Christliche Grundlagen einer fundamentalistischen Politik

(Last Updated On: 21. September 2017)

Zu den Grundlagen eines römisch-katholischen Fundamentalismus
Ein Arbeitspapier

Die Zusammenhänge zwischen Rechtstendenzen in europäischen Ländern und der christlichen Tradition sind offenkundig. In diesem Arbeitspapier werden Hinweise zur Begriffsklärung des Fundamentalismus und zur politischen Situation der betroffenen Länder unter dem Motto von Emmanuel Todd gegeben: Die richtige Reaktion einer Gesellschaft, der es schlecht geht, bleibt für mich die Selbstkritik ‑ und nicht die Dämonisierung äußerer Umstände.

These 1:
Fundamentalismus meint kein politisches Programm, sondern eine streng anti-moderne Haltung. Er stemmt sich gegen vielfältige Formen gesellschaftlicher Modernisierung.

Der Fundamentalismus kann verschiedenste Formen annehmen. Sie erstrecken sich von
* von philosophisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzungen theoretischer (wissenschaftlicher, philosophischer oder weltanschaulicher Art),
* über Gruppen- und Parteibildungen innerhalb größerer Gruppen (vornehmlich von Kirchen),
* über religiös agierende selbständige Bewegungen („Sekten“),
* bis hin zu einer säkular agierenden Politik, die um die Wurzeln ihres Fundamentalismus nicht mehr weiß.

Wie sich keine Haltung von Individuen und Gruppen im interesselosen Raum entwickelt, gibt es auch keinen reinen Fundamentalismus. Vielmehr entsteht er immer
* im Kontext gesellschaftlicher Modernisierung
* aus deren Interaktion mit gemeinsamen bzw. individuellen Enttäuschungen und neu entstehenden Interessen.
* Deshalb schlägt der Fundamentalismus in der Regel indirekte, thematisch verfremdete Schlachten.
* Er verdeckt die eigenen Ängste und Interessen oder schiebt berechtigte Interessen Dritter nach vorn.
* Im beschriebenen objektiven und subjektiven Spannungsfeld Jahrzehnte können sich Fundamentalismen im Laufe der Jahrzehnte zu unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Positionen und politischen Methoden verselbständigen.

Daraus erklärt sich die Schwierigkeit, in der öffentlichen Diskussion einen einheitlichen Begriff von Fundamentalismus durchzuhalten oder diskriminierenden Verengungen entgegenzuwirken. So wurde der Begriff „Fundamentalismus“ in den Auseinandersetzungen mit dem dschihadistischen Islam zu einem allgemeinen Kampfbegriff aufgebläht und als „Islamismus“ in eine einseitige Nähe des Islam gerückt.

Modernisierung in Gesellschaft und Kultur bezeichnet im vorliegenden Zusammenhang eine umfassende Entwicklung der westlichen Gesellschaft (Differenzierung, Mobilisierung, Erfordernisse von Partizipation und Konfliktregelung, also Demokratisierung), die im 18. Jahrhundert begann und trotz ungelöster innerer Widersprüche bis heute noch andauert. Aus zwei Gründen wurden in diesem Prozess Religionsverständnis und religiöse Praxis vor massive Herausforderungen gesellt:
* Die gesellschaftlichen Differenzierungsprozesse untergraben den vor-modernen Monopolanspruch von Religion, Kirchen und religiösen Institutionen, auch die Geltung der anerkannten Glaubensquellen. Die Wahrheit der Religionen gerät unter Rechtfertigungszwang. Damit zerbröselt der generelle Definitionsanspruch von Kirche und Schrift.
* Mit den genannten Prozessen verschwindet alle Selbstverständlichkeit natürlich vorgegebener Verhältnisse. Weil die menschliche Gesellschaft muss sich und ihre Umwelt selbst gestalten muss, hat sie über die Wirklichkeit differenzierend nachzudenken. Deshalb ist eine funktionierende moderne Gesellschaft durch Reflexivität gekennzeichnet (Ulrich Beck). Auch das religiöse Erbe und deren Institutionen bedürfen einer reflexiven, wissenschaftlich verantworteten Aneignung.
* Auch in der Vormoderne arbeitete die (christliche) Theologie nur begrenzt reflexiv, denn wie blieb unwidersprochen an unwiderrufliche inhaltliche und institutionelle Voraussetzungen gebunden (Schrift, Lehramt). Der neue reflexive (= „kritische“) Umgang mit diesen Voraussetzungen erschüttert die Grundfesten des traditionellen Glaubens. Die Nachwirkungen dieser Erschütterung sind massiv (Stichwort: Säkularisierung) und erfordern von den Anhängern dieses Glaubens eine mentale Bekehrung. Andernfalls sehen sie sich zur existentiellen Abwehr dieses Umbruchs gezwungen.

These 2:
Fundamentalismus lebt aus jeweils aktuellen, politischen und sozialen Verunsicherungen

Neuere Forschungen machen darauf aufmerksam, dass fundamentalistische Bewegungen und deren Protest gegen die Moderne intensiv in konkrete Daseinserfahrungen eingebettet sind, die weit über das Schema von Erfolgreichen und Unterdrückten hinausgehen. Im Gegenteil, fundamentalistisch agieren oft arrivierte und gebildete Schichten einer Gesellschaft, die vieles zu verlieren haben. Beispiele dafür sind die Protestträger der massiven politischen oder kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Verunsicherungen
* vor gut 100 Jahren in den Südstaaten der USA,
* im 19. Jahrhundert in Ägypten und in arabischen Ländern,
* in der Mitte des 20 Jahrhunderts in den USA und in Europa,
* seit etwa 40 Jahren im vorderasiatischen Raum.

Sie alle verfügen nicht nur über ein starkes Protestpotential, sondern auch über die intellektuellen Fähigkeiten, um diesen Protest als Gesprächsverweigerung mit sich modernisierenden Bevölkerungsgruppen zu formulieren.

Zeigen lässt sich diese Verunsicherung am (vormodernen) Zeitverständnis, der sich in fundamentalistischen Kreisen auf Grund eines vormodernen Zeitbegriffs herausbildet. Die Moderne erfährt die Zeit in wachsendem Maß als einen Sog, der unaufhaltsam voranschreitet und die Menschen zu deren Gestaltung in Beschlag nimmt. Fundamentalistische Bewegungen akzeptieren diesen Sog nicht, sondern stellen ihm ausdrücklich ein vormodern-religiösen Zeitverständnis entgegen; man kann es apokalyptisch oder chiliastisch nennen. Diese Zeit stürmt nicht in eine amorphe, immer zu gestaltende Zukunft, sondern kommt von der Zukunft her auf uns zu und von der Vorsehung immer schon festgelegt.

Deshalb spielen im Rahmen der christlichen Kultur der Gedanke von Christi Auferstehung und vom letzten Gericht, im Rahmen muslimischer Kultur die Erwartung des Paradieses eine Schlüsselrolle. Gott hält die Zeit in Händen, bestimmt zu seiner Zeit dessen vorbestimmtes Ende und greift zu gegebenen Zeit macht- und gewaltvoll sein. Alle Menschen sind in Gottes Hand. Kennzeichnend für diese Grundhaltung ist der politische Ausschwung des iranischen Schiitismus durch die Machtergreifung des Ayatolla Khomeini (1980). Damals spitzte ich alle Geschichtsinterpretation auf die Frage zu, wann Ali, der 656 ermordete und zum Himmel aufgefahrene legitime Nachfolger Mohammeds zur Vollendung seiner Herrschaft wiederkommen wird.

Doch sind diese hochsymbolischen Auseinandersetzungen Träger konkreter Zeit-, Verlust- und Frustrationserfahrungen. Im konkreten Handeln gewinnen sie gegenüber den theoretischen Begründungen oft die Oberhand. Es entwickeln sich revolutionäre Bewegungen, deren Gewaltlegitimation sich aus fundamentalistischen Ansätzen emanzipiert und zum offenen Einsatz brutaler Gewalt führt, die dem vorherbestimmten Ende näherbringt. Diese apokalyptische Haltung kann enorme Kräfte freisetzen und sinkt oft zu primitiven Gewaltreaktionen herab, aus denen religiöse Orientierungen völlig verschwunden sind.

Dann besteht der Beitrag des Fundamentalismus nur noch darin, dass er dem Einsatz von Gewalt keinen Widerstand entgegensetzen kann oder will. Dann kann sich der Urgestus des Fundamentalismus (seine Verweigerung gegenüber einer lebbar zu gestaltenden Wirklichkeit) verselbständigen und alles menschliche Handeln und Denken massiv überwuchern. Unmerklich kann, was als religiös motivierter Fundamentalismus begonnen hat, in eine sinn- und orientierungslose Brutalität abgleiten, in der nur noch destruktive Instinkte eine Rolle spielen, wie man an den Umtrieben des IS-Staates sieht. Eine Berufung auf religiöse Grundlagen ist nur noch bedingt möglich. In diesem Fall sollte man nicht mehr von Fundamentalismus, sondern von gewalttätiger Interessen-, Kriegs- oder Terrorpolitik sprechen.

These 3:
Der Fundamentalismus ist reaktiv und gewaltaffin; er wirkt amoralisch und parasitär.

