Ziele und Strategien einer Gemeindereform 50 Jahre nach dem Konzil

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Die meisten Reformgruppen sind überaltert; auch den jüngeren Gruppen gelingt es nicht, unter jungen Menschen Fuß zu fassen. Damit sind die Gemeinden der römisch-katholischen Kirche Deutschlands hilflos mit einem dramatischen gesellschaftlichen Relevanzverlust konfrontiert. Deshalb müssen sich die noch vorhandenen aktiven Gruppen einer grundlegenden Sach- und Strategiediskussion stellen.

Die wirklich Engagierten, die eine Veränderung der Gesellschaft bzw. der Kirche wollten, sind längst ausgewandert und in anderen Organisationen aktiv.
(Kirchlich engagierter Kritiker)

Sei Du selbst die Veränderung, wie Du die Welt verändert sehen möchtest!
(Mahatma Ghandi)

Einleitung: Eine neue Situation

Nach namhaften Vorgängerbewegungen (Liturgische Bewegung, ökumenische Initiativen, katholische Jugendorganisationen, säkulare Institute) begannen die aktuell noch wirksamen Erneuerungsbewegungen mit dem Ende des 2. Vatikanischen Konzils. Sie differenzierten sich zunehmend nach verschiedenen Interessen und stellten die Forderungen der Gottesvolkes immer mehr in den Mittelpunkt. Begleitet wurden sie von den Impulsen der Würzburger Synode (1975) und neuen Ausrichtungen durch die VolksKirchenBewegung Wir sind Kirche (1995) in Österreich und in Deutschland sowie durch neuere Impulse, etwa die Pfarrerinitiative (2012) und seit einigen Jahren das neu aktiviert Institut für Theologie und Politik. Zu nennen ist die Initiative Kirche von unten mit ihren sozialkritischen Aktivitäten. Weite vielfältige andere, u.a. ökumenisch orientierte Reformgruppen kommen hinzu. Mit wenigen Ausnahmen konzentrieren sich diese Bewegungen auf Fragen der römisch-katholischen Gemeindegestaltung.

Niemand kann Sinn und Wirksamkeit dieser Bewegungen zuverlässig beurteilen. Zudem kann niemand den Reformstau, der sich seit 50 Jahren hält, erschöpfend analysieren. Wir haben es mit einer multiplen Dauerkrise zu tun, deren Komplexität niemand wirklich durchschaut. Zum andern kann niemand voraussehen, welchen Paradigmenwechsel Papst Franziskus (seit 2013 im Amt) in die Wege leiten wird. Klar ist nur: Wer die aktuellen Erneuerungsprogramme fortschreiben will, hat neuere kirchliche und unaufhaltsame gesellschaftliche Entwicklungen im Blick zu halten, die die wohlbekannte Dauerkrise nur noch verschärfen. Hier seien die vier wichtigsten Gesichtspunkte genannt.

0.1   Zerfall der Gemeinden

Der Zerfall vieler Gemeinden schreitet in dramatischer Weise voran. Die Kirchenleitungen intensivieren diesen Prozess durch die systematische Bildung von Großgemeinden, die den dramatischen Priestermangel kaschieren solle. Damit treiben sie den Zusammenbruch der klassischen Pastoral, damit auch die Kontrolle der Gläubigen durch den Klerus voran. In dieser Situation können neue Kräfte der Heilung entstehen.

0.2  Recht der Gemeinden auf Selbstgestaltung

Die Amtsführung des deutschen Episkopates schadet den Gemeinden. Durch hartnäckigen Solidaritätsmangel hat es massiv an Autorität verloren. Das muss kein Schaden sein, denn für die Gemeinden ist die Zeit gekommen, ihre Lebenspraxis gemäß neutestamentlichen Vorgaben im Blick auf die Gegenwart neu zu gestalten.

0.3   Weitergabe des Reformgedankens:

Den Reformkräften gelingt es nicht, ihre Reformimpulse den nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Dies führt zur grundsätzlichen Frage nach der Effektivität gegenwärtiger Reformarbeit.

0.4   Säkularisierungsprozesse:

Unabhängig zum Verhalten von Kirchen und Gemeinden haben sich die Säkularisierungsprozesse der westlichen Gesellschaft vertieft und radikalisiert. Auch die Gemeinden und deren Reformkräfte sind Teil dieser Prozesse, deshalb verläuft ihr Widerstand gegen die Säkularisierung ins Leere. Oft stimmt die vorgebrachte Kritik mit ihrer persönlichen Grundhaltung nicht überein. Reformkräfte müssen diese Diskrepanz aufarbeiten.
Aus diesen Entwicklungen sind Konsequenzen zu ziehen.

I. Neue Inhalte und neue Ausrichtung

1.1   Rückblick

  • Proteste und Petitionen
    Niemand weiß, wie unter den gegenwärtigen Bedingungen der Zerfall und die Zerstörung katholischer Gemeinden aufzuhalten sind. In den vergangenen Jahrzehnten war die Reformarbeit in hohem Maße bestimmt von symbolischen Akten des Protests und der Solidarität mit solchen, die von den Kirchenleitungen gemaßregelt wurden. In wachsendem Maße ging es um Stellungnahmen und Petitionen gegenüber dem kirchenoffiziellen Handeln Roms, der deutschen Bischofskonferenz oder einzelner Bischöfe. In der Regel hat man mit öffentlichkeitswirksamen Argumenten gearbeitet, Presse, Fernsehen und andere Medien eingesetzt. Unter Papst Franziskus wird versucht, innovative päpstliche Initiativen zu unterstützen.
    Zu den wichtigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre gehörten die Debatte um die Schwangerschaftskonfliktregelung (1998-1999), die dramatische Thematisierung von sexueller Gewalt von Priestern und Ordensleuten (2002), die Suspendierung von Prof. Hasenhüttl (2003), die Papstbesuche in Paderborn und Berlin (1996), in Köln und Bonn (2005) sowie in verschiedenen Orten Bayerns (2006) und in der Bundesrepublik Deutschland (2011). Es folgten das Krisenjahr 2010, in dem das Problem sexueller Gewalt im die öffentliche Diskussion bestimmte, und der darauf folgende „Gesprächsprozess“ (2011-2015), die Diskussionen zum Theologen-Memorandum (2011), das vielfältig innovative Pontifikat von Franziskus (seit 2013) sowie die umfassenden Diskussionen zu den Bischofssynoden 2014 und 2015.
  • Paradoxe Resultate
    Die Arbeit hat zu paradoxen Resultaten geführt. Innerhalb und außerhalb der Kirche hat sich die Einsicht in die Unumgänglichkeit von Reformen signifikant verschärft, doch mehr denn ja lässt die Kooperation von lokalen Reformgruppen zu wünschen übrig. Die wenigen noch aktiven KernfunktionärInnen arbeiten am Limit ihrer Kräfte.
    Dabei hat konstante Ausrichtung der Arbeit auf die Kirchenleitungen (Kritik, Bitte, Bestätigung, Segenswünsche) deren Bedeutung unterschwellig erhöhte. Je größer die Krisen sind, umso dringender wird von Papst und Bischöfen Hilfe erwartet. So zeigt sich in zahlreichen Petitionen und Briefen ein Anpassungsdruck, der tendenziell Verschleierung nach sich zieht. Langfristig wirkt diese Taktik lähmend, weil sie den Kern der Konflikte verschleiert. Aus diesen Gründen ist ein neues Überdenken der Arbeit dringend geboten.

