Zuerst Mensch! – Konsequenzen für den gesellschaftlichen Dialog – Thesen von Hermann Häring und Walter Lange

I.       Grundlegende Beobachtungen

1. »Die Welt aus den Fugen.« Mit diesem Shakespeareschen Buchtitel traf Pe­ter Scholl-Latour im Jahre 2012 den Nerv eines aufkommenden Zeitgefühls, das sich inzwischen voll ausgebildet hat.

2. Unsere Gesellschaft steht in einem gesellschaftlichen und kulturellen Um­bruch, der seinesgleichen sucht und uns ratlos macht.

3. Säkularisierungsprozesse haben die christlichen Kirchen aus ihren kultu­rellen und gesellschaftlichen Leitfunktionen schon lange verdrängt. Damit verschwindet eine ganze Sprach-, Symbol- und Wertewelt, die der Gesell­schaft – jedenfalls den alten Bundesländern – noch lange Einheit und Identi­tät verliehen hatte. Bislang ist dieser Verlust durch kein gleichwertiges Bin­demittel ersetzt.

4. Nichtchristliche Religionen, insbesondere der Islam, verstärken massiv ihre politische Präsenz. Dieser paradoxe Kontrast ist es, der uns ängstigt.

5. Die Prozesse ökonomischer und kultureller Globalisierung verschärfen die­se Verunsicherung und konterkarieren unsere Fortschrittsideale. Die Angst vor dem und vor den Anderen bricht sich Bahn.

6. Je mehr sich unsere Gesellschaften ausdifferenzieren, umso unverzichtbarer werden die 1000 Brücken, die in jedem Land von der Zivilgesellschaft aus­gedacht, ausprobiert und instandgehalten werden.

7. Die friedliche Ablösung des alten DDR-Regimes wäre ohne die gewaltlose, gleichwohl höchst aktive Präsenz einer Zivilgesellschaft undenkbar gewesen.

8. Die Zivilgesellschaft ist der große Vorhof der Demokratie, in dem die offiziel­len Repräsentanten der Demokratie ihren Wertekanon und ihr Handwerk ler­nen.

9. Die zum Teil harten politischen, sozialen und ökonomischen Auseinanderset­zungen seit 25 Jahren, verbunden mit den militärischen, fiskalischen und ökologischen Bedrohungen, haben zu einem dramatisch gesteigerten Wer­tebewusstsein und zu dramatisch gesteigerten Wertekonflikten geführt. Dafür spricht auch das Aufkommen der Neuen Rechten in europäischen Län­dern.

10. Die Frage nach den Grundwerten, die uns – über Religionen, Weltanschau­ungen, wissenschaftliche, ökonomische und künstlerische Gemeinschaften hinaus – verbinden müssen, kann wieder offen diskutiert werden.

11. Im westlichen Kulturkreis werden die christlichen Glaubenssysteme aufge­fordert, ihre vormodernen Attitüden einer Belehrungs- und Erlösungsorgani­sation aufzugeben.

12. Unsere neue, zivilgesellschaftlich zentrierte Gesprächslage hat die religiösen Impulse unserer Gesellschaft gerade nicht zerstört, wohl aber differenziert und gereinigt. Die Egoismen religiöser Institutionen wurden ebenso entlarvt wie den Übergriffen auf die menschliche Autonomie Einhalt geboten wurde. Ihre vormodernen Kontexte brechen ab.

13. Humanismus und Aufklärung haben den Missbrauch und die Degenerierung der Religionen völlig zu Recht kritisiert. Es gelang ihnen aber nicht, die Wohltaten, die die Menschen aus religiöser Erfahrung schöpfen, zu retten oder neu zur Geltung zu bringen.

14. Als Antwort auf die großen Sinnfragen können humanistische Strömungen nur auf ausgedörrte Formeln zurückgreifen, die ihre ursprüngliche große Be­deutung verloren haben, z.B. im Falle von Frankreichs Liberté, Egalité, Fra­ternité. Deshalb wird in der Regel auch der Humanismus, vielfach miss­braucht, »nur noch als leeres Dogma empfunden, nicht als etwas, das einen durchs Leben begleitet, worin man zu Hause sein kann.« (Julia Kristeva)

15. Heute treten die existentiellen Grenz-, die Ursprungs- und die Zielfragen in den Vordergrund. Deshalb sollten alle profane Weltanschauungen und Reli­gionen in einen Wettstreit treten, um auf die grundlegenden Fragen der Menschen Antworten zu geben.

II.      Gesellschaft im Dialog

1. Humane Werte – Goldene Regel

16. Alle Weltreligionen folgen einem Grundimpuls, der am elementarsten in der durch und durch menschlichen Goldenen Regel zum Ausdruck kommt. Zeitgemäß formuliert: Ein jeder Mensch ist menschlich zu behandeln, so nämlich, wie es im Rahmen der Gerechtigkeit erwartet wird. Genauerhin formulieren alle Weltreligionen diesen Grundsatz gemäß den vier grundle­genden Dimensionen des menschlichen Lebens aus:

17. (Dimension 1)
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Also gilt die Regel der Gewaltlo­sigkeit, eine Kultur der Ehrfurcht vor dem Leben. Gewalt wird von allen großen Religionen geächtet.

