Jesus in den Kirchen – geschlagen, gemartert und auferstanden

(Last Updated On: 15. August 2017)

Der Reformationstag macht hilflos. Warum ist die katholische Kirche in bleierner Untätigkeit erstarrt? Offensichtlich müssen die Gemeinden selbst die Ökumene in die Hand nehmen.Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Die Zeichen der Ökumene stehen auf Sturm, das ist allemal besser als Windstille. Aber so einfach sind stürmische Zeiten eben nicht. Es ist mir auch, als sei jenes kleine und immer neu schutzlose Boot, von dem wir in den Evangelien lesen, mal wieder am Kentern; eine verlorene Gruppe Vergessener kämpft in ihm ums Überleben. Dabei führt die gängige Auslegung vom Seesturm in die Irre. Da geht es ja nicht einfach um eine kleine Schar von Jesusjüngern, die sich um ihren Meister scharen und die man gemeinhin „Christinnen und Christen“ nennt, die vom Meer des Unglaubens und einer zweifelnden Welt umringt sind. Nein, es geht heute Abend, an diesem Reformationstag (auch ich als katholischer Christ freue mich darüber, dass es ihn gibt) um die enttäuschte Schar von engagierten Frauen und Männern evangelischer, aber auch katholischer und freikirchlicher Herkunft, die die Sache Jesu eben anders begriffen haben als andere, kritischer und selbstkritischer, vielleicht auch zukunftsoffener, unkonventioneller und wirklichkeitsnaher.

Utopie des Friedens

Nichts gegen die Mitchristen, denen die ökumenische Sache vielleicht nur von zweitrangiger Bedeutung ist, aber in der ökumenischen Bewegung hatten sich Frauen und Männer, unter ihnen von Anfang an viele Jugendliche, zusammengetan, um endlich dem Skandal ein Ende zu machen, dass täglich und offiziell, in Praxis und Argumentation, dass in Bekenntnis und Liturgie, die große Utopie des Friedens und der Versöhnung geschändet wird, von denen der Geist Christi getragen wird. Evangelische Christen haben schon im 19. Jahrhundert damit begonnen. Im vergangenen Jahrhundert schlug der Funke auf die katholische Kirche, schließlich auf die orthodoxen Kirchen über, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die ökumenische Bewegung gerade für die Christen Deutschlands zu einer wichtigen Brücke der Versöhnung mit den Schwesterkirchen und mit den Mitchristen anderer europäischer Länder. Wir sollten das nicht vergessen.

Diese Utopie des Friedens, diese Hoffnung auf den Frieden möchte ich ins Spiel bringen, denn es sind der Friede und die Gegenwart Jesu Christi selbst; er ist unser Friede; er ist unsere Versöhnung und wer sich dieser Versöhnung widersetzt, vertreibt Gottes Geist. Dieser Friede aber wurde und wird immer wieder geschändet, davor können wir auch im Jahre 2000 die Augen nicht verschließen. Nun meine ich wirklich nicht, die Ökumene sei das Wichtigste aller Güter, obwohl der Friede der Welt vermutlich nicht ohne den Frieden unter den Religionen und innerhalb ihrer zu haben ist.

Aber ebenso unwiderlegbar ist dies: Im gegenseitigen Verhältnis der Kirchen, in dieser endlosen Geschichte der Trägheit und der bleibenden Rechthaberei zeigt sich die Zerrissenheit Christi selbst, wird Jesus zum Quell und zum Ursprung des Unfriedens gestempelt. Wenn diejenigen, die für ihn und für seinen Geist Zeugnis ablegen, immer noch einander demütigen, auf Vorrechten bestehen, die Jesus Christus allein gebühren, wenn wir ohne triftigen Grund, der sich aus dem Geist der Schrift selbst erheben ließe, einander die wahre Zeugenschaft für Jesus Christus absprechen, dann widerlegen und verhöhnen wir Jesus Christus selbst. Wir halten ihn ihm Grab zurück, machen unsere eigene Kirche zum Grab

Manchmal denke ich, dass der große Antiprophet der Moderne im Bezug auf die Ökumene recht hatte, wenn er uns über unseren Gott ins Stammbuch schrieb: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ Gott selbst ist nämlich betroffen, wenn Jesus Christus dermaßen vergessen und unter dem Schwert unserer Verdikte zum Verstummen gebracht wird. „Das Heiligste und das Mächtigste“, schreibt er, „was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet – wer wischt dieses Blut von uns ab?“

Warum ist nichts geschehen?

Übertriebene Worte? Äußerungen im Über- oder Unterschwang gegenwärtiger Enttäuschung? Furchtbar sind diese Worte, ja. Aber schon Paulus konnte bei solcher Rechthaberei drastisch werden, indem er derselben Logik folgt: „Es wurde mir nämlich … berichtet“, schreibt er, „dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich meine, dass jeder von euch etwas andres sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? Ich danke Gott“ – und man staunt, das aus seinem Munde zu hören – , „dass ich niemanden von euch getauft habe ….“ (1 Kor 1, 11-13).