1.2   Gemeinden als Adressatinnen der Arbeit

  • Kein konsequenter Reformwille der Kirchenleitungen
    Bislang konnte die Reformarbeit den Reformwiderstand der Kirchenleitungen nicht brechen. Unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wurden zahlreiche Aktionen als unkirchlich diskriminiert. Unter Papst Franziskus zeigt sich eine differenziertere Situation, doch ein prinzipieller Durchbruch ist noch nicht erreicht. Zwar zeigen die Deutsche Bischofskonferenz und die Mehrheit ihrer Bischöfe ein freundliches Gesicht. Sie haben aber nicht die Kraft, bisherige prinzipielle, vermeintlich dogmatisch festgelegte Positionen über Bord zu werfen.
    An ihnen scheitert eine jede Reform von prinzipieller Tragweite. 50 Jahre vergeblicher Reformarbeit in Grundlagenfragen machten hinreichend klar, dass der eingeschlagene Reformweg unter den gegebenen Umständen ausweglos ist.
  • Schlüsselrolle der Gemeinden
    So ist es nicht mehr ratsam, sich für die grundlegenden Reformziele primär bei den Kirchenleitungen stark zu machen. Es ist Zeit, die Gemeinden als Subjekte der Reform und als die Adressatinnen aller Reformarbeit ins Zentrum zu rücken.
    In erster Linie sind Reformgruppen haben keine Vermittlerinnen und Advokaten vor höheren Instanzen, ihnen obliegen vielmehr Inspiration und Koordination in und zwischen den Gemeinden, dort also, wo reformbereite Kräfte zu Hause sind. Deshalb steht den Reformgruppen weit breiteres Bestätigungsfeld offen, als die gängige Praxis vorgibt.
  • Strategiewechsel
    Dieser Strategiewechsel macht die Arbeit vielfältiger, aber auch unmittelbarer und einfacher. Positive Zielvorgaben rücken in den Vordergrund. Kritik und die meist vorhersagbaren Forderungen nach oben verlieren an Gewicht. Reformgruppen müssen sich dafür einsetzen, dass die oft unkoordinierten Reformaktivitäten kommuniziert, gebündelt und auf große Linien hin integriert werden. Faktisch fällt den Reformgruppen immer mehr eine Funktion zu, die von den Bischöfen vernachlässigt werden.
  • Begründungspflicht nach unten
    Das kritische Gespräch mit Bischöfen und übergeordneten Organen wird dadurch nicht ausgeschlossen; aber es wird sekundär und steht gegenüber der primären Reformarbeit in den Gemeinden in ständiger Begründungspflicht.
    Dies gilt auch für das Verhalten gegenüber Papst Franziskus. Natürlich ist seinen zukunftsgerichteten Worten und Aktivitäten zuzustimmen, doch sollte eine neue Papstverehrung vermieden werden.

1.3   Die Chancen eines neuen Gemeindemodells

  • Die Vision vom beginnenden Gottesreich
    Strategische Überlegungen ergeben sich auch aus einem neuen Gemeindemodell, das sich der Reformarbeit aus biblischen, pastoralen und gesellschaftlichen Gründen geradezu aufdrängt. Endgültig können sich Gemeinden nicht mehr auf angestammte Gewohnheiten verlassen (Ende der Volkskirche) oder auf eingebürgerte Rechte zurückziehen (Ende der Staatskirchen). Vielmehr sind (im Sinne des Aggiornamento) aus der biblisch-jesuanischen Vision vom beginnenden Reich der Gerechtigkeit und Versöhnung neue Folgerungen zu ziehen, bevor die Gemeinden zu Sekten degenerieren oder in ihrer Irrelevanz implodieren. Die Folgerungen lassen sich in drei Thesen zusammenfassen:
    – die Erneuerung der Gemeinden duldet keinen Aufschub,
    – der primäre Ort des Gemeindelebens ist jeweils der Sozialraum, dessen Teil die Gemeinde ist,
    – die unmittelbare Arbeit in und mit diesem Sozialraum Gemeinden ist erste Christenpflicht und Erweis ihrer Identität.
  • Walk the talk – ohne Aufschub:
    Um der christlichen Botschaft willen gilt es, der Implosion der Gemeinden ohne Zeitverzug Einhalt zu gebieten. Wem die Nachfolge etwas gilt, muss sie hier und jetzt in angemessener Weise verwirklichen. Die negativen Folgen einer gedankenlos weiterwurstelnden Kirchenpraxis wiegen schwer. Sie erdrücken die Sinnerfahrung von Einzelnen, höhlen die spirituelle Kraft der Gemeinden aus und bieten der Öffentlichkeit ein massiv pervertiertes Bild von der Botschaft Jesu. Wer – trotz einer christlichen Grundüberzeugung – die Hände in den Schoß legt, lässt die Mitmenschen im Stich und macht sich unterlassener Hilfeleistung schuldig.
    Deshalb darf große jesuanische Vision vom beginnenden Reich der Gerechtigkeit und der Versöhnung nicht mehr von den kurzsichtigen Eigeninteressen von Kirchen oder Gemeinden überlagert werden. Dies sollte die Grundmotivation kirchlicher Reformarbeit bestimmen.

Angesichts dieser gebotenen – im wahren Wortsinn eschatologischen – Eile sollten sich die Reformgruppen über ihre Kernintentionen verständigen. Ein Auseinanderfallen der verfügbaren der Kräfte würde dem gemeinsamen Ziel schaden. Doch auf welche Ziele sollen sie sich verständigen?

  • Der Ort einer Gemeinde
    Das Glaubensleben der christlichen Gemeinden Deutschlands ist in den Sog einer kontinuierlichen Selbstbestätigung geraten. Dieser macht sie ortlos, je mehr sie ihre Mitte nur noch in sich selbst und ihrer prekären Glaubensinterpretation finden. Doch wissen wir aus der Schrift: der christliche Glaube lebt nicht aus Gottes Selbstoffenbarung (welch abstrakter und weltferner Begriff), sondern aus Gottes Enthüllungen in der jesuanischen Lebenspraxis. Zur Gottesliebe gehört untrennbar die Nächstenliebe, in der Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen gegenwärtig ist.
    Entscheidend ist deshalb nicht, dass tätige Menschen an Gott glauben (das ist die unbestreitbare Voraussetzung alle Christen), sondern dass glaubende Menschen in der Welt tätig und verankert sind. Das Neue des Christentums besteht nicht in neuen liturgischen oder moralischen Normen, sondern in deren Reduktion auf die Regeln der Solidarität.
    Deshalb leben die neuen christlichen Gemeinden – einer Ellipse vergleichbar – nicht einfach aus einer Mitte (Zeugnis, Gemeinschaft und Liturgie, zu denen noch diakonische Aktivitäten hinzukommen) sondern aus zwei Brennpunkten zugleich. Gemeinden sind in ihrer kirchlichen Gemeinschaft und in ihre Welt (dem Sozialraum ihres Alltags) zugleich gegenwärtig, wie es schon die ersten Entwürfe einer Basisgemeinde in den 1970er Jahre vorschlugen, Erneuerung kann nur in dieser Polarität gedeihen.
    Die Gemeinden sind ortlos geworden, wie sie in diesem Sozialraum nicht mehr gegenwärtig sind und ihr primäres Interesse nicht mehr ihm gilt. Umgekehrt, wenn sich eine Gemeinde erneuern soll, muss ihr Sozialraum wieder zum primären Ort ihres Handelns werden. Zu deren eigenem Heil wird damit das Selbstverständnis der Gemeinden vom Kopf auf die Füße gestellt.
  • Präsenz der Gemeinden vor Ort
    Unter Inspiration dieses Gemeindemodells spielen christliche Gemeinden mehr denn je eine Schlüsselrolle. Sie allein kennen die Situation vor Ort. Nur von ihnen kann ein menschennahes Handeln im Sinne der beginnenden Gerechtigkeit und Versöhnung aus. Mehr denn je gilt für die Kenner eine Sozialraums der Satz des 1. Johannesbriefes (2,27): „Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch und ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen.“
    Die Entwicklung der frühen Kirche zur imperialen Staatskirche, ihre Übernahme vieler staatstragender Funktionen im Übergang zum Mittelalter, die Entfaltung einer Zweiklassengesellschaft in der Gregorianischen Reform, die antiprotestantischen Mechanismen seit dem Konzil von Trient sowie der massive Antimodernismus, der u.a. in die Definition des päpstlichen Primats und der päpstlichen Unfehlbarkeit mündete, ‑ alle diese theologisch, soziologisch und psychologisch prägenden Elemente führten nicht nur zur Dominanz einer hierarchischen Kirchenleitungen und einem römischen Machtmonopol geführt, sondern auch zur wachsenden Entfernung der Kirche von der Lebenswelt der Menschen.
    Primär war Kontrolle angesagt, nicht mehr solidarische Gegenwart. Diese unheilvolle Entwicklung, die mit der Gregorianischen Reform im Übergang vom 11. Zum 12. Jahrhundert eingeleitet wurde, spiegelte sich im wachsenden Bedeutungsverlust der nicht-ordinierten ChristInnen, die jetzt „Laien“ genannt wurden. In der offiziellen Kirchenlehre sind – trotz des 2. Vatikanischen Konzils – seitdem die Ansprüche der Hierarchie immer noch mit deren Überordnung über diese „Laien“ und mit der Überordnung der Kirche über die Welt gekoppelt. Noch auf der Bischofssynode von 2015) wird die Kirche „Mutter und Lehrerin“ genannt. Es reicht auch nicht, von Kirche und Gemeinden zu erwarten, dass die an ihre Ränder geht, sich vielleicht als Lazarett begreift. Entsprechend der Metapher von der Ellipse stehen ChristInnen immer schon mit einem Bein in der Welt, und entsprechend dem Wort von Christi Menschwerdung müssen sie sich dort nicht unbedingt als Christen präsentieren. Sie haben als Menschen und Mitmenschen zu handeln.
    Dadurch entsteht eine neue Gemeindedynamik und Gemeindeidentität aus den sozialen Lebensräumen heraus. Mehr denn je wird Erneuerung nur möglich, wenn solche Gemeinden ihre ursprünglichen Entscheidungs- und Mitspracherechte wahrnehmen. Mehr denn je überzeugt auch eine Neudefinition der kirchlichen Leitungsämter. Solange den Gemeinden bei der Einsetzung von GemeindeleiterInnen und BischöfInnen eine Mitwirkung verwehrt bleibt, fehlt diesen Ämtern ein jeder Anspruch, im Namen ihres Bistums zu sprechen und die Gläubigen zu belehren.
    Dieser Grundsatz berührt nicht nur Fragen des Anspruchs und der Macht, sondern auch das Recht, die ursprüngliche Botschaft authentisch auszulegen. Christliche Wahrheit ist keine abstrakte Theorie, die sich im Rahmen von Lehrsätzen bestimmen lässt, sondern ein lebenspraktischer Vollzug. Es geht darum, die Wahrheit zu tun; die Praxis geht einer jeden Theorie voran. Damit ist auch ein Kriterium für die Grenzen des Anspruchs gegeben, die Gemeinden erheben gegenüber den Kirchenleitungen und gegenüber einander erheben. „Ich werfe dir vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“ (Apk 2,4)
    Das Johanneswort (8,32): „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen“ spricht vom christlichen Handeln, nicht von einer theoretischen christlichen Lehre. Das andere Johanneswort (14,6): „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, bezeichnet nicht drei Exklusivprivilegien Jesu, die heute die kirchliche Hierarchie in Anspruch nimmt. Es spricht vielmehr von einem nachzufolgenden Weg, den Jesus geht. Dieser Weg Jesu ist die Wahrheit und dieser Weg Jesu ist das Leben. Nicht die Person Jesu steht im Mittelpunkt, sondern sein Handeln, an dem die Gemeinden gemessen werden.
    Deshalb müssen auch Reformgruppen wissen: Sie sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an dieser fundamentalen Neuinterpretation der christlichen Erinnerung, die sich im Handeln verwirklicht und in der aktiven Präsenz der Gemeinden vor Ort zeigt.
  • Der sachliche Auftrag der Gemeinde
    Die Beziehung der Gemeinden gegenüber der sie umgebenden Gesellschaft wird in der Regel als „Zeugnis“ und „Diakonie“ umschrieben. Diese Begriffe sind nicht falsch, aber missverständlich, denn sie unterstellen eine Überlegenheit der Gemeinde gegenüber ihrer Umwelt und unterschlagen die Tatsache, dass die Gemeinden selbst Teil dieser Welt sind. Der Grund für Zeugnis und Diakonie liegt nicht in einer prinzipiellen Überlegenheit christlicher Gemeinden, sondern in einer Selbstverständlichkeit, die sich wie selbstverständlich aus plausiblen Regeln von Solidarität und gegenseitiger Hilfe ergibt, die vor Ort das Reich der Gerechtigkeit und Versöhnung herbeiführt.
    In Deutschland bewegen sich diese Gemeinden in der Interaktion mit anderen Konfessionen und Regeln, zugleich im Rahmen einer reich gegliederten zivilen Gesellschaft, die ihrerseits mit staatlichen Einrichtung und deren sozialen Funktionen verknüpft sind.
    Deshalb ist nicht das unveräußerliche Selbstbewusstsein der Gemeinden zu stärken, sondern deren selbstverständliche Kooperation in diesen sozialen Netzen. Diese schadet nicht ihrer ursprünglich christlichen Identität, sondern konkretisiert deren Inhalt.
    Daraus folgt kein Bruch mit der real existierenden bischöflichen Hierarchie. Im Gegenteil, die erneuernde Botschaft gilt auch ihnen im Geist einer ungebrochenen Geschwisterlichkeit. Reformgruppen, die im Sinne des neuen Gemeindemodells arbeiten, wollen sich nicht von ihnen trennen. Aber fordern ihre Erwartungen an die Hierarchie kompromissloser denn je ein, denn jetzt haben sie ein neues, für alle fassbares und konkretisierbares Kriterium gefunden.

