Weltethos – ein Beitrag zum Weltfrieden?

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Zur Eröffnung der Weltethos-Ausstellung

I. Egoismus als Leitidee der Gegenwart

Auf die Bitte, zur Eröffnung der Weltethos-Ausstellung zu sprechen, gab ich wohlgemut eine Zusage; Routine-Angelegenheit, dachte ich. Doch am späten Abend des 21. Februar war es mit dieser Gelassenheit vorbei. „Sind wir auf dem Weg in die Ego-Gesellschaft“, lautete das Thema bei Reinhold Beckmann, Gesprächsgegenstand war ein Buch von Frank Schirrmacher mit dem Titel „EGO. Das Spiel des Lebens“, mit dem ich schließlich das Wochenende verbrachte. Was ich als interessierter Laie gelernt habe, war erschreckend.

1.1 Vom Kalten Krieg zu den Finanzmärkten

  • Stichworte (PPPräsentation)
    Siegen oder untergehen
    Angst macht vernünftig
    Spiel ohne Moral

Nach dem Ende des Kalten Krieges hat die Finanzwelt deren Spieltheorien übernommen. Sie bestimmen nicht nur die großen Finanzmärkte der Welt, sondern in wachsendem Maße die Politik und das Bewusstsein unserer zivilen Gesellschaft, d.h. unser Alltagsverhalten. Das Problem ist nicht, dass wir unmoralischer geworden sind; diese wohlfeile Klage hilft nicht viel weiter. Dieses neue Welt- und Menschenbild bestimmt mehr und mehr unser Unterbewusstsein, hat sich also –übrigens bei religiösen Menschen – von allen moralischen Überlegungen abgespalten. Dabei spielen gemäß Schirrmacher zumal die elektronischen Medien, die im Sinne eines „Informationskapitalismus“ organisiert sind, eine entscheidende Rolle. Das bedeutet, dass sich die Mentalität des Kalten Krieges zunächst im Finanzsektor, dann in der Politik, schließlich im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt hat; wir sind alle zu skrupellosen und kalten Kriegern geworden:
(1) Uninteressant ist, was der Partner in Wirtschaft, Politik oder Alltagsleben ist, denn wir müssen in unserer Lebenswelt siegen, deshalb ist ein jeder Kontrahent als reiner Egoist und nur als Egoist anzusehen. Er ist prinzipiell ein Monster, das uns bedroht. Deshalb ist er nach Möglichkeit als Konkurrent auszuschalten.
(2) Wer ich bin und was ich mir vielleicht wünsche, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, was ich faktisch tue und wie ich auf den anderen wirke. Nur so ist eine klare Ansage möglich, wird er für mich berechenbar. Denn die pure Existenzangst und nur sie zwingt mich und die anderen zum rationalen Handeln.
(3) Unser Verhalten ist also nach dem Modell eines Spiels zu regeln. „Spiel“ lautet die Metapher nicht, weil es da besonders lustig zugeht oder weil ich Entspannung und Kommunikation suche. Im Gegenteil, bei einem Spiel und innerhalb von dessen Regeln kann und muss ich alle moralischen Regeln und Rücksichtnahmen vergessen. Wer etwa beim Mensch-ärgere-dich-nicht oder beim Schach gewinnen will, muss immer voraussehen, wie der Gegner handeln wird. Es kommt darauf an, ihm solange keine Chance zu geben, bis er schachmatt gesetzt ist. Rührseliges Mitleid hat im Spiel nichts zu suchen. Inzwischen ist das Leben zu diesem Spiel geworden.

Die Botschaft der Spieltheorien lautet also: Gib für das Spiel des Lebens deine moralischen Regeln und Gefühle an der Garderobe ab. Hinzu kommt, dass die großen Finanztransaktionen, etwa der Hedgefonds, inzwischen nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen mit ihren spieltheoretisch ausgerichteten Algorithmen in tausendstel Sekundenbruchteilen ausgeführt werden, sodass der Plan immer mehr zur Jetztzeit wird. Was für einen Einfluss soll der Finanzjongleur dabei noch haben? Als eine Journalistin einen Trader fragte, wie das alles zu verantworten sei, hat er sie in einen abgeschotteten Raum mit der Bemerkung geführt: „Hier, frage den Computer“. Das Handeln hat sich aus den Hirnen in die Rechenmaschinen verlagert. Zwar entwirft das Hirn noch die Algorithmen, ansonsten bleiben Börsencrashs und Finanzkrisen den Rechnern selbst überlassen.

Natürlich erfährt Schirrmachers pessimistische Darstellung auch scharfen Widerspruch, die Finanzmärkte, so könnte man entgegnen, haben sich immer wieder erholt und es sei Schuld der Politik, wenn sie dieses Raubtier nicht zähme. Warum baut man keine Transaktionssteuern oder wenigstens Geschwindigkeitsbremsen ein? Das kapitalistische Weltsystem könne sich immer wieder erholen und habe uns schließlich einen noch nie dagewesenen Wohlstand beschert.

Aber so sicher ist das alles nicht. Wir wissen ja auch nicht, ob der Westen den kommunistischen Osten wirklich kraft seiner Spieltheorien besiegt hat oder ob dieser an seinen inneren Widersprüchen zugrunde ging. Schließlich galt dort dasselbe unerbittliche Freund-Feind-Prinzip. Aber unbestritten sind die Auswirkungen dieses auf Egoismus getrimmten Denkens, die heute nicht mehr zu leugnen sind und die sicher auch in diesem Gymnasium gespürt und diskutiert werden. Schließlich trägt es den Namen des Pädagogen, Psychologen und Ethikers Eduard Spranger, der vor 50 Jahren (im September 1963) in Tübingen gestorben ist.

1.2 … zu Politik und ziviler Gesellschaft

  • Stichworte
    Selbstdarstellung
    statt Fakten
    Ansehen statt Sachkonfrontation
    „Loser“ wird zum Werturteil

Dass die Macht der Finanzwelt die Politik heute immer mehr in ihre Zange nimmt, ist kein Geheimnis. Die logische Antwort auf dieses Problem lautet, wie bekannt: Die Politik muss in globaler Übereinstimmung ihre Priorität endlich wieder durchsetzen. Wirklich? Das ist ja nicht nur eine Frage der Durchsetzungskraft, sondern zuvor eine Frage des eigenen Denkens. Nach welchen Prinzipien will die Politik die Zusammenhänge gestalten? Schirrmachers Antwort: Dazu ist sie kaum mehr fähig, denn Politik und zivile Gesellschaft sind – bis hinein in die Wertewelt von Heranwachsenden – schon von einem informationskapitalistischen Denken durchsetzt.
(1) Gesagt wird nicht mehr die Wahrheit, sondern was die Akzeptanz erhöht; Politiker sagen nicht mehr, was sie denken und wollen, sondern womit sie die Wahlen gewinnen.
(2) Wichtiger als die eigene Identität und die Selbstkonfrontation (was wir in der Regel Gewissen nennen) ist die Selbstdarstellung. Das ich mit seinen in sich stehenden Werten ausgehöhlt, weil als entscheidender Wert der Erfolg übrig geblieben ist.
(3) Erfolg ist auch der einzige Maßstab für das öffentliche Ansehen. Den Menschen wird gesagt, „du kannst alles“. Verdrängt wird die Zusatzbedingungen: „falls es dir gelingt, deine Konkurrenten auch wirklich auszustechen“.
(4) Zu verlieren gilt allein schon als Beweis der eigenen Wertlosigkeit. „Loser“ ist zum vernichtenden Schimpfwort geworden; wer keine Markenjacke trägt, gilt nichts. Das anonyme Mobbing dient dazu, die vermuteten Monster zu produzieren und zugleich deren Niederlage zu demonstrieren.

