Die Religionen und die Krankheit des Fundamentalismus – Ein Interview

Im Namen der Religion geschieht weltweit Schreckliches. Und damit sind jetzt nicht nur Terroranschläge von Islamisten gemeint, selbst Buddhisten verfolgen in Myanmar Muslime mit großer Brutalität. Religionen wollen für Liebe und Barmherzigkeit stehen. Doch was nützen solche Ansprüche, wenn sich religiöse Menschen nicht daran halten? Diese Frage stellt sich der Theologe und Friedensforscher Hermann Häring. Häring war 25 Jahre lang Theologieprofessor in den Niederlanden. Seit seiner Emeritierung lebt er in Tübingen und arbeitet beim Projekt Weltethos und bei der Herbert Haag-Stiftung. Für ihn gilt das von Hans Küng geprägte Wort: „Kein Frieden auf Erden ohne Frieden unter den Religionen.“ Hans-Jörg Schultz hat sich mit Hermann Häring unterhalten.

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Hansjörg Schultz: Hermann Häring, im Namen von Religion wird weltweit sehr viel Unheil verbreitet. Im Namen eines Islamismus gibt es Terroranschläge. Es gibt brutale Regime wie in Saudi-Arabien. Es gibt rechtsradikale Gruppierungen in den USA, die oft von den Evangelikalen unterstützt werden. Es gibt die neue Rechte in Ländern wie Polen oder Ungarn, die von Christen stark mitgetragen wird, und es gibt, z.B. in Myanmar, den Fall, dass Buddhisten Muslime mit großer Brutalität verfolgen. Warum gerät die Religion immer wieder in den Strudel der Gewalt?

Hermann Häring: Ich meine, wir haben eine viel zu ideale Vorstellung von Religion. Das hat sich in unserer Tradition so entwickelt. Religion gilt als die ideale Höchstform einer Kultur. Wir übersehen aber: Zunächst ist Religion keine Höchstform von Kultur, denn Religion wächst Schritt um Schritt aus menschlichem Erfahren, menschlichem Fühlen, menschlichen Reaktionen, also aus allen menschlichen Antrieben heraus und sie nimmt alle in sich mit, integriert sie. So wiederholt sich in der Religion immer alles das, was in einer Gesellschaft geschieht. Deshalb muss eine Religion, wenn sie zu einer wirklich guten Religion werden will, immer auch an diesen Elementen arbeiten. Da gibt es immer Widerstand, Kampf, die Abwehr von falschen Versuchungen, Versuchen und Regungen.
Das ist mir sehr wichtig. Ich fasse Religion zunächst als ein kulturelles Phänomen auf. Alle anderen Inhalte, die später vielleicht Theologen sagen können, wie das alles etwa mit Gottes Willen und dessen Offenbarung zusammenhängt, das kommt weit, weit später. Erst muss geklärt sein, was dieses Kulturphänomen Religion mit sich bringt.

Schultz: Lässt sich denn Religion sehr leicht vor einen politischen Karren spannen?

Häring: Ja, das ist leider so, und das zeigt die Erfahrung. In sehr vielen Fällen, auch in der Gegenwart, präsentieren sich Religionen als gewalttätig. Die Probleme selbst sind nicht religiöser Art. Sie kommen meist aus bestimmten politischen Situationen, politischen oder sozialen Interessen. Diese werden dann benutzt, um die Religion hineinzuziehen. Wer die Religion auf seiner Seite hat, gewinnt die Identität von Menschen und von ganzen Kulturen. Das ist ein Problem. Wer die Identität von Menschen und einer Gesellschaft anspricht, kann diese auch zu gefährlich gewalttätigem Handeln verführen.

Schultz: Es ist ja umgekehrt auch so, dass sich Politiker sehr leicht vor den religiösen Karren spannen lassen.

Häring: Ja, das hat gerade in unserer westlichen Kultur eine lange Geschichte. Man muss sehen, dass ein Hauptproblem der christlichen Kirchen am Anfang damit zusammenhängt. Beispielhaft steht dafür der Römische Kaiser Konstantin (gest. 337). Er machte die Kirche zur Stabilisatorin seines Reiches und die Kirche hat ihre Rolle in diesen Herrschaftsverhältnissen gerne angenommen. Deshalb ist es gar kein Wunder, dass sie sich in dieser Rolle bis heute gefällt, und darüber muss man genauer reden: Wie kann Religion in einer Gesellschaft ihre politische Rolle spielen, die sie zweifellos hat, oder sich von eigenen und bestimmten politischen Interessen missbrauchen lassen?

