Wirklich befreit?

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Über die Selbstzensur der Theologie

Vor einiger Zeit haben mich zwei Texte intensiv beschäftigt; der erste machte mich wütend, der zweite sehr nachdenklich.

Zwei Dokumente

Der erste Text gibt eine Ansprache wieder, die Benedikt XVI. am 1. Dezember 2009 vor den Mitgliedern der internationalen Theologenkommission hielt. Wie immer befleißigt sich der Papst darin eines freundlichen und spirituell untermauerten Stils. Er spricht von den hohen Aufgaben der Theologie und vom Sinn für das göttliche Geheimnis, ohne das ein Theologe die Schrift und den Glauben nicht verstehen kann. Wer wollte ihm da widersprechen? Er zitiert auch das Jesuswort, das ich so liebe und auch als Theologe immer zum Maß genommen habe: „Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil Du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es Dir gefallen.“ (Mt 11,25). Ich finde es richtig, dass wir Männer und Frauen der Theologie uns immer wieder an dieses Paradox erinnern. Wer über das „Geheimnis der Welt“ (Jüngel) spricht, kann das nicht ohne Demut und Hingabe tun.

Aber was tut der Papst? Er missbraucht diesen kostbaren Gedanken, um undifferenziert über die Theologen von zwei Jahrhunderten den Stab zu brechen. Vielen von ihnen sei der Sinn für das Geheimnis abhanden gekommen. Deshalb hätten sie „in großer Dummheit“ (in grande stoltezza) nichts von der Wahrheit verstanden und ihr Fischernetz sei für die Größe des Göttlichen zu klein. Wie immer nennt er keine Namen, fügt aber drohend hinzu, dass er Namen nennen könne. Warum aber nennt er sie nicht? Dann könnten sich die Betroffenen oder deren Verteidiger zu dieser Kritik äußern oder zu ihren Fehlern Stellung nehmen. Mit Verlaub, diesen Argumentationsstil der anonymen Verurteilung, der bei J. Ratzinger nicht neu ist, finde ich eines Papstes unwürdig, denn er stellt zahllose engagierte, z.T. hochverdiente Christinnen und Christen unter Generalverdacht. Das kann keine päpstliche Aufgabe sein, denn der Bischof von Rom steht in der Tradition eines Mannes, der sich mehr als einmal in peinlicher Weise geirrt hat. Genau dies ist der entscheidende Punkt. Sich selbst nimmt der universale Hirte aller Katholiken wieder einmal von seiner Kritik aus. Lieber haut er mit seinen Schwertstreichen anderen das Ohr ab, verschließt ihnen den Mund. Gehört es nicht zur allgemeinen religiösen Rede und Spiritualität, dass man bei allem, was man sagt, sich selbst einschließt? Ist Benedikt XVI. vielleicht nur der Falschfahrer, der meint, alle anderen führen in die falsche Richtung? Sollte er nicht einmal darüber nachdenken, dass so viele engagierte Frauen und Männer in wichtigen Fragen anderer Meinung sind?

Schon lange schafft diese hochfahrende Lehrattitüde in der Kirche eine Atmosphäre des Misstrauens und deshalb ist es endlich an der Zeit, Gegenfragen zu stellen: Was hat der kluge Theologe Joseph Ratzinger, was hat der zensierende Glaubenspräfekt, was hat der so inquisitorisch auftretende Papst vom Geheimnis Christi wirklich verstanden? Vielleicht hat er gerade den Zipfel des Schleiers noch nicht gelüftet, hinter dem viele andere Gottes Wahrheit schon neu entdeckt haben. Ich weiß es nicht, aber ich möchte offen, selbstkritisch und kritisch darüber reden. Die exegetische und theologische Kritik an seinem Jesusbuch war jedenfalls nicht gering. Darauf ging er bislang noch nicht ein, obwohl er um diese Kritik gebeten hat. Es gibt allerdings Hinweise dafür, dass er mit Kritik nur schwer umgehen kann. Auf die berechtigte Empörung zur Versöhnung mit dem Antisemiten und Pseudobischof Williams reagierte er jedenfalls beleidigt, mit „sprungbereiter Aggressivität“ hätten seine Kritiker nur auf diesen Tag gewartet. Welch desaströses Fehlurteil angesichts der wirklichen Situation!

Allerdings pflegt Benedikt XVI. nicht als erster diesen Stil. Mit wenigen Unterbrechungen gehört es seit Pius IX. zum guten römischen Ton, dass katholische Theologen zensiert, kujoniert und abgesetzt werden; uns fällt es schon gar nicht mehr auf. Absolutismus und besserwisserische Monologe haben den Geist des Dialogs schon lange verdorben. Inspirierende Figuren wie Kardinal Alfrink und Bischof W. Bekkers, aber auch der Märtyrer O. Romero werden aus dem offiziellen Gedächtnis verdrängt. Unwidersprochen hat man Johannes XXIII. schon 1963 bei seinem Tod einen Narr genannt und kein Geringerer als Y. Congar hat in seinem Tagebuch die Zensurbehörde seiner Zeit mit der Gestapo verglichen. Das alles zu sagen ist schmerzlich, aber es lässt sich nicht länger verschweigen. Der selbstlosen Arbeit der Befreiungstheologen und ihrer Anhänger fiel J. Ratzinger schon in den 1980er Jahren in den Rücken. Vor wenigen Tagen hat der Papst diese alte Kritik wiederholt. Von Selbstkritik findet sich in Rom keine Spur.

