Gegenwart, Energie, Überschreitung, Unterbrechung oder eine grundlose Erfüllung, umfassende Überschreitung, die sich nach biblischer Interpretation als ansprechbare Person offenbart. Es geht allem voraus, Weshalb auch die Gottesbeweise, wohl verstanden, immer zu spät kommen. Eberhard Jüngel hat dies einmal auf die kluge Formel gebracht, Gott sei nicht notwendig, sondern „mehr als notwendig“. Doch auch bei dieser stolzen Behauptung ist einzugestehen, dass sie sich nie in neutraler Objektivität bewegt. Der Nerv der Frage konzentriert sich ja nicht in der sachlichen Beweisbarkeit religiöser Aussagen, sondern in ihrer faktischen Überzeugungskraft und einer existentiellen Akzeptanz.

Warum aber kann diese Erfahrung dieses Unberührbaren, uns alle Umgreifenden, überhaupt verschwinden? Wie also kommt die Säkularisierung einer Kultur zustande, die vormals doch ebenfalls ihre religiösen Strukturen kannte? Ich weiß nicht, ob auf diese Frage jemand je eine Antwort formuliert hat, die rundum überzeugt. Vorauszusetzen sind gewiss (wir kennen ja die Schlagwörter) eine starke Individualisierung und Pluralisierung unserer Gesellschaften, die mediale Überforderung unserer sinnlichen, emotionalen und intellektuellen Wahrnehmung, also die enorme Überanstrengung und Steigerung aller Potentiale, sodass einer zweckfreien Sinngebung unseres Lebens kaum mehr ein Raum bleibt. Doch dies alles muss nicht zur Säkularisierung unserer Kultur führen, weil genau diese Abnutzungen das Bedürfnis nach einer zweckfreien Sinnfrage nur noch steigern. So können wir etwa in Japan und in hochindustrialisierten buddhistischen Ländern eine blühende Religiosität erleben.

Entscheidend ist für mich folgende Beobachtung: Spätestens seit Nizäa (325) teilt die christliche Religion ihre Botschaften primär in machtfreundlichen, autoritären, ausgesprochen vordemokratischen Signalen mit. Da geht es um Königtum und Herrschaft, Sieg und Niederlage, um Opfer und Sühne. Hinzukommen ein massives, geradezu traumatisierendes Schuldbewusstsein, um Niedrigkeit und Erhöhung, um ein Gericht mit Freispruch oder Verdammung. Gewiss kennen wir auch die menschenfreundlichen Töne, den Zuspruch von Liebe und Vergebung, doch sie bleiben in Versagensängste und Drohungen eingetaucht. Ähnliches gilt für die Selbstdarstellung der streng geregelten Gottesdienste. Trotz gegenteiliger Beteuerung entpuppen sie sich gerade nicht als ein gemeinschaftliches Handeln. Vielmehr werden sie von Amtsträgern in standardisierten amtlichen Handlungen an uns, vor unseren Augen vollzogen. Selbst am Altar wird der spezifische Rang der (immer männliche) Vorsteher noch zur Schau gestellt. Das alles ist nicht mehr anschlussfähig an die demokratische Grundordnung und demokratische Gesinnungen, diese unbestrittenen gemeinsamen Kontexte unserer Gesellschaft

Auch die Glaubensbekenntnisse sind streng vorgegeben. Sie präsentieren sich nicht als möglichst authentisches Zeugnis der in Freiheit versammelten Gemeinde, sondern als eine kirchenamtlich verbürgte Mitteilung offizieller Instanzen. Im Einklang damit agieren auch die umfassenden Kirchengemeinschaften (Pfarreien, Diözesen oder Landeskirchen) wie wohlgehordnete, staatsanaloge Großinstitutionen. Die Bischöfe und Superintendenten unterhalten zu ihren Kirchenmitgliedern in der Regel keine persönlichen Beziehungen und wer kennt sie wirklich, ist schon an ihrer Wahl beteiligt?

Diese strukturellen Vorgaben führen dazu, dass die Kirchenmitglieder ihre Religionsräume nicht mehr die Orte ihrer religiösen Identität erfahren, und die Folgen sind verheerend, mit der Aufhebung einer jeden Pfarrgemeinde noch verheerender. Dieser für die betroffenen Gesellschaften enorme Sprach-, Wahrheits- und Kulturverlust muss zum gesellschaftlichen Religionsverlust führen. Die Säkularisierung wurde nicht von einer gottfernen Gesellschaft, sondern von einer menschenfernen Kirche herbeigeführt.

