Auferstanden aus Ruinen? Ein schwerer Weg für die Gemeinden

I. Die aktuelle Situation

Laut KNA nimmt Kardinal Reinhard Marx am 22. März 2019 in der Münchner Bürgersaalkirche zur aktuellen Lage der Kirche Stellung und man hört Erstaunliches. Er fordert von der römisch-katholischen Kirche, Traditionen auch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Manche Tradition könne sich weiterentwickeln, erklärt er, und wir dürften keine Angst haben. Meint er das wirklich ernst und was genau will er damit sagen? Natürlich kann man Traditionen auf den Prüfstand stellen und überall auf der Welt entstehen neue. Allerdings möchten wir gerne genauer hören, an welche Traditionen er als römisch-katholischer Kirchenfürst denkt. Engagierte Katholik/innen haben da schon eher Traditionen im Kopf, die schlicht abzuschaffen sind, die aus römischer Perspektive aber auf ewige Zeiten zu bestehen haben. Dazu äußert sich der Kardinal nicht.

Ferner hat die bloße Warnung vor Ängsten noch nie viel geholfen. Natürlich haben wir für die Zukunft unserer Glaubensgemeinschaften Angst, wenn auch nicht vor dem Zusammenbruch der Hierarchie. Ferner kann uns Marx nicht weismachen, kraft seines Glaubens sei er angstfrei. Wer vor nichts Angst hat, verweigert sich der Wirklichkeit. Und wer dies dennoch behauptet, entzieht einer jeden wirklichen Auseinandersetzung die Grundlage.[1]

I/1 Noch nichts gelernt?

I/1.1 Über die Irrungen und Wirrungen eines Kardinals

Stehen wir also vor einem Alles-oder-Nichts Marx greift hier zu einer nichtssagenden Alternative: Angesichts der aktuellen Situation könne man sich zurückziehen und jede Veränderung ablehnen oder sich einen kompletten Neuanfang wünschen. Doch eine „restaurative Rückzugsbewegung“ lehne er ebenso ab wie die Neigung, „alles vom Tisch zu fegen“. Auch damit hat er auf keines der aktuellen Probleme geantwortet. Zwar gibt es zur Genüge restaurative Rückzugsbewegungen, doch um sie zu finden, müsste er sich bei seinen bischöflichen Kollegen umsehen. Seine engagierten Basiskritiker wissen nur zu genau, was auf den Tisch kommen soll. Kurz, der Kardinal weicht aus, flüchtet in eine wohlbekannte Alibi-Rhetorik und dokumentiert erneut, was er weder versteht noch verstehen will.

I/1.2 Eine scheinbar neue Idee

Doch unterschätzen wir den Kardinal nicht, schließlich spricht er von einem Plan, der uns weiterführen soll. Er nennt ihn den synodalen Weg, den „die katholische Kirche [sic!]“ in Deutschland kürzlich beschlossen habe. Auch diese Aussage muss für Irritationen sorgen.
‑ Denn zum einen hat keine Kirche, sondern haben die Bischöfe diesen Beschluss gefasst und wie man später hörte, haben ihm nicht alle Bischöfe zugestimmt, wie Bischof Voderholzer betont; der Beschluss hängt also in der Luft.
‑ Zum andern bleibt der „synodale Weg“ eine Leerformel, die im Kirchenrecht nicht vorgesehen, durch niemanden genauer definiert ist und schon sprachlich eine merkwürdige Doppelung beinhaltet; was ist, genau übersetzt, mit einem Weg des gemeinsamen Weges gemeint?
‑ Zum dritten sind die kirchenrechtlichen Vorgaben und maßgebenden Analogien höchst re­striktiv.[2]
‑ Zum vierten, angesichts der Erfahrungen mit der päpstlichen Bischofssynode muss der konkrete Rechtsrahmen der Unternehmung vor Beginn geklärt sein: Wer beruft gültig ein und bestimmt die Tages- und Verfahrensordnung der Sitzungen, wer hat ein wirksames Stimmrecht, verfasst das Protokoll und stellt es fest, wie bindend sind die verabschiedeten Beschlüsse?
‑ Zum fünften hat man in Deutschland nicht vergessen, wie Rom mit den offiziellen Beschlüssen und Anfragen der Würzburger Synode (1971-75) umgegangen ist. Rom nahm sie nicht einmal zur Kenntnis.

I/1.3 „Jesus und die Eucharistie“

Später spricht Marx vom „richtige[n] Weg, um immer wieder das Zentrum des katholischen Glaubens in die Mitte zu rücken: Jesus und die Eucharistie“. In den vergangenen 40 Jahren ist die erstarkte römische Amtsideologie zu dieser Formel geronnen. Ich entdecke hinter ihr keine biblische Inspiration, sondern eine sakramentalistische, im Grunde antireformatorische Verengung des Kirchenbildes, das nach dem Konzil dabei war, sich ökumenisch zu öffnen. Und man vergesse nicht: Diesen anti-ökumenischen und amtsautoritären Sakramentalismus haben die beiden Vorgängerpäpste ‑ ganz gegen die besten Intentionen des Konzils – mit großem Nachdruck vorangetrieben und damit wesentlich den aktuellen Tiefpunkt einer Kirche verursacht, die das Amt übersakralisiert und zugleich zur exklusiv männlichen, entsexualisierten Domäne erklärt hat. Wer hier noch immer die Mitte des Glaubens sucht, wird mit der Gegenwart kein Einverständnis finden können.[3] Wer zudem noch neun Jahre, nachdem auch in Deutschland die Epidemie sexueller Gewalt offenkundig wurde, so pauschal und unkundig von „Jesus und der Eucharistie“ redet, hat noch wenig begriffen.

I/1.4 Die hinterlassenen Ruinen

Das römische Kirchenregime, dem die deutschen Bischöfe und die Mehrheit unserer etablierten Theologen mit großer Hingebung folgten, hat die Ruinen hinterlassen, in denen wir jetzt schon leben. Der Vertrauensvorschuss ist aufgebraucht und die klassische, auf ein männliches Priestertum aufgebaute Seelsorge zerstört sich in einem unaufhaltsamen Tempo. Im Grunde ist sie schon zerstört und der „zweite Tag“ der Höllenfahrt hat begonnen. Wenn wir in absehbarer Zukunft von einer überlebenden Kirche reden wollen, kommt dies einer Auferstehung am dritten Tage gleich.

Viele von uns ermessen noch gar nicht, wie schwer und weitreichend die auf uns zukommende Arbeit sein wird. Den Trümmerfrauen von 1945/46 gleich werden wir wieder Stein auf Stein mauern, elementare Nahrung beschaffen und für eine Grundwärme in kalter Zeit sorgen müssen. Den Hymnus „Auferstanden aus Ruinen“ werden wir nicht zu früh anstimmen dürfen. Wenn aber, dann werden wir darauf zu achten haben, dass wir ihn nicht zum einem ideologischen Triumphgesang aushöhlen, als hätten wir es jetzt für alle Zeiten geschafft. Auch wenn wir eines Besseren belehrt sind, werden wir immer wieder von den elementaren Gefahren der Rechthaberei, des Fanatismus und der Überlegenheit konfrontiert sein. Dennoch gehört es, so meine ich, zur urchristlichen Grunderfahrung, dass auch aus den selbstverschuldeten Abgründen neues Leben erwachsen kann. Über die Wege zu diesem Neubeginn soll es hier gehen.

I/2 Zwischen Ständestaat und Männerbund

I/2.1 Amtsimmanente Argumentation

Die meisten gegenwärtigen Selbstrettungsprogramme der römisch-katholischen Kirche gehen am Kern ihres Problems vorbei, weil sie ausschließlich innerkirchlich und monolithisch argumentieren. Sie betrachten diese Kirche als eine Organisation, die autark in sich steht[4], sich selbst aus eigenen bzw. aus göttlichen Kräften organisiert und in der Kraft des Heiligen Geistes sowie unter der Leitung der Bischöfe ihren eigenen Weg findet. Zu ihrer Sanierung bedarf sie deshalb keiner Außenbeziehung. Davon geht die Hierarchie noch unerschütterlich aus.

Dieses Konzept lehnt Kontakte zur Welt nicht ab, unterstellt sie aber strengen Regeln, weil diese Welt prinzipiell als Ablenkung, Verflachung, Bedrohung oder als Verführung zur Sünde wahrgenommen wird. Faktisch versteht es die Kirche als eine ständestaatliche Organisation, die aus (priesterlichen) Amtsträgern, Ordensleuten und „Laien“ besteht. Nur der ordinierten Elite wird eine voll wirksame kirchliche Identität zuerkannt. Die Assoziationen zu einer Ständeordnung werden tunlichst vermieden. Stattdessen wird von Bischöfen (und Priestern), Ordensleuten und den „Laien“ gesprochen; vornehmer geht es in ungenauer Bezeichnung um das „Gottesvolk“.

Doch faktisch ist das offizielle Kirchenbild dieser Ständeordnung des Staates noch zutiefst verhaftet. Sie kennt den höheren Klerus (Hierarchie genannt) und den niederen Klerus; die Bischöfe tragen in Nachahmung ihrer adeligen Aufgaben noch ihre Wappen, dem höheren und dem niederen Adel vergleichbar. Zudem muss die feudale Gesellschaftsordnung vom nichtadeligen Volk versorgt und getragen werden, aber in geistlich-amtlichen Angelegenheiten wird ihm keinerlei Kompetenz zuerkennt. Nach klassischer Lehre sind sie sogar unfehlbar im Hören. In den nachkonziliaren Jahrzehnten hat sich diese Konnotation des Niedrigen, Nichtadeligen und Führungsbedürftigen auch im Begriff des „Gottesvolkes“ eingenistet, obwohl ihn das 2. Vatikanum zum Ehrentitel machen wollte. Doch die innovative Kraft des vatikanischen Neuaufbruchs war bald verpufft.

I/2.2 Missverständnis „Klerikalismus“

Zum wirksamsten Gegengift gegen dieses Ständekonzept wurde neuerdings das Bild von der zerbeulten Kirche oder einer Lazarettkirche, die an ihre Ränder gehen muss. In diesem Bild von Papst Franziskus leuchtet der ursprüngliche Gedanke von Geschwisterlichkeit und Solidarität wieder auf. Hingegen wirkt die Rede von einer allgemeinen Teilhabe hilflos und wenig authentisch, weil sie strukturell und rechtlich nicht verankert ist. Viele Bischöfe verstehen es ja so, dass das Gottesvolk nur an ihrer hierarchischen Vollmacht teil hat. Doch dieser Vollmachtsgedanke entspringt einer hierarchischen Projektion, der sich loyale Hoftheologen gerne anschlossen. Und da diese Teilhabe rechtlich nicht verankert ist, wird sie höchstens aus Gnade und Zuneigung gewährt, was die innere Abhängigkeit der Normalgläubigen von der Hierarchie noch vermehrt.

In diesem Gesamtzusammenhang haften auch dem hoffähig gewordenen Appell gegen den Klerikalismus ideologische Züge an, denn er erschöpft sich im Appell zu mehr Bescheidenheit, bleibt strukturell aber völlig wirkungslos. Wer sich wirklich gegen den „Klerikalismus“ stellen will, muss schon den Mut haben, die innerkirchlichen Rechts- und Amtsstrukturen vorbehaltlos zur Diskussion zu stellen; auch das hat Kardinal Marx noch nicht begriffen. Die neue Diskussion der kirchlichen Rechts- und Amtsstrukturen müsste also damit beginnen, dass wir ihre absolut säkularen, theologisch also irrelevanten Begründungen entlarven und für unwirksam erklären.

I/2.3 Klerikale Strukturen

Inzwischen habe ich den Versuch unternommen, diesen weltlichen Strukturen des Klerikalismus genauer nachzugehen.[5] Ich habe sieben Faktoren herausgefunden, die ineinandergreifen und in ihrem gegenseitigen Geflecht nahezu unauflöslich sind.

Das sind eine
(1) archaische Kernstruktur von Priestern und Laien,
(2) besondere Aufgabe und Legitimation, die man in der apostolischen Sukzession verankert,
(3) sakrale Würde des unverzichtbaren Priestertums,
(4) autoritäre Intransparenz mit einer hochdifferenzierten Kultur der Vertraulichkeit,
(5) identitätsbildende Traditionsbildung bzw. die Dualität von Schrift und Tradition,
(6) hochentwickelte Selbstdarstellung im Namen einer göttlichen Aufgabe,
(7) Verrechtlichung der Institutionen,
(8) Distanz zur Sexualität,
(9) Toxische Qualität des Sexualverzichts.

Dabei hat sich etwas Überraschendes gezeigt: Jede dieser theologisch untermauerten klerikalen Komponenten hat in der Struktur von Männerbünden seine genaue weltliche, durch und durch menschliche Parallele. Deshalb entfaltet jeder dieser Faktoren aus sich selbst heraus ein starkes Gewicht, weil er der natürlichen Selbsterhaltung dieses Klerikalismus dient. Eine männerzentrierte Gesellschaft vorausgesetzt, entfalten Männerbünde eine enorme Schlagkraft und Solidität, warum nicht auch eine männerbündische Kirche?

