CREDO – alles gleich-gültig? Über die Rangfolge der Wahrheiten

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Die heutige Form des christlichen Credo hat sich stufenweise entwickelt; zentrale und abgeleitete Auusagen haben sich in ihm vermischt.

Einleitung: Hierarchie der Wahrheit?

(a) Die große Verunsicherung

Wir leben in einer Zeit der großen Desorientierung. Überall werden alte Wege in Frage gestellt, neue gesucht. Der Ruf nach Wahrheit und nach Werten ist übergroß. Man könnte erwarten, dass damit die Stunde der christlichen Kirchen (die Großkirchen zumal) gekommen sei. Denn sie haben eine Wahrheit anzubieten, die durch nahezu 2000 Jahre gehalten hat; sie haben großen Respekt für diese Wahrheit, denn letztlich gründet sie auf göttlicher Offenbarung. In der westlichen Kirchen zumal hat die Wahrheitsfrage immer eine eminente Rolle gespielt. Mit großer Sorgfalt und intellektueller Disziplin hat man sie umgeben, Intellektuelle von höchstem Format haben sich der Theologie angenommen. Man denke nur an Augustinus, Thomas von Aquin oder Blaise Pascal, an Martin Luther, Johannes Calvin, Karl Barth oder Karl Rahner. Auch die Kirchenleitungen haben das ihre dazu getan. Es gibt die biblischen Schriften und die Bekenntnisschriften, dogmatische Festlegungen und offizielle Auslegungen. Der gegenwärtig gültig Katechismus der katholischen Kirche zählt nicht weniger als 2865 Nummern. Können diese Kirchen nicht enorme Wahrheitsschätze anbieten?

Aber wir leben in einer Epoche des Umbruchs, in der einfache Rezepte, Worte, Formeln nicht unbedingt weiterhelfen. Auch wer sich an eine Formel hält, den kann immer noch die Frage quälen. Wie sollen wir die verstehen, von welchem Standpunkt aus können wir damit umgehen. Bevor wir uns mit dem Glaubenbekenntnis existentiell auseinandersetzen sollten wir zumindest eine vorläufige Antwort haben, auf grundlegende Fragen:

– Welches Gottesbild haben wir?
– Welches Bild von Jesus Christus?
– Welches Bild von Mensch und Welt?

(b) Der Vorschlag des Konzils

Der Eindruck täuscht, wie Sie wissen. denn quer durch die christlichen Kirchen laufen Fronten, Konflikte zur Frage, was für Christen eigentlich wahr, was wichtig, was unaufgebbar und was reformbedürftig ist. Wir fragen uns, wie man über diese Wahrheit sprechen sollen: sollen wir sie erzählen, unsere Erfahrungen austauschen oder in mystischer Innerlichkeit nicht lieber ins Schweigen versinken? Dass eine Summe von möglichst viel Wahrheiten kein wünschenswertes Ideal ist, wissen wir inzwischen alle. Wie aber sollen wir zu einer einfachen Übersicht und zu einer klaren Wertung der verschiedenen Wahrheiten kommen? ‚Schon Martin Luther hat sich dieser Frage hellsichtig gestellt. Er konzentrierte sich auf Jesus Christus und auf seine Gnade die Rechfertigungslehre). Die katholische erging sich lange Zeit in Additionen, aber während des 2. Vatikanischen Konzils kam im ökumenischen Zusammenhang die Metapher von der „Hierarchie der Wahrheit“ auf. Sie fand in das Konzilsdokument Eingang, das die Ökumene stimulieren soll (Unitatis redintegratio, Nr. 11):

 „(Die katholischen Theologen sollen beim Vergleich der Lehren … daran denken, dass es eine Ordnung bzw. ’Hierarchie’ der Wahrheiten der katholischen Lehre gibt, da ihr Zusammenhang mit dem Fundament des christlichen Glaubens verschieden ist“.

Was aber bedeutet in Zusammenhang mit Wahrheiten eine Hierarchie? Bringt uns dieses Prinzip weiter? Für keine der diskutierenden Gruppen ist alles gleichgültig, aber auch nicht gleich gültig; dieser Eindruck täuscht. Sogar die härtesten Evangelikalen und Fundamentalisten wählen aus und setzen Prioritäten. Auch sie sorgen dafür, dass manche Wahrheiten herausgemeißelt, dass andere vergessen werden.

Sie beschäftigen sich in dieser Vortragsreihe mit dem CREDO, dem Apostolischen Glaubensbekenntnis. Das besagt schon eine gute, eine sehr ehrwürdige Konzentration. Aber schon in diesem kurzen und altehrwürdigen Text gibt es Aussagen, dem Sie vielleicht eher oder weniger zustimmen. Wie sollen wir damit umgehen? Ich schlage folgende Gliederung vor:
In einem vorbereitenden Teil (I) sage ich einiges Struktur und Aufbau des zum CREDO.
In Teil II bespreche ich drei mögliche Kriterien für Maß und Art der Gültigkeit. Ich nenne sie Nähe zum Ursprung, Schriftgemäßheit sowie religiöse Qualität.
In Teil III stelle ich die Frage nach dem Fundament oder dem Zentrum des Glaubens.
Zum Schluss gehe ich kurz auf die Erzählstruktur der christlichen Botschaft und die Frage nach unserer Kreativität ein.

I. Aufbau und Struktur des CREDO

So kompliziert die Entstehung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses im Detail ist, so einfach verliefen die Entstehung von Struktur und Grundaussagen. Sehr früh liegt die Grundstruktur fest, die da lautet: Ich glaube an Gott, den Vater, an Jesus, Gottes messianischen Sohn, an den Hl. Geist, unseren gegenwärtigen Beistand. Zugleich stehe ich zur Kirche, zu deren Glied ich durch die Taufe geworden bin.

1.1 Frühe Formen

Die früheste uns bekannte Form des Glaubensbekenntnisses hat folgende Gestalt:

(Wir glauben)
[1] An den Vater, den Herrscher über das All,
[2] und an Jesus Christus [unseren Erlöser,]
[3] und an den Heiligen Geist [den Beistand]
und an die heilige Kirche,
und an die Vergebung der Sünden.

Inhaltlich kommt diese frühe Form der Formel des Kreuzzeichens nahe, die ja eine Taufformel ist. Das Credo hat zunächst seine Aufgabe in der Taufe, wo es heute noch in Frageform im Taufritus steht und von den Widerrufsfragen begleitet wird: Glaubst du? – Widersagst du?

1.2 Das Apostolische Glaubensbekenntnis

In einer späteren Stufe wird das Bekenntnis zu Jesus Christus durch einige erzählende Formeln ausgeweitet, einige Präzisierungen kommen hinzu; seit dem 11. Jd. liegt das „Kleine Credo“ der Kirche des Westens fest; von einer Sprachvariante abgesehen hat es sogar die Reformation überstanden. Sie kennen die gegenwärtige Form.

Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde
Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
[der geboren wurde vom Heiligen Geist
aus Maria, der Jungfrau]
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen

Der Aufbau des Apostolischen Glaubensbekenntnisses ist, wie schon gesagt, weitgehend transparent. Es hat drei Hauptteile, in denen von Gott, dem Vater, von Jesus Christus und vom Heiligen Geist die Rede ist. Sehr kurz, geradezu jüdisch ist der erste Teil, in dem der Glaube an Gott bezeugt wird. Er ist Vater, allmächtig (= Herrscher über das All), weil Schöpfer des Himmels und der Erde.
Am längsten und spezifisch christlich ist der zweite Teil. Er handelt von Jesus Christus in einem stichwortartigen Kurzreport, von der Empfängnis über Tod und Auferstehung, bis hin zur Wiederkunft. Worte und Taten, so etwa Leben die Bergpredigt, die Torakritik und der Umgang mit Menschen, werden seltsamerweise ausgeblendet, die jüdischen Wurzeln sind abgeblendet. Ausschließlich und ausgerechnet der Römer Pontius Pilatus findet (wohl als Signal für die historische Realität des Geschehens) noch Erwähnung. Die Wirkung dieser Auswahl und Zuspitzung für das spätere Bild von Erlösung und Heil bis weit in die Gegenwart hinein ist unbestreitbar.
Kürzer, aber nicht einheitlich ist der dritte Teil. Nur im ersten Versstück ist vom Heiligen Geist die Rede. Dann springt die Thematik unvermittelt zur Kirche und Vergebung der Sünde um. Später kommen – in einer unsystematischen Entwicklung – Aussagen wie „Gemeinschaft der Heiligen“ und „Auferstehung der Toten hinzu“. Sehr spät wird dieser eschatologische Ausblick durch den Hinweis auf das Ewige Leben abgerundet. Es entsteht der Eindruck einer Sammelstelle, in die – mit Verspätung und relativ unsystematisch – weitere Eckpunkte des christlichen Glaubens aufgenommen werden. Für viele Leser (und Beter) beginnt damit die Frage, ob alle Aussagen des Credo sowie unseres Glaubens gleich gültig sind. Dabei sind die Probleme des dritten Teils noch mäßig, denn auf den zweiten Blick lässt sich eine innere Einheit der Aussagen erkennen.
Machen wir uns nämlich von der gängigen Charakterisierung des Glaubensbekenntnisses frei, die besagt, wir hätten eine trinitarische Struktur, dann zeigt sich eine einfache Trias von Perspektiven, die besagt:

  • Der erste Teil legt den umfassenden Glaubensrahmen, also den Bezugsrahmen des christlichen Glaubens fest. Er besagt: Glaube an den Gott als dem Ursprung von allem, wie wir ihn in den Schriften Israels kennen gelernt haben.
  • Der zweite Teil berichtet die in Stichworten die Geschichte Jesu von Nazaret, zu dem wir uns als unserem Messias bekennen, in dessen Hände Gott die Frage der Erlösung gelegt hat. Es ist die Geschichte, von der Christen herkommen, so wie die Juden aus der Erinnerung an ihre Errettung aus der Hand der Ägypter leben. Deshalb sind spätere Teile des zweien Teils im strengen Sinn ja kein Bekenntnis mehr, sondern ein Kommentar, der Information und Begründung liefert (dass Jesus unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, ist kein Glaubenssatz!).
  • Der dritte Teil handelt von unserer Gegenwart, in der uns Gottes Geist als Beistand gegenwärtig ist. In dieser Gegenwart ist uns die Gemeinschaft der Kirche bzw. der Taufe angeboten. Anders gesagt: in dem Augenblick, in dem unser Glaubensbekenntnis nicht mehr den Akt der Taufe begleitet, wird natürlich eigens gesagt, was wir nicht mehr erleben. Auf die einzelnen Artikel des dritten Teils komme ich später zurück.

Alles in allem ist das Credo ein wichtiges Dokument, das unsere Fragen nach der Gleich-Gültigkeit weitgehend beantworten kann, denn anerkanntermaßen bedeutet diese knappe Zusammenfassung gerade keine Verkürzung, sondern eine Zuspitzung auf den Kern des christlichen Glaubens. Das Ganze des christlichen Glaubens ist dort also ausgesagt, so wie es schon im der Formel des Kreuzeichens ausgesagt ist. Allerdings ist das Credo ein liturgisches Dokument, das allen Akzent auf Gemeinschaft und Gemeinsamkeit aller Glaubenden in Raum und Zeit legt. Deshalb hat man nach dem 2. Vatikanischen Konzil dieses Anliegen der Zusammenfassung und der Zuspitzung im Blick auf die Gegenwart, auf besondere Situationen und Personengruppen verschiedentlich wieder aufgenommen. Das Thema lautete: „Kurzformeln des Glaubens“. Recht verstanden höhlen sie Anliegen und Botschaft des Credo’s nicht aus, sondern ergänzen es[1]. Zu bedenken ist ferner, dass das Credo als Bekenntnisform am Beginn der Katechismen steht. Deren Anliegen war legitim. Indem man nämlich die kurzen Formulierungen des Credo auslegt, bricht man ihre harte, zum Fundamentalismus verleitende Schale auf; man beginnt die Formeln in Bezug auf das eigene Leben einzuordnen, zu verstehen und ins Leben umzusetzen. Leider hatten Katechismen einen gegeneiligen Effekt, weil das dort exerzierte Frage- und Antwortspiel den Eindruck erweckten, als könne man die Wahrheiten des Glaubens zeitlos, in rational umreißenden Definitionen und unveränderlich darlegen[2].

Mit diesen vorbereitenden Bemerkungen stellen wir also die Frage, nach welchen Kriterien wir Gültigkeit, Rang und Bedeutung einer Glaubensaussage und einer theologischen Aussage denn beurteilen sollen.

II Kriterien zu Gültigkeit und Bedeutung einer Glaubensaussage

2.1 Kriterium 1: Die Nähe zum Ursprung (zum Großen Credo)

In der Theologie galt lange der Satz de Vinzenz von Lérin, eines Theologen aus dem frühen 5.Jh., wahr und katholisch sei, was „immer, überall und von allen“ geglaubt wurde. Hat er recht? Hier gehe ich nur auf die Zeitdimension ein. Hohes Ursprungsnähe und Kontinuität ist für die Gültigkeit einer Glaubensaussage sicher ein wichtiges, wenn auch nicht das einzige Indiz. Ich füge hinzu: die Nähe zum Ursprung ist – noch wichtiger – ein Indiz für seine zentrale Bedeutung, denn hinzukommende Glaubensaussagen haben nur dann Sinn, wenn sie vorangehende Aussagen differenzieren. Neue Gaubensaussagen gibt es im strengen Sinne nicht[3]. Damit ist nicht gesagt, dass das Ältere immer besser sei, dass Neueres also immer Abfall bedeute, – dies nach dem Motto: die Zeiten werden immer schlechter[4]. Auch in frühen Zeiten finden sich häretische Tendenzen oder Strömungen, die sich mit dem christlichen Glauben nicht unbedingt vereinbaren ließen; man denke nur an die gnostischen und manichäischen Strömungen der ersten Jahrhunderte. Aber je dichter eine Zeit dem Erfahrungsraum der Jesusbewegung sowie der frühen Christenheit steht, desto unmittelbarer steht sie noch unter dem Einfluss der ersten Glaubenserfahrungen. Zeigen lässt sich das den ersten Vor-formen unseres Credo, in der die Glaubensformeln in höchster Konzentration erscheinen.