Schultz: Das Christentum definiert sich ja als eine Religion der Liebe und der Islam definiert sich als eine Religion der Barmherzigkeit. Was nützen denn solche Definitionen, wenn sich die Menschen nicht daran halten?

Häring: Meines Erachtens sind solche Definitionen nicht eigentlich falsch. Aber sie nützen deshalb nichts, weil sie von den Religionen selbst als werbende Schlagworte vorgetragen werden. Natürlich ist das Christentum eine Religion der Liebe, aber man muss zugleich sehen, dass die Liebe in jeder der Weltreligionen eine ganz große Rolle spielt. Aber erstens ist eine Selbstcharakteristik falsch, die im Grund behauptet: Wir sind die Besseren, weil wir eine Liebe haben, die anderen Religionen abgeht. Zweitens: Wenn sich das Christentum als eine Religion der Liebe beschreibt, dann müsste es erklären, dass dieses höchste Ideal von allen Christinnen und Christen angestrebt werden soll. Doch man müsste natürlich hinzufügen: Wir Christen sind auch diejenigen, die ständig gegen die eigenen Gebote verstoßen. Früher hat man das in einer religiösen Kultur „Sünde“ genannt. Die so gepriesene Religion der Liebe ist auch immer die, die sich gegen die Liebe versündigt.

Schultz: Kein Frieden auf der Welt ohne den Frieden unter den Religionen, nach diesem Motto arbeitet die Stiftung Weltethos, auch mit Ihrer Hilfe, Herr Häring. Das Motto von Hans Küng ist nun 25 Jahre alt und stimmt natürlich immer noch. Aber was nützt so ein Motto, wenn sich so viele nicht daran halten?

Häring: Diese Frage kann und muss man natürlich immer stellen, doch man muss auch realistisch sein. Ich glaube, dass das Projekt Weltethos nie mit der Idee angetreten ist, wir könnten über Nacht die Welt verbessern. Das Projekt Weltethos versteht sich, wie ich glaube, eher als das Anstoßen eines Prozesses, nicht in erster Linie einer politischen Veränderung, sondern eines Bewusstseinsprozesses. Für Hans Küng ist von Anfang an ganz wichtig gewesen, dass Bewusstsein verändert wird, dass Religionen sich ihrer eigenen gemeinsamen Traditionen und Zielorientierungen bewusst werden und daraus Konsequenzen ziehen. Natürlich hoffen wir, dass dieses Projekt langfristig auch die Welt verändert; anders wäre die Arbeit sinnlos. Aber man braucht einen sehr langen, langen Atem.

Schultz: Wir haben ja seit dem Ende des Kalten Krieges 1989, also etwa zeitgleich mit der Gründung des Projekt Weltethos weltweit einen enormen Globalisierungsschub erlebt. Was hat denn diese Globalisierung mit den Religionen gemacht?

Häring: Zunächst haben diese Globalisierungsprozesse die Religionen zutiefst verunsichert. Zuvor waren alle Religionen jeweils in ihrem eigenen Kulturraum zu Hause. Der hat sie geprägt. Ich denke an den Hinduismus in Indien, den Buddhismus, der auch aus der indischen Kultur herausgewachsen ist, an den Islam in der arabischen Welt und an das Christentum bei uns. Und jetzt beginnt plötzlich eine beschleunigte Konfrontation der Kulturen, wenn nicht gar eine Vermischung mit ihnen. Da dringen unerwartete Einflüsse von anderen Religionen ein; man hört viel von ihnen und muss sich ihren Einflüssen aussetzen. Wir erleben es ja, wie sich heute viele Leute des Westens mit dem Islam, dem Hinduismus oder dem Buddhismus beschäftigen. Das wird die eigene Religion verunsichert, denn sie muss viele Dinge, die sie konventionell einfach für richtig hielt, neu überdenken. Gerade diese Verunsicherung führt zur Gefahr verstärkter Gewaltschübe, die es in allen Religionen gibt.