Wie also mit dem Monster der gegenwärtigen Ideologie vom vernichtungswilligen Menschen fertig werden, wie kann man „die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie lahmlegen und neue Freiheiten schaffen …, ganz gleich ob es sich um todsichere Spekulationen auf die Zukunft von Märkten oder um Voraussagen über Menschen und ihre Leidenschaften handelt?“ (Schirrmacher, 290). Wie können wir uns vom Zauber und vom Bann dieser Marionette, dieser allgegenwärtigen Theorie befreien? Schirrmacher antwortet: „der Satz, um die Marionette zu töten, lautet: Die Antwort [die diese Marionette gibt,] war falsch“. Anders gesagt: Nach 1989 sind wir einem Irrtum aufgesessen, von dessen Wirkungen wir uns so schnell nicht befreien können.

Gut und schön, es mag beunruhigen, abstrakt zu wissen, dass dieses System nicht stimmt. Nebenbei, wir ahnen das schon lange und agieren dieses Misstrauen an der HamburgerPhilharmonie, dem Berliner Flughafen oder an Stuttgart 21 aus. Das System Mensch ist eben allemal komplexer als die Verteufelung des Menschen zum destruktiven Überlebenskämpfer. Was aber ist die Alternative? Wie kann es gelingen, nicht nur ein paar moralische Rezepte dagegen zu setzen, sondern dieses Denken von innen her zu überwinden? Das zu beantworten ist gar nicht so einfach, und die Entstehung des Projektes „Weltethos“ hängt mit diesem Erschrecken vor einer verselbständigten Formelwelt und den gestellten Fragen zusammen. Es geht um die allmähliche Entdeckung, dass wir – um unserer eigenen Zukunft willen – eine Gegenkraft mobilisieren müssen, die der aktuellen Dynamik von Finanzwelt, Politik und einem korrumpierenden verderblichen „Informationskapitalismus“ Einhalt gebietet.

II. Weltethos als überraschende Entdeckung

Seit 1980 beschäftigt sich der Theologe Hans Küng mit den Weltreligionen. Von Anfang an bindet er seine Studien (und Studienreisen) in öffentliche Vorlesungen und Dialoge, also in verbindliche, öffentlich relevante Sachzusammenhänge ein. Religionen sind keine Privatinstitutionen, so  wirken sie höchstens im westlichen Kulturraum mit einer Sonderentwicklung, die wir Säkularisierung nennen. Religionen sind – ob man es will oder nicht – über Jahrtausende hin die zentralen Moralagenturen unserer Kulturräume; sie speichern die Erfahrungen (auch die Selbstkorrekturen) von zahllosen Generationen und es ist höchst unwahrscheinlich, dass alle Wahrheit nur in einer Religion versammelt ist, so als wären die anderen barer Unglaube oder simples Heidentum. Darüber nachzudenken schien in den 1980er Jahren, erst recht seit der Jahrtausendwende in einer Welt wichtig, die damals begann, in rasanter Geschwindigkeit durch Verkehrs- und Kommunikationsmittel zusammenzuwachsen. Mit dem Ende des kalten Krieges ist die gegenseitige Bedrohung auf Leben und Tod eben nicht überwunden, wie damals Francis Fukuyama in seinem Buch Das Ende der Geschichte (1992) prophezeite. Was haben uns Religionen in dieser Situation zu sagen? Früh zeigt sich bei Hans Küng eine Grundintuition, die seine späteren Forschungen leiten solle. Er legt das Hauptgewicht gar nicht auf die Religionen selbst, sondern auf die Verhaltensnormen, die sie präsentieren:

„Immer deutlicher wurde mir in den letzten Jahren, dass die eine Welt, in der wir leben, nur dann eine Chance zum Überleben hat,
wenn in ihr nicht länger Räume unterschiedlicher, widersprüchlicher oder gar sich bekämpfender Ethiken existieren.
Diese eine Welt braucht das eine Ethos;
diese eine Weltgesellschaft braucht keine Einheitsreligion und Einheitsideologie,
wohl aber einige verbindende und verbindliche Normen, Werte, Ideale und Ziele.“ (1989)

Im Jahr 1989 wird Hans Küng auf einem Symposion der UNSECO in Paris zum ersten Mal darauf hingewiesen, dass die Weltpolitik diese Frage erkannt hat. „Kein Weltfriede ohne Religionsfriede“ lautet das Leitthema. 1990 stellt sich auf dem jährlichen Weltwirtschaftsforum in Davos eine ähnliche Frage, nachdem der West-Ost-Gegensatz als allgemeiner Kompass weggefallen war. Eine Frage, die nicht nur einige weltfremde Religionsspezialisten, sondern die Weltpolitik bewegt. 1990 veröffentlicht Hans Küng einige bisher verfasste Artikel unter dem Titel Projekt Weltethos.

Das Büchlein hat einen unerwarteten Erfolg, mal wieder nicht innerhalb, sondern außerhalb der Kirchen. 1993 verabschiedet das Parlament der Weltreligionen in Chicago eine epochemachende Deklaration, die sogenannte Weltethos-Erklärung. Ich lege sie hier nicht ausführlich dar, sondern weise nur auf die Grundstruktur hin, die seitdem die weiteren Diskussionen bestimmt und weitgehend organisiert. Wie soll man – in Gottes Namen, in Jahwes oder Allahs Namen, im Namen Shivas und Vishnus Namen oder gar im Namen des gott-losen Nirwana – den verschiedenen Weltreligionen mit ihren höchst unterschiedlichen Werdegängen, Symbolwelten und kulturellen Einbettungen eine gemeinsame Stimme leihen? Die Vorgespräche waren äußerst mühsam und zäh, bis der Durchbruch gelang. Die Entdeckung war so erstaunlich wie einfach; man fühlt sich an das Ei des Kolumbus erinnert.

In den Weltreligionen finden sich insgesamt fünf Weisungen, die in der Ausstellung näher ausgeführt sind. Ich fasse sie verkürzt so zusammen:

2.1 Vier Regeln und eine Handlungsanleitung

  • Stichworte:
    Nicht töten – Gewaltlosigkeit, Ehrfurcht vor dem Leben
    Nicht stehlen – soziale Gerechtigkeit und Solidarität
    Nicht lügen – gegen Korruption und Manipulation
    Kein leiblicher Missbrauch – Treue, Partnerschaft
    Goldene Regel – Humanitätsprinzip

So verweist die Erklärung von Chicago auf „einen gemeinsamen Bestand von Kernwerten“, auf einen „Grundkonsens bezüglich verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und moralischer Grundhaltungen“, die in den Religionen schon lange leben. Zu aller Überraschung entdeckte man in allen großen Religionen nicht nur die Goldene Regel als gemeinsames Gut, sondern die genannten vier Weisungen, die sich erstaunlich leicht in die Gegenwart übersetzen lassen.
(1) Aus dem Tötungsverbot lassen sich Gewaltlosigkeit und die Ehrfurcht vor allem Leben erschließen,
(2) aus dem Verbot des Diebstahls die modernen Forderungen nach Solidarität und sozialer Gerechtigkeit entfalten.
(3) Das Verbot zu lügen erhält im gegenwärtigen Medienzeitalter die Ablehnung von Manipulation und Korruption neue Dringlichkeit und die Brücken zu einer Kultur der Toleranz und Wahrhaftigkeit sind einfach zu schlagen.
(4) Manchen mag schließlich frappieren, wie viel das lange belächelte Verbot der sexuellen Untreue mit den hochmodernen Forderungen nach einer Kultur der Gleichberechtigung und Partnerschaft, aber auch mit der Treue- undFürsorgepflicht gegenüber Kindern, Alten und Schwachen zu tun hat.
(5) Die Goldene Regel entpuppt sich als das alle Weisungen verbindende Humanitätsprinzip, dessen Bedeutung auch im säkularen Denken nicht bestritten wird.