Die Frage nach der Ursprungsnähe einer Glaubensaussage wird später an Bedeutung gewinnen. Vielleicht geht es innerhalb des Apostolischen Glaubensbekenntnisses noch um Klärungen und Akzentsetzungen.
Ich nenne als Beispiele die Aussage zur Jungfrauengeburt: Das missverständliche
der geboren wurde vom Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau
wird umformuliert zu:
empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria,

In den Aussagen zu Leiden und Tod Jesu geht es wohl um erweiternde Präzisierungen. Jesus ist, wie gesagt wird:
Gekreuzigt und begraben. Hinzugefügt werden zwei Aussagen, die im Gesagten schon eingeschlossen sind, aber jetzt Missverständnisse abwehren und die Bedeutung dieses Todes akzentuieren: Jesus ist:  gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,

Allerdings hat die letzte Aussage schon wieder eine problematische Seite, weil sie – jedenfalls in unserem Kulturraum – als eine Fehlinformation verstanden werden kann. Insofern ist sie weniger wichtig als die vorangehende Information. Auch lässt sich schon in dieser frühen Einfügung zeigen: Spätere Entwicklungen setzen die Aussagereihen oft auf einer anderen Ebene fort. Der symbolische Funktion des Abstieg ins Totenreich ist mit dem Leiden und dem Tod Jesu kaum zu vergleichen.

Spätere Zufügungen sind in der Regel also abgeleitete Aussagen, also Folgerungen oder Klärungen. Dies zeigt der Vergleich mit dem Großen Credo. In seiner gegenwärtigen Form wurde es in einer Abfolge von Konzilien festgelegt und trägt unter Fachleuten deshalb den komplizierten Sachtitel: Nicaeno-neo-Constantinopolitanum. Es geht also um das Glaubensbekenntnis des Konzils von Nikaia, das auf dem Konzil von Konstantinopel modifiziert und danach noch einmal verändert wurde. Wenn Sie dieses Große Credo mit dem Kleinen vergleichen, machen Sie erstaunliche Entdeckungen. Ich verweise hier nur auf drei Erweiterungen. Sie kennen diese Erweiterungen aus dem Gottesdienst und nehmen sie in der Regel als gleichrangige Aussage mit dem Inhalt des Apostolischen Gleichnisses wahr.

Erweiterung 1:
Der erste, kurze Teil, das Bekenntnis zum Vater wird mit den Hinweisen erweitert:
der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde,
die sichtbaren und die unsichtbaren Dinge.

Das sind deutliche Erweiterungen. Dem ursprünglichen Bekenntnis fügen sie nichts hinzu. Sie illustrieren. Allerdings sind diese Illustrationen heute neuer Erläuterungen bedürftig: Bezogen auf die Schöpfung kann „Himmel und Erde“ nur noch als Metapher gelten. Warum nämlich wird der Rest des Kosmos nicht erwähnt’? Und was ist mit den unsichtbaren Dingen gemeint, haben wir uns also zu Existenz von Engeln und Teufeln zu bekennen? Sie sehen, jede weitere Klärung bringt die Gefahr von Verengungen und von folgenden Missverständnissen in sich.

Erweiterung 2:
Im zweiten und entscheidenden Teil, in dem das unterscheidbar Christliche zur Sprache kommt, lesen wir, nachdem Jesus Christus, Gottes einziger Sohn genannt ist, folgende Hinzufügungen.
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott.
Gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserem Heil
ist er vom Himmel herabgestiegen,

Erhellend finde ich – um das vorwegzunehmen die Aussage, Jesus sei „für uns Menschen und zu unserem Heil vom Himmel herabgestiegen“. Bei Jesu Auferstehung wird hinzugefügt, am dritten Tag sei „gemäß der Schrift“ auferstanden.

Wie aber ich die große Einfügung zu beurteilen. Es geht um eine Geburt „vor aller Zeit“; zwischen göttlichem Zeugen und göttlichem Schaffen wird unterschieden, gesprochen wird von der Wesenseinheit Christi mit dem Vater, das Ganze verbunden mit der hochpoetischen Aussage; Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“. Ich verstehe diese Zufügungen als das Resultat von harten Auseinandersetzungen die damals – vor dem Hintergrund hellenistischen Denkens – geführt wurden. Zugleich habe ich zwei Bedenken. Das erste betrifft den kulturellen Hintergrund. Auch Philosophen denken heute nicht mehr in Platos und des Aristoteles Spuren, wie die Bischöfe und Mönche des 4. und 5. Jahrhunderts es tun. Deshalb müssten solche Sätze heute eine angemessen Übertragung ins unsere Zeit hinzugefügt werden. In einem Credo haben sie keinen Platz. Das zweite Bedenken betrifft die kolossale Einseitigkeit, die den Menschen Jesus ohne jeden Vorbehalt zum Gott werden lässt. Dass es dem damals einflussreichen Kaiser und den Repräsentanten einer zu Ruhm gelangten Staatskirche zupass kam, mag verständlich sein. Erstaunlich ist nur, dass es – spätesten 451 in akedon – zur dramatischen Korrektur kam. Die Aussagen zur Gottheit Jesu wurden durch Aussagen zur Menschheit Jesu ausgeglichen, auch wenn dies nicht konsequent gelang.

Derselbe in vollkommen in der Gottheit und
derselbe ist vollkommen in der Menschheit;
derselbe ist wahrhaft Gott
und wahrhaft Mensch, aus vernunftbegabter Seele und Leib;
derselbe ist der Gottheit nach dem Vater wesensgleich
und der Menschheit nach  uns wesensgleich,
in allem uns gleich außer der Sünde;
derselbe wurde er einerseits
der Gottheit nach vor den Zeiten aus dem Vater gezeugt,
andererseits
der Menschheit nach in den letzten Tagen
unsertwegen und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau und Gottesgebärerin geboren….
[es folgt die Lehre von den zwei Naturen und der einen Person.]

Diese Korrekturen wurden aber nicht ins Große Credo aufgenommen. So hat sich im Bewusstsein der Gläubigen bis heute eine Tendenz zur Vergöttlichung Jesu festgesetzt, die unserem Glauben nicht gut tat. Andererseits gab es gute Gründe dafür, dass man auf diese Nachkorrektur verzichtet hat. Die Formeln wurden nämlich so kompliziert, dass sie in einem gottesdienstlichen Credo wirklich keinen Platz mehr hatten. Dann hätte man aber auch die zitierte wieder streichen müssen.

Erweiterung 3:
Die Erweiterungen des dritten Teils sind nicht dramatisch, aber charakteristisch genug. Der Hl. Geist wird jetzt erläutert als

den Herrn und Lebensspender,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn
angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten.

Das griechische Wesensdenken hat den Blick für die Unterschiede zwischen ater und Geist verwischt[5]. Man könnte sich fragen, ob hier das Bild vom Geist nicht an Lebensnähe, an Erfahrungsnähe, an geschichtlicher Dramatik erheblich eingebüßt hat.
Ein früher nicht beachteter Gesichtspunkt hat die Problematik späterer Aussagen erheblich verschärft. Neue Aussagereihen zu Glaubensfragen entstehen vornehmlich dann, wenn ein neuer Inkulturationsprozess stattfindet. Dieser bedeutet aber immer auch Übertragung und Verengung. In gewissem Sinn müssen neue Kulturen deshalb der Versuchung widerstehen, ihre Denkwelten nachfolgenden oder konkurrierenden Kulturen aufzudrängen.

