Priestertum – Schmelztiegel christlicher Heilserwartung

 

„Brauchen wir sie noch, die Priester*innen?“ Wir sind Kirche Österreich hat sich damit in unaufgeregter und differenzierter Weise auseinandergesetzt und ist zu einem ausgewogenen Ergebnis gekommen, in das viele Aspekte eingeflossen sind. Priesterliche Dienste, so die Folgerung, bleiben wichtig für einzelne Menschen, Gemeinden und Welt. Sie sollten sakramental gestärkt, aber nicht unnötig sakralisiert werden.

Mich beschäftigt die Frage: Wie konnten sich Idee und Wirklichkeit des Priestertums ihre beständige Schlüsselstellung in einer Kirche erobern, die in den ersten 200 bis 300 Jahren dieses Amt überhaupt nicht kannte? Welche Kräfte haben bis heute immer wieder an seiner Gestalt gearbeitet, sodass es nahtlos in eine sich ändernde Kirche eingebettet blieb und jahrhundertelang ihren Fortbestand als Volkskirche und als missionarisches Unternehmen garantierte? Ich nenne einige Punkte:

1. Volkskirche

Zur Diskussion steht das neue Rollenbild des Priesters (sacerdos). Es trennt sich nicht nur vom früheren und wenig sakralen Rollenbild der Ältesten (presbyteroi), sondern füllt auch eine Lücke, die durch den Verfall der antiken Stadt- und Erlösungsreligionen entsteht. Die christlichen Gemeinden wachsen allmählich aus ihrer prophetischen Rolle heraus und in ihre volkskirchliche Rolle hinein. Offensichtlich benötigt eine Volkskirche eine Instanz, die kontinuierlich die göttlichen Verhältnisse verwaltet.

2. Opfertod Jesu

Ursprünglich ist der sühnende Opfertod Jesu eine Metapher neben anderen, die das Schicksal Jesu deutet. Auch bei der sonntäglichen „Danksagung“ (Eucharistie) spielt sie zunächst nur eine sekundäre Rolle. Das ändert sich, sobald das Konkurrenzmodell der antiken Opferrituale verschwindet, und diese Entwicklung wird sich bis ins Mittelalter hinein Schritt um Schritt steigern. Jetzt ist alles Heil durch Christi Opfertod erworben. Eine jede Eucharistiefeier wird zur „unblutigen Wiederholung“ dieses Opfers und dem Priester fällt die Vollmacht zu, dieses Opfer zu vollziehen. Spätestens jetzt erreicht seine Vollmacht eine übernatürliche, also sakrale Qualität.

3. Negatives Menschenbild

Doch das Kernproblem vieler kirchlicher Fehlentwicklungen liegt im gebrochenen, gar negativen Menschenbild, das sich im Zuge der augustinischen Erbsündenlehre durchsetzt und die ganze Glaubenslehre verzerrt. Wie der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt, fehlen uns allen die „ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit“. Die natürlichen Kräfte der Natur sind verletzt; der Mensch ist „zur Sünde geneigt.“ (405) Der Teufel hat „eine gewisse Herrschaft über den Menschen erlangt.“ (407) Dies zu übersehen „führt zu schlimmen Irrtümern im Bereich der Erziehung, der Politik, des gesellschaftlichen Handelns und der Sittlichkeit.“ (407). Deshalb gibt es in einer Welt ohne Kirche kein Heil und dem Freiheitsverlangen der Menschen ist zu misstrauen. Die Heilsinstitution Kirche muss den Menschen mit Argwohn begegnen, ihren angeborenen Anlagen widerstehen, um an den Kern ihrer Erlösung heranzukommen (vgl. Rechtfertigungslehre). Das priesterliche Amt, das in Eucharistiefeier und Sündenvergebung kulminiert, muss die Ohnmacht der Ursünde übersteigen. Es wird der Rolle Christi angenähert. Er[!] handelt „in der Person Christi“, wird also bis hin zur Zölibatsverpflichtung und Frauendiskriminierung dem menschlichen Leben entrückt.

4. Entwertung der kirchlichen Gemeinschaft

An der Wende zum 2. Jahrtausend ändert sich das Kirchenbild grundlegend. Zuvor galten die Kirche als Leib Christi, die eucharistischen Gaben als „mystischer“ Leib. Jetzt wird die Kirchengemeinschaft zum mystischer Leib relativiert, die eucharistische Gabe zum realen Christusleib überhöht (vgl. Transsubstantiation). Das ist die Stunde der Zweiständegesellschaft von Klerus und „Laien“. Der Priester wird mit seiner Verwandlungsmacht zum Kleriker schlechthin, der sich – bis hin zur Leugnung seiner Sexualität – über das normal Menschliche zu erheben hat.

5. Missachtung von Verkündigung und Wort

Beim Ausgang des Mittelalters war die Kirche machtorientiert und verrechtlicht, auf verdinglichte und autoritär institutionalisierte Vollzüge verengt. Die großen Reformatoren (insbes. M. Luther und J. Calvin) boten einen genialen Ausweg aus den desaströsen Fehlentwicklungen an. Zur Geltung brachten sie das WORT (Bibel, Verkündigung, existentielles Verstehen) und die „Freiheit des Christenmenschen“. Sie sollten zu den heilenden und spirituell erneuernden Medien der Kirche werden; Sicherheit würde durch Gewissheit ersetzt. Doch die konsequente Ablehnung dieser reformatorischen Impulse durch Rom führte zur Katastrophe des westlichen Christentums schlechthin, denn jetzt mutierten die faktischen Verengungen der Vergangenheit zur prinzipiellen Loyalitätsfrage des katholischen Glaubens. Die Unfehlbarkeits- und Primatsdefinition von 1870 sowie der dann propagierte Antimodernismus waren nur die Folge dieser anti-reformatorischen Verhärtung. Und wieder wurde der Priester zum Repräsentanten und zur Verkündigungsinstanz eines neuen Konzepts, eines verhärteten Sakramentalismus.