Primäres Subjekt des kirchlichen Handelns sind und bleiben die Gemeinden. Angesicht der sie umgebenden Lebenswelt organisieren sie sich und treffen Entscheidungen im Rahmen der umfassenden Kirchengemeinschaft. Bischöfe müssen neu lernen, dass sie Diener dieser Sache sind. Sie versehen keinen Dienst des Herrschens und einseitigen Belehrens, sondern einen Dienst des unaufhörlichen Dialogs mit denen, die vor Ort und ohne jede Prätention Reich-Gottes-Arbeit leisten. Wenn der Glaubenspräfekt Gerhard L. Müller das bischöfliche Amt auf den Satz reduziert „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10,16), hat er vom Lukasevangelium schlicht nichts verstanden. Er hat den viel wichtigeren Satz vergessen: „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Geschwistern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Ein ohne jede Beteiligung der betroffenen Kirchenmitglieder eingesetzter Bischof ist ebenso ein Widerspruch in sich wie eine Gemeinde, die ihr Betätigungsfeld nicht an den Bedürfnissen ihres Sozialraums kontrolliert. Strukturell kann er seiner apostolischen Aufgabe nicht gerecht werden, wie dies Gemeinde nicht ihrer Vision vom Reich Gottes dienen kann. Im Blick auf die Hierarchie wird dies täglich mehr bestätigt durch die faktischen Abgründe, die aufbrechen zwischen den amtlichen Regeln von Glaube und Disziplin und den faktisch gelebten Glaubensüberzeugungen zahlloser engagierter Gemeindemitgliede (wie die Bischofssynoden von 2014 und 2015 zeigten). Im Blick auf die Gemeinden zeigen sich aber vergleichbare Diskrepanzen zwischen ihrer oft selbstgenügsamen Lebenspraxis und dem politischen, sozialen und mentalen Missständen, in denen sich unsere Gesellschaft vor Ort aufreibt. Kirchenreform kann nur geschehen, wenn sie mit der Selbstreform der Gemeinden beginnt.

  • Kein übermenschliches Programm
    Wie bekannt, gleicht bislang innerkirchliche Reformarbeit, auf welcher Ebene auch immer, dem sprichwörtlichen Bohren von dicken Brettern. Zwar hat die aktuelle Reformunfähigkeit der katholischen Kirchenleitungen komplexe soziologische und psychologische Ursachen, die Fachleute vielleicht klären können. Doch letztlich lässt sie sich nur aus theologischen Gründen erklären und mit theologischen Argumenten auflösen.
    Die traditionell römisch-katholische Theologie versteht sich aus inneren Gründen als irreformabel. Schicht um Schicht wuchs und verwuchs sie sich im Laufe von mindestens 1700 Jahren zu einem in sich geschlossenen, ineinander verflochtenen System, der durch Primats- und Unfehlbarkeitsdoktrin von 1870 endgültig tabuisiert wurde. Die bisherigen Versuche einer (biblischen, dogmengeschichtlichen, soziologischen und philosophischen) Korrektur sind an diesem Panzer abgeprallt. Wird Kirchenreform dadurch nicht zum übermenschlichen Programm?
    Ein anderes Programm wurde bislang noch nicht konsequent in die Tat umgesetzt, wenngleich die Befreiungstheologie dazu wichtige Impulse lieferte. Es gilt, die Gemeinden neu in ihre genuine, durchaus jesuanische Arbeit am Reich der Freiheit und Versöhnung einzuüben. Wo das gelingt, lösen sich die traditionellen Probleme weitgehend auf, denn die Fixierung der Gemeinden auf eine autoritäre Kirchenstruktur wird aufgelöst.
    Die Arbeit am Reich Gottes fordert zwar allen Einsatz, aber sie enthält keine übermenschlichen Forderungen. Wer sich je einmal Bedürftigen, Notleidenden und Isolierten zugewandt hat, weiß um die innere Befriedigung und Leichtigkeit, die diese Arbeit mit sich bringt. Damit sind die innerkirchlichen Reformprobleme nicht gelöst und möglicherweise ist massiver Widerstand zu erwarten. Vielleicht steigert sich die innerkatholische Polarisierung. Doch die Gemeinden werden eine große Stabilität gewinnen, weil die konkrete und in sich lohnende Aufgaben finden wird.