2.2 Kriterium 2: Schriftgemäßheit

2.2. (a) Positionsbestimmung und Glaubensregel
Wie gute Arztrezepte oder wie die Faustregeln für den Abstand vom vorausfahrenden Auto erwecken Bekenntnisformeln den Eindruck, dass sie die Wahrheit des Glaubens handlich zusammenfassen, verständlich machen und damit Klärung in unsere religiösen Fragen bringen. Das ist eine Täuschung. Von Anfang an waren die Bekenntnisse persönliche oder kollektive Positions- und Standortbestimmungen. Sie sollten als „Glaubensregel“ wirken, Sie hatten also ein abgrenzendes Element, woran sich das eigene Verhältnis zur christlichen Botschaft bestimmen ließ. Was aber soll da ermessen werden? Die christliche Botschaft selbst kann in ihre Grenzziehung nicht eingehen. Deshalb eignete den Bekenntnissen auch immer etwas Abweisendes. Man konnte mit ihnen Misstrauen säen, sie zur Sanktionierung missbrauchen. Das gilt bis in die jüngste Zeit.

2.2 (b) Schrift geht voraus – zum Schutz der Schrift
Deshalb sollten wir die Bekenntnisformeln auch relativieren und wissen, für wessen Schutz sie stehen und was sie verteidigen. So geht in der christlichen Tradition den zusammenfassenden Formeln immer die Schrift voraus. In einer Zeit, in der auch Bedeutung und Autorität der Schrift umstritten ist, sollten wir nicht vergessen, dass der Schrift der Bericht von und Erinnerung an Jesus von Nazaret vorausgehen. Jedenfalls ist das die elementarste Schicht, die uns zur Identifikation des christlichen Glaubens zugänglich ist. Ein zweiter Gesichtspunkt kommt hinzu: Glaubensbekenntnisse haben nur Sinn, wenn sie eine Lebenspraxis der Nachfolge kommentieren. Der Umgang mit Glaubensbekenntnissen hat also eine subjektive und eine objektive Komponente; das Kriterium der Schriftgemäßheit bewegt sich ständig auf einer Skala, die beim Vergleich der Buchstaben beginnt und beim Engagement meines Geistes endet. Ich habe – ja nach Lage – zu schauen, ob ein Bekenntnistext der Schrift entspricht, oder dafür zu sorgen, dass ich ihn im Sinne der Schrift – im Sinne unserer Erinnerung an Jesus – verstehe und auslege. Voraussetzung für ein solches aktives Verhältnis zu den Bekenntnistexten ist deshalb eine gewisse Nüchternheit, die auch solch hohe, durch Jahrhunderte geehrte Texte ihren Mythos nimmt. Nur sie macht es möglich, dass ich diesen Text im besten Fall auch akzeptiere.

Schreiten wir also die Skala der Möglichkeiten ab. Könnte es – an deren vorderem Ende – sein, dass ein Bekenntnistext der Schrift objektiv widerspricht? Natürlich müssen wir mit einer solchen Feststellung behutsam umgehen, denn anmaßend wäre die simple Behauptung, das Credo sei- in wichtigen Teilen und objektiv gesehen, nicht schriftgemäß. Aber entstehende Fragen lassen sich signalisieren; zumindest muss uns die unterschiedliche Zielrichtung und Informationswelt bewusst sein. So enthält das Credo, wie schon gesagt, keine Hinweise auf Botschaft und Handeln Jesu, auf seinen Umgang mit Menschen und seine Gewaltkritik, nichts zu den Gründen, die ihn ans Kreuz gebracht haben, auch keine Hinweise zur Frage, wie wir Gnade, Vergebung oder Erlösung konkret verstehen sollen. Wie soll man ohne Umgang mit dieser – wie Metz sagte – gefährlichen Erinnerung ein Credo überhaupt verstehen können? Ohne Zutun von Schrift und Evangelium wird es zur leeren Hülse. Gut, in späteren Credoformeln steht, Jesus sei „für uns“ und „um unseres Heiles willen“ Mensch geworden. Wie aber soll ich als Christ eine solche Formel füllen, wenn ich von Jesu Lebensweg, von den Gründen seiner Verurteilung keine Vorstellung habe?

2.2 (c) Widersprüche – Veränderungen (Jungfrauengeburt, Höllen-, Himmelfahrt)
Bisweilen zeigt sich auch, dass – von der Schrift aus gesehen – manche Aussagen verzichtbar sind. Ich nenne die schon besprochenen späteren christologischen Reflexionen. Ich nenne auch spätere Erweiterungen im dritten Teil. Dort wurde die Identifikation mit der „heiligen katholischen Kirche“ erweitert durch die „Gemeinschaft der Heiligen“; im Sinne der Schrift ist das eine Verdoppelung der Aussage; später verstand man unter diese Gemeinschaft die Gemeinschaft derer, die schon im Himmel sind. Vielleicht ist auch die Gemeinschaft „im Heiligen“, also das Sakrament der Eucharistie gemeint, dann fänden wir einen Hinweis auf Eucharistie und Taufe, die mit der „Vergebung der Sünden“ gemeint ist. Warum aber wird das „ewige Leben“ der Auferstehung angefügt? Bei diesem Schritt hat griechisches Jenseitsdenken dem biblischen Modell einen Streich gespielt.

Ein ganz schwieriges Beispiel ist die Rede von der Geburt Jesu aus der Jungrau Maria. Aus sich selbst heraus kann das Credo die gängigen Missverständnisse dieser Symbolik nicht erklären. Zudem lesen wir in der Schrift auch, dass – gemäß einer anderen Formel in der Schrift – Gottes Sohn aus einer „Frau“ geboren ist (Gal 4.,4). Damit erhält das Kriterium der Schriftgemäßheit eine andere Note. Es kann uns davor schützen, Bekenntnistexte zu eng oder zu naiv zu lesen.

Natürlich gibt es auch Glaubensaussagen, die sich einfach vom zentralen Impuls, vom Wärmestrom der Schrift weit entfernt haben, wir sollten auf sie verzichten, weil sie die christliche Botschaft eher verdunkeln als erhellen. Ich denke an die Ablasslehre und die Höllenangst, die Erbsünde, die doppelte Prädestination oder den Ausschluss der Frauen vom priesterlichen Amt, bestimmte Sonderaussagen der Sexualmoral, die Rede von der Heilsüberlegenheit der christlichen Religion gegenüber anderen. Aber – ehrlich gesagt – solcherart Aussagen finde ich weder im Apostolicum noch in anderen Bekenntnissen. Insofern haben sie auch für das alltägliche Normalverständnis des christlichen Glaubens eine gut Funktion.

