Was Gott gefiel und was man daraus machen könnte

Zum Schreiben der Glaubenskongregation vom 02.03.2018

Aus mehreren Gründen macht mich das Schreiben Placuit Deo hilflos. Und es enttäuscht. Formal fällt es in den kurialen Hofstil zurück, den Papst Franziskus schon hinter sich gelassen hatte. Wie früher werden nur die Bischöfe angesprochen, als ob die Normalgläubigen die verhandelten Fragen nicht verstehen könnten. Normale Kirchenmitglieder kommen sich wie geheime Zuhörer einer Elternversammlung vor, die im Schrank versteckt zuhören müssen, wie man die Belange ihrer unmündigen Kinder bespricht. Zitiert werden nur Konzilien, Päpste, natürlich Thomas von Aquin, Augustinus und Irenäus von Lyon; eine Anmerkung gilt der vom Papst eingesetzten Internationalen Theologenkommission. Der Glaubenssinn des Volkes kommt nicht zur Sprache.

Alte Formeln …

Deshalb verwundert es nicht, dass das Dokument inhaltlich nichts Neues sagt bzw. das Neue und Diskussionswürdige in uralte Gewänder verpackt. So gesehen wird keine im Augenblick akute Frage wirklich aufgegriffen. Was der Anlass des Schreibens ist, bleibt uns verborgen. Waren es einige erklärungsbedürftige Bemerkungen von Papst Franziskus? Mag sein, aber dafür braucht es kein offizielles Schreiben.

Stattdessen fällt Kurienerzbischof Ladaria sofort mit der Tür ins Haus und erklärt ohne alle Vorbereitung: Gott hat sich offenbart, wir sind der göttlichen Natur teilhaftig, Christus ist Mittler und Fülle der göttlichen Offenbarung und die Kirche wendet sich in mütterlicher Liebe an alle[!] Menschen (Nr. 1). Dann erklärt er, die „Welt von heute“[?] habe damit Schwierigkeiten, und nennt dafür zwei Gründe: Der Mensch verstehe sich als autonomes Subjekt, also als den Schmied seines eigenen Glücks [Wortwahl HH], und er konzentriere sich zu sehr auf sein innerliches Heil, auf ein intensives Gefühl der Gottesvereinigung (Nr. 2).

Also doch nicht so weltfern? Über beide Tendenzen lohnt es sich zu streiten und über diese Fragen könnte man ein hochinteressantes Memorandum schreiben, intellektuell anspruchsvolle Zeitgenossen, Männer und Frauen, um ihre Mitarbeit bitten, ganz so wie sich Papst Franziskus in seiner Ökologie-Enzyklika von Naturwissenschaftlern beraten ließ. Zudem, wer von uns stimmt nicht dieser Doppelthese zu? Neoliberalismus oder nicht, mit oder ohne Globalisierungszwänge gedacht: ein geradezu tödliches Leistungsdenken überrollt uns und alle werden zu Versagern, die den Anforderungen unserer hochbeschleunigten, medial vernetzten Gesellschaft nicht entsprechen. Und wer von uns sieht nicht die Gefahr einer subjektivistischen Wirklichkeitsflucht, die sich aus sozialen Zusammenhängen ausklinkt und ‑ esoterisch oder nicht ‑ in eine unverbindliche Nabelschau und Selbstverliebtheit versinkt?

Vermutlich ist es der Weltfremdheit der katholischen Standardtheologie geschuldet, dass das Schreiben auf die alten Schlagworte, gar Häresien des Pelagianismus (4./5. Jdt.) und des Gnostizismus zurückgreift. Dabei gesteht der römische Text selbst ein: „Groß ist … der Unterschied zwischen dem heutigen historischen Kontext, der von der Säkularisierung geprägt ist, und der Situation der ersten christlichen Jahrhunderte, in denen diese Häresien entstanden sind.“ (Nr. 3) Warum wird die Frage dennoch in zwei alte Prokrustesbetten gezwängt? Der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wäre das nicht passiert. Wir kennen ihre Denkschriften zu Solidarität und Selbstbestimmung, Rechtfertigung und Freiheit, Autonomie und Angewiesenheit, Eigenverantwortung und Solidarität.

… für moderne Erscheinungen

Anders gefragt: Warum nimmt die Kongregation nicht gleich die modernen Gestalten der Selbstüberheblichkeit aufs Korn, also das Machotum der Macher und die narzisstische Weltflucht der Resignierten, die über alles herrschen wollen oder sich aus aller Verantwortung ausklinken? Die Antwort liegt auf der Hand: Dann würde sich schnell zeigen, wie intensiv und kritisch die aktuellen Fragen schon seit Jahren von der Gesellschaftskritik, der Philosophie und von vielen Handlungswissenschaften bearbeitet werden. Die Glaubenskongregation würde ihre Bundesgenossen erkennen, denn wir setzen uns mit diesen Problemen schon viel intensiver auseinander, als es einer hierarchischen Elite genehm sein mag. Bei aktueller, nicht antiquierter Fragestellung müsste der Vatikan erst selbst auf die Schulbank sitzen, um sich empirisch und analytisch durch die Fragefluten durchzuarbeiten.