Doch muss diese Entwicklung nicht mit diesem enttäuschenden Ergebnis enden; dafür sprechen zwei Gründe. Zum einen hat jeder äußere religiöse Vollzug auch eine Innenseite, eine spirituelle oder mystische Dimension. Sie muss mit dem äußeren Religionsverlust nicht verschwinden. Sie kann sich fortsetzen etwa in existentiellen Haltungen, Grundorientierungen und Weltinterpretationen, die ich hier summarisch als Religiosität charakterisiere. Doch genau sie entzieht sich dem öffentlichen Zugriff; scheut die öffentliche Darstellung. Ihre Mitteilung mündet in bedeutungsoffene Gesten, paradigmatische Geschichten, oft auch in ein nachsinnendes Schweigen. Die Sinnsucherinnen und Sinnsucher möchten zu sich, zur inneren Ruhe kommen, ihre Seele (also ihre verletzliche Identität) vor Übergriffen schützen. Dabei muss die Anrede von Gott nicht unbedingt verschwinden, aber sie wird indirekter, denn sie soll intimer, ein sparsam verwendeter Schatz bleiben. Er soll die Menschlichkeit in ihrer Authentizität und Unzerstörbarkeit hütenl. Augustinus beschwört die innere Einheit von „Gott und meiner Seele“ (Deus et anima mea) und das Evangelium sagt: „Plappert nicht wie die Heiden“ (Mt 6,7).

Gerade bei dieser religiösen Sparsamkeit ist der Verzicht auf eine machtaffine und entmündigende Sprache hilfreich. Was tun, wenn uns die überreiche Sprache der Religion nicht mehr über die Lippen kommt, weil sie paternalistisch geprägt und ihre Bilderwelt uns fremd geworden ist? Wir müssen in diesem Mangel nicht verhungern, denn unsere säkulare Welt, die innere wie die äußere, sind voll von Staunens- und Nachdenkenswertem, von Fingerzeigen auf Überschuss und unverdientes Glück, voll von Wegen zu uns selbst. Wir können unverdiente Liebe und Treue ebenso erfahren wie das unerwartete Glück, das man von einer guten Religion erhofft. Aus Unglück und Verzweiflung können wir auch in säkularen Kontexten wieder Rückwege finden. Schließlich kann uns – wie in einer menschenfreundlichen Religion – die Frage überkommen, wie wir das alles verdient haben. Im Laufe des Lebens können wir entdecken, dass solche unerwarteten Welt- und Heimreisen unsere Grenzen immer wieder erweitern. Sie führen schließlich zur Frage, wer wir eigentlich sind, wo wir herkommen und wohin wir gehen.

3. Göttliches erfahren? (Exkurs)

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hier eine Klarstellung eingefügt. Ich möchte hier nicht jedes beeindruckende oder erschütternde Erlebnis zu einem religionsaffinen Ereignis hochstilisieren. Eine Liebesromanze bleibt eine Romanze und die Freude über einen Erfolg, eben ein Erfolgserlebnis. Doch ganz offensichtlich gibt es in seiner Abfolge auch herausragende Kernerfahrungen, deren Qualität den Rahmen alltäglicher Erlebnisse sprengt. Sie können sich unerwartet einstellen und eine Dynamik erreichen, die ein Leben und seine Grundorientierung ändern; im christlichen Raum spricht man von Bekehrung. Ich denke (um zunächst unverdächtige Zeugen zu nennen) an die Bekenntnisse des Augustin die aus einer epochalen Tiefenerfahrung heraus geschrieben sind. Ich erinnere an Blaise Pascal, der in seinem mémorial von seiner bahnbrechenden Erfahrung spricht. Er fasst sie zusammen mit dem Ruf Feuer sowie mit dem Jubel Freude, Freude, Freude, Freudentränen. Dies erinnert an die biblische, ebenfalls säkulare Vision von einem Dornbusch, der nicht aufhört zu brennen (Ex 3,1.4).

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, Ein Freund macht mich etwa auf den französischen Philosophen A. Comte-Sponville aufmerksam, der schon 2006 solchen Erfahrungen nachgeht. Neben zahlreichen anderen Quellen verweist er auf das Ozeanische Gefühl bei Sigmund Freud, auf die Erfahrung der Ewigkeit  bei Spinoza sowie auf seine eigene Schlüsselerfahrung, die sich zum ersten Mal bei einem Waldspaziergang einstellt. „Dann gab es nichts anderes mehr als das Spazieren, den Wald, die Sterne, die Freunde … kein Ego, keine Trennung, keine Darstellung oder Vorstellung … nur noch Wirklichkeit. Keine Zeit mehr … nur noch Gegenwart. Kein Nichts mehr … nur noch Sein. Keine Unzufriedenheit, keinen Hass, keine Furcht, keinen Zorn, keine Angst … nur noch Freude und Frieden.[7]

Das sind Zeugnisse, die am Ende Gott nennen, sich positiv oder negativ auf ihn beziehen. Doch es gibt auch andere Zeugnisse (heute vielleicht noch wichtiger), die bewusst im säkularen Kontext verbleiben und die Frage nach Gott in der Schwebe lassen.

