Gottesrede zwischen Rechthaberei und Profilverlust

(Last Updated On: 21. September 2017)

Kann christliche Ökumene noch überzeugen?

Zu meinen geliebten Kindheitserinnerungen gehört eine Reparaturwerkstatt für Fahrräder und technische Apparaturen, die man in meinem Heimatdorf benötigte. Später kamen Mofas und Motorräder, schließlich Autos dazu. Für mich als kleinen Jungen war das ein Paradies. Da wurde geschraubt und gebogen, gehämmert und geschweißt, wurden Speichen eingesetzt, Hupen ausprobiert, Motoren geölt und Zündkerzen entrußt, Pneus geflickt und aufgepumpt, auf die Räder von Fahrrädern und Autos aufgezogen, gegebenenfalls eine Mäh- oder Nähmaschine wieder in Ordnung gebracht. Später wurde auch eine Tankstelle in Betrieb genommen. Siegfried, der Sohn des Werkstattbesitzers, hatte zwar Mühe mit der Rechtschreibung, aber er war über die Maßen technisch begabt. Einmal gelang es ihm, ein ganzes Vierganggetriebe auseinander zu nehmen, in Ordnung zu bringen und wieder zusammenzusetzen. Er hatte dazu einen Bauplan entdeckt.

Für mich war das ein spannender und äußerst lehrreicher Aufenthaltsort. Zahllose Nachmittage verbrachte ich dort und technisch war ich bald auf hohem Könnerstand. Beinahe wäre ich Automechaniker geworden. Dazu kam es zwar nicht, aber eine wichtige Erkenntnis habe ich mitgenommen: Wer etwas lernen will, muss lernen, Fehler zu finden, zu reparieren oder aus zerbrochenen Teilen wieder etwas Ganzes zu machen. Überhaupt sollte er sich nicht mit bruchlos funktionierenden Hochglanzstücken beschäftigen, sondern mit Bruchstücken und blockierten Apparaturen, mit den Wracks eines Unfalls, und sei es dem Lenkmechanismus einer Vorderradachse, die niemand mehr benötigte.

Ökumene hat mit Unfällen und deren Produkten zu tun. Natürlich reichen zur Heilung keine Hammerschläge oder mechanische Tricks. Aber eine klare Einsicht in Fehlfunktionen und Verbiegungen, in Achsbrüche und in die ursprünglichen Baupläne ist unverzichtbar. Ja, wenn das bei der Ökumene so einfach wäre, höre ich Sie seufzen, und Sie haben recht. Vielleicht können wir noch feststellen, was in bestimmten Epochen falsch gelaufen ist; aber den ursprünglichen Bauplan der Kirche gibt es eben nur in groben Zügen. Wechselnde Zeiten erfordern wechselnde Ausformungen des originalen Konzepts. Wie also können wir mit Hilfe von verschiedenen Bauanleitungen wieder ein funktionsfähiges Gesamtmodell entwickeln? Eine Kirche ist kein Automobil, das man einfach reparieren könnte.

Sie gleicht eher einem Organismus, vielleicht einem Baum, der auf Astbruch oder Wassermangel, auf Stürme und Baumschnitte reagiert und dem man verschiedene Schösslinge inokulieren kann. Keine Verstümmelung kann einfach zurückgenommen werden, aber man kann auf die inneren Kräfte der Selbstheilung hoffen. Im 19. Jahrhundert hat man die Vielfalt von Konfessionen und Denominationen mit den verschiedenen Ästen eines Baumes verglichen.

Aber auch diese Metapher hat ihre Grenzen, denn die Kirche ist ein geschichtlich-soziales Gebilde, das – auch wieder in gewissem Maße – innere Strukturen und Verhaltensweisen bewusst regeln oder korrigieren kann. Die mechanischen und die organischen Gesetze toben sich nur bei der Bequemlichkeit der Kirchenmitglieder aus. Es hat also keinen Zweck, eine Kirche mit einem Fahrzeug oder einem Baum zu vergleichen, wenn wir damit das Handeln der Kirchenmitglieder einfach entschuldigen wollen.