1.4   Säkulare Lebensformen integrieren

In der Regel wird Säkularisierung definiert als sozialer Bedeutungsverlust von Religion in der Öffentlichkeit einer kulturellen Gemeinschaft. Diese Definition bedarf auf Grund des Gesagten einer Präzisierung. An Bedeutung verlieren nicht Religion und Religiosität an sich, sondern die bislang dominierenden Hüterinnen der Religion, die sich systematisch aus der Gesellschaft zurückzogen, weil sie sich über sie stellten.
Gemeint sind die Kirchen und ihre gängigen Rituale, die von ihnen geformten Glaubenslehren und Glaubensformen, die Symbolwelt ihrer überlieferten Sprachen, die damit verbundenen philosophisch-weltanschaulichen Vorstellungen, vermutlich auch ein Teil ihrer religiösen Symbolik. Zu den Bedingungen dieses Prozesses gehört die geradezu explosive Differenzierung unserer Gesellschaft in Verbindung mit einer explosiven Differenzierung unseres empirischen Wissens und unserer technischen Möglichkeiten. Viele Funktionen der Kirche wurden von anderen Institutionen übernommen und viele religiöse Erklärungsmodelle wurden von empirisch wissenschaftlichen abgelöst, psychologisch oder hermeneutisch als naturgegeben dechiffriert.

  • Aufwertung der „Welt“
    Den gesellschaftlichen Entwicklungen ist daraus kein Vorwurf zu machen. Ein kirchliches Versagen liegt aber darin, dass diese Entwicklungen bis in die vergangenen Jahrzehnte hinein als Demütigung und Glaubensabfall diskriminiert, als „weltlich“ abgelehnt und verteufelt wurden. In der Regel wurde der Theologie und den Sprechern der Kirche aber nicht bewusst, dass sie selbst tief in diese Säkularisierungsprozesse verwoben sind. Auch innerhalb der Kirche werden bestimmte Rituale inzwischen aus funktionaler und therapeutischer Perspektive gedeutet (Beichte, Wochenrhythmus, Liturgie). Mittelalterliche Deutungsmuster lösen sich unbemerkt auf (Satisfaktionslehre, Ablasspraxis, Realpräsenz, Existenz von Fegefeuer und Hölle). Die Sakralisierung kirchlicher Ämter, ein spätantikes Phänomen, kann kaum mehr überzeugen. Kurz, die Unterscheidung zwischen Kirche und Gesellschaft, wie sie für das 2. Vatikanische Konzil noch konstitutiv war, hat sich verflüchtigt.
  • Neufindung der Glaubenssprache?
    Diesen Säkularisierungsprozessen unterliegen auch die Reformgruppen. Mit ihren Aggiornamento-Programmen treiben sie, gewollt oder ungewollt, Säkularisierungsprozesse voran und zwingen zur Neuinterpretation der alten Glaubenssprache und traditionellen Glaubenspraxis. Deshalb müssen sie sich ausdrücklich mit dieser Entwicklung auseinandersetzen und eine „weltliche“ Glaubenssprache entfalten, sich also dem Glaubensparadox der Moderne stellen, nämlich an Gott zu glauben, „als ob es Gott nicht gäbe“ (vgl. Bonhoeffer/Hugo de Groot), mit dem sie auf die Verdinglichung des Gottesbildes reagierte. Kann man alle Lebensdimensionen, die aus den religiösen Denk- und Lebensgewohnheiten ausgewandert sind, in kritischer Selbstbeobachtung erneut in einen säkularen Glauben integrieren? Nur unter dieser Voraussetzung lässt sich eine aufrechte Glaubenserneuerung klären und unterstützen.
    Neben dem eingetretenen Autoritätsverlust der Kirchenleitungen nach innen ist dies die wichtigste Veränderung, auf die nach zwanzig Jahren zu reagieren ist. Die Säkularisierungsprozesse sind enorm; zum ersten Mal in der Geschichte Europas (so das Urteil vieler) ist die Weitergabe der christlichen Glaubenstradition bedroht. Auch die religiösen Grundüberzeugungen haben sich innerhalb der Reformgruppen massiv gewandelt oder säkularisiert. Manche haben den religiös motivierten Glauben an die Aufgabe der Kirche verloren, andere zweifeln an der inneren Tragweite und Bedeutung vorgegebener Reformforderungen und setzen sich dafür nicht mehr existentiell ein. Wieder andere begründen bestimmte Überzeugungen nicht mehr aus biblischen oder christlichen, sondern aus rein säkularen Prinzipien und versprechen sich entsprechende Abhilfe durch rein säkulare Maßnahmen. Am meisten haben sich die Gottesbilder gewandelt. Der Glaube an einen persönlich und kausal handelnden Gott hat sich bei vielen aufgelöst.
  • Sich auf Menschen einlassen
    Viele Reformforderungen wurden bislang als isolierte Postulate vorgetragen und je mehr sich die religiöse Weltdeutung der Tradition verflüchtigt, wird die Berufung auf die Schrift entweder auf isolierte Toppunkte verengt oder durch Menschenrechtsdiskurse ersetzt. Argumentationen beschränken sich dann auf abgesicherte, presse- oder traditionstaugliche Formulierungen. So drohten auch die geistlichen Tiefendimensionen fruchtbarer Reformarbeit zu verflachen. Die Stellungnahmen und Reaktionen der Reformgruppen sind in der Regel vorhersehbar und verlieren unweigerlich ihre Attraktivität.
    Eine wirksame Abhilfe ergibt sich nur aus der wachsenden Präsenz der Gemeinde im der sie umgebenden Lebenswelt, sobald nämlich die Praxis den Dualismus zwischen Kirche und Welt durchbrich. Dann nämlich werden Argumente und Überlegungen anschaulich, konkreten und von neuer Erfahrung gesättigt. Tiefere menschliche Fragen und weiterreichende Tiefenstrukturen, die Geheimnisse von Mensch und Gemeinschaft erschließen sich von selbst. Die Säkularität kann sich als Erscheinungsort des Göttlichen enthüllen.
  • Quellgrund Spiritualität
    Nach aller Erfahrung wird eine erneuerte Praxis mitmenschlicher Solidarität zwischen Gemeinde und umgebender Lebenswelt die spirituellen Quellen des christlichen Glaubens nicht verschütten, sondern neu erschließen. Die prophetischen Visionen einer in Gerechtigkeit versöhnten Gesellschaft werden akut, die Gleichnisreden Jesu vom hochzeitlichen Mahl neu erfahrbar. Es wird wie in Jesu Gleichnissen gelingen, das Verlorene zu finden und die Rückkehr von Orientierungslosen zu feiern. Viele werden zu ersten Mal spüren, dass der große, aber weltferne Entwurf der Bergpredigt Realität wird und die ständige Überforderung der Menschen guten Willens (Christen, Religiöse und Andere) angesichts der Weltsituation das Los alles ist. Man wird die apokalyptischen Visionen wieder mit den gesellschaftlichen und existentiellen Bedrohungen der Gegenwart zusammenbringen können und neu wissen, was es heißt, auf Gott entgegen aller Hoffnung zu bauen. Zahllose Texte der Schrift, des Christentums und anderer Religionen können zeigen, dass religiöse Werte zugleich zutiefst menschliche Werte sind und umgekehrt.
    Religiosität und „Weltlichkeit“ gehören in einer postmodernen Epoche neu zusammen. Sie müssen nicht in zwei Diskurse auseinanderbrechen. Zukunftsweisende Modelle wie die Befreiungstheologien, das Programm Compassion oder das Projekt Weltethos können zeigen, wie leicht sich diese Brücke schlagen lässt.
    Die innerkirchliche Reformarbeit tut gut daran, sich im beschriebenen Sinne auf die säkularisierte Gesellschaft einzulassen. Gemeindemitglieder werden sich als Sozialarbeiter hervortun, Gemeindesekretariate vielleicht zum Ort werden, an das man sich in Notfällen wenden kann. Die Arbeit im Sozialraum der Gemeinde wird zum beherrschenden Thema der Gemeinde werden, wenn sie nicht untergehen will, zerrieben zwischen einer reformunfähigen Kirche und einer im Funktionalismus versinkenden Welt.
    Wie Erfahrene bezeugen, ist ein weiterer Gewinn zu erwarten: In Gemeinden, die sich auf ihre Umgebung einlassen, blühen spirituelle Impulse ebenso auf die die Liturgie mit ihren Gebeten, Predigten und Meditationen, da sie neue und lebensnahe Inhalte erhalten. Das sind die Geschenke, die neue und reformwillige Gemeinden erhalten werden.