Jeder Fundamentalismus perpetuiert religiöse Enttäuschungs- und Schockerfahrungen. Er macht diese besprechbar. Aus Glaubens- oder anderen weltanschaulichen Gründen halten fundamentalistische Bewegungen den beschriebenen Gang der Dinge und die darauf folgende reflexive Haltung für unverständlich, schädlich und falsch. Sie interpretieren die kritisch verstehende Distanz, die die Moderne gegenüber ihren eigenen Grundlagen einnimmt, als prinzipielle Relativierung ihrer Inhalte. Sie schwanken deshalb zwischen moralischer Verurteilung und Dämonisierung.

Fundamentalistisch sind diese Bewegungen zu nennen, wenn und weil sie sich der (kritischen) Akzeptanz von Modernisierungsprozessen prinzipiell verweigern. Sie beanspruchen, unverrückbare Fundamente eindeutig zu kennen und auszusagen. Damit widersetzen sie sich dem Horizont und den Erfordernissen einer hochdifferenzierten, hochmobilen, religiös pluralen und demokratisch organisierten Gesellschaft. Sie interpretieren die umstrittenen Inhalte nicht mehr auf der Basis eines vorliegenden politischen Rahmenkonsenses, der durchaus auch religiöse Wurzeln hat bzw. sich religiös legitimieren lässt.

Deshalb werden für fundamentalistische Bewegungen „moderne“ Tugenden (wie Toleranz, kategorische Geltung der Menschenrechte, Gewissens- und Religionsfreiheit oder sexuelle Selbstbestimmung) nicht einfach zum Gegenstand von inhaltlichen Teildiskussionen, sondern zum Testfall der Frage, ob ein modernes Weltverständnis den Respekt vor einer überzeitlichen göttlichen Wahrheit anerkennt oder Gottes zeitlos formulierten Willen in absolut unzulässiger Weise betrachtet. Diese Alternative ermöglicht keine Wahrheitsfindung, sondern blockiert alle Wahrheitssuche.

In dem Maße, in dem fundamentalistische Bewegungen das vormodern traditionale Wahrheitsverständnis bekämpfen, moderne Wahrheitskonzepte prinzipiell verurteilen und moderne Tugenden mit grundsätzlichem Misstrauen belegen, entstehen Neigungen zur Legitimation von Zwang und Gewalt. Fundamentalistische Bewegungen beginnen ihren Einsatz mit autoritärer Gesprächsverweigerung. Daraus folgt die undifferenzierte Geringschätzung anderer Positionen. Auf dieser Basis kommen verdeckte oder offene, strukturelle und unmittelbare Gewalt als letztes Mittel zur Erreichung ihrer Interessen zum Einsatz.

In seiner simpelsten Degeneration fällt der Fundamentalismus immer auf einen unreflektierten Konservatismus zurück. Was schon immer so war, darf nicht verändert werden und das Andere oder die Anderen gefährden die eigene Identität. Zur Not ist es mit Gewalt zu verteidigen. Aus religiöser Perspektive kann Fundamentalismus politisch und sozial so virulent werden, weil Religionen unmittelbar die persönliche, soziale oder kulturelle Identität ihrer Anhänger berühren. Dies zeigt sich an den vielen gewaltsamen Auseinandersetzungen, in denen Religionen zur Legitimation missbraucht werden. Zudem bildet diese Missbrauchbarkeit die offene Flanke aller Religionen, weil sie von ihrem Ansatz her dazu geneigt sind, nicht analytisch, sondern ganzheitlich zu denken und zu handeln. Sie wirft zudem ein kritisches Licht auf die paradigmatische Selbstverliebtheit erfolgreicher und kulturprägender Nationen und ihre gefährliche Nähe zu einem primitiv-ursprünglichen Beharrungswillen, der sie zu unerträglichem Starrsinn verleitet und sie – wie ausgeglühte Sterne – oft im Schwarzen Loch ihrer archaischen Ursprungsmythen versinken lässt.

Auch solche Entwicklungen können ihre unverarbeiteten Familiengeheimnisse verbergen. Man denke an den unglaublich harten Fundamentalismus der Staatsideologie Israels, in dem die furchtbare Erfahrung der Shoa nachwirkt, an die neu aufgebrochene Intransigenz in Polen, in dessen kollektiver Erinnerung nicht nur der Zweite Weltkrieg Polens, sondern auch die Auslöschung des gesamten Staaten in den „polmische Teilungen“ von 1772, 1793, 1795 und im 20. Jahrhundert, an die Abweisung von Ausländern in einem Ungarn, das nach dem 2. Weltkrieg 2/3 seines Staatsgebiets verloren hat. Die römisch-katholische Intransigenz gegenüber der Moderne bezog ihre Kraft lange Zeit aus dem Verlust des Kirchenstaates, der lange Zeit als irreparable Demütigung der katholischen Kirche erfahren wurde. Offen bleibt nur die Frage, wie lange der Wirkung solcher Erfahrungen eine „Schonfrist“ zu gewährten ist und was die betroffenen Staaten aktiv unternehmen, um solche lähmenden Erfahrungen kreativ aufzuarbeiten.

Den Fundamentalismus an sich gibt es nicht, wie es auch eine Farbe an sich nicht gibt. Er bezeichnet nur die Qualität einer Haltung, die sich aus einer Verweigerung (von Wirklichkeit, Gedanken, Werteverwirklichung) ergibt.

Die Qualifikation „gewaltaffin“ bezieht sich auf Bewegungen, nicht auf fundamentalistisch beeinflusste Personen; diese können nach wie vor von hohen moralischen Motiven geleitet sein.

These 4:
Im (ursprünglich) christlichen und im muslimischen Kulturraum werden fundamentalistische Strömungen von religiösen Traditionen gespeist. Sie beginnen mit einer vor-modernen Auslegung ihrer Grundtexte, die später in den Hintergrund rücken kann.

Als Begriff und als Idee ist der „Fundamentalismus“ protestantischen Ursprungs (ca. 1910, Südstatten der USA) und formierte sich als eine vormodern „wörtliche“ Auslegung der Bibel, die auf einer Generalsversammlung der Presbyterianer zunächst zu fünf fundamentals führte. Irrtumslosigkeit der Schrift, Jungfrauengeburt, Christi Versöhnungstod, Auferstehung und Wundertaten. Hinzu kommen später die Wiederkunft Christi und – immer noch aktuell – die strikte Ablehnung des Darwinismus, die heute – im Sinne eines intervenierenden Schöpfergottes – zur Theorie vom intelligent design modifiziert wurde. Sein politisch hochvirulentes Erbe ist in republikanischen Kreisen der USA bis heute präsent. Vgl. dazu die rechtspopulistische Tea-Party-Bewegung, die aggressive Ablehnung von Homosexualität und Abtreibung).

Der Sache nach zeigt der protestantische Fundamentalismus im römisch-katholischen Antimodernismus eine auffällig enge Parallele. Er nimmt seinen Ausgangspunkt vom Pontifikat Pius‘ IX. (1846-1878), wendet sich ausdrücklich gegen den vielfältig umschriebenen „Modernismus“, findet seine schärfsten strategischen Folgerungen in der Definition von päpstlicher Unfehlbarkeit und absolutem päpstlichen Primat über Kirche und alle einzelnen Gläubigen (1870). Die Rolle der Schrift im protestantischen Fundamentalismus kommt im Katholizismus dem Papst und seinen Vollmachten zu.
Nach meinem Urteil ist der römisch-katholische Fundamentalismus entschieden aggressiver als der protestantische, weil er zu umfassenden und zwingenden Lehre einer umfassenden Kirche wurde, die sich zudem als die einzig wahre Kirche versteht. Die Nachwirkungen dieses Fundamentalismus sind ungebrochen und enorm. Das gesamte Kirchenregime von Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger lässt sich als Kampf für die fundamentalistische Grundentscheidungen des 19. Jahrhunderts begreifen.