Schultz: Durch die starke Globalisierung erleben wir ja in unseren westeuropäischen Gesellschaften, in denen sich insbesondere die Städte zu Schmelztiegeln der verschiedenen Religionen herausbilden. Kann sich eine Religion da überhaupt noch als die einzig Wahre bezeichnen?

Häring: Ich glaube: Nein. Da muss auch das Christentum unter diese Epoche der Selbstverherrlichung und der Exklusivität endlich einen Strich machen. In früheren Epochen waren sie durchaus verständlich. Zum Beispiel verstand Augustinus das Wort „katholisch“, also „allumfassend“ geradezu geographisch: Der katholische Glaube bezieht sich auf „alle Leute“. „Na ja“, sagte er sich: nahezu alle Menschen, die wir heute kennen, sind inzwischen ja christlich. Der Rest war ja eine Menge, die man vernachlässigen konnte. Diese Zeiten gefühlter Überlegenheit sind endgültig vorbei und ich habe dies ernst zu nehmen – übrigens auch in Übereinstimmung mit der eigenen Tradition. Zwar haben wir Wahrheit, sogar die Wahrheit. Wir dürfen aber nicht ausschließen, dass dieselbe Wahrheit sich anderswo in anderer Weise, in anderen kulturellen Formen ebenfalls ihren Weg bahnt und findet.

Schultz: Können Sie denn, Herr Häring, heute überhaupt noch sagen: Ich bin katholisch und nur katholisch oder fragen Sie nicht immer wieder: Was lerne ich von den anderen Glaubensrichtungen?

Häring: Also erstens: Wenn ich sage „Ich bin katholisch“, dann weise ich immer auch einschränkend darauf hin: Ich bin katholisch geboren und mir sind viele katholische Inhalte lieb, vielleicht unverzichtbar geworden. Und wenn es um Kritik an der Kirche geht, dann füge ich hinzu: Trotz meiner Kritik tue ich anderen Leuten nicht den Gefallen, dass ich da weggehe. Denn nur wenn man in einem System bleibt, kann man von innen heraus zu seiner Reform etwas tun.
Wenn ich nach meinem Christentum gefragt werde, dann weise ich auch immer darauf hin, dass ich als Christ eben geboren bin. Wenn ich in Indien geboren wäre, wäre ich wahrscheinlich Anhänger einer hinduistischen Religion oder ich wäre Buddhist. Ich meine also: Wir tun gut daran, in der Religion zu bleiben, in der wir aufgewachsen sind. Denn das ist dann die Religion, die wir am besten von innen heraus kennen, und in der wir auch unseren ganzen Gemütshaushalt, Emotionshaushalt, auch den rationalen Haushalt eingerichtet haben. Aber es muss ganz klar sein: Es gibt keine wesentliche Kernauskunft der eigenen Religion, die wir nicht auch in einer anderen Religion finden.

Schultz: Was wir in allen Religionen finden, ist Fundamentalismus. Woher kommt das?

Häring: Der Fundamentalismus im engeren Sinn ist ein Phänomen der Neuzeit. Meines Wissens ist die erste fundamentalistische Bewegung im 18. Jahrhundert im arabischen Raum entstanden. Es ist der sogenannte Wahhabismus; seine Entstehung hat viel mit westlichen Einflüssen zu tun.
Doch wir vergessen meistens, dass es auch einen verbreiteten christlichen Fundamentalismus gibt. Das ist die Bewegung, die dem Kind den Namen gegeben hat. Ich meine den Fundamentalismus, der zwischen 1910 und 1920 in den Südstaaten der USA entstanden ist. Abgesehen von massiven sozialen Verunsicherungen entstand er aus der beunruhigenden Erfahrung, dass eine kritische Schriftauslegung entstand. In der Wahrnehmung dieser Schriftkritiker konnte man jetzt keinen Bibelvers mehr sagen, ohne sich zugleich fragen zu müssen: Stimmt das wirklich? Ist die Welt wirklich in sechs Tagen erschaffen? Oder: Sind die Mosesbücher wirklich von Moses geschrieben? Ist der Prophet Jesaja wirklich der Autor des Jesajabuches? Die Reaktion der Verunsicherten lag zunächst nahe. Sie sagten: Wir haben ein paar fundamentale Punkte (fundamentals), und an diese Fundamentals halten wir uns (z.B. Gottheit Jesu, Jungfrauengeburt, Wiederkunft Jesu und Letztes Gericht). Auf diese Fundamentals hat man sich geeinigt und andere Fixpunkte (etwa die Ablehnung des Darwinismus) kamen hinzu. Zum massiven Problem wurde allerdings: Von Anfang an haben sich die Fundamentalisten geweigert, sich überhaupt auf einen Austausch von Argumenten mit anderen Auffassungen einzulassen. Diese Gesprächsverweigerung ist, wie mir scheint, der Kern aller impliziten und ausdrücklichen Gewalt, die sich später immer mehr durchgesetzt hat.

