Vom Mühlstein um den Hals

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche

Wer einem Kind Böses antut, ist mit einem Mühlstein um den Hals im Meer zu versenken (Mt 18,6). In diesem Jesuswort verbirgt sich höchste Dramatik um Leben und Tod. Gilt es noch oder sollen wir es als apokalyptische Übertreibung relativieren? Immerhin, viele Missbrauchserfahrungen enden im Suizid. Warum also nicht diejenigen mit dem Tod konfrontieren, die solchen Tod in Kauf nehmen?Dennoch zögern wir: Meint Matthäus wirklich, einem Kinderschänder oder Kinderquäler stehe ein Tod in den Wassern ohne Wiederkehr zu? Die Frage führt zu einem Netz von Überlegungen. Gehen wir ihnen nach.

Biblische Texte nehmen immer Partei für das Schicksal von Kindern und Schutzbefohlenen. Mütter freuen sich über das Wunder der Geburt oder trauern über den Tod ihrer Kleinen. Die Pharaonentochter rettet das Kind Moses aus dem Nil. Dem todgeweihten Isaak spricht Jahwe neues Leben zu; Kinderopfer sind ein für allemal tabu. Beschützt ist der kindliche Träumer Josef und Abrahams Kind Ismael bewahrt Jahwes Engel vor dem Tod in der Wüste. Vergessen wir nicht das Kind Marias und Josefs, das vor dem Herodes beschützt wird und später den Ehrentitel „Kind Gottes“ (Apg 3,13) erhält. Gewiss, die Bibel kennt auch grausame Kindergeschichten, aber sie führen zu Klage und Protest: Rahel weint um ihre Kinder (Mt 2,18) und die Klagelieder schreien darob zum Himmel.

Das gilt auch für die Jesusberichte bei Matthäus: Jesus segnet die Kinder, weil ihnen das Himmelreich gehört (19,15). Er stellt die Kleinen dem Ehrgeiz der Jünger gegenüber (18,4) und spricht ihnen einen Engel vor Gottes Antlitz zu (18,10). Den Unmündigen, nicht den Klugen offenbart Gott alle Weisheit (11,25). Nichts Neues, mag man denken. Oft genug wurden diese Geschichten romantisch verkitscht. Dazu gehören das „lasset die Kindlein zu mir kommen“ (19,14), aber auch die verschlissene Vorstellung vom „holden Knaben in lockigem Haar“. Auch Päpste und Diktatoren pflegen Kinder zu segnen. Was soll daran besonders sein?

Die Kinderworte von Mt 18 sind aus anderem Holz geschnitzt, denn sie formulieren ein durchdachtes kirchenkritisches Programm. Sie sprechen ja nicht episodisch von Kindern wie an anderer Stelle von Jüngern, Frauen oder Pharisäern. Diese Geschichten setzen sich mit dem Gemeindeleben auseinander und geben polemische Hintergründe zu erkennen.

Man lese
* die Verse 1-5: Wer ist im Gottesreich der Größte? Die Jünger kümmern sich jetzt schon um die Abstufungen von Violett, Purpur und Zinnoberrot. So wird ihnen das einfache Kind zum Vorwurf. Bis heute weicht man ihm ebenso aus wie dem: „Lasst euch nicht Vater nennen!“ (Mt 23,9).
* die Verse 6-11: Warum verstellen die Wissenden den unbefangen Fragenden die Wege zu Gott, versagen den Suchenden eine elementare Orientierung? Das kommt einem todeswürdigen Verbrechen gleich, das kompromisslos zu ächten ist.
* die Verse 12-14: Wer kümmert sich um die Unscheinbaren, die man achtlos weglaufen lässt. Weitere Ermahnungen gehören dazu: In der Gemeinde sollen eine offene Kommunikation, Partizipation in den Beschlüssen, Vergebung und grenzenlose Barmherzigkeit zu Hause sein.

Vorrang des Gottesreichs

In diese Kirchenkritik ist der Maßstab der Kinder dreifach verwoben: Wie in allen Bedürftigen, so ist Jesus in jedem Kind präsent: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“ (18,5). Kinder stehen unter Jesu besonderem Schutz: „…und er legte ihnen die Hände auf“ (19,15). Deshalb darf keines von ihnen verloren gehen: „Ihre Engel im Himmel sehen das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (18,10). Jesus bezieht also eindeutig Position.