Naturgemäß gelten dieselben Zusammenhänge zwischen einem vormodern ausgelegten Koran und einem rigiden Islam, der sich ebenfalls faktisch der Gegenwart verweigert. Verglichen mit innerchristlichem Streit um die Auslegung der Bibel ist der innerislamische Dauerstreit um Koranauslegungen nachvollziehbar; offensichtlich folgt er denselben Gesetzen wie im Christentum. Eine unterschiedliche theologische Wertung des Koran scheint mir keine hinreichende Begründung für Auslegungsprobleme zu bieten. Für falsch halte aus mehreren Gründen das Klischee, dem Islam fehle die Aufklärung.
* Zum einen kann man wirklich nicht behaupten, im christlichen Raum habe eine notwendige Aufklärung zur Reflexion und kritischen Interpretation ihr Ziel erreicht. Aufklärung in seinem besten Wortsinn bleibt auch im Christentum eine Daueraufgabe.
* Zum andern entspricht nicht jede historische Aufklärungsform den Anforderungen einer menschenrechtlich reflektierten Moderne, man vergleiche nur die tiefgreifenden Unterschiede zwischen der englischen, der französischen und der deutschen Aufklärung. Weniger denn je sind die ausgesprochen religionsfeindlichen Teile europäischer Aufklärung dem aktuellen Islam zuzumuten. Das zeigte sich in den Auseinandersetzungen um die Losung Je suis Charlie.
* Zum dritten lebt weltweit die große Mehrheit der Muslime einen toleranten, friedliebenden und gewaltfreien Islam, in dem dessen Auslegungsfragen nicht mir der uns vertrauen ideologischen Schärfe auszutragen sind. Eine Religion muss nicht durch das Feuer der Religionskritik hindurchgegangen sein, um Modernisierungsprozesse zu akzeptieren, solange sie in einem religiös-human „funktionierenden“ Kontext lebt.
* Viertens bleibt auch dem Islam nicht die explizite Auseinandersetzung um einen reflexiven Umgang mit seiner Geschichte und seinen normativen Quellen erspart, weil er sich weltweitauf globaler Augenhöhe  bewegen muss und sich mit universalisierbaren Argumentationen gegen neue fundamentalistische Versuchungen zu wappnen hat.
* Fünftens: ein besonderes Problem besteht darin, dass sich vorderasiatische Kräfte des Islam ‑ unter ausdrücklicher Berufung auf den Koran ‑ für einen brutalen fundamentalistischen Weg entschieden haben und ihn mit beispielloser Brutalität ausfechten. Allerdings sind auch daraus keine einseitigen Schlüsse zu ziehen; denn angesichts der Erfahrungsnähe aller Fundamentalismen hat sich der Westen zu fragen, wie weit er der Mitverursacher dieser verheerenden Entwicklung ist. Diese Frage ist insbesondere an fundamentalistische Kräfte zu stellen, die sich gerne auf ihr christliches Erbe und dessen Schutzbedürftigkeit berufen.
* Mit guten, aber nicht mit umfassend reflektierten Gründen erklären viele Muslime in Westeuropa (zumal in Deutschland) die Ideologie etwa des IS-Staats oder muslimische Terroristen seien „kein Islam“. Wie aber verhalten sich Wahhabismus oder Salafismus genau zum Islam? Wann ist ein Schnitt zu ziehen? Haben die aktuellen Brandstifter in Deutschland oder der Kuklux-Klan in den USA nichts mit dem Christentum zu tun? Schon diese Gegenfrage zeigt, wie prekär solche Aussagen für beide Seiten sind. Es gibt darauf eben keine objektive, keine reine und unanfechtbare Antwort, weil die Antwort immer schon eine Antwort für oder gegen die moderne Reflexivität impliziert. Es kommt darauf an, in welchem Grad in Interpretation modern oder vormodern geschieht und welche Mischformen aktiviert werden.

These 5
Bei der Beschreibung von reaktionären oder gewaltbereiten Bewegungen ist das gängige soziologische oder politische Vokabular differenziert anzuwenden.

Die allgegenwärtigen Mischformen eines gewaltaffinen Fundamentalismus sowie die Neigung zu einer ideologischen, oft irreführenden Begriffsverwendung (mit oft diskriminierenden Folgen) mahnen zu höchster Zurückhaltung. Man sollte eine Bewegung nur dann fundamentalistisch nennen, wenn deren vormoderne Ursprünge und Optionen zur Diskussion stehen. Stattdessen sollten klärende und beschreibende Kategorien verwendet werden. Man kann diese Bewegungen zum Beispiel kompromissunfähig oder reaktionär, intolerant oder diskriminierend, autoritär oder faschistoid, selbstgerecht oder repressiv, radikalisiert oder gewaltsam nennen, oder sie als beziehungsunfähige Selbstdarsteller charakterisieren. Es kann sich um Zynismus oder ein eingefleischte Schwarz-Weiß-Denken, um Terrorismus oder primitivsten Brutalismus, um reinen Egoismus oder puren Nationalismus handeln; Hauptsache, er kann sich religiös oder quasi-religiös legitimieren. Manche Phänomene lassen sich in Begriffen wie ‚rechte‘ oder ‚rechtsextreme‘ Politik bündeln, als Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus, Frauenverachtung oder Homophobie entlarven. Im Gegenzug gibt es schwer zu entwirrende Übergänge zwischen dem entschiedenen und unbeirrbaren Kampf für eine bestimmte Position, der ideologische Debatten als solche ablehnt, und einem gewaltbereiten Fundamentalismus, der das Gespräch als solches schon für einen Verrat an der eigenen Sache hält.

Zur angemessenen Beurteilung solchen reaktionären, möglicherweise fundamentalistischen Verhaltens sind weitere Differenzierungen unverzichtbar. Zu fragen ist:
* Wie hoch ist der Affinitätsgrad einer fundamentalistischen Bewegung mit ihrer „Mutterreligion“? Überwiegen Interessen des Glaubens, einer inneren Glaubenserhaltung, die politische Durchsetzung von Glaubensüberzeugung oder geliehene (z.B. soziale, politische, nationale) Interessen, die sich aus dem jeweiligen Kontext ergeben?
* Handelt es sich – von den Akteuren her betrachtet – um einen „aufrechten“ Fundamentalismus, der meint, er könne nicht anders handeln, oder um einen vorgetäuschten Fundamentalismus, der seine eigene Brutalität nur verhüllen will?
* Entzündet sich eine fundamentalistische Bewegung aus unmittelbarer religiöser Leidenschaft, sozusagen an ihrer eigenen Religion oder wird diese für sekundäre Interessen instrumentalisiert? Degeneriert eine Religion also zur Gewalt oder verwechselt sie Gewalt mit Gottesdienst?
* In welche politischen Kontexte, Kultur- und Rechtsnormen ist eine solche Bewegung eingebettet? Zum Beispiel muss Gewaltverzicht  nicht unbedingt einer moralischen oder religiösen Qualität zu danken sein; er kann sich – wie selbstverständlich – aus einem Kontext ergeben, der Gewalt prinzipiell ablehnt. So hat die westeuropäische Rechtskultur auf die gegenwärtigen Formen des (christlichen) Fundamentalismus eine enorm eindämmende Wirkung. Umgekehrt ist ein Islam, der sich nicht von vornherein auf den Menschenrechtskatalog der UNO verständigen kann, oder unmittelbar noch mit einer Stammeskultur verwoben ist, nicht per se als fundamentalistisch einzustufen.

These 6
Die offizielle Institution der römisch-katholischen Kirche, lässt sich als Struktur gewordener Fundamentalismus charakterisieren. Umgekehrt lebt der römisch-katholische Fundamentalismus in und aus einer autoritären Kirchenstruktur.

Das Selbstverständnis und die Struktur des römisch-katholischen Fundamentalismus sind einzigartig. Sie entstanden nicht als innerkirchliche Opposition, sondern werden seit 150 Jahren kirchenoffiziell (also weltweit) betrieben und seit 1870 als päpstlicher Lehr- und Regierungsabsolutismus kirchenoffiziell durchgesetzt. Auch das 2. Vatikanische Konzil (1962-65) konnte seine Monopolstellung nicht durchbrechen, sondern nur eine innerkatholische Opposition etablieren.

Deshalb wird der katholische Fundamentalismus als solcher oft nicht wahrgenommen. Er gilt als offizielle Kirchenlehre, die eine unbestreitbare Schriftinterpretation mit einschließt und – anders als im evangelischen Raum ‑ alle Kritik in die Defensive zwingt. Dadurch wird innerhalb dieses kirchenamtlichen Fundamentalismus auch das Bewusstsein einer immanenten historischen Entwicklung unterdrückt, aus der sich eine grundsätzliche Selbstkritik ableiten ließe (Menschenrechte, Religionsfreiheit, Anerkennung anderer Religionen). Suggeriert wird vielmehr die bleibende Vitalität eines schon längst überholten Konzepts, das nicht nur theoretisch, sondern durch das täglich aktive Vorbild einer autoritären und menschenrechtsfeindlichen Kirchenwirklichkeit am Leben erhalten wird.

Noch immer transportieren Kirchenlehre und Kirchenpraxis die Abgründe einer vordemokratischen, absolutistischen, eurozentrischen und männerorientierten Epoche wie selbstverständlich weiter. Unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben u.a. die Piusbruderschaft (im Erbe der autoritären Bischofs Marcel Lefebvre), das Opus Dei (eine Gründung von Josef Excrivá de Balaguer, heiliggesprochen) von und die Legionäre Christi (eine Gründung des berüchtigten Marcial Maciel Degollado) einen starken innerkirchlichen Einfluss erlangt. Längst desavouierte Ungeister können immer wieder aufbrechen, weil dieses Kirchensystem zu keiner Selbstkorrektur fähig ist. Diese Unbelehrbarkeit ist umso erstaunlicher, als die römisch katholische Institution Kirche mit ihren 1,3 Milliarden Mitgliedern die Funktion eines global players einnimmt, täglich mit den globalen und lokalen politischen, sozialen und geistigen Umbrüchen konfrontiert ist und mit den anderen orthodoxen, evangelischen, anglikanischen und mit vielen freikirchlichen Kirchenverbänden in engem Kontakt steht.