I/2.4 Interaktives System

Die einzelnen Komponenten lassen sich nicht in monokausale Linien auflösen, vielmehr stabilisieren sie sich gemeinsam oder sie brechen gemeinsam zusammen. Genau das ist der Grund für die von R. Marx genannte Alternative Alles-oder-Nichts. Wer in diesem System denkt, kann nicht mehr differenzieren. Genau dies macht das große Problem klerikal angedachter Reformbemühungen aus. Wer an einer beliebigen Stelle an diesem Gesamtfaden zieht, löst am Ende das gesamte Strickwerk auf. Der Beginn nur einer Änderung führt letztlich zur Destruktion aller Strukturen. Diesen Zusammenhang spüren die Betroffenen in hoher Intensität. Wer etwa den Zölibat aufhebt, legt in diesem Denk- und Praxisgehäuse die Axt an das gesamte System.

Viele Reformbemühungen übersehen diese Radikalität, deshalb gehen sie viel zu naiv ans Werk. Die Einen meinen noch immer, mit Freundlichkeit könne man die Bischöfe überzeugen. Die Anderen hoffen, eine kräftige transalpine Empörung könne dieses System zum Einsturz bringen. Beide täuschen sich. 57 Jahre nach Konzilsbeginn hilft nur noch eine (theologisch wohlbegründete) Totalverweigerung im Namen der christlichen Botschaft.

I/2.5 Ruinöses System

Denn spätestens jetzt, ein ganzes Jahrhundert nach dem Zusammenbruch unserer monarchischen, vom Hochadel gesteuerten Strukturen, lässt sich der ruinöse Charakter dieses Systems nicht mehr verschleiern. Wie selbstverständlich schwamm der Katholizismus mit einem autoritärem Gesellschaftsverständnis mit und teilte dessen Praktiken von Gewalt, der Ausbeutung von Unterlegenen und einer machtbesetzten Sakralität. Er hat die Zeichen der Reformation ignoriert.

Damit geriet das naiv Selbstverständliche und vielleicht sympathisch Nostalgische des Mittelalters, seines Rittertums und seiner statischen Gesellschaftsordnung zu einer trotzigen Ideologie, die sich 1870 endgültig im Wahn der Unveränderlichkeit petrifizierte. Die Unfehlbarkeitsideologie und der Pflichtzölibat hielten sich bis heute als ausgesprochen toxische Elemente. Dass dieses System sich heute selbst ruiniert, haben ausgerechnet die Ruinierten noch nicht entdeckt. Diese Tragik lässt sich nur überwinden, indem man sich nicht mehr um sie kümmert. Wir trauen der jesuanischen Inspiration, die schließlich allen kirchlichen Ordnungsgelüsten vorangeht. Und um es jetzt schon zu sagen, dieses scheinbar unkirchliche Verhalten ist der einzige Weg, die Sache Jesu – und damit eine jesuanische Kirche ‑ zu retten.

 I/3 Der desolate Zustand der Pfarrgemeinden

I/3.1 Isolation nach außen (Welt)

Oft wird im ständigen Erneuerungsstreit dies übersehen: Entgegen allem Anschein und aller Konzilsrhetorik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das kirchliche Ständedenken nicht gelockert, sondern verhärtet. Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger haben alles dafür getan. Diese hierarchische Fixierung ruht ja nicht in sich, sondern spiegelt die „Welt“ als ihren Konterpart. Je mehr diese sich säkularisiert (oder als säkularisiert gilt), gegenüber der Kirche also unabhängig wird, umso geschlossener funktioniert die alltägliche Selbstbestätigung der Hierarchie. Die Welt, das sind die anderen, denen die Kirche in ihrem restlos verweltlichten Zustand jetzt alle Argumentations- und Interessenkompetenz abspricht. Die „Laien“ werden in diesem Konflikt zermalmt.

Dies zeigt sich in einer sehr abstrakten Nuance, die sich seit den 1960er Jahren in die katholischen Überlegungen zur göttlichen Offenbarung eingeschlichen hat. In Erinnerung an Augustinus hieß es in der gemeinsamen katholisch-evangelischen Tradition, Gott teile uns seine Wahrheit (neben dem Buch der Natur) durch das Buch der Offenbarung mit. Das aber ist kein metaphorisches, sondern ein reales Buch mit Texten, die man lesen und konkret entschlüsseln muss, denn sie sind in eine bestimmte Sprache und in menschliche Worte gegossen; das ist auch für die kirchliche Elite ein bindender Maßstab. Doch jetzt setzt die Rede von Gottes Selbstoffenbarung ein. Was das wirklich bedeutet, hat mir noch niemand so richtig erklärt. Aber die Folgen dieser neuen Formel sind dramatisch. Faktisch wird dieses „Selbst-“ jetzt von der lehrenden Hierarchie entschlüsselt, also von dem bindenden Kriterium des biblischen Buchstabens abgekoppelt. Wie wir in den vergangenen Jahren etwa zu spüren bekamen, sind die Folgen im Umgang mit der Ehemoral, den Sakramenten, dem kirchlichen Amt und den Frauen dramatisch; biblische Vorgaben werden jetzt schlicht ignoriert, da Gott sich selbst durch ein ominöses kirchliches Bewusstsein offenbart.

Nun lässt sich aber zeigen, dass und warum die Lehr-, Leitungs- und Heiligungsansprüche der Hierarchie nur ein männerbündisches Denken überhöhen, warum eine säkulare Welt nicht als Partnerin anerkannt und warum Kritik an der Hierarchie tendenziell als Unglaube verunglimpft wird. Was diese Kirche als säkularisierte Gesellschaft diskriminiert, lässt nur darauf schließen, wie konsequent sie sich aus dieser Welt verabschiedet und von ihr isoliert hat. Dabei isoliert die Hierarchie nicht nur sich selbst, sondern auch die kirchlichen Gemeinden, für die sie behauptet zu sprechen.

I/3.2 Isolation nach innen („Laien“)

Denn unbemerkt hat sich die Hierarchie durch diese Selbstisolierung eine zweite Außenhaut geschaffen, sozusagen einen Vorhof, der einen Puffer zwischen dem Heiligtum und dem profanen, doch loyalen Außenraum bilden sollte. Das ist die Gemeinschaft der Nichtkleriker, von denen die geweihten Kleriker ja „im Wesen, nicht nur dem Grade nach“ [essentia, non quantitate tantum] unterschieden sind.[6] Dabei beschränke ich mich auf die (Pfarr)gemeinden), die nicht den einzigen, aber den klassischen Counterpart des Klerus bilden.[7] Nach meinem Urteil ruht im Augenblick zu Recht auf ihnen alle Reformhoffnung. Sie sind ein integraler Teil der Kirchengemeinschaft. Ihre Mitglieder sind [in aller Regel] getauft und gefirmt, also genauso vom Hl. Geiste belehrt wie die Kleriker (1 Joh 2,26). Als aktiv Mithandelnde sind sie in die Feier der Eucharistie mit einbezogen.[8] Aus ihrer Mitte kommen letztlich alle Diakone, Priester und Bischöfe. Dort haben sie in der Regel ihren Glauben und ihre christliche Prägung empfangen. Ohne die Gemeinden wäre die Kirche ein toter Leichnam, die Hierarchie allenfalls ein Haupt ohne Leib. Das alles wird in der aktuellen Kirchenpraxis nicht ernstgenommen und die Folgen sind katastrophal. Man will die Gemeinden zum Sprachrohr der Hierarchen machen und bringt genau dadurch die Gesamtkirche zum Verstummen.

I/3.3 Kein Recht auf Gehör

Denn die Gemeinden sind zu Hörern und Befehlsempfängern degradiert. Nach den Regelungen in deutschen Diözesen etwa sind Laien maximal die „zweiten“ Vorsitzenden der Pfarrgemeinderäte. In Reformdiskussionen haben sie kein Recht auf Gehör und im Rahmen des wachsenden Priestermangels sind sie zur bürokratischen Verfügungsmasse geworden, die sich nach der Zahl der verfügbaren Priester zu richten hat.

So werden sie für klerikale Absichten instrumentalisiert. Das ist ein Skandal. Noch schlimmer aber finde ich, dass die übergroße Mehrheit der römisch-katholischen Kirchen- bzw. Pfarrgemeinden dies über sich ergehen lassen muss. Empörungen brechen auf und klingen wieder ab. Man probt den Aufstand, dann endet alles wieder in stiller Resignation. Im vergangenen Jahr bildeten die ökumenischen Aktivitäten der katholischen Gesamtkirchengemeinde von Ravensburg eine große Ausnahme. Sie haben gezeigt, welche Wirkung eine Gemeinde entfalten kann, wenn sie handelt, bevor sie den Bischof um seinen Segen fragt.

I/3.4 Vier Phänomene der Unmündigkeit

So werden die katholischen Durchschnittsgemeinden in theologischer Unmündigkeit gehalten. Ich verweise auf vier Phänomene.

(1) In durchschnittlichen Kirchendiskussionen sind die Gemeinden abwesend, faktisch spielen sie keine Rolle. Die Gemeinden sind in entscheidenden Punkten abhängig und viele verstehen sich als Befehlsempfänger ohne einen eigenen theologischen Stellenwert. Als eine kirchlich und theologisch relevante Bezugsgröße gelten der Pfarrer (der ein Priester ist) und der Altar. Wer im katholischen Raum von „Kirche“ spricht, denkt nie an diejenigen, die die Kirchenbänke füllen sollten.
(2) Faktisch sind die Gemeinden zur pastoral-administrativen Verfügungsmasse von Bistum und Bischof degradiert. Das Maß ihrer Betreuung bemisst sich nach der Verfügbarkeit eines Priesters, nicht nach ihrer Größe oder ihrer Funktion. Dementsprechend hat auch die Stimme einer Gemeinde kein theologisches oder kirchliches Gewicht.
(3) Diese theologische Bedeutungslosigkeit spiegelt sich häufig im mangelnden Selbstbewusstsein der Gemeindemitglieder. In vielen Gemeinden sind Dissens, Widerspruch oder das Verlangen nach der ausführlichen Besprechung von umstrittenen Fragen noch tabuisiert. Theologische Kompetenzen und Kompetenzen der Menschenführung werden als Bedrohung erfahren, sobald sie nicht die offizielle Linie verstärken.
(4) Dies zeigt sich im Umgang mit den Debatten um sexuelle Gewalt. Die Rolle von Gemeinden in Missbrauchsfragen wurde bislang kaum thematisiert. Ich kenne auch keine Gemeinde, die bislang in Sachen Prävention aktiv geworden ist oder ausdrücklich ihre Vergangenheit aufarbeitete. Angesichts der Gesamtsituation ist es erklärbar, dass sie zu dieser Verantwortung noch nicht gefunden hat.

Deshalb können nur wenige Pfarrgemeinden als Orte der Erneuerung fungieren, obwohl sie die Zentralen der Erneuerung sein müssten. So verwundert es nicht, dass Kirchenaustritte, mangelnder Kirchenbesuch und ein schwindendes Engagement in der Gemeinde bedrohliche Ausmaße annehmen.[9]

I/3.5 Reform der Gemeinden als Schlüssel der Zukunft

Doch liegt der Schlüssel zu einer nachhaltigen Kirchenreform in ihnen. Das führt aber zu einem großen mentalen Problem, denn in ihrer übergroßen Mehrheit haben Gemeindemitglieder ihre traditionellen Gehorsamsregeln und Rollenspiele noch nicht überwunden. Auch sind viele Reformprobleme, die meist auf der Ebene der Kirchenleitungen, der Theologie und der übergemeindlichen Ökumene abgehandelt werden, im Bewusstsein der Gemeinden noch nicht angekommen. Sie mühen sich mit ihren Alltagsfragen ab, ohne deren Tiefenstruktur zu entdecken.

Im folgenden Teil möchte ich versuchen, die großen Strukturprobleme der römisch-katholischen Kirche auf dem Niveau des Gemeindelebens zu spiegeln. Diese Strukturprobleme haben tiefe Wurzeln, die ins Bewusstsein zu heben sind.

II. Das komplexe Erbe

II/1 Konventionelle Reformen?

Bei katholischen Reformdiskussionen wird meistens unterschätzt, wie tief der traditionelle Katholizismus in unsere Glaubenswirklichkeit eingegraben ist. Das Lehrgebäude und die Kirchenstruktur sind das Ergebnis eines hochkomplexen und langen Wachstumsprozesses. Einer Zwiebel vergleichbar hat sich Schicht eng und bruchlos an Schicht gelegt; sobald die erste abgelöst ist, wird eine zweite frei. Hinzu kommt: Im aktuellen kulturellen Umbruch stehen alle Schichten auf einmal zur Diskussion. Reformarbeit ist zur Sisyphusarbeit geworden.

Schale 1: Die äußerste aufzulösende Schicht ist der postkonziliare Fundamentalismus, der sich seit den 1970er Jahren entwickelt hat und im direkten Kreuzfeuer der Diskussion steht. Für ihn stehen Figuren wie Karol Wojtyla sowie der Glaubenspräfekt und spätere Papst Josef Ratzinger. Es wäre falsch, ihr Regime einfach mit einer autoritären Psyche zu erklären. Beide haben sich sehr bewusst auf gut verbürgte theologische Überzeugungen gestützt.

Schale 2: Unmittelbar dahinter steckt der zentralistische und antimodernistische Immobilismus, der 1870 in den Bestimmungen von Primat und Unfehlbarkeit festgezurrt wurde. Diese Schicht sorgt für die aktuelle Unbeweglichkeit in Sachen Amtsverständnis und Diskriminierung der Frau; im Grunde schreibt auch sie nur die vorhergehenden Schichten fort, doch sie werden in einer Haltung grundsätzlichen Misstrauens gegenüber der Moderne gehärtet. Kommunikation gilt schon als Bedrohung Es ist die Epoche, in der die katholische Kirche ihren Kontakt mit dem „Zeitgeist“ prinzipiell aufgibt.

