Weihnachten 2017 – Eine Nachbetrachtung

Es liegt mal wieder hinter uns, das Fest aller Feste. Kinderaugen haben gestrahlt, die Kirchen waren voll, das vertraute Klischee von der seligen Weihnachtszeit zog Jung und Alt in seinen Bann. Keine Frage, auch ich habe mit meinen Angehörigen, unseren Enkeln zumal, schöne Stunden erlebt. Doch mir entgingen auch die gehetzten Mütter und Väter nicht, die sich zuvor durch die Kaufhäuser drängten, auf den Rechnern ihre Bestellungen durchtakteten und nervös auf die letzte Paketsendung warteten. Jetzt werden sie sagen: Wir haben es überstanden. Doch nachdem auf Silvester hin die Bildmedien ihren Kitsch bis in absurde Dimensionen steigern, flüchte ich entnervt vor diesem Terror. Was ist aus diesem Fest geworden, das ich mitten im Krieg, vor vielleicht 75 Jahren, als kleiner Junge zum ersten Mal erlebte? Darüber denke ich hier nach, die aktuellen Inszenierungen kirchlicher Liturgie vor Augen, hochtönende bischöfliche Worte im Ohr, belehrende theologische Texte noch im Sinn. Die klassischen Lieder klingen noch nach.

1. Vertröstung

Dabei kann ich mich einer resignierenden Einsicht nicht verschließen: Wer meint, der Sinn des Weihnachtsfests sei oder bleibe eindeutig und klar, erliegt einer Täuschung. Zu viele wechselnde Erfahrungen flossen über die Jahre hin in diesen jährlichen Gefühlsschub mit ein. Gewiss, jedes Jahr beschwört es Hoffnungen und Versöhnung; sie sind aber illusionär. Vor zwölf Jahren erzählte der beeindruckende Film Merry Christmas, wie es 1914 an der Westfront zwischen den feindlichen Frontsoldaten zu atemberaubenden Versöhnungen kam, doch die elf Millionen Toten des Ersten Weltkriegs ließen sich nicht verhindern. Dunkel erinnere ich mich noch an Weihnachten 1945, als mir meine Mutter erklärte, jetzt gebe es nur noch Frieden. Sie sollte sich bitter täuschen, denn 1947 begann der Kalte Krieg, 1950 der Koreakrieg, 1960 erregte der Vietnamkrieg unsere Gemüter. Im Dezember 1989 wurde erneut eine unzerstörbare Friedensepoche ausgerufen. Stattdessen erlebten wir in Asien, in Afrika und auf dem Balkan neue grausame Stellvertreterkriege und nationale Katastrophen. Im Jahr 2004 nahm uns die Weihnachtsidylle kaum einen Tag in Beschlag, da forderten die tödlichen Tsunami-Wellen des indisch-pazifischen Raums über 220 000 Opfer. Später beschleunigte sich, allen Christfesten zum Trotz, der Rhythmus von selbstgemachten Katastrophen. Wir denken an die schwere Finanzkrise von 2008, den im Chaos endenden arabischen Frühling von 2010, das bedrohliche Spiel des Staatsschuldenmanagements innerhalb der EU, die später geschaffenen Orte des Grauens in Syrien, im Donbass und im Jemen, nicht mitgerechnet das Elend zerfallender afrikanischer Staaten mit aller Flüchtlingsnot, die daraus folgte. Jüngstens kamen in wachsendem Maße ganze Krisenfelder hinzu, eine europäische Verfalls- und politische Untergangsstimmung. Putins neue Macht- und Erdoğans Unterdrückungspolitik, Trumps narzisstische Eskapaden und Nordkoreas Spiel mit dem tödlichen Feuer. Dies alles entlarvt die lyrischen Weihnachtshoffnungen als billige Vertröstung. In vielen christlichen Gemeinden und in säkularen Feiern halten sich diese Vertröstungsmechanismen im Sinne eines sinkend sich verflachenden Kulturguts durch.