Schultz: Neben dem Fundamentalismus ist ja ein Problem der ungeheure Fanatismus. Sie haben den Wahhabismus gerade schon erwähnt. Ich meine diesen ganzen gewaltbereiten Dschihadismus von der arabischen Halbinsel, wir erleben den bible belt da in den USA und beide Ideologien sind ja wirklich absolut stur und absolut intolerant. Woher kommt dieses Fanatische? Macht das auch Religion?

Häring: Ich komme noch einmal auf den Fundamentalismus, danach auf den Fanatismus zu sprechen. Der Fundamentalismus ist eine typische, wenn auch falsche Reaktion auf die Moderne. Mit Moderne bezeichnen wir ja eine Epoche, die mehr oder weniger distanziert über alles nachdenkt, was gedacht, gelesen oder in der Erfahrung wahrgenommen wird. Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften lässt sich das verdeutlichen: Während ich früher einen grünen Baum gesehen und festgestellt habe, dieser Baum sei grün, fragen wir uns heute, was „grün“ überhaupt bedeutet. Wir wissen, dass grün „in Wirklichkeit“ einen bestimmten Bereich von Wellenlängen des Lichts abdeckt. Für die Frage rot gilt dasselbe. Dadurch scheint die Qualität der Farben in quantitative physikalische Bestimmungen zu zerfließen. Oder wenn wir sagen: Die Sonne geht auf, meinte man früher wirklich, die Sonne steigt am Horizont nach oben. Heute wissen wir: Das „Aufgehen“ der Sonne ist eine Metapher, also ein Bild. Ähnliches passiert bei der Auslegung der Schriften, wenn etwa die Autorenschaft des Moses bei den Mosesbüchern bezweifelt wird. Was ist die fundamentalistische Reaktion? Sie verweigert eine argumentative Diskussion. Man macht dann Religion zur Ausnahme, deren Wahrheiten wortlos anzunehmen sind, weil sie eben ganz undifferenziert als das Wort Gottes gelten. Das ist im Islam genauso wie im Christentum. Man behauptet, man nehme die Bibel oder den Koran, was auch immer, ernst. In Wahrheit nimmt man ihn nicht ernst, sondern nimmt ihn in einem oberflächlichen und engen Sinn wörtlich.
Wie hängt dieser Fundamentalismus mit dem aktuellen Fanatismus zusammen? Im Grunde ist der Fanatismus ein Problem, das die Religionen schon immer begleitet hat. Alle Religionen leben mit und aus grenzüberschreitenden Erfahrungen, also aus – oft ungezügelten – Leidenschaften und einem Enthusiasmus, der das Grenzenlose oft direkt zum Thema hat, deshalb zu Zerstörung und Selbstzerstörung führen kann. Sobald solcher Fanatismus noch fundamentalistisch untermauert wird, ist er nicht nur in bestimmten Situationen, sondern prinzipiell unbelehrbar, denn jetzt gehört der Abbruch einer jeden Kommunikation zu seinem Prinzip. Daraus erkläre ich mir den unglaublich harten Fanatismus der modernen Fundamentalisten. Sie öffnen nicht einfach Ventile ihrer Aggression, sondern berechnen sie langfristig und kühl. Durch Appelle lassen sie sich nicht mehr zügeln und der Zynismus ihres Handelns wird unbeschreiblich.