These 1:
Die christliche Ökumene führt die Rede von Gott in einen merkwürdigen Zwiespalt. Unglaubwürdige Rechthaberei und eine überzeugende Dynamik liegen eng beieinander.

Zunächst beschränke ich mich auf die vergangenen 50 Jahre, also auf die Epoche, die mit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) begann. Damals gingen von der katholischen Kirche starke ökumenische Impulse aus; die Kirchen der Reformation haben darauf positiv und mit großem Engagement reagiert. Dieser ökumenische Aufbruch war der katholischen Kirche hoch anzurechnen, denn seit 430 Jahren gab sie zum ersten Mal die egozentrische Haltung auf, mit der sie sich über die ganze Neuzeit rettete. Im Dekret „Damit sie eins seien“ würdigte sie zum ersten Mal die Bedeutung anderer Kirchen und Konfessionen. Dennoch hat sie ihre Selbstverliebtheit nicht einfach überwunden. Dieses Konzil dachte nicht nur eurozentrisch, sondern stufte andere Kirchen und Konfessionen an Hand der Frage ein, wie weit sie von ihr selbst entfernt sind. Es entstand eine Hierarchie mit der katholischen Kirche in der Mitte, den orthodoxen Kirchen in einem ersten, den Kirchen der Reformation in einem zweiten Kreis und schließlich den anderen Kirche und kirchlichen Gemeinschaften. Dementsprechend stellten sich viele Ökumene noch als Heimkehr zum römisch-katholischen Vaterhaus vor.

Überhaupt nicht gewürdigt wurden die enormen Vorleistungen, die die evangelischen Kirchen im westlichen Kulturraum schon bei der Vorgeschichte und der Gründung des Weltrats der Kirchen erbracht hatten. Aus Höflichkeit haben evangelische Ökumeniker darüber meistens geschwiegen, wie bald auch alle Kritik an der katholischen Kirche verstummte. So sonnten sich katholische Kirchenleitungen gerne in ihrem neuen Ansehen.

Damit war ein zwiespältiger Prozess angestoßen, der die Verteidiger und die Kritiker der Ökumene – besser, der die Beschleuniger und die Bremser der Ökumene nie zusammenbrachte. Diesen Zwiespalt gibt es in den evangelischen Kirchen wie in der römisch-katholischen Kirche. Aus strukturellen Gründen (starke Amts-, Entscheidungs- und Lehrstrukturen) ist er in der katholischen Kirche viel stärker ausgeprägt.

Diese Spaltung in Mentalität und Absicht setzt sich innerhalb der ökumenischen Lager fort. Einerseits ist das verständlich, denn wo ökumenische Beziehungen greifen, verändern sie die Identität der Kirchen. Eine jede Konfession wird dazu herausgefordert, über ihre zentralen Überzeugungen, über ihre Alleinstellungsmerkmale nachzudenken: die evangelischen Kirchen über die Rechtfertigungslehre und deren Folgen, über das solus Christus, sola gratia und sola scriptura, die katholische Kirche über die Amtsstrukturen und die Sakramente.

An diesem Punkt wird eine Auseinandersetzung schwierig, weil es jetzt nicht mehr um Recht oder Unrecht geht. Vielmehr geht es um zwei Fragen, die leicht zu stellen, aber schwer zu ermessen und in die Wirklichkeit umzusetzen sind:
(1) Was in unseren Glaubensformen ist es eigentlich, das stärker ist als diese Differenzen? Können wir um der Einheit willen nicht über unsere Schatten springen, weil Gott schon immer seinen Schatten über uns wirft?
(2)Wie definieren wir für Außenstehende eigentlich unseren Gott? Wir definieren ihn als einen Gott, der zwar nach Einheit ruft, aber sich letztlich mehr von seinen Eigeninteressen leiten lässt. So kommt keine glaubwürdige Gottesrede zustande.