2. Verdrängung

Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Schließlich ging es der frühen Kirche um die „Erscheinung des Herrn“, also um eine Zeitenwende, die alle Politik zu verändern beanspruchte. Und schon lange hat man in der biblischen Kindheitsgeschichte politische Dimensionen wiederentdeckt. Sie berichtet von Armut und Ausschluss, Flucht und fürchterlicher Gewalt. Ausgerechnet dieses Kind wird zum Anlass eines brutalen Massenmords von Kindern. Dieser Junge wäre ‑ aus der Perspektive der klagenden Mütter betrachtet ‑ besser nicht geboren worden. Auch seinen eigenen Eltern hat er nur Elend gebracht. In der entscheidenden Nacht finden sie kein Unterkommen, dann fliehen sie nach Ägypten, das schon Jahrhunderte zuvor zum Symbol der Sklaverei geworden war. In diesen Abgrund hinein kommt nicht einfach ein süßes Kind, sondern ein Retter auf die Welt, der den Mächtigen und Gewalttätigen die Stirn bietet. Historisch müssen diese Geschichten nicht sein, umso deutlicher arbeiten diese Fiktionen den sozialpolitischen Kontext und die apokalyptische Hoffnung ihrer Zeit heraus. Wie Nach Jesu Überzeugung bricht Gottes Reich unwiderruflich an, von dieser Vision war sein Handeln durchdrungen: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote werden erweckt und Armen wird eine beglückende Botschaft verkündet. Diese Zukunftsvision wird schon im weihnachtlichen Magnificat Marias formuliert; es erhält einen gesellschaftlich aufrüttelnden, politisch herausfordernden, höchst aktuellen Sinn. Im Visier hat es alle späteren Gewaltherrscher und Gewaltsysteme der Welt, alle Verarmung und das Elend aller Flüchtlingslager. Wo Gottes Reich beginnt, hat das aufzuhören. An dieser revolutionären Botschaft wird auch unsere Vision von Weihnachten zu messen sein:

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.
Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.

Einfach vergessen wurde das nie. Die Befreiungstheologie, von Joseph Ratzinger schärfstens bekämpft, setzt diese Vision seit den 1960er Jahren für die lateinamerikanischen Verhältnisse um. Doch wer heute um diese revolutionäre Weihnachtsbotschaft weiß und auf ihre Umsetzung hofft, ist wohl noch mehr enttäuscht als die anderen, die sich naiv von Vertröstung zu Vertröstung schleppen. Die aktuellen Katastrophen kommen ja nicht einfach von außen. Für den moralischen, sozialen und politischen Niedergang sorgen wir selbst, dies in einer Kultur, die sich seit Jahrhunderten christlich nennt.

Je mehr unsere Globalisierungsprozesse, politisch gewollt und nicht mehr gezähmt, alle „Unterentwickelten“ wie eine Dampfwalze niederdrücken, je mehr sich die westliche Gesellschaft der Besitzenden als ein „soziales Monster“ entpuppt und die Fratze eines gnadenlosen Egoismus enthüllt (F. Schirrmacher), desto mehr ruinieren uns die sozialen Fliehkräfte. Von J. Ziegler („Das Imperium der Schande“) und St. Hessel („Empört euch“) bis zu F. von Schirach („Die Würde ist antastbar“) und H. Prantl („Der Zorn Gottes“, „Die Kraft der Hoffnung“) mehren sich die profanen Stimmen, die eine moralische Wende einfordern. Seit über 20 Jahren arbeitet das Projekt Weltethos in interreligiöser Kooperation an einem weltweit gebotenen Gegenmodell. Dabei sind aktive Gegenstrategien geboten, denn passive Ängste dämmen diese katastrophale Spirale nicht etwa ein, sondern ruinieren unseren Zusammenhalt vollends.

Wir sollten inzwischen gelernt haben, dass wir mit feierlichen Moralappellen die Welt ebenso wenig verändern wie mit abstrakten Belehrungen über einen zum Kind gewordenen Gott. Was also fehlt sonst noch? Warum bleibt die politische Botschaft des Weihnachtsfests so folgenlos, obwohl doch in zahllosen Predigten und Gottesdiensten der Armen und Entrechteten gedacht, für sie gebetet und um deren Unterstützung gebeten wird? Warum bleibt unsere Sehnsucht nach der großen Weltversöhnung so erfolglos? Wie kann denn diese Kampfansage eines Kindes gegen die weltweiten Macht-, Wirtschafts- und Finanzinteressen gelingen? Mehr noch: Ist diese Frage nicht absurd, da doch ein Neugeborenes, göttlich oder nicht, nie als politische und finanzielle Gegenmacht auftreten kann? Bleibt uns Christen an Weihnachten nicht das fragwürdige Glück derer übrig, die dieses Scheitern mit Macht- und Konsumrausch verdrängen?