Der nach wie vor offensive Charakter dieses amtlichen Denkens lässt sich an Thomas E. Gullickson illustrieren. Dieser international erfolgreiche Diplomat, nach einer Funktion in der Ukraine jetzt Nuntius in der Schweiz, ist Anhänger der alten lateinischen Liturgie und unterhält ausgezeichnete Beziehungen zur erzkonservativen Piusbruderschaft. Im 24. Dezember 2015 erklärt er, vielleicht hätten die Traditionalisten das 2. Vatikanische Konzil richtig verstanden. Zugleich empfiehlt er auf Twitter den 1884 geschriebenen fundamentalistischen Klassiker des spanischen Priesters Felix Sardà y Salvani: Liberalismus ist Sünde. Schon der Titel sagt genug. Liberalismus ist nicht nur Sünde, sondern die größtmögliche Sünde, schlimmer als Mord und Menschenhass, weil er prinzipiell die Autorität Gottes und die Autorität seiner katholischen Wahrheit missachtet. Das gesamte moderne Rechtsbewusstsein (s.o.) wird dämonisiert. Kein deutscher Bischof würde es wagen, die vorgetragenen Thesen zu unterzeichnen und unbestritten scheint mir, dass Papst Franziskus diesem Machwerk auch nur entfernt seine Sympathie bezeugen könnte. Aber der Liberalismus, welcher Form auch immer, gilt immer noch als fragwürdig keiner würde wagen, die in diesem Buch vorgetragenen Thesen prinzipiell zu bestreiten.

Auf Grund seiner Geschichte ist es dem offiziellen, in Kirchenstruktur und Kirchenlehre verankerten Fundamentalismus gelungen, widersprechende Positionen dem ständigen, unterschwelligen oder offenen Verdacht mangelnden Glaubens oder mangelnder Kirchlichkeit auszusetzen. Sanktionen wegen mangelnder Subordination sind an der Tagesordnung sind an der Tageordnung. Der lange noch offizielle Begriff „Antimodernismus“ wird nicht mehr benutzt, doch Säkularisierung wird als Glaubensabfall verurteilt, jede Form von Liberalismus einem unterschwelligen Verdacht ausgesetzt, Sexualität bis hin zur Familie ist nach wie vor kirchlicher Kontrolle unterworfen. Ein unterschwellig wirksamer Fundamentalismus macht es möglich, dissidente Kirchenmitglieder jedweder Art aus der offiziellen Bühne kaltzustellen.

Aus diesen Gründen ist der offizielle römisch-katholische, unterschwellig immer präsente Fundamentalismus höchst flexibel, sich oft selbst verbergend und von oft amorpher Art. Das macht es möglich, dass sich auf dieser Basis verschiedenartige Formen des Fundamentalismus herausgebildet haben.

These 7
Staatspolitischer Fundamentalismus Polens legitimiert sich durch einen reationären Katholizismus

Der in der polnischen Gesellschaft dominierende Fundamentalismus, kurz gesagt: der „polnische“ Fundamentalismus, lebt von seiner intensiven Identifikation mit der römisch-katholischen Kirche, mit deren autoritärer Lehr- und Machtstruktur, deren Ideal von Ordnung und Unterordnung. Im Einklag mit diesem Katholizismus ist sie von antiliberalen und exklusiven Tendenzen bestimmt.
„Das Fundament des Polentums sind die Kirche und ihre Lehre“, so der Parteichef von PiS, Jaroslaw Kaczynski im November 2015. Und Ronald Düker gibt ein weiteres Zitat wieder: „Wer seine Hand gegen die Kirche erhebe, dem solle die Hand verdorren“. Auf den ersten Blick ist es die Kirche des Erzfundamentalisten Karol Wojtyła, dessen Ideologie für einen strammen Katholizismus nichts Neues ist und wogegen sich die bisherige Regierung nicht behaupten konnte. Zu den Gründen diese Macht gehört der Einfluss des römisch-katholischen Radiosenders MARYJA mit seinen antisemitischen, homophoben und anti-ökumenischen Positionen, die sich immer noch aus dem vielleicht verständlichen strammen Antikommunismus früherer Jahrzehnte speisen (vgl. Radio Horeb, Radio Gloria).

Als Staatsideologie ist dieser Fundamentalismus natürlich auch antiliberal und man weist gelegentlich daraufhin, dass auch im offiziellen Katechismus der römisch-katholischen Kirche von Demokratie keine Rede ist. „Es ist eine Schande,“ erklärt Christian Modehn, „dass sich jetzt in Europa eine Kulturrevolution vollzieht, in reaktionärstem katholischen Geist“.

Ist dies wirklicher katholischer Geist? Die Frage ist kaum zu beantworten, weil der antiliberal reaktionäre Bodensatz des urkatholischen Antiliberalismus immer noch nachwirkt. Auch starken innerkatholischen Kräften, die Radio MARIYA das Handwerk legen möchten, ist trotz der Interventionen bis hinein in den Vatikan noch nicht gelungen. Dass Polen sich gegen jede Hilfe bei den aktuellen Flüchtlingsbewegungen verweigert, ist offensichtlich der Tatsache zu verdanken, dass dieser Katholizismus alle Gefühle der Solidarität auf Mitkatholiken verengt. Dass sich die jetzt führende Partei unter dem Regime von Kanscinsky ausgerechnet Recht und Gerechtigkeit nennt, kann nur mit Ironie vermerkt werden. Sein Fundamentalismus ist primär staatspolitischer Art, obwohl dieser ungebrochen auch einen nationalen Fundamentalismus abschöpft.

Über die Frage, warum sich dieser Fundamentalismus ausgerechnet 2015 in volle Schärfe durchgesetzt hat, ist hier nicht zu entscheiden. Dies hängt sicher einer allgemeinen Europamüdigkeit oder Europakrise zusammen. Bedenklich ist aber, dass in diesem Augenblick ein katholischer Fundamentalismus bedenklichster und unchristlichster Art in die Bresche springt. Als solcher erfüllt er alle Bedingungen einer radikal rechten, auf Bewahrung und Ordnung bedachten Politik

These 8
National ethnischer Fundamentalismus in Ungarn beruft sich auf seine christlichen Grundlagen des 10. und 11. Jahrhunderts.

Ungarn zog die Aufmerksamkeit auf sich, als die ersten Flüchtlingsströme in das Land drängten. Zu nennen ist Viktor Mihály Orbán, von 1998-2002 und seit 2010 Ministerpräsident in Ungarn, Vorsitzender der Partei Fidesz-Ungarischer Bürgerbund. Seit 2002 ist er Vizepräsident der Europäischen Volkspartei und seit 2001 einer der Vizepräsidenten der Christlich Demokratischen Internationale. „Seit seiner Wahl 2010 zum Ministerpräsidenten wird gegen Orbán der Vorwurf erhoben, die Menschenrechte in Ungarn systematisch einzuschränken.“ (Google).

Innerhalb und außerhalb Ungarns ist er höchst umstritten. Seine Verteidiger erklären, die politische Situation Ungarn sei unhaltbar und kommunistisch unterwandert gewesen. In Wirklichkeit vollzog sich ein komplizierterer Prozess. Schon 2003, also lange vor der aufkommenden „Flüchtlingskrise“ berichtet John Horvarth vom „Erstarken der Religion“ und dem „Aufstieg der neuen Rechten“.

Eigentlich hat die Partei Fidesz, die heute als nationalkonservativ, rechtspopulistisch, autoritär und nationalistisch eingestuft wird, gute Geburtspapiere. Sie begann als Protestpartei junger Intellektueller und trug – durch eine Rede von Victor Orbán – zum Sturz des kommunistischen Regimes bei, saß vor der Wende am “Runden Tisch“ und wurde Mitglied der Europäischen Volkpartei (EP). 2007 weigerte sie sich, die paramilitärische Organisation „Ungarische Garde“ und deren Umsturzversuche zu verurteilen; allerdings sprach sie sich gegen Anwendung von Gewalt aus. 2010 erhielt die Partei 53% der Stimmen, 2010 eine Zweidrittelmehrheit. Seitdem ist eine Politik des Abbaus von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zu beobachten.

Wichtig ist für unsere Fragestellung das verständliche Erstarken der (christlichen) Religion nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes. Die spannende Frage war nur, was man von der christlichen Religion erwartete: neue Ordnung und Stabilität, neue Werte, – traditionelle Werte wohlgemerkt, die festgefügt sind und über die nicht zu diskutieren ist. Was ihnen fehlte, war jeder Hinweis auf die modernen Werte von Menschenrechten, Demokratie, Toleranz und Diskriminierungsverboten, die in Ungarn [Polen, Tschechien, Slowakei] nicht verankert waren. Von demokratischer Innovation, also einer Reflexion auf die Umsetzung traditioneller Wert in die Gegenwart, fand sich keine Spur.

Jetzt war vom „Kampf der Kulturen“ die Rede und das Regime Orbáns nahm zäsaropapistische Züge an. 2012 trat ein Religionsgesetz in Kraft, das dem Parlament das Recht vorbehält, religiöse Gemeinschaften als solche zu beurteilen. Z.B. wurde die Christlich-mennonitische Kirche abgewiesen.