2.2 (d) Fern vom Wärmestrom der Schrift: Christologie, Ablass, Hölle
Wie zwiespältig das Kriterium der Schriftgemäßheit aber auch sein kann, zeigt sich zwei Beispielen, die ich hier nur streifen möchte. Es hießt, Jesus sei „niedergefahren in das Reich der Toten“ (früher wurde gar übersetzt; „in die Hölle“). Nach der Auferstehung sei er „aufgefahren in den Himmel.“ Fügen wir ruhig die für Christen so zentrale Aussage „auferstanden von den Toten“ sowie die Erwartung der „Auferstehung allen Fleisches“ hinzu. In einem formalen oder buchstäblichen Sinn sind diese Aussagen durch und durch schriftgemäß, denn sie sind wörtlich aus der Schrift übernommen. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass auch die Schrift in Bildern einer vergangenen Weltanschauung redet, dass also auch die Schrift oft genug einer kritischen Auslegung bedarf. So haben wir nicht nur die Glaubensbekenntnisse von der Schrift her zu verstehen, sondern Glaubensbekenntnisse und Schrift zusammen auf unsere heutige Weltanschauung zu beziehen. Schriftgemäßheit an sich ist kein Kriterium, solange über den Inhalt solcher Schriftaussagen ein Dissens besteht. Funktionierende Schriftgemäßheit setzt also ein funktionierendes und kritisch erarbeitetes und auf die Gegenwart hin bezogenes Schriftverständnis voraus. Mit Eigenmächtigkeit hat solch abwägende Neuinterpretation nichts zu tun, wohl aber mit dem Versuch, die Herausforderung von damals in und mit der Sprache von heute neu zu verstehen.

2.2 (e) Kein objektives, ein hermeneutisches Kriterium (Anleitung zum Verstehen)
Folgerung: auch diese Schriftgemäßheit in kein objektives Kriterium, das sozusagen automatisch funktioniert. Es ist eher ein Kriterium, das uns auf komplizierte Fährten setzt, die oft nur nach langem Nachsinnen zum Ziel führen.

3. Religiöse Qualität

3.1 In jeder Epoche neue Auslegung notwendig: Ein objektives und ein subjektives Element

Wer die Wahrheit des Glaubens finden will, kann sein Problem also nicht einfach dadurch lösen, dass er auf die Schrift zurückgreift. Zu viele Widersprüche kennt die Schrift, zu oft zeigt sie selbst tiefgreifende Gegensätze, man denke nur an die Auseinandersetzungen zwischen Moses und Aaron, zwischen Petrus und Paulus. In der reformatorischen Tradition gilt, Luther folgend, die Rechtfertigungslehre als der große Richter in allen Streitfragen, sei es innerhalb, sei es außerhalb der Schrift. Dies gilt auch für die Fragen, die in einem Glaubensbekenntnis aufbrechen können. Genau genommen sind wir gehalten, die Glaubensbekenntnisse insgesamt – ähnlich wie die Schrift insgesamt – neu im Blick auf unsere Gegenwart auszulegen. Hans Küng und andere haben es getan. Höchst fruchtbar sind auch die ungezählten Versuche, neue Bekenntnisse und Kurzformeln zu entwickeln, denn die offiziellen und zentralen Bekenntnistexte, können nicht alle Situationen und Fragen, alle Lebensalter und Hoffnungen dieser Welt umschließen. die im Raum und Zeit die ganze Kirche umspannen sollen. Sie wären überfordert. Diese neuen Texte unterminieren unser Glaubensbekenntnis nicht, sondern falten es aus und ergänzen es mit oft unerwarteten Aspekten. Sie schaffen Konfrontation mit einer Welt, die es zur Zeit Jesu und der ersten Jahrhunderte nicht gab.

3.2 Wissen um Grenzen und Geheimnis: symbolische und symbolisch handelnde Dimension

Aber diese Beschränkung hat ein andere Seite. Oft haben wir die Bekenntnistexte auf ihre informative, rational theologische oder didaktische Qualität hin entschlüsselt. Bekenntnistexte haben auch eine religiöse Qualität. Sie kann einen anderen, vielleicht einen angemesseneren Zugang verschaffen als es die Kinder einer rationalen bis rationalistischen Theologie gewohnt sind. Über die Grenzen des Christentums hinaus haben die Religionen ja Sprachcodes entwickelt, die ein sehr tiefes, religiöses Verstehen von Texten ermöglichen. Mit „religiös“ meine ich hier einen bestimmten Raum des Verstehens und der Wahrnehmung. Er lässt sich nicht auf Sachinformation verengen, leitet auch nicht an zu abstrus irrationaler Imagination. Es geht um einen Verstehens- und Imaginationsraum, der die Intuition für Grenzerfahrungen und Entgrenzungen stimuliert und den Zugang zu den existentiellen Fundamenten einer Person oder Gemeinschaft eröffnet. Ein Verstehenszugang wird möglich, der von vornherein weiß: Wir können nicht alles analysieren, nicht alles ausformulieren. Religiöse Sprache selbst hat eine symbolische, eine symbolisch handelnde Dimension. In gewissem Sinn gibt religiöse Sprache deshalb Schützenhilfe für die Tiefenerfahrung von Menschen. Aus diesem Grund haben Religionen auch viel mit Erfahrungen und mit performativen Prozessen (des Erschreckens, des Versprechens, der inneren Veränderungen. der Sympathie und der Bekehrung) zu tun. Mit solchen Erfahrungen sind keine Erlebnisse, auch keine innerlichen Gefühle gemeint. Gemeint sind Begegnungen mit anderen, mit der Wirklichkeit, mit mir selbst. Denn vergessen wir nicht: Gott werden wir nur auf der Spur solcher Begegnungen entgegenkommen.

3.3 Zentrale Aspekte: Was heißt: Gott – Christus – Geist – Hoffnung?

Unter diesen Aspekten sollten wir, Kinder einer sehr rationalistischen Tradition, versuchen, zur Welt der Glaubensbekenntnis einen neuen Zugang zu erhalten. Bekenntnisse sind in der Regel nüchtern gehalten und kurz, aber gerade in dieser Nüchternheit kann eine starke, elementare, geradezu archaische Symbolik, ein appellierender Charakter stecken.
Ich nenne einige Beispiele.

(1) „Gott – Vater – Schöpfer“
Es bedarf keiner komplizierten Anleitung, um diese Ur-Worte zu entschlüsseln. Es geht (in einer hochsymbolischen Sprache, die an den Schöpfungsbericht erinnert) um das unbedingte Vertrauen auf Gott, um eine zutiefst personale Beziehung zu dem, dem/der ich mein Leben verdanke. Appelliert wird an das sich-Einfügen in den Gesamtzusammenhang einer Wirklichkeit, die umfassend von Gott, also einem letzten Sinngrund, getragen ist. Naturwissenschaftliche Fragen werden in keiner Weise beantwortet oder in einer bestimmte Richtung gelenkt, nicht einmal die Frage nach Engeln oder Teufeln werden beantwortet. Deshalb kann auch das Wort „allmächtig“ nicht im Sinne der spätren Philosophie gedeutet werden. Gemeint ist ursprünglich wohl kein Gott, der alles kann, sondern dessen Fürsorge sich auf alles erstreckt. Eine solche Grundhaltung überschreitet eine christliche Haltung bei weitem. Sie schließt Juden, Muslime, Anhänger anderer Religionen mit ein. Insofern ist das Bekenntnis zum allsorgenden Vater die gültigste und universalste Aussage des Glaubensbekenntnisses überhaupt. Sie bildet die Basis aller weiteren Aussagen..