1.5   Die Fackel weitergeben

  • Wo sind die kommenden Generationen geblieben?
    Dass sich nachfolgende Generationen der jetzt abtretenden Reformgeneration kaum anschließen, gehört zu den bittersten Enttäuschungen, mit der Reformruppen konfrontiert sind. Sie haben das 2. Vatikanische Konzil vor fünfzig Jahren noch miterlebt oder sind in den 1970er Jahren in die unmittelbaren Nachwirkungen hineingewachsen. Sie haben mit Begeisterung und großer Energie für eine Neugestaltung der katholischen Kirche, für eine ökumenische Öffnung und eine Neuentdeckung der Welt gekämpft. In ihrer Erfolglosigkeit hofften sie, die nachfolgenden Generationen würden die Fackel ihres Enthusiasmus übernehmen. Jedoch bleibt die große unbeantwortete Frage: Warum haben sich die Jüngeren dieser hoffnungsvollen Bewegung nicht angeschlossen? Reformgruppen erfahren es als widersprüchlich, dass sich die Nachfolgegenerationen, die die Reformforderungen vorbehaltlos akzeptieren und als selbstverständlich empfinden, kaum für weitere Reformen einsetzen. Warum gehen sie entweder außerhalb der Kirche oder in hochkonservativen Strömungen ihre eigenen Wege?
  • Theoretische Auseinandersetzungen
    Bislang sind diese Fragen nicht schlüssig beantwortet. Sicher hängt die Entwicklung mit dem kulturellen Umbruch zusammen, von dem schon die Rede war. Die bindende Kraft aller gesellschaftlichen Institutionen ging massiv zurück, das gilt auch für jüngere Mitglieder der Kirchen.
    Zu diesen Prozessen gehört eine wachsende Distanz zum „Logozentrismus“ (Klages, Derrida u.a.) der Neuzeit, der die Dimensionen der Leiblichkeit und der Emotionalität sowie eine ganzheitliche Wahrnehmung der Wirklichkeit vernachlässigte. Zu ihnen gehört auch der offene Umgang mit einer pluralen Gesellschaft, mit pluralen Werten sowie mit der Vielfalt von Weltanschauungen und Religionen. Monokulturen und exklusive Positionen stoßen prinzipiell auf Skepsis.
    Diese Fingerzeige könnten die Grenzen vieler Reformgruppen beleuchten. Akademische Diskurse legen den Schwerpunkt auf rational formatierte Auseinandersetzungen und veraltete Machtkonstellationen, für die sich junge Menschen kaum interessieren. Sie argumentieren exegetisch-kritisch, historisch, juristisch und gerne soziologisch. Sie achten auf institutionelle und strukturelle Regelungen. Konkrete Ereignisse (auch eigene Handlungen) werden – im Grunde unwirksam – gerne als „Zeichen für“ eine Botschaft präsentiert. Ganzheitliche Erwägungen und Strategien spielen eine untergeordnete Rolle. Auf die Gestaltung zukunftsweisender Gottesdienste und anderer Happenings wird kein Wert gelegt.
    Im Zuge des 2. Vatikanums ist auch ihr liturgisches Ideal von einer historisch verantworteten und theologisch wohlbedachten Rationalität bestimmt, eher von der Nüchternheit alter klassischer Texte als von einem direkten Enthusiasmus geprägt, der das Ereignis liebt. Man vergleiche damit den oft spektakulären Erfolg der evangelischen „Jugendkirchen“ sowie katholische Initiativen, die in der Regel als reaktionär eingestuft werden und an die man gewiss theologische Fragen stellen kann: „Generation Benedikt“ und „Generation Pontifex“, „Totus tuus“ und „Night fever“. Nicht zu vergessen sind aber der anhaltende Erfolg der Gemeinschaft von Taizé mit seiner spirituellen Mitte in Taizé sowie die jährlichen Jugendtreffen, die seit 1985 von Johannes Paul II. und seinen Nachfolgern kopiert wurden. In seiner Kraft Vergleichbares haben Reformkreise nicht zu bieten.
    Unbestreitbar ist aber auch dies: der Traditionsabbruch wird in dem Maße verhindert, als die Gemeinden wieder ihre soziale Präsenz vor Ort zeigen können. Denn das Problem der ortlosen und privatisierten Frömmigkeit kann überwunden werden. Gegenüber moralischen und mentalen Qualitäten erhalten Sachinteressen den Vorrang. Es besteht kein Zweifel, dass auch Frauen und Männer anpacken werden, denen an der Weltveränderung, an sozialen Fragen gelegen ist.
  • Kontakte verloren
    Ein weiterer Gesichtspunkt ist zu beachten: Offensichtlich reicht es nicht, jüngeren Generationen auf rationalem Wege den Sinn und die Notwendigkeit kirchlicher Reformtätigkeit zu erklären. Junge Erwachsene haben stark säkularisierte Lebensformen ohnehin schon verinnerlicht. Junge Menschen (Jugendliche und Heranwachsende), um die sich die Gemeinden früher in hervorragender Weise kümmerten, haben den konkreten Kontakt mit ihren angestammten Gemeinden ohnehin verloren oder nie gefunden. Zudem zeichnen sich die Gemeinden heute nicht gerade durch eine kreative Jugendarbeit aus. Sie wären in einem Vorfeld abzuholen, das weit vor einer gezielten Reformarbeit liegt. Das kann nur innerhalb von Gemeinden geleistet werden.
    Doch fehlen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch solche, die von den Reformgruppen direkt angesprochen werden. In jedem Fall fehlt in der katholischen Kirche, bei welchen Gruppierungen auch immer, eine Kultur, die jüngeren Menschen die Möglichkeit gibt, mit den Älteren auf Augenhöhe zu sprechen. Die Älteren hingegen geraten zwangsweise in die Rolle der Belehrenden und der Besserwisser, da den Jungen die gestanzten Kategorien und Argumentationen der Älteren in Beliebigkeit und Bedeutungslosigkeit zerbröseln. In jedem Fall ist es dringend geboten, dieses Gefahrensignal erster Ordnung intensiv und mit professioneller Hilfe zu besprechen.
    Sobald jedoch ein eines Gemeindemodell greift, das sich ihren Glauben als ein Handeln vor Ort vollzieht, werden sich diese Kontaktsperren nachhaltig verringern. Viele, die sich heute für „sinnvollere“ Aktivitäten verabschiedet haben, um sich der Sozialarbeit, dem fairen Handel oder der städtischen Jugendarbeit zu widmet, werden sich in ihren Gemeinden zu Hause fühlen. Offensichtlich ist der Verlust jugendlicher und jüngere Menschen die Folge von sublimen inneren Spaltungen, die eine ortlos werdende Gemeinde heute durchziehen.

II. Orte der Reformarbeit

2.1   „Von unten“

Wir sind Kirche und die meisten Reformgruppen erheben den Anspruch, ihre Arbeit „von unten“, das heißt im Sinne derer zu leisten, die als „Laien“, d.h. als unbedarfte Frauen und Männer im Prinzip weder gehört noch überhaupt ernstgenommen werden. Dass der Begriff „von unten“ auch andere soziale Unterscheidungen anspricht, kann hier außer Betracht bleiben.

  • Nur bedingt eingelöst
    Gegenwärtig lösen die Reformgruppen diesen Anspruch nur zum Teil und nur bedingt ein. Gewiss, die Reformgruppen setzen sich in vielfacher Weise für die Belange der Gemeinden und „einfacher“ Christen ein. Zugleich hat sich im Laufe der Jahre eine Elite von Reformwilligen mit bestimmen Kompetenzen und Erfolgen, Abgrenzungen und Ansprüchen herausgebildet. Zwar haben sie die Gemeinden und bestimmte Gemeindeerfahrungen im Blick.
    Doch bilden sie inzwischen eine Zwischenschicht zwischen Gemeinden und Kirchenleitungen. Sie sind zu SpezialistInnen für die Kommunikation mit den leitenden Kircheneliten geworden. Man pflegt unauffällige Kontakte nach oben, tastet sich ab, mildert Kritik mit dem Ziel einer einvernehmlichen Atmosphäre, setzt so bestimmte sekundäre Interessen vielleicht durch, tabuisiert aber Grundsatzfragen, die das aktuelle System sprengen würden. So schließt man mit den Kirchenleitungen das eine oder andere Agreement.
  • In einer Gemeinde leben
    Das ist keine ungefährliche Entwicklung. Denn die obigen Analysen zu Gemeindezerfall, zum Ausmaß der kulturellen Umwälzungen und den voranschreitenden Säkularisierungsprozessen haben gezeigt: Dieser Schwebezustand zwischen Basis und Kirchenleitungen ist prekär geworden. Die Zeiten, in denen sich Erfahrungsmodelle in jahrzehntelanger Entwicklung herausarbeiten und in umfassend legitimierten Lösungsmodellen Gestalt finden konnten, sind vorbei. Es reicht nicht mehr, formal für die Gemeinden an und für sich zu sprechen.
    Es muss vielmehr gelingen, die sich kontinuierlich ändernden Erfahrungen der Gemeinden selbst zu beobachten, mitzuerleben und zur Sprache zu bringen. Nur wer in einer Gemeinde lebt, kann für sie verantwortlich sprechen, und nur wer in ihr unmittelbar gegenwärtig ist, kann an den rasanten Umgestaltungen der gemeindlichen Aktions- und Problemfelder teilnehmen. Nur wer die anstehenden Änderungen des aktuellen Gemeindemodells aktiv mitvollzieht, kann authentisch darüber sprechen.