Bei einem Besuch in Moskau hat Orbán erneut Bedenken gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge in Europa geäußert. Der Zustrom höhle die nationale Identität der EU-Mitgliedsstaaten aus und erhöhe die Terrorgefahr. Ihm komme es darauf an, in Ungarn [und einigen anderen Ländern] die ethnischen und christlichen Wurzeln gegen den unkontrollierten Strom von Zuwanderern zu schützen. Meines Erachtens bedarf es keiner weiteren Begründung dafür, dass die christlichen Wurzeln, die Orbán meint, mit der christlichen Botschaft nur noch wenig zu tun haben. Putin hat ihm übrigens zugestimmt. Sie formulieren einen Besitzanspruch und eine Fremdenabwehr, die mit dem biblischen Reich Gottes nichts mehr zu tun haben, sondern die christliche Tradition fundamentalistisch-parasitär benutzen. Die christliche Glaube ist zur Selbstabschottung verkommen.

Auf einem Kongress von Konservativen in Madrid wird Orbán im Oktober 2015 wegen seiner Flüchtlingspolitik umjubelt. „Europa kann nicht jeden aufnehmen, der ein besseres Leben sucht.“ 70 Prozent der Flüchtlinge sähen „wie eine Armee“ aus; deshalb rügt er die Bilder von verzweifelten Frauen und Kindern. Das römische Reich sei zusammengebrochen, weil es seine Grenzen nicht schützen konnte. Das sagt der Regierungschef eines Landes, das 1990(?) als erstes die Grenzen … geöffnet und damit zum Zusammenbruch des Ostblocks einen wesentlichen Beitrag geleistet hat.

 Ágnes Heller charakterisiert die Ideologie Orbáns und der FIDESZ-Partei als „fundamentalistischen Nationalismus“. „Die Regierung Orbán denkt, die Nation sei eine Gemeinschaft von urwüchsigen Ungarn, unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft. Die Nation ist ethisch und kulturell begründet, nicht von Staatsbürgerschaft abhängig. Die Nation ist wichtiger als die Staatsbürgerschaft.“ Er erinnert wohl zu Recht an den Friedensvertrag von Trianon (1920), durch den Ungarn rund zwei Drittel seines Staatsgebietes verloren hat. Offensichtlich ist dieser Verlust noch nicht verarbeitet, vielmehr spricht Orbán noch für die Ungarn, die heute in der Slowakei, in Serbien, und in Rumänien leben, so Gáspár Miklós Tamás. Das heißt, dass nach Orbán auch die Roma und andere Minderheiten kein Teil der Nation sind. Gemäß der Analyse von Tamás gilt das auch für Arbeitslose, Arme und Kranke. „ „Der Staat führt einen Klassenkampf zwischen kapitalistisch Aktiven (also Arbeitern, Unternehmern usw.) und denen, die nicht mehr arbeiten, also Arbeitslosen, Kranken und Obdachlosen. Kranke Bürger bestimmen nicht mit, Mittelstands-Ungarn aus den Nachbarländern aber schon. Vor diesem Hintergrund gilt auch seine Vermutung, das Ziel der FIDESZ sei ein Ein-Parteien-Staat.“

Oppositionelle werden systematisch zum Schweigen gebracht. Ca. 15.000 Intellektuelle haben in den letzten Jahren ihre Jobs verloren. Es gibt inzwischen eine Panik davor, deklassiert zu werden.

Ich habe keine Informationen zur Frage gefunden, welche Beziehungen Orbán zu den Kirchen unterhält. 52% der Ungarn nennen sich katholisch, ca. 15% reformiert. Orbán lehnt es ab, Muslime ins Land zu lassen. Der Fall von Konstantinopel und die in der Tat schlechten Erfahrungen mit türkischen Besatzungen wirken bis heute nach. Ein oft genug von Besetzung und Missachtung gebeuteltes Land zieht destruktive, keine kreativen Folgerungen und übernimmt damit das Grundmuster eines jeglichen Fundamentalismus. Das Land will „christlich“ sein. Das klingt in der Tat christlich, doch bislang hat ihm noch kein verantwortlicher Bischof oder Gemeindeleiter widersprochen. Bekannt wurde nur die Äußerung des ungarischen Bischofs Laszlo Kiss-Rigo vom September 2015: Der päpstliche Appell vom 7. Sept. 2015 zur Solidarität mit den Flüchtlingen verhallte ungehört. „Das sind keine Flüchtlinge, das ist eine Invasion“, erklärte der in Budapest geborene Bischof von Szeged-Csanád „Die kommen hier an und schreien ‚Allahu Akbar‘. Sie wollen die Kontrolle übernehmen.“. Menschen, die nicht in Kategorien von Beziehungen und möglichem Respekt, sondern nur in der Kategorie von unterwerfender Macht zu denken vermögen, leuchtet diese katastrophale Reaktion unmittelbar ein.

These 9
In Frankreich hat ein kultureller Gewohnheitsfundamentalismus an Bedeutung gewonnen. Faktisch hat auch er katholische Wurzeln.

Ganz anders stellt sich die Situation in Frankreich dar. Ein Staatssystem, dass nach dem Modell der laïcité von der Kirche völlig getrennt und auf diese Trennung stolz ist, – eine Gesellschaft, von der man meistens hört, dass Kirche und Theologie, Glaubensaussagen und religiöse Appelle keinerlei Autorität genießen: kann man da überhaupt noch von einem religiös gespeisten Fundamentalismus reden? Ja, man kann, und offensichtlich bewahrheitet sich in Frankreich die Hypothese, dass der Fundamentalismus grenzenlos parasitär sein kann.

Frankreich hat eine religiös fundamentalistische Geschichte hinter sich. Der römisch-katholische Antimodernismus und Antiliberalismus konnte nach der Revolution (1798-1799), nach 1870 (Dritte Französische Republik) und vor allem nach 1905 (Trennung von Kirche und Staat) aufblühen. Große Teile der katholischen Kirche träumten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein der Monarchie nach, versöhnten sich lange nicht mit der republikanischen Staatsform und zogen sich nach 1905 endgültig in eine antiliberale, royalistische Schmollecke zurück. Bischof Lefevre ist einer der Protagonisten des rechten, fundamentalistisch unbelehrbaren Flügels einer Kirche, die schon früh auch eine andere, experimentierfreudige Seite entwickelte (man denke nur an das Experiment der Arbeitsbewegung und an die nouvelle théologie).

Diese fundamentalistisch reaktionäre Seite der französischen Kirche ist nie wirklich verschwunden. Immerhin ist Benedikt VI. Mitglied der altehrwürdigen Académie des sciences morales et politiques (Paris) und der alte kämpferische Fundamentalismus flammte spätestens im wieder auf, als im Februar 2013 die Homo-Ehe (genauer: die zivilen Solidaritätspakte) eingeführt wurde/n. Unter den Rechten brach ein Sturm der Entrüstung los, dauerte aber nicht lange an. Die Presse sprach von „erzkonservativen Untergangspropheten und bigotten Hysterikern“, deren Widerstandskraft Ende Mai erschöpft war. Wieder einmal erlitt ein reaktionärer Katholizismus eine Niederlage. Die Bilder von Klerikern, die betend auf der Straße knieten, gingen um die Welt. Sie erweckten den Eindruck, in Frankreich breche die Stunde der Religion wieder an. All dies hinterließ ein beklemmendes Gefühl, doch in der Mehrheit des französischen Volkes setzten sich diese religiös-rückwärtsgewanden Impulse nicht durch.

Gleichwohl ist dieser Fundamentalismus alles als andere überwunden. Er wirkt auf viel tieferen Ebene weiter und ich möchte sie die Ebene eine anonymen kulturellen Erbes nennen, das sich als kultureller Fundamentalismus charakterisieren lässt. Anlässlich der Massaker vom Januar 2015 in Paris und angesichts der großen Parole je suis Charlie, die Zehntausende von Franzosen am 11. Januar 2014 auf dem Place de la République zusammenbrachte, schrieb  der französische Kulturkritiker Emmanuel Todd ein aufsehenerregendes Buch: Qui est Charlie? / Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens (Verlag C.H. Beck). Er verurteilte nicht die große Demonstration in Paris, aber er entdeckte in Frankreich eine tiefgreifende Veränderung: „Passt auf! Das Frankreich, mit dem ihr es heute als eurem wichtigsten Partner in Europa zu tun habt, ist nicht mehr das gewohnte Frankreich. Ihr glaubt immer noch, es mit einem liberalen, egalitären, universalistischen Frankreich zu tun zu haben. Doch gerade ihr Deutschen, die ihr zwar eine große Demokratie geschaffen habt, aber die ihr entgegen allem, was gesagt wird, immer noch leicht zu verunsichern seid und im Tiefsten an euch zweifelt ‑ macht jetzt bloß nicht den Fehler, euch einzureden, dass, wenn die Franzosen etwas tun, das schon in Ordnung sei.“ Dann sprach er vom anderen Frankreich, das es auch immer schon gab, nicht vom „zentralen Frankreich“ das die Werte der Republik verkörpert, sondern vom „geografisch peripheren Frankreich mit autoritäreren, hierarchischeren Familienstrukturen“ (Rennes, Toulouse, Lyon, so diese „Schutzwälle des Katholizismus“ noch bestehen). „Es war katholischer als der Rest“, das sich immer gegen die Revolution gewehrt und die Basis des Vichy-Regimes geliefert hat. Heute geht es nicht um das Land des Vichy und des Nazikollaborateurs Pétain. Es ist nach Todd ein Land, das Terroristen produziert.

