Kontroversen um Fragen sexualisierter Gewalt – Abweisung einer vergewaltigten Frau – Ein Kommentar

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Januar 2013: Im Umgang mit der Sexualität hat die römisch-katholische Kirche noch nichts hinzugelernt. Prof. Pfeiffer gibt den Auftrag einer unpateiischen Untersuchung der Unterlagen zurück. Wenn die Hierarchie nicht umlernt, bleibt ihr eigenes Scheitern programmiert.

Drei Ereignisse haben das Verhältnis der deutschen Bischöfe zur Fragen der Sexualität erneut in Diskussion gebracht. Das sind
– die jüngsten Kontroversen um das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt,
– die Beendigung der Hotline für Opfer sexualisierter Gewalt zu Jahresbeginn und
– der beschämende Umgang mit einer vermutlich vergewaltigten Frau in zwei katholischen Krankenhäusern.

Unter ganz unterschiedlichen Aspekten zeigt dies erneut ein einziges katastrophales Grundproblem: Bis heute sind die Kirchenleitungen unfähig geblieben, die menschliche Sexualität als eine zentrale, identitätsstiftende Triebfeder zu begreifen und mit ihr in humaner Weise umzugehen. Trotz eines enormen Zuwachses an Wissen darüber und obwohl sie öffentlich ständig besprochen wird, hat sich der offizielle kirchliche Zugang dazu kaum verändert. Katholikinnen und Katholiken braucht das nicht zu beunruhigen, solange sie nur selbstbewusst auf ihre eigenen Kompetenzen zurückgreifen und diese in den kirchlichen Gemeinden und in der Öffentlichkeit zur Geltung bringen. So können sie Menschen verschiedenen Geschlechts und unterschiedlichen Alters helfen.

Den Kirchenleitungen dagegen sei angeraten, folgendes zu bedenken:

1. Der Gesellschaft nicht vermittelbar

Die Sexualmoral, die Rom und die katholischen Bischöfen vertreten, lässt sich heute weder der Gesellschaft noch den eigenen Kirchenmitgliedern vermitteln. Dies zeigen nicht nur die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Bischofskonferenz und Professor Pfeiffer, sondern auch der Skandal um die Abweisung einer Frau durch zwei katholische Krankenhäuser wegen Verdachts einer Vergewaltigung. Dies zeigt aber schon die Geschichte der Katastrophen, die damit verbunden ist und die Mentalität offizieller Kirchenvertreter nachhaltig geprägt hat. Zu erinnern ist an
– das nie korrigierte Verbot künstlicher Geburtenregelung, das Paul VI. gegen die Mehrheitsmeinung seiner Fachleute erlassen hat (Humanae Vitae, 1968),
– die höchst peinlichen Auseinandersetzungen um die Schwangerschaftskonfliktberatung, seitdem die offizielle Kirche ratsuchende Frauen im Stich lässt (1998),
– den Umgang mit Geschiedenen Wiederverheirateten, die nach wie vor wie Exkommunizierte behandelt werden,
– das Verbot des Kondomgebrauchs selbst im Falle tödlicher Infektionsgefahr,
– die Diskriminierung von Homosexuellen, deren Veranlagung inzwischen akzeptiert wird, deren Handeln aber immer noch als schwere Sünde gilt,
– das Verbot, Frauen zu sakralen Ämtern zuzulassen,
– der Umgang mit den Affären sexualisierter Gewalt, wofür die Bischofskonferenz immer noch keinen einheitlichen Umgang gefunden hat, der die Opfer eindeutig im Mittelpunkt stellt.
Die Hierarchen haben immer noch nicht verstanden, dass menschliche Sexualität als ein Beziehungsgeschehen zwischen gleichberechtigten Subjekten zu sehen und von daher zu beurteilen ist. Sie selbst können oder dürfen kaum von kontinuierlichen, heilenden und fruchtbringenden sexuellen Erfahrungen zehren. So wird verständlich: Entsprechend vormodernen Konzepten begreift man die Sexualität immer noch als einen Katalog von Einzelhandlungen, die in sich als gut oder sündig gelten und in hohem Maße dem Urteil der Kirche unterworfen sind. Bezeichnend ist, dass sich die offizielle Kirche in ihrer hilflosen Situation immer mehr auf technische Sexualfragen fixiert. Wer von dieser Grundauffassung ausgeht, kann die Opfer nie zur Grundlage seiner Verurteilungen machen und keine überzeugende Orientierungen entwickeln. Dies ist nicht nur ein Problem für Europa und die westliche Kultur, sondern auch für andere Kulturen, etwa für Afrika und Lateinamerika.