Christen sollten nicht vergessen, dass sie mit scharfem Blick und als Einheit beobachtet werden: Viele ökumenische Blockaden mögen aus einer echten Wahrheitsliebe geboren sein. Entscheidend ist aber nicht das Fragment an gutem Willen, auf das wir uns berufen. Jeder Psychologe kann uns zugleich erklären, wie schnell wir diese Wahrheitsliebe mit unserer Egozentrik verwechseln und dadurch verderben.

Umso wichtiger sind die Christinnen und Christen, die sich vorbehaltlos um eine gemeinsame Praxis des Glaubens und des Lebens kümmern. Eine solche Haltung kann nur aus dem Bewusstsein wachsen, dass Gottes Wort (also: Gottes Reich) immer die Sache der Kirche überragt.

These 2:
Ebenso zwiespältig sind die Gründe, die zur aktuellen Situation geführt haben.

 Kirchenspaltungen sind beinahe so alt wie die Kirche, man lese nur die streithaften Paulustexte, in denen er sich gegenüber den thoratreuen Judenchristen verteidigt. Seit dem 4. Jahrhundert, als die christliche Kirche eine staatstragende Funktion übernahm und die Glaubenslehre ins Zentrum des Interesses trat, hat jeder konziliare Lehrbeschluss zu einer Abspaltung geführt. Trotz aller Polarisierungen lief dieser Prozess nach dem letzten Konzil (1962-1965) noch glimpflich ab. Aber bis heute sind sie nicht überwunden.

Im Rückblick macht dieser Mechanismus misstrauisch und ein genauer Blick zeigt drei Gründe, die wiederholt zur Spaltung führten.

1. Es waren kulturelle Kontexte, in und mit denen sich verschiedene Kirchen auseinanderlebten. Das Musterbeispiel einer solchen Trennung ist das „Grosse“ oder „Morgenländische“ Schisma zwischen den östlich-orthodoxen Kirchen und der westlichen Kirche (seit 1054). Kulturelle Unterschiede wirken sich immer ganzheitlich und unbewusst auf das Denken, Reden und Handeln von Menschen aus. Wie massiv solche Prägungen sind, hat Hans Küng in seinen Paradigmen-Analysen demonstriert. Man vergleiche z. B. die orthodoxen, die katholische und die evangelischen Kirchen der Reformation mit den Freikirchen oder gar den Unabhängigen Kirchen amerikanischer Länder. Verständlich mag deshalb sein, dass diese Kirchen in auseinanderliegenden Epochen und Räumen auseinanderstrebende Formen annahmen. Unverständlich ist aus heutiger Sicht dies: Man nahm diese Vielfalt nicht als einen Reichtum wahr, für den man sich neugierig interessierte, sondern als eine Abweichung von der Wahrheit des Glaubens, die jede Kirche bei sich vermutete. Jede Spaltung hat damit zu tun, dass sich (wenigstens) eine Seite auf den Thron der Wahrheit setzt.

2. Es war immer auch das Gewicht der eigenen Identität, das jeweils zur Debatte stand und von der man nicht abweichen wollte. Wie wir wissen, besteht die Identität eines Individuums oder einer Gruppe immer aus vielfältigsten Komponenten, die – im Glücksfall – zu einer Einheit zusammenwachsen. Dazu gehören körperliche und biographische, familiäre und berufliche, soziale und ethnische, politische, kulturelle und religiöse Komponenten. Nun wissen wir: Die religiösen Komponenten spielen in Fragen einer Gemeinschaft, eines Volkes oder einer Schicksalsgemeinschaft eine ganz massive Rolle, so dass es hier zu starken Manipulationen und Selbsttäuschungen kommen kann: Man nennt sich orthodox und meint serbisch, katholisch und meint nordirisch, muslimisch und meint marokkanisch. So macht man Gott zum Serben, Nordiren oder Marokkaner, so wie wir das Jesuskind seit Jahrhunderten zu einem Säugling westlicher Prägung machen.