Was hat sich jetzt geändert? Heute erzielt der Front National nicht in den genannten Regionen seine Erfolge, sondern ausgerechnet in den „Bastionen des alten, egalitären Pariser Beckens“ und die Sozialdemokraten setzen sich in den peripheren Gebieten durch. Dort sind sie seit den 1980er Jahren gewachsen.

Todds Folgerungen sind nicht gerade freundlich. Der Front National sei von einer subjektiven Xenophobie geprägt, die Sozialisten von einer objektiven. Sie hielten die Einwanderer und ihre Kinder offiziell willkommen, kümmerten sich aber nicht um sie. Beiden Gruppen, den Christen und den Sozialisten wirft er vor, dass sie in eine metaphysische Leere geraten sind. Die Sozialisten entlarvt er als „Zombie-Katholiken“, also als untote Katholiken, die blind alten Schemata verfallen. „Frankreichs Hauptwahrheit liegt darin, dass seine Mittelklasse-Mehrheit christlichen Ursprungs, die mitten in der Glaubenskrise steckt, sich auf den Islam als Sündenbock fixiert hat. Um den eigenen Atheismus zu beruhigen, indem man die einzige Religion verteufelt, die noch bleibt. Dabei ist der Anstieg der Islamophobie den Attentaten vorausgegangen. Diese haben ihn nur beschleunigt. Todds Folgerung: „Christlicher Glaubensverlust und soziale Krise sind ein Rezept fürs Desaster“.

Auf den ersten Blick ist das eine merkwürdige, gar widersprüchliche Antwort. Ich ziehe aus seinen Worten eine doppelte Folgerung.
Die erste mehr implizite Folgerung lautet: Noch immer herrscht in der Tradition dieses Landes eine undemokratisch autoritäre Tradition aus Zeiten, in denen das Christentum noch lebendig war. Dieses autoritäre, sagen wir fundamentalistische Christentum bietet für die gegenwärtige Gesellschaftsgestaltungnach wie vor einen wichtigen undemokratischen und autoritären Bodensatz und Baustein. Dies erinnert mich an eine Bemerkung des deutsch-französischen Jesusiten und Theologen Christoph Theobald, der vor wenigen Monaten sagte: „Frankreich hat zwar heute kein starkes Christentum mehr, aber kulturell ist das Land katholisch geblieben, und das heißt: zentralistisch und hierarchisch. Dadurch wurde ein sozialer Dialog an der Basis, in den Departements und Gemeinden, verhindert.“ (Zeit v. 10.12.15) Auch das ist eine bestimmte Art des Fundamentalismus, der sozusagen nur aus Gewohnheit, Verdrängen und Vergessen besteht.

Die zweite, explizite Folgerung lautet: Zum katastrophalen Schaden des Landes gibt es einen Verlust sowohl an vitaler christlicher, als auch an vitaler sozialistischer Substanz. Ob und wie die beiden zusammenhängen, sei hier nicht näher besprochen. Diesen doppelten Verlust fasst Todd so zusammen: „christlicher Glaubensverlust und soziale Krise sind ein Rezept fürs Desaster“. Die soziale Krise lässt sich nur durch ein vital schöpferisches Christentum und/oder durch einen sozialen Sozialismus lösen, die nicht von Xenophobie getrieben werden. Das Problem scheint also darin zu bestehen, dass der Front National zum schon bestehenden fundamentalistischen und nicht egalitären Bodensatz hinzu jetzt in den egalitär geprägten Gebieten einen weiteren Erfolg erzielen kann.

Schließlich füge ich noch eine Antwort von Christoph Theobald hinzu, der bemerkt: „Außerdem hat der französische Laizismus, also die strikte Trennung von Kirche und Staat, zur religiösen Sprachlosigkeit in der Öffentlichkeit beigetragen. Viele Politiker sind heute unfähig, mit religiösen Phänomenen umzugehen.“ Auch der Laizismus hat also fundamentalistische Folgen.

Zum Schluss bleibt nur noch die Konklusion: Frankreich ist in einen dreifachen Fundamentalismus gefallen: den bodenständigen Autoritarismus als Erbe christlicher Zeiten, in das Erschlaffen einer christlichen und/oder sozialistischen Dynamik, die das alte Erbe hätte überwinden können und in die Unfähigkeit, über Religion und religiöse Handlungen einen Diskurs zu eröffnen.

Die Gesamtanalyse ist für mich ein weiteres Zeugnis für die endlose Vielfalt, des parasitären Phänomens der Fundamentalismus und ein Anlass zur Vermutung, dass Fundamentalismus im letzten schlicht aus Trägheit und Dummheit, der Angst vor dem Anderen oder aus Banalität besteht.

These 10
In Deutschland
am rechten Rand der etablierten Kirche sind massive plitische Umtriebe nicht zu unterschätzen

Am 18. Februar 2016 ist in der KNA folgen Meldung zu lesen:
„Kurienerzbischof Georg Gänswein hat angesichts der Flüchtlingskrise gemahnt, dass Europa sein jüdisch-christliches Erbe nicht vergessen dürfe. Andernfalls werde Europa „anfällig und schwach. Es wäre die gute Seite der Medaille, wenn durch die große Flüchtlingswelle, die mehrheitlich muslimisch ist, ein Weckruf, eine Rückbesinnung auf die eigenen religiösen Wurzeln erfolgen würde. Ich bezweifle, dass das so ist“. Der Respekt der nach Deutschland kommenden Muslime werde aber nicht gefördert, wenn diese realisierten, dass Religion hierzulande kaum eine Rolle spiele.“

Dieses Zitat zeigt die Zwiespältigkeit einer Argumentation, die fundamentalistisch vorgeht, ihren Fundamentalismus aber verbergen will. Das ist allerdings nicht neu. Wie auch in anderen Ländern gibt es aus langer Tradition einen unversöhnlichen Konservatismus, der je nach Stimmung und Thematik konfessionell geprägt oder konfessionsüberschreitend ist. Für einen konfessionsbestimmten katholischen Konservatismus stehen Mariae Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis (geb. 1960) und Hedwig Freifrau von Beverfoerde (geb. 1963), Matthias Matussek und Alexander Kissler, Wolfgang Ockenfels OP, Birgit Kelle und Gabriele Kuby, Kuratoriumsmitglied des „Forums Deutsche Katholiken“. Es ist ein Katholizismus, der sich eng an Joseph Ratzinger anschließt, von einem Freund-Feind-Denken bestimmt ist und andere Meinungen nicht zulässt. Bekannt sind die Internetportale kath.net und idea spektrum. Die Kernthemen dieser Kreise sind bekannt: Frauenfrage und Gendertheorie, Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik und Euthanasie, Klage über Sitten- und Glaubensverfall, Ehe und Familie sowie Erziehung durch Vater und Mutter, Ablehnung der Homoehe, Religionsunterricht in den Schulen …, diese Themen sind hinreichend bekannt.

Aufsehen erregte vor kurzem das Forum deutscher Katholiken, das sich für die Seligsprechung von Johannes Dyba einsetzt, der im Juli 2000 gestorben ist. Vom 22.-24. Februar2015 fand in Aschaffenburg der Kongress „Freude am Glauben“ mit Lichterprozession und Marienweihe statt, an dem u.a. Bischof Hofmann (Würzburg), Ex-Bischof Tebartz van Elst und Bischof Burger (Freiburg) auftraten. Kardinal Meisner hielt das abschließende Pontifikalamt.  Man mag gelassen darüber hinweggehen und den innerkatholischen Reaktionären ihre Spielwiese, ihre Frömmigkeitsstile und Autoritätsvorstellungen überlassen. Doch es geht nicht um unschuldige Nostalgien von ewig Gestrigen. Es ist nämlich unbestreitbar, dass diese Kreise ihre guten Beziehungen zu Bischöfen unterhalten und mir ist keine bischöfliche Verlautbarung bekannt, die sich dazu kritisch geäußert hätte.

Zudem hat sich in den vergangenen Monaten gezeigt: Die fundamentalistische, sich christliche gebende Tradition rührt und äußert sich zunehmend wieder in der politischen Öffentlichkeit mit Themen, die innerkirchliche Debatten überschreiten. Man riecht Morgenluft. So begründet der Arbeitskreis „Christen in der AfD“ seine AfD-Mitgliedschaft in der Erklärung des Pforzheimer Kreises (23.01.2014) mit den genannten Kampfthemen und beschließt die Erklärung mit dem ausführlich zitierten Glaubensbekenntnis. Schon das ist ein Anspruch, dessen innere Unaufrichtigkeit sich kaum übertreiben lässt.