Wie gehen wir damit um? Das Wort vom Mühlstein zeigt: Hier ist mehr als eine rigorose Moral im Spiel. Reine Moral nützt ja auch in der gegenwärtigen Krise nichts, denn das Gesetz der Nachahmung wirkt auch in der Kirche mit ihrem geschlossenen Corpsgeist. Warum schauten die Verantwortlichen weg und ließen die Opfer im Regen stehen? Warum werden Demütigungen defensiv und erst nach langem Schweigens anerkannt? Verharmlosungen lassen sich finden und wer den Kern nicht versteht, wird auch weiterhin von der Vielfalt der Motive und Konstellationen verwirrt. Geht es um sexuellen Missbrauch oder körperliche Gewalt, um mangelnde Pädagogendistanz oder die Machtphantasie von psychisch Kranken? Zahllose vorbildliche Seelsorger sind heute verunsichert, obwohl sie über jeden Verdacht erhaben sind.

Wer dagegen Matthäus 18 in Ruhe liest, spürt schnell die Kernbotschaft dieses Kapitels: Es kämpft mit allgegenwärtigen Gefahren und Konstellationen, die dem Gemeindeleben seine Transparenz nehmen und die Jesusnachfolge im Kern verletzen. Der Kampf gilt dem Spiel der Überlegenheit und der Versuchung, Gott selbst zu spielen. Er gilt der unausrottbaren Neigung, Wohlverhalten zu diktieren, Respekt und Kommunikation einzugrenzen. „Hört er auf die Zeugen nicht, dann sage es der Gemeinde.“ (18,17). Damit unverträglich und kirchenschädlich sind die aktuellen Regeln perfekter Geheimhaltung und absolutistischer Entscheidungsmonopole.

Aber der Ernst dieser Regelungen geht noch weiter. Verdrängt wird eine wichtige Tatsache: Matthäus ordnet die Bedeutung des Kindes dem Reich Gottes und nicht der Kirche zu. Schon lange hätten wir auf diese Unterscheidung achten müssen. „Jesus verkündete das Reich Gottes und gekommen ist die Kirche.“ (A. Loisy, 1902). Das ist kein ironisches Bonmot, sondern eine ernste Verstehensanleitung. Denn der Begriff vom Gottesreich bildet das zentrale Motiv der jesuanischen Botschaft. Er hat prophetische Sprengkraft, entlarvt die Widersprüche des (jüdischen und christlichen) Volkes, der Treue zur Thora (und den kirchlichen Geboten) sowie aller (jüdischen, christlichen und irdischen) Geschichte: Diese Welt und ihre Religionen stoßen an Grenzen, die sich nur durch den Blick auf ein Jenseits, ein Weltende und einen absoluten Neubeginn überwinden lassen. Die Erwartung des Reiches gibt der Bergpredigt ebenso ihre Plausibilität wie der jesuanischen Überzeugung, dass es in Gott weder Zorn noch Rache gibt. Wer sich dem ersten Ursprung und dem letzten Ziel der Wirklichkeit stellt, spürt die Paradoxie eines jeden Versuchs, Gottes Heil in weltliche Institutionen zu fassen, auch wenn sie sich Bund, Thora oder Kirche nennen. Auch die Kirche untersteht dieser grundsätzlichen Kritik.

Kinder als Maß des Reichs

Matthäus ist also konsequent. Er kritisiert Gemeindezustände nicht im Namen der Thora oder der Kirche, sondern im Namen des Gottesreichs. Neben den Armen sieht er das Maß dieses Reichs in den unwissenden und unmündigen, den ungezähmten, noch nicht eingeordneten, noch vor-sozialisierten Kindern. Sie sind noch keine Mitglieder einer Synagoge oder christlichen Gemeinde, noch verführbar und von Anderen völlig abhängig, für gesellschaftliche, politische oder innerkirchliche Optionen noch nicht vereinnahmt, mit ihrem Blick für das Neue und Ungewohnte aber auch unberechenbar und von einer naturgegebenen Aufrichtigkeit, Zeugen eben von Gottes unmittelbarer Schöpfung. Ihr Schreien und ihre Angst, ihre Abwehr und – je älter sie werden – naturwüchsige Kritik werden zum Maß von Güte und Menschlichkeit. Ihr Antlitz wird für die Erwachsenen und Klugen, für die Propheten und Priester zu einer Anfrage, aus der Gottes Wille unmittelbar spricht. Wenn eine Menschengruppe Respekt verdient, dann sind es die Kinder.

Die matthäischen Kinderworte leben aus dieser Grundintuition und spiegeln sie in Jesus wider. Für ihn macht sie eine Universalisierung der biblischen Botschaft erst möglich. Keine Kirche also ohne die Suche nach Gottes Reich, sonst wird sie banal oder selbstgerecht. Dass in den Paulusbriefen das Gottesreich zurücktritt, mag noch verständlich sein, denn jetzt wird der Auferstandene zum Reich Gottes in Person. Aber langfristig führt dieser Perspektivenwechsel zu einer bedenklichen Entwicklung. Immer einseitiger präsentiert sich die Kirche als ein Ort, in dem Gottes Reich schon da ist. Jetzt wird immer selbstbezogener über Bekenntnis, Disziplin und dogmatische Lehren gesprochen. Seit Augustins Erbsündenlehre ist es um die Würde der Kinder geschehen. Sie stehen nicht mehr vor Gottes Angesicht, sondern kommen (sofern nicht getauft) in die Vorhölle.