Schale 3: Der gesamte neuzeitliche Katholizismus wird geprägt von der dritten Schicht, einem defensiven Konfessionalismus, der 1517 begann und auf dem Konzil von Trient (1545-63) seine verbindliche Gestalt erhielt. Jetzt wurden der Protestantismus und seine Kirchen zum paradigmatischen Schreckbild von Glaubensverfall und einem treulosen Umgang mit der Tradition. Doch auch das tridentinische Konzil hat nur an frühere Traditionen angeknüpft. Sein Handwerkszeug war die ausgefeilte Rationalität, das verschulte Denken in der Dauer von Jahrhunderten ausgebildet hatte.

Schale 4: Es war die Mittelalterliche Theologie, die von Thomas von Aquin (gest.1274) ihre entscheidende Prägung fand. Sie wirkt bis heute in katholischen Lehrentwürfen nach, hat alle Katechismen geprägt und gilt für Theologen regelmäßig als neuer Bezugspunkt, der neue Rechtfertigungen liefert. Ebenso wie Albert der Große (gest. 1280) war Thomas ein großer Theologe, aber er setzte eben die mittelalterlichen Wissensschätze voraus.

Schale 5: Oft wird übersehen: Die jetzt genannten Schichten liegen in der Kontinuität mit dem westlichen, einem auf Vorherrschaft und Verrechtlichung beruhenden Kirchentyp, der sich grundsätzlich in der Gregorianischen Reform (1075/1230) herausgebildet hat. Die westliche Kirche hat sich von der östlich-orthodoxen Kirche getrennt, der Papst rückt sich in den unbestrittenen Mittelpunkt von Kirche und Welt und seine Monopolposition wird kirchen- und staatsrechtlich festgelegt. Die Kirche, die gut paulinisch der Leib Christi war, wird zum „mystischen“ [= metaphorischen] Leib degradiert, um den eucharistischen Gaben als dem „wahren“ Leib Christi Platz zu machen. Bei der Ordination von Gemeindeleitern tritt jetzt eine priesterliche Wandlungsvollmacht in den Vordergrund (Laterankonzile 1139/1179/1215) und wird für Priester der Zölibat zur zwingenden Lebensform. Ab jetzt dominiert er die gesamte Hierarchie des Westens. Alle kirchlichen Handlungen (Sakramente, Lehre und Theologie eingeschlossen) werden jetzt der zentralen Aufsicht unterworfen. Die Kirche des Westens wird zum perfekten Kontrollsystem.

Schale 6: Während des 6. Jahrhunderts sorgt der byzantinische Kaiser in seiner Kirche für eine einheitliche Lehre. Ihrer verbindlichen Definition dienen die großen spätantiken Konzile (325-787). Ihre Christus- und Gotteslehre sind geprägt vom hellenistischen Denken, das auf der platonischen bzw. aristotelischen Philosophie aufbaut. Die Ergebnisse dieser Konzile sind zu einem großen Teil im Großen Apostolischen Glaubensbekenntnis niedergelegt, das heute noch für die meisten Kirchen die entscheidende Grundlage bildet. Damit sind sie aber an eine hellenistische Denkweise gebunden, die den Zugang der jesuanischen Botschaft oft mehr behindert als ermöglicht.

Schale 7: Im zweiten und dritten Jahrhundert bildet sich nach vielfältigen, kulturell oft vorgegebenen Ansätzen die heute noch gültige Leitungsstruktur von Diakon-Priester-Bischof heraus, die erst allmählich sakralisiert wird. Von einer Weihevollmacht ist noch keine Rede.

Innerster Kern (8): Erst jetzt, nachdem diese sieben Schichten durchgeackert sind, stoßen wir zum elementaren Kern der christlichen Botschaft vor. Das ist die Bibel. Sie bildet ihrerseits wieder ein kompliziertes Geflecht von Texten, in deren Mitte das Christentum die Erinnerung an Jesus von Nazareth entdeckt.

Schon ein oberflächlicher Blick auf diese Schalen zeigt: Jeder einzelne Reformvorschlag kann unterschiedlichste Reaktionen hervorrufen, da er in der Regel unterschiedliche Schalen berührt. Die Dogmatiker und die Historiker, die Kirchenrechtler und die Exegeten, die Papstverehrer und die Gesellschaftskritiker werden unterschiedlich reagieren. Bei Vielen entsteht das Gefühl, die katholische Identität werde berührt, die schon immer präsent war. Faktisch handelt es sich um den Paradigmenwechsel, der in Schale 5 beschrieben und in der Gegenreformation und im Antimodernismus auf seine Spitze getrieben und 1870 endgültig sanktioniert wird.

Solange diese Beschlüsse nicht offiziell widerrufen werden, ist an keine durchschlagende Reform von oben zu denken und angesichts der klerikalen Vorgaben wirken die eng verzahnten Schalen wie ein granitharter Felsblock. Hinzu kommt: Gemäß ihrer Einheitsideologie lässt die katholische Kirche kaum eine Differenzierung nach unterschiedlichen Kulturräumen zu; sie hat damit schlicht keine Erfahrungen erworben und die europäische Aufklärung wird vielerorts als Unglaube verstanden. Deshalb besteht kaum eine Chance, dass sich in Rom ein kritisch historisches und kontextuelles Bewusstsein durchsetzt. Unter diesen Umständen ist für absehbare Zeit auch auf keine allgemeine Kirchenreform zu hoffen. Dies zeigt sich wie in einem Brennglas in den durch und durch inkonsequenten, deshalb kontraproduktiven Reformversuchen des gegenwärtigen Papstes.

II/2 Probleme der Erneuerung

Es ist Aufgabe der professionellen Theologie, dieses komplex reaktionäre Mauerwerk im Blick zu halten, seine zahlreichen Konstruktionsfehler aufzuzeigen und ihre katastrophalen Folgen zu entlarven.

Um es kurz zusammenzufassen: (1) Christlicher Fundamentalismus, (2) römischer Zentralismus, (3) katholischer Antiprotestantismus, (4) mittelalterliche Denknostalgie, (5) gnadenloser Juridis­mus, (6) ein weltflüchtiger Hellenismus, (7) der Mythos einer bischöflichen Staatskirche und (8) ein dogmatisch gesteuerter Biblizismus sind zu den ideologischen Stabilisatoren klerikaler Machtpolitik geworden. Sie lassen sich nicht deutlich genug anprangern und mit ihren positiven Varianten konfrontieren, die es in anderen christlichen Gemeinschaften schon gibt. Letztlich geht es nicht um die Einzelfehler, sondern um den schrift- und weltfernen, unbarmherzigen und narzisstischen Geist, der sie durchzieht.

Das sind, in den genannten Konstruktionsfehlern gespiegelt: (1) Menschenfreundliche und gesprächsfreudige Glaubensformen, (2) vielgestaltig charismatische und polyzentrische Kirchenmodelle, (3) respekt- und lernfreudige Begegnung mit den Kirchen der Reformation, (4) die Integration von zeitgemäßen Wissenschaften und anthropologischen Standards, (5) von Empathie getragene Verhaltensregeln, (6) verständliche und inspirierende Bilder von Gott, Jesus und Heil, (7) Funktional konzipierte und partizipative Strukturen von Kirche und Gemeinschaften. Dies alles (8) inspiriert von der Bibel und dem reichen Geflecht, das ihre einzelnen Teile bilden und die wir letztlich aus jesuanischer Perspektive interpretieren.

Es ist Aufgabe der professionellen Theologie, diese hochkomplexe Fragestellung aufzuarbeiten und ich kann nur hoffen, dass endlich in ökumenischer und interreligiöser Kooperation ein wirksames Bollwerk gegen diese Perversion und Auflösung des christlichen Glaubens entsteht. Es könnte historisch und gesellschaftlich verantwortete Konzepte entwickeln sowie macht-, ideologie- und mythenkritische Gegenmodelle propagieren. Auf sie müssten die Erneuerer an der Basis zurückgreifen, bis die traditionellen Blockaden wirksam zersetzt sind und von überzeugenden Alternativen überstrahlt werden.

Aus sich heraus wird im real existierenden Katholizismus auch eine erneuerte Theologie keinen entscheidenden Durchbruch bringen. Je mehr bei uns jedoch die hierarchischen Institutionen zerbrechen, desto klarer beginnt die Stunde der christlichen Gemeinden, die mit ihrer entschlossenen Praxis ein Wurzelwerk bilden können, das sich in der Gesellschaft ausbreitet. Früher oder später werden die übergeordneten Kontroll- und Lenkmechanismen implodieren und die Gemeinden auf sich gestellt sein. Dies führt natürlich zur Frage, ob unsere Gemeinden auf die Übernahme elementarer Funktionen (Selbstgestaltung, Selbststeuerung und überzeugende Kommunikation) überhaupt vorbereitet sind.

Einige Grundentscheidungen werden sie zu leisten haben. Sie müssen

‑ ihre Konfliktängste, Ehrfurchts- und Gehorsamsreflexe nach oben überwinden und ihre Loyalitätsverhältnisse in aller Nüchternheit neu ordnen. Was gilt, ist die wohlverstandene und intensiv besprochene christliche Botschaft,
‑ ihre traditionellen, oft liebgewordenen Vorstellungen von sakralen Handlungen (Eucharistiefeier und andere Sakramente eingeschlossen) nach biblischen Vorgaben entmythisieren und auf die eine umfassende Glaubenspraxis hin relativieren. Der Stellenwert von geweihten Personen ist aufzulösen und die Erfahrung des Heiligen nicht mehr am antiken Herrscherkult zu orientieren,
‑ die uns verbindende Glaubenssprache (Glaubensbekenntnis und Kernsätze des Glaubens) muss wieder verständlich werden, auch wenn diese Neuorientierung ans Mark liturgischer Kernformeln geht. Zum Beispiel sind die Sprache des Opfers und eines menschgewordenen Gottes dringend revisionsbedürftig,
‑ die geliebten, meist missverstandenen Paradoxien einer glaubenden Praxisbeschreibung (Demut und Ergebung in Gottes Willen, Opferbereitschaft, kirchliche Gesinnung und Loyalität, allgegenwärtiges Sündenbewusstsein, „Geheimnis“ des Glaubens) sind konsequent aufzulösen, zumindest neu zu formulieren.

Diese traditionellen Fehlhaltungen jagen unsere Gemeinden oft in lähmende Endlosschleifen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass unser kirchliches Christentum nicht nur in eine Jahrhundertkrise, sondern in eine Jahrtausendkrise geraten ist. Die wohl etablierte theologische Programmatik reicht zu ihrer Bewältigung nicht mehr aus. Zu lange wurden die Außenseiter, auch die von Rom sanktionierten, vernachlässigt.

II/3 Postideologische Dynamik

Diese theologische Ohnmacht zeigt sich in unseren Gemeinden schon seit geraumer Zeit. Fachargumente überzeugen nur selten. Im Gegenteil, die Begriffe „theologisch“ und „dogmatisch“ eignen sich zu polemischer Kritik. Das lässt sich an den aktuellen Auseinandersetzungen mit der offiziellen Sexual- und Ehemoral, dem Pflichtzölibat, innerkirchlicher sexueller Gewalt und der Unterordnung von Frauen gut zeigen. Auf diesen Gebieten gelten Erfahrung und Selbstverständnis, prägende eigene Erlebnisse und das aktuelle Menschenrechtsbewusstsein. Es überzeugen Glaubwürdigkeit, Empathie und eine empathische Spiritualität, humane Werte und eine ganzheitliche Lebenspraxis. Hubert Habeck versteht sich z. B. als einen „säkularen Christen“ und signalisiert damit seine Distanz zum offiziellen theologisch wohl reflektierten Glaubensverständnis, obwohl er die christlichen Werte vollumfänglich akzeptiert. Anderen, die nach einem inneren Sinn suchen, holen Anleihen beim Buddhismus oder in einer anderen östlichen Tradition und legen sich nicht mehr auf eine christliche Identität fest.

Die Hierarchie nimmt diese posttheologische Diskrepanz nicht ernst, weil sie sie noch nicht verstanden hat. So bricht zumal in christlich engagierten Kreisen ein Abgrund auf, eine tiefe Diskrepanz zwischen dem offiziell gelehrten und dem gelebten Glauben, zwischen den theologisch hochdifferenzierten Kriterien der von Rom verordneten Kirchenlehre und den unmittelbaren Erfahrungen der alltäglich agierenden Glaubensgemeinschaften. Umso peinlicher ist es zu beobachten, wie die Hierarchie ungehindert doziert und mit überholten Ansprüchen argumentiert. Sie lobt und tadelt, wie es früher Oberlehrer taten, wirft denen da unten dogmatische, historische und biblische Unkenntnis vor, obwohl sie nicht einmal die Kernanliegen der Basis versteht. Wenn sie nicht mehr weiter weiß, zieht sie sich auf die Entscheidungsrechte des Papstes („Rom muss entscheiden“) oder auf die Situation der Gesamtkirche zurück, die darauf nicht vorbereitet sei („andere Kontinente sind noch nicht so weit“). Sie scheut auch nicht vor unaufrichtigen Ausflüchten zurück. Zum Beispiel wurde neuerdings erklärt, bis zur Ordination von Frauen daure es noch viele, viele Jahre. Kardinal Kasper verweist auf den ökumenischen Unfrieden, den ein solcher Schritt bewirken würde. Dabei ist allen Bischöfen klar: Ganz unabhängig von den bekannten päpstlichen Äußerungen steht nach den offiziellen Wahrheitsregeln die Unmöglichkeit der Frauenordination schon längst auf der Liste der unfehlbaren „Wahrheiten“.[10] Wer diese Einsicht verdrängt, muss nur mit neuen Enttäuschungen bezahlen.