Gemäß dieser Erklärung istdie Auseinandersetzung mit dem Islam in Deutschland von einer Mischung aus Wunschdenken und Naivität geprägt. Es ist nicht einsehbar, dass der Islam, sollte er zu weiterem politischem Einfluss in Deutschland gelangen, sich gegenüber religiös Andersdenkenden anders verhalten sollte als in seinen Stammländern. Über diese bedeutsamen Sachverhalte muss endlich eine freie und vorurteilslose Diskussion möglich sein, bei der keinerlei Denk- und Sprechverbote angebracht sind. Die theologischen Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum werden zumeist überschätzt, da die Kernbotschaften des Christentums, insbesondere die Gottessohnschaft Jesu und die Wiederauferstehung, vom Islam in Abrede gestellt werden.“

Angriff ist die beste Verteidigung, das gilt auch für die AfD. Die Leitlinien der deutschen Bischofskonferenz zum Umgang mit Flüchtlingen kritisierte Frauke Petry als „verlogen“ Inzwischen, so Petry, würden einige Amtsträger der deutschen Kirchen ihre Stimme offenbar mehr für Muslime als für eigene Glaubensbrüder erheben. Das ist noch eine der zahmeren Erklärungen. Alexander Kissler beklagt die Kritik an Tebartz-van Elst als „Hatz auf Tebartz“ und die Kritik von Erzbischof Zollitsch an der AfD (2013) kritiserte er „Blutgrätsche gegen die bürgerliche Konkurrenz aus den Tiefen des Unbewussten“. Er bezweifelte die demokratische Reife von Weltgang Bosbach wegen seiner Pegida-Kritik. Liane Bednartz hat eine ganze Reihe solcher Fehlleistungen aufgezählt.

Das dunkelste Kapitel ist wohl die oft dreiste Inanspruchnahme christlicher „Werte“ durch Pegida-Anhänger oder zur Verteidigung von Pegida. Andreas Püttmann nd Liane Bednarz fassen ihre ausführlichen Recherchen zur „Bewegung am rechten kirchlichen Rand“ wie folgt zusammen:
– Antiwestliche Dekadenzkritik und Kontakte zur „Neuen Rechten“ gibt es auch im konservativen Milieu beider großer Kirchen.
– Christen loben Putins Russland für seine „werteorientierte“ Politik bei der Verteidigung der traditionellen Familie.
– Quantitativ marginale, aber lautstarke rechtskonservative Netzwerke könnten in weiter schrumpfenden Kirchen an Einfluss gewinnen.
– Christlicher Glaube generell erweist sich in empirischer Analyse als Faktor politischer Mäßigung, religiöser Toleranz, mitmenschlichen Vertrauens und sozialen Engagements.

 Zahlenmäßig sind die Gruppierungen am rechten Kirchenrand schwer zu messen, mit Sicherheit klein, aber hoch engagiert, immer dazu geneigt, zu vergröbern und Fronten zu simplifizieren, Andersdenkende zu diffamieren. Bei nichtigen Angelegenheiten wird das demokratisch verbriefte Recht auf Widerstand bemüht und ein pessimistisches Bild von der Kultur wird gezeichnet: Klaus Kelle schrieb am 13. Mai 1015 auf Kath.net:

„Begleitet von einer wohlmeinenden Medienschar erleben wir seit einigen Monaten die Kampagne von an sich innerkirchlich bedeutungslosen Organisationen und Einzelpersonen, jeden Gläubigen, der noch das Vaterunser auswendig aufsagen kann und überzeugt ist, dass Jesus nicht so eine Art erster Sozialist der Menschheitsgeschichte war, als ‚Rechtskatholiken‘ zu brandmarken.“ Der durch Übertreibung ad absurdum geführten „Kriteriologie“ folgt die Unterstellung: „Wer Christus’ Lehre ernst nimmt, wer die Familie aus Mann, Frau und Kindern als natürliche Gemeinschaft ansieht, soll an den Rand gedrängt werden.“

Bekannt ist, dass Pegida mit Nachdruck versucht, sich als christliche Bewegung zu legitimieren, indem sie sich zur Hüterin der christlichen Kultur ihres „schönen“ Deutschland präsentiert. Zudem ist davon auszugehen, dass viele Mitglieder der christlichen Kirchen mit der Pediga und/oder der AfD sympathisieren. Nach meiner Vermutung fühlen sich dort viele aufgehoben, die ihren vitalen Kontakt mit einer christlichen Lebenspraxis aufgegeben haben aber dennoch nach bleibenden vagen Verbindungen suchen. Diese werden dann in nostalgischen Bausteinen früherer Sinngebungen gesucht. Dann spricht man von den schönen Kirchen und Domen, vom stimmungsvollen Weihnachtsfest, man trägt auf der Demo einen Tannenbaum oder ein beleuchtetes Kreuz mit und man ärgert sich darüber, dass die Dome von Erfurt oder von Köln beim Aufmarsch der Pegida nicht beleuchtet werden.

Was ist dagegen einzubringen? Natürlich, dass hier ziemlich unreflektierte, dumpf enttäuschte Kräfte am Werke sind, **  und für mich sind die Pegida-Demonstrationen eine treffende Demonstration für den finsteren, destruktiven, von banalen Instinkten getriebenen Kern eines jeden Fundamentalismus. Für mich steckt in jedem Fundamentalismus, auch wenn er hochreflektiert wie in der neuscholastischen Theologie daherkommt, ein Stück dieser beziehungsunfähigen Degeneration. Von diesem moralischen Verfall sind alle fundamentalistischen Bewegungen befallen; er ist ihr universales Kennzeichen.

These 11
Auch in den etablierten Kirchen des Christentums sind die massiven fundamentalisitschen Affinitäten zu einer rechtgerichteten Politik nicht zu unterschätzen. Engagierte Mitglieder der römisch katholischen Kirche und der evangelischen Kirchen haben sich damit selbstkritisch auseinanderzusetzen.

Gegen Ende dieses provisorischen Überblicks über die rechten Tendenzen in einigen europäischen Staaten komme ich auf das Motto zurück, das ich diesen Ausführungen vorangestellt habe. Emmanuel Todd schreib: „Die richtige Reaktion einer Gesellschaft, der es schlecht geht, bleibt für mich die Selbstkritik – und nicht die Dämonisierung äußerer Umstände“. Ich will aus römisch-katholischer Perspektive dazu einige Hinweise geben..

An allen hier besprochenen vorgestellten Beispielen eines politischen Fundamentalismus hat sich gezeigt: Der Bezugspunkt der fundamentalistischen Verwerfungen sind nicht die Bibel, das Glaubensbekenntnis oder ein anderer normativer christlicher Text der Christentumsgeschichte, auch nicht einfach eine bestimmte Lehre. Der entscheidende Dreh- und Angelpunkt ist die Institution Kirche als aktuelle, sich selbst behauptende und sich selbst perpetuierende Größe. So waren zum Beispiel von katholischen Standpunkt aus gesehen, waren die Definitoren der päpstlichen Unfehlbarkeit hellsichtige Leute, auch wenn der Verfasser der entscheidenden – selbst unfehlbaren – Bulle ein notorischer Lügner, secualler Straftäter, ein primitiver Marienverehrer und notorischer Hehler in Mordangelegenheiten war. Diese Bemerkung kann die Tatsache bekräftigen, dass sich fundamentalistische, weil monologische, objektivistische und rechthaberische Tendenzen von moralischen Regeln nicht unbedingt beeinflussen lassen. Das lässt sich im inneramtlichen Alltag der katholischen Kirche mühelos nachweisen. Man beobachte nur den Umgang der Amtskirche mit Menschen, deren Reden oder Handeln den kirchenamtlichen Überzeugungen in die Quere kommt.

Es ist kein Wunder, dass es nach dem 2. Vatikanischen Konzil geradezu zu einer Explosion von fundamentalistischen Bewegungen gekommen ist. Man denke nur an die reaktionären Bewegung um Lefebvre oder an Opus Dei, an die Legionäre Christi und die vielen anderen, an die zahlreichen fundamentalistisch orientierten Kardinäle und Bischöfe. Ich nenne Johannes Dyba (1929-2000; zuletzt Bischof von Fulda), Walter J. Mixa (bis 2010 Bischof von Augsburg), Kurienerzbischof Georg Gänswein, bis 2013 Graue Eminenz im Vatikan), Kard. Joachim Meisner (bis 2014 Erzbischof von Köln), Kard. Walter Brandmüller (bis 2009 Präsident des päpstl. Komitees für Geschichtswissenschaft), schließlich die beiden Päpste Karol Wojtyła und Joseph Ratzinger). Sie zeigen, die schwierig für Amtsträger und engagierte Kirchenmitglieder der Kampf gegen innerkatholische Fundamentalismen ist.

