„Er nahm das Feuer und das Messer in die Hand“

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Predigt zum Opfer Isaaks durch Abraham (Gen 22, 1-19)

1. Die Geschichte

Die Geschichte vom verhinderten Opfer Isaaks durch seinen Vater Abraham entfaltet ein fürchterliches Szenario: Ein Vater besteigt einen einsamen Berg, mit einem Messer bewaffnet und Feuer bei sich tragend. Was führt er im Schilde? Er nimmt seinen Sohn Isaak mit, den er fesseln, schlachten und verbrennen will (siebenmal kommt das Wort „schlachten“ vor!). Nur Asche soll übrig bleiben, sonst nichts; die letzten Spuren werden von den Geiern vertilgt. Dieser Sohn wird verbrannt sein, bevor er erst richtig zum Leben gekommen ist. Neben der Übermacht seines Übervaters soll er keine Spuren hinterlassen. Mit einer dumpfen Vorahnung im Herzen geht Isaak, der Verheißungsträger Israels, drei Tage lang diesen Weg des Todes mit, auf der letzten Wegstrecke mit dem Holz beladen, auf dem er verbrennen soll.

Nicht nur das Leben dieses heranwachsenden Jungen, auch die Geschichte des auserwählten Volkes steht auf dem Spiel. Soll dieses Leben zu Ende sein, bevor es erst richtig begonnen hat? „Vater, hier ist Feuer und Holz,“ bemerkt Isaak, „wo aber ist die Opfergabe?“ Wie es überforderte Männer gerne tun, weicht Abraham der Frage seines Sohnes aus: „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen.“ Gemäß dem Koran, der diese Geschichte ebenfalls kennt, wird der Sohn sofort in das grausame Geheimnis eingeweiht und akzeptiert es geradezu fraglos, also mit noch entschiedenerem Gehorsam als im biblischen Bericht. „Mein Sohn“, sagt Ibrahim gemäß Sure 37, „ich sah im Traum, dass ich dich schlachten werde. Überlege und sage, wie du darüber denkst.“ Der Sohn antwortet: „Vater, tu, was dir befohlen wird.“(37,102)

Das alles ist schon unerträglich genug. Was für mein Gottesbild aber noch unerträglicher ist: Wenn alles gut geht, kann sich der zum Kindermord fähige Vater später als der fromme Erfüller von Gottes Willen präsentieren. Zwar endet die Geschichte anders, als ihre Leser erwarten, doch mag man kaum glauben, was der Engel zum Schluss Abraham dann doch zu sagen hat: „Weil du das getan und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand.“ Wie ist dieses Gottes- und dieses Menschenbild zu ertragen? Wird man Gottes erst würdig, wenn man ihm die eigenen Kinder opfert, also für höhere Ziele dran gibt? Und erweist sich ein vertrauender Glaube wirklich darin, dass man sich von Gott eine solche Untat vorschreiben lässt? Würden wir, wenn es nur Gottes Wille ist, Menschen umbringen, von Gott befohlene Kriege führen, wie man dies mehr als einmal getan hat? Ist der Herr des Himmels – entgegen unseren Beteuerungen vom menschenfreundlichen Gott – also doch ein menschenmordender Moloch, der Kinder im glühenden Ofen seiner Herrschsucht verbrennt, oder eine Tanit, deren Opfer man heute noch in Karthago und an anderen Orten aufspüren kann?