Wer hat Selbstkritik zu üben?

Der zweite Text, auf den ich reagieren möchte, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Schon lange drängt sich die Frage auf, wer denn in der niederländischen und in der deutschsprachigen katholischen Kirche die Fackel der Erneuerung übernimmt. Warum fehlt eine ganze Generation solcher, die nach wie vor für die Reform der Kirche kämpfen? Désanne van Brederode redete den kritisch katholischen Mitgliedern der Mariënburg-Vereniging am 19. November 2009 ins Gewissen. Im Sinne von Kierkegaard unterschied sie den ethischen und den religiösen Typ. Dabei bin ich mit ihrem Lobpreis eines paradoxen Glaubens nicht einverstanden. Aber ihre Ermahnung, endlich den „Sprung“ des Glaubens zu anderen Ufern zu vollziehen, nehme ich ebenso ernst wie die Wahrnehmung der kritischen Katholiken. Denn sie, die Tochter eines „mit viel Schmerz und Mühsal ausgetretenen“ Ordensmannes, musste leidend mit ansehen, dass ihre Eltern diesen Karrierebruch nie wirklich verarbeiteten. Jetzt hat sie die Nase voll vom hilflosen nachkonziliaren Gejammer. Sie fragt sich, warum die Traumatisierten in ihren Schmerz so verliebt sind. Warum lassen sie sich nicht endlich ihren Zahn ziehen und warum treffen sie keine positive Entscheidung? Wo bleibt der Befreiungsschlag, der ihnen endlich einen eigenen, konstruktiven und kreativen Weg für eine neue Zukunft öffnet? Recht hat sie. Eine Kritik, die nur sich selbst bestätigt und die uns nur des katholischen Elends versichert, hilft uns nicht weiter. Deshalb mahnt sie bei den Kritikern Selbstkritik an.

Aber die Generation der so Betroffenen tritt allmählich ab. Wer folgt ihnen in den theologischen Institutionen nach? Trifft die Kritik von Frau van Brederode auch auf die Progressiven unter den nachfolgenden Generationen zu? Gewiss, sie reagieren anders. Sie tragen kein nachkonziliares Trauma mehr mit sich herum und zum 2. Vatikanischen Konzil haben sie ein nüchternes Verhältnis. Aber ich fürchte, dass auch viele von ihnen unter Resignation und unter tiefen Ängsten leiden. Über die Gründe dafür mag man spekulieren. Doch sehe ich den großen Unterschied zwischen dem, was man bei auf den Gängen oder bei Kaffeepausen redet und dem, was – schriftlich oder mündlich, in niederländischer oder geschliffener englischer Sprache – offiziell dargelegt wird. Was habe ich gerade in den vergangenen Monaten nicht alles gehört über die päpstliche Kirchenpolitik im allgemeinen und über die beschämende Fakultätspolitik in den Niederlanden, über die Versöhnungspolitik mit antisemitischen Piusbrüdern und über die Reorganisation der Bistümer nach Maßgabe der verfügbaren Priester, über die Anwerbung von Anglikanern und über den Umgang mit unbotmäßigen Frauen. Wie viele Kolleginnen und Kollegen wurden bei der Neuordnung der theologischen Institute in den Niederlanden gedemütigt und welche Ungeheuerlichkeit bedeutet es, ein lange gewachsenes System einfach zerstören zu wollen? Aber es gibt auch Gegenfragen: Wer hat dagegen Initiativen ergriffen, wenigstens zu verstehen gegeben, was davon zu halten ist? Wie viele von uns haben die mutige Intervention unserer Dominikanischen Mitbrüder zu „kerk en ambt“ unterstützt und wie viele haben öffentlich auf die beschämende Art geantwortet, mit denen diese Initiative niedergeschlagen wurde? Wie viele werden die implizite Beschimpfung von 200 Jahren Theologie zurückweisen, weil ihre Lehrerinnen und Lehrer, vielleicht sie selbst davon betroffen sind? Für viele von uns ist Selbstzensur zu unserer zweiten Haut geworden.

