„Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein!“ Christoph Röhl leistet anstrengende Aufklärung

Auch sechs Jahre nach seinem Rücktritt spaltet Papst Benedikt noch Deutschlands Gemüter. Für die einen ist er ein herausragender Theologe und Bayerns größter Sohn, für andere wurde er zum reaktionären Versager auf dem Papstthron, der an seinem korrupten System zerbrach. Christoph Röhl, britisch-englischer Dokumentarfilmer und mehrfacher Filmpreisträger wurde in Deutschland bekannt durch seine Arbeiten zum Missbrauch in der Odenwaldschule („Und wir sind nicht die Einzigen“) und zum Rücktritt von Kaiser Wilhelm II. („Kaisersturz“). Er hat sich der vielleicht komplexesten Figur des jüngsten deutschen Katholizismus angenommen und mehr als vier Jahre an seinem Portrait gearbeitet. Die Mühe hat sich gelohnt.

In seinen Bildern liegt die große Stärke des Films; sie tragen die gesamte Dokumentation. Da sind die schlichten Fotos vom kleinen Joseph mit bayerischem Familienidyll, die Gedenkaufnahmen an die Primiz, der junge Professor mit dem kindlichen Gesicht, schließlich die bunt und beweglich gewordenen Filmaufnahmen vom Münchner Kardinal-Erzbischof, bald umstrahlt in römisch kurialem Glanz, mal verehrt und gekleidet in fürstlichem Rot, mal bescheiden mit abgewetzter Aktentasche und in schwarzem Talar, wie man ihn an Werktagen beim Überqueren des Petersplatzes sah. Schließlich erfährt das Auge vom Prunk des päpstlichen Zeremoniells, der an Pracht überquellenden Throne und Gewänder, bis hin zum wachsenden Kurienchaos und – einer Himmelfahrt gleich – dem bewegenden Abschied des Resignierten mit Helikopter nach Castel Gandolfo.

Offensichtlich ist Röhl der Zugang zu seltenem Bildmaterial und vornehmen Drehorten gelungen und er fragt sich, ob man heute diese Großzügigkeit nicht bereut. Er geht damit respektvoll, aber auch unbestechlich um, umso tiefer prägt sich manche erhellende Szene eines geheimnisumwitterten Geschehens ein. Denn mit der Bilderebene verknüpft sich ein dichtes Netzwerk von Interviews, oft knappen Kommentaren und entlarvenden Bemerkungen. Auch hier muss sich Röhl einen überquellenden Fundus von Stimmen erarbeitet haben, aus denen er in penibler Kleinarbeit das Treffende souverän auswählen konnte. Nie wird belehrt, donnernd verurteilt oder hinterhältig denunziert, vielmehr wird knapp kommentiert und werden nach der einen oder anderen Richtung die Augen geöffnet.

Alle, die zu Wort kommen, sind Insider. Aus Fachkenntnis oder eigener Erfahrung treiben sie den Plot voran. Aus welchen Gründen auch immer haben sie sich zum bald übermächtigen und unbarmherzig voranschreitenden Handlungsträger eine kritische Distanz erarbeitet, selbst diejenigen, die als seine Schüler oder Verehrer etwas Positives von ihm sagen möchten. Die einen rühmen seine Intelligenz und Ordnungsliebe, sein Schüler und zeitweiliger Weggenosse Wolfgang Beinert berichtet, Ratzingers liebstes Kirchenlied sei „Ein Haus voll Glorie schauet“; das mag Benedikts spätere Verliebtheit in den liturgischen Überglanz erklären. Privatsekretär Georg Gänswein erklärt Ratzingers Regierungskunst: Wenn eine Pflanze nach oben wachsen solle, müsse sie schließlich beschnitten werden. Über die zahllosen Kontrollen, Sanktionen und Verurteilungen, die unter Ratzingers Glaubenszensuren ergangen sind, sagt das schon viel. Natürlich äußern sich von Rom Gemaßregelte oder über die Missbrauchsaffären Empörte sowie unmittelbar Betroffene in einer unmissverständlichen Sprache. Doch diesen Frauen und Männern nimmt man ihre Emotionen ab. Sie berechnen keine Wirkung, sondern bringen ihre Erfahrungen zum Ausdruck.

Zu Beginn des 90-minütigen, prall gefüllten Films bleibt manche Linienführung noch offen. Ratzingers Heimatnähe konkurriert mit dem häufigen Lehrstuhlwechsel, seine kirchliche Strenge mit einer sympathischen Liberalität; für Kardinal Frings soll er die schärfste Kurienkritik der ganzen Konzilszeit vorformuliert haben. Der Professor gibt sich oft noch zögerlich und unverbindlich, reagiert in seinen Worten geradezu misstrauisch. Zugleich ist man noch heute überrascht von seiner anhaltenden Freundlichkeit und Fähigkeit zuzuhören. Seine Vorliebe zu Augustinus und einer platonischen Weltsicht zeigt noch nicht den Pferdefuß der allgemeinen Sündigkeit.