Die komplexe Geschichte von 2000 Jahren ist hier nicht wiederzugeben. Aber unleugbar ist dies: Trotz des reformatorischen Einspruchs maßt sich die katholische Kirche immer mehr die Ansprüche vom vollendeten Gottesreich an. Alle Dimensionen der Heilsbotschaft werden christlich vereinnahmt. Die Ämterpraxis führt zu einer Kompetenzeskalation ungeahnten Ausmaßes. Jetzt handeln die Priester „in der Person Christi“ (angesichts des Gottesreichs grenzt dies an Häresie). Jetzt nennt sich der Papst „Stellvertreter Christi“ (das ist blasphemieverdächtig). Das katholische Lehramt spricht evangelischen Kirchen die kirchliche Würde ab (das kommt einer destruktiven Machtideologie gleich). Das alles hat mit Mt 18 nichts zu tun. Dabei ist dieses Kapitel aktueller denn je: Jetzt nämlich, in einer Epoche dramatischer Säkularisierung, müsste sich die Kirche endlich wieder auf ihre grundlegenden Grenzen besinnen. Es ist das Gesetz, das ihr die Kinder und die Bedürftigen diktieren.

Was folgt aus solchen Überlegungen? Ich behaupte nicht, die beklagten Missbrauchsfälle würden durch ein narzisstisches Kirchenbild verursacht. Aber unbestreitbar wurden sie in einer selbstverliebten Kirche gerne verschwiegen. Wenn sich diese kinderverachtende Egozentrik nicht ändert, schleichen sich nach einer Zeit der Verunsicherung die alten Untugenden wieder ein. Ich behaupte auch nicht, Kinder würden in der katholischen Kirche nicht ernst genommen oder pessimistisch verteufelt. Aber offiziell sind sie immer noch nicht zu normsetzenden Subjekten des gegenwärtigen Gottesreichs geworden, das ein Reich der Freiheit ist. Wir haben sie zu Objekten sakramentaler und seelsorglicher Heilsvermittlung gemacht. Das muss sich ändern.

Ich versteige mich erst recht nicht zur These, unsere Seelsorger hätten die Neigung, Kinder aus diesen Gründen zu Objekten ihrer Lust zu missbrauchen. Nichts wäre infamer als dies. Aber inspiriert von der Reich-Gottes-Idee sollten wir uns alle von der Zwangsvorstellung befreien, das Heil der Kinder hinge von unseren Belehrungen und Fürsorgemaßnahmen ab. Nicht wir Christen sind es, die die säkulare Welt belehren, sondern wir haben von dieser Welt zu lernen, was deren Fragen und Erwartungen sind. Das Geheimnis, das uns – im Sinn des Gottesreichs – zu einer helfenden Kirche macht, lautet nicht Selbstgerechtigkeit, sondern Selbstlosigkeit, nicht Belehrung von oben, sondern Lerngemeinschaft von unten, keine Vertraulichkeit der Insider, sondern eine vorbehaltlose und kooperative Öffentlichkeit, keine Angst um eine vermeintlich übernatürliche Identität, sondern Solidarität mit der „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen“, wie das 2. Vatikanische Konzil sagt.

Deshalb hat Nachfolge Jesu nicht viel mit der selbstverliebten Theologie von gestern zu tun. Endlich sollten unsere Bischöfe in die harte, aber belebende Schule der Kinder gehen. Sie stehen, wie gesagt, nicht im taufbedürftigen Unheil, sondern immer schon vor Gottes Angesicht. Seit Mai 2001 behandelt das Kirchenrecht den Missbrauch von Minderjährigen unter derselben Kategorie wie die Verunehrung der Eucharistie oder des Bußsakraments. Sachlich mag das richtig sein. Verderblich ist diese Straftat aber nicht, weil in ihr das Priestertum geschändet wird (so die weltfremde Argumentation des Papstes). Vielmehr haben nach den Gesetzen des Gottesreichs die Kinder selbst einen sakramentalen Status, der allen hierarchischen Vorrängen und Kirchensakramenten vorangeht. Genau das spüren heute säkulare Menschen. Ihre Empörung entspringt keinem „Geschwätz“, wie der Kardinaldekan an Ostern höhnend erklärte, sondern dem Gespür dafür, dass Kinderschänder das Heiligste zerstören, das uns überhaupt gegeben ist. Vielleicht sollte Kardinal Sodano einmal gut über das Wort vom Mühlstein nachdenken.

(erschienen in: QuerBlick 22, Mai 2010, 22-24)