2. Autoritäre Institutionen verdängen Konflikte, statt sie zu verstehen

Zunächst ist neigt bei unerwarteten Krisen und Konflikten jede autoritäre Institution dazu, abweisend zu reagieren. Sie verteidigt sich, verschweigt nachteilige Aspekte und blockiert eine Außenkommunikation. Dagegen haben demokratische Institutionen die Fähigkeit zu lernen, aufkommende Fragen zu besprechen und für strukturelle Abhilfe zu sorgen. Eine absolutistisch organisierte Herrschaftsinstitution wie die katholische Kirchenleitung ist dazu nicht imstande; man fällt auf Verschwörungstheorien zurück. Auch im aktuellen Fall wurde Prof. Pfeiffer vorgeworfen, er agiere gegen die Kirche; angesichts seiner ursprünglichen Kooperationsbereitschaft ist dieser Vorwurf absurd.

Auch hier bietet ein geschichtlicher Rückblick Erklärungen. Spätestens seit 140 Jahren sieht die katholische Kirche den christlichen Glauben durch die Moderne massiv bedroht und sich selbst als den einzigen Fels, der dieser Bedrohung widersteht (Unfehlbarkeitsdogma 1870). So wird eine streng anti-moderne Haltung mit streng fundamentalistischen Zügen propagiert und theologisch durch­dekliniert. Denn der Fels des Papsttums lässt sich von dieser „Diktatur des Relativismus“ (Ratzinger 2005) nicht überrollen. Deshalb steht auf der sicheren Seite, wer gehorsam dieser Kirche folgt. Sie aber fixiert sich egomanisch auf sich selbst.

Damit werden in dieser aufgewühlten Zeit die instinktiven Abwehrhaltungen zum wahren Glauben hochstilisiert. Wer gläubig sein will, sollte nicht selbst denken, sondern jetzt treu der Kirche folgen, mit ihr die Reihen schließen, sich der Leitungsriege eines stramm geordneten Männerbunds übergeben und sich einer jeden Transparenz versagen. Anders gesagt: Die Bischöfe kultivieren im Augenblick ein regressives Verhalten, das seine destruktiven Tendenzen nicht mehr durchschaut. Andere Meinungen werden repressiv behandelt und Kritiker vom Leib gehalten. In vielem entspricht das einem protestantischen Fundamentalismus. Die gegenwärtige Kontroverse in Sachen sexualisierter Gewalt (Forschung und Hotline) folgt dieser Selbstfixierung wie blind: Die Kirche hat immer recht.

Doch der bittere Kern der Verunsicherung kommt von einer anderen Erfahrung: Die Kirchenleitung kann die Überzeugungen der Kirchenmitglieder nicht mehr steuern. Das schafft eine Mischung von Resignation und Widerspruch gegen das eigene Kirchenvolk und lässt die Opfer vergessen.

3. Kirche bewältigt ihre Aufgaben nicht

Die katholische Kirche kann ihre Aufgaben als Arbeitgeberin nicht bewältigen. Wie ist es möglich, dass es die Ärztin eines katholisch geleiteten Krankenhauses sogar ablehnt, eine junge Frau beim Verdacht auf Vergewaltigung zu untersuchen? Die neuesten Verhaltensmaßnahmen haben das skandalöse Verhalten wohl nicht ausgelöst. Aber drei Bemerkungen seien erlaubt.
– Der moralische Rigorismus, den die offizielle Kirche der persönlichen Lebensführung und dem beruflichen Handeln der Angestellten auferlegt, ist weder gerechtfertigt, noch wird er von der Öffentlichkeit akzeptiert. Prinzipiell hat die Kirche das moralische Bewusstsein der Öffentlichkeit zu akzeptieren, von der ihre Unternehmungen großenteils finanziert sind. Ausnahmen, die sie setzt, sind genau zu begründen. Dieses Verhalten ist auch ein Test ihrer demokratischen Gesinnung.
– Es ist kein Geheimnis, dass viele Angestellte kirchlicher Institutionen in der Angst leben, bei unbotmäßigem Verhalten könnten sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Andere treten in die entsprechende Kirche ein, um den erwünschten Arbeitsplatz in Krankenhaus, Kindergarten oder Schule überhaupt zu bekommen. Dieses Untertanenverhältnis lässt gegenüber den Arbeitsnehmerinnen und Arbeitnehmern jeden Respekt und jeden christlichen Geist vermissen. Wie groß muss die Verunsicherung der Betroffenen sein, wenn sie ein solches Fehlverhalten zur Folge hat?
– Wegen ihres sozialen und karitativen Engagements genießt die katholische Kirche in Deutschland ein hohes Ansehen. Wenn sie die besprochene Grundhaltung fundamentalistischer Selbstfixierung nicht ändert, ist die dabei, all ihre Chancen auch auf diesem Gebiet zu verspielen.

Auch Christen erwerben sich ihre Beziehungsfähigkeit und sexuelle Reife schlicht als Menschen. Das gilt auch für Kirchenleitungen, welcher Konfession sie angehören mögen. Vielleicht aber tragen Christentum und andere Religionen dazu bei, dass gegenseitige Achtung, Treue und Behutsamkeit gegenüber den Schwächeren im Wertesystem der Geschlechter bis in die Körperlichkeit hinein verankert werden. Wenn dies einer Kirche gelingt, wird sie sich besondere Autorität erwerben. Andernfalls muss sie unter den gegenwärtigen Umständen scheitern.

20.01.2013