Wie kann die Basis auf diese Diskrepanzen reagieren?
Sie darf zumindest erwarten, dass die Hierarchen und deren botmäßige Kleriker die scheinbar unbotmäßigen Glaubensäußerungen der Basis ernst nehmen. Die Bischöfe sollten hingegen nicht erwarten, dass sich die „Normalchristen“ die hochdifferenzierten theologischen Kenntnisse aneignen, aus denen die Hierarchie lebt, seien es die klassische Christologie oder Trinitätslehre, das tridentinische Sakramentsverständnis oder die Wandlungen der christlichen Erlösungslehre. Zwar sollten sich Gemeinden immer wieder von professionellen Theologen beraten lassen, um die Tragweite hierarchischer Äußerungen richtig einzuordnen, denn ein Bischof bezieht sich meist auf eine genau argumentierende, wenn auch überholte Tradition. Doch Angehörigen des „Gottesvolks“ haben das Recht und die Pflicht, als gegenwärtige Menschen in der gegenwärtigen Zeit zu leben und von ihren eigenen Erfahrungen zu erzählen, denen sie trauen können.

II/4 Die Kraft des Erzählens

Im Gegenzug zu all den besprochenen Brüchen kommt wieder eine Sprachform zur Geltung, die langfristig zu einer Brücke werden könnte. Viele Menschen argumentieren und fordern ihre Rechte ein, indem sie von sich oder ihren Geschichten von Anderen erzählen. Diese Geschichten haben ihre eigene Autorität. Es sind in der Regel authentische Erinnerungen und es gibt nicht nur die „gefährliche Erinnerung“ an Jesus von Nazareth oder die gefährliche Erinnerung an die Leidenden und Missachteten, sondern auch eine Erinnerung an die täglichen Ereignisse, Niederlagen und bestandenen Bewährungsproben all derer, die ihr Leben verantwortlich führen möchten. Aus ihnen ist das Netz der alltäglichen Geschichten geknüpft, die in unseren Gemeinden berichtet werden.

Jede Geschichte, die wir erzählen, enthält ein Angebot und eine Herausforderung, einen Lernprozess der Horizonterweiterung und der Empathie. Bei Kindern kann man gut beobachten, wie sie sich in Geschichten verwickeln lassen und sie zu ihrer eigenen machen. Ich weiß nicht, ob wir die Bischöfe durch unsere Geschichten bekehren und von ihren Lehrsystemen abbringen können, aber wir können Alternativen aufzeigen und auf ihren Häuptern glühende Kohlen sammeln, indem wir sie mit unserer alltäglichen Wirklichkeit konfrontieren.

Es ist kein Zufall, dass schon die Evangelien auf diese Urform der Mitteilung zurückgreifen. Exegetisch sind die Jesuserzählungen sorgfältig erforscht. Sie haben zu einem so weitgehenden Konsens geführt, dass wir sie verantwortlich weitererzählen können. Deshalb lässt sich die christliche Botschaft auf einige erstaunlich elementare Fragen reduzieren: Was hat Jesus getan, gesagt und erlitten? Welche Gotteserfahrung hat ihn geleitet und von welchen Visionen war er beseelt? Den erstaunlich einhelligen Antworten schließt sich die christliche Schlüsselfrage an: Wie würde Jesus heute handeln, was würde er sagen, wie würde er reagieren? Da Jesus mit Sicherheit keine Kirche gründen wollte, können die kirchlichen Institutionen keinen besonderen Vorteil aus den Antworten ziehen, aber die Konfrontation des Damals mit dem Heute stellt sich unmittelbar her.

Diese Jesuserinnerung stellt für uns einen großen Glücksfall dar, denn sie kommt den gegenwärtigen religiösen und moralischen Überzeugungen der Basis erstaunlich entgegen. Auch Bischöfe können nicht der Frage entfliehen, was Jesus hier und dort getan hätte. Von ihrem jüdisch-prophetischen Kontext her verweist diese Erinnerung auf den Quellpunkt aller christlichen Inspiration, nämlich der Sehnsucht nach einer in Gerechtigkeit und mit der Schöpfung versöhnten Welt, biblisch „Reich Gottes“ genannt. Im Blick auf die spätere, hochkomplexe und von Machtfragen durchsetzte Theologie gerät sie zur scharfen Kritik. Zum gegenwärtigen säkularen Moral- und Rechtsbewusstsein hin zeigt sie eine erstaunliche Unmittelbarkeit und Nähe, die den offiziellen Katholizismus in massive Argumentationsnöte bringt. Diese Jesuserinnerung verleiht der Basis gegenüber einem traditionalistischen Kirchenbild das Recht und die Pflicht, die komplexen und alten großen Traditionsstränge zu entkräften und uns im Namen des Ursprungs von der männerbündischen Architektur zu verabschieden, die sich erst später herausgebildet hat. Für die Gewinnung einer neuen Freiheit ist dies das stärkst mögliche Argument.

Den Reformgruppen wird oft vorgeworfen, ihre Argumente seien doppelgleisig; heute berufen sie sich ganz religiös auf die Botschaft Jesu, morgen ganz säkular auf die Menschenrechte. Doch inhaltlich passen beide Stränge perfekt zusammen, denn beide zielen auf ein vorbehaltlos humanes, solidarisches und auf Versöhnung ausgerichtetes Verhalten. Diese Ergänzung der beiden Stränge ist von hohem Wert, denn sie bindet einerseits die Gemeinden an die Botschaft Jesu zurück und öffnet sie zugleich nach außen. Genau so wird eine innere Erneuerung der Gemeinden möglich, indem sie ihre Grenzen aufbricht.

III. Szenario 2021

Doch bringt diese starke Strategie der doppelten Erinnerung keine Lösung, denn auch sie kann keine Bekehrung erzwingen; die streng konservative Hierarchie bleibt die bestimmende Größe dieser weltkirchlichen Institution. Gewiss, die Basis kann konsequent von ihrer persönlichen Erinnerung und der Jesuserinnerung aus handeln und vielleicht dafür sorgen, dass die Fäden nach oben nicht zerreißen. Doch solange das „Volk“ institutionell von der Hierarchie abhängig, ihr untertänig bleibt, kann es auch bei größter Klugheit keine Erfolge garantieren. Im Gegenteil, mehr denn je hat die Basis ums Überleben zu kämpfen. Der Grund dafür liegt im Relevanzverlust der Institution Kirche und im Machtverlust der Hierarchie.

III/1 Relevanzverlust der Institution

Ich beschränke mich auch hier auf den Relevanzverlust der Kirche(n) in Deutschland. Was hier zu sagen ist, darf nicht pauschal auf andere Länder, gar auf andere Kontinente übertragen werden. Nicht bestreiten lässt sich, dass in Deutschland die Mitgliederzahl der römisch-katholischen Kirche und der evangelischen Landeskirchen dramatisch abnimmt, aber die Erklärungen für diesen Rückgang sind höchst umstritten.

 

III/1.1  Ein statistischer Hinweis

Zwischen 1990 und 2017 hat in Deutschland die Zahl der Katholiken um 5,5 Millionen, die Zahl der Protestanten um 8,3 Mio. abgenommen; das ist ein Gesamtverlust von 13,8 Mio. (gg. 16% der Bev.). Grob umgerechnet ergibt das eine jährliche Schrumpfung von gegen 500.000 Mitgliedern (0,6%). Mit anderen Worten: in wenigen Jahren werden die eingeschriebenen Christen gegenüber Nichtchristen zur Minderheit. Gemäß einer allgemein akzeptierten Prognose betragen sie im Jahr 2060 zusammen nicht mehr als 27,4%.


Gesamtzahl Bevölk.anteil Austritte
1990
   R.-katholisch 28,5 Mio. 35,4% 143.000
   Evangelisch 29,4 Mio. 36,9% 144.000
   Summe 57,9 Mio. 72,3% 287.000
2017
   R.-katholisch 23,3 Mio. 28,2% 167.000
   Evangelisch 21,3 Mio. 26,0% 200.000
   Andere   1,5 Mio.   1,9% ??
   Summe 45,1 Mio. 56,1% 367.000
2018    
   R.-katholisch 23,0 Mio 27,7% 216.000
   Evangelisch 21,1 Mio 25,5% 220.000
   Andere  (1,4 Mio)  (1,6%)  
   Summe 44,1 + (1,4)Mio 53,2 + (1,6)% 436.000
Prognose 2060    
   R.-katholisch 12.3 Mio. 14,8%  
   Evangelisch 10,5 Mio. 12,6%  
   Summe 22.8 Mio. 27,4%  

III/1.2  Hintergründe

Die von Jahr zu Jahr schwankenden, langfristig aber konstanten Kirchenaustritte sowie der jährliche Schwund von Kirchenmitgliedern (der sich zusätzlich aus der Differenz zwischen Todesfällen und Taufen ergibt) sind kaum eindeutig zu interpretieren. Keinesfalls lassen sie sich einfach auf die schon genannten Konfliktfälle wie Missbrauchsskandale, Finanzskandale und Diskriminierung von Frauen zurückführen. Soziologisch werden sie als Folge von Säkularisierungsprozessen deklariert. Es fallen dann Stichworte wie Individualisierung, Pluralisierung, Verwissenschaftlichung und stets wachsende Differenzierung der Gesellschaft, eine verstärkte Betonung der menschlichen Autonomie und der Menschen-, insbesondere der Frauenrechte, mangelnder Bindungswille, ein kritischer Umgang mit Institutionen und gesellschaftlicher Autorität, ein freier, nicht mehr moralgeleiteter Umgang mit der Sexualität.

Diese Aufzählungen sind sicher richtig, wirken aber oft hilflos. Sie erwecken den Eindruck, Religionen seien diesem Schicksal eben ausgesetzt, weil der Siegeszug der Wissenschaft Welt und Gesellschaft entzaubert und damit einer religiösen Lebenserfahrung den Boden entzieht. Doch erschöpfen sich Religionen und Religiosität nicht in Prozessen der Verzauberung und des Entzücktseins. Zu ihnen gehören auch Erfahrungen der Kontingenz, des Überschusses, einer unerklärbaren Verantwortung für Andere und Anderes sowie die Erfahrung des Heiligen. Aus intellektueller Perspektive kommt das Unvermögen der uns bestimmenden Wirklichkeit hinzu, sich aus sich selbst heraus zu begründen. Zudem gilt die Säkularisierungsthese, wie sie ursprünglich Max Weber lancierte, als überholt, denn die Säkularisierung hat sich nur in einigen Ländern des ehemals christlichen Kulturkreises durchgesetzt. Die Erfahrung und die Macht des Heiligen haben sich nur verlagert, etwa in die Würde des Menschen.[11]

Für den Schwund der (traditionellen) Religion ausgerechnet in unserem Kulturraum muss es also besondere Gründe geben. Ich vermute eine Überinstitutionalisierung, Hellenisierung, Moralisierung und autoritäre Aufladung der christlichen Religion, ihr überzogener Wissenschaftsanspruch und (damit verbunden) die Verdinglichung ihrer Mythen. Diese Probleme sind auch in den evangelischen Kirchen zu finden. Zugleich trägt der Gesamtkomplex dieser Indikatoren zur Entfremdung der christlichen Glaubenssprache bei, die ihre kommunikative Kraft verloren hat.

Doch können diese Mängelangaben den Glaubensverlust nicht umfassend erklären. Es gibt viele Hinweise dafür, dass eine neue und kreative Glaubenserfahrung diese Mängel nicht nur erkannt, sondern faktisch schon überholt hat. Wir stehen mitten in einem Prozess der Metamorphose von Glaube und Religion. Sie sind dabei, in einen säkularen Raum auszuwandern. Leider haben die Kirchen diese Metamorphose noch gar nicht begriffen.

III/1.3  Politische Diskussion

Der fortschreitende Relevanzverlust der christlichen Kirche befördert natürlich die politischen Diskussionen zum Verhältnis von Kirche(n) und Staat. Unbestritten scheint mir dies: Anderen demokratischen Verfassungen in Europa vergleichbar gilt zwar auch in Deutschland eine Trennung von Kirche und Staat, aber sie hat ihre spezifische Ausprägung. Das französische Prinzip der laïcité versucht, diese Trennung mit äußerster Konsequenz zu gestalten, doch selbst dort gelingt sie nie ganz, wie man an dem Umgang mit kirchlichen Gebäuden und an den politischen Prioritäten katholischer Bürger/innen sehen kann. Die Reaktionen auf den Brand von Notre Dame in Paris (15.04.2019) haben gezeigt, wie tief religiöse Symbole auch ein laizistische Staatswesen eingebrannt sein können.

Ausgerechnet mit Hitler gelang in Deutschland am 20.07.1933 ein für die Kirchen sehr günstiges Konkordat. Nur einige Punkte seien angedeutet: Der Staat zieht die Kirchensteuer ein und sorgt damit für eine hohe finanzielle Stabilität der Kirchen. Noch immer werden „Staatsleistungen“ als Wiedergutmachung für die Säkularisierung kirchlichen Eigentums durch den Reichsdeputationshauptschluss (1803) ausgeschüttet. An öffentlichen Schulen wird konfessioneller Religionsunterricht garantiert. An den staatlichen theologischen Fakultäten kann kein Theologieprofessor ohne Zustimmung des zuständigen Bischofs ernannt werden. Mehr noch, der Bischof kann eine solche Zustimmung zurückziehen. Die Fachleute reden von einer hinkenden Trennung. Inzwischen haben sich die Kirchen durch die enge Zusammenarbeit mit dem Staat in sozialen Einrichtungen zu den wichtigsten Arbeitgeberinnen gemausert.