Doch mangels solch aktueller, aber anstrengender Vermittlung weicht Ladaria auf ein ihm bekanntes Terrain aus, das er wohl schon in jesuitischen Studienzeiten gelernt hat, er flüchtet auf die Argumentationsschienen einer Alten und mittelalterlichen Kirche, die alle Heilsfragen regelte, indem sie beständig auf das sühnende Heilswerk Christi und auf die alleinseligmachende Vermittlung der Kirche (Nr. 12) verwies. Das mochte in Epochen angehen, in denen die Kirche gemeinhin akzeptiert, vielleicht notwendig und geachtet war als die heilige und normgebende Institution schlechthin. Nicht akzeptabel scheint es mir, diese Strategie im 21. Jahrhundert einzusetzen.

Das ist schade, denn jetzt hat die Glaubenskongregation eine wichtige Chance vertan. Papst Franziskus vergleichbar, hätte sie unmittelbar von den Sehnsüchten und den Nöten der Menschen reden können (Nr. 5 wäre ein guter Auftakt gewesen) und davon, was die Menschen selbst tun müssen, um sich wenigstens aus den selbstverschuldeten Katastrophen herauszuarbeiten. Man lese dazu nur Laudato Si‘. So erstaunt mich im Nachhinein, dass dieser wunderbaren Enzyklika noch niemand Pelagianismus vorgeworfen hat. Doch wirklich kritische Theologengeister wären da vorsichtig, denn seit den 1970er Jahren wissen wir, wie sehr der übereifrige Augustinus jenem frommen und aufrichtigen Mönch Pelagius Unrecht getan hat. Bekannt ist auch, dass Gnostizismus schon in der spätantiken Kirche zu einem überladenen Containerbegriff für alles wurde, was sich der äußeren Kontrolle der Kirche entzog.

Zur Glaubenskongregation ist diese Zurückhaltung noch nicht vorgedrungen, denn die Anm. 6 ihres Schreibens gibt nicht die Lehre unseres sympathischen Mönches, sondern deren gnadentheologische Projektion durch Augustinus wieder. Der erfrischende, zur Ordnung rufende Freiheitsappell des Pelagius hatte Augustins neu entwickelte Erbschuldlehre bedroht.

Der einzige Erlöser?

Das Schreiben der Kongregation arbeitet im Sinne der Nouvelle théologie, also mit Sinn für Geschichtlichkeit und für die Symbolwelt der Alten Kirche. Die Nummern 8-11 spielen deren Bildkraft großräumig aus. Zugleich fühlt man sich an den höchst konservativen Henri de Lubac erinnert, der sich nie mit dem Konzil versöhnte und später Josef Ratzinger ins Schlepptau nahm. Dabei wurden die Kirchensymbole mythisiert und führten zu einem Denken, das Benedikt XVI. in Dominus Iesus (2000) klassisch zusammenfasste (vgl. Anm. 2): Jesus ist der „einzige Erlöser des ganzen Menschen und der ganzen Menschheit“. (Nr. 2)

Dennoch endet das Schreiben in versöhnlicher Absicht (Nr. 15). Wir Christen sollen allen Menschen die Freude des Heils in Christus verkünden, mit anderen Religionen einen „aufrichtigen und konstruktiven Dialog“ aufbauen. Kann aber diesen Dialog aufrichtig führen, wer von Jesus als dem einzigen Erlöser spricht? Es wäre fruchtbarer gewesen, einen interreligiösen Dialog mit der gemeinsamen Frage zu installieren: Wie gehen wir zusammen mit dem hochaktuellen und weltweiten Doppelproblem eines entfesselten Machtrausches um, den eine verzweifelte Resignation begleitet? Könnte die katholische Kirche nicht einen Pakt mit anderen Religionen und human gesinnten Denkrichtungen schließen, um gemeinsam Wege zur Entgiftung dieser Doppelhaltung zu finden?

Aus dem destruktiven Fehlverhalten könnte ein ungebrochenes und weltgestaltendes Freiheitswissen werden, das zugleich um den Segen der Stille und des meditativen Rückzugs weiß. Nur in dieser Polarität können wir ‑ auch von anderen Religionen belehrt ‑ dem unaussprechlichen Geheimnis begegnen, von dem alle Religionen je auf ihre Weise berührt sind. Vielleicht könnten die deutschen Bischöfe in diesem Sinn eine konstruktive Initiative starten, statt der Glaubenskongregation nur formale Dankesadressen zu schicken.

Letzte Änderung: 3. März 2018