Übersehen wir dabei nicht: Zu dieser fürchterlichen Tat zieht ausgerechnet Abraham aus, der Stammvater von nicht weniger als drei Religionen, die an der Weltgeschichte mitgeschrieben haben, den wir Christen unser Vorbild, den „Vater unseres Glaubens“ nennen. Mir läuft es kalt über den Rücken, so oft ich den Text lese. Was soll denn dieser hinterhältige Mordplan inmitten der zutiefst religiösen, für die Menschheit so wertvollen Abrahamsgeschichte mit seinen Aufbrüchen und Wanderungen, mit Berufung und Gottvertrauen, mit dem Bund der Versöhnung und den Verheißungen, die Jahwe gibt, oder mit der Gastfreundschaft, die Abraham den Boten Gottes in seinem Zelt gewährt, mit der Geburt seiner beiden großen Söhne Ismael und Isaak, mit den großen Frauen Hagar und Sarah? Was sollen denn mitten in der Heilsbotschaft diese primitiven Mordphantasien? Warum leiten die Muslime ausgerechnet aus dieser Geschichte ihr wichtigstes Fest, das „Opferfest“ ab, und warum beruft sich die christliche Theologie immer wieder auf diese Geschichte, um den Tod Jesu zum Opfer für die ganze Menschheit zu erklären, das Gott verfügt hat? Wozu schließlich lesen wir sie in einem christlichen Gottesdienst vor, dies zu Beginn eines Jahrhunderts, in dem die Menschenrechte, der Respekt vor dem Leben und die unantastbare Würde aller Menschen – weiß Gott – die Voraussetzung all unseres Handelns bilden sollten?

Gewiss, wir kennen alle die gängige Erklärung dieser Erzählung, die uns beruhigen und von den hohen moralischen Standards der abrahamischen Religionen überzeugen soll. Sie lautet: Diese Geschichte verurteile und beende die Religionspraxis der Menschenopfer, die auf allen Kontinenten, von Kanaan bis zu den Azteken, verbreitet war, insbesondere die Opfer von Kindern. So etwas komme zumal nach der „Achsenzeit“, also seit 2600 Jahren nicht mehr vor. Diese Deutung ist nicht einfach falsch, unsere Geschichte beinhaltet dafür ein wichtiges Signal. Aber eine solche beruhigende Erklärung löscht die verborgen vulkanische Glut dieser Erzählung nicht aus, denn sie verarbeitet nicht wirklich die aktuelle Situation, die unsere Kinder und Nachkommen von heute noch immer bedroht. Auch benötigten wir für dieses religionsgeschichtliche Erkenntnisziel keine so vielschichtige Erzählung, und man müsste dazu nicht ausgerechnet Abraham, die Kernfigur der nahöstlichen Religionen, bemühen. Diese Geschichte transportiert zuviel Grausamkeit. Jahwes Plan ist zu unfair und Abraham wird da zu opportunistisch, Jahwe selbst viel zu skrupellos dargestellt.

Zudem lebte auch Abraham nicht immer nur aus so edlen Motiven, wie wir sie hier vermuten. Schließlich ging er mit seiner Familie auch sonst nicht zimperlich um. In Ägypten hat er seine Frau Sarah verleugnet und zur Rettung seiner eigenen Haut dem Pharao ausgeliefert (Gen 12,10-12). Hagar und Ismael hat er zweimal in die Wüste geschickt und hätte beider Tod in Kauf genommen, hätte sie nicht ein Engel gerettet (Gen 21, 9-21). Zudem ließ sich unsere Opfergeschichte immer schon allzu leicht zu Blutvergießen und Opfertod instrumentalisieren. Wir erinnern uns – lassen Sie es mich noch einmal sagen – an den Tod Jesu, den genau diese Geschichte leicht zu einem grausam Opfertod um Gottes willen erklärt, den Gott für sich zur eigenen Wiedergutmachung einfordert. Es muss also mehr in dieser Geschichte stecken, und ich möchte zeigen, wie brandaktuell sie trotz allem etwas über uns und die Geschichte unserer Gegenwart aussagt.