Prof. Ratzingers Erschütterung durch die 1986er Jahre in Tübingen ist bekannt, jetzt aber der Weg nach oben nicht mehr aufzuhalten. Ein wachsender, bisweilen aggressiver Konservatismus begleitet den Überflieger auf dem Regensburger Lehr-, dann dem Münchner Bischofs- und Kardinalsstuhl. 1982 wird er zum Glaubenspräfekten und Rom zu seiner endgültigen Lebensmitte. Er wird zum Römer im Geiste. Zusammen mit Johannes Paul II. wird er die katholische Kirche bis 2005, also ganze 23 Jahre prägen, dann für acht Jahre das Steuer selbst in die Hand nehmen. Später erklärt er, er habe seine Wahl wie ein Fallbeil verhindern wollen, doch für viele, damals ratlose Kardinäle war diese Wahl konsequent.

Mit seinem Amt als Glaubenspräfekt setzen die entscheidenden Charakterstudien ein. Der immer Freundliche, aber Distanzierte wird zum unerbittlichen Glaubenslehrer. Glaubensdekret folgt auf Glaubensdekret, wie immer elegant und in gelehrter Weise formuliert, Sanktion auf Sanktion, die innerkirchliche Kontrolle wird perfektioniert. Die unerbittliche Strenge des Zuchtmeisters und der Streit um sein reaktionäres Konzilsverständnis sind im Film ebenso gegenwärtig wie das Missgeschick mancher verunglückter Reden.

Unvermerkt steigt im Kinosaal die Spannung. Der mit Bild und Interviews analysierende Regisseur, dessen Unbestechlichkeit wohl auch von seiner konsequenten Distanz zu den verhandelten Fragen lebt, braucht nicht mehr für Spannung zu sorgen. Er beobachtet nur und zieht so die Zuschauer in den kommenden Strudel der Ereignisse hinein. Während der Papst sich nachmittags seinen theologischen Büchern widmet und seine Kirche mit Lehrdokumenten regiert, treten erst beunruhigende Indizien, dann handfeste Skandale auf. Paolo Gabriele, der päpstliche Kammerdiener, entwendet vom päpstlichen Schreibtisch Dokumente, die später in der Öffentlichkeit erscheinen. Für den Chef ist das ein Tiefschlag, denn er kann ohne das Vertrauen seiner päpstlichen Familie nicht leben. Inzwischen wachsen ihm die Skandalwellen in Irland und in den USA über den Kopf und er kann nicht verhindern, dass auch sein eigenes Dulden und Vertuschen in München öffentlich diskutiert wird. Eine gesundheitliche, geheim gehaltene Krise, die den Papst 2012 auf seiner Reise nach Mexiko und Kuba überrascht, zeigt ihm zugleich seine physischen Grenzen.

Für ihn muss es ein dramatischer Einschnitt sein. Manche Aufnahmen zeigen jetzt einen verunsicherten, gebeugt daherkommenden Papst, doch zunächst bleiben die Fassaden der güldenen Welt erhalten. Auch sein Abschied vom Papstthron wird sorgsam inszeniert. Die Abläufe des Protokolls bleiben intakt. Bei der offiziellen Mitteilung durch den Papst sind die Kardinäle bestürzt. Doch die Uhr läuft und bei seinem letzten Abschied kommt gegen seinen Willen wohl Wehmut auf. Er selbst stellt die Frage, ob ein Papst allein sei und antwortet: Nein, ein Papst, Stellvertreter Christi, sei nie allein. Diese Szene wirkt wie eine letzte, sich aufbäumende Verzweiflung, denn natürlich war er allein. Aber er flieht in ein übermenschliches Papstbild, das keine Kratzer duldet.

Nach den Bildern, Kommentaren und Abläufen die letzte Ebene der Präsentation: Die hässlichen Fakten Finanz-, Sexual- und Vertuschungsskandale sind genannt und ausgeleuchtet, jetzt konzentriert sich der Film auf die hässliche Seite des Kirchenapparats: Missbrauch, Vertuschung und der päpstliche Anteil daran, verdrängte Homosexualität und dunkle Netzwerke in der Kurie. Ein kleiner Kasten erscheint, den Benedikt einigen Kardinälen übergibt, für den Film ein hochsymbolischer Akt. Es ist ein emotionaler Höhepunkt der Dokumentation. In der Truhe liegt wohl der Report zu den kurialen Missständen, den Benedikt von drei Kardinälen erstellen ließ. Er selbst muss ihn gelesen haben, für andere bleibt das Dokument bis heute verschlossen. Ein Familiengeheimnis, wie verderblich auch immer, bleibt geheim. Die renommierte amerikanische Kirchenjournalistin Christa Pongratz-Lipp kommentiert mit dem notwendigen Sarkasmus, so dass sich die Spannung des Publikums in Lachen auflösen kann. Solch verschlossene Archen kennt die Kurie wohl noch andere; die Wahrung des guten Rufs ist zur Trickkiste kurialer Zauberkünstler degeneriert.