3. In der Reformation mit ihren großen Gestalten M. Luther (1483-1546), H. Zwingli (1484-1531) und Joh. Calvin (1509-1564) trat eine andere Komponente in den Vordergrund. Gewiss, auch hier spielten politische und kulturelle Fragen eine wichtige Rolle. Aber viel ausdrücklicher als früher wurden Differenzen der Lehre diskutiert. Nehmen wir M. Luther als Beispiel: Er hat begriffen, sie sehr sich die Theologie und der Denkstil des Mittelalters von der Theologie und vom Denkstil der Schrift entfernt hatten. Aber zu schnell münzte er diese neuen Erkenntnisse in einen Angriff auf die politischen, finanziellen und geistlichen Machtansprüche der offiziellen Amtskirche um. Formalinhaltlich war er im Recht. Aber die eigentliche Frage, über die man hätte streiten müssen, blieb auf der Strecke: Unabhängig vom kirchlichen Institutionenstreit hätte man über die Frage diskutieren müssen: Was sind eigentlich die Grenzen unseres Redens über das tiefe und unaussprechliche Geheimnis, das wir Gott, das wir Heil und das wir Erlösung nennen? Wer als Christin oder Christ von diesem Geheimnis ergriffen ist, kann m. E. keine ökumenischen Schlachten mehr führen. Er muss – wie auch immer – Ökumene praktizieren und sich uninteressiert von ihren Lehrfragen abwenden, die auf mich lächerlich wirken und die in der Regel niemand mehr versteht.

Vergessen wir schließlich nicht, dass ungefähr alle Kirchenspaltungen als Machtkämpfe geführt wurden. Deshalb kommen wir auch vom Bild des mächtigen Gottes nicht los. Mehr oder weniger offen stoßen wir so alle ab, die unter der Macht von Staaten, Besitzenden oder Rechthabern leiden.

These 3:
Eine glaubwürdige Ökumene sollte sich nicht an der Vergangenheit, sondern an der gemeinsamen Zukunft messen.

Solange ich mich mit Theologie beschäftige, also seit den 50er Jahren, betreiben wir Ökumene, indem wir uns gegenseitig abtasten und vergleichen. Wir haben die Unterschiede, bald auch die Konvergenzen inventarisiert und besprochen. Die Kirchen und der Weltrat der Kirchen haben interkonfessionelle Kommissionen eingesetzt und mit der Abarbeitung zentraler Themen beauftragt. Es ging um Wort und Sakrament, Heil und Erlösung, Rechtfertigung und Heiligung, um Schrift und Tradition und immer wieder um das kirchliche Amt und seine Autorität. Schon früh stellte sich eine Pattstellung ein, die nicht zwischen den Konfessionen, sondern quer zu ihnen verlief. Etwas fortschrittlichere Theologen fanden, dass es keine kirchentrennende Unterschiede mehr gibt. Warum also keine gegenseitige Anerkennung? Die Kirchenleitungen und deren Interessenvertreter hielten an unverwischbaren Unterschieden fest.

Dies ist eine vorrangig katholische Beobachtung. Denn in der katholischen Kirche sitzen bis heute die ausgesprochenen Hardliner, bis hin zum gegenwärtigen Papst, der den evangelischen Kirchen die Würde einer Kirche geradezu abspricht. So gesehen dokumentiert das vom damaligen Glaubenspräfekten Ratzinger verfasste und verantwortete Dokument DOMINUS IESUS einen neuen Tiefpunkt der ökumenischen Beziehungen. Es gibt aber auch Verteidiger dieses Dokuments und ökumeneferne Kritiker, die DOMINUS IESUS als ein sehr ehrliches Dokument respektieren. Ihr Argument lautet: Das war und ist die Position der katholischen Kirche. Davon kann sie nicht abweichen, solange sie ihre Identität nicht verraten will.