Es ist keine Frage, dass sich dieses in Religionen weithin akzeptierte, gelebte und in die Haltung von Menschen übernommene Ethos auch säkular begründen und verstehen lässt. Deshalb ist die Zusammenarbeit der Religionen mit nichtreligiösen Weltanschauungen ebenso erwünscht, wie eine säkulare Wirkung beabsichtigt ist. Allerdings ist die Stoßrichtung der Aussagen nicht zu verkehren. Hier werden die Religionen nicht auf fünf Schlagworte reduziert und zu moralischen Anstalten verkürzt. Es zeigt sich vielmehr, dass diese kulturintensiven Weisungen von enormen religiösen Energien getragen sind, und dass die Religionen Weltgestaltung realisieren können. Gerade weil sie sich auf eine transzendente Wirklichkeit besinnen und Selbsttranszendenz ermöglichen, sind die Weltreligionen die wichtigsten Moralagenturen der Welt. Es geht in ihnen nicht um eine Ethik, die ich am Reißbrett entwerfen und Menschen auferlegen kann. Es geht in ihnen um ein schon lange gelebtes, erprobtes, gestaltungsfähiges Ethos, das schon wirksam war, bevor wir existierten. Hier braucht nicht eigens betont zu werden: Keine Gemeinschaft und keine Gesellschaft könnte existieren, wenn die Bevölkerung nicht bestimmte moralische Standards schon immer akzeptieren würde. Die Gesellschaft lebt nicht von Regelungen zu Pferdefleisch und Bio-Eiern, an die sich die Nutznießer ohnehin nicht halten.

2.2 Werte – Orientierung für Kulturen?

  • Stichworte:
    Das organische Leben selbst – immer bedroht
    Die materiellen Bedingungen – in der Regel Mangelsituationen
    Kommunikation – Lebenselixier der Gemeinschaft
    Respekt voreinander – gegenseitige Abhängigkeit überlebensnotwendig
    Ich – Wu – Wir: bilden gemeinsame Lebenswelt (Menschlichkeit)l

Gewiss, auch beim Projekt Weltethos wird nur mit Wasser gekocht, aber angesichts unserer Weltprobleme ist dieses Wasser siedend heiß. Allerdings setzt es keine vorgekochten Lösungen voraus, sondern gibt Anweisungen für Handeln und Verhalten, für Haltungen und Intentionen; sie gehören zusammen. In neuen Zeiten gilt es, nachzudenken, die eigene Wirklichkeit und Weltsicht mit neuen Augen zu analysieren. Genau dazu will auch die Ausstellung anleiten. Hierauf im Detail einzugehen, würde diesen Vortrag bei weitem sprengen. Deshalb gehe sich auch nicht auf die zahlreichen Publikationen ein, die bisher in der Stiftung Weltethos erarbeitet wurden. Über sie ist auf der Website der Stiftung Weltethos alles nachzulesen: www.weltethos.de. Sie werden dort finden: programmatische Texte, umfängliche Arbeiten zum Verstehen der Weltreligionen und Versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Interessant und immer wichtiger sind überdies die Arbeiten zu Politik und Wirtschaft. Hinzu kommt der pädagogische Sektor, denn zumal in einer säkularisierten Gesellschaft können wir mit einer weltethischen Erziehung nicht früh genug beginnen.

Ich möchte hier nur auf die Tatsache hinweisen, dass die vier genannten Regeln zum Menschsein gehören. Ohne sie ist unser Überleben nicht gesichert. Denn diese Regeln beginnen überall dort zu greifen, wo Menschen als Gemeinschaft innerhalb umgrenzter Räume und Zeiten leben, wo sie miteinander teilen und gemeinsam für ihre Zukunft sorgen müssen. In einer solchen Situation ist keine von ihnen aufgebbar. Dabei geht es immer um
(1) das Leben selbst, das eine sichtbare biovitale und zugleich geistig abgrenzbare Einheit bildet (Respekt vor dem Leben selbst, heute auszuweiten auf ökologische Fragen),
(2) die Bedingungen, die für eine Pflege und angemessene Fortführung dieses Lebens notwendig sind nach angemessener Verteilung der Ressourcen (Nahrung, Kleidung und Wohnung, verfügbare Mittel) rufen, weil wir Mangelsituationen nie vermeiden können. Das führt zu den oft komplizierten Fragen der Gerechtigkeit, zum Ruf nach einer Kultur der Mitmenschlichkeit und Solidarität.
(3) Oft unterschätzt wird die Kommunikation, miteinander reden, einander mit Informationen versorgen. Menschen können ohne Sprache nicht leben, denn erst durch die Sprache (voneinander lernen, einander Orientierung bieten, warnen, Erfahrungen austauschen) wird unsere Leben zum wirklich menschlichen Leben. Ohne sie sind die Pflege und Stabilisierung von Gemeinschaft und deren Ordnung unmöglich. Deshalb ist die Frage der Wahrhaftigkeit so wichtig.
(4) Hinzu kommt schließlich der gegenseitigen Respekt zwischen Geschlechtern bis hin zu ihren sexuellen Kontakten mit ihrer Intimität und tiefsten Verletzlichkeit. Intimität und Verletzlichkeit erfahren wir aber auch zwischen den verschiedenen Altersstufen (Kindern und Eltern,) und Abhängigkeiten (Erwachsenen und Alten, Gesunden und Kranken, Gesunden und Behinderten). Erst wenn diese Beziehungen ohne Egoismus, gar destruktive Anteile gelebt werden, wird es möglich, Leben auf Dauer und nachhaltig zu akzeptieren und weiterzugeben.

In den verschiedenen Kulturen werden diese vier Grunddimensionen höchst unterschiedlich interpretiert und gestaltet. Das macht interkulturelle Kontakte nicht einfacher. Manche Erwartungen und Sitten lassen sich nur schwer in andere Lebensräume übersetzen. Aber je mehr die gesamte Welt zusammenwächst, müssen wir auf solche Übersetzungen hinreichende Sorgfalt und Aufmerksamkeit aufwenden. Wir müssen andere Religionen kennenlernen, andere Kulturen studieren, uns in das exotisch scheinende Verhalten anderer hineinversetzen. Da diese Grundregeln aber alle – wie wir sahen – mit der Leiblichkeit des Menschen zusammenhängen, sind sie – wie auch immer gestaltet – in ihrem Kern unverzichtbar. Niemand will verwundet werden, hungern oder belogen werden, bedroht oder geängstigt werden. Genau deshalb tauchen sie in allen als unaufgebbare Kernforderungen auf. Wenn menschliches Leben weltweit bleiben und unbeschädigt fortgesetzt werden soll, dann verdient die Vierzahl dieser Aspekte Beachtung. Inakzeptabel ist in jedem Fall beliebiges Töten, Verhungern lassen, totale Isolierung und Orientierungslosigkeit, absolute Treuelosigkeit und absoluter Solidaritätsmangel. Das sind die Grundformen dieser Regelsätze, sozusagen im Lebensstand der Sammler und Jäger, der Beduinen und hochtechnisierter Gesellschaften. In einer Welt, die sich in rasender Geschwindigkeit globalisiert, kann die Frage deshalb nicht lauten: Wie überschreiten die entsprechenden Werte die Grenze von bestimmten Kulturen?, sondern: An welchen Punkten fließen interkulturelle Unterschiede zusammen? Ob wir es wollen oder nicht, wir haben keine andere Wahl: Wir müssen gemeinsame Lebensregeln entwickeln und dafür gemeinsame Fundamente suchen. Und um sie geht es.

2.3 Universalität des Prinzips Menschlichkeit

  • Stichworte:
    Umkehrung der Perspektiven (Empathie)
    Globale und universale Geltung
    Wachheit (Achtsamkeit) und Transparenz

Klar muss sein, dass die fünf weltethischen Prinzipien nicht im idyllischen Raum entstanden sind. Heute sind sie unter dem Druck weltweiter, geradezu apokalyptischer Bedrohungen weiterzuführen; deshalb ist ihre globale Bedeutung unverzichtbar. Es muss also klar werden, dass sie diese Prinzipien universal sind, also die Geltung bestimmter Religionen und Kulturen überschreiten. Uns würden selbst keine christlichen Prinzipien nützen, wenn sich herausstellte, dass für nichtchristliche Gebiete und Kulturräume irrelevant sind. Dasselbe sagen mit gutem Recht Juden, Muslime oder Buddhisten, die Anhänger indischer oder chinesischer Religions- und Weisheitsströme. Schon das moderne Menschenrechtsbewusstsein, das wir im Westen ausgebildet haben, hat uns den Preis zunächst des dreißigjährigen Krieges, dann zweier katastrophaler Weltkriege gekostet.