Begründete Kritik

Ich darf und ich will nicht ungerecht sein. Ein ausgewogenes Urteil muss berücksichtigen, dass die Theologie – Gott sei Dank – auch andere Themen kennt und sich in den vergangenen Jahren neue wichtige Themen erarbeitet hat. Ich denke an die Frauenstudien und Fragen der Interreligiosität, das neue Interesse an Spiritualität und viele Initiativen zu einer erneuerten Gemeindearbeit. Ich weiß auch dies: Wir dürfen uns nicht immer wieder auf die alten Fragen nach Sexualmoral, Amt und kirchlichen Strukturen fixieren; schließlich können wir unserem eigenen Gewissen folgen. Dennoch drohen wir in Fragen der Kirchenstruktur zu Unwissenden zu werden. Die alte Amtstheologie ist uns zu langweilig geworden, also vergessen wir sie. Das hat aber auch negative Folgen. Wir reagieren nur noch kurzatmig, empören uns nur noch im Namen des gesunden Menschenverstandes oder der Menschenrechte, der fortscheitenden Globalisierung und einer verfallenden Moderne. Wir machen uns lieber bei französischen Philosophen und bei indischen Weisheitslehrern als in der eigenen Tradition kundig. Das hat nicht nur mit kreativer Neugier, sondern auch mit Flucht und Resignation zu tun.

Genau das gereicht uns zum Nachteil, denn Rom lässt sich von einem indischen Guru ebenso wenig beeindrucken wie vom letzten Propheten der Zeitenwende. Man muss ihnen mit ihrer eigenen Theologie kommen und ihnen zeigen, dass sie gegen Sinn und Buchstaben der Schrift, gegen die großen Traditionen des Christentums handeln, dass sie die Ökumene unterlaufen, obwohl sie es besser wissen müssten. Man muss Benedikt XVI. zeigen, dass sein Philohellenismus viel mit seiner bayrischen Heimat und kleinbürgerlichen Nostalgie, wenig aber mit den Visionen Jesu von Nazareth zu tun hat. Man muss ihm zeigen, wie widersprüchlich sein Programm einer „kanonischen Exegese“ ist, weil sie die hoch differenten Aussagen biblischer Einzeldokumente durch eine Mühle dreht, die nur noch vorgefasste Meinungen produziert. Man muss (erneut, denn das alles war schon einmal bekannt) die Schlüsselepochen analysieren, an denen die Kirchenführer ihre Macht gegenüber der Vielfalt des Geistes bevorzugten. Man muss – in genauem Studium von Ratzingers Schriften – zeigen, wie wenig ihn die Moderne, Gleichberechtigung und Demokratie interessieren, dass er sie nicht einmal verstanden hat. Man muss das laut und öffentlich zeigen.

Man muss sich schließlich dazu entschließen (und dies mit theologischen Gründen propagieren), dass auch Katholikinnen und Katholiken bereit sind, „Gott mehr zu gehorchen als den Menschen“. Das Dokument zu „kerk en amt“ hat an einem Punkt damit Ernst gemacht. Vor kurzem kündigte ein österreichischer Theologe einen „kontrollierten Ungehorsam“ an. Der Schwarze Peter für den Zustand, den wir Priestermangel nennen und der damit verbundene Zusammenbruch der klassischen Pastoral sind ausschließlich von den Bischöfen und ihrem obersten Hirten verursacht. Das Recht der gewachsenen Gemeinde vor Ort (und seien es nur 15 Personen) auf die wöchentliche Feier der Eucharistie bricht alle vermeintlichen Gebote. Nur wenn die Theologen unter uns den Reflexionsstand auf der nötigen Höhe halten, können wir solche kritischen Situationen so ausbalancieren, dass wir nicht in andere Straßengräben fallen. Das Recht auf die Eucharistie besagt noch lange nicht, dass wir sie aus eigener Kraft zustande bringen. Aber es besagt, dass uns die Erinnerung an Tod und Auferstehung Christi niemand verbieten kann.

Was also tun? Ich plädiere für Offenheit und Freiheit zur Kritik. Ich plädiere dafür, dass wir unsere Kritik nach innen mit den Waffen der Theologie ausfechten. Und ich plädiere dafür, dass wir – als Theologinnen und Theologen – dem Druck der Konfliktvermeidung nicht nachgeben. Jeder Außenstehende und jede Glaubensgenossin hat das Recht zu wissen, wo genau wir stehen. Es kann nicht sein, dass wir ungewollt zu den Stützen eines Regimes werden, das sich der christlichen Botschaft im Grunde nicht mehr stellt. Wahrscheinlich entspreche ich mit solchen Gedanken nicht den Erwartungen von Désanne van Brederode, die sich einer kleinen Gemeinde von Christen zugewandt hat, obwohl das ihr volles Recht ist. Aber wir sollten mit ihr dafür sorgen, dass unsere Kinder und Enkel uns nicht als bemitleidenswerte Opfer eines religiösen Systems erfahren, gegen das wir uns mental nicht mehr zu wehren wissen. Wir sollten dafür sorgen, dass wir glaubwürdig bekennen, Christus habe uns frei gemacht. Katholische Theologen haben nicht nur wissenschaftliche Forschung voranzutreiben. Es ist ihre Aufgabe, Situation und Zukunft ihrer Kirche offensiv zu reflektieren, und sei es dadurch, dass man dem Kephas mit guten Gründen und offen widersteht. Je mehr wir dies mit Argumenten tun, die öffentlich überzeugen, umso schneller wachsen die Chancen zu einer Reform, die vermutlich nur von unten beginnen kann.

(Pipeline, 17-09-2010, 52-57)