(2) „Jesus Christus – Gottes Sohn – unser Herr“
Es ist wichtig, außer den theologischen Fragen, die uns im Kopf herumgeistern, die religiöse Qualität auch dieser Glaubensaussage zu entdecken. Der Kern des gesamten Teils ist klar: Für uns Menschen findet Gottes Zuwendung zur Welt ihre Verwirklichung in Jesus von Nazaret, dem von Gott Auserwählten. Hier wird das Glaubensbekenntnis zum Aufruf, sich erzählend auf die Erinnerung an ihn einzulassen, die uns durch die Evangelien ermöglicht ist. – setzt Kenntnis voraus, lässt sich aber auf einen Menschen ein. Weniger wichtig scheinen mir die verwendeten Titel. Wichtig ist dass das Bekenntnis von sich weg auf Jesus von Nazaret verweist. In ihm und unter Gottes Beistand – so die religiöse Interpretation der Jungfrauschaft – geschieht für uns ein unbedingter Neuanfang; das Heil kann neu beginnen. Leiden und Kreuz konfrontieren uns zugleich mit den todbringenden Kräften unserer Welt und mit Jesu stellvertretendem Einsatz zu Gunsten der Verlorenen.

Unbedingte Treue zu uns, Schutz gegen alle tödlichen Abgründe ist Gottes Antwort, in dem Jesus als unser Messias lebt – alles bleibende Hoffnung für uns. Denn durch alle Abgründe ist Jesus in seinem Tod hindurchgegangen (Abstieg ins Reich der Toten); so ist seine Wahrheit in Gott versiegelt und bewahrt (Himmelfahrt). Die letzte Wahrheit und das letzte Urteil, der letzte Spruch der Gerechtigkeit über die Geschichte findet in ihm seine Verwirklichung (letztes Gericht), in dem wir alle unsere endgültige Vollendung finden.

Sollten Sie das Gefühl haben, dass in dieser – von mir religiös genannten – Auslegung alle konkreten Aussagen in eine allgemeine Gesamtstimmung des Vertrauens und der Hoffnung aufgelöst werden, dann haben Sie gar nicht so unrecht. Damit sollen die konkreten Bilder von Totenreich, Himmel und Auferweckung nicht abgeschafft sein. Aber in einer Epoche, deren naturwissenschaftliche und kosmologische Vorstellungen sich zutiefst verändert haben, müssen wir den Mut zu neuer Deutung, vielleicht sogar zur Entwicklung neuer Bilder finden.

Anders gesagt, eine streng religiöse Deutung des zweiten Teils macht deutlich, dass für den christlichen Glauben alle umfassend religiösen Fragen nach Herkunft und Ziel, nach Bosheit und Errettung, nach Tod und dessen Überwindung, im Blick auf die Gestalt Jesu wiederholt, dass sie in die Jesuserinnerung integriert werden. Insofern ist auch einigen hochsymbolischen Aussagen der Großen Credo eine intensive Aussagekraft abzugewinnen.

– Ich meine die Metaphern: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“. Für mich bedeuten sie viel, unter der Voraussetzung allerdings, dass sie nicht in eine hellenistische Ontologie eingefügt werden.

– Ich meine ferner den zentralen Satz: „ .. und ist Mensch geworden“ („ … et homo factus est“), der nicht zufällig zu ungeheuer intensiven musikalischen Gesaltungen geführt hat. Dabei tut der Wissensverlust unserer Generation der Sache vielleicht gut; denn je weniger griechisch-metaphysischen Ballast ich mitschleppe, umso mehr kommt die symbolische Tiefe dieser Aussage zum Tragen.

(3) Der Beistand von Gottes Geist
Wer sich auf die Gegenwart von Gottes Geist einlässt, weiß sich umfassend von Gottes Güte getragen, wofür die Erinnerung an Jesus Christus als Bürgin steht. Konkret bedeutet das für die Lebenspraxis von Christen: In der Taufe wissen wir uns von den Zwängen der unheiligen Vergangenheit losgelöst (“Vergebung der Sünden“), in der Eucharistie zur Gemeinschaft im neuen Heil gerufen („Gemeinschaft im Heiligen“). Wichtig ist für mich eine spätere Präzisierung. Ihr zufolge glauben wir an Gott im Vater, im Sohn und im Geist. wir glauben aber nicht an, sondern die allumfassende Kirche. Damit ist gesagt: Christen, die zu diesem Credo stehen, setzen alles Vertrauen ins das, was die Gemeinschaft der Glaubenden zu bieten weiß: Befreiung aus den Netzen der Schuld , und Gemeinschaft in Gott. Es ist aber nicht die Gemeinschaft als solche, denn ein Glaube an die Kirche käme einer Selbstvergötzung gleich.

(4) Hoffnung auf Vollendung
Aus solche religiöser Perspektive, findet all unser Hoffen – Jesus Christus sei Dank – in der letzten Aussage seine Vollendung: Die umfassende Wirklichkeit (gemeint ist das „Fleisch“), wir alle eingeschlossen, wird in Gottes Frieden aufgehoben sein.

Ich glaube, dass eine solch religiöse Lektüre des Glaubensbekenntnisses vier Gesichtspunkte klären kann:
– Das Glaubensbekenntnis ist keine Summe von Sätzen, sondern eine einheitliche Vision, in der die verschiedenen Aussagen sich gegenseitig verständlich machen und auslegen
– Aus religiöser Perspektive bedarf das Glaubensbekenntnis keiner Gültigkeitserklärung von außen, denn es vermag aus sich selbst zu überzeugen. Ich meine damit: es setzt den engagiert interessieren Leser in Freiheit, sich – unter Aktivierung des eigenen Urteilsvermögens – dafür zu entscheiden, die Entscheidung aufzuschieben oder eine andere religiöse Praxis dagegen zu setzen.
– Das Glaubensbekenntnis spricht in der Abfolge der drei Abschnitte drei Leserkreise an. Es sind alle diejenigen, die – wie auch immer – ihr vorbehaltloses Vertrauen auf den Gott aller Menschen setzen. Es sind dann diejenigen, für die Botschaft und Handeln Jesu zur großen Frage, vielleicht zum großen Maßstab werden kann. Es sind schließlich diejenigen, die sich in einer verbindlichen Glaubensgemeinschaft konkrete und lebenspraktisch auf die Nachfolge Jesu einzulassen bereit sind. Für dieses letzte Gruppe hat das Credo seine Funktion.
– Zusammenfassend ist das Maß von Öffnung und Verbindlichkeit wichtig, dass im Credo zum Ausdruck kommt. Ich bekenne mich zu einer konkreten Gemeinschaft. Deren Maß, genannt Jesus Christus, geht ihr aber voraus. Dieses Maß ist verbindlich, weil es dem universalen Glauben an Gott eine lebenspraktische Wirklichkeit geboten hat.