Natürlich ergibt sich die neue Bedrohung und die neue Qualität dieser Bedrohung nicht erst daraus, dass die a-moralische Spieltheorie, wie ich eingangs darlegte, unser Bewusstsein erobert. Sie ergab sich schon aus der massiven gegenseitigen Bedrohung, die sich aus labilen globalen Konkurrenzsituationen, durch hochgerüstete Militärmächte und einen Terrorismus ergibt, der inzwischen international agiert. Heute besteht die technische Möglichkeit, die Welt buchstäblich in Stücke zu sprengen, große Regionen als Lebensgrundlage zu zerstören, ganzen Ländern die Luft abzuschnüren. Manchen von Ihnen ist noch das Buch von Samuel P. Huntington in Erinnerung Kampf der Kulturen (1996). Er prophezeite für das 21. Jahrhundert den großen Zusammenprall der Zivilisationen, der an den Bruchlinien zwischen den religiös bestimmten Kulturen beginnt und neue, hochgefährliche Freund-Feind-Konstellationen schafft. Wenn eine solche Mentalität entstünde, wären wir mit aller Friedensarbeit wieder am Beginn; denn dann darf man den „Feind“ wieder töten, aushungern, manipulieren und ihm alle menschliche Umgebung rauben. Er ist ja kein Mensch mehr. Das Weltethosprojekt nimmt diese Bedrohung ernst, denn sie ist real.

Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass das allgemeine Bedrohungsszenario unserer Gegenwart höchst realistisch im Blick bleibt und höchst rational bearbeitet wird. Nur so können wir verhindern, dass dieser erst entdeckte, religionsübergreifende Wertekanon nicht wieder eingeebnet und für den Gefahrenfall aufgehoben wird. Dann nämlich ist es zu spät. Es muss Menschen geben, die ihn von seinen Wurzeln her leidenschaftlich vertreten.

Der Imperativ lautet: Bilde, wie auch immer, ein Verhalten aus, das schon die Entwicklungen vermeidet, die später zu katastrophalen Bedrohungen führen können. Denke also voraus. Es geht um keine Ethik der weißen Weste, die immer brav sein will, sondern um ein höchst kreatives Ethos, das sich der Gefahren von Anfang an bewusst ist. Das Handlungsverbot muss als letzte Tabugrenze erhalten bleiben. Die Handlungsforderungen aber müssen vorangehen: Achte das Leben auch im Kleinen, hüte die Formen und Schutzwände von Gerechtigkeit und Solidarität auch bei Bagatellfällen, fordere immer und kompromisslos Offenheit und Transparenz ein, damit sie zu Haltung und „Tugend“ werden. Schütze, wo immer möglich, Kulturen der Treue und der Intimität. Deshalb müssen diese Werte auch zum öffentlichen Thema werden. Bei diesen Geboten geht es schon längst nicht mehr um eine kleinbürgerliche Handlungsanweisung. Sie sind zu propagieren in einem performativen, das heißt welt- und bewusstseinsgestaltenden Akt. Welche Rolle spielen in diesem Planspiel die Religionen?

III. Egotrip oder solidarische Verantwortung?

Nach gängiger Vorstellung sind die Religionen in vor-modernen Kulturen entstanden: sie haben vor-moderne Sprachen, vor-moderne Vorstellungs- und Symbolwelten entwickelt, die viele von uns heute als überholt empfinden. Haben sie damit nicht recht? Ja und nein! Einerseits kennen wir alle die Schwierigkeit, etwa biblische und naturwissenschaftliche Vorstellungen über den Beginn des Kosmos miteinander in Einklang zu bringen. Das ist nur ein Beispiel; es ließen sich viele andere hinzufügen, und die Kirchen haben bei ihren Anpassungsversuchen nicht immer eine glückliche Hand. Andererseits ist mit der „Moderne“ – also mit der von Wissenschaft, Technik, elektronischen Medien und einer hohen Mobilität geprägten Zeit, die sich im Westen seit dem 19. Jahrhundert immer mehr durchsetze – die „Vormoderne“ nicht einfach abgelaufen. Schon die Tatsache, dass wir sie so nennen, zeugt von unangebrachtem Hochmut. Es gibt nämlich Lebensschichten, die sich auch seit dem 19. Jahrhundert in keiner Weise verändert haben. Mehr noch, wer sie leugnen oder gar aufgeben will, sägt sich den Ast ab, auf dem wir alle sitzen. Genau besehen kommt es darauf an, dass wir uns von den unmittelbaren und ursprünglichen Quellen unseres Lebens nicht abschneiden. Dabei plädiere ich nicht für inflexible Religionsformen. Gott bewahre uns vor einem Christentum, das die Gegenwart in Bausch und Bogen verurteilt oder gar verteufelt.

Aber das Projekt Weltethos arbeitet einen wichtigen Punkt heraus: Gerade in den aktuellen Umwälzungen unseres Bewusstseins lohnt es sich, auf zentrale Impulse der Weltreligionen zurückzugreifen. Es reicht nicht, die fünf Kernweisungen einfach zu nennen und auf deren Einhaltung zu bestehen. Das wäre ein Moralismus, mit dem wir nicht weit kommen. Denn nicht wir verändern einfach die Welt. Es ist auch die Welt, die uns verändert. Es kommt darauf an, wie wir auf die Gesamtentwicklung reagieren. Welche Antikräfte und welches Gegengift können wir gegen in unserer mentalen und moralischen Gesamtkonstellation mit ihren massiven Gefährdungen entwickeln? In dieser Situation können uns die Religionen einiges sagen, weil gerade sie den Kontakt mit früheren Epochen nicht abgebrochen haben. Ich nenne nur drei Punkte:

3.1 Religiöses Reden schließt die Redner mit ein (Selbstverbindliches Reden)

  • Stichworte:
    Objektivität nicht ohne subjektive Verbindlichkeit
    Selbstverpflichtung wird eingeübt
    Ziel ist Erfahrungstreue
    Alltageserfahrungen –> Gemeinsame Grunderfahrungen
    Widerstand gegen den Verlust der Wert

Seit der Renaissance hat sich der abendländische Diskurs allmählich verschoben. Objektivität wurde zum Kennzeichen der Wissenschaft, allmählich hat es sich von der Subjektivität abgespalten, die in ein schlechtes Licht geriet. Galilei verwies auf sein Mikroskop, Newton auf den fallenden Apfel, Otto Hahn lieferte den Beweis für die Kernspaltung; Darwin entwickelte die Evolutions-, Einstein die allgemeine und die spezielle Relativitätstheorie. Ich könnte hier Beispiel über Beispiel für einen Wissensfortschritt häufen, der unsere Lebenswelt verändert, sie zweifellos verbessert und lebensfähiger gemacht hat. Wer von uns möchte ohne Technik und Wasserhahn, ohne Heizung und die moderne Medizin leben!

Zur selben Zeit tritt die christliche Religion in ihrem angestammten Kulturraum einen massiven Rückzug an, weil sie ein Stück Weltinterpretation und Weltgestaltung aus der Hand geben musste. Der Rückzug vollzog sich umso dramatischer, als die entscheidenden Repräsentanten des Christentums lange nicht begreifen wollten, was da eigentlich vor sich ging. Im Kirchenstaat blieben –um nur ein Beispiel zu nennen – Straßenlaternen verboten, weil nach der Bibel der Mond über die Nacht herrschen soll. Krampfhaft versuchte man, an einer überholten Form von Objektivität festzuhalten, an einer objektiven Lehre, an einer objektiven Moral, einem objektiven Menschen- und Weltbild. Das alles hat sich widerlegt.

Müssen Religionen also allen Wahrheitsanspruch aufgeben? Sind sie nicht in eine subjektive Beliebigkeit verfallen, wie schon Goethes Faust sagte: „Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch?“ Folgt daraus nicht eine große Beliebigkeit und Unverbindlichkeit, weil wir uns alles nach Gusto zurechtmodeln können, weil wir postmodernistisch nur noch einem anything goes folgen? Herrscht nicht gemäß dem berühmten Wort von Benedikt XVI. eine „Diktatur des Relativismus“?

