Ein Akt der Selbstverherrlichung

(Last Updated On: 13. Juli 2017)

Zur Heiligsprechung zweier Päpste

Wieder einmal wird Rom einen Besucher- und Medien-Hype erleben. Polen, Italiener und alle anderen Papstbegeisterten werden jubeln und glücklich sein. Warum? Gemeinsam werden zwei Päpste heiliggesprochen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. So werden die Fans von beiden den Petersplatz füllen und gemeinsam jubeln. Aber wie selten prallen die inneren Widersprüche dieses Festtags so massiv aufeinander. Zwei Päpste, die gegensätzlicher kaum sein könnten, werden heiliggesprochen und man kann sich überlegen, ob man Gegensätze versöhnen will oder ob Johannes XXIII. nur als Alibi für Johannes Paul II. benutzt werden soll.

Dem Ersten, der im Juni 1963 starb, waren kaum fünf Regierungsjahre gegönnt. Er berief ein Konzil ein und erzielte dadurch eine Tiefenwirkung, die bis heute anhält. Er verordnete der Kirche frische Luft und einen „Sprung nach vorn“. Der Zweite, Karol Wojtyła, regierte über 26 Jahre, trieb die Selig- und Heiligsprechungen mit über 1800 Personen auf eine ungeahnte Spitze und hinterließ bei seinem Tod 2005 eine zutiefst gespaltene Kirche, denn mit autoritären Methoden versuchte er, viele Impulse des Konzils wieder abzuwürgen.

Gewiss, man sollte ihm seine Verdienste nicht kleinreden. Viele sprechen ihm eine entscheidende Rolle am Zerfall des Kommunismus zu und er brachte die katholische Kirche weltweit in die Medien. Aber er förderte auch fragwürdige Organisationen wie das Opus Dei und die Legionäre Christi, dessen Gründer Marcial Maciel zölibatärer Priester, Ordensmann, zugleich Bigamist, Vater mehrerer Kinder war und vermutlich blutjunge Seminaristen missbrauchte. Unter dem Wojtyła-Papst wurden Tausende von Missbrauchsfällen vertuscht. Weltweit drückte er vielen Bistümern erzkonservative Bischöfe auf, behinderte und zensierte Hunderte von Theologen, Männer wie Frauen, und versuchte, der Befreiungstheologie den Garaus zu machen.

Eine Decke der Angst legte sich über die Weltkirche. Bis hin zum Kondomverbot verteidigte er eine überholte Ehemoral. Sein Amt versah er mit professioneller Virtuosität als Medien-, Reise- und Werbestar für die Kirche. Er hat die Idee der Weltjugendtage zum regelmäßigen internationalen Megatreffen entwickelt und seinen Triumph auf diesen Veranstaltungen sichtlich genossen.

Als zwiespältig empfanden viele, dass dieser unübersehbare Papst die schwere Krankheit seiner letzten Monate zwar in bewundernswerter Weise ertragen, aber doch auch zur Schau gestellt hat. Jesus, so seine fragwürdige Begründung, sei auch nicht vom Kreuz gestiegen. Hinter diesem Argument steckt wohl die gut erhärtete Tatsache, dass er sich geradezu leiblich als der „andere Christus“ auf Erden fühlte. Das überschreitet selbst konservativste theologische Überzeugungen.

Warum spricht Papst Franziskus die so gegensätzlichen Päpste gemeinsam heilig? Auf den ersten Blick wirkt diese Kombination wie ein schlechtes Alibi. Man tut so, als seien die innerkirchlichen Gegensätze gar nicht so wichtig. Das wäre jedoch eine naive und erfolglose Strategie. Papst Franziskus versucht wohl, die auseinander strebenden Flügel der Kirche miteinander zu versöhnen. „Versöhnt euch“, will er vielleicht sagen, „ihr alle setzt euch für das Wohl derselben Kirche ein. Seid Freunde!“ Aber auch in der Kirche geht das nicht auf Kosten einer aufrichtigen Ehrlichkeit. Mehrere Gründe lassen Widerspruch aufkommen:

  1. Die Heiligsprechung von Johannes Paul II. kommt verdächtig schnell; schon bei seiner Seligsprechung (2011) wurde man den Verdacht der zweckbestimmten Manipulation nicht los. Man erinnert sich noch der „Santo-subito-Rufe“ bei seiner Beerdigung, die offensichtlich wohl organisiert und gesteuert waren. Dagegen wird die Seligsprechung des Befreiungstheologen und Märtyrers Oscar Romero (1980 während des Gottesdienstes erschossen) bis heute verzögert. Soll das Papstamt jetzt zum Grund einer Heiligsprechung werden?
  2. Benedikt XVI., dem engsten Wegbegleiter seines Vorgängerpapstes und Initiator des Verfahrens, ist massive Befangenheit vorzuwerfen, denn er legitimiert damit seine eigene kirchenpolitische Linie.
  3. Die zahllosen hochengagierten Männer und Frauen (auch Nonnen), die dieser Papst, ohne sie je zu hören, abgemahnt, abgestraft oder zutiefst verletzt, werden ein zweites Mal gedemütigt. Niemand hat sie rehabilitiert oder um Vergebung gebeten. Das ist inakzeptabel und unmoralisch.
  4. Solche päpstlichen Hoheitsakte, Kanonisierung genannt, enthalten keine glaubwürdige Botschaft mehr. Akten werden nicht offengelegt, Motive nicht offen diskutiert. Die narzisstische Selbstverherrlichung des Systems hat einen enormen Stellenwert. Im ersten Jahrtausend war es das Gottesvolk selbst, das seine großen Vorbilder fand und verehrte. Ab sofort sollte Papst Franziskus zu jedem Fall die Gläubigen hören.

Umso mehr Zustimmung verdient die Ehrung von Johannes XXIII., einem bescheidenen und aufrechten Kirchenführer, der durch die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) zur Erneuerung der Kirche das Bestmögliche getan hat und in der ganzen Kirche verehrt wird. Da juble ich gerne mit. Paradox ist nur, dass er diese Ehrung, nach Fürstenart und mit überzogener Prachtentfaltung vollzogen, nicht nötig hat. Er strahlt aus sich selbst.

(T.online.de vom 23.04.2014)