III. Zentrale Bedeutung (Exkurs zur „Hierarchie des Wahrheiten“)

3.1 Bezug zum Glaubensfundament: Keine Rezepte –  organische Einheit – Gegenwart

Zum Schluss haben wir uns noch auf eine Frage einzulassen, die wir Christen selbst produziert haben. Wir stehen auf den Schultern einer vielfältigen, konfliktreichen, in Denken und Vorstellung sehr kreativen Geschichte. Davon haben wir vieles vergessen; an anderes haben wir uns geklammert, vielleicht nur deshalb, weil es in früheren Zeiten eine wichtige und erfolgreiche Rolle gespielt hat. Hinzu kommt, dass die verschiedenen Kirchen – als Grund und zur späteren Rechtfertigung ihrer Trennung – verschiedene Grundlagen (oft „Bekenntnis“ genannt) ausgearbeitet haben, die jetzt gegeneinander stehen. Das 2. Vatikanische Konzil hat, wie schon gesagt, zur Verarbeitung dieses Problems einen Vorstoß unternommen, indem es von einer „Hierarchie der Wahrheiten“ gesprochen hat. Die Intention dieser Metapher ist unmittelbar einsichtig. Im Gebäude einer Wahrheit gibt es Wichtig und Nebensächliches. Wer sich auf Entscheidendes konzentrieren und das Wichtige verstehen will, muss sich um die Architektur des Gebäudes kümmern. Da sind vielleicht zentrale Pfeiler sind tragende Wände, die bei Lasten standhalten. Da sind durch die zahllosen Klinker vielleicht massive Balken gezogen, die bei einem Erdbeben den Einsturz verhindern. Natürlich bietet der Hierarchiegedanke – von seiner feudalen Gestimmtheit einmal abgesehen – keine umfassende Lösung, denn bei der aufkommenden Diskussion wurde bald danach gefragt, ob denn weniger Wichtiges nicht mehr wahr sei, wenn es von niedriger Rangordnung sei.

3.2 Beispiel Luthers: Schrift – Christus – Gnade (Rechtfertigung)

Aber die Frucht dieses Vorstoßes war eine intensive Diskussion um Konzentration und inneren Zusammenhang dessen, das wir – in objektivierender Redeweise – christlichen Glauben nennen. Dies was ja auch das Motiv der Diskussionen um Kurzformeln und neue Bekenntnisse. Von evangelischer Seite wurde schnell auf die drei klassischen Zentralbegriffe verwiesen, mit denen eine spätere Generation das Erbe Luthers zusammengefasst hat: allein die Schrift, allein Christus, allein die Gnade. Katholische Theologie hätte gut daran getan, sich damit intensiver auseinander zu setzen. Doch hat sich einiges geändert:

Allein die Schrift:
Seit den 1960er Jahren wurde in Gemeinden und in engagierten Gruppen (nördlich der Alpen, aber auch in Lateinamerika) das Bewusstsein für die Bedeutung der Schrift (zugleich auch das Bewusstsein um unsere jüdischen Wurzeln) enorm gestärkt. Zugleich haben wir gelernt, mit den inneren Spannungen und auseinander triftenden Tendenzen der Schrift umzugehen. Darauf gehe ich hier nicht näher ein.

Allein Christus:
Das Bewusstsein dafür, dass – wenn es um das unterscheidend Christliche geht – Jesus Christus in der Mitte steht, in der Mitte zu stehen hat, ist auch in katholischen Kreisen akzeptiert. Zwar gibt es dagegen noch faktischen Widerstand (die Trdition eines späteren Amtsverständnisses wird noch viel zu hoch angesetzt), aber formell wagt man den Vorrang der Sache Jesu Christi zu bestreiten.

Allein Gnade:
Hinter dieser Vorstellung steht die Rechtfertigungslehre. In Konfliktsituationen – von Paulus über Augustinus, Luther, bis hin zu K. Barth – weist sie daraufhin, dass im Blick auf Gottes Vergebung und Güte, menschliche Leistungen verblassen, nicht als Hindernisse ins Spiel kommen können. Inzwischen wurde zwischen Rom und dem Lutherischen Weltbund zur Rechtfertigungsfrage eine einvernehmliche Gemeinsame Erklärung verabschiedet (Augsburg 1999). Ob man daraus die nötigen Konsequenzen gezogen hat, ist eine andere Frage. Unbestreitbar ist nun folgendes: Zwar formuliert diese Rechtfertigungslehre einen zentralen und unverzichtbaren Aspekt des christlichen Glaubens, aber dieser Aspekt lässt sich nur in Konfliktsituationen formulieren lässt. So kennen wir sie bei Paulus als Kritik am Jakobinisch-jerusalemischen Fundamentalismus, der sich gegen die Inkulturation des Christentums in den hellenischen Kulturraum sträubte. Wir kennen sie bei Augustinus als Kritik am pelagianischen Leistungsdenken, bei Luther als Kritik an der Fiskalisierung der römisch-katholischen Vergebungspraxis. Wie ich nun vermute, erhält die Rechtfertigungslehre im Blick auf eine säkularisierte Gesellschaft und Weltanschauung eine neue Gestalt, die erst noch auszuformulieren ist.

2.3 Blick auf andere Religionen: Gott – Mensch – Ethos

Das Credo hat schon immer den Eindruck erweckt, dass der christliche Glaube eine höchst pezifische, mit anderen Glaubensformen und Religionen kaum vergleichbare, wenn nicht gar den einzig wahren Glauben darstellt. Dieser Eindruck entsteht durch die große Lücke des Credos: Über das Leben, das Handeln, den Umgan mit anderen Menschen und das Ethos des Menschen Jeus wird nichts gesagt. Dieser Blick würde die für tiefe interreligiöse Gemeinsamkeiten öffnen, wie sie im Projekt Weltethos herausgearbeitet wurde: Jesu Respekt vor dem Menschenleben, seine Ablehnung von Gewalt, sein prophetischer Eifer für Gerechtigkeit, sein Abscheu vor Unwahrhaftigkeit und Lüge, seine Hochachtung vor mitmenschlicher Treue und seine Solidarität bis hin zur Feindesliebe. Alle verbindet das Christenum nicht nur mit dem Judentum, sondern imt allen Weltreligionen.

2.4 Was ist zentral?

Kehren wir nach diesem Exkurs zur Frage zurück, deren Beantwortung ansteht. Was sind die (für den christlichen Glauben) zentralen Elemente im Apostolischen Glaubensbekenntnis? Zur Beantwortung der Frage rufe ich die besprochenen Kriterien in Erinnerung.

  • Ich nenne (im Blick auf das Kriterium der Ursprungsnähe die frühesten Elemente, die wir in der Taufformel zusammengefasst sehen. Wir glauben an den Einen Gott, sehen in Jesus von Nazaret (wie er in den Evangelien in Wort kommt) dessen auserwählten Sohn und vertrauen in der Gemeinschaft gegenwärtiger Nachfolge voll auf den vergebenen Beistand des Geistes, der uns in der Taufe zugesagt ist. Von dieser dreifachen göttlichen Zusage getragen hoffen wir, dass unser Leben und das Leben der Menschheit nicht im Sinnlosen enden.
  • Ich schlage (im Blick auf das Kriterium der Schriftgemäßheit) vor, dass wir alle Aussagen des Credos so verstehen, auslegen, gegebenenfalls weiterentwickeln, wie es die Zeugnisse der Schrift (auch dies nach der Maßgabe der Ursprünglichkeit) vorgeben. Das Credo ist also von der Schrift her und auf die Schrift hin zu lesen.
  • Im Blick auf das Kriterium der religiösen Qualität schlage ich vor, dass für uns und unsere Zeitgenossen diejenigen Aussagen als zentral gelten, die für unsere wichtigen religiösen Fragestellungen eine zentrale Bedeutung haben. Teile dieser umfassenden Aufgabenstellung sind schon intensiv in Angriff genommen. Ich denke an die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften (s. Fragen von Himmelfahrt, „Höllen“-fahrt und Auferstehung) und der Anthropologie (s. Problem der Jungfrauengeburt). Ich bin mir dessen bewusst, dass die Aufgabe damit nicht erschöpft ist.