Zu Benedikts Nachgeschichte gehört auch die Wut all der Missbrauchten und Gedemütigten, von denen einige zu Wort kommen. Es ist der Nachhall abgesetzter Theologen und disziplinierter Kirchenkämpferinnen aus verschiedensten Ländern. Es sind die nachdenklichen, aber unerbittlichen Überlegungen einer im Kloster vergewaltigten Nonne und es ist der vernichtende Nachruf eines Insiders über den Ordensgründer und Lustmolch Marcial Maciel, der die „Legionäre Christi“ ins Leben gerufen, Jungen notorisch missbraucht, mit verschiedenen Frauen Kinder gezeugt hat, bis zum Tod mit ihnen in Liebe und Luxus verbunden bleibt. Nicht dass er ihn gab, scheint der Skandal zu sein, sondern dass er bei Benedikt und seinem polnischen Vorgänger in Rom lange wohlgelitten war. Man kann Vorwürfe und Tatsachen, rehabilitierte ihn aber wiederholt und schätzte seine beträchtlichen finanziellen Unterstützungen.

Zahlreiche Recherchen brachten die dunklen Seiten inzwischen ans Licht und werfen auf den Glaubenspräfekten und Papst dunkelste Schatten. Sie machen den hochgerühmten Glaubenslehrer zum großen Mitwisser und Vertuscher. Sein Bruder Georg, der oft jähzornige Chef der Regensburger Domspatzen, kommt ins Bild. Von den Ereignissen in seinem Internat will er nichts wissen und der Papst hält sich konsequent vornehm zurück. Nur einmal wird der Papst in offiziellem Ornat ertappt, wie er die Contenance verliert und einen Journalisten empört zurückweist.

Geradezu unerträglich wird für die Zuschauer eine andere Szene: Vor dem weiß gekleideten Papst und einer erlesenen Entourage, darunter sein Bruder, treten die Regensburger Domspatzen auf, ein heimatlicher Gruß. Unter ihnen singt im Solo eine engelgleiche Stimme das einschmeichelnde Lied: „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein.“ Man hat den hässlichen Missbrauch im Kopf, und jetzt das! Aber der Papst sitzt den jungen Sängern und ihrem strahlenden Solisten gegenüber, nicht mehr mit leuchtenden, von der Musik beglückten Augen, sondern müde und resigniert, beinahe teilnahmslos. Was muss er wohl gedacht haben.

Christoph Röhl lässt Abgründe erkennen, macht aber die Zuschauer nicht zu Voyeuren, sondern zu Teilnehmern des Geschehens. Nirgendwo wird belehrt oder geurteilt. Doch stockt einem vor Ratlosigkeit der Atem. Denn zutage tritt hier kein Bösewicht, in etwa ist er selbst das Opfer einer lange gewachsenen Ideologie. Man entdeckt eher die Tragik eines Mannes, den seine eigene Utopie von einer wohlgeordneten und unberührbaren Kirche zermalmt.

Musste Ratzinger diese ausweglose Rolle spielen, um eine vergangene Ära noch einmal konzentriert aufleben zu lassen, damit sie endlich zu Ende kommt? Der Jesuit Klaus Mertes legt dies gegen Ende des Films nahe. Man möchte es hoffen, doch Zweifel sind geboten. Kenner fragen sich schon jetzt, wie in einigen Jahren die Dokumentation über seinen Nachfolger aussehen wird. Der römisch-katholischen Kirche ist zu wünschen, dass die Auseinandersetzung um ihre Zukunft wenigstens ab jetzt transparenter geführt wird und die Ausschlussmechanismen gegenüber Frauen, Homosexuelle, gar Verheiratete, kritische Intellektuelle und aufrichtig Engagierte an den vielen Fronten endlich überwunden werden.

Doch der innere Kampf ist noch nicht ausgefochten. Die französische Künstlerin Louise Bourgeois nennt eine übergroße, aus Bronze gestaltete Spinne „Maman“. Man tritt unter sie und ist von ihren Beinen umstellt. Ein Leben hat Bourgeois sich gegen die mütterliche Übermacht gewehrt, um irgendwann zu entdecken, dass sie ohne deren Geborgenheit nicht leben kann. Aller Aufklärung und aller rational verantworteten Theologie zum Trotz ist die Kirche für viele eine Urmutter geblieben, auch wenn sie sich nach Freiheit und Autonomie sehnen. Das ist ein zwiespältiger Gedanke, denn er begünstigt noch immer den spirituellen Missbrauch (Doris Wagner), der sich in viele katholische Institutionen eingefressen hat. Was das heißt, kann man am Lebensweg von Joseph Ratzinger lernen.

Letzte Änderung: 20. September 2019