Die Linken und die Grünen kritisieren das deutsche Kirchensteuersystem und andere Privilegien schon lange. Und obwohl sich augenblicklich die FDP mit ihrer Kritik zurückhält, sind auch ihre Positionen nicht unbedingt kirchenfreundlich. Jetzt, da die beiden Großkirchen jeweils schon deutlich unter der Drittelgrenze liegen und sie sich gemeinsam der 50%-Grenze nähern, da ferner für die großen kirchenfreundlichen Parteien schwere Einbußen zu erwarten. Eine Diskussion darüber wäre schon aus moralischen Gründen notwendig. Irgendwann werden Kirchensteuerprivileg und Staatsleistungen fallen. Dies wird in den Kirchen bzw. Bistümern zu massiven finanziellen Einbußen führen und diese zu größerer Transparenz in ihrem Umgang mit den Finanzen zwingen. Die Bischöfe müssen bescheidener werden, denn der staatlichen Unterstützung können sie sich nicht mehr so sicher sein.

 III/1.4 Verstummen der christlichen Botschaft?

Der hier besprochene Relevanz- und Mitgliederverlust kann uns nicht unberührt lassen, weil er auch weitreichende kulturelle und gesamtgesellschaftliche Konsequenzen hat. Nicht dass die Kirche als Institution zurücktritt, ist das entscheidende Problem, aber im öffentlichen Bewusstsein verdampfen auch biblische Inhalte, sinnstiftende christliche Traditionen sowie eine wertvolle Fest- und Feierkultur. Die spirituelle und pädagogische Einübung in christliche Werte löst sich ebenso auf wie die Erinnerung an inspirierende Figuren wie Moses, die großen Propheten bis zu hin Jesus von Nazareth. Die geistige Lücke, die dieser Schrumpfprozess hinterlässt, könnte enorm sein und lässt sich kaum durch die Präsenz anderer Religionen ersetzen. Selbst Jürgen Habermas, die sich immer „religiös unmusikalisch“ nannte und in seiner Theorie des kommunikativen Handelns das Verschwinden von Religion vorhersagte, betont nach dem 11. September 2001 wiederholt die gesellschaftliche Bedeutung der Religionen mit der berechtigten Zusatzbemerkung, die Religiösen müssten im öffentlich-säkularen Diskurs ihre Anliegen so zur Geltung bringen, dass man sie verstehen kann. Wer davon überzeugt ist, dass eine Gesellschaft und ihre Kultur letztlich aus transzendierenden Quellen leben, kann mit der zu erwartenden Entwicklung nicht zufrieden sein.

Noch weniger lässt dieser Verlust die christlichen Gemeinden und Gemeinschaften unberührt. Faktisch trifft er sie am massivsten. Denn die bekannte Ausdünnung der Mitgliederzahlen trifft ja zunächst sie. Es ist ihre Relevanz, die allerorten zurückgeht und es sind ihre Veranstaltungen, die kein Interesse mehr finden. Ihre Gottesdienste werden nicht mehr besucht und ihr politischer Einfluss in Kommunen und in der Zivilgesellschaft wird massiv geschwächt.

 III/2 Machtverlust der Hierarchie

Dennoch nehmen viele engagierte Katholik/innen den großen Relevanzverlust anders wahr. Nach ihrer Erfahrung ist alle Macht in der Hierarchie konzentriert. Finanzverlust bedeutet in erster Linie Schwächung der bischöflichen Übermacht und kirchlicher Präsenzverlust zeigt sich als Verlust der bischöflichen Präsenz. Wie aber deuten die Bischöfe selbst diese schwierige Entwicklung?

III/2.1 Narzisstische Reaktionen auf Kontrollverlust

Nahezu einhellig reagieren die Bischöfe auf die aktuellen Entwicklungen gemäß ihren theologischen Voraussetzungen narzisstisch. Sie fühlen sich in hoher Unmittelbarkeit als Opfer der Entwicklung, da sie sich in hohem Maße mit „der Kirche“ identifizieren. Zugleich identifizieren sie die einfachen Mitglieder ihrer Kirchen als Täter, da diese ja ein Teil der abdriftenden, sich säkularisierenden Gesellschaft sind. Diese Mitglieder haben den Glauben nicht intensiv genug gelebt, sonst gäbe es mehr Priester. Sie bezeugen den Glauben nach außen und in ihren Familien zu wenig, sonst besuchten ja mehr Menschen die Gottesdienste. Ein wirklich selbstkritisches Interesse an veränderten Glaubensbedingungen hat die Hierarchie bislang kaum entwickelt.

Zugleich spüren die Bischöfe, dass für sie die aktuelle Zerfallsphase einen massiven Kontrollverlust bedeutet. Die Seelsorge bricht zusammen, die Beichtstühle bleiben leer, moralische Appelle verfangen nicht mehr und schon lange haben die klassischen pastoralen Angebote ihre Attraktivität verloren. Die Bischöfe reagieren auf diese Situation, indem sie ihre Bemühungen ausgerechnet auf die Stabilisierung ihrer eigenen Privilegien konzentrieren, die in ihrer Perspektive doch ausschließlich dem wahren Glauben und dem Wohle des Gottesvolkes dienen.

III/2.2  Defizite werden offenkundig

Zugleich macht diese Krisensituation die Defizite offenkundig, an denen die Kirchen aktuell leiden. Die Bischöfe machen sich nicht mehr verständlich, ihre Formensprache, Kleidung und Machtinsignien eingeschlossen, stößt auf Unverständnis. Ausgerechnet die offiziellen Versuche, mit den „Laien“ ins Gespräch zu kommen, haben gezeigt, dass die Hierarchie letztlich einen ernsthaften und folgereichen Dialog mit dem Gottesvolk ablehnt und ablehnen muss, weil dies ihr dogmatisches Selbstverständnis verbietet. Zu erinnern ist an den missglückten „Gesprächsprozess“ (2011-2015). Umgekehrt nehmen sie die aktuellen Streitpunkte ‑ Stellung der Frauen, Klerikalismus, Sexualmoral und innerkirchliches Sexualverhalten, Anerkennung der evangelischen Kirchen, ihrer Ämter und Gottesdienste – gerade nicht als Symptome tiefgreifender kultureller Veränderungen, einer intensiveren Kirchenpraxis und eines vertieften Glaubensverständnisses wahr, sondern als Untreue gegenüber dem eigenen, unfehlbar abgesicherten Glaubensgut. Ungewollt bestätigen sie damit ihre eigenen Defizite, denn faktisch bestärken die hierarchischen Reaktionen nur die vorgetragene Kritik.

III/2.3  Zirkel des Autoritätsverlustes

Damit wird ein Zirkel des wachsenden Autoritätsverlusts in Gang gesetzt. Die Hierarchie übersieht, dass sie den Autoritätsvorschuss, von dem sie lange zehren konnte, inzwischen aufgebraucht hat. Da dies aber kaum offen thematisiert wird, reagieren viele Betroffene an der Basis durch innere oder äußere Emigration. Viele Kirchenaustritte sind durch die Suche nach einer überzeugenderen Glaubenspraxis motiviert, gleich, ob die Betroffenen ihren Schritt als Kirchenkritik, Glaubensverlust oder finanzielle Erleichterung interpretieren. Sie distanzieren sich von dem, was man ihnen als den einzig legitimen Glaubensvollzug präsentierte.

Mit dem spektakulären Rücktritt von Benedikt XVI. vom Amt des Papstes hat selbst Rom erfahren müssen, dass die universalen Leitungs-, Lehr- und Heilsansprüche ihre innere Kraft verloren haben. Man kann voraussagen: Je mehr die Hierarchie weiterhin versucht, das Heft mit reaktionären Methoden in der Hand zu behalten, umso mehr Widerstand erntet sie nach innen und Unverständnis nach außen. Unter den gegenwärtigen Umständen kann die Hierarchie nicht die Lösung sein; vielmehr verschärft sie das Problem, weil sie exakt auf jene Aspekte des Katholizismus fokussiert bleibt, die zum Relevanzverlust der Institution geführt haben und weiterhin führen.

III/3 Aufwertung von Kirchengemeinden und kirchlichen Gemeinschaften

III/3.1  Unbestimmtheitsrelationen

Die Folgen überraschen nicht. Wer die Präsenz von Religion in der Gesellschaft beobachtet, kommt zu einem zwiespältigen Ergebnis. Zwar nehmen das Interesse an Kirchen und einer kirchlichen Glaubenspraxis dramatisch ab, das gilt jedoch nicht für das Interesse an religiösen Themen, genauer gesagt: an einer vitalen Auseinandersetzung mit Kontingenz-, Sinn- und Orientierungsfragen; so bleiben Religiosität und religiöse Angebote durchweg im Spiel. Immer mehr zu Außenseitern werden jedoch die offiziellen Kirchen als Religions- und Orientierungsvermittler. Manche Analysen erinnern mich an die Heisenbergsche Unschärferelation zwischen der Messung von Korpuskel (Ort) und Welle (Impuls). Je genauer der Ort bestimmt ist, umso unschärfer wird der Impuls, und noch wichtiger: Je genauer wir den Impuls einer Religion ins Auge fassen, umso unklarer ist der Ort zu bestimmen, an dem dieser Impuls zum Tragen kommt. Je mehr eine Institution sich zum legitimen, womöglich noch zum einzig legitime Ort des Heils aufwirft, wie es Joseph Ratzinger im Dokument Dominus Iesus (06.08.2000) getan hat, umso gründlicher pervertiert sie die Tiefendimensionen einer religiösen Erfahrung, die sich nie objektivieren lässt. Zur Diskussion steht also der Respekt vor dem religiösen Sensorium, das tief in die Identität eines Menschen eingegraben ist.

So nimmt es auch nicht wunder, dass uns die regelmäßig veröffentlichten Ergebnisse der Sinus-studien nur zum Teil weiterhelfen. Gewiss, sie erarbeiten ganzheitliche Bilder von den durch sie definierten Gruppen („Kartoffeln“), bleiben dabei nicht in einem faktenfixierten, isoliert objektivierenden Denken stecken, sondern arbeiten die Lebenswelten und Milieus von Menschen heraus, ihre grundlegenden Werteorientierungen gegenüber Arbeit, Familie, Freizeit, Geld und Konsum. Immerhin gibt die Jugendstudie 2016[12] zu erkennen: die kirchliche Bindung geht stark zurück, Jugendliche holen sich ihre Antworten auf Sinnfragen oft aus verschiedensten Religionen zusammen und ihre Freundeskreise sind in religiöser Hinsicht oft heterogen. In der Regel ist ihre religiöse Praxis nicht im Alltag verankert, sondern bleibt auf bestimmte Anlässe beschränkt.

Insgesamt zeigen die im Zweijahresrhythmus erscheinenden Sinusstudien, dass in der Bevölkerung eine gelebte Verbundenheit mit den Kirchen dramatisch abnimmt. Doch zur konkreten Verhältnisbestimmung bei den einzelnen Gruppen zwischen konkreter Kirchenbindung und dem Umgang mit (individuell) religiösen Fragen erfahren wir nur wenig. Das ist auch nicht erstaunlich, denn zur Kategorie Religion liegt kein differenziertes Konzept vor. Dort also, wo wir eine ausgearbeitete Skala zwischen institutionsgläubiger Kirchlichkeit und verinnerlichter Religiosität abklopfen möchten, bleiben wir auf Vermutungen und Hypothesen angewiesen. Hier muss die Feststellung genügen, dass Entkirchlichung in keiner Weise mit dem Verlust von Religiosität identisch ist.

III/3.2  Primäre Orte des Christseins

Die Epoche der großen, gesellschaftstheoretisch, philosophisch und politisch vorangetriebenen Religionskritik ist vergangen. Auch weiß heute, wie schon besprochen, eine informierte Öffentlichkeit zu unterscheiden zwischen der Institution Kirche und einer Religiosität mit ihren vielfachen individuellen, gesellschaftlichen und kulturellen Facetten. Das wurde möglich, weil sich auch die Religionskritik des 20. Jahrhunderts weitgehend zur Institutionenkritik gemausert hat, und weil die massive Kritik an der Hierarchie heute von einer hochengagierten christlichen Basis aus geführt wird. Kurioserweise hat sich auch das noch nicht bis ins bischöfliche Bewusstsein durchgesprochen. Selbst die gängige Kirchenpresse, die sich seit 2013 so liberal gibt, bastelt noch gerne am Popanz der von Glaubensmangel angefressenen „Kirchenkritiker“, obwohl sie gegen die leitenden Organe agieren.

Auch aus theologischer Perspektive hat die kritische Basis mit ihrer Pionierfunktion recht. Ganz im Sinne der Schrift und der ersten Jahrhunderte kehrt sie die ererbten Machtverhältnisse um und zeigt: Die christlichen Gemeinden und Gemeinschaften können die primären und gesellschaftlich relevanten Orte des Christseins sein, also einer zeitgemäßen Weltinterpretation und einer prophetisch inspirierten Praxis. Gemeinden, die sich dieses Selbstbewusstsein noch nicht erarbeitet haben, sollten dies endlich lernen, sonst gehen sie im aktuellen Chaos der völlig unsinnigen pastoralen Notverordnungen unter und driften mental schlimmstenfalls in den Zustand verängstigter und mit einer schwarzen Sündenpädagogik drohender Sekten ab.