Wie sollen wir bei einer solchen Diskussionslage weiterkommen? Warum gelang es in einem halben Jahrhundert intensivster Diskussionen nicht, diese Grenzlinie zu überschreiten? Inzwischen zweifle ich daran, dass wir die richtige Strategie eingeschlagen haben. Wir haben uns beobachtet und verglichen, betätschelt und ernst genommen; aber damit haben wir eine grandiose Nabelschau betrieben. Die ökumenischen Aktivitäten der vergangenen Jahrzehnte sind von einer großen Selbstverliebtheit bestimmt, denn nicht Gottes Wort, sondern unsere Leistungen standen im Zentrum. Nur kommt keine Naturwissenschaft weiter, die immer nur von ihren vergangenen Leistungen erzählt. Gewiss, irgendwann hat jemand die Fallgesetze entwickelt. Was nützen sie aber zur aktuellen Sanierung des Weltklimas? Sie wird an der Lösung von aktuellen Problemen gemessen. Bislang haben wir also die zentrale Frage vergessen: Was ist denn das Maß, an dem unser gegenseitiger Respekt und unsere künftige Kooperation gemessen werden? Eine Ökumene, die auf sich selber starrt, sich also in ihre eigene Selbstbeschäftigung verstrickt, ist uninteressant für unsere Gesellschaft und für die Menschheit insgesamt. Und eine Kirche, die aus lauter Selbstverliebtheit die Perspektiven der Menschheit vergisst, verkündet nur einen Gott der Bibelkenner und Weihrauchspezialisten, der Insider und der Frommen. Ein solcher Gott ist für die Menschen, die außerhalb der Kirche stehen, uninteressant. Ich bin der Überzeugung, dass die Ökumene schleunigst ihre Ziele definieren muss, sonst betrügt sie die Welt um Gott.

Das Ziel aber liegt in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit, die doch nur die traumatisierten Insider interessiert. Biblisch ausgedrückt liegt sie im Reich Gottes, in dem Gottes Wille wirklich und gegenwärtig geschieht, in dem die Menschen nicht mehr um ihr tägliches Brot bangen müssen und indem sie nicht mehr von einer Schuldspirale in die andere getrieben werden, gleich, ob man sie finanziell, sozial oder moralisch interpretiert. Es ist diese Verliebtheit in die eigene Institution, und es ist dieser Mangel an Menschenliebe, der seit 1950 Jahren ökumenische Probleme produziert und ihre Lösung verhindert, weil diese Selbstverliebtheit immer nur zwiespältige und halbherzige Lösungen zulässt. Deshalb verstehe ich eine jede Christin und einen jeden Christen, der sich einer Kirche verweigert, die ihre eigene Weisheit noch immer über Gottes universale und dringend notwendige Heilszusage stellt.

Aus dieser Perspektive gesehen hat die Führungsriege der katholischen Kirche einen ökumenischen Tiefpunkt erreicht, den sie vor Gott kaum mehr verantworten kann.

These 4:
Die selbstgemachten Probleme der Ökumene lassen sich nur indirekt lösen. Zu den Lösungsansätzen gehören die Neuaneignung der biblischen Quellen, das interreligiöse Gespräch und der Einsatz für eine versöhnte Zukunft der Menschheit.

Ich habe mit Erinnerungen an die Dorfwerkstatt meiner Kindheit begonnen. Für Eitelkeit und Betulichkeit blieb dort keine Zeit. Die Arbeit musste weitergehen und Probleme waren zu lösen. Ich weiß, dass dieses Beispiel für die Fragen der Ökumene zu simpel ist. Probleme der Ökumene sind selbstgemacht, oft über Generationen hin weitergegeben. Einer psychischen Krankheit vergleichbar führen sie zu Selbstverstrickungen, aus denen die Betroffenen sich selbst nicht lösen können. Die Kirchen brauchen Hilfe von außen, vielleicht ein komplexes Netz von Strategien. Ich möchte hier drei nennen und gleich hinzufügen, dass sie gemeinsam, in einer ganzheitlichen Strategie einzusetzen sind.