Nachdem nun die Frage des Kirchenfriedens und dieses zerteilten Christus schon über 100 Jahre lang besprochen wird, nachdem die Verantwortung für die Ökumene im Lauf des 20. Jahrhunderts von allen überregionalen Kirchengemeinschaften anerkannt wurde, nachdem schließlich die vielen verfassten Dokumente von Einigung und Wiedervereinigung, von Gesprächs- und Kommunikationsmodellen dicke Bücher füllen, fragen wir uns:

Warum ist eigentlich nichts geschehen, warum ist im Entscheidenden nichts passiert? Wie kann es kommen, dass wenige Monate nach dem großen Friedenschluss zur Rechtfertigungsfrage zwischen Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche die Zerwürfnisse größer sind als je in den vergangenen 35 Jahren? Welche Widerstände aus kirchlicher Gewohnheit und Selbstbehauptung, welche Missverständnisse der christlichen Botschaft, welche Verkennung des Heiligen Geistes, der das babylonische Zerwürfnis, wie wir glaubten, doch endgültig beendet hatte, was war eigentlich am Werk, dass jede Kommission das Entscheidende dann doch wieder vor sich hergeschoben hat, oder, um mit Eberhard Jüngel zu sprechen: „Doch sollte das wirklich das Gesetz des ökumenischen Fortschritts sein: inmitten noch so großer Annäherung eine noch immer noch größere Entfremdung? Was wird nur aus der Ökumene?“

Was wird aus ihr? Oft habe ich in den vergangenen Jahrzehnten nicht verstanden, warum wir in ökumenischen Gesprächen so massiv und so direkt immer wieder Gottes Wort, die Gegenwart Christi, oder die Eingebung seines Geistes bemühten, ging es meistens doch, wie ich fand, um Selbstverständliches, etwa dass wir endlich aufeinander hören, dass wir nicht etwa meinen sollten, an einer Kontroverse des Jahres 451 oder 1215 werde noch das 21. Jahrhundert genesen. Wurde da nicht zu oft – verzeihen Sie das martialische Bild – mit Kanonen auf Spatzen geschossen? Aber die Frage stellt sich mir jetzt gerade umgekehrt: Hätten wir nicht mit noch größerem Nachdruck und noch kompromissloser Gottes Wort und das Wirken des Geistes ins Spiel bringen müssen, um so die alltäglichen Vorbehalte und die gewohnte Besserwisserei zu entlarven? Es gab und es gibt sie ja heute noch, zuhauf. Ich weiß es nicht mehr.

Aber mir wurde inzwischen deutlich, dass ich meiner eigenen Kirchenleitung und ihren Abgesandten diese vielen Vorbehalte und Anmaßungen, dass ich ihr die Vertauschung von Christi und ihrer eigenen Ehre nicht mehr durchgehen lassen darf, dass ich öfters und entschiedener als bislang den Mund aufmachen muss, meine vielleicht kleinen Protestthesen, die mir zur Verfügung stehen, an den Kirchenportalen anzuschlagen habe. Deutlich wurde mir das während eines Gottesdienstens vor wenigen Wochen, in dem ich mir, dem katholischen Christen angesichts des jüngsten römischen Verdikts, Brot und Wein aus der Hand eines ordinierten reformierten Pastors als Leib und Blut Christi reichen ließ.

Sache der Gemeinden

Allerdings wurde mir dabei auch deutlich, dass wir auch jetzt nicht beim Protest stehen bleiben können; auch an anderes habe ich mich erinnert. Daran nämlich, dass die ökumenische Bewegung schon lange zur Sache der Gemeinde und vieler christlicher Gruppen geworden ist. Die transkonfessionelle, die geradezu transversale Ökumene existiert schon längst. So wichtig offizielle Absprachen und Verlautbarungen sind, und so wenig wir in eine rein individuelle Glaubenserfahrung zurückfallen dürfen, so bleibt doch unbestreitbar, dass der Herr – unabhängig von noch so prachtvollen Roben – unter denen ist, die in seinem Namen versammelt sind. So unsinnig und unchristlich heute viele Regelungen auch sein mögen, so wenig lässt sich leugnen, dass sich auch alle institutionellen, zumal organisatorischen Regelungen unterlaufen, Lügen strafen und widerlegen lassen durch die Gemeinsamkeit von Christinnen und Christen, die einander faktisch ihre Würde gewähren, die einander volle und vorbehaltlose, wahrhaft geschwisterliche Kirchlichkeit zuerkennen. Wir sind Schwesterkirchen, allen anderslautenden Dekreten zum Trotz.