III/3.3 Elementare Gemeinderechte

Die Würde einer gesellschaftlichen Pionierfunktion muss in das Selbstbewusstsein unserer Kirchengemeinden und kirchlichen Gemeinschaften eingehen. Ihnen steht es z. B. zu,

– intern und öffentlich als die primären Interpreten und Gestalter ihrer Handlungsoptionen aufzutreten und dementsprechend in eigenem Namen zu handeln.
– nach bestimmten Vorgaben ihre Gemeindeleitung selbst zu wählen, abzuwählen und aktiv in die Aufgaben der Gemeindeleitung eingebunden zu sein; Gemeindeleiter/innen können weiblich oder männlich, verheiratet oder ehelos sein, ihre Aufgabe je nach deren Umfang vollamtlich oder im „Nebenamt“ ausüben.
– angemessen an der Wahl des überregionalen Leitungsamts mitzuwirken; Bischöfe müssen – in erster Linie von „ihren“ Gemeinden ‑ auf Zeit gewählt werden und ihr Leitungshandeln gegenüber den Gemeinden regelmäßig verantworten.
– nach bestimmten Vorgaben den Gang ihrer Gottesdienste (Gebet, Verkündigung, Wort und Mahl sowie ästhetischer Ausgestaltung) selbst zu bestimmen und kraft eigener Kompetenz vollgültig zu leiten.

Primär liegen in ihrer Hand also Beschluss- und Wahlrechte, die Rechte der Gemeindeleitung und Gottesdienstgestaltung, der Selbstdarstellung und Einordnung in den Lebensraum vor Ort. Deshalb gehört es auch zu ihren Rechten und Pflichten, ohne Konfliktscheu für die Rückeroberung dieser Rechte zu kämpfen. In einer Phase zusammenbrechender Pfarreistrukturen ist die Situation dafür günstig. Vielfach reicht es einfach dort eigenständig zu handeln, wo eine Bistumsleitung ihren bisherigen Pflichten nicht mehr nachkommt und die offizielle Pastoral (etwa durch die sinnwidrige Zusammenlegung von Gemeinden) sich nicht mehr von einer Insolvenzverwaltung unterscheidet. Auch können sich die herausgeforderten Gemeinden mühelos die nötigen biblischen, historischen und theologischen Informationen beschaffen, die ihnen das Recht und die Pflicht zu diesem kreativen Handeln bestätigen. Sie müssen nicht zu theologischen Spezialisten werden, aber davon ausgehen können, dass ihr grenzerweiterndes Handeln christlich gerechtfertigt, wenn nicht gar geboten ist.

Auf Grund dieser elementaren Grundrechte und der vielen gemeinsamen Aktivitäten (vom Gottesdienst bis zu sozialen Unternehmungen) bieten die Gemeinden noch die größte Chance, virulente Spaltungen zur durchkreuzen und die entstandenen Echoräume (von Progressiven und Konservativen, Kirchenkritischen und Kirchenloyalen, Jungen und Älteren, Vertreter/innen einer reflektierten Glaubenspraxis und der Volksfrömmigkeit) aufzubrechen, also Flügelkämpfe zu entschärfen. Diese Fähigkeit kann für die Zukunft der Glaubensgemeinschaften entscheidend werden.

III/4 Bewältigung des Übergangs

Dieser Übergang bringt viele Risiken mit sich. Er sollte bedachtsam und klug geschehen und nach Möglichkeit persönliche Verletzungen vermeiden. Man sollte sich nicht wundern, wenn er von Progressiven oft als alter Hut, von vielen Konservativen aber als revolutionär empfunden wird. Gemeinden können sich spalten. Auf keinen Fall sollten solche Schritte leichtfertig gegangen werden, aber die Risiken sind es wert, denn sie beenden eine jahrhundertalte autoritäre Kirchenstruktur. Zudem greifen sie eine reformatorische Tradition auf, gegen die sich der Katholizismus ein halbes Jahrtausend lang stemmte. Doch dies könnte auch den ersten, wirklich ökumenischen Schritt bedeuten, der uns nahe zu den evangelischen Kirchen, ihrem biblisch orientierten Verständnis von Gemeinde und Amt hinführt.

III/4.1 Kompetentes und reflektiertes Handeln

Unverzichtbar ist deshalb der Einsatz von kommunikativer, sozialer, politisch reflektierter, rechtlich einordnender und spiritueller Kompetenz. Wir werden umso leichter vorankommen, als katholische Pfarreien aufgelöst werden, also neuen Orten der Begegnung und des Feierns Raum geben. Dann nämlich wirken neue Aktivitäten nicht mehr wie eine revolutionäre Konkurrenz zum altehrwürdigen Brauchtum, denn wir werden zum hilfreichen Ersatz, der für viele eine schmerzliche Lücke schließt. Keine zerstörenden Kräfte werden am Werk sein, vielmehr werden aus den Ruinen neue Lebensräume entstehen.

III/4.2  Abschied vom „geweihten Amt“

Aus konfessionell katholischer Perspektive wird das neue Bild von Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleitern einen tiefen Einschnitt bewirken. Faktisch sind die meisten katholischen Reformdebatten noch anti-reformatorisch orientiert, denn sie rücken die Anzahl und Funktionsfähigkeit geweihter Personen (also von Priesterinnen und Priestern) in den Mittelpunkt. Ich finde es erstaunlich, wie viel Aufmerksamkeit noch immer dem „Weiheamt“ gewidmet wird. Gegen dessen zentrale Stellung spricht sogar die traditionelle katholische Rechtssprache. Sie spricht in großer Nüchternheit von „Ordination“, also von einer Ein- oder Zuordnung, einer An-Stellung im geradezu wörtlichen Sinn. Konsequent zu dieser alten Logik ist im Zusammenhang mit der Eucharistiefeier auch nicht von einem sakramentalen Handeln, einer Wandlungsmacht, gar einer Opferhandlung, sondern schlicht vom Vor-sitz bzw. dem Vorsteher (pro-states) die Rede. Der Bischof wird funktionsgerecht „Aufseher“ (epi-skopos), sein Helfer recht nüchtern „Älterer“ (presbyteros) genannt.

Mit der Konzentration auf den geweihten Priester, dem eine geheiligte Vollmacht zukommt und der sich sexuellen Tabus zu unterwerfen hat, setzt sich, wie schon gesagt, eine frühmittelalterliche, von magischem Denken durchsetzte Neuentwicklung durch, die der Breite der neutestamentlichen Ansätze nicht mehr gerecht wird.

Das noch von Benedikt XVI. propagierte Priesterbild des 19. Jahrhunderts umschreibt Johannes Vianney, der „Pfarrer von Ars“ (1786-1859) folgendermaßen: „Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? Der Priester. Wer wird sie darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen, indem er sie zum letzten Mal im Blut Jesu Christi wäscht? Der Priester, immer der Priester. Und wenn diese Seele [durch die Sünde] stirbt, wer wird sie auferwecken, wer wird ihr die Ruhe und den Frieden geben? Wieder der Priester … Nach Gott ist der Priester alles! … Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen.“

Dieser letzte Satz entlarvt das ganze Problem: Mit einer Simplizität sondergleichen wird der Priester zum Obermagier, ohne den schlechthin nichts geschehen kann. Der Kleriker dieses Stils sieht sich unmittelbar auf den Himmel verwiesen, während die „Laien“, insbesondere die Frauen, der Sündigkeit der Erde verhaftet sind. Natürlich wird heute im westlichen Kulturraum jeder Priester diese Selbstbeschreibung zurückweisen. Dennoch sind sie alle davon überzeugt (sollten sie nach offizieller Lehre davon überzeugt sein), dass sie zumindest während der Eucharistie „an der Stelle Christi“ handeln. Diese Anmaßung bildet aktuell den Kern des augenblicklichen Niedergangs.

Es geht heute nicht um geweihte Priester, die man kraft ihrer magischen Vollmacht als Gemeindeleiter einsetzen kann, sondern um kompetente Frauen und Männer, die imstande sind, eine christliche Gemeinde im Rahmen einer demokratisch aufgestellten Gesellschaft zu führen. Natürlich leiten diese Männer oder Frauen in der Regel auch die gottesdienstlichen Zusammenkünfte einer Gemeinde und man wird erwarten, dass sie feierlich und für die Öffentlichkeit sichtbar in ihr Amt eingeführt werden. Doch zu folgen hat ihr Handeln den funktionalen Gesetzen einer angemessenen Führung, der Transparenz und des gegenseitigen Vertrauens.

Je weniger dieses Führungsamt als Monopol begriffen wird, umso deutlicher kann sich auch die plurale Struktur einer Gemeindeleitung durchsetzen. Im Anschluss an Paulus ist oft von Charismen die Rede; das heißt von Begabungen oder Kompetenzen, die jeder und jede in das Leben einer Gemeinschaft einbringen kann. Paulus, der oft für den aktuellen Sakramentalis­mus herhalten muss, hat in Sachen Gemeindestruktur durchaus demokratisch gedacht: Er will ein Geflecht von sachbegründeten Autoritäten und sie werden gemäß dem Nutzen beurteilt, den eine Gemeinde von ihnen hat.

III/5 Die Schubkraft einer konkreten Vision

Die Strukturkrise der christlichen Kirchen in Deutschland, die Glaubwürdigkeitskrise der römisch-katholischen Kirche insgesamt sowie der aktuelle Zusammenbruch pastoraler Strukturen sind offenkundig und man konnte sie kommen sehen. Hauptverantwortlich für die aktuelle Amtskrise ist die römisch-katholische Hierarchie. Doch schon seit über 50 Jahren werden Reformvorschläge entwickelt. Deshalb müssen sich auch katholischen Reformkräfte die Frage gefallen lassen: Warum konnten sie in diesem langen Zeitraum keine größere Wirkung entfalten und warum haben sie sich immer wieder auf Einzelfragen, Einzelkonflikte und auf die Bearbeitung von Einzelskandalen zurückdrängen lassen?

Nach meiner Vermutung leiden unsere Reformbewegungen an demselben Grundmangel, an dem die katholische Kirche insgesamt leidet. Uns sind große Visionen abhanden gekommen, sodass wir zu den genervten Verwaltern des augenblicklichen Mangels wurden. Statt die faszinierenden Ausblicke und großen Hoffnungen vergangener Epochen aufzuspüren, greife ich deshalb auf die eine große prophetische Vision zurück, aus der Jesus von Nazareth lebte. Vermutlich haben wir von der Nachfolge Jesu nur wenig begriffen, wenn wir sie auf ethische Maßstäbe oder auf die großen Ideale der Nächsten- und Feindesliebe reduzieren. Wie wir heute genau wissen, gründete Jesus weder eine Kirche noch hatte er eine Kirchengründung zum Ziel. Für ihn konnte Gottes Reich, also eine in Frieden und Gerechtigkeit versöhnte Menschheit, die für die Schöpfung Sorge trägt, hier und jetzt beginnen. Aus diesem Grund hat er sich wohl auch von der Täuferbewegung getrennt. Nach ihm können die Armen schon jetzt reich und die Trauernden schon jetzt getröstet werden. In seiner prophetischen Verkündigung tauchen keine Ämter, keine sakralen Heilsmittel, keine Sünderideologien und keine Opfermythen auf. Er lässt die Zukunft schlicht beginnen.

So ist die jesuanische Hauptfrage auf keine Kirchen- oder Erlösungsstruktur ausgerichtet, sondern unmittelbar auf einen bedingungslosen Frieden, eine umfassende Gerechtigkeit und auf eine Lebensform, die die Schöpfung in ihrer ganzen Güte und Schönheit achtet. Nicht der moralisierende Gedanke der Nachfolge, sondern die unbedingte Nähe zur Welt und ein solidarisches Leben mit den Menschen können uns vom autoritär-religiösen Narzissmus befreien, der auch die Reformbewegungen lähmt.

IV. Und die Realität?

IV/1    Ein verlustreicher Übergang

IV/1.1  Mindestens eine Generation

Der enorme Machtverlust der Hierarchie hat die elementare, schon seit 500 Jahren überfällige Bedeutung der katholischen Gemeinden und Gemeinschaften neu ins Spiel gebracht. Im Augenblick des hierarchischen Zusammenbruchs haben sie die Chance, zu einer ursprünglichen Gemeinschaftsform zurückzukehren, die schon in neutestamentlichen Zugnissen vorgegeben ist. Allerdings bilden auch die Gemeinden keinen unangetasteten Festungsring, auf den wir getrost zurückgreifen könnten. Mitgliederschwund geschieht überall. Viele der kritisch Engagierten und derer, die für eine glaubwürdige Religion brennen, haben die Gemeinden schon verlassen oder sich aus ihren regelmäßigen Begegnungen zurückgezogen. Andere engagieren sich nur noch in ausgesprochen sozialen oder pädagogischen Aufgaben; mit dem frommen Rest möchten sie nicht viel zu tun haben. Deshalb wird der Übergang zu einer neuen Autonomie zu einem anspruchsvollen Experiment.

Von wünschens- und nachahmenswerten Ausnahmen abgesehen wird dieser Transformationsprozess mindestens eine Generation, also 30 bis 35 Jahre in Beschlag nehmen. Der Durchzug Israels durch die Wüste mit Fehlversuchen, Erfolgen und Rückfällen, mit Führern und Verführern, mit dem Antagonismus zwischen Moses‘ ethischen Ansprüchen und Aarons opulent enthusiastischen Feierzeiten kann als Folie dienen. Auch die theologische Begleitung muss auf unbekannte Gebiete vorstoßen, bis die Gemeinden ihr neues, kreatives und Maßstäbe setzendes Profil entwickelt haben und zu Vororten werden für eine zukunftsweisende Lebenspraxis. Es war noch nie einfach, neue Verantwortungen zu übernehmen. Das gilt in dieser Umbruchszeit auch für reformorientierte Gruppen.