3. Ein ständiger Neubeginn

Doch Symbole sind nie einschichtig verengt. Spätestens seit Franz von Assisi (1181-1226) weckt nicht der neugeborene Friedensfürst, sondern das arme Kind in der Krippe das Interesse des Volkes. Wer diese hinzukommende Herausforderung spüren will, muss nicht unbedingt Christ oder Christin sein. Franz von Assisi rief eine zutiefst humane Frömmigkeitskultur ins Leben, die wir bis heute kennen. Noch war ihm alle bürgerliche Idylle vom „süßen Jesulein“ fremd. Er, der schon mit 45 Jahren verstarb, kannte die Härte der Natur und wusste um die Verletzlichkeit eines ungeschützten Kindes. Damals wurden Kinder noch nicht mit großer Fürsorge umgeben, nicht einmal als Kinder mit ihren spezifischen Bedürfnissen wahrgenommen; höchst selten waren sie der Mittelpunkt einer Familie. Die uns bekannten Muttergefühle sind, wie wir wissen, frühestens vor 300 Jahren erwacht. Zu hart galt es zuvor, fürs Überleben zu schuften, dies ohne hochentwickelte Fürsorge und Medizin. Die Kindersterblichkeit von 25 Prozent und mehr wurde eher als gesundes Regulativ denn als Unglück begriffen. Bis weit ins 18. Jahrhundert wurden Kinder oft verwahrlost, hart gewickelt und bandagiert, bis zur nächsten Fütterung bisweilen an die Wand gehängt, möglichst früh zu Arbeiten herangezogen und in der Regel dafür gerügt, dass sie noch keine Erwachsenen waren.

So wurde das Kind zum Modell politischer Ohnmacht und Provokation, zum Zeichen der Missachtung, der Schwäche und Verletzlichkeit, bei Franziskus dann aufgenommen in seine grenzenlose Liebe zu Sonne, Mond und der gesamten Schöpfung. Wer sich mit diesem Neugeborenen beschäftigte, lernte jetzt die Paradoxie einer bedrohten Kostbarkeit kennen, den Preis eines geschenkten Lebens, die Konfrontation mit einer armseligen Wirklichkeit, von der kaum Hilfe zu erwarten war, die aber alle Zuneigung verdiente.

Zugleich blieb das Kind bis heute das archaisch überzeitliche Symbol eines wundersamen Neubeginns. In vielen Religionen taucht es auf: als kleiner Krishna oder Buddha, als Horus oder gar als Dionysos. Das Kind Moses, das in höchster Bedrohung eine Rettung findet, wird später zum machtvollen Befreier Israels. Schließlich stellt auch der erwachsene Jesus ein Kind als ermutigendes Vorbild für einen unbefangenen Neubeginn in die Mitte der Jünger. Offensichtlich strahlt es in vielen Kulturen nicht nur Schutzbedürftigkeit, sondern auch Offenheit, Neugier und eben Neubeginn aus.

Wer Weihnachten also neu entdecken und als kostbare säkulare Botschaft begreifen will, sollte nicht nur vom Glanz der himmlischen Heerscharen oder von einer universalen Friedensvision ausgehen, sondern auch vom Anblick dieses Kindes, mit dem unsere Zeit neu beginnen kann. Dann sehen wir in diesem Kind nicht einfach ein kleines armseliges Wesen, das unser Erwachsenenschicksal noch nicht teilt; das führt nur zu frommem Kitsch. Recht besehen steht kein Kleinkind im Mittelpunkt, sondern kommen Schwäche und Ohnmacht von uns allen, die kindlichen Anteile aller Menschen zur Sprache. So berührt dieses Kind die zentrale Symbolwelt der Menschheit, die es vermag, sich in uns gegen Vertröstung und Verdrängung zu behaupten. Ein unstillbares widerständiges Grundrauschen bleibt uns allen erhalten und oft sind es die Therapeuten, die sich ihm widmen.

4. In Schwäche vom Engel gehalten

Man mag das für psychologischen Tiefsinn halten, und doch sollten wir diese Sehnsucht nach einem Neubeginn ernst nehmen. Allerdings muss sie realistisch bleiben. Der jüdische Maler Marc Chagall (1887-1985), der mehr als eine christliche Kirche gestaltete, hat mir auf die Sprünge geholfen. Im Chagall-Museum zu Nizza hängt eine monumentale Leinwand, 2 mal 3 Meter groß, zwischen 1956 und 1958 gemalt, eingetaucht in gelbe und blaue Farbtöne, die im südlichen Sonnenlicht hell, in größter Klarheit aufleuchten. Das Gemälde trägt den Titel „Die Schöpfung des Menschen“ (La création de l’homme).