Nichts wäre falscher als dies. Wie streng die Regeln von Finanzwelt, Politik und Konkurrenzverhalten sind, wissen wir nur zu gut. Dass den Religionen daneben nur noch Subjektivität bleibt, hat nichts mit Relativismus zu tun, denn aus dieser Subjektivität und Erfahrungsnähe der Religionen erwächst eine geradezu archaische Verbindlichkeit. Religiöses Reden betrifft eben nicht die objektiv verdinglichte Welt, sondern das Ich des Menschen selbst. Anders ausgedrückt: Religiöses Reden fordert Glaubwürdigkeit ein und überzeugt nur, wenn es selbst glaubwürdig ist, wenn es sich also mit der Erfahrung von Menschen deckt und wenn sich der religiöse Prophet, der Prediger oder der Theologe selbst an das gebunden weiß, was er sagt. Theoretisch ausgedrückt: Religiöse Rede ist selbstbezüglich, selbstreferentiell, oder sie taugt nichts.

Deshalb waren Religionen schon immer darauf angelegt, dass sie ihre Wahrheit auch einübten: durch endlose Formeln und Wiederholung, durch stete Verinnerlichung in Liturgie, Gebet oder Meditation, in Stille, Selbstreflexion und moralischer Selbstverpflichtung. Auf diesem Weg werden Meinungen zu Überzeugungen, moralische Regeln zu selbstverständlichen Gewohnheiten, ethische Regeln zu stabilen Haltungen. Ganze Kulturen werden von bestimmten Grundregeln geprägt.

Diese strenge, unbestechliche, zutiefst verbindliche Erfahrungstreue ist immer noch das wichtigste Gegengift gegen ein Lebenskonzept und gegen eine Weltanschauung, die die Wahrheit im Grunde aushöhlt, weil es nur noch um erfolgreiches Funktionieren, um Gewinnmaximierung und um die Leistung spieltheoretischer Algorithmen geht. Der „Informationskapitalismus“ setzt ja darauf, dass uns der tägliche Informationsmüll von Werbung, Talkshows und digitalen Medien bestimmt und unser Verhalten prägt. Als Individuen können wir ohne „vormoderne“ Wurzeln dem nicht widerstehen. Die Berufung auf individuelle Entscheidungsfreiheit wäre naiv. Wir werden von unserer Umwelt gemacht, deshalb müssen wir Gegenkräfte aufrufen, denen wir uns anvertrauen können.

Dieser Gesichtspunkt ist für das Projekt Weltethos wichtig. Es setzt erneut auf die Erfahrungstreue der Religionen, die durch die Jahrhunderte in allen Religionen in engster Verbundenheit mit ihrer Lebenswelt wächst. Natürlich sind die Religionen nicht gegen die Gefahren der modernen Objektivierung (= Ent-subjektivierung) gefeit. Deshalb versteht sich das Projekt Weltethos zugleich als eine kritische Anfrage an die Religionen, wenn sie selbst anfangen, sich von ihren Ursprüngen zu lösen.

Man kann die Selbstreferenz der Religionen an der Golden Regel illustrieren. Oft ist die These zu lesen, diese simple Regel sei schon längst von Kants kategorischem Imperativ abgelöst, gar überholt. Ich bestreite die unerschütterliche Bedeutung des kategorischen Imperativs nicht, Es stellt klar fest, dass kein Mensch zum Zweck bestimmter Ziele degradiert werden darf. Die Goldene Regel leistet aber mehr: Sie bindet diese Humanitätsregel an die konkrete Alltagserfahrung der einzelnen Menschen zurück. Tue den anderen nichts an, was Du nicht möchtest. Verbindlich für mein Handeln hat exakt das, was zugleich für mich gelten soll, dessen Nutznießer oder Opfer ich selbst bin. Strenger und solidarischer lassen sich Wohl und Wehe von Menschen nicht aneinander binden. Deshalb ist die Goldene Regel das blanke und unverträgliche Gegenteil der Spieltheorie, der kontradiktorische Gegensatz zu ihr, die den anderen gerade nicht als Mitmenschen, sondern prinzipiell als Konkurrenten und Feind betrachtet.

Sie kann zugleich als Kriterium für die Frage gelten, wie ich die Moderne (hier: die Epoche der Informationsdiktatur) beurteile. Wir haben vergessen, dass auch die hochgepriesene Moderne mit ihrer vielfältigen gesellschaftlichen Differenzierung in einen vormodernen Lebensgrund zurückgebunden bleibt. Ich meine nämlich die schlichte Grunderfahrung, dass es einen gemeinsamen Lebensraum gibt, an den wir gegenseitig gebunden bleiben. Globalisierung führt gerade nicht nur zur Entgrenzung, wie manche Utopisten erklärten, auch nicht nur zur möglichen Selbstflucht, sondern auch zu neuen Grenzen und zu neuer Selbstkonfrontation. Gerade in einer gemeinsam gewordenen Welt funktioniert Menschlichkeit nicht mehr als Lebensregel für die anderen, sondern als gemeinsames Lebensprinzip. Um das zu begreifen oder zu praktizieren, muss man selbst nicht religiös sein, aber die Religionen zeigen exemplarisch, welches die Zusammenhänge sind. Recht besehen können sie zu Schulen des Widerstands gegen einen unverbindlichen Objektivismus werden, der über alles verfügt, ohne sich selbst binden zu lassen.

3.2 Leiblichkeit als Basis allen Lebens

  • Stichworte:
    Moderner Traum: Befreiung vom Leib
    Überleben setzt ein Miteinander-Leben voraus
    Wertesysteme der Religionen sind geerdet

Nach klassischer Überzeugung ist es die Vernunft, die aufgeklärte Rationalität, die den Menschen von Tieren unterscheidet. Im 20. Jahrhundert kam diese Überzeugung nicht nur deshalb ins Wanken, weil der menschliche Geist tief in den Trieben des Menschen verankert ist, sondern auch deshalb, weil die geistigen Fähigkeiten von Tieren erstaunlich hoch sein können. Dennoch hat die Losung vom Wert des menschlichen Geistes immer wieder neue Nahrung bekommen, nicht zuletzt im digitalen Zeitalter. In ihm, sagen die Kritiker, ist der menschliche Geist in seine Maschinen ausgewandert. So hat er sich, behaupten die Enthusiasten, von den Grenzen des Raumes und der Zeit in höchstem Maße gelöst. Entfernungen spielen keine Rolle mehr. In der Tat, ohne Schwierigkeiten, so meine eigene Erfahrung, kann ich mit einer Kollegin aus Harward zusammen einen Artikel schreiben; mit einem Zeitaufwand von wenigen Sekunden tauschen wir unsere Texte und Korrekturen aus. Meine Tochter koordiniert als Architektin in Kalifornien vom PC ein anspruchsvolles Bauprojekt in Stuttgart. Wir haben die Grenzen von Raum und Zeit endgültig überwunden, triumphierte vor wenigen Jahren Bill Gates in Davos.

Das Problem ist nur, dass wir alle noch an unseren Leib gebunden sind, Nahrung und eine Schlafstelle brauchen, krank werden können, auf einen Herzschlag und auf körperliche Zärtlichkeit angewiesen sind. Der Fortbestand der gesamten Menschheit, also auch unseres Geistes, hängt von höchst körperlich verlaufenden Kinderzeugungen, Schwangerschaften, Geburten und von elterlicher Sorge ab. Trotz perfekter Computertechnik brauchen wir Menschen, die sich vor Ort um ihre Kinder kümmern. Im Garten, mit ihrem Spielzeug, bei ihren Freunden fühlen sie sich wohl, und selbst das Spiel am Computer hängt von visuellen Eindrücken ab.