2.2   An der Basis – elementare Verantwortung

  • Mit den Betroffenen denken
    Umso klarer ist heute zu unterscheiden zwischen einer institutionell geregelten Leitungsverantwortung auf überörtlicher Ebene und einer „unten“ angesiedelten Basisverantwortung, die elementar vollzogen wird und in ständigen, kommunikativen und transparenten Prozessen agiert und reagiert. Zwar arbeiten Reformorganisationen aus guten Gründen als übergemeindliche Vereinigungen, wenn sie effektiv bleiben wollen. Aber ihre Arbeit muss unmittelbarer denn je an der Basis, also in Gemeinden, Gemeinschaften und in ihrem spirituellen Leben verankert sein.
    Reformgruppen haben nicht nur für ihre Mitchristinnen und Mitchristen zu denken, sondern mit ihnen. Mit höchster Priorität ist darauf zu achten, dass nicht die eigenen Fragen in den Blick kommen, so intelligent diese auch sein mögen, sondern die ureigenen Probleme der Gemeinden.
  • Modell Befreiungstheologie
    Vor Jahrzehnten hat die Befreiungstheologie unter dem Stichwort der „Basis“ den soziologischen und theologischen Stellenwert dieser Orientierung erarbeitet und daraus Konsequenzen gezogen. Befreiungstheologen der ersten Stunde sorgten dafür, dass sie regelmäßig in einer Basisgemeinde lebten. Dort wollten sie ihren Lebensstil, ihr theologisches Denken und ihre Spiritualität erproben und erneuern. Offensichtlich lässt sich dieser Lebensort – wie oben schon besprochen – durch keine Lebensreflexion ersetzen.
    Denn die Basis (also die Gemeinde im elementaren und umfassenden Sinn) ist der Ort, an dem die Menschen noch keine reflektierende, kritisierende, fordernde und organisierte Stimme haben, denn dieser Ort, der zudem in seinen Sozialraum verwoben ist, geht allen Strukturierungen, allen formulierten Meinungen und der planmäßigen Durchsetzung aller Interessen voran. Oft kann und soll er nicht einmal gegen den außerkirchlichen Raum abgegrenzt werden, denn alle institutionellen Abgrenzungen zum Trotz lassen sich diese Grenzen guten christlich-theologischen Gründen nicht objektivieren. Dort herrschen nur die Erfahrungen von Verbundenheit und Vereinzelung, von Bereicherung und Entzug, Ausschluss oder Zusammengehörigkeit.
    Man mag entgegnen, dass es an sich solche Orte der reinen, unstrukturierten Basis in Reinkultur nicht gibt. Das mag stimmen, aber es gibt sie als Relationsbestimmung von elementarer Bedürftigkeit und als Charakterisierung eines Ortes, der in zentralen Fragen der Anwaltschaft bedarf. Es geht um eine Anwaltschaft, die ihre Interessen nicht als Vollzug eigener Kompetenzen, sondern als selbstlose Wortführerschaft beim Verlangen und beim Protest von unten versteht. Ihr elementares Ziel muss es sein, den unausgesprochenen, verstummten oder geleugneten Erfahrungen der Basis zu ihrem eigenen Selbstbewusstsein zu verhelfen.
  • Gefahr etablierter Reformgruppen
    Erfolgreiche Reformgruppen neigen im Laufe der Jahre dazu, die Präsenz dieser unmittelbaren Gemeindeerfahrungen auszudünnen. Sie werden durch die eigenen, oft zeitverzögerten und stilisierten Erfahrungen ersetzt und nach dem Maß der eigenen Kompetenzen gewertet. Auch das ist meist ein unmerklicher Prozess.
    Umso wichtiger ist es, systematisch über diese strukturelle Verankerung von Reformgruppen in Gemeinden nachzudenken. Eine kontinuierliche Reflexion über den eigenen Standort in den Gemeinden gehört zu den unverzichtbaren Aufgaben, die eine Reformgruppe kontinuierlich begleiten sollte. Diese Reflexion wird an Bedeutung gewinnen, je mehr die Gemeinde ihre beiden Schwerpunkte als wichtig und als unverzichtbar entdeckt.

 

2.3   Säkulare Räume

  • Gemischte Räume
    Angesichts der rasanten Säkularisierung von Gemeinden und Reformgruppen und angesichts des neuen Gemeindemodells (2.3) verlangt diese Antwort (3.2) eine Ergänzung. Denn ebenso wie das neue Kirchenmodell lösen auf ihre Weise auch die Säkularisierungsprozesse die operativen Grenzen von Gemeinden und Kirche auf und nehmen beiden ihre Eindeutigkeit. Die klassische, bislang funktionsfähige Unterscheidung zwischen „Kirche“ und „Welt“ wird durch komplexere Konstellationen abgelöst; das muss auch im Sinne der neuen Gemeinden sein.
    Ort und Erfahrungsraum der Reformarbeit sind nicht mehr einfachhin die Kirchengemeinde; Aktionsraum einer Gemeinde ist das Gemeinwesen vor Ort. Es geht vielmehr um diejenigen Erfahrungsräume, innerhalb derer die Gemeinden mit offenen Grenzen in der aktuellen säkularisierten Gesellschaft operieren.
    Es lässt sich von gemischten Räumen sprechen. Es geht um
    – innerkirchliche Lebensräume im säkularen Kontext des kirchlichen Lebens,
    – die Kommunikation mit Einzelpersonen, die – säkularisiert oder nicht – Antworten auf die Sinnfragen ihres Leben suchen,
    – Lebensräume, die aus der kirchlichen Kontrolle ausgewandert, aber stark von Sinn- und Orientierungsfragen besetzt sind und
    – Lebensräume die rein säkular definiert sind.
    In all diesen Lebensräumen kommen Gemeinden um eine Öffnung zur Welt und um eine zivilgesellschaftliche Kooperation mit ihr nicht herum. Die Beschränkung auf innerkirchliche Bereiche hat einen jeden innovativen Sinn verloren.
  • Im säkularen Kontext
    Sämtliche innerkirchlichen Vollzüge stehen heute in einem säkularen Kontext; Kirche findet an den Kirchentüren und außerhalb ihrer statt. Die Erfahrungsregeln der Gegenwart gelten auch überall dort, wo eine Gemeinde glaubwürdig handelt.
    Die Übersetzungsaufgaben des aggiornamento haben sich gegenüber früheren Jahrzehnten radikalisiert, denn ethisch plausible Regeln werden als säkulare Regeln wahrgenommen. Die Versprachlichung von christlicher Weltdeutung lebt von säkularen Sprachformen und die Sozialisierung kirchlicher Lebenspraxis ist weitgehend von Standards bestimmt, die auch im säkularen Bereich funktionieren. Oft sind ihre christlich-religiösen Ursprünge überhaupt nicht mehr erkennbar, denn die Frage ist überhaupt nicht mehr zu entscheiden, ob eine Person auf religiösen oder säkularen Motiven handelt. Dieser Prozess wird sich im Rahmen des neuen Gemeindemodells stark erleichtern.
    Aus diesem Grund ist eine positive Beschäftigung mit den Prozessen der Säkularisierung unverzichtbar. Nun wer die Säkularisierung akzeptiert, kann heute ein guter Christ sein. Das heißt, dass die Gemeinden ihre „reine“ Christlichkeit als Illusion aufgeben müssen. Sie wirken in dieser Welt oder sie werden auch in innerhalb ihrer Binnengrenzen unwirksam.
    Ein Beispiel sind dafür die zahlreichen Menschenrechtsdiskurse, die großenteils aus christlichen Quellen inspiriert sind. In der Wirkung wäre es ein Rückschritt, diese erneut ohne Dialogansätze einfach als christlich zu reklamieren, weil viele von ihnen ausgerechnet innerhalb der katholischen Kirche nicht funktionieren (z.B. die Gleichstellung von Frauen gegenüber Männern). Andererseits erscheint es zu deren Stärkung wichtig, auf ihren genuin christlichen Gehalt zu achten.
    Diese Paradoxie führt immer wieder zu einer Selbstentfremdung, da im Außendiskurs die christlichen Motivationen nicht mehr wirksam sind. Die Kunst besteht darin, die christlich-religiösen Motivationen und Begründungen wieder so in den öffentlichen Diskurs einzuführen, dass sie dort plausibel sind und dadurch eine jede Konkurrenzhaltung vermieden wird.
  • In Auseinandersetzung mit persönlichen Sinnfragen
    Viele Menschen, gleich welchen Alters und welcher Situation, stehen mit Mitgliedern christlicher Gemeinden in Kontakt (gleich ob diese ein kirchliches Amt versehen oder nicht), um Hilfe in persönlichen Fragen nach Sinn und Orientierung zu erhalten. Oft verstehen sie die traditionelle religiöse Sprache nicht mehr und je nach Vermögen dieser Gesprächspartner kommt es dennoch zu zutiefst menschlichen Gesprächen, die in Notsituationen helfen, die Orientierung bieten und Sinnhorizonte eröffnen. In solchen Gesprächen und Begegnungen, ist die christliche Botschaft als säkulare Botschaft angekommen.
    Dabei wird die Frage überflüssig, ob ein solches Ereignis in oder außerhalb der Kirche geschieht. Das neue Gemeindemodell schließt die Säkularisierungsprozesse nicht mehr aus, weil die Säkularisierung weitgehend der Dynamik des christlichen Glaubens entspringt.
  • Von säkularen Codes dominiert
    Dies zeigt sich auch in vielen Lebensräumen, die früher kirchlich integriert und gesteuert wurden und neu als der genuine Sozialrum der Gemeinden vor Ort zu integrieren sind. Obwohl sie noch stark von Sinnoptionen und moralischen Regeln besetzt sind, bleiben sie heute säkularen Institutionen und der persönlichen Lebensführung überlassen. Gemeint sind
    – Lebensformen wie Ehe und Familie und andere Formen eines sexuell orientierten Zusammenlebens,
    – ein hochkomplex gewordenes Erziehungs- und
    – ein ebenso komplexes Gesundheitswesen,
    – allgemeine Fragen der gedeihlichen und moralischen Menschenführung,
    – die ständigen Aufgaben der Gleichberechtigungs- und Antidiskriminierungspolitik auf verschiedensten Ebenen,
    – der politische Aufbau einer Gesellschaft unter veränderten globalen Bedingungen mit ganz neuen moralischen Herausforderungen,
    – neuere Fragen wie Ökologie, Friedenspolitik und Gewaltprävention.