Am meisten Raum nimmt ein Engel ein. Von links unten zur Bildmitte hin betritt er die Bühne. Er tritt aus dem dunklen Blau der Erde hervor und seine Flügel streifen flüchtig das Gelb des göttlichen Lichts. In seinen Armen trägt er den Körper Adams, noch bevor ihm Leben eingehaucht ist. Er ruht er noch nicht mit den Zeichen männlicher Würde und Kraft, sondern erschlafft, mit nach hinten hängendem Kopf, noch ohne Anzeichen eines eigenen Willens, als ein nackter, verletzlicher, waagrecht wie im Schlaf liegender Mensch, völlig der Obhut des Engels ausgeliefert. Da liegt er also: wehrlos, ohnmächtig der ihn umgebenden Wirklichkeit mit all ihrer vibrierenden Dynamik ausgesetzt. In sie gehört er hinein, bevor er zu sich kommt; ohne sie wäre er sinnlos, geradezu nichts. Doch nicht die Erde gibt ihm Halt, sondern jetzt schon der emporschwebende, mit mächtigen Flügeln ausgestattete Engel, der in der Farbgebung mit dem Körper Adams verschmilzt.

Doch Chagalls Botschaft endet gerade nicht mit diesem Bild vom engelhaft beschützten Menschen. Dies kennen wir schon von unseren idyllischen Schutzengel-Bildchen. Denn um diesen beschützten Menschen herum, dessen Leben überhaupt noch nicht begonnen hat, sind schon Chagalls große Themen des Volkes Israel gegenwärtig. Dieses beginnende Leben ist mit ihnen konfrontiert. Rechts oben entsteht in einer glutroten Spirale die Welt, verbunden mit biblischen Motiven, dem klagenden Jesaja, dem entbehrungsreichen Zug Israels durch die Wüste, mit David und seiner Harfenmusik, der von Chagall so geliebten Jakobsleiter und mit dem Gekreuzigten, in dem Chagall nie direkt Christus, sondern immer alle Gequälten seines Volkes und der Welt meint. Rechts unten erscheinen, klein angedeutet und einander zugeneigt, Mann und Frau, links unten Taube und Ziegenbock als Zeichen ihrer Liebe. Zugleich bricht links oben, in strahlendes Gelb getaucht, der Bereich des Göttlichen ein: Jahwe, die Thora, ein Fisch, Menschen im jubelnden Fest.

Die erste Frage, die dieses Bild von Adam leitet, lautet also nicht wie bei Michelangelo: Wie machtvoll steht Adam seinem Schöpfergott gegenüber? Auch nicht, wie in der Philosophie der Renaissance und einem selbstbewussten Existentialismus: Wozu macht der Mensch kraft eigener Freiheit sich selbst? Sie lautet: Wem vertrauen wir uns in diesen Bedrohungen an, mit denen unsere Geschichte uns konfrontiert, bevor es uns überhaupt gibt? In Chagalls Augen wird dieser Kind-Mensch zu einer gelebten und lebbaren Vision, zum kraftvollen Zukunftszeichen und standhaften Gegenpol machtvoll auftrumpfender Helden. Chagall macht ihn dennoch stark, denn er blendet die Bedrohungen nicht aus, sondern erinnert geradezu hartnäckig an sie. Eine realistische und wirklichkeitsstarke Hoffnung gibt nur ein Leben in der Bedrohung, nur eine Option für diese Schwäche, nur die realistische Annahme von Niederlagen, Armut und Tod. Chagall demonstriert uns diese beunruhigende, aber befreiende Paradoxie: Wir Menschenkinder sind immer verletzlich, und dies zu wissen, gibt uns unsere Würde. Er überschüttet uns nicht mit einem Katalog von moralischen Pflichten, sondern erinnert uns an den Überlebenskampf Israels sowie an die Überlebenskämpfe von Abermillionen in unserer Gegenwart. Nicht mit Hilfe der Verdrängung, sondern im offenen Blick auf unsere katastrophal gefährdete Welt wird dieses Kind zur heilsamen Vision.

5. Wo bleibt die rettende Vision?

Zurück zum Weihnachtsfest 2017. Gewiss, auch dieses Mal wurde nicht nur konsumiert, nicht nur vertröstet und verdrängt. Wir haben auch über menschliche Hilfsbedürftigkeit und menschliche Ohnmacht nachgedacht und manche Predigt lotete die politischen Dimensionen aus, die damit verbunden sind. Doch unsere Gesellschaft und große Teile unserer Kirche blieben wieder einmal unsensibel. Schließlich haben wir uns nach allen Seiten hin versichert und abgesichert: gegen Diebstahl und Unfall, Altersarmut und Krankheit. Auch unser inneres Wohlbefinden sichern wir ab, indem wir die Welt des Unheils verdrängen und die Kirchentüren gegenüber der Welt geschlossen halten. Vieles, das uns beunruhigt, weil es unseren religiösen Haushalt stört, werten wir als beunruhigend, weltlich und säkularisiert ab. Genau diese selbstgenügsame, allein zum Himmel gerichtete Frömmigkeit blockiert unseren Blick auf den schleichenden Suizid, dem unsere Welt entgegeneilt. Die Weltsituation lässt keine Auswege mehr zu, denn die Alternativen zwischen Tod und Frieden sind eng aneinander gerückt. Wir können es uns nicht mehr leisten, uns für das archaische Symbol des inneren Neubeginns zu entscheiden und die Vision vom Weltfrieden außen vor  zu lassen. Wer unter den Heilsverkündern hat uns am vergangenen Weihnachtsfest also gezeigt, warum und wie das hilflose Kind zum Weltfrieden führen kann? Haben wir die Herausforderung wenigstens im Jahr 2017 verstanden?