Schultz: Wäre die Welt ohne Religionen friedlicher?

Häring: Ich glaube nicht. Ich wage nicht zu behaupten, eine religionslose Welt wäre noch schlimmer. Aber man sollte nicht vergessen: Religion, als kulturelles Phänomen verstanden, reagiert nicht nur auf Böses, sondern auch auf die guten Erfahrungen, deren Herkunft uns rätselhaft sind, allgemein und positiv gesagt: auf die Erfahrung, dass hinter allem, das mir widerfährt, ein Geheimnis steckt, das ich mir nicht selbst gegeben kann, so dass ich immer auch auf andere und auf anderes angewiesen bin. All dies Geheimnisvolle wird in einer Religion dann dadurch bearbeitet, dass man es bespricht und darüber nachdenkt, dass man es begeht, dass man Feste feiert, Übergänge im Leben markiert und so weiter. Wenn eine Kultur das nicht tun würde, wäre sie ‑ in der Regel jedenfalls ‑ ihren Neigungen zu brutaler Gewalt und zu ungezügelten Egoismen noch mehr ausgeliefert. Vermutlich kann man ganz allgemein sagen: Eine Welt ohne Religionen wäre im Prinzip noch ungezügelter und wilder, weil die Flanken zur blinden Zerstörung noch offener und vielfältiger wären.
Für uns Deutsche lässt sich der Nationalsozialismus als anschauliches Beispiel anführen. Er hat ja auf der Basis einer jeden Ablehnung von Religion so gehandelt, wie er handelte. Ich wage damit nicht zu behaupten, in Religionen würde weniger grausam gehandelt. Denn in vielen, zumal den monotheistischen Religionen kommt ein weiteres Problem dazu: Gerade der entschlossene Kampf für das Gute kann als Begründung für eine neue Art von religiös motivierter Gewalt missbraucht werden. Wenn diese fatale Fehlentwicklung auch noch fundamentalistisch gerechtfertigt wird, sind wir in der Tat – wie die Gegenwart zeigt – mit einer ausweglosen Situation konfrontiert und man kann Leute verstehen, die einer religionsfreien Welt den Vorzug geben möchten.

Schultz: Nach den islamistischen Anschlägen, die wir in letzter Zeit erlebt haben, haben wir ja meist und sofort als Reaktion gehört: Aber mit dem Islam hat das ja überhaupt nichts zu tun. Stimmt das denn überhaupt? Kann man denn sagen: Die Kreuzzüge haben mit dem Christentum nichts zu tun?

Häring: Nein, das stimmt nicht. Ich verstehe, dass die bei uns wohnenden Muslime, die im Westen ja überhaupt einen schweren Stand haben, auch nicht in der Weise geübt sind, in der wir ‑ aus einer überlegenen Situation heraus ‑ unsere souverän distanzierten Diskurse pflegen. Gewiss, einige wenige können das. Ich verstehe aber, dass das vielen nicht gegeben ist. Auch wir Christen sagen ja in gewissen Situationen, etwa bei schweren kirchlichen Missständen, das habe nichts mit dem Christentum zu tun.
Aber es bleibt unbestreitbar: Die Tatsache, dass sich Dschihadisten, die Taliban, die Kämpfer des immer noch aktiven IS oder des Boko Haram nachdrücklich auf den Koran berufen, lässt sich nicht leugnen. Und Sie haben Gegenbeispiele schon genannt: Wir Christinnen und Christen können ja auch nicht sagen, die Kreuzzüge hätten mit dem Christentum nichts zu tun oder der brutale spanische Diktator Franco (gest. 1975) sei kein Christ gewesen. Die rechte Politik in Polen beruft sich ständig auf die katholische Kirche und natürlich hat ihre Ideologie mit dieser Kirche etwas zu tun.
Aber wir können versuchen, das muslimischen Freunden und Bekannten zu erklären und darauf hinweisen, dass das ja auch unser christliches Problem ist. Das wird ihnen Mut geben, sich auch ihre eigenen Schwachpunkte einzugestehen. Im Übrigen bin ich der Meinung: Auch das Christentum kann nicht so tun, als gäbe es im Textbestand der Bibel keine großen Gewaltanteile. Es gibt sie, aber wir haben uns Interpretationstechniken angewöhnt, die sie relativieren oder in den Hintergrund treten lassen.
Wer für die eigene Religion offen zu diesen Schwachpunkten steht, kann auch die Brüder und Schwestern im muslimischen Glauben mit mehr Glaubwürdigkeit darum bitten, mit diesen Fragen offen und selbstkritisch umzugehen. Und wie gesagt, dafür gibt es schon gute Beispiele. Ich persönlich versuche, den selbstgerechten Globalkritikern des Koran immer klarzumachen, dass die bekannten Gewaltaufrufe im Koran aus ganz bestimmten kriegerischen Situationen stammen ‑ wir sprechen von der Zeit in Medina ‑, in denen die ersten Anhänger Mohammeds um ihr Überleben kämpften. Im Neuen Testament steht angesichts einer offensiven Situation ja auch: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Mt 10,34f).