IV/1.2 Vororte für eine christliche Lebenspraxis in der Gegenwart

Der Übergang wird schmerzhaft sein, denn er muss eine Grundhaltung überwinden, die den Gemeinden bislang zur zweiten Natur geworden ist. Das ist ihre Loyalität gegenüber der bischöflichen Autorität und der Unterordnung unter sie. So ist es bislang nur konsequent, dass in der deutschen Öffentlichkeit das allgemeine Kirchenbild nicht von den Gemeinden, sondern von den Bischöfen bestimmt wird. Für das öffentliche Ansehen der Kirche ist das ein verheerender Zusammenhang, denn die Bischöfe werden nie die Profile und Verdienste der Gemeinden vor Ort hervorheben. Man schaue nur einmal in die täglichen KNA-Meldungen und wird schnell entdecken, dass dieses Organ viel von den Bischöfen und allerlei Allotria[13], aber kaum etwas von den Gemeinden und deren Leistungen z. B. in der Sorge um Flüchtende und deren Integration bei uns berichtet.

Deshalb müssen sich die Gemeinden wieder eine Würde erobern, die etwa den spätantiken Bischofskirchen in Italien oder an der nordafrikanischen Küste zukam. Ostia hatte in der Spätantike etwa 50.000 Einwohner, ebenso viele das nordafrikanische Hippo zur Zeit von Bischof Augustinus. Nur wenn solche Gemeinden (wenn also unsere Gemeinden in Kleinstädten und größeren Städten) entschlossen und in eigenem Namen agieren, ihre Positionen darstellen und selbstbewusst als Teil ihrer zivilen Gesellschaft handeln, nur dann wird ein realistisches, nicht mehr von reaktionären und autoritären Beigaben verzerrtes Kirchenbild entstehen können. Wir brauchen einen neuen Typ von mündigen und öffentlich aktiven Gemeinden.

IV/1.3  Interkonfessionell und interreligiös lernen

Trotz guter Ansätze während des 2. Vatikanischen Konzils hat sich die römisch-katholische Kirche bis heute den entscheidenden Herausforderungen verweigert, die die Reformationen ihnen gestellt hat. Auf amtlichen Ebenen sind die viel gerühmten ökumenischen Beziehungen an der Oberfläche geblieben. Die zahllosen offiziellen Studientage, Kommissionen und Gemeinsamen Erklärungen der vergangenen 50 Jahre dienen mehr der Selbstdefensive als einem wirklichen Kennenlernen, das grundlegende Einverständnisse ermöglicht hätte. Großenteils erklärt sich diese Unbeweglichkeit einer ruinösen Tatsache: Die Ökumene, ihre Einigungsgespräche und kritischen Erinnerungswege wurden von den konfessionellen Kircheninteressen in Beschlag genommen. Unkonventionelle Verständigungen hatten keine Chance. Gemeinden, die einen unkonventionellen Vorstoß versuchten, wurden zurückgepfiffen, unbotmäßige Priester zur Not laisiert. Dies kann sich ändern, sobald die Gemeinden zu Meinungs- und Handlungsführerinnen werden. Die vielen verborgenen, weil bischöflich missbilligten Begegnungen, gemeinsamen Gottesdienste und religiösen Feiern werden zur Normalität werden und die theologischen Legitimationen folgen ihnen auf dem Fuß.

Dieser Prozess des gegenseitigen Einverständnisses wird sich vertiefen durch die interreligiösen Begegnungen, die inzwischen in Gang gekommen sind. Auf die christlichen Gemeinden kommt für interreligiöse Begegnungen eine große Verantwortung zu.

IV/2    Verlagerung des Sakralen

Den Gemeinden steht noch ein zweites Erdbeben bevor, das die Grundfesten des traditionellen Katholizismus massiv erschüttert. Zu den grundlegendsten kulturellen Transformationen der Gegenwart gehört ein neues Verständnis des Sakralen. Nach meinem Urteil hat dies mit der Demokratisierung unserer Gesellschaft zu tun, die ‑ Rückschläge eingeschlossen – ein ganzes Jahrhundert schon am Werk ist. Was hat sich wirklich geändert? Bis zum Ende der europäischen Monarchien wurde Sakralität in Europa immer erfahren in seiner Doppelform von imperialer und kirchlicher Macht. Auch die Monarchen wussten sich von Gott eingesetzt.

Seitdem befinden wir uns in einem langfristigen Prozess, der bis in unsere Gotteserfahrung hineinreicht. GOTT ist nicht mehr der Erhabene und Allmächtige, der gleichermaßen mit dem erlösenden Wort und dem weltlichen Schwert regiert und wie in einem höfischen Zeremoniell zu verehren ist. Thron und Altar bilden nicht mehr den klassischen Dualismus, der unsere Transzendenzvorstellungen dominiert. Inzwischen ist das Heilige in menschliche Grenzerfahrungen eingerückt, nämlich in Beschenkung und Verlust, Glück und Trauer, Liebe und menschlicher Nähe sowie in körperlichen Grenzüberschreitungen, von der sexuellen Ekstase bis hin zu Krankheit und Tod. Die Urerfahrung des Sakralen hat sich in die Menschen und in ihre Sehnsucht nach Menschlichkeit verlagert, hat also starke mystische Züge angenommen. Heilig, das sind das Antlitz und die Gegenwart der Andern.

Es kann nicht ausbleiben, dass diese Verlagerung auch unsere Erfahrung von kirchlicher Sakralität verschiebt. Für eine Kirche, die sich seit Jahrhunderten auf Sakramente konzentriert und die eigenen Ämter in kaum überbietbarer Weise geheiligt hat, bedeutet dies einen tiefen Einschnitt und für die katholische Frömmigkeitsdynamik eine Herausforderung. Von den Säkularisierungsprozessen wird sie massiver getroffen als die Kirchen der Reformation. Für die zukünftige Gestalt von Religion und Religiosität ist diese neue, geradezu mystische Erfahrung des Heiligen von hoher Bedeutung. Langfristig wird sie den restaurativen Weg der beiden Vorgängerbischöfe ins Unrecht setzen.

Genau besehen geht es dabei nicht um die Abschaffung des Sakralen, sondern um dessen Reinigung von den magischen, autoritären und machtbesetzten Elementen, die der römisch-byzantinische Staatskult vorgegeben hatte. Das bedeutet für unsere Zukunft einen Glücksfall, denn die Urerfahrung des Sakralen ist endlich wieder aus der politischen Machtsphäre ausgewandert, um sich in den menschlichen Erfahrungen von Liebe und Körperlichkeit anzusiedeln. Das Heilige, das sind die Andern, zumal diejenigen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Politischer könnte eine neue Grunderfahrung von Religion und Religiosität nicht sein.

IV/3 Nähe zu Menschen und Welt

IV/3.1 Schleifung der Bastionen

Die Entmythisierung der traditionellen Hierarchie, also ihre Reduktion auf funktional umschreibbare Aufgaben, setzt die Kirche zwar direkter der Welt aus und kann Christ/innen zugleich zu deren unmittelbaren Partnerin machen. Dies erinnert an die Schleifung zahlloser Stadtmauern im 19. Jahrhundert. Dadurch wurden abweisende, wenn auch schützenden Trutzburgen zu offenen Stätten des Austauschs; jetzt konnten sich Industrie und Verkehr dynamisch entwickeln. Die Städte wurden zu Orten der offenen Kommunikation. In unserem Kulturraum ist auch die Funktion der Kirche als einer schützenden Trutzburg abgelaufen. Sie muss, wenn sie Zukunft haben will, zu einer Institution der Gespräche, der Gemeinschaft und der offenen Partizipation werden. Damit wird sie zu einem Vorort der Menschheit, einem unverzichtbaren Gesprächsraum zur gegenseitigen Orientierung und Solidarität.

Bis in die Gegenwart hinein kann die Kirche dieser Aufgabe nicht genügen, denn die Hierarchie versteht sich noch immer als Trutzburg und als die Hüterin einer unveränderlichen Wahrheit, die es unter allen Umständen zu schützen und deren Anwender es zu kontrollieren gilt. Auch aus dieser Perspektive bietet der Zusammenbruch der hierarchischen Vorherrschaft den christlichen Gemeinden eine ungeheure Chance. Sie realisieren Christentum vor Ort, teilen ihr Verhalten und viele ihrer Werte den Menschen ihres Sozialraums, sei es eines Dorfs, einer Stadt oder einer Gemeinschaft. Sobald sie sich vom Druck zur traditionellen Sakralität befreit weiß, kann sie ihr Gemeindeleben mit dem doppelten Brennpunkt von kirchlicher Gemeinschaft und profanem Alltag organisieren.

VI/3.2  Sprengung der Monokratie

Unter diesen neuen Umständen ist die konkrete Lebensführung, die uns täglich auf den Leib rückt, der primäre Kontext unseres Lebens mit all seinen unmittelbaren Erfahrungen. Primär ist sie nicht mehr wie früher das Objekt ontologischer und ethischer Reflexion. Dies bietet die große Chance zu einer erneuerten, zeit- und sachgemäßen Glaubenspraxis, die nahe bei den Menschen ist. Denn diese erneuerte religiöse Erfahrung lebt nicht aus abstrakten Bekenntnissen oder aus anstrengenden Reflexionen, sondern aus dem Leben selbst. Dies scheint mir der einzige, wenn auch langwierige und hindernisreiche Weg zu sein, der die traditionellen Vorurteile der Menschen gegen Religiosität, Religionen und Christentum hinter sich, vielleicht dahin schmelzen lässt.

Zwar hat sich die Hierarchie der katholischen Kirche seit 1945 stark internationalisiert, doch die römische Zentrale behielt unbestritten die Priorität. Bis zum heutigen Tag werden Ausbildungen, hervorragende Kompetenzen und Entscheidungsgremien in Rom zentralisiert. Nach wie vor werden die unterschiedlichen Lebensräume, Staaten und Kulturen von oben nach unten gesteuert. Auch unter dem aktuellen Pontifikat, das 2013 begann, ist z. B. den Bischofssynoden keine Pluralisierung ihrer Arbeit gelungen.

Das Erstarken der christlichen Gemeinden und Gemeinschaften kann zu einer entscheidenden Wende führen, weil sie vor Ort, also aus ihren Kontexten heraus denken, argumentieren und handeln. In einer hochdifferenzierten, sich globalisierenden Gesellschaft ist diese Pluralisierung überlebenswichtig. Es geht nicht nur um ein Gespür für die kollektive Vielfalt der gegenwärtigen Kulturen und Religionen, sondern auch um die individuelle Pluralität von Individuen, ihrem Geschlecht und Alter, ihrer Bildung. Nur ein (im besprochenen Sinn) „verweltlichtes“ Gemeindeleben kann diese Vielfalt in ein religiöses Lebenskonzept einordnen bzw. die vervielfältigte Kraft etwa des christlichen Glaubens zur Geltung bringen. Die gelebten Kontexte prägen den christlichen Glauben bis in ihren Kern hinein und bestimmen eine zeitgemäße Interpretation der überlieferten Glaubensbotschaften (vor allem: der biblischen Schriften) mit.

IV/4 Aktueller Beginn

IV/4.1 Geplante Zukunft?

Wie schon gesagt, gelingt ein Neubeginn nur denen, die von einer Vision beseelt sind. Diese Vision muss den Alltag überragen. Aber auch gegenüber dem Enthusiasmus neuer Visionen bleibt es gewiss, dass aller Anfang schwer ist. Es ist ganz einfach und doch kompliziert: man muss eben anfangen. Deshalb komme ich auf unsere Visionen im Sinne der biblischen Prophetie zurück.

Die biblische und die jesuanische Prophetie, alle religiösen Prophetien unterscheiden sich von theoretischen Zukunftsvisionen fundamental. Die theoretischen Modelle extrapolieren die Gegenwart auf das Eintreten eines Ereignisses in chronologischen, inhaltsleeren Zeitmodellen. Anders verhält es sich in politischen Zukunftsvisionen. Sie wollen ein aktuell messbares Verhalten steuern, weil in ihm jetzt schon die Zukunft beginnt; man denke an den CO2-Ausstoß, einen fairen Welthandel oder den übermäßigen Gebrauch von Plastik. Noch anspruchsvoller sind die Utopien, die ganze Gesellschaftsmodelle propagieren und den Menschen die Änderung ihres Verhaltens notfalls mit Zwang abverlangen. Dafür steht immer noch eine der einflussreichsten Zukunftsmodelle, die marxistische Utopie. Ernst Bloch ging noch einen Schritt weiter. Eindrücklich beschrieb er die Hoffnung, in der die Tagträume die Nachtträume ersetzen, als eine fundamentale Kraft menschlichen Lebens- und kultureller Daseinsgestaltung. Jürgen Moltmann schlug schließlich die Brücke zu einer Hoffnung als einer umfassenden und ganzheitlichen Zukunftserfahrung, die jetzt schon vorbehaltlos unsere Gegenwart, unser Gottesbild und unsere umfassende Weltinterpretation bestimmt.