Solch ökumenische Haltung und Handlung ist eben auch Alltagswirklichkeit und sie breitet sich wie die unterirdischen Netzwerke von Pilzen und Wurzelgeflechten, wie Mycele und Rhizome, aus, brechen dann unerwartet durch den Humus christlicher Spiritualität. Vielleicht reagiert die eine Kirchenleitung gerade deshalb so hart, weil sie sich durch diese Entwicklung in ihrer Identität bedroht fühlt. Der Friede Christi wurde und wird in den Kirchen also nicht nur missachtet; das geschieht täglich, Gott sei’s geklagt. Sondern die Sache Jesu erhält auch täglich neues Leben; Er bringt sein Wort, und dieses Wort geht seinen Lauf; Er ersteht täglich auf, auch in der ökumenischen Bewegung, in ihren Fortschritten und Früchten.

Fragen im Alltag

Allerdings ist es keine Auferstehung, kraft derer er machtvoll über uns schwebt; das ist sie – wenn wir die Evangelien genau lesen – ohnehin nie gewesen. Auferstehung ist ein Geschehen, das vielleicht wie ein Blitz kommt und wieder zu gehen scheint, in dem wir zum Grab gehen und ins Grab eintreten müssen. Es ist ein Geschehen, in dem wir Suchende sind und Fragende bleiben, das uns schließlich wieder vom Grab weg nicht in die Seligkeit, sondern in den Alltag schickt: „Sagt’s den andern; er ist nicht hier“. Sagt’s den andern, dass wir im Glauben an Jesus Christus wirklich angenommen, wirklich vom Leistungszwang frei, in Jesus Christus wirklich eins sind, dass wir unseren Glauben gemeinsam in die jüdische Vorgeschichte einbetten können, die alle Konfessionen überschreitet, dass Tod und Auferstehung täglich in die uns einende Sorge für diese unsere Welt eingeschrieben sind.

Es mag ja gut gewesen sein, dass wir viele Jahrzehnte lang Kommissionen eingesetzt, Welttreffen organisiert, von den Kirchenleitungen aufwendige Zeichen erwartet und die theologische Aufarbeitung alter Kernfragen nach allen Regeln der Zunft vorangetrieben haben. Aber der große Irrtum und der Fehler vieler von uns war es, dass wir auf diese Aktivitäten alle Hoffnung setzten, dass sie es für uns richten sollten. Auch dachten wir, mit dem Beginn eines ökumenischen Zeitalters könnten wir auch schon die Folgen einer unseligen, blinden, unökumenischen Konfessionalität abstreifen. Ererbte, fleischgewordene und weiterwuchernde Schuld gibt es aber auch hier.

„Er ist nicht hier“

Also doch Hoffnung auf den geeinten, nicht mehr zerrissenen Christus, auf solche Auferstehung im 21. Jahrhundert? Vor einigen Tagen stand ich in Soest mit meiner Frau vor dem Tympanon am Eingangsportal der Evangelischen Kirche Maria zur Höhe, einer der wunderbaren alten Kirchen in dieser Stadt, sie alle heute einträchtig unter den Konfessionen verteilt. Auf dem rechten unteren Teil des Tympanons wird die Auferstehung Christi dargestellt. Aber wir sehen dort keinen Christus, keinen durchgeistigt wirkenden, keinen im Leib verklärten Herrn, keine Fahne des Triumphes über den Tod, keine Sonne der Gerechtigkeit, die wahrhaft pharaonisch über die Welt zieht. Nichts von alledem. Das Grab ist leer und Jesus ist nicht da. Vor dem Grab vier Männer, die zwar in Kleider und Instrumente der Gewalt gehüllt sind, aber hilflos am Boden liegen. Hinter dem Grab jedoch, erwartungsvoll dem Betrachter zugewandt, stehen drei Frauen, eng beieinander, gemeinsam schauend, suchend, mit offenen Augen und offensichtlich bereit zu handeln. Auferstehung werden sie konkret erfahren, sobald sie an Jesu Stelle in ihre Welt zurückkehren und diese zu einer anderen, zu einer versöhnteren, umgestalten. Das, liebe Schwestern und Brüder in Christus, ist ein zeitgemäßes Bild für die Auferstehung. Die Reihe ist an uns, wir können in ihm auferstehen. Wer sich auf ihn einlässt, wer seine Versöhnung zu erfahren bereit ist, wer also glaubt (wie Johannes sagt), ist schon auferstanden.

Wahrscheinlich erzählt auch das kenternde Boot etwas von der Auferstehung, weil es das Scheitern überlebt. Die Zeichen der Ökumene stehen auf Sturm, das ist allemal besser als Windstille. Lernen wir deshalb neu, auf den Geist Christi zu vertrauen.

Amen


Predigt am 31. 10. 2000
zum Reformationstag