Religionen haben diese Leiberfahrung in ihrer Erfahrungstreue, auch in den besprochenen Grundregeln des Handelns gespeichert: Zuallererst funktioniert menschliches Leben nicht durch die Perfektion der Konkurrenz, sondern zunächst durch gegenseitigen Schutz des leiblichen Lebens (Tötungsverbot und eine Kultur der Lebensachtung), dann durch eine Gerechtigkeit, die mit den Grundbedürfnissen von Nahrung und Kleidung, von Wohn- und Lebensraum beginnt. Sie setzt sich fort durch eine Kultur der körperlichen Vorgangs gegenseitiger Mitteilung, die uns allen eine gute Grundorientierung ermöglicht, statt uns zu belügen, mit Ideologien und Korruption zu überziehen. Leiblichkeit ist und bleibt ein vor-modernes Gut, ist aber die Grundlage allen Lebens, aller Wahrheit und aller Treue geblieben. Mit reinen Computerprogrammen oder Algorithmen kann niemand leben.

Wiederum sind es die Religionen, die diese leibliche Verankerung der Menschheit registriert und die Wege gespeichert haben, auf denen wir diese Leiblichkeit wahrnehmen, schützen und als primäres Gut pflegen. Das heißt: Religionen stehen immer für Wertesysteme, in denen Seele und Leib, Geist und Materie, das tiefe Geheimnis in der erfahrbaren Wirklichkeit aufgehoben sind.

3.3 Interpretieren kann Handeln nicht ersetzen

  • Stichworte:
    Lehren und Dogmen sind sekundär
    Leidenschaft für Gerechtigkeit und Erneuerung
    Religionen sind nicht „religiös“, sondern weltlich

Ich komme zum wichtigsten Punkt, der im Christentum mit seiner Konzentration auf den Glauben gerne übersehen wird. Glaubensverlust wird als das große Unglück der Gegenwart beklagt. Aber die Säkularisierung hat ja nicht deshalb so große Ausmaße angenommen, dass Menschen – mir nichts, dir nichts – ungläubig geworden sind und sich nur noch um Weltliches kümmern. Von Sinnfragen, Grenzerfahrungen und Orientierungsproblemen sind wir alle umgetrieben. Religiöse Vollzüge gerieten deshalb so ins Hintertreffen, weil die christlichen Kirchen ihr Christentum in ein System von reinen Dogmen, Lehren und Ideologien umgesetzt haben. Wir reden ständig von „Glauben“ in einem sehr diffusen Sinn. Konkret meinen wir keine Praxis (etwa Nachfolge), sondern innere Sachüberzeugungen („Ich glaube, dass …“).

Die urjüdische Leidenschaft für Gerechtigkeit ist uns leider abhanden gekommen; damit wurden wir irrelevant. Es ist Zeit, diese Leidenschaft wieder zurückzufinden. Wer sich von Ihnen gelegentlich mit den biblischen Schriften, insbesondere mit dem Neuen Testament beschäftig, achte einmal darauf , wie selten es in diesen Texten um abstrakte Überzeugungen oder um Glaubenslehren geht. Die Schrift beschäftigt sich mit konkretem Verhalten „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16); „Was ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Alle Religionen setzen aufs konkrete Handeln. Sie beurteilen sich selbst an ihrem Vermögen, die Welt zu verändern. Sie verschaffen Dringlichkeit, Ungeduld, sind zornig über faktische Versäumnisse, leben nicht aus Selbstsorge, sondern aus Verantwortung und Solidarität mit denen, die zu kurz gekommen sind.

Deshalb haben alle großen Religionen haben eine weltzugewandte Seite. Diese Behauptung mag erstaunen, denn nach gängiger Vorstellung hat Religion vorrangig mit dem Unsichtbaren, dem Geheimnis der Dinge, den Grenzen des Lebens, dem jenseitig Transzendenten zu tun. Dieser Schein trügt und rührt wohl daher, dass der Begriff „Religion“ erst im 19. Jahrhundert unsere Bedeutung angenommen hat. Zuvor meinte Religion das respektvolle, tugendvolle, umfassende und vor Gott verantwortete Gesamtverhalten eines Menschen.

Diese Akzentsetzung hat dem Projekt Weltethos zunächst unerwartete Erfolge gebracht, die ich mir lange nicht richtig erklären konnte. Das Projekt Weltethos hat genau diese praktische, aufs Handeln ausgerichtete Seite der Religionen übernommen. Damit tritt aber auch ein Paradox ein, dass viele erstaunt. Handeln ist immer auf die Welt ausgerichtet, hat also immer eine äußere Seite, die ich auch ohne fromme Erklärungen verstehen kann. Wer sich für Gerechtigkeit einsetzt, Lügen aufklärt, Verzweifelten wieder auf die Beine hilft oder Bedrohte beschützt, beschäftigt sich in diesem Augenblick nicht mit einem abstrakt vorgestellten Gott, sondern handelt an Menschen. Im Mittelpunkt des Weltethos stehen also keine religiösen, sondern zutiefst weltliche, sachbezogene, humane Projekte. Deshalb sucht es auch die Kooperation mit allen Weltanschauungen, die sich denselben Werten verpflichtet fühlen.

Ich behaupte deshalb: Das Projekt Weltethos und vergleichbare Projekte haben auch die Aufgabe, die Religionen wieder zu ihren ursprünglichen Aufgaben zurückzuführen. Zudem muss es jemanden geben, der auch den Religionen mit all ihren Verirrungen den Spiegel vorhält und ihnen zeigt, von welcher Höhe sie gefallen sind, wenn sie den Menschen vergessen. Wenn Religionen das wieder lernen, werden sie auch wieder hingeführt zu ihrer eigentlichen Aufgabe, die Praxis, also die konkrete Wirklichkeit von Menschen und Menschheit kritisch zu begleiten, ihr den Spiegel eines konkreten glücklichen Menschseins vorzuhalten.

Diese Spiegelung ist unverzichtbar. Denn die postmoderne, digitalisierte und „informationskapitalistische“ Gesellschaftsidee meint ja (wie manche dogmatische Glaubenslehre auch), sie könne die hochkomplexe Wirklichkeit eines menschlichem Individuum und menschlicher Gesellschaften auf zwar komplexe, aber immer noch zu simple, auf berechenbare Formeln reduzieren, in denen der Mitmensch nur als Feind oder Konkurrent funktioniert. Genau daran muss das aktuelle Ego-Denken, wie es Schirrmacher nennt, scheitern. Dagegen veranschaulichen Religionen, recht verstanden, die Wirklichkeit in ihrer hohen Komplexität; genau deshalb gelten sie oft als irrational. Sie schaffen keine systemische Gesamtheit, sondern führen uns symbolische Zusammenhänge ein. Sie produzieren keine Systeme, sondern Hoffnungen, nehmen Sie nehmen die Wirklichkeit nicht in philosophischen Analysen vorweg, so als hätten sie alles begriffen, sondern leiten dazu an, den Weg zur Zukunft in eigener Kreativität zu gestalten. Versucht nicht, alles rational zu berechnen und in den Griff zu bekommen; Menschen sind eben nicht in den Griff zu kriegen, wenn wir ihnen ihr Geheimnis lassen. Lasst vielmehr Taten sehen, helft die Welt zu verändern, nehmt die gegenseitige Verantwortung endlich wahr. Beschäftigt euch mit der Wirklichkeit so, wie sie ist.

Das scheint mir die Botschaft aller Religionen zu sein. Sie ist durch und durch weltlich und säkular, jedenfalls nicht einfach religiös im gängigen Wortsinn. Nach neueren Forschungen kommt das Wort religio ja nicht (wie wir früher lernten) von einem re-ligere, also dem neuen Lesen der Tradition, sondern von rem-ligere. Das bedeutet: sich an die Sache binden, der Wirklichkeit mit Respekt begegnen (Axel Bergmann). Religion ist der Versuch, die Sache selbst, die Wirklichkeit und das Menschsein in ihrer ganzen Komplexität zu respektieren. Wir haben gelernt, dass wir die Wirklichkeit gestalten, Menschen verändern, die Zukunft berechnen können. Deshalb ist uns die Fähigkeit zum praktischen und zum intellektuellen Respekt abhanden gekommen. Es bedarf höchster Standfestigkeit und eines hohen Selbstvertrauens, um diesen Weg zur banalen, aber lebensspendenden Urwirklichkeit zurück zu gehen. Religionen sind nicht im verengten Wortsinn religiös, sondern durch und durch weltlich. Deshalb können sie zum Widerstand gegen eine rationalisierte, im Grund menschenfeindliche Weltgestaltung befähigen.