18. (Dimension 2)
Wir Menschen leben in gemeinsamen Lebensräumen, von denen wir gemein­sam abhängig sind. Deshalb gilt die Regel der Gerechtigkeit in einer Kultur der Solidarität und gerechten Wirtschaftsordnung. Keine der großen Religi­onen duldet offensichtliches Unrecht.

19. (Dimension 3)
Wir sind Wesen, die miteinander kommunizieren und gegenseitig von unse­rem Weltverständnis abhängig sind. Wir müssen voneinander lernen, unser Wissen weitergeben und darauf achten, dass wir immer in einen gemeinsa­men Lernprozess eingebunden sind. Deshalb gilt eine Kultur der Wahrhaf­tigkeit und der Toleranz.

20. (Dimension 4)
Bis in Fragen der Geschlechtlichkeit und in die Zeugung neuen Lebens hinein sind wir auf gegenseitige Achtung und Treue gerade dort angewiesen, wo wir stärker oder schwächer, hilfsbereit oder hilfsbedürftig sind; deshalb gilt eine Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, den Starken und den Kranken.

2. Letztgültige gemeinsame Zukunftswerte:

21. Die einzelnen Weltreligionen bilden erfahrungs- und traditionsreiche Ge­sprächsräume zu den bleibenden Fragen nach Mensch, Gemeinschaft und Gesellschaft. Sie loten die Qualität unseres Verhaltens aus und achten be­sonders auf die Grenzerfahrungen von Wachstum und Verlust, Freude und Enttäuschung, Güte und Bosheit, Fortschritt und Rückschritt, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod.

22. Uns allen würde es guttun, Gott nicht einfach als ein abstrakt höheres We­sen, sondern als Flucht- und Konzentrationsort dieser Erfahrungen der Selbsttranszendenz zu begreifen.

3. Globale Kooperation:

23. Wir unterscheiden zwischen zwei Weltanschauungsfamilien, der großen Fa­milie der Weltreligionen und der kulturell mehr begrenzten Familie nichtreli­giöser Weltanschauungen. Heute können beide gegenseitig kooperieren, so­bald sie sich mit der real existierenden Welt und ihren verschärften Gefahren auseinandersetzen. Die großen Testfälle ihrer Kooperation sind Krieg und Zerstörung, der grassierende Raubtierkapitalismus und die katastrophale Verarmung von zwei Dritteln der Menschheit.

24. Inzwischen hat sich auch gezeigt:
Die genannten Grundregeln von Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Toleranz und Gleichberechtigung ordnen sich nahtlos in das moderne und global be­sprechbare Moral- und Rechtsbewusstsein unserer Gegenwart ein.

25. Auch Christen, Muslime und religiöse Menschen müssen sich in der alltägli­chen Politik nicht auf eine besondere höhere Instanz berufen.

26. Die genannten Regeln sind als Grundwerte aus sich selbst heraus plausibel, gleich von welchem philosophischen oder theologischen Hintergrund her man sie auch näher ausformuliert.

4. Gespräch als Methode

27. Für die interreligiöse Verständigung und die gemeinsame Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens gilt dasselbe Grundprinzip: beides lässt sich nur im intensiven Gespräch und auf Augenhöhe von Gleichen bewältigen.

28. Erfordert ist dieser Dialog auf allen Ebenen, nicht erst im Parlament, son­dern schon im Kindergarten, nicht erst im belehrenden Wort von Erziehung und Schule, sondern auch in der praktizierten und solidarischen Tat in Fami­lien und unter Freunden.

29. Eine gewaltfreie, tolerante, gesprächsoffene und dennoch zielgerichtete Men­talität muss sich auf allen Ebenen unserer Gesellschaft zeigen. Zugleich muss der gesellschaftliche Dialog von konkreter Sach- und Menschenkennt­nis sowie vom Wissen um die inneren Widersprüche einer Gesellschaft ge­tragen sein.

30. Demokratien schaffen nicht das Glück von Menschen, sondern stellen ge­deihliche Lebensbedingungen zu Verfügung. Sie schaffen Ausgleich und zähmen nach Maßgabe der Menschlichkeit die großen gesellschaftlichen Mächte: Reichtum, Ehre, Besitz.

5. Handeln als selbstloser Einsatz

31. Eine Gemeinschaft lebt von der Begeisterung, der Zivilcourage und der Selbstverständlichkeit, mit der auch Außerordentliches geschieht.

32. Weder individuelle Menschen noch menschliche Gemeinschaften sind vor ih­rem Versagen, vor Gewaltausbrüchen und der Missachtung aller Werte ge­schützt. Deshalb bedarf es in kritischen Momenten der Frauen und Männer, die mehr tun, als wozu man sie verpflichten kann.

33. Die Bürgerrechtsgruppen, die 1989 in der DDR die Wende herbeiführten, ha­ben sich in die Gefahr von Leib und Leben begeben. Niemand hätte das von ihnen erwarten können, doch haben sie es auch stellvertretend für die Ängst­lichen und die Schwächeren getan.

(Die Thesen wurden im Rahmen einer Veranstaltung vom 01.04.2017  in Dresden entwickelt)

Letzte Änderung: 3. Oktober 2019