Ein Überblick über die bischöflichen Predigtthemen (von der KNA zusammengestellt) gibt wenig Hoffnung, von Visionen keine Spur. Unverbindlich war die Rede von „Verbundenheit“ und „Offenheit“, von „Bereitschaft zur Solidarität und zum Miteinander“. Abstrakt pries man die Weihnachtsbotschaft als „die stärkste Medizin gegen den Virus des Nationalismus, der Fremdenfeindlichkeit und des religiösen Fanatismus“. Angeprangert wurden der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, verurteilt Krieg, politische Unfreiheit und Hunger in vielen Teilen der Welt. Man hat uns dazu aufgefordert, „den Wert der Familie neu zu überdenken“; man ermahnte uns, wir sollten „wachsamer und aufmerksamer, sensibler und barmherziger werden“. Andere nahmen den bedrohten Lebensschutz, die Stammzell- und Embryonenforschung kritisch ins Visier.

Die Liste der Belehrungen und frommen Ermahnungen ließe sich fortsetzen. Alle mögen gut gemeint sein, doch ich zweifle an ihrer Wirksamkeit. Denn kein Bischof wusste zu berichten, welcher Friedensvision er und sein Bistum konkret nacheifern. Wie haben sie sich in den eigenen Reihen mit einem satten, völlig weihnachtsfernen Kirchensystem, mit der Männerherrschaft und dogmatischer Unbelehrbarkeit auseinandergesetzt, wie vor Ort die Konfrontation mit einem wachsenden Konsumismus, einer katastrophalen Interessenpolitik und dumpfen Fremdenangst? Warum berichteten sie nicht über die zahllosen Aktivitäten von Christen und Nichtchristen zugunsten der Geflüchteten und Verarmten, die wir erfahren haben? Wie konkret haben die Repräsentanten der (römisch-katholischen) Kirche die päpstlichen Anregungen zu einer selbstkritischen Neuorientierung übernommen? Umgekehrt gefragt: Warum sind unsere Kirchenleitungen und viele christliche Gemeinden noch immer der Meinung, sie könnten das Kind in der Krippe mit Goldbrokat, perfekt singenden Chören und raffinierten Liturgien feiern und es reiche aus, das Kirchenvolk mit Ermahnungen und Belehrungen zu überhäufen? Nach wie vor und trotz päpstlichen Einspruchs präsentiert sich offiziell die römisch-katholische Kirche in Deutschland als egozentrischer Verwaltungsapparat. Die umfassende, alle Menschen verbindende Vision vom Einsatz für eine bessere Welt ist nirgendwo zu erkennen.

Genau dies ist, wie mir scheint, der Grund dafür, dass die Weihnachtsbotschaft vom Friedensfürsten und vom Kind seine subversive Kraft verloren hat. Ihre berufenen Verkünder verdecken sie, wo sie es nur können. So wird der Weg zu einer glaubwürdigen weihnachtlichen Friedensvision schwierig sein. Karl Rahner konnte im Jahr 1960 noch erklären, Macht komme und zeuge von Gott. Ich habe meine Zweifel, denn Gottes Macht erscheint als das genaue Gegenteil; seine Spur finden wir in einer Ohnmacht, die alles auf die Karte einer solidarischen Gerechtigkeit setzt. Das aber bedeutet harte Arbeit vor Ort. Deshalb muss die Vorbereitung für ein angemessenes Weihnachten 2018 hier, jetzt und an der Basis beginnen. Die Friedensbotschaft setzt konkrete Friedensoptionen voraus. Chagalls Engel fragt uns nicht, welche Moral wir verkünden, sondern was wir zu tun gedenken.

  1. Januar 2018

Diese Erwägungen greifen auf einen Beitrag zurück, der zu Weihnachten 2005 im Schwäbischen Tagblatt veröffentlicht wurde.

Letzte Änderung: 2. Januar 2018