Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Warum die Reformgruppen aufrichtig agieren sollten.

Vor wenigen Tagen wurde im süddeutschen Hechingen feierlich eine neue Pfarrei errichtet, vom Bistum Freiburg zum Teil eines hochmodernen Reformprojekts deklariert. Was geschah? Ein ganzes Dekanat wurde kurzerhand zu einer Pfarrei herabgestuft und dies mit dem notwendigen priesterlichen Pomp vollzogen. Auf dem offiziellen Pressefoto waren in feierlichen Messgewändern drei hochwürdige Priester sowie ein amtlich gekleideter Diakon zu sehen, in der zweiten Reihe drei Frauen, ganz in Zivil und natürlich von niedrigerem Rang. Zum zentralen Ritus der Eröffnung schütteten die 39 degradierten Gemeinden jeweils einen Krug Wasser in ein Gefäß, wodurch (falls man dieses Symbol ernstnimmt) alle bisherigen Unterschiede in eine anonyme Masse von Molekülen aufgelöst wurden. Drastischer hätte man die Disruption ins Anonyme nicht darstellen können. Maßstab dieser „Reform“ war einzig und allein die erwartete Anzahl der übriggebliebenen Priester.

Dieser Fusionsbericht, der das Ende aller Individualität in einem anonymen Eintopf dokumentiert, erinnert mich an den jüdischen Denker Th. W. Adorno, der in Reaktion auf die Shoah zusammen mit Kollegen die Kritische Theorie entwickelte. Seine Losung: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Aus guten Gründen ging dieses Motto in Deutschlands kollektives Gedächtnis ein, denn es dreht unser klassisches Wahrheitskonzept um, das auch in der christlichen Theologie scheiterte. Bislang gingen wir ja gut idealistisch davon aus, dass die Wahrheit in unseren Köpfen liegt, dort präfiguriert, von ihnen wirksam kotrolliert wird und in ihnen gut aufgehoben ist. Letztlich hätten wir die Übereinstimmung von Intellekt und Sache im Griff; es komme nur darauf an, dafür die wichtigen Formeln zu finden. Dazu diente etwa die christliche, zeitlos definierte Lehre. Doch das war naiv, im Grunde egozentrisch und ideologisch, also höchst gefährlich gedacht und die Ermordung von sechs Millionen Juden hatte es gezeigt. Im Unterschied zur gedachten Idee ist die Wahrheit immer konkret, allerdings immer auch immer komplexer, als unsere abstrahierenden Hirne es zulassen.

Die Botschaft des Hechinger Pressebildes lautet eben nicht, hier sei ein neuer, endlich zeitgemäßer Ort von christlich kirchlicher Gemeinschaft entstanden. Vielmehr drängt sich mal wieder die Botschaft von einer priesterlich-männlichen Monokratie auf, die demokratisches und säkulares Denken prinzipiell unter Verdacht stellt, von den Fehlern der vergangenen 1.500 Jahre nichts gelernt hat. Keine Rede von Charismen oder Synodalität, vom Kritischen Umgang mit Herrschaft und Macht, mit gesprächsfähigen ökumenischen, gar interreligiösen Impulsen, die doch ansonsten unsere Tagesordnung bestimmen. Auf das fusionierte Gebiet bezogen: keine Erinnerung mehr an die unterschiedlichen Qualitäten der ursprünglich 38 Pfarrgemeinden. Nein, jetzt zeichnet diese neue Massengemeinde nur noch eine Länge von 50 Kilometern aus. Weniger interessiert, wie daraus eine neue lebendige Gemeinschaft werden soll,. Hauptsache, sie entspricht dem elitär kleinen Rest von zölibatären und natürlich männlichen Priestern, die man noch ins Rennen schicken kann. Für das öffentliche Kirchenbild ist das blamabel, für die betroffenen Kirchenmitglieder geradezu zynisch,

Wenige Tage nach dieser Bekanntgabe fand Ende Januar in Stuttgart die sechste und letzte Tagung des in Deutschland organisierten Synodalen Weges statt. Nicht wiederholt werden muss das dort Gesagte mit seinen bekannten Entlarvungen des Systems und den bitteren Enttäuschungen der Reformerwartungen, ebenso wenig die Liste der Versäumnisse von römischer, bischöflicher und reaktionär laikaler Seite.