Wenn solcher Fundamentalismus schon am grünen Holze geschah oder geschieht, ist den Menschen nicht zu verdenken, dass sie dieses fundamentalistisch verborgene Christentum mit dem wahren Christentum verwechseln. So gesehen, bedeuten alle fundamentalistischen Umtriebe in Europa (Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei, Frankreich, Niederlande und Deutschland …) eine Anklage gegen den kirchenamtlichen Fundamentalismus. Die vorschnelle und grenzwertige Heiligsprechung eines Johannes Paul II. oder des Gründers von Opus Dei (J. Escrivá de Balaguer y Albas) besstätigen eine erschreckende Selbstgerechtigkeit und einen gnadenlosen Autoritarismus in der katholischen Kirche. Es hilft nicht viel, wenn sich die Bischöfe jetzt (was ja durchaus richtig ist) gegen die Hasssprache der AfD wehren. Sie müssten auch im eigenen System alle Motive ausräumen, die zu solchen Hassfolgerungen ermutigen. Welcher Bischof hat je auch nur ein Wort gegen den innerkirchlichen Autoritarismus gewagt? Deshalb ergibt der Kampf gegen innerkatholische (innerkirchliche) Fundamentalismen keinen Sinn, wenn er sich nur gegen fremde fundamentalistische Bewegungen richtet, die eigenen Sünden also nach außen projiziert. Solche unkritischen Projektionen gegen den Bazillus der Beziehungslosigkeit und Selbstgerechtigkeit ermöglichen keinen Fortschritt.

Man mag diese Stellungnahme als ein leidenschaftliches Plädoyer für die Kirchen der Reformation verstehen. Denn Martin Luther – und auf seine Weise Johannes Calvin – haben sich zu Recht gegen die Selbstherrlichkeit der damaligen Papstkirche gewehrt; ihre Neuentdeckung der Schrift hätte allem späteren Fundamentalismus für immer einen Riegel vorschieben können. Warum ist das nicht geschehen?

Nach meinem Urteil hält die aktuelle Fundamentalismusdebatte nicht nur den aktuellen Konfessionen mit ihren antimodernistischen Anteilen den Spiegel vor, sondern auch ihrer ökumenischen Interaktion, die sich in den vergangenen Jahrzehnten formal intensiviert hat. Man könnre zum Beispiel die Frage stellenn, warum die Kirchen der Reformation aktuell den offiziellen Katholizismus mit so viel Freundlichkeit und Nachsicht behandeln. Die Antwort kann ohne großes Nachdenken gegeben werden. Die Kirchen der Reformationen haben sich ihre eigenen fundamentalistischen Verhaltensmuster ausgebildet. Ein unbefangener, von den Irritationen der Moderne unberührter Rückgriff auf die Schrift ist ihnen seit gut 150 Jahren kaum mehr gelungen. Die Herausforderung durch die Moderne wurde von keiner der beiden Kirchentümer bewältigt.

Das zeigt sich in verräterischer Weise an der gemeinsamen Re-rezeption der Rechtfertigungslehre durch die Augsburger Gemeinsame Erklärung von 1999. Sang-, klang- und folgenlos ist sie in den Archiven verschwunden. Warum? Weil unter diesem Nenner keine der Konfessionskirchen die Herausforderung der Zeit kreativ aufgegriffen und zu einem neuen Selbstverständnis verarbeitet hat. Es gibt eine interessante Abhandlung der evangelischen Theologin (und ausgebildeten Juristin) Ethel L. Behrendt mit dem Titel: Die Gnade Gottes. Wie die Kirchen sie entwerte und GOTT unkenntlich gemacht haben. Zur Vertreibung der Gerechtigkeit aus dem Glauben der Christen. Ihre – zugegeben – harte These lautet: Beginnend mit Paulus haben sich die christlichen Kirchen in wachsendem Maße von der urbiblischen Leidenschaft für Recht und Gerechtigkeit, also von der jesuanischen Vision einer in Gerechtigkeit versöhnten Menschheit („Reich Gottes“) entfernt. Zum Kernproblem wurde eine ursprünglich sekundäre oder tertiäre Frage, die nach dem eigenen Seelenheil.

Walter Kasper erklärte in seiner hommage für Luther (Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive, Patmos 1016). „Mit Wucht stellte er [Luther] die zentralste aller Fragen, die Gottesfrage, ins Zentrum: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« Das war Luthers existenzielles Problem, das ihn persönlich umtrieb. … Damit setzte Luther, gegen die damalige Veräußerlichung, auf eine Verinnerlichung des Christseins.“ Man kann dem nur einen anderen Aspekt dieser Gottesleidenschaft entgegensetzen: Mit dieser Frage hat Luther eine klassische, im Grunde heilsegoistische Mönchsfrage, nicht aber die zentrale Leidenschaft Jesu ins Zentrum gestellt. Das scheint mir der Grund dafür zu sein, dass dieses Christentum heute Gefahr läuft, eine jede gesellschaftlich Relevanz zu verlieren und sich in einen dastruktiven Fundamentalismus zu flüchten. Hätte Jesus je die Frage gestellt, wie er einen gnädigen Gott kriegt, wie die Gruppe der Nachfolgenden, ihn gewinnen kann, ob er und seine Jünger also in den Himmel kommen? Durch den Verlust des ursprünglichen Gerechtigkeitsimpulses wurde der Glaube orientierungslos. In der Neuzeit – noch heute – flüchtet er sich in wachsende Reflexion und Abstraktion. Gottes Offenbarungen werden zur Gottes Selbstoffenbarung stilisiert, die Impulse zu befreiendem Handel zur abstrakten Frage nach der Freiheit usw. In dieser orientierungslosen Selbstbeschäftigung müssen Fundamentalismen ins Kraut schießen, es gibt vor allem keine Impulse mehr, die diese Fundamentalismen durchbrechen könnten. Solange sich unsere Kirchen nicht auf einen radikal urjesuanischen Neubeginn einlassen, werden sie aus ihren Mühlen von Selbstmitleid und fundamentalistischen Projektionen nicht mehr herausfinden.

Mit einer Mischung von Erheiterung und tiefer Irritation konnte man das Treffen der Patriarchen Franziskus (aus Rom) und Kyrill (aus Moskau) am 12. Februar 2016 verfolgen. Auch nur, um den Anschein zu vermeiden, die Kirche des einen habe vielleicht mehr recht als die Kirche des andern, mussten sie nach Havanna reisen, um sich dort in einem Flughafengebäude zu begegnen. Gewiss, auch dieser Ort blieb nicht ohne Symbolik und in der gemeinsamen Erklärung hat man dies nach Kräften herausgearbeitet. Man interpretierte Kuba als „Kreuzungspunkt von Nord und Süd sowie von Ost und West. Von dieser Insel, dem Symbol der Hoffnungen der ‚Neuen Welt‘ und der dramatischen Ereignisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts“ wollten die Patriarchen ihre Botschaft „an alle Völker Lateinamerikas und der anderen Kontinente“ richten. Beide schauten auf das „religiöse Potential Lateinamerikas“ und ihre Worte klangen wie eine Hoffnung, dass beide daran teilhaben möchten. Vielleicht ist das zu viel der Projektion. Dennoch vermutlich entsprach dieser Ort einer Verlegenheitswahl. Von Jesus von Nazareth war in ihrem hochprogrammatischen Dokument keine Rede.

Europa befindet sich in einem dramatischen kulturellen, sozialen und politischen Umbruch. Mit diesem Text konnten, wie in einer Momentaufnahme, nur einige Bruchstücke dieser Umwälzungen vorgelegt werden. Dem europäischen Christentum wird eine unbestechliche Probe auferlegt. Sie hat sich zwischen einem verhärteten Fundamentalismus und der prophetischen Leidenschaft Jesu für eine menschenfreundliche Zukunft  zu entscheiden.

Literatur:

Deutschland
Bednarz, Liane, Die Radikalen, FAS 4/2016, 9
Bednarz, Liane, Wie die AfD sich ausbreitet. „Wir haben längste ein Problem mit radikalen Christen“ dpa 02.02.2016
Kippenberg, Hans G., Apokalyptik und Esoterik. Religionsgeschichte in der entzauberten Welt, in:
Koller, Erich, Der Nuntius im Zwielicht [über EB Thomas Gullickson]
Meesmann, Hartmut, Gott der Rechte – Gott der Liebe, in: Publik-Forum 3/2016, 26-29
Pforzheimer Kreis und Arbeitskreis Christen in der AfD Baden-Württemberg, Pforzheimer Grundsatzerklärung vom 15.11.2013
Püttmann, Andreas und, Liane Bednarz, Unheilige Allianzen. Radikalisierungstendenzen am rechten Rand der Kirchen, KA-Stiftung – Monitor Religion und Politik (verschiedene Beiträge)
Sardá y Salvani, Felix, Der Liberalismus ist Sünde. Brennende Fragen, Salzburg 1889

Frankreich
Emmanuel Todd, Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens, München 2015
Emmanuel Todd, „Die Wirtschaft fault, die Gesellschaft fault“, ZEIT 07.01.2016

Polen
Christian Modehn, Fundamentalismus in Polen., SZ v. 18.12.2015
Henryk Woźniakowski, Was ist los in Polen?, in: Europeinfos 2016/2, S. 6

Ungarn:
Buendia Bee, Über „fundamentalisischen Nationalismus“ und Orbán’sche Säuberungen [Zu Ágnes Heller und Gáspár Miklós Tamás], 31. Januar 2014
Horwath, John, Das Wiedererstarken der Religion und der Aufstieg der Neuen Rechten, in: Telepolis v. 16.0u. 2003
Schelkshorn, Hans, Zur Ideologie der neuen Rechten in Ungarn, in: Europeinfos 2016/2, S. 5
Schelkshorn, Hans, Ungarns Neorechte bedroht die Demokratie, in: FR 22.09. 2015