In all diesen Fragen haben die Kirchen einen Auftrag zu intensiver solidarischer Kooperation auf Augenhöhe. Deshalb werden die Gemeinden – ohne jede Angst vor Identitätsverlust ‑ in diesen Lebensräumen neu, d.h. ohne religiöse Vorbehalte präsent sein, sobald sie ihre Positionen und Ziele in weltlicher Sprache formulieren.
So wäre es auch zunehmend unmöglich, welt- und menschenfern, all diese Fragen allein aus traditionell kirchlicher Kompetenz zu bearbeiten. Kein wirksamer Beitrag ist noch möglich ohne Dialog mit humanen, philosophisch-ethischen und modernen wissenschaftlichen Institutionen, keine Mitarbeit ohne Kooperation und Aufgabenteilungen. Das heißt, dass die Gemeinden ihre Sprache und Kommunikation nicht mehr von ihrer kirchlichen Tradition, sondern von der aktuellen Kultur abzuleiten haben.
Als Beispiel dafür dienen die aktuellen Auseinandersetzungen, die innerhalb der Kirche über Ehe und Familie geführt werden. So hat etwa eine Unterscheidung zwischen einer „natürlichen“ und einer „sakramentalen“ Ehe im konkreten Gemeindeleben ihre Bedeutung ebenso verloren wie eine Ehe mit oder ohne Trauschein. Auch wird niemanden interessieren, ob wir uns für den Schutz von Flüchtlingen aus christlichen oder aus „rein“ humanen Gründen einsetzen. Unsere zunehmend sachorientierten Entscheidungsprozesse können und sollen darauf keine Rücksicht mehr nehmen. Dennoch ist der Einfluss von religiösen Perspektiven nötiger denn je, weil sie gegebenenfalls andere sachlich begrenzte Horizonte erweitern und ergänzen.

  • Säkular definiert
    Es gibt zahllose säkular definierte Räume, in denen Gemeinden einen ausgesprochenen Handlungsauftrag entdecken können. Gemeint sind soziale Institutionen, gesellschaftskritisch orientierte, lokal oder global ausgerichtete zivilgesellschaftliche Vereinigungen (z.B. NGO’s). In Deutschland ist diese säkulare Definition der genannten Handlungsgebiete so formalisiert, dass eine Kooperation nicht mehr von weltanschaulichen Voraussetzungen abhängt.
    Man denke an die Unterstützung gesellschaftlicher Entwicklungen in armen, sozial ungerechten, politisch geknechteten oder vom Krieg terrorisierten Ländern. Auf diesen Gebieten steht den Gemeinden (eventuell im Rahmen umfassender kirchlicher Steuerungen) nach wie vor eine hohe Kompetenz zu. In der Regel werden dort die Kirchen des westlichen Kulturkreises geschätzt und akzeptiert. Doch lassen auch sie sich nicht mehr nach ausschließlich kirchlichen oder ausdrücklich christlichen Regeln steuern.
    Man denke vor allem an die Aufgaben einer Arbeit vor Ort, also im eigenen Gemeinwesen mit seinen vielfältigen Brennpunkten und Notlagen. Hier ist– ebenfalls in Kooperation mit örtlichen Behörden und der Zivilgesellschaft – solidarische Zusammenarbeit notwendig. Mehr noch, von einer christlichen Gemeinde kann erwartet werden, dass sie selbst Problemlagen entdeckt und benennt, von Hilflosen und Bedürftigen konstant ansprechbar ist, dass sie soziale Kompetenzen entwickelt und im Gemeinwesen als eine Institution bekannt wird, die selbstverständlich hilft.
    Zu nennen sind die soziale Arbeit bei Bedürftigen (Kinder aus armen und zerbrochenen Familien), Integrationsarbeit mit Ausgeschlossenen und Diskriminierten (Arbeit für Flüchtlinge und Minderheiten, sozial Deklassierte), Arbeit am Abbau von Potentialen der Angst und Aggression, Arbeit für ein menschenfreundliches Wohnmilieu ….
    Sowohl die Entwicklung von Regeln als auch deren Ausführung setzt demokratische Kooperationen mit nicht-christlichen Gesellschaftsgruppen voraus. Die Kirche tritt in diesem Kontext nicht mehr als dominierende Orientierungsinstanz auf. Unbeschadet ihrer eigenen moralischen Grundsätze und Inspirationen muss sie als Teil einer zivilen Gesamtgesellschaft wirksam werden. Das heißt, dass die Gemeinden ihre Identität nicht mehr im kirchlichen Milieu, in der Kirche oder im kirchlichen Vortragsraum, sondern in der Welt finden.

2.4   Die Weltbotschaft Jesu

Als Orte der Reformarbeit sind die Gemeinden, wie hier paradigmatisch skizziert, „verweltlicht“, ob sie es wollen oder nicht, oder bewusst säkularisiert, das sie ihre konstitutive Gegenwart in ihrem Sozialraum erkannt und legitimiert haben. Entfernen sich die Gemeinden dadurch von ihrer genuinen Aufgabe, wie eine antimodernistische und integralistische Tradition es unterstellt, oder widerspricht der Vorschlag eines Gemeindemodells mit zwei Brennpunkten dem christlichen Ansatz?
Das ist nicht der Fall. Auch der Botschaft und der Lebenspraxis Jesu sind solche Formen der „Verweltlichung“ nicht fremd. Jesus präsentiert das Reich Gottes in Bildern der blühenden Natur und hochzeitlicher Festlichkeit, des Verlierens und Findens, von Zerwürfnis und Versöhnung. Er greift ganz und gar „weltlich“ auf die damaligen Schöpfungsvorstellungen und auf die Hoffnung auf eine in Gott versöhnte Welt zurück. Er lebt in seinen politischen und sozialkritischen Wirkungen weiter. Kein Christenmensch würde ihm vorwerfen, er habe den Glauben durch seine auf Menschen bezogene Sprache und durch seine politische Provokation verweltlicht.
Ebenso wenig kann dieser Vorwurf heute statthaft sein, wenn in einer neuen Epoche die Fragen einer verwissenschaftlichten, technisierten und globalisierten Kultur zum Tragen kommen.