6. Halbherzige Umkehr

Oft wird mir entgegnet, die aufgezählten Defizite vergangener Kirchenepochen seien längst überwunden. Wer nimmt die Erbsünde noch ernst, wer glaubt noch, Jesus habe zur Sühne für unsere Sünden über die Klinge springen müssen und wer hält die (römisch-katholische) Kirche noch für heilsnotwendig? Das stimmt nur zum Teil, denn keine der genannten Perversionen wurde je zurückgenommen. Diese Dogmen, so alt sie auch sein mögen, hinterlassen bis heute ihren archaischen, unbewusst wirkenden Anteil. Er wird vermittelt in der kirchlichen Symbolsprache, in liturgischen Formen und Gebeten, Liedern und Stilen der Frömmigkeit, in der Selbstdarstellung von Bischöfen und Priestern, in ihren umstrittenen Entscheidungen. Auch das Zweite Vatikanum ist für dieses Ungeklärte verantwortlich. Zwar vermittelte es neue Impulse, aber mit Irrtümern räumte es nicht auf. Das führte zu einer Kirche, die ihre Orientierung verloren hat. Deshalb lautet das Gebot der Stunde nicht nur Vermittlung und Toleranz, sondern auch Authentizität.

7. Ursachenklärung statt Symptompolitik

Nachhaltig können wir die Frage nach einem sinnvollen Priestertum nur klären, wenn wir die doktrinalen und spirituellen Faktoren nüchtern aufspüren und uns entscheiden: Wollen wir eine prophetische, eine tröstlich stabilisierende Kirche, oder die Spannung zwischen ihnen aufrecht erhalten? Orientieren wir unser Heilsverständnis am Gedanken des Sühnetodes oder der friedfertigen Solidarität? Pflegen wir unser Sündenbewusstsein oder heilen wir mit der Botschaft Jesu unser traumatisiertes Menschenbild? Verstehen wir uns selbst als Leib Christi oder beten wir ihn demütig im Brot an? Belassen wir es bei einer verdinglichten Rechtauffassung der Sakramente oder lernen wir endlich von den Kirchen der Reformation? Die wirklichen Entscheidungen über die Gestalt der Kirchenleitung fallen an diesen Fragen, nicht an einer Amtstheorie.

8. Priestertum und Gemeindeleitung

Angesichts der komplexen Problemlage schlage ich vor, zum ursprünglichen Modell der Gemeindeleitung zurückzukehren. Im offiziellen Sprachgebrauch ist noch immer von einer Amtseinführung (ordinatio), nicht von einem Weiheamt die Rede. Niemand bestreitet: Gemeindeleiter*innen sollen eine Gemeinde repräsentieren, die Gottesdienste in würdiger Weise leiten, über pastorale, spirituelle und kommunikative Qualitäten verfügen. Sofern dieses Amt immer auch mit der Sache Gottes zu tun hat, kann der Titel von Priester*in in Gebrauch bleiben. Man sollte aber wissen: Schon neutestamentliche Texte stellen diesem Ansatz kritisch das „gemeinsame Priestertums“ gegenüber, das in gleichem Maße alle Charismen respektiert. In keinem Fall sind Gemeindeleiter*innen Monopolisten, sondern von den Gemeinden gewählte und mit ihnen kooperierende Träger*innen einer partizipativ eingebetteten Funktion. Den sakramentalen Charakter einer Amtseinführung lehne ich nicht a priori ab, lege auf ihn aber keinen gesonderten Wert. Wir sollten nämlich wissen, dass das Wort „Sakrament“ schon früh ein Kunstwort war, das verschiedenste Rituale unter einen Hut brachte, zunächst nur Taufe, Eucharistie und Sündenvergebung.

9. Schmelztiegel frommer Erwartungen

Seit seiner Entstehung bis heute war das priesterliche Amt ein Schmelztiegel der frommen Erwartungen, für die das Kirchenvolk konditioniert bzw. erzogen war. Die selbständige, in sich gefügte Stabilität dieser Funktion war nur Schein und ihre Elemente haben sich von Epoche zu Epoche geändert. Heute lösen sich die Grundbedingungen einer Volkskirche und volksbezogenen Erlösungsreligion auf. Es geht darum, in ungewohnter Entschlossenheit die Freiheit der Kinder Gottes einzuüben, der Gemeindeleitung nicht mehr in untertänig sakraler Ehrfurcht, sondern in selbstgewählter Kooperationsbereitschaft, Loyalität und freiem Wort entgegenzutreten, weil wir immer auch an ihr teilhaben. Eine reale Gegenwart des Heils erreichen wir nur durch das authentische Wort und die solidarische Tat.

Veröffentlicht in: Plattform Wir sind Kirche Österreich, Nr 115, 5-7.

Letzte Änderung: 2. Oktober 2022