Haben aber die Reformgruppen angemessen reagiert? Ich habe da meine Zweifel. Denn wie Adorno sagte, auch sie können im Falschen nicht richtig leben und die große Menge der katholischen Frauen, Männer und Jugendlichen lässt sich gerade nicht von idealen und großräumigen Programmentwürfen leiten, solange sie sich – um eines fragwürdigen amtlichen Friedens willen – der offiziellen Starrheit beugen. Sie nehmen den faktisch gelebten Katholizismus als unbeugsame Regel wahr und spüren etwa, wie konsequent man nach wie vor die Frauen von den Weiheämtern ausschließt, sich nach wie vor auf ein absolutistisches und monokratisches Regierungssystem einlässt, das seit 1965 eher noch gestärkt statt relativiert wurde. Der Begriff der Synodalität wird bis hin zur Unkenntlichkeit verwässert und ihren obersten Chef halten sie bis hin an die Grenze der Blasphemie für den Stellvertreter Christi. Weitere Absurditäten ließen sich wie Perlen an einem Rosenkranz aufschnüren. Das, nicht die schönen Ideale der Reformbewegungen, prägt das gängige katholische Kirchenbild, das letztlich auch von Leo XIV. bestätigt wird.

Der große Sündenfall der jüngsten synodalen Bemühungen besteht darin, dass sie die angestrebte Synodalität (sprich: Demokatie) nicht programmatisch definieren, sondern unklare Kompromissformeln entwickeln. So fehlt ihnen eine klare Kritik. Schlimmer noch, schon das kleinste Zugeständnis von hierarchischer Seite wird dankbar als Fortschritt gelobt. Vor kurzem titelte ein reformorientierter Sprecher: “Ein bisschen[?] Öffnung, aber immer noch zu sehr[?] männer- und klerikerlastig.“ Diese Sprache spaltet die Wirklichkeit in beliebig relativierbare Quantitäten auf, statt genaue Grenzmarken zu setzen, also ein falsches Leben schlicht falsch zu nennen. Man versandet so im untauglichen Versuch, eine festbetonierte „Tradition“ von mindestens 1700 Jahren irgendwie doch noch zu retten. Warum wird nicht endlich kritisch vom Konzil von Nizäa und seinen spätantiken Kontexten geredet? Von Anfang an schielte man auf die möglichen Zugeständnisse der Bischöfe. So wurden etwa die unaufgebbaren Forderungen nach der Ordination von Frauen schon gar nicht mehr genannt und die kritischen Aspekte unterschlagen, die sich aus der Botschaft Jesu ergeben. Bedeutet die Mitarbeit an einem unbiblischen System nicht einen Verrat an der Sache Jesus selbst?

So bleiben in der Diskussion permanent die entscheidenden Fragen unter der Decke. Weil die Reformorientierten sie nicht klar formulieren, können sich die Reaktionären bedeckt halten und ihre Machtphantasieren hinter großflächigen. wohlklingenden Projektionen verstecken. Von klaren Reaktionen, etwa der Forderung nach stichhaltigen Begründungen, war nichts zu hören. Als glänzendes Beispiel dafür dient das skandalös überhebliche Interview des Nuntius G. Gänswein vom 23.01.26. An keiner Stelle argumentiert er konkret, geschweige denn in selbstkritischer Bescheidenheit. Umso massiver fallen seine pauschalen Verurteilungen auf. Sie gipfeln in der Hoffnung, dass dieser „Irrweg“ aufhöre. Angesichts der Sisyphusarbeit der Reformer ist diese pauschale Verurteilung eine Frechheit.

Natürlich spüren alle, dass die Forderung nach einer synodalen Kirche noch lange nicht ausdiskutiert ist. Umso wichtiger wäre ein reformorientiertes Grundsatzpapier, das endlich das Gesamtkonzept einer zeitgemäßen Kirchenreform durchformuliert und sich löst vom opportunistischen, deshalb tödlichen Tauziehen um ein Mehr oder Weniger an Erneuerung. Es muss möglich sein, allen faulen Kompromissen endlich das Placet zu verweigern und das Unaufgebbare unaufgebbar zu benennen. Zu stark hat sich inzwischen die Erfahrung eines falschen Kirchenlebens als akzeptabel durchgesetzt. Doch wir wollen endlich „in der Wahrheit leben“ (V. Havel). Dazu reicht es nicht, irgendwelche Mehrheiten zu organisieren, sondern nur, sich der Wahrheit zu stellen.