Mit dieser Hoffnungsstruktur sind wir bei der biblischen Prophetie angekommen. Schon sprachlich erlaubt die semitische Sprachfamilie keine chronologische Unterscheidung zwischen Gegenwart und Zukunft. Sie denkt prozessual, unterscheidet zwischen dem, was vollendet und was noch offen ist, was Tatsache und was geboten ist. Das Geheimnis des jesuanischen Gottesreichs besteht darin, dass es die Zeitdifferenz endgültig aufhebt. Deshalb entfernt sich Jesus von Johannes. Gottes Reich beginnt ohne vorhergehende Forderungen und Bedingungen, also hier und jetzt. Die gesellschaftlichen Strukturen atmen jetzt schon Zukunft. Die Grundwerte und Grundhaltungen der Menschen lassen jetzt schon entdecken, wie Gott uns gesonnen ist. In diesem Sinn ist Gottes Reich schon da.

IV/4.2  Wirkung durch Dasein

Das Geheimnis der biblischen Prophetie liegt also darin, dass sie ungefragt in der Gegenwart schon wirksam wird. Jesus nimmt das Reich in seiner Gegenwart wahr, denn es bewirkt vor Ort Versöhnung und Begegnung, menschliches Miteinander und ein versöhntes Leben. Diese Religion lebt ungeniert von „Kontrasterfahrungen“ (Schillebeeckx). Sie treten ein, weil wir sie ermöglichen. Natürlich will auch die Prophetie Ziele erklären und die vollendete Utopie in glühenden, gesellschaftspolitisch starken Farben schildern. Doch ihre ursprüngliche Kraft liegt darin, dass sie schon da ist, bevor sie besprochen wird. Eine Gemeinde, die aus dieser Prophetie lebt, tut das Neue, weil es für sie selbstverständlich ist. Wo dies in den Trümmern des aktuellen Niedergangs gelingt, ist Auferstehung. Eine Gemeinde erneuert sich also nicht dadurch, dass sie kirchenkritische Theorien entwirft und sich in der Hierarchenkritik verzehrt, sondern indem sie auf allen Gebieten ihres Daseins das Neue einfach tut.

Dieser Zusammenhang ist für eine gängige Kritik an den Reformbewegungen wichtig. Der Vorwurf lautet, sie erschöpfe sich in Strukturkritik und vergesse darüber den Glauben an Gott. Dieser Vorwurf ist zwar dumm oder hinterhältig, denn er kann oder will die Motive der Reformbewegungen nicht sehen. Ihre Kernkritik lautet ja, eine narzisstisch verblendete Hierarchie behindere die Menschen am Zugang zum Gottesglauben, weil diese Hierarchie sich zwischen die Menschen und ihrem Gottesgeheimnis schiebt. Aber dieser Vorwurf erhält auch ein Stück Wahrheit. Wer sich am Neubeginn messen lassen will, muss sich endlich vom Streit um die Strukturen lösen. Deshalb freue ich mich auf jeden Tag, an dem wir die Bischöfe eben Bischöfe sein lassen und uns stattdessen für Gottes Reich interessieren. Es geht darum, für Menschen da zu sein und ihnen dort beizustehen, wo sie uns brauchen: im Überlebens- und im Befreiungskampf, im Kampf um Integration und eine angemessene Ausbildung, auch im Kampf gegen Einsamkeit und um einen versöhnten Abschied. Von diesen Erfahrungen leben unsere Gottesdienste, in denen es unter den genannten Vorbedingungen nicht langweilig wird, weil sie öffentliche Angelegenheiten besprechen.

Schluss: Gewissheit als Prozess

Auch bei nüchterner und aufgeklärt religionskritischer Betrachtung ist die Erinnerung an Jesus von hoher gesellschaftpolitischer, weltethischer und spiritueller Bedeutung. Dafür, dass diese Erinnerung untergeht, besteht auch in Westeuropa keine Gefahr. Wir müssen sie nur von den autoritären, metaphysischen und monokratischen Bedingungen der Vergangenheit lösen. Im selben Atemzug können wir die Wahrnehmung von Religion und Religionen aus ihren traditionellen Fesseln einer Selbstverliebtheit herauslösen, die z. B. das Christentum zur überlegenen Religion der schlechthinnigen Nächstenliebe machte, sodass niemand mehr verstand, warum das Christentum bei solch edlen Motiven ein Übermaß an Hass und Gewalt erzeugte.

Doch seit den 1990er Jahren vollzieht sich in der Wahrnehmung der Religionen ein paradigmatischer Wandel. Sie werden mehr und mehr auf ihre Fähigkeiten zur gegenseitigen Begegnung, zu friedenswilliger Beziehung und auf ihr Handeln abgetastet. So erschließt das Projekt Weltethos die Weltreligionen in gegenseitigem Konsens als Orte, die einen auffallend übereinstimmenden Kanon von Grundwerten einüben, die auf den Weltfrieden ausgerichtet sind. Wenn sie nur wollen, können sie Frieden stiften.

Im selben Jahrzehnt fragt Hans Joas in einer erstaunlichen Parallele, wie in den Religionen Werte entstehen, die eine universale Bindung entfalten. Er antwortet: „Werte und Wertebindungen [entstehen] in Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz“[14], also in religiösen Erfahrungen. Das sind letztlich anthropologische, keine speziell theologischen Koordinaten. Hans Küng seinerseits versteht das Weltethos als kein explizit religiöses Projekt. Zwar ist es ursprünglich in Religionen zu Hause, sie leben gerade die zutiefst humanen Werte aus. Veränderung können wir nur bewirken, wenn wir uns selbst verändern. „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ (M. Gandhi)

Dadurch sind Religionen und Christentum von der Humanität aus zu messen, die sie vergegenwärtigen können. Nach allem, was wir historisch wissen und sagen können, kann an diesem humanen, gesellschaftspolitisch enorm wichtigen Impuls kein Zweifel bestehen. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Sache Jesu auch in Europa und in ihrer aktuellen Wertekrise eine neue Zukunft entfalten kann. Wenn es den christlichen Gemeinden also gelingt, die jesuanische Botschaft neu aufzugreifen, können sie geläutert, weil freier, selbstbewusster und weltnäher aus der aktuellen Krise hervorgehen.

Werden wir also aus den Ruinen auferstehen? Ich hoffe es, aber die innere Gewissheit der jesuanischen Prophetie ist nicht mit einer berechenbaren Sicherheit zu verwechseln, denn sie lebt aus Wachheit, Widerstandskraft und dem ständigen Ereignis. Streng genommen ist Auferstehung ja nicht ein vollendetes und vergangenes Faktum, sondern immer nur ein erwarteter Prozess. Alle Erneuerungen sind nur Suchbewegungen, mehr nicht. Neue Gewissheiten werden immer mit Ungewissheit konfrontiert sein. Es gilt, nicht erneut in die alte katholische Sünde zurückzufallen, die zumal in der Neuzeit den Erfolg der Institution als Triumph der Gnade vereinnahmte, um schließlich mit leeren Händen da zu stehen. Wir sollten besser lernen, wider alles Hoffen zu hoffen (Röm 4,18). Zwar sind wir ins Gelingen verliebt, wissen aber, dass uns das Schicksal der kleinen Herde nicht unbedingt erspart wird. Vielleicht haben wir nur dann Erfolge, wenn wir uns nicht allzu ernst nehmen. Oder in Anlehnung an den amerikanischen Reformjuden Arnold Jacob Wolf gesagt: „Der Glaube ist eine ernste Sache, doch diese Gemeinde ist ein Witz.“

(Mit Dank an Günther Doliwa für seine Anregungen)

Anmerkungen

[1] Genau besehen beschränkt sich dieser Beitrag auf die römisch-katholischen Bistümer Deutschlands, diese schließt jedoch viele parallele Entwicklungen in Österreich, der Schweiz und in anderen westeuropäischen Ländern nicht aus.

[2] Can 466: „Einziger Gesetzgeber in der Diözesansynode ist der Diözesanbischof, während die anderen Teilnehmer der Synode nur beratendes Stimmrecht haben“. Can 648 § 1: „Der Diözesanbischof kann nach seinem klugen Ermessen die Diözesansynode unterbrechen und auch auflösen.“ Rom wird in jedem Fall darauf drängen, dass auch für den „synodalen Weg“, den alle deutschen Bistümer zusammen gehen, analoge Regelungen gelten, denn im Prinzip sind diese Bestimmungen vom dogmatisch definierten Absolutismus der römischen Systems geschützt, wenn nicht gar geboten.

[3] Aus diesem Grunde ist die von römischen Instanzen immer wieder aufgeheizte Polemik gegen Gendertheorien aller Art eine Katastrophe.

[4] Die Scholastik sprach von einer societas perfecta, was nicht mit perfekt, sondern mit autark zu übersetzen war. Damit verstand sie sich als dem Staat gleichgestellt.

[5] Was ist Klerikalismus?: https://www.hjhaering.de/was-ist-klerikalismus.

[6] „Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach: Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil.“ (Lumen Gentium 10)

[7] Um genau zu sein: Ich klammere hier die Klasse des „niederen“ Klerus aus, die viele Jahrzehnte eine wichtige Brückenfunktion zwischen Hierarchie und Gottesvolk wahrnahm. Ebenso seien hier der Verbandkatholizismus sowie die kirchlichen Orden, Kongregationen und Säkularinstitute übergangen.

[8] Lumen Gentium 11 erklärt in einer uns fremd gewordenen Denkform: „In der Teilnahme am eucharistischen Opfer, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, bringen sie das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm, so übernehmen alle bei der liturgischen Handlung ihren je eigenen Teil, sowohl in der Darbringung wie in der heiligen Kommunion, nicht unterschiedslos, sondern jeder auf seine Art.“

[9] Wolfgang Picken, WIR. Die Zivilgesellschaft von morgen, Gütersloh 2018.

[10] „Die einzelnen Bischöfe besitzen zwar nicht den Vorzug der Unfehlbarkeit; wenn sie aber, in der Welt räumlich getrennt, jedoch in Wahrung des Gemeinschaftsbandes untereinander und mit dem Nachfolger Petri, authentisch in Glaubens- und Sittensachen lehren und eine bestimmte Lehre übereinstimmend als endgültig verpflichtend vortragen, so verkündigen sie auf unfehlbare Weise die Lehre Christi.“ (Kirchenkonstitution Nr. 25)

[11] Hans Joas, Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung, Berlin 2017.

[12] Anette Jantzen (Red.), Wie ticken 2016 Jugendliche?, Düsseldorf 2016, hg. v. Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und Bund der Deutschen Katholischen Jugend.

[13] In KNA-aktuell (124, 02.07.2019) erfahren wir z. B., dass Kardinal Marx als Schüler an Opernaufführungen mitgewirkt und Bischof Wanke als Schüler einen Lesekreis für Spiegelartikel mitbegründet hat. Eine australische Springspinne wurde nach Karl Lagerfeld benannt und in Kapstadt ein Leichenwagen „mit Inhalt“ gestohlen. In der Bundeskunsthalle Bonn gibt es eine Ausstellung über Beethoven als Patienten und Kulturstaatsministerin M. Grütters spricht sich für ein nationales Archiv zur Bewahrung der Fotokunst aus. Seit 100 Jahren gibt es bei der Tour de France das Gelbe Trikot und das Münchner Hofbräuhaus bekommt bald eine hochmoderne Schankanlage. Mit solchen Meldungen erreicht der Mitteilungs- und Verkündigungsauftrag der Katholischen Kirche Deutschlands mit jeder neuen Ausgabe von aktuell einen höchst informativen Höhepunkt.

[14] Hans Joas, Die Entstehung der Werte, Frankfurt 1997.

Gliederung

I. Die aktuelle Situation

I/1 Noch nichts gelernt? – Über die Irrungen und Wirrungen eines Kardinals ‑ Eine scheinbar neue Idee ‑ „Jesus und die Eucharistie“ ‑ Die hinterlassenen Ruinen

I/2 Zwischen Ständestaat und Männerbund – Amtsimmanente Argumentation ‑ Missverständnis „Klerikalismus“ ‑ Klerikale Strukturen ‑ Interaktives System ‑ Ruinöses System

I/3 Der desolate Zustand der Pfarrgemeinden – Isolation nach außen (Welt) ‑ Isolation nach innen („Laien“) ‑ Kein Recht auf Gehör ‑ Vier Phänomene der Unmündigkeit ‑ Reform der Gemeinden als Schlüssel der Zukunft

 II. Das komplexe Erbe

II/1 Konventionelle Reformen?

II/2  Probleme der Erneuerung

II/3  Postideologische Dynamik

II/4  Die Kraft des Erzählens

III.       Szenario 2021

III/1 Relevanzverlust der Institution – Ein statistischer Hinweis ‑ Hintergründe ‑ Politische Diskussion ‑ Verstummen der christlichen Botschaft?

III/2 Machtverlust der Hierarchie – Narzisstische Reaktionen auf Kontrollverlust ‑ Defizite werden offenkundig ‑ Zirkel des Autoritätsverlustes

III/3 Aufwertung von Kirchengemeinden und kirchlichen Gemeinschaften – Unbestimmtheitsrelationen ‑ Primäre Orte des Christseins ‑  Elementare Gemeinderechte

III/4 Bewältigung des Übergangs – Kompetentes und reflektiertes Handeln ‑ Abschied vom „geweihten Amt“

III/5 Die Schubkraft einer konkreten Vision

IV. Und die Realität?

IV/1 Ein verlustreicher Übergang – Mindestens eine Generation ‑ Vororte für eine christliche Lebenspraxis in der Gegenwart ‑ Interkonfessionell und interreligiös lernen

IV/2 Verlagerung des Sakralen

IV/3 Nähe zu Menschen und Welt – Schleifung der Bastionen ‑ Sprengung der Monokratie

IV/4 Aktueller Beginn – Geplante Zukunft? ‑ Wirkung durch Dasein

 Schluss: Gewissheit als Prozess