Schultz: Kommen wir, Hermann Häring, wieder zurück zum Projekt Weltethos, in dem Sie ja im Moment sehr viel arbeiten. Es geht in Ihrem Projekt nicht um Ethik, sondern um Ethos. Können sie uns den Unterschied erklären?

Häring: Ethik ist ein System von Pflichten, das sich religiös begründen, aber auch wissenschaftlich ausarbeiten und rational untermauern lässt. Wir denken einerseits an den Dekalog, andererseits an Immanuel Kant als den großen Begründer einer modernen humanen Ethik. Eine Ethik arbeitet Pflichten heraus, die ich erfüllen und Verbote, denen ich folgen muss. Gemäß unserem zeitgenössischen Bewusstsein werden sie rational begründet. Aber ob ich den Geboten und Verboten wirklich entsprechen kann, das ist eine zweite Frage.
Im Gegensatz dazu verstehen wir unter Ethos ein schon praktiziertes, in Sitten, Haltungen und selbstverständlichen Konventionen verankertes ethisches Verhalten. Seine Normen sind schon zu gelebten Werten geworden. Unter Ethos versteht man also ein Verhalten, das faktisch anerkannt wird und sich an der Realität (oft durch Jahrhunderte, wenn nicht gar durch Jahrtausende) schon bewährt hat. Die Anhänger eines Glaubens halten sich daran. Wenn sie sich verfehlen, wissen sie, dass sie sich verfehlen und schauen, sich aus ihrer verkehrten Situation wieder befreien zu lassen oder zu befreien.
Hinzu kommt: Die Religionen haben ausführliche Methoden, in denen dieses Ethos internalisiert wird. Es gibt Erziehung, Meditation und Gebet, Übungen und ständige Askese. Alle diese Methoden setzen voraus, dass Ethik zwar einsehbar, aber nicht von selbst gegeben ist; es reicht also nicht, einfach einen Pflichtenkatalog zu erstellen. So wird das Projekt Weltethos oft auch missverstanden und auf eine Ebene mit der Moralischen Aufrüstung von Caux gestellt. Das Projekt Weltethos will tiefer greifen, indem es weltethische Quellen und Impulse anbohrt und so nachhaltige Tiefenwirkungen erreicht.

Schultz: Wie versuchen Sie, wie versucht das Projekt Weltethos, sich der Religion, also ‑ sagen wir ‑ dem Göttlichen zu nähern, also dem, was eigentlich die spezifische Identität auch des Christentums ausmacht?