Vor diesem Hintergrund spielt, wenn ich richtig sehe, die Frage nach zentralen und peripheren Aussagen im Apostolischen Glaubensbekenntnis kaum eine Rolle. Im Großen Credo ist sie – nach dem Maßstab der Ursprungsnähe – leicht zu lösen. Im Gegenteil, das Apostolische Glaubensbekenntnis ist ein ausgezeichneter Weg, um die übrige Entwicklung der westlich christlichen Glaubenssysteme und Glaubenstheorien auf seine zentralen Elemente und Motive hin anzusprechen. Spätere Dogmen zur kirchlichen Amtsstruktur, zur Mariologie, zu Ablass-, zu Himmels- und Höllenfragen haben darin keinen Raum.

Schluss:
Den Glauben erzählen – oder von der Freiheit der Kinder Gottes

3.1 Den christlichen Glauben erzählen

Zum Schluss, so kündigte ich an, gehe ich auf die Erzählstruktur der christlichen Botschaft ein. Damit möchte ich einem möglichen Missverständnis begegnen, das der Klärung bedarf. Von Anfang an wurde die Geschichte Jesu erzählt; die Erinnerung an ihn geriet zum explosiven Stoff, der die junge Christenheit schließlich zum Auszug aus dem jüdischen Vaterhaus zwang. Zur Erinnerung kamen – wie sollte es anders sein – andere Texte, Überlegungen, wenn Sie so wollen: Theoriebildungen. Sie sind uns in den Briefen des Paulus und in anderen Briefen überliefert. Man kann diese Briefe in weitem Umfang „Gelegenheitsliteratur“ nennen. Paulus und die anderen Autoren haben reagiert und interveniert, gemahnt und gewarnt, bisweilen massiv eingegriffen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich – bei stetem Wachstum und bei wachsender Institutionalisierung der christlichen Gemeinden – bald das Bedürfnis nach allgemeinen Regeln einstellte, mit deren Hilfe man die Fülle der Erinnerungen, schriftlichen Dokumente und stets hinzukommenden Überlieferungen einordnen und regulieren sollte. Die Alte Kirche sprach von der „regula fidei“, der „Glaubensregel“. Hinzu kam das Bedürfnis einer eindeutigen Identifizierung. In knappen Test wollte und musste man sagen können, wofür ich stehe und wofür die Gemeinde steht, die sich mit hohem Autoritätsanspruch christlich nennt.

Aus diesen Gründen sind Glaubensbekenntnisse unverzichtbar. Sie haben eine regulierende und identifizierende Funktion, machen so auch Gemeinschaft möglich. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass solche Regeln von dem leben, was sie zu „regeln“ haben. Das sind eine vitale Gemeinschaft und ein vielfältige Erinnerung. Streng genommen gibt ein Credo also keine Antwort auf die Frage: ‚Was ist die christliche Botschaft?’. Sie antwortet auf die Frage: wie genau sollen und können wir die Hl. Schrift, insbesondere die Erinnerung an Jesus von Nazareth samt ihren Auslegungen verstehen? Wer sich also auf das Credo fixiert und seine/ihre Identität allein von dorther finden will, wird zum Opfer einer schleichenden Blickverengung. ein Credo hat seinen Sinn in der Interaktion mit der lebendigen, immer neu zu erzählenden Erinnerung an Jesus von Nazaret.

3.2 Als Nachfolge vollziehen

Dem füge ich einen zweiten letzten Gedanken hinzu. Währen des Referats habe ich einmal darauf hingewiesen, dass die Rede von der Kirche auf einer anderen Ebene wirkt als das Bekenntnis zu Vater, Sohn und Geist, denn – so mein Argument – was von der Kirche gesagt wird, wird ja in der Taufe vollzogen. Weil das Credo auch die eigene Kirche mit einbezieht, kann sie sich selbst nie ganz einholen, die aktuellen Probleme also nie erschöpfend beantworten. Später habe ich darauf hingewiesen, dass die Rechtfertigungslehre – als Hinweis auf Gottes zuvorkommende, immer wirksame Güte – für unsere Gegenwart noch nicht formuliert ist. Diese Kritik hat aber eine sehr wichtige, durchaus positive Kehrseite. Angesichts immer neuer Fragen, angesichts kultureller Umbrüche und angesichts dessen, dass wir unsere Legenswahrheit nie voll einholen können, ist auch uns – ganz wie zu Paulus’ Zeiten den Galatern – die volle Freiheit der Kinder Gottes (Gal 5,1) gegeben. Man wird den Glauben nie so formulieren können, dass er Verengungen, Buchstabengläubigkeit, Rechthaberei oder institutionelle Arroganz ausschließt. Aber im Bewusstsein der grenzenlosen Menschenfreundlichkeit Gottes dürfen und sollen wir auch diese Glaubensregel immer wieder im Blick auf die Gegenwart als eine Regel auslegen, die Freiheit, Sinn und Vertrauen schafft. Das Credo kann helfen bis zu dem Augenblick, das es selbst einzuengen droht. Dann ist der Augenblick gekommen, um wieder die Evangelien zu Hand zu nehmen. Dort nämlich lässt sich vom heil lesen, das auch mit dem Credo angesagt und zugesprochen werden soll.

3.3 Als Befreiung erfahren

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Bleibt also fest!
Lasst euch nicht von neuem unterjochen“

Diesem Appell des Apopstel Paulus möchte ich nichts mehr hinzufügen.

3.4 Mein eigenes Bekenntnis

Das Credo ist das zentrale Bekenntnis, das uns alle verbindet. Bekennen ist aber immer auch eine kreative, eine persönliche, eine sehr existentielle Angelegenheit. PUBLIK-FORUM habt vor einigen Jahren ein „Credo-Projekt“ gestartet. Leserinnen und Leer waren aufgefordert, ihr eigene Credo zu schreiben und einzusenden. Der Erfolg war überwältigend.

Vorschlag für ein neues Credo

Ich glaube an Gott.
Er ist wie Vater und Mutter.
Er ist Anfang von allem
und Freund des Lebens.

Ich glaube an Jesus, den Christus.
Er ist das Kind jüdischer Eltern,
ein Geschenk für die ganze Welt.
In Wort und Tat hat er Zeugnis gegeben
von der Liebe Gottes
zu seinem Volk und zu allen Menschen.

Pontius Pilatus hat ihn zum Tode verurteilt
und kreuzigen lassen.
Doch Gott hat ihn vom Tode erweckt.
Das bezeugen seine Freunde.

Ich glaube an Gottes lebenschaffenden Geist.
Ich bekenne mich zu der einen christlichen Kirche,
geeint in Wort und Sakrament.

Ich erwarte die Auferweckung der Toten
zu einer versöhnten Gemeinschaft aller in Gott.
Amen.
(Norbert Scholl)

 

(Vortrag vom 16.03.2006)