Rainer M. Rilke schreibt in seinem Gedicht über den Archaischen Torso:
      Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du muss dein Leben ändern.

Und vor einiger Zeit wurden die Worte bekannt, mit denen sich die sterbende Frau des Philosophen Wilhelm Schmid von ihrem Mann verabschiedete:
      Ich komme aus dem Land jenseits der Worte, dort gehe ich hin –
      da wirst du mich finden.

Und da gibt es den unendlichen Kosmos der Dichtung und Literatur, die in tausend Formen ums Unaussprechliche kreist, ohne jede Deutungsrichtung vorzugeben. Die Wirklichkeit spricht aus sich, indem sie sich nicht auf einer Metaebene erklärt. Gerade dadurch bringt sie uns dem unausweichlichen Geheimnis nahe.[8]

Michel Krüger beschwört die Ambivalenz des Glaubens:
      Ach, wissen Sie,/
      auch ohne ihn / haben wir viel zu tun./
      Manche in der Gemeinde / haben ihn schon vergessen./
      Anderen fehlt er. Sehr. /
      War es besser mit ihm?/
      Der Trost drang tiefer, / und die Scham darüber,/
      geboren zu sein, / ließ sich leichter / verbergen

Horst Bieneck fordert die Kraft des Wortes heraus:
      Wörter / meine Fallschirme, / mit euch / springe / ich /  ab./
Ich fürchte nicht die Tiefe, / wer euch richtig / öffnet,/
schwebt.

Und Rose Ausländer verortet uns im Sichtbaren und Unsichtbaren
      Über dir / Sonne Mond und Sterne./
      Hinter ihnen / unendliche Welten /
      Hinter dem Himmel / unendliche Himmel./
      Über dir / was deine Augen sehen/
      In dir / alles Sichtbare / und /
      das unendlich Unsichtbare.

 Genau besehen setzen alle diese Erfahrungen, vielen Jesuserzählungen vergleichbar, keine Religion voraus, obwohl sie oft auch wie selbstverständlich mit religiösen Erfahrungsräumen verschmolzen sind. Streng genommen haben sie auch keinen Religionsraum nötig. Im Gegenteil, oft genug weisen sie ja daraufhin, dass das Göttliche selbst im unaussprechlichen Geheimnis verbleiben muss, weil es allen Religionen vorausgeht.

Doch genau darin steckt die große Chance unserer säkularisierten Situation. Sobald nämlich die veramtlichte Religionssprache im säkularisierten Kontext keinen Anschluss mehr findet, sobald etwa das christliche Glaubensbekenntnis für viele gegenstandslos geworden ist, kann eine religionsscheue, gleichwohl erfahrungsgesättigte Sprache neue Räume öffnen und neu schaffen. Erfahrungen werden nicht beschrieben, sondern herbeiführt.[9]

Unsere säkulare Sprache kann also für das Grenzverlegende, das Unsagbare, das Weltüberschreitende sensibel sein. Dann endet sie gerade nicht an wohldefinierten Linien, sondern lädt zur Erkundung des Unsagbaren ein. Sie kann in ihrer Erfahrungswelt das Religiöse so eng berühren, dass sie sich dem unsagbaren Schweigen öffnet. Sie braucht „Gott“ nicht mehr zu nennen, weil das Unsagbare schon immer aufgerufen ist.

Genau besehen gibt eine säkular konnotierte Sprache das göttliche Geheimnis also nicht auf, sondern weckt das Gespür für dessen lebensnahe Wirklichkeit, über die wir doch nicht verfügen können. Sie lädt dazu ein, das Heilige in der Welt der Sache nach, nicht einfach dem Worte nach aufzuspüren und in unserem Leben zu verorten. Damit entpuppt sich die Last des religiösen Relevanzverlusts als eine große Chance. Sie könnte dem gesamten Christentum guttun. Nur die Säkularisierung des Religiösen kann verhindern, dass es in ein weltfernes Jenseits abgeschoben wird.