Häring: Das Projekt Weltethos entdeckte in seinen Entstehungszeiten (ich denke an die Erklärung des Zweiten Parlaments der Weltreligionen 1993 in Chicago), also in den damals vorbereitenden interreligiösen Gesprächen unter der Federführung von Hans Küng, eine ganz erstaunliche Übereinkunft. Sie hieß: Was uns verbindet, ist nicht die Art, in der wir über Gott, den Menschen oder über unser Heil reden, sondern unser gemeinsames Interesse an einer Gestaltung von Leben und Gesellschaft, die diese Welt lebbar macht. Die uns verbindende Frage lautet also: Wie reden wir über unser Ethos? Diese Frage hat die bekannten Konstanten zutage gefördert. Grundsätzlich gilt in allen Weltreligionen das Gebot der Nächstenliebe oder Menschlichkeit, das dann in vier Konstanten ausdifferenziert wird: Respekt vor dem Leben bzw. Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Solidarität, Wahrhaftigkeit und Treue zu anderen Menschen („Achtet und liebet einander“).
Diese Übereinkunft ist ganz erstaunlich und ich glaube, im Bewusstsein vieler sind die Folgerungen noch gar nicht gezogen. Denn das Gemeinsame der Religionen setzt nicht die formale Frage nach Gott, sondern ist die sehr weltliche, eigentlich nicht-religiöse Frage nach einem guten Leben. Nun heißt das nicht, dass das Projekt Weltethos nichts mehr mit Gott zu tun hätte. Im Gegenteil, wir müssen lernen, dass der konkrete Weg zu Gott wirklich nur über die Menschen geht. Wir finden Gott nur, indem wir uns mit der Welt, der Gesellschaft, mit den Menschen auseinandersetzen, indem wir überlegen, was Mitmenschlichkeit bedeutet. In diesem Sinn betont Küng dann immer wieder, vielleicht auch in provokativer Absicht: Das Weltethos ist kein religiöses Projekt, aber es lebt durch und durch aus den Weltreligionen und es beansprucht, vielleicht viel mehr über Gott zu sagen, als manche abstrakten Gottestheorien, die sich weit von der Welt entfernt haben.

Schultz: Hermann Häring, wie begreifen Sie für sich selbst Religion? Sind Sie ein sehr religiöser Mensch im Alltag?

Häring: Ich wage, ehrlich gesagt, das Wort „religiös“ für mich nicht in Anspruch zu nehmen, wenn ich mich an die mehr äußeren Kriterien halte: eifriger Gottesdienstbesuch und intensive Gebetspraxis. Nein, das ist mir abhanden gekommen. Ich vermute einen der Gründe in der Tatsache, dass sich unser allgemeines Verständnis von Frömmigkeit, Gebet und Gottesglaube massiv gewandelt hat. Es gelingt mir nicht mehr so gut, mich in die traditionellen, manchmal auch überholten Vorstellungen einzubinden. Ich hoffe aber, dass ich sagen kann: ich bin von meinem christlichen Glauben zutiefst überzeugt. Ja, daran würde ich gerne festhalten, dies auch im Wissen darum, dass nur Gott ins Herz des Menschen sieht. Wer bin ich, dass ich das behaupten darf? Aber diese meine Position möchte ich durch alle Böden verteidigen und vor diesem Hintergrund halte ich die Existenz von Religion für lebenswichtig und sinnvoll. Mehr noch, die Frage lautet gar nicht: Soll eine Religion bestehen oder nicht? Die Religionen bestehen ungefragt und wie selbstverständlich, und wenn wir heute alle ausrotten würden, würden morgen neue entstehen. Denn sie gehören zu unserer menschlichen und kulturellen Grundkonstitution.

Schultz: Welchen Wert spielt denn für Sie die Spiritualität?

Häring: Die Spiritualität erhält für mich einen immer größeren Wert. In den letzten Jahren habe ich bei dieser Frage eine Wandlung mitgemacht. Mir wird immer klarer: Auch das große Projekt Weltethos mit seinen weltzugewandten Aktivitäten kann eigentlich nur stabil, lebendig und wirkungsmächtig bleiben, wenn es von Menschen getragen wird, die selbst in einem Geheimnis verankert sind, wie man dieses auch näher umschreibt. Deshalb finde ich auch die Mystik immer wichtiger. Ich würde allerdings dazu sagen: ich persönlich spreche weniger von „Mystik“, sondern eher von ‑ wie Sie es nennen ‑ Spiritualität. Denn „Mystik“ hat in unserer Tradition oft (zu Unrecht vielleicht) einige störende Beiklänge.

Schultz: Sind denn nicht sehr viele, gerade auch katholische und evangelische Christen irgendwie visionslos in unserer Gesellschaft geworden? Wo bleibt der Traum dieser Leute von einer besseren Zukunft?