Nehmen wir die Geschichte also so, wie sie dasteht. Immerhin tritt Abraham als der potentielle Mörder seines Sohnes auf und repräsentiert uns damit einen hässlichen Unterstrom unserer Gegenwart. Denn offiziell können nicht nur Kinder das Leben ihrer Mütter und Väter vernichten, wie wir bei Ödipus lernen. Nein, auch Eltern, Lehrer und Erzieher können das Leben ihrer Kinder in den Abgrund führen. Also: nicht nur Kinder sind potentielle Mörder ihrer Eltern, sondern auch die Eltern sind potentielle Missbraucher, Gefängniswärter, Freiheitsberauber und Unterdrücker ihrer Kinder, Vernichtungsstrategen ihres Lebens. Das gilt nicht nur für die Familien und Erziehungsanstalten jedweder Art, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Die Geschichte und die Gegenwart fragen uns also: Was tun wir, die Eltern und die Großeltern, an und mit unseren Kindern? Welche Zukunft haben wir ihnen, den kommenden Generationen zu bieten? An diesem Punkt beginnt eines der schwersten Probleme der Menschheit.

2. Unsere Gegenwart

Diese schwarze Abrahamgeschichte, die wir gehört haben, meint also keine fernen Opferreligionen, sondern unsere Gegenwart. Es geht um eine Geschichte aus unserer Vergangenheit, die weit in unser Heute hineinreicht. Verkürzt, aber richtig gesagt: Wenn denn Abraham der Vater unseres Glaubens ist (wie Paulus uns lehrt; Röm 4.11), dann ist Abraham unser Repräsentant, sozusagen die umfassende Kollektivperson unserer Gemeinschaft, dann sind wir auch mit unseren dunklen Seiten in ihn aufgenommen.

Wir alle sind Abraham, jedenfalls sofern wir Väter oder Mütter sind, Kinder haben und sie nach bestem Vermögen großziehen, sofern uns allen eine Generation derer nachfolgen wird, deren Geschicke wir jetzt schon mit- und vorherbestimmen. Gewiss, wir lösen unsere Alltagsprobleme nicht mehr mit Feuer und Schwert, bedürfen also auch nicht mehr blutiger Opfer, um sie vor Gott zu tragen. Aber unsere Epoche, die wir so gerne „postmodern“ nennen, kennt elegantere Mittel, um – zum Guten oder zum Bösen – in die Lebensrechte unserer Kinder einzugreifen. Im Zentrum stehen nicht mehr Tod, Leben und verspritztes Blut. Es geht heute     um Ausbildung und innere Mündigkeit oder um deren Verlust, um Besitz oder den Sturz in die Armut, um Ehre, gesellschaftliche Integration und ein Mindestmaß an Prestige oder den Fall in die Bedeutungslosigkeit, die keine Selbstachtung mehr zulässt, um den Schutz der Schwächeren oder deren hemmungslose Ausnutzung, um die Eingliederung in unsere Gemeinwesen oder deren Ausgliederung und Marginalisierung.

Vom ersten Tag ihres Lebens an erfahren unsere Kinder ja ihre Abhängigkeit. Unmerklich wachsen sie hinein in dichte, unzerstörbare Netze und Verflechtungen mit ihren Eltern, ihrer Familie und einer vorgegebenen Kultur und Gesellschaft, und aus ihr können sie sich kaum mehr lösen. Faktisch sind sie uns ausgeliefert. Aber wir Erwachsene erwarten von ihnen Dankbarkeit und übersehen oft, wie grenzenlos wir sie dabei bevormunden. Kompromisslos lautet das biblische Gebot, das einseitig an die Eltern denkt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“ (Ex 20,12) Haben wir diese Dankbarkeit, notfalls ihre Vergebung wirklich verdient? Kann man sich Dankbarkeit überhaupt verdienen? Kann man überhaupt dankbar sein, wenn und weil Dankbarkeit erwartet wird? Oft übersehen wir, wie grenzenlos und wie gründlich sich unsere Kinder in dieser Abhängigkeit beengt fühlen. In vielen Familien ist dieses niederdrückende Dauerverhältnis geradezu tragisch, und die Tradition hat diese Erfahrung im Lehrsatz von der Erbsünde zum Ausdruck gebracht: Sie, die Neugeborenen und die Jungen, stehen schon immer in Schuld vor uns. Deshalb können wir leicht ihren Lebensmut zerstören, sie zermürben, ihnen täglich unbemerkte Messerstiche versetzen. Aus eigenem Unvermögen oder wegen der eigenen ungelösten Probleme können wir es zulassen, dass sie ausgebrannt sind, bevor ihr Leben richtig beginnt.