IV. Religionen – ein Beitrag zum Weltfrieden?

4.1 Ein zwiespältiges Bild

  • Stichworte:
    „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen“
    – Zahllose Geschichten der Versöhnung
    – Zugleich Gegengeschichten der Gewalt, …
    – Denn Religionen bestimmen Identität der Kulturen

„Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen!“ formuliert Hans Küng schon Ende der 1980er Jahre. Dieser Religionsfriede setzt die Kenntnis anderer Religionen voraus. Deshalb schrieb Küng umfassende Bücher zu Christentum und Weltreligionen (1986/88), zu Judentum (1992), Christentum (1994) und Islam (2004); eine ebenso umfassende Auseinandersetzung mit dem Hinduismus kam hinzu (Stephan Schlensog 2006). Wie wichtig dieses Motto vom Religionsfrieden ist, hat sich am 11. September 2001 gezeigt. Jetzt wurde klar: Religionen sind im Weltgeschäft keine weltfern frommen Mahner, sondern ethisch politische Faktoren ersten Ranges. Deshalb haben sie auch eine hohe Verantwortung für eine bessere Weltordnung und es gibt erfreuliche Fälle, in denen diese Verantwortung wahrgenommen wurde.

Ich könnte nun aufzählen, was die Weltreligionen für eine stabile Weltordnung im Laufe ihrer Geschichten geleistet haben. Bis hinein in die Gegenwart käme viel zusammen. Ich nenne nur die frühe indische Nationalbewegung, die muslimisch pakistanischen Soldiers of God, die christlich motivierte amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die buddhistisch tibetanische Befreiungsbewegung, personifiziert in den Personen Mahatma Gandhi, Khan Abdul Ghaffar Khan, Martin Luther King und Dalai Lama. Sie alle kennzeichnet eine Kombination von gesellschaftspolitischen Forderungen und streng gewaltlosen Proteststrategien. Mahatma Gandhi und Martin Luther King haben ihr Engagement mit dem Leben bezahlt. Wir kennen das Engagement der katholischen Kirche auf den Philippinen (1986), die Mitte der 1980er erfolgreich gegen das Marcos-Regime gekämpft hat. Wir kennen Nelson Mandela und Desmond Tutu, deren gewaltfreier Protest gegen das Apartheidregime. Wir kennen prominente Bischöfe der katholischen Kirchen Süd- und Mittelamerikas, die den gewaltfreien Widerstand gegen Militärdiktaturen unterstützt haben. Man denke an Dom Helder Camara von Recife, Dom Evaristo Arns von Sâo Paulo, Oscar Romero von El Salvador (1980 ermordet), an viele Laien, Ordensleute und Priester. Religiöse Gemeinschaften und deren Führer spielten bei Friedensschlüssen und Friedenskonsolidierungen oftmals eine wichtige Rolle. Zu nennen sind die katholische Laienorganisation Sant’Egidio (Rom) im Bürgerkrieg von Mozambique (1990), der Lutherische Weltbund in Guatemala (seit 1983), kambodschanische Mönche in den 1990er Jahren, die Friedensmärsche organisierten, zur Teilnahme an Wahlen und zur Demilitarisierung der Gesellschaft ermunterten und dadurch zur Stabilisierung des Landes beitrugen.

Doch leider gibt es auch Gegengeschichten der Gewalt; ich brauche sie nicht aufzuzählen. Wir kennen die christliche Gewaltgeschichte zur Genüge, die Gewaltgeschichte des Islam brennt uns auf den Nägeln. Dabei wecken zwei Tatsachen Erstaunen: Die große Mehrheit aller Weltreligionen lehnt Gewalt ab; das gilt auch für den Islam. Die meisten schwelenden Konflikte, die wir als religiöse Konflikte verstehen, haben keine religiöse Ursachen, sondern sind sozial, ethnisch, wirtschaftlich oder allgemein kulturell begründet. Aber alle großen Religionen, die christliche eingeschlossen, werden zur Verstärkung von Konflikten missbraucht und sie lassen sich missbrauchen. Das ist das Problem. Die Frage ist also, warum Religionen dieser teuflischen Versuchung so gerne unterliegen.

Ich nenne in Kürze einige Gründe, bevor ich den Hauptgrund näher beleuchte.
– Religionen bestimmen zutiefst die Identität von Individuen und Gemeinschaften. Wer diese Identität verunsichert, provoziert, weckt Ängste und Gewaltreaktionen. Religion ist ein beliebtes Objekt von Demagogen.
– In den meisten Kulturen sind Religion und nationale Identität eng verkoppelt. Man meint Iraner und sagt Schiit.
– Die internationale Verbreitung von Religionen (etwa des Islam) macht es möglich, Konflikte im Namen dieser Religion über Kontinente hin zu exportieren. Was hat die Al-Qaida bei den Tuaregs und in der Sahara zu suchen?
– Und schließlich gilt im Umkehrschluss: Die politische Stärke und Brisanz von Religionen ist enorm, im Westen wurde sie lange unterschätzt, da man Religion in die Ecke der „Privatsachen“ abgeschoben hat. Mit Religionen ist also nicht zu spaßen. Deshalb kann es auch keinen Weltfrieden geben, wenn sich die Weltreligionen nicht zu deren Vorkämpfern machen.

4.2. Biotope der Grenzerfahrung

  • Stichworte:
    Religionen thematisieren beunruhigende Grenzen
    Reagieren auf Widersprüche und Konflikte
    Bekämpfen das Böse (à Spiel mit dem Feuer)
    Homöopathische Prozesse

Allerdings sind Religionen keine domestizierten Schmusekatzen, wie wir Westeuropäer meinen. In ihrem Kern sind die handlungsbereiten, ungeduldigen Religionen zugleich Biotope der Grenzerfahrungen. In ihnen geht es nie um Normalität, sondern immer um Verlust und Überschuss, um Enttäuschung und Schuld, um Kampf auf Leben und Tod. Mehr noch, Religionen treten an, um das Böse in der Welt zu überwinden. Deshalb haben sie für Bosheit und Gewalt, für Schuld und Versagen eine geradezu magische Anziehungskraft. Religionen kommen mit dem Bösen immer in Berührung, weil sie es immer überwinden wollen. Wer sich aber mit dem Bösen einlässt, bleibt davon nie unberührt. Wer dem Bösen, der Gewalt oder der Lüge widerstehen will, wird von ihnen infiziert. Nicht umsonst kennen wir das Jesuswort: „Widerstehe dem Bösen nicht!“ Es ist wie bei homöopathischen Prozessen: nur durch Selbstinfektion werde ich immun.