4. Werbende Minderheit

Warum aber hat die spanungsreiche Entdeckung des Säkularen einem offenen und dialogbereiten Gesprächsstil keinen Schub verliehen, den Abschied von einer misstrauischen Glaubenskontrolle nicht eingeleitet? Warum sind im Gegenteil unsere Glaubensdiskurse nur härter und impertinenter geworden? Warum haben auch Hierarchen noch immer nichts gelernt?

Die Antwort liegt auf der Hand. Aus ihren bisherigen Erkenntnissen um Kontextualität und Säkularisierung hat noch keine Gruppe konkrete Konsequenzen gezogen. Auch die Progressiven, die selbsternannten Protagonistinnen der Erneuerung, sollten sich kritisch überprüfen. Oft fühlen wir uns deshalb schon als die Besseren, weil wir die die Progressiven sind, die Hl. Schriften kritischer interpretieren und die Machtspiele der Herrschenden durchschauen. Auch den religiös vitalen Kulturräumen fühlen wir uns geistig überlegen. Wir wollen nicht verstehen (und im Grunde interessiert es uns nicht), dass und warum sich seit einigen Jahrzehnten gegen unsere doch so fortschrittlichen Einsichten erbitterte Widerstände aufgebaut haben. Wir erklären sie uns nur durch geistige Trägheit, unchristliche Gesprächsverweigerung oder gar bösen Willen. Wir vergessen zu schnell, dass auch ihre „überholten“ Konzepte und Positionen einmal in der gesamten Kirche plausibel waren, glaubensstark vertreten und einstimmig durch die Jahrhunderte getragen wurden. Vor allem haben wir uns einzugestehen: Gerade die Texte des hochgerühmten 2. Vatikanum (1962-65), auf die sich nahezu alle Seiten berufen, haben sich an Schlüsselstellen um fällige Klarstellungen und Korrekturen gedrückt. In fahrlässiger Weise ließen sie unverträgliche Positionen nebeneinander bestehen.

Deshalb haben uns auch wir „Fortschrittliche“ zu fragen: Gehen wir sensibel genug um mit dieser zwiespältigen Wertewelt, aus der auch wir herkommen? Sind wir noch auf die widerständigen Motive unserer Kritikerinnen und Kritiker in besten neugierig, nehmen wir sie gesprächsbereit zur Kenntnis? Haben wir uns gefragt, welche Zweifel wir bei ihnen durch geduldiges Erklären noch zerstreuen  können? Vermutlich spiegeln die opponierenden Gegenparteien uns ja nur die inneren Widersprüche wider, die wir Progressive emotional, intellektuell oder in unserer Selbstkritik noch immer verdrängen, statt sie ehrlich und sorgfältig aufzuarbeiten.

Diese Gesprächssituation verschärft sich noch dadurch, dass die säkularisierten Kulturräume (zu denen wir gehören) in der Gesamtkirche bei weitem in der Minderheit sind. Die katholische Kirche Deutschlands etwa bringt es in ihr nur etwa auf 1,4%. Gewiss sind unsere Anliegen dringlich, dennoch steht uns im Weltgespräch eine große Bescheidenheit an, ein Ton, der eher wirbt, erklärt und um Verständnis für unsere Situation bittet‚ Dieses werbende Bemühen habe ich in den vergangenen Jahren kaum entdeckt. Während des deutschen „synodalen Wegs“ (2019-2023) in Deutschland etwa hat man mehr aufeinander ein- und aneinander vorbeigeredet als miteinander kommuniziert. Ich entdeckte keine (vielleicht inoffiziellen) Gesprächskreise, die sich miteinander im Bemühen trafen, offene Details oder Missverständnisse auszuräumen. Die offiziellen Papiere waren viel zu schnell auf Konsense ausgerichtet, denen die offene Lernbereitschaft fehlte.

Umgekehrt macht sich dieselbe Oberflächlichkeit auch unter den Organisatorinnen und Organisatoren des von Rom gesteuerten „Synodalen Prozesses“ bemerkbar. Auch ihnen ist nicht bewusst, zu welch tiefgreifenden und einschneidenden Konsequenzen das Ziel einer wirklich synodalen Kirche führen muss, welches Ausmaß an Umkehr den Beharrenden, Progressiven und Gleichgültigen abverlangt wird. Die konsequente Umkehr zu einem Modell, das synodalen, vorbehaltlos partizipativ, von jedem m Absolutismus gereinigt ist, lässt sich eben nicht übers Knie brechen. Sie erfordert Jahre der Umstimmung, des Umlernens und des neuen Einverständnisses. Sie kann nur gelingen, wenn den Kirchen vor Ort zunächst eine lange Zeit der inneren Emanzipation eingeräumt wird. Zur neuen Freiheit der Christen gehört eben auch die innere Distanz zu den vorgegebenen Dispositiven, die uns noch immer zu Sklavinnen und Sklaven von spätantiken, mittelalterlichen und weltlich imperialen Vorstellungen degradieren. Nach aller Voraussicht, stehen uns schwierige Diskussionen und endlose Verständigungsversuche bevor. Solange sich die universale Kirchenleitung zudem noch vorbehält, notfalls von oben her einzugreifen, kann kein synodaler Geist entstehen.