Was eigentlich schulden sie uns? ‚Alles’, mag man antworten. Diese Schuldmanipulation kann in die Unfreiheit, in tiefste Entfremdung führen, geradezu tödlich wirken, wenn wir gegenüber ihnen im Gegenzug unsere Schuld und unsere Pflichten vergessen, hintanstellen oder nur unter der Bedingung ihrer Botmäßigkeit gewähren. Mag unser Wille also noch so gut sein, die Messer und die zerstörenden Feuer tragen wir immer in uns mit, haben wir die Kinder doch immer schon in unserer Hand. „Vater, hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Brandopfer?“ Natürlich können Kinder so noch nicht fragen. Je mehr wir Eltern aber unter Anleitung dieser Geschichte über unsere Situation nachdenken, desto klarer wird: Auch wir, die Väter und Mütter, stehen stellvertretend für eine ganze Generation, von der die kommenden Generationen abhängen, die uns immer schon ausgeliefert sind. Allerdings kann sie noch nicht fragen, warum dies der Fall ist.

Setzen wir hier einen weiteren Schritt, denn in diesem Zusammenhang sollten wir es nicht belassen bei dem frommen-unfrommen Wort von der Schuld, möglichst noch von unserer Schuld vor Gott. Wir müssen in einer fiskalisierten Welt konkret von unseren Schulden reden, also von den Vorschüssen, die wir uns jetzt schon von unseren Kindern nehmen. Es ist ein unheiliger Plural, der unser religiös umfassendes Reden auseinandergerissen hat. Sprechen wir also sehr profan über die großen Flüsse des Geldes, die die Generationen zusammenbinden.

Was hat Geld und was haben in Geldbeträge übersetzte „Schulden“ mit Glauben und Religion zu tun? Idee und Wirklichkeit des Geldes sind so alt wie die Menschheit, als sie begann, Regeln des Tausches festzulegen und sich so in eine gegenseitige Verwiesenheit zu begeben. Münzen kennen wir seit 2700 Jahren. Sie waren Zeichen der Hoheit, von einem heiligen Schauer umgeben und deshalb in Tempeln zu Hause. Inzwischen ist das Geld zum Tausch- und Ersatzwert schlechthin geworden. Es bindet uns aneinander und macht uns voneinander abhängig. Ist Geld aber nicht das Profanste, das sich denken lässt? Dies gerade nicht, denn je mehr es seinen ursprünglichen, religiösen und kultischen Raum verließ, umso deutlicher wurde sein existentieller, sozialer, kultureller und pseudo-religiöser Wert. Nicht ohne Grund hatten schon die Ablassfrage und seine Fiskalisierung, hatte also der beschleunigte Kauf des Heils zu einer Kirchenspaltung geführt. Bis in die modernen Formen virtueller und formalisierter Geldwerte hinein entwickelte sich dieses Geld immer umfassender zur universalen Währung für alle leiblichen und geistigen Werte, für Nahrung und ästhetischen Genuss, für Geltungs- und Wissenserwerb, für die Regelung zwischenmenschlicher Abhängigkeiten. Unsere Finanzen haben unsere religiösen Werte in Beschlag, ersetzt und in eine anonyme Obhut genommen.