Häring: Ja, das ist ein ganz großer Verlust und, wenn ich recht sehe, ist das der Kern überhaupt für die Tatsache, dass Religion in unseren Ländern weitgehen ihre gesellschaftliche Relevanz verloren hat. Das Christentum hat keine Visionen mehr und Christentum lebt nicht mehr aus der ursprünglich-genuinen prophetischen Inspiration des Jesus von Nazareth vom hier und jetzt beginnenden Gottesreich. Es ist die Vision von einer in Gerechtigkeit versöhnten Menschheit. Einer der Gründe für diesen Verlust liegt ‑ so meine ich ‑ darin, dass wir Paulus zu ernst genommen haben. Ich sage nicht, dass Paulus nicht wichtig wäre, aber wir sollten ihn nicht einseitig übernehmen. Paulus hatte eigentlich eine sekundäre Frage ins Zentrum gestellt, und das ist die Frage nach meiner je persönlichen Rechtfertigung. Er musste diese Frage als Kritiker seiner eigenen jüdischen Tradition bearbeiten. Doch von Jesus erfährt man zu dieser Frage nicht so viel. Jesus ging es darum, dass wir ‑ ganz im Sinne der großen jüdischen Propheten ‑ gerecht, gut, versöhnt miteinander leben und eine Gemeinschaft des Friedens erbauen. Die Frage, ob ich mich da nicht zu selbstgerecht aufführe, hat natürlich ihr Recht, völlig klar. Aber jetzt das ganze Christentum zu konzentrieren auf die Frage: „Wie werde ich vor Gott gerechtfertigt?“, das finde ich dann doch eine heilsindividualistische Verkürzung, der wir in unserer westlichen Tradition erlegen sind.

Schultz: Hermann Häring, Sie sind jetzt gerade 80 Jahre alt geworden und, wie gesagt, seit über 50 Jahren katholischer Theologe und sie haben sich dabei auch immer sehr intensiv mit Fragen von Kirchenreform beschäftig. Wie ist es denn in dieser Frage mit Ihrer Zukunftsvision in Bezug auf Ihre Kirche?

Häring: Ich falle von Enttäuschung zu Enttäuschung. Dies bringt auch das Alter mit sich, weil man dann doch denkt: Ja, vielleicht kann ich doch noch einige Erneuerungen erleben, auf die wir seit über 50 Jahre warten. Doch das sieht wirklich nicht gut aus. Ich verkenne nicht das ganz große Verdienst von Papst Franziskus mit seinen vielfältigen Inspirationen; das ist unbestritten. Aber wir erfahren auch, wie wahnsinnig groß die Widerstände sind, die sich ihm entgegenstellen. Mindestens über den römisch-katholischen Kirchen des Westens schwebt eine ganz große Gefahr, die allerdings auch in eine große Hoffnung umschlagen kann. Diese Kirchen befinden sich in einer Phase, in der der kirchliche Apparat zusammenbricht. Und das heißt: die klassische Seelsorge lässt sich an vielen Orten jetzt schon nicht mehr aufrechterhalten. Unsere Bischöfe sind nicht fähig, irgendwo Erneuerungen einzuleiten, obwohl sie viele Vorschläge kennen.
Umgekehrt bin ich der Meinung: Je mehr die Seelsorge zusammenbricht, umso mehr sind die betroffenen Gemeinden gezwungen und dazu befähigt, für sich selbst aufzukommen. Und ich sehe in vielen Gemeinden eine neue prophetische Vision entstehen. Da kann Neues geschehen. Deshalb vermischt sich meine Trauer mit einer großen Hoffnung. Was mich trägt, ist die Überzeugung: So ein wirkmächtiger Impuls wie die Botschaft Jesu von Nazareth kann nicht untergehen, einfach weil sie aktueller denn je ist. So wie ich auch nicht denke, dass die Botschaft eines Buddha untergehen wird, weil sie in sich so stimmig und klar ist. Aber ob die Sache Jesu, weltweit gesehen, nun vom europäischen Christentum weitergetrieben wird oder von einem Christentum einer anderen Kultur, das ist die offene Frage.

Dieser Text ist die schriftliche Überarbeitung eines Interviews, das am 17.12.2017 um 8.30 Uhr im SRF 2 in der Reihe „Perspektiven“ ausgestrahlt wurde. Neu eingefügt wurde der Absatz über den Fanatismus.

 

Letzte Änderung: 4. Januar 2018