5.Kirchwerdung neu

So stehen bei einer neuen Kirchwerdung auch dem neuen Papst große Aufgaben bevor. Zunächst müssen die unterschiedlichen Kulturräume zu sich selbst finden. Sie müssen es lernen ihre Positionen tastend, aggressionsfrei und ohne exklusiven Anspruch auszubilden. Erst danach könnten die unterschiedlichen Kulturräume ihre vor-gefassten Konzeptionen miteinander konstruktiv austauschen, um zu universalen Einverständnissen zu kommen. Die Kirchenleitungen aber sollten sich bitte nicht mehr als Garantinnen einer vermeintlichen Einheit, sondern als Beschützerinnen einer gesprächswilligen Vielfalt verstehen. Schließlich muss allen klar werden: Die Wahrheit der christlichen Botschaft liegt nicht in klar definierten und rechtlich kontrollierbaren Aussagen, sondern in einer starken Symbolwelt, deren Wahrheit sich aus ihren konkreten Kontexten ergibt, in denen sie leben.

Es gibt ist also viel zu tun. Im Sinne dieser neuen, wirklich synodalen Kirchengemeinschaft wäre es besser, wenn die kommenden Päpste sich nicht mehr in feudaler Manier hochbedeutsame und ehrfurchtgebietende Namen überzustülpen, so als würden sie durch die Papstwahl und nicht durch die Taufe zu neuen Menschen. „Papst Prevost“ würde gut synodal zu einem Amtsträger passen, der unser Menschsein und unsere Menschlichkeit sowie unsere Kontexte mit uns teilt. Ein Bruder Robert wäre mir in Rom lieber als „Seine Heiligkeit Leo“ in der 14. Kopie.

Anmerkungen

[1] https://www.hjhaering.de/der-loewe-des-vatikan/

[2] Jan Loffeld, Fehlt da was? Was erwarten sich Menschen heute vom Glauben, und was kann er bieten? Eine nüchterne Bestandaufnahme von Religion und Kirche in säkularen Zeiten, in: Publik Forum 13/2025, 32-35, ders., Der nicht notwendige Gott. Die Erlösungsdimension als Krise und Kairos inmitten seines säkularen Relevanzverlustes, Würzburg 2020.

[3] Man denke vor allem an die Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika, in gewissem Maße auch an Nordamerika.

[4] Man denke vor allem an die Kirchen in Deutschland, Österreich, die Niederlande, die Schweiz oder die skandinavischen Länder.

[5] Diese Unterscheidung führt weder zu einem theologischen Relativismus noch zerstört sie die Einheit der Kirche, denn schon Thomas von Aquin konnte (mit epochaler Zustimmung und lange vor Kant) entdecken, dass wir alles nur gemäß unseren Auffassungsgaben rezipieren können, Bis zum Überdruss beschwor schon im theologischen Grundstudium meine Generation den ihm zugeschriebenen Grundsatz: Quidquid recipitur, ad modum recipientis recipitur (Alles , was empfangen wird, wird in der Weise des Empfangenden empfangen).

[6] Auf die breite und hochdifferenzierte Diskussion des Phänomens „Säkularisierung“ ist hier nicht einzugehen. Sicher scheint mir jedoch, dass Max Webers These von der konsequenten „Entzauberung“ aller Gesellschaften durch die Wissenschaften kaum mehr überzeugt. Dennoch lassen sich die tiefgreifenden Säkularisierungsprozesse in unserem Kulturraum nicht kleinreden.

[7] André Comte-Sponville, Waran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott, Zitat S. 184.

[8] Die folgenden Fundstücke stammen aus: Karl-Josef Kuschel, Helmut Zwanger (Hgg), Gottesgedichte – ein Lesebuch zur deutschen Lyrik nach 1944, Tübingen 2011

[9] Anselm Grün, Tomáš Halik, Gott los werden. Warum der Glaube den Unglauben braucht, Freiburg 2019.

Letzte Änderung: 29. August 2025