Wir leben in einer Epoche der Säkularisierung, in der wir selbst unser Reden von Gott seiner geheimnisvollen Jenseitigkeit beraubt haben. Im Gegenzug dazu sollten wir endlich auch die pseudoreligiösen Ersatzwerte der Wirtschaft, des Wohlstands und des Fortschritts von ihren Podesten holen. Der einst verinnerlichte und abstrakte Begriff „Schuld“ (in der Moderne noch von eminenter Bedeutung) wurde ja ganz unvermerkt zu diesen „Schulden“ erweitert. Und man könnte im Blick auf das drohende Abrahamsopfer zeigen: Allmählich wurden auch die persönliche Abhängigkeit von Personen und die moralischen Schuldanteile eines Kindes in materielle Werte überführt und umgeformt: Spätestens mit dem Schulende wissen es unsere Töchter und Söhne: Sie werden in dem Grade unabhängig und frei, sie finden in dem Maße zu sich selbst, als sie ihr Geld selber verdienen. Wenn sie aber in finanzieller Abhängigkeit bleiben, wird ihnen dieses Glück nicht zuteil.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Seit der Schuldenkrise von 2008 bis zur gegenwärtigen Griechenlandkrise zeigt sich (gleich ob wir dem Euroraum oder anderen Fiskalräumen angehören), wie einige Wenige, die Krösusse der Wirtschaft, die Vielen kraft ihrer Geldmittel beherrschen, wie gnadenlos und unbarmherzig sich das Schuldennetz über Menschen, Staaten, ganze Kulturkreise legen und deren Handeln bestimmen kann. Banken beherbergen das „Lösegeld“ für die Vielen. Gleich ob in Griechenland oder anderen EU-Staaten, gleich ob in Afrika oder in anderen Ländern der verarmten Zweidrittelwelt: Die existentiellen Grundlagen von Millionen, ja Milliarden von Menschen werden unterminiert, wenn nicht gar zerstört. Die Schlachtermesser und die Feuerstürme ruhen in den Händen von wenigen, vielleicht in den Händen eines anonymen, von Computern gesteuerten Systems. Abrahams Schlachtermesse und Feuersturm sind, wie es scheint, zum Kennzeichen eines globalisierten Weltsystems geworden. Diese Entwicklung müsste uns allen die Ruhe rauben.

Arbeiten wir, wie ich zu Beginn behauptete, wirklich alle an dieser abgründigen Abrahamsgeschichte mit? Erinnern wir uns noch einmal an das Schicksal des zum Tode verdammten Isaak, in dem sich heute viele wiederfinden. Inzwischen hat sich den Staats-, den Wirtschafts- und den Finanzsystemen ja die geniale Möglichkeit eröffnet, auf Kosten der Zukunft zu leben. Rettungsschirme sind wie Geldmaschinen auf Vorschuss. „Vater, hier ist Feuer und Holz, hier sind Milliarden von Euros“, müsste Isaak heute fragen, „wo aber sind die Gegenwerte; wer wird sie einlösen, endlich einmal bezahlen?“ Und genauso ausweichend wie damals würde heute ein säkularisierter Abraham antworten, indem er sich auf die Götzen- und Opferkulte der Gegenwart beruft: „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen“. Er wird feierlich erklären: „Im Laufe der Jahre werden die Ökonomie und ihr Wachstum das Geld erwirtschaften.“ Er würde verschweigen, dass viele verhungern und verdursten, dass unsere Kinder – heute in Wohlstand geboren – irgendwann auf Heller und Pfennig bezahlen werden, was wir schon verbrannt haben. Sie, unsere Kinder, bleiben an ihren Gang zum Berg im Land Morija gebunden; ihre Katastrophe ist beschlossene Sache. Sie ist vorprogrammiert, ohne dass die Zukunftsopfer einen Einfluss darauf nehmen können. Denn das Gesetz von Geben und Nehmen, also von einer unbarmherzigen ausgleichenden Gerechtigkeit bleibt bestehen. Der Mechanismus der Schuldner und der Abbezahler, von Hypotheken und verstrichenen Fristen funktioniert weiterhin. In Schulden werden unsere Kinder geboren und sie werden diese kommenden Schuldverhältnisse nicht abschütteln können. Sie symbolisieren unsere Grundsituation eines vorweggenommenen Unheils. Dereinst werden unsere Nachkommen die aktuelle Differenz von Habenichtsen und denen, die im Übermaß besitzen, begleichen.