Dieses Spiel mit dem Feuer gehört zum Wesen einer jeden Religion. Deshalb ist auch die Bibel voller Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit. Wir kennen in der Bibel Weisheits- und Gebets-, Rache- und Machttexte, Texte der Zärtlichkeit und der donnernden Prophetie, Texte beschämender Unterdrückungserfahrung und Texte voller Dominanz- und Herrschaftsphantasien. Damit muss ich richtig umgehen. Die „Fluchpsalmen“ sind nicht einfach zur Nachahmung aufgeschrieben, sondern dokumentieren eine Wirklichkeit, vor der uns auch eine Religion nicht behütet. Beileibe nicht jeder Text erreicht die spirituelle Höhe der Lieder vom Gottesknecht. Selbst die Passionsberichte können zur Rache aufrufen; man denke nur an den bösen Satz, die Juden seien Gottesmörder. Die Gefahr der Religionen liegt genau darin, dass sie das Böse kompromisslos bekämpfen wollen und meinen, sie könnten es einfach ausrotten, wie man eine Seuche ausrotten kann. Deshalb kann Begeisterung in Fanatismus, Hilfe in Vernichtung umschlagen. Bisweilen werden Weltreligionen nicht deshalb gnadenlos, weil sie Gottes Güte nicht kennen; vielmehr wollen sie dieser Gnade in größter Dringlichkeit zum Durchbruch verhelfen. „Gott ist groß“ („Allahu akbar“) ist nicht nur ein muslimischer, es war auch ein christlicher Kampfruf (vgl. „Deus semper maior“, die Losung der Jesuiten – „Gott ist immer größer“). Man denke an den linken Flügel der Reformation und an fundamentalistische Strömungen der Gegenwart, seien sie christlichen, muslimischen oder hinduistischen Ursprungs. Man denke auch an die großen Visionen von Erlösung und Verdammung, die bis heute nicht ohne Androhung der Hölle auskommen. Aus diesem Grund ist die Goldene Regel, das große Prinzip der Humanität, so unverzichtbar – zur Not ist sie gegen die Religionen selbst einzusetzen. Wer gerne die Hölle androht, sieht offensichtlich sich selbst gerne in der Hölle. Wie aber soll man für das Gute kämpfen ohne das Böse zu hassen? Auch Religionen kommen mit dieser Frage nie zu einem befriedigenden Ergebnis; aber sie lehren, am Ball zu bleiben. Auf die Wachheit, nicht auf absolute Erfolge kommt es an.

4.3 Religion – Antwort auf die Zukunft?

  • Stichworte:
    Religionen intervenieren nicht
    Leiten zum Einsatz für Menschlichkeit an
    Bieten universale Visionen (Reich der Freiheit)
    Ressourcen der Korrektur und Vergebung

Religionen machen Menschen nicht einfach gut oder einfach böse, vielmehr treiben sie die Alternativen und die weltpolitischen Folgen ihres Handelns auf die Spitze. Lebendige Religionen domestizieren, besänftigen also nicht, sondern sie heizen das Feuer an, um Klarheit zu schaffen. Sollten wir auf Religionen nicht doch lieber verzichten? Sollten wir sie nicht mit Sicherheitszäunen umgeben, sobald sie ihr Haupt erheben? Ist es nicht Sache der Vernunft, Religionen (gemäß dem Programm der Aufklärung) auf ihre Rationalität hin zu überprüfen? Ich meine nicht. Zunächst: Religion und Religiosität gehören zum Menschsein. Würden wir sie heute ausrotten, wären sie morgen wieder unter uns. Und es muss sie geben, denn gerade weil sie die Alternativen auf die Spitze treiben, können sie zu einer unverzichtbaren Friedenspotenz werden. Ich nenne zum Schluss dafür drei Gründe, die diese Reflexion, Reife und ständige Neuorientierung aufnehmen.

(a) Religionen sind keine fertigen Gebäude, sondern stellen uns Lebensweisheit und Handlungsbereitschaft, vielleicht Ungeduld und die Leidenschaft für ein gelingendes Menschsein zur Verfügung. Es liegt an den Menschen, ob sie diese Verstehens-, Handlungs- und Erfahrungshilfe täglich neu im Lichte unserer Weltsituation verstehen. Dabei geht es nicht um Demut und gehorsame Repetition, sondern um Eigenständigkeit, schöpferische Kraft und einen leidenschaftlichen Enthusiasmus für Menschlichkeit.

(b) Weltreligionen sind keine Dogmenverkünder; das kann nicht ihre Funktion sein. Ihr entscheidendes Angebot und ihre befreiende Herausforderung liegen in ihrem universalen Horizont; sie schlagen uns – wenn auch gewaltlos – alle vorschnelle, selbstgenügsame Besänftigung aus der Hand. Christlich gesprochen: Es geht weder um ein frommes Leben noch um Kirchen, sondern um das Reich der Freiheit, das hier und jetzt beginnt. Gerade die Grenzen und Probleme kommen unverstellt ans Licht; man lese nur die Bergpredigt oder die Propheten. Alle großen Grunderfahrungen sind in allen Weltreligionen anwesend. Es geht nicht in erster Linie um Alternativen. Es geht um die schlichte Frage, welche Erfahrungen eine religiöse Tradition ins Weltgespräch einzubringen hat. Normative Folgerungen ergeben sich daraus aus der je neuen Übersetzung in die Gegenwart selbst.

(c) Religionen müssen mit dem Feuer spielen, wie ich sagte, also den Mut zum Risiko aufbringen. Sie müssen sich mit den anstehenden Fragen intellektuell, emotional, lebenspraktisch auseinandersetzen. Nur diese umfassende und vorbehaltlose, nur diese leidenschaftliche und lebenspraktische Auseinandersetzung, nur dieses harte und kompromisslose Suchen schafft – in mühsamen Wachstumsprozessen – die Freiheit zur positiven Entscheidung.

Religionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie – wie wir sahen – sich selbst in eine jede Forderung, in eine jede Anklage und in einen jeden Handlungsauftrag einschließen. Hier liegt der Grund für die enormen Erziehungs-, Bildungs- und Stabilitätsleistungen der Weltreligionen. In den vergangenen Jahren ist viel von „Spiritualität“ die Rede, also von inneren Prozessen des Wachstums und der Erkenntnis, von tiefgreifenden Erfahrungen mit einem letzten Seinsgrund.

Diese innere Spiritualität hält dem Handlungsauftrag die Waage. Nur wenn die Religionen in ihrem höchst praktischen und konkreten Kampf für Menschlichkeit den Fehlentwicklungen widerstehen, wird auch klar, was der Sinn einer religiösen Spiritualität sein kann. Diese Spiritualität scheint mir wirklich unverzichtbar zu sein. An diesem Punkt mag dann die Diskussion mit Weltanschauungen beginnen, die sich ausdrücklich als „nicht-religiös“ verstehen. Bieten auch sie einen wirklich universalen Horizont, die unsere Weltwirklichkeit noch einmal übersteigt. Können auch sie die Gelassenheit und den größeren Blick anbieten, wofür die Religionen eigene Sprachwelten entwickelt haben? Das müssen diese Weltanschauungen selbst entscheiden. In jedem Fall suchen wir gemeinsam nach jener umfassenden universalen Vision, in der die ganze Menschheit eine versöhnte Zukunft findet.

Nur wenn eine solche Vision wirksam ist, können wir uns im Kampf gegen den Unfrieden von der Friedlosigkeit wirklich verabschieden, uns aus der Verkrampfung und Verbitterung lösen, die auch der Friedenskampf (privat oder politisch) unweigerlich mit sich bringt. Vielleicht haben Verzicht und Vergebung dann doch das letzte Wort. Die säkulare Welt hat dafür noch keine Sprache entwickelt, wie Jürgen Habermas meint. Die Religionen müssen sich anstrengen, um angesichts er Weltsituation wieder zu dieser Höhe zurückzufinden.

Schluss:

Gut gebrüllt, Löwe, mögen Sie sagen. Habe ich die Religionen jetzt nicht doch wieder auf einen sehr hohen Thron gehoben? Ich kann diese Frage verstehen, deshalb nenne ich zum Schluss noch einen Punkt, ohne den das Projekt Weltethos nicht zu verstehen ist. Dieses Projekt hat nicht nur eine Aufgabe nach außen, nämlich Kräfte des Weltfriedens miteinander ins Gespräch zu bringen und zu organisieren. Es hat auch eine Aufgabe nach innen:

Indem wir die Religionen miteinander ins Gespräch bringen, stellen wir ihre Verantwortung für die Welt auch dort kritisch zur Debatte, wo diese Religionen versagt haben. Und sie haben versagt. Deshalb sollen und können sie auch einander beim Wort nehmen und an ihren eigenen Ansprüchen prüfen. Sie kennen das Wort: „Soll das christlich sein?“ Diese Frage ist ein scharfes und notwendiges Schwert. Dass die Weltreligionen in solch programmatischer Weise beginnen, miteinander zu sprechen, auch einander zur Verantwortung zu rufen, das ist ein neues Phänomen. In dem Maß, wie dieses Gespräch gelingt, kommen wir dem Weltfrieden ein wesentliches Stück näher.

(Vortrag vom 01.03.2013)