2.5   Vor die Tore gehen

Die große Neuerung aktueller Reformarbeit besteht darin, dass die Gemeinden ihre eigenen Mauern überschreiten, also begreifen, dass ihre Grenzen nicht objektivierbar sind. Aus christlicher Perspektive wird die säkulare Arbeit in der zivilen Gesellschaft vom Gemeinwesen vor Ort eingefordert und zu einem Stück gemeindlicher Identität. Sie führt zur Neuentdeckung der ursprünglichen Impulse, aus denen die christliche Botschaft lebt und neu belebt werden kann.
Anders gesagt: Die „Diakonie“ muss zur identitätsstärkenden Plattform der Gemeinden werden; diese verleiht der Verkündigung, der Liturgie und dem übrigen Handeln Kraft und inneren Reichtum. So können Gemeinden sich primär über ihre Arbeit im Gemeinwesen definieren, denn gemäß der biblisch-jesuanischen Gewichtung hat die Arbeit am Reich der Freiheit mehr denn je im Mittelpunkt zu stehen. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Mt 7,16)

III. Folgerungen

3.1   Die Erneuerungsprogrammatik der Reformgruppen ist zu erneuern

Wie die letzte Sinusstudie und andere Untersuchungen zeigen, haben die Kirchen und ihre Gemeinden dramatisch an Relevanz eingebüßt.[1] Die Kirchen haben diesen Relevanzverlust mit verursacht, weil sie ihre Bipolarität zwischen Kirche und Welt und damit die Gesellschaft als genuinen Ort ihres Handelns vernachlässigt haben. In diesem Rahmen fortschreitender Säkularisierung löst sich die klassisch definierte Autorität der Gemeinden auf; sie wird ortlos.
Den Reformgruppen ist es nicht gelungen, diesen Relevanzverlust bewusst zu machen, einzudämmen und umzukehren. Ihre Versuche, die Erneuerung von kircheninternen Strukturen und Inhalten her voranzutreiben, sind gescheitert.
In Zukunft wird die kirchliche Reformarbeit an der Frage gemessen, ob sie an der Neugestaltung eines menschenfreundlichen Zusammenlebens mitwirken will und kann. Reformgruppen werden die neuen, am Gemeinwohl vor Ort orientierten Motivationen übernehmen oder untergehen. Wer beansprucht, glaubwürdig im christlichen Geist zu handeln, hat sich in diese Arbeit an der Gesellschaft dort einzubringen. Das hat nicht nur für die Ausrichtung der Gemeinden, sondern auch für die Reformgruppen weittragende Konsequenzen.

3.2   Inhaltliche Neuformulierung der übernommenen Aufgabengebiete

Wie hier oben aufgezeigt, sind die reformorientierten Aufgabengebiete unter den Bedingungen einer säkularisierten Gesellschaft inhaltlich neu zu formulieren. Dies setzt auf zivilgesellschaftlicher Ebene Kontakte und Kooperationen mit anderen Gruppieren voraus. In Frage kommen
– andere Kirchen bzw. andere christliche Gruppen,
– die Gemeinschaften anderer Religionen, sofern sie vor Ort gegenwärtig sind,
– sozial und politisch, kulturell oder pädagogisch orientierte Gruppierungen der zivilen Gesellschaft.

Insgesamt bedarf es eines neuen Gemeindemodells mit zwei Brennpunkten, davon einem Brennpunkt im Sozialort der Gemeinde In ihm muss die Gemeinde ohne Vorbehalt präsent sein und auf zivilgesellschaftlicher Basis mit anderen Gruppen zusammenarbeiten. Dabei werden die christlichen Utopien (Friede und Gerechtigkeit in einer versöhnten Gesellschaft) nicht vernachlässigt, sondern von ihrer kirchlichen Verengung befreit. Deshalb steht diese Erneuerung nicht in Konkurrenz zum innerkirchlichen Leben, sondern führt dieses zu seinem inneren Kern zurück.

3.3   Praxisbreite Kommunikation

Dieses Ziel kann von den Reformgruppen allein nicht geleistet werden. Primäres Ziel der Reformgruppen muss es deshalb sein, (1) in und mit den Gemeinden zu arbeiten und (2) alle reformorientierten Kompetenzen zu bündeln. Deshalb tun die Reformgruppen gut daran, untereinander eine möglichst breite Kooperation aufzubauen. Dadurch sind die Gemeinden in ihrem praxisorientierten Selbstbewusstsein und ihrem Engagement für eine menschenfreundliche Zukunft zu stärken.

3.4   Strukturelle Vernetzung

Die neue Kommunikation darf nicht dem Zufall und den Prioritäten von bestimmten Reformorganisationen überlassen bleiben. Sie ist zu institutionalisieren und so zu strukturieren, dass alle Gemeinden und reformwilligen Gruppen miteinander auf gleicher Augenhöhe in Kontakt treten. In solchen Vernetzungen konkretisiert sich die Geschwisterlichkeit von Gemeinden und Gruppen untereinander und nach innen.
Deshalb ist ein umfassendes Vernetzungssystem aufzubauen. Es wird gemeinsam von allen Reformgruppen getragen und umfasst im Prinzip alle Gemeinden und christlichen Gruppen, die mit dem Anspruch der Gemeinde- und Kirchenreform auftreten. Es ist der Kreativität und Organisationskunst der Reformgruppen anheimgestellt, solche Netzwerke nach bestimmten Regeln zu effektiven Kommunikationsnetzen auszubauen. Die Einrichtung solcher Kommunikationswege ist für das Überleben und die Zukunft von Kirchen und Gemeinden unverzichtbar.

3.5   Arbeitsteilung

In den deutschsprachigen Ländern haben sich vielfältige Reformgruppen etabliert. Einige arbeiten regelmäßig zusammen; andere sind auf solche Kooperationen nicht erpicht oder werden dazu nicht eingeladen. Insgesamt hat sich ein massives Ungleichgewicht im Hören und Gehörtwerden herausgestellt. Angesichts der grundlegend veränderten Gesamtsituation von Kirche und Gesellschaft ist diese Situation kaum haltbar.
Die Arbeitsgebiete haben sich differenziert und sind so komplex geworden, dass die Fülle der Fragen und Aufgaben von einer Reformgruppe oder einigen Großgruppen kaum mehr bewältigt werden kann. Deshalb können nur noch gut abgesprochene Arbeitsteilungen dafür sorgen, dass eine professionell gute Erneuerungsarbeit geschieht.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die ökumenisch agierenden Gruppen und die Gruppen von solchen Mitchristinnen und -christen, die sich in wachsendem Maße von der offiziellen Amtskirche distanzieren. Eine entscheidende Bedeutung erhalten aber die Reformgruppen, die ihr Schwergewicht auf soziale und gesellschaftskritische Arbeit legen und mit zivilgesellschaftlichen Gruppierungen in ständigem Austausch stehen. In wachsendem Maß wird zukunftsfähige kirchliche Arbeit von solchen Tätigkeiten her bestimmt sein.

 

3.6   Ständige Revision

Es gehört zur gesunden Eigendynamik erfolgreicher Gruppierungen, dass sie ihre eigene Identität stabil formulieren, ihre festen Gewohnheiten ausbilden und auf Kontinuität setzen. Doch die moderne westliche Gesellschaft unterliegt stets tiefgreifenden und schnellen kulturellen, sozialen und politischen Veränderungen.

Das heißt: Eine kirchliche Reformarbeit, die ihre Kontexte vor Ort als Teil ihrer selbst akzeptiert, kann sich nur durch ständige Selbstkontrolle und Selbstrevision auf Kurs halten. Es bedarf also einer kontinuierlichen Selbstreflexion und der Bereitschaft, Kritik von anderen ernst zu nehmen.

Ihre Situation entspricht dem Boot der Jünger, die im Seesturm an die Grenze ihrer Kräfte kommen und sich deshalb auf die Gegenwart Jesu unter ihnen besinnen. Dies aber ist eine verborgene Gegenwart, die immer neu zu erspüren ist. So gilt das paradoxe, vielfach variierte Wort des Ignatius von Loyola: „Setze deine Kräfte so ein, als ob von Gott alles abhinge, von dir aber nichts. Doch vertraue dabei so auf Gott, als ob nichts Ihm abhinge, von dir aber alles.“

Anmerkung

[1]     Hilfreich dazu die Ansprache des Papstes zum Ende des Ad-limina-Besuches der deutschen Bischöfe am 20. Nov. 2015 sowie das Interview aus diesem Anlass mit Michael Ebertz: „Ein dramatischer Epochenwandel“ (http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/ein-dramatischer-epochenwandel). Unbestreitbar scheint mir, dass weder die dort angebotenen päpstlichen Hilfen noch diejenigen von Michal Ebertz das Problem wirklich erkennen und an der Wurzel anpacken.