3. Eine menschenwürdige Zukunft?

Was sollen wir im Namen des Glaubens dazu sagen? Ich weiß es nicht. Religionen bieten keine Rezepte, das gilt auch für die christliche Botschaft. Aber die heilende Kraft der Religionen und des christlichen Glaubens beginnt mit dem Mut, gefährliche Wahrheiten auszusprechen, auch wenn diese sich gegen uns richten. Vielleicht sollten wir uns mal wieder dazu entschließen, apokalyptisch zu denken und die Geheime Offenbarung zu lesen. Religionen erlauben es uns ja, in unseren Visionen uns über die Gegenwart hinaus in die Zukunft, vielleicht in Gottes Zukunft hineinzudenken. Sie zeigen uns, wo und wie wir uns selbst im Wege stehen. Das lässt sich an dieser schwarzen Abrahamsgeschichte mit ihren Widersprüchen und Widerhaken ablesen.

Wenn Gott wirklich keine Menschenopfer, keine Kinderopfer und keine Opfer auf Kosten zukünftiger Generationen will, warum wird dann auf dem Rücken von Isaak diese makabre Glaubensprobe überhaupt inszeniert? Wir sind es doch, unsere Völker, die gesamte Menschheit ist es, die sich selbst ins Unglück reitet. Søren Kierkegaard meint, in dieser Geschichte treibe Gott seine Forderung nach unserem Gehorsam auf eine paradoxe und unerfüllbare Spitze; er wolle seinen Vorrang vor allem Weltlichen unbedingt klarstellen. Formal mag Kierkegaard recht behalten, denn in der Tat sollen wir „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Wir haben aber spätestens in der Neuzeit auch dies gelernt: Gottes Wille verletzt die fundamentalen Gebote der Menschenwürde nie, und diese Überzeugung lässt sich in allen Religionen finden. Diese eherne Grenze menschlichen Handelns ist und bleibt auch die Grenze Gottes, ist selbst dann tabu, wenn – ebenso paradox gesagt – Gott selbst sie unterschreitet. Das haben wir etwa aus Hiobs Protest gegen Jahwe gelernt. Auch für Gott gelten die Gebote des Lebensschutzes, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der gegenseitigen Treue.

Ich meine deshalb, dass diese Opfergeschichte mit unseren Projektionen spielt und sie an den Pranger stellen will. In prosperierenden Staaten meinen ja – treu der Illusion dieses Abrahamkomplotts – auch viele Christen noch, dass wir rational handeln, dass Gott unser Leben auf Vorschuss der Zukunft billige. So wirtschaften sie mit diesem Abraham drauf los. „Gott sucht sich das Opfer schon aus“, sagen sie. Aber will und braucht Gott wirklich ein Opfer? Bieten die Opferreligionen und unsere religiös verbrämte Opfermentalität eine befriedigende Lösung? Wir sollten endlich auch eine andere Lektion lernen, die seit Abrahams Zeiten schon ansteht: Gemäß der Schrift ist auch der Tod Jesu nicht einfach als Opfer zu verstehen. Schließlich hat Jesus sein Leben für uns nicht einfach „dahingegeben“, wie die meisten Übersetzungen vereinfachend sagen. Er hat sich – genauer übersetzt – für uns mit dem Risiko seines eigenen Lebens eingesetzt und damit sein Wertvollstes mit uns geteilt. Deshalb geht es darum, dass wir unser Leben ebenso vorbehaltlos mit dem unserer Kinder und dem der kommenden Generationen teilen. Deshalb ist auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ebenso ein Härtetest für unsere Humanität wie unser gegenwärtiges Wirtschaften im Blick auf eine zukünftige Welt. Es geht, säkular ausgedrückt, um eine Nachhaltigkeit ohne Vorbehalt.