Die erste Strategie lautet:
Neuaneignung der biblischen Quellen. Sie wirkt schon seit 2000 Jahren und ich behaupte nicht, dass sie seitdem einfacher geworden wäre. Denn auch im Umgang mit der Schrift sind ständig Missverständnisse abzubauen. Sie hilft nur weiter, wenn wir sie auf dem Wissensstand der zeitgenössischen Exegese ernst nehmen. Deshalb rate ich, die Schrift nicht mit den traditionellen kirchlichen Fragen, sondern mit den Alltagsfragen einer modernen Gesellschaft zu lesen. Wie sie übersetzen, dass auch der Banker sie versteht? Wie über sie reden, dass darin unsere profane Erfahrungswelt aufleuchtet? Wie sich die hebräische Bibel aneignen, dass sich endlich wieder die jüdische Leidenschaft für die Gerechtigkeit durchsetzt, bevor wir zu verinnerlichten Frage nach der Rechtfertigung übergehen? Schon allein die einfache, aber entlarvende – und bei Theologen oft ungeliebte – Frage: „Was hätte Jesus getan?“ kann heilsame Wunder wirken.

Die zweite Strategie lautet:
Das interreligiöse Gespräch. Von den ökumenischen Verstrickungen können wir uns nur lösen, wenn wir uns intensiv mit anderen Religionen befassen und auch sie als Quellen der Wahrheit ernst nehmen. Ich weiß, dass ich damit einen schwierigen Punkt berühre, über den man sich Abende lang unerhalten könnte. Ich rühre die Überzeugung von der christlichen Wahrheit nicht im geringsten an. Christus ist und bleibt Weg, Wahrheit und Leben. Wir müssen aber zugeben, dass Millionen und Milliarden von Menschen anders denken. Sie begegnen dem tiefsten Geheimnis der Welt auf andere Weise. Man kann von seiner eigenen Sache überzeugt sein, ohne dass man andere Dinge als unwahr verdammen muss. Bislang hat das Christentum diese Selbstbescheidung nie lernen müssen und nie gelernt. Genau deshalb brachte sie nie das Vermögen auf, mit ihren internen Auseinandersetzungen versöhnlich umzugehen. Dabei ist ihr die Problematik schon mit der Hochschätzung der jüdischen Tradition in die Wiege gelegt. Wer andere Religionen kennen lernt, lernt die ungeheure Vielfalt von Gottesbildern, von religiösen Erfahrungen und von gottgewollten Lebensstilen kennen. Er lernt verstehen, dass und warum Gottes Geheimnis größer ist als alles, was eine Kirche darüber sagen kann. Glaubwürdig wird die Rede von Gott nur dann, wenn dieser Respekt vor dem göttlichen Geheimnis durchschimmert.

Die dritte und entscheidende, die andere umschließende Strategie lautet:
der Einsatz für eine versöhnte Menschheitszukunft. Nur wer eine Leidenschaft für eine menschenwürdige Zukunft entwickelt, hat verstanden, was mit Gottes Reich gemeint ist. Alle ökumenischen Bemühungen werden scheitern, wenn sie nicht von dieser Ausrichtung auf Gottes Reich gebrochen werden. Erkannt wurde das etwa im Projekt Weltethos. Es initiiert Gespräche mit allen Religionen (und Weltanschauungen) über die Frage, wie uns ein universaler Friede und eine universale Versöhnung gelingen kann. Man muss nur einen Tag in den Geist einer solchen Auseinandersetzung eintauchen, um zu spüren, wie kleinkariert, wie selbstgerecht und wie provinziell im Grund unsere ökumenischen Probleme sind. Wer aber meint, dieses Projekt sei zu eng dimensioniert und vielleicht zu „moralisch“, der/die soll sich im Weltrat der Kirchen umschauen, der schon seit Jahrzehnten sozialethische Fragen mit ökumenischen Begegnungen kombiniert. Nur auf diesem Weg kommt, wie ich meine, eine vor Gott glaubwürdige Weltrede zustande.

(Erschienen in: A. Benk, M. Weyer-Menkhoff (Hg.),
Gesucht: Glaubwürdige Gottesrede. Fundorte vor unserer Haustür, Ostfildern 2012, 85-98)