Wie aber können wir unsere Schuldverflechtung mit den kommenden Generationen lösen? Es gibt, wie schon gesagt, keine Endkonzeption; sie ruht allein in Gottes Hand. Aber es gibt vorbereitende, Heil bringende Schritte, auf wie wir uns vielleicht verständigen können.

Der erste Schritt lautet:
globales Einverständnis. Weder direkt noch indirekt, weder psychologisch noch sozial dürfen unsere Kinder zu Opfern unseres Narzissmus und Egoismus werden. Wenn die Weltreligionen sich darin finden und jedem Wirtschaftsführer laut erklären würden, wären wir ein wesentliches Stück weiter. Wir haben von unseren Kindern nicht nur Dankbarkeit zu erwarten, sondern wir schulden ihnen Dankbarkeit. Nur aus dieser Haltung tiefster Dankbarkeit heraus wird es uns gelingen, unsere Zukunftsbande zu lösen, mit denen wir sie umschlingen.

Der zweite Schritt lautet:
Eine vorbehaltlose In-Pflichtnahme von uns selbst. Wer – wie es in der Politik oder in der Wirtschaft, in der Familie oder in der Schule – von den Anderen redet, sich selbst aber ausklammert, halte besser den Mund. Es gehört jedenfalls zu den Grundprinzipien einer jeden Religion, dass sich kein einziger Mensch von den Anklagen, den Forderungen und den Verheißungen ausschließt. Wenn Abraham so mit seinem Sohn umgeht, tun wir es möglicherweise auch. In einer Epoche der Säkularisierung sind die Götter der Projektionen, auch die Moloche der Kindheitsopfer, zu ihrem Ende gekommen, endlich. Gewiss, wir sollen Gott mehr gehorchen als den Menschen. Doch zuvor sollen wir unsere Illusionen und Selbstgerechtigkeiten überwinden. Wir sollten also unsere tödlichen Messer zerbrechen, sie zu Pflugscharen umschmieden und unsere zerstörenden Feuergluten ersticken.

Der dritte, spezifisch religiöse Schritt lautet:
Die Zeit duldet keinen Aufschub. Hier und jetzt ist zu beginnen. Jesus erklärt, dass das Reich angebrochen ist; die Bibel ruft zur Umkehr. Auch das gehört zu den Grundprinzipien von Religion. Jesus sagt deshalb unmissverständlich: Wir können jetzt beginnen; wir können ohne jedes politische Kalkül selbstlos teilen. Denn er ist uns darin vorangegangen, er hat sich wie Brot brechen lassen.

Wir brauchen also keinen Moloch, keinen Gott der Opfer. Moloch sind wir als Einzelner wie als Menschheit. Wir brauchen auch keinen Gott, der Genugtuung für sich fordert. Er will schlicht, dass die Menschen sich mit sich selbst und miteinander versöhnen. Niemand weiß, ob und wie die Vision einer versöhnten Menschheit gelingt, sodass sie auf Feuer und Schwert verzichten kann. Aber nur wer die Dramatik dieser Frage – etwa in dieser blutrünstigen Abrahamsgeschichte – erkennt, weiß, dass er sich selbst nicht mehr aus ihr verabschieden kann. Wir sind nicht besser als die Anderen. Diejenigen, die sich diesem Drama öffnen, verstehen schließlich, dass wir auf Gottes Barmherzigkeit nicht verzichten können. Danken wir deshalb Gott, dass wir in unseren Kirchen auch die große Anti-Geschichte zu Abrahams Opferung begehen, uns ihrer erinnern können. Es ist die Geschichte Jesu, der – ohne Feuer und Schwert – sein Leben mit uns teilt. In ihm wird auch unser Gottesbild zur aktuellen Reife gebracht. Der Engel ruft noch heute: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben, nicht gegen deine Kinder, nicht gegen die kommenden Generationen aus, und tu ihnen nichts zu leide!“.